Gefangener der Sinne - Nalini Singh - E-Book

Gefangener der Sinne E-Book

Nalini Singh

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Beschreibung

Nach außen hin ist Ashaya Aleine die perfekte Mediale: kühl, gelassen und emotionslos. Doch innerlich sind ihre Gefühle in Aufruhr. Sie wurde von ihrem Sohn getrennt und soll nun ein Hirnimplantat entwickeln, mit dem die Medialen versklavt werden können. Fieberhaft sucht sie nach einer Möglichkeit zu entkommen. Doch als ihr schließlich die Flucht gelingt, läuft sie dem Werleoparden Dorian direkt in die Arme. Dessen Schwester wurde einst von einem Medialen getötet, und seither hat er Rache geschworen. Doch seine aufkeimenden Gefühle für Ashaya bringen seinen Entschluss ins Wanken...

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Seitenzahl: 531

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Inhalt

Titel

Widmung

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Epilog

Impressum

Nalini Singh

Roman

Ins Deutsche übertragen von Nora Lachmann

 

Meine Kindheit war glücklich – ich wuchs in einer großen Familie auf und war umgeben von Büchern.

Dieses widme ich allen, die mir als Kind ein Buch in die Hand drückten, mich in die Bibliothek mitnahmen oder mir eine ihrer heiß geliebten Geschichten erzählten.

Ich danke Euch allen. Dieses Geschenk ist nicht mit Gold aufzuwiegen.

 

Entscheidungen

Die Einführung von Silentium, mit dem Gefühle für immer aus ihrem Leben verbannt wurden, war der verzweifelte Versuch der Medialen, ihr Volk von den beiden Plagen Mord und Wahnsinn zu befreien, und dieser Schritt war keineswegs leicht. Blut wurde vergossen. Unschuldige und Schuldige kamen gleichermaßen ums Leben. Herzen brachen, und der Schmerz darüber sprengte das Medialnet in zwei Teile.

Der wahrscheinlich grausamste Aspekt von Silentium war allerdings, dass man zu einer Entscheidung gezwungen wurde. Akzeptanz oder Rebellion, Eltern oder Geliebte, Geschwister oder Kinder. Es gab keinen Mittelweg. Die im Medialnet Verbliebenen reichten den Fortgegangenen nie wieder die Hand. Und den Exilanten zerriss es das Herz bei der Vorstellung, dass von ihnen geliebte Wesen nun lernten, alle Liebe abzulehnen.

Es schmerzte unvorstellbar.

Wie eine offene Wunde, in der Erinnerungen und Verlust schwärten.

Heute schreiben wir das Jahr 2080, die Schmerzen sind verblasst, die Entscheidungen gefällt, und jeder im Medialnet führt ein Leben in der Kälte von Silentium. Niemand kann mehr etwas mit dem Wort Liebe anfangen oder gar mit dem Begriff Begierde. Liebe ist nun eine Schwäche, ein körperlicher Fehler.

Und fehlerhafte Wesen haben keine Lebensberechtigung in der Welt der Medialen.

 

1

Wenn Du überleben willst, musst Du tiefer in Silentium verankert sein als der Rat, Dein Herz muss zu Eis werden, Dein Geist ein makelloses Prisma. Doch Du darfst eines nicht vergessen: Prismen brechen das Licht, verändern die Richtung des Bekannten und schaffen Splitter der Schönheit. Schaffen letztlich eine eigene Wahrheit.

– aus einem handgeschriebenen Brief, unterzeichnet mit „Iliana“, Juni 2069

Die Aktion an sich war denkbar einfach. Der Scharfschütze hatte die genauen Koordinaten bekommen, wusste, an welcher Stelle der Wagen über die verschlafene Landstraße fahren würde, wie viele Personen sich in dem Fahrzeug befanden und wo das Kind saß. Den Informationen zufolge waren dem Kind die Augen verbunden worden, trotzdem gefiel dem Scharfschützen der Gedanke nicht, in Gegenwart eines unschuldigen Wesens zu töten.

Doch wenn man das Kind den Händen seiner Entführer überließ, würde es unwissentlich zum Instrument des Bösen werden. Würde schließlich sterben. Der Schütze tötete nicht leichtfertig, aber wenn es um die Rettung eines Kindes ging, war er bereit, noch zu weit schlimmeren Mitteln zu greifen.

„Los“, flüsterte er, das Headset gab den Befehl an die Helfer auf der Straße weiter.

Unvermittelt brach ein langsam fahrender Lastwagen auf der Gegenspur aus und rammte seitlich das Zielfahrzeug, stark genug, um es von der Straße zu drängen, aber dennoch so vorsichtig, dass niemand zu Schaden kam – sie konnten es sich nicht leisten, das Kind zu verletzen. Mehr noch, sie wollten das Kind nicht verletzen. Doch der Schütze richtete seine ganze Aufmerksamkeit nicht auf das Kind, sondern ausschließlich auf das Ziel, das er im Visier hatte, als der Wagen am Straßenrand stehen blieb.

Mit einem einzigen Schuss zerschmetterte er die Windschutzscheibe.

Zwei Sekunden später waren der Fahrer und sein Beifahrer tot, beide hatten ein Loch in der Stirn. Der Schütze hatte Spezialkugeln verwendet, die im Körper stecken blieben, um die Passagiere auf der Rückbank nicht zu gefährden.

Sofort gingen die beiden hinteren Wagentüren auf, und zwei Männer sprangen heraus. Einer von ihnen sah hoch zum Versteck des Schützen in den ausladenden Ästen einer alten Kiefer. Der Scharfschütze spürte das Eindringen einer fremden Macht in seinen Kopf, aber der Mediale hatte seine telepathischen Kräfte zu spät eingesetzt. Er konnte die Kugel, die ihn im Hals traf, nicht mehr aufhalten. Seinen Helfer warf ein Treffer in der Brust zu Boden, noch bevor er den zweiten Schützen lokalisiert hatte.

Der Scharfschütze war bereits mit der Waffe in der Hand auf dem Weg nach unten. Er hinterließ keine Spuren, aus denen jemand auf seine Identität hätte schließen können, und fasste auch den Wagen nicht an. „Konnten sie noch Alarm geben?“, fragte er den unsichtbaren Beobachter.

„Wahrscheinlich. Noch ist der Weg frei, aber wir sollten uns beeilen – wenn der Rat Teleporter einsetzt, ist die Verstärkung bald da.“

Der Schütze sah in das Wageninnere. Auf dem Rücksitz saß ein kleiner, knapp viereinhalbjähriger Junge. Nicht nur seine Augen waren verbunden, in den Ohren steckten Stöpsel, und die Hände waren hinter seinem Rücken gefesselt. Das Kind war beinahe von all seinen Sinnen abgeschnitten.

Der Schütze knurrte und wurde wieder zu Dorian, die eisige Kontrolle verschwand, und der natürliche Beschützerinstinkt gewann die Oberhand. Obwohl er nicht die angeborene Fähigkeit besaß, sich in eine Raubkatze zu verwandeln, war der Leopard ein Teil von ihm. Und die gefühllose Behandlung eines wehrlosen Kindes weckte den Zorn des Tieres. Er holte den starren, verängstigten Jungen aus dem Wagen und hielt ihn sanfter in den Armen, als man einem Scharfschützen zugetraut hätte. „Ich habe ihn.“

Aus dem Nichts tauchte ein weiterer Wagen auf. Ein schnittiges, silbernes Gefährt, eine ganz andere Kategorie als der nun verlassene Lastwagen, obwohl der Fahrer derselbe war. „Lass uns abhauen“, sagte Clay und richtete den Blick seiner mattgrünen Augen nach vorn.

Dorian glitt auf den Rücksitz, setzte die Maske ab und legte das Gewehr zur Seite, bevor er die Fesseln des Jungen mit dem Taschenmesser durchschnitt, das er stets bei sich trug. Plötzlich sah er Blut an seinen Fingern. Er zog die Hand schnell zurück, verletzte sich selbst dabei. Bei nochmaligem Hinsehen wurde ihm allerdings klar, dass er nicht etwa den Jungen unabsichtlich geschnitten hatte – das Kind musste stundenlang an den Fesseln gezerrt haben. Seine Handgelenke waren wundgescheuert und nass von Blut.

Dorian schluckte den Fluch hinunter, der ihm auf den Lippen lag, steckte das Messer in die Hosentasche und befreite den Jungen erst von den Ohrstöpseln und dann von der Augenbinde. Erstaunt sah er in blaugraue Augen, die in unerwartetem Kontrast zu dem dunklen Goldton seiner Haut standen, die beinahe wie antikes Geschmeide schimmerte. „Keenan.“

Der Junge sagte nichts, sein Gesicht blieb unnatürlich ruhig. Bereits in diesem Alter war er auf dem Weg in die Stille von Silentium, hatte gelernt, seine Gefühle zu unterdrücken und ein guter Medialenroboter zu sein. Aber abgesehen von dieser ruhigen Fassade war er noch viel zu jung, um die bodenlose Angst vor dem Gestaltwandler zu verbergen, der ihn gerade anblickte. Der stechende Geruch von Angstschweiß stieg Dorian in die Nase. Kinder sollten nicht gefesselt und als Geisel benutzt werden. Das war kein fairer Kampf.

Der Wagen hielt noch einmal an. Die Tür auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich, und Judd stieg ein, ein Gewehr über der Schulter. „Wir müssen es jetzt tun, sonst finden sie seine Spur im Medialnet.“ Er legte ebenfalls die Maske ab und sah sie mit seinen kalten, braunen Augen an, strich aber sanft über das Gesicht des Jungen. „Keenan, wir müssen deine Verbindung zum Medialnet trennen.“

Der Junge wurde steif und lehnte sich an Dorian. „Nein.“

Dorian legte den Arm um den zarten, zerbrechlichen Körper. „Du musst tapfer sein. Deine Mutter will, dass du in Sicherheit bist.“

Die außergewöhnlichen Augen sahen zu ihm hoch. „Werdet ihr mich töten?“

Dorian sah Judd an. „Wird es wehtun?“

Ein kurzes Nicken.

Dorian nahm Keenans Hand, das Blut aus seiner Wunde vermischte sich mit dem des Kindes. „Es wird verdammt wehtun, aber danach ist alles in Ordnung.“

Keenan sah ihn fassungslos an, und genau das hatte Dorian mit seinen offenen Worten beabsichtigt. Judd schloss die Augen. Der Mediale arbeitete mit allen Kräften daran, die Schilde des Jungen zu öffnen und in seinen Geist einzudringen, um Keenans Verbindung zum Medialnet zu trennen – einem geistigen Netzwerk, in dem alle Medialen miteinander verbunden waren, ausgenommen natürlich die Abtrünnigen. Nur Sekunden später schrie der Junge auf, und es lag ein solcher Schmerz darin, dass Dorian Judd dafür hätte schlagen mögen. So plötzlich, wie er begonnen hatte, brach der Schrei ab, und Keenan sank bewusstlos in Dorians Arme.

„Mein Gott“, sagte Clay und bog auf eine stark befahrene Schnellstraße ein. „Ist alles in Ordnung mit dem Jungen? Tally bringt mich um, wenn er auch nur einen Kratzer abbekommen hat.“

Dorian strich dem Kind die Haare aus der Stirn. Sie waren ganz glatt, nicht gelockt wie die seiner Mutter. Er hatte sie zwar nur einmal durch das Zielfernrohr seines Gewehrs gesehen, und die Haare waren zu einem Zopf geflochten gewesen, aber er hatte sie trotzdem wiedererkannt. „Er atmet.“

„Nun“, Judd zögerte, weiße Linien zogen sich um seinen Mund, „das ist seltsam.“

„Was denn?“ Dorian zog die Jacke aus und deckte Keenan damit zu.

„Ich sollte ihn in das Netzwerk unserer Familie holen.“ Judd rieb sich unwillkürlich die Schläfen und sah Keenan an. „Aber er ist … irgendwo anders hingegangen. Da er noch am Leben ist, nehme ich an, er hat sich dem geheimen Netzwerk der DarkRiver-Leoparden angeschlossen – von dem ich eigentlich nichts wissen darf.“

Dorian schüttelte den Kopf. „Unmöglich.“ Medialengehirne waren anders als die der Menschen oder der Gestaltwandler – sie brauchten das Biofeedback eines geistigen Netzwerks. Trennte man diese Verbindung, trat beinahe augenblicklich der Tod ein. Deshalb waren Abtrünnige äußerst dünn gesät. Judds Familie Lauren hatte es nur geschafft, indem sie selbst ein kleines Netzwerk aufgebaut hatte. Mit ihren geistigen Gaben konnten sie das sogenannte Laurennetz weiterführen und neue Mitglieder aufnehmen. Aber das Sternennetz, das Netz der Leoparden, war ganz anders.

„Er kann unmöglich in unser Netz gelangt sein.“ Dorian runzelte die Stirn. „Es ist ein Gebilde der Gestaltwandler.“ Durch Loyalität entstanden, nicht aus Notwendigkeit, gewährte es nur einer ausgewählten Schar Zutritt – den Wächtern der Leoparden, die ihrem Alphatier Lucas die Treue geschworen hatten, und deren Gefährtinnen.

Judd zuckte die Achseln und lehnte sich zurück. „Vielleicht hat der Junge ja Gestaltwandlerblut.“

„Wenn es dafür reichte, könnte er sich auch verwandeln“, stellte Clay fest. „Außerdem spürt mein Tier nichts Animalisches in ihm. Er ist ein Medialer.“

„Mag sein, aber sobald ihm der Zugang zum Medialnet versperrt war, ist sein Bewusstsein zu Dorian gewandert. Ich kann euer Netzwerk nicht sehen, aber ich vermute, dass er mit dir verbunden ist.“ Er nickte Dorian zu. „Und über dich dann mit eurem Netz. Ich könnte versuchen, auch diese Verbindung zu trennen“, fuhr er mit offensichtlichem Widerwillen fort, „und ihn mit Gewalt in unser Netz zwingen, aber das wäre nur noch ein weiteres Trauma.“

Dorian sah den Jungen an und spürte, wie der Leopard in ihm sich schützend über das Kind kauerte. „Dann bleibt er wohl bei uns. Willkommen bei den DarkRiver-Leoparden, Keenan Aleine.“

Etliche Kilometer entfernt, in einem Laboratorium unter der Erde, schwankte Ashaya Aleine, ein verheerender geistiger Schlag hatte sie getroffen. Ihr Sohn war fort und eine Verbindung abgeschnitten, von der sie nichts geahnt hatte.

Entweder war Keenan tot oder …

Sie dachte an die erste der beiden Nachrichten, die sie letzte Woche durch den Müllschlucker des Labors nach draußen geschmuggelt hatte; Leute, deren Loyalität eher ihr als dem tyrannischen Rat galt, hatten sie einem menschlichen Wesen namens Talin McKade übermittelt.

Ich rufe meine Schuldner auf.

Wenn alles gut gegangen war, hatten es Talin McKade und ihre Freunde geschafft. Ashaya ging in Gedanken zurück zu jener Nacht vor zwei Monaten, als sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um einen Jugendlichen und ein kleines Mädchen aus den tödlichen Fängen des Labors zu befreien – bevor sie auch noch den völkermörderischen Experimenten eines anderen Wissenschaftlers zum Opfer gefallen waren.

Auf ihrem Weg zurück zum Labor hatte der namenlose Scharfschütze sie aufgespürt, dessen Stimme so kalt wie die eines medialen Auftragskillers war.

„Meine Waffe ist auf Ihre Schläfe gerichtet, und ich verfehle nie mein Ziel.“

„Ich habe zwei Unschuldige gerettet. Sie werden mich nicht töten.“

Sie hatte sich eingebildet, ein Lachen zu hören, war sich aber nicht sicher gewesen. „Was verlangen Sie als Gegenleistung?“

„Sie sind ein Mann. Also können Sie nicht Talin McKade sein.“

„Ich bin ein Freund von ihr. Sie hat noch andere. Und wir stehen für unsere Schulden gerade.“

„Sie können sie begleichen“, hatte sie gesagt, „indem Sie meinen Sohn entführen.“

Ihre Nachricht hatte die Dinge ins Rollen gebracht. Sie hatte jeden Gefallen eingefordert, den man ihr schuldete, und geistige Schilde aufgestellt, um Keenan vor einer erneuten Entführung durch das Medialnet zu bewahren. Aber jetzt war er fort – daran bestand kein Zweifel mehr. Und außerhalb des Medialnet konnte kein Medialer überleben.

Ihr fiel ein, dass zum Rudel der DarkRiver-Leoparden auch zwei Mediale gehörten, die sehr wohl überlebt hatten. Waren die Freunde von Talin McKade vielleicht Raubkatzen? Das war eine reine Vermutung, sie hatte nichts, um sie zu stützen oder nachzuprüfen. Sie war vollkommen abgeschottet, verfügte weder über eine geistige noch eine elektronische Verbindung nach draußen, ihr Internet-Zugang war gesperrt, ihr Zugriff auf die Weiten des Medialnet wurde von Telepathen unter der Leitung von Ming LeBon überwacht. Daher würde sie, die sonst niemandem traute, sich auf das Wort des Scharfschützen verlassen müssen, dass Keenan in Sicherheit gebracht werden würde.

Ihr Kopf brummte immer noch von der Durchtrennung der unerklärlichen Verbindung, und sie saß noch einige Zeit wie erstarrt da, ehe sie sich wieder gefangen hatte. Niemand durfte erfahren, dass sie etwas gespürt hatte, dass sie wusste, dass sich ihr Sohn nicht mehr im Medialnet befand. Dabei konnte sie das gar nicht wissen. Jeder Mediale war vollkommen autonom. Selbst in den dunklen Weiten des Netzwerks, in der jedes geistige Wesen als leuchtender Stern ohne die Einschränkungen seines Körpers existierte, verbargen sie sich hinter Unmengen von Schilden und blieben getrennt voneinander.

Es gab weder unscharfe Grenzen noch Verbindungen von Bewusstsein zu Bewusstsein. So war es nicht immer gewesen – nach den Berichten, die sie während ihrer Studienzeit in frühen Quellen gefunden hatte, hatte das Medialnet anfangs die emotionalen Verbindungen aller Beteiligten gespiegelt. Silentium hatte diese Verbindungen aus Zuneigung oder Blutsverwandtschaft getrennt und eine Welt der Isolation geschaffen – jedenfalls war das die allgemein akzeptierte Ansicht. Ashaya hatte immer gewusst, dass es eine Lüge war.

Amaras wegen.

Und jetzt auch Keenans wegen.

Keenan und Amara. Ihre beiden Schwächen, das doppelschneidige Schwert, das Tag und Nacht über ihr hing. Nur ein einziger Fehler, und es würde auf sie niederfahren.

Hinter ihr ging die Tür auf. „Ja, bitte?“, fragte sie ruhig, obwohl ihr Geist von Erinnerungen überflutet wurde, die normalerweise hinter einer undurchdringlichen Wand versteckt waren.

„Ratsherr LeBon hat angerufen.“

Ashaya wandte sich zu der schlanken, blonden Frau um. „Vielen Dank.“

Ekaterina nickte und verschwand. Sie hüteten sich davor, innerhalb dieser vier Wände verräterische Worte auszutauschen. Zu viele Augen ruhten auf ihnen. Zu viele Ohren hörten mit. Ashaya stellte den hellen Monitor auf Kommunikationsmodus und nahm den Anruf an. Sie selbst konnte nicht mehr nach draußen telefonieren. Nach der Flucht der Kinder hatte man die völlige Abschottung des Labors beschlossen, obwohl die beiden offiziell als tot galten – Ashayas Händen zum Opfer gefallen.

Doch Ming war misstrauisch, das wusste sie. Um sie zu quälen, hatte er sie in dieses Grab aus Kunststoffbeton eingeschlossen; viele Tonnen Erde lagen über ihr, und er wusste, dass sie aufgrund eines psychologischen Defekts den Gedanken nicht ertragen konnte, lebendig begraben zu sein. „Ratsherr“, sagte sie, als Mings Gesicht auf dem Bildschirm erschien, die nachtschwarzen Augen des Kardinalmedialen sie anblickten. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ihr Sohn sollte Sie in dieser Woche besuchen.“

Ashaya konzentrierte sich darauf, ihren Puls normal schlagen zu lassen – sie spürte noch Nachwirkungen über die plötzliche Trennung von Keenan. Um ihren Plan auszuführen, musste sie kalt wie Eis bleiben, tiefer in Silentium sinken als der Rat selbst. „Das ist Teil der Vereinbarungen.“

„Der Besuch wird sich verzögern.“

„Warum?“ Ihre Macht war zwar sehr beschränkt, aber sie befand sich auch nicht völlig in Mings Gewalt – er wusste genauso gut wie sie, dass sie die einzige M-Mediale war, die Programm 1 fertigstellen konnte.

„Der biologische Vater des Kindes hat einen Antrag auf eine spezielle Ausbildung gestellt. Ihm ist stattgegeben worden.“

Ashaya wusste genau, dass Zie Zen einen solchen Schritt niemals getan hätte, ohne sich vorher mit ihr abzusprechen. Aber dieses Wissen sagte ihr leider nicht, ob Keenan tot oder noch am Leben war. „Die Verzögerung wird meine Ausbildung des Jungen schwieriger gestalten.“

„Die Entscheidung ist bereits gefallen.“ Mings Augen wurden ganz schwarz, die wenigen weißen Sterne verschwanden völlig. „Sie sollten sich auf Ihre Forschungen konzentrieren. In den letzten beiden Monaten hat es keine nennenswerten Fortschritte gegeben.“

Zwei Monate. Acht Wochen. Sechsundfünfzig Tage. So viel Zeit war seit der Flucht der beiden Kinder vergangen … seitdem war sie in diesem Implantationslabor lebendig begraben.

„Ich habe das Problem der statischen Störungen gelöst“, erinnerte sie Ming, während sie die bedrohlich wachsende Enge in ihrer Brust wahrnahm – eine Stressreaktion. Keenans plötzliches Verschwinden hatte Risse in ihrer geistigen Rüstung hinterlassen. „Kein Implantat kann funktionieren, wenn es permanent mit den Gedanken anderer bombardiert wird.“ Der Rat hatte vor, das Medialnet in ein großes kollektives Gehirn zu verwandeln, ohne Abgrenzung voneinander. Dann würde es keine Abtrünnigen mehr geben, nur noch ein einziges, einheitliches Denken.

Aber eine solche reine Konformität war nicht erstrebenswert. Einfacher gesagt, ein kollektives Gehirn war nur lebensfähig mit einer Königin an der Spitze. Weshalb man Ashaya angewiesen hatte, unterschiedlich ausgerüstete Implantate zu entwickeln. Die am höchsten entwickelten würden ihren Trägern eine vollkommene Kontrolle über alle anderen Individuen verschaffen, sie würden sogar in jeden Kopf des kollektiven Gehirns eindringen und die anderen wie Marionetten in jede Richtung lenken können. Eine Privatsphäre gab es dann nicht mehr, abweichende Meinungen wären ein Ding der Unmöglichkeit.

Ming nickte kurz. „Ihr Erfolg bei den statischen Störungen war wirklich beeindruckend, kann aber die fehlenden Fortschritte seitdem nicht kompensieren.“

„Bei allem Respekt“, sagte Ashaya, „da kann ich Ihnen leider nicht zustimmen. Bislang hat niemand auch nur ansatzweise etwas Ähnliches geschafft. Theoretisch wurde die Eliminierung der statischen Störungen immer als unlösbares Problem angesehen.“ Ashayas Gedanken überschlugen sich, während sie einen weiteren vorsichtigen Schritt auf dem straff gespannten Seil machte. Wagte sie sich zu weit vor, würde Ming sie ohne Zögern töten. War sie zu zaghaft, würde er das als Schwäche auslegen und über ihre Fähigkeiten auch ohne ihre Zustimmung verfügen. „Ich kann den Prozess beschleunigen, wenn Sie wollen. Aber wenn die Implantate dann versagen, sollten Sie nicht mir die Schuld geben. Ich möchte, dass das schriftlich festgehalten wird.“

„Wollen Sie mich denn zum Feind, Ashaya?“ Ming stellte diese Frage ganz leise, fast tonlos, und doch legte sich die Drohung dahinter wie ein dunkler Schatten auf ihren Geist. Ließ Ming bereits seine geistigen Muskeln spielen? Da er ein Kardinalmedialer mit besonderen Fähigkeiten im geistigen Zweikampf war, war das mehr als wahrscheinlich. Mit einem einzigen Gedanken konnte er ihr Gehirn in Brei verwandeln.

Wenn sie ein Mensch oder Gestaltwandler gewesen wäre, hätte Ashaya vielleicht Furcht empfunden. Aber sie war eine Mediale, von Geburt an konditioniert, nichts zu empfinden. Diese stabile, unerschütterliche Konditionierung ermöglichte ihr nicht nur die taktischen Spielchen mit Ming, sondern war auch der Schild, hinter dem sie Geheimnisse verbarg, die sie niemals enthüllen durfte. „Es geht hier nicht um Feindschaft, Sir“, sagte sie und traf rasch eine weitere Entscheidung – sie ließ die Schultern ein wenig sinken und stieß die nächsten Worte wie unter großer Erschöpfung aus. „Ich habe wirklich alles versucht, doch ein großes Problem ist aufgetaucht, und da ich die Einzige bin, die in der Lage ist, es zu lösen, habe ich rund um die Uhr daran gearbeitet, seit zwei Monaten eingesperrt unter der Erde, ohne Zugang zum Medialnet …“

„Sie müssen sich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen.“ Mings Blick hatte sich verändert, er wirkte beunruhigt. „Wann haben Sie zuletzt geschlafen?“

Ashaya rieb sich die Schläfen. „Ich kann mich nicht erinnern. Hier unten habe ich Schwierigkeiten mit der Zeit.“ Eine Schwäche wie Klaustrophobie hätte bei den meisten Medialen zur „Rehabilitation“ geführt, ihre Erinnerungen wären ausgelöscht, ihre Persönlichkeit zerstört worden. Man hatte Ashaya nur deshalb in Ruhe gelassen, weil ihr Gehirn in unzerstörtem Zustand mehr wert war. Noch.

„Ich glaube, vor einer Woche habe ich das letzte Mal eine Nacht durchgeschlafen.“ Ihre Aufzeichnungen würden das beweisen. Sie hatte ihren Schlafrhythmus absichtlich verändert, um ihre Geschichte glaubhaft klingen zu lassen … im Vertrauen auf das Ehrgefühl eines Menschen.

… wir zahlen unsere Schulden …

Aber selbst wenn der Scharfschütze sein Wort gehalten hatte, musste etwas schiefgegangen sein. Ihren rein theoretischen Überlegungen einer anderen Möglichkeit zum Trotz war Keenan höchstwahrscheinlich tot. Ashaya ließ die Arme hängen und sah Ming an, ließ die eigenen Züge wie vor Müdigkeit erschlaffen. Wenn Keenan tot war, hatte sie nichts mehr zu verlieren und konnte ihren Plan gleich in die Tat umsetzen.

„Ich schicke ein Team“, sagte Ming. „Man wird Sie zu einem Spezialisten bringen.“

„Nicht nötig.“ Ashaya schloss die Hand um ihren Organizer, das schmale Gerät, das sämtliche Daten zu ihrer Person und ihren Untersuchungen enthielt. „Jemand aus meinem Team kann mich untersuchen – wir haben alle eine medizinische Ausbildung.“

„Ich möchte, dass Sie sich einer vollständigen Untersuchung im Zentrum unterziehen.“

Wollte er ihr drohen? Ins Zentrum schickte man defekte Mediale zur Rehabilitation. „Ming, wenn Sie der Meinung sind, ich sei in einem kritischen Zustand, dann seien Sie doch so höflich, mir das direkt ins Gesicht zu sagen. Ich bin kein Kind mehr, das schreiend wegläuft.“ Obwohl Mediale ab dem ersten Lebensjahr selbstverständlich kaum noch schrien. Ob Keenan am Ende geschrien hatte? Sie griff fester zu, das kalte, harte Gehäuse des Organizers gab ihr Halt. Silentium, sagte sie sich, du befindest dich vollkommen in Silentium. Eine eiskalte Maschine ohne Gefühle, ohne Herz. Etwas anderes konnte sie gar nicht sein.

Mings Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert. „Wir unterhalten uns nach der Untersuchung weiter.“ Der Bildschirm wurde dunkel.

Ihr blieben höchstens ein paar Minuten, wenn überhaupt. Ming hatte Zugang zu Flugzeugen und Teleporter. Wenn er sie holen wollte, würde er das tun. Sie sah den Organizer kurz durch, schob die Hülle herunter und entnahm den einen Quadratzentimeter großen Chip, auf dem alle Daten gespeichert waren. Ohne zu zögern, steckte sie ihn in den Mund und schluckte ihn, passte dabei aber auf, dass ihre Bewegungen für die Überwachungskameras unverfänglich blieben.

Danach griff sie in ihre Hosentasche, nahm den Ersatzchip heraus und schob ihn in den Organizer; es waren genügend Daten darauf, um jeden Verdacht zu zerstreuen – jedenfalls in den ersten Tagen. Gerade noch rechtzeitig. Aus den Augenwinkeln nahm sie ein Flackern wahr. Als sie sich umdrehte, stand ein Mann vor ihr. Er war ganz in Schwarz gekleidet, nur ein goldenes Emblem prangte auf seiner linken Schulter – zwei kämpfende Schlangen. Mings persönliches Symbol.

„Ma’am, mein Name ist Vasic. Ich bin Ihre Eskorte zum Zentrum.“

Sie nickte und stand auf. Seine Augen blickten unbeteiligt, als sie den Organizer in die Tasche ihres Laborkittels steckte, aber sie wusste genau, dass er sich alles merkte. Ming würde viel Zeit haben, das Gerät zu untersuchen, während man sie von Kopf bis Fuß durchleuchtete. „Mit telekinetischem Transport hatte ich nicht gerechnet.“

Sie hatte keine Frage gestellt, und der Mediale antwortete auch nicht.

„Muss ich Sie berühren?“, fragte sie und stellte sich neben ihn. Normalerweise berührten Mediale einander nicht, aber manche Kräfte wurden durch Kontakt verstärkt.

„Nein“, sagte er und bestätigte damit ihre Vermutung, dass Ming einen seiner besten Männer geschickt hatte. Seine Augen waren eher grau als kardinal-nachtschwarz, aber das fiel kaum auf – abgesehen von Ausnahmen wie Ming, bewegten sich Kardinalmediale häufig zu sehr in geistigen Sphären, um wirklich gut in praktischen Dingen zu sein. Im Töten zum Beispiel.

Der Mann sah ihr in die Augen. „Würden Sie bitte Ihre geistigen Schilde senken.“

Das tat Ashaya, und Sekunden später hatte sie das Gefühl, als würden ihre Knochen von innen her schmelzen. Der wissenschaftliche Teil ihres Selbst fragte sich, ob TK-Mediale wohl dieselbe Auflösung spürten, ob sie empfanden, dass sich ihr Körper in ein Nichts auflöste. Dann war es vorbei, und sie stand vor einer Tür, die sich nicht mehr im Labor befand. „Vielen Dank“, sagte sie und zog die Schilde wieder hoch.

Der TK-Mediale wies mit einem Kopfnicken zur Tür. „Dort hinein, bitte.“

Er würde sicher bleiben, um darauf zu achten, dass sie keinen Fluchtversuch unternahm. Warum hatte er sie dann überhaupt draußen und nicht gleich drinnen abgesetzt? Ganz egal, was passierte, es war sowieso ihr letzter Tag als leitende M-Mediale in diesem Implantationsteam, also konnte sie ihn auch fragen.

„Sie sind nicht teamfähig.“ Diese Antwort hatte sie nicht erwartet.

Sie hatte verstanden, tat aber so, als wisse sie nicht, was er meinte. Prüfte Ming ihre Ergebenheit, brachte sie in Versuchung mit Worten, die Rebellen zur Verständigung benutzten? „Tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht folgen. Vielleicht könnten Sie es mir später genauer erklären.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stieß sie die Tür auf, denn sie spürte schon ein Kribbeln in ihren Fingerspitzen und Zehen.

Der Chip in ihrem Magen trug Datenmaterial von nahezu einem Terabyte, die Ergebnisse jahrelanger Forschungen. Und noch etwas anderes – einen giftigen Überzug. Sie hatte Stunden, die sie eigentlich an dem Implantat hätte arbeiten sollen, damit verbracht, die einzigartige Giftmischung für diese Gelegenheit zu vervollkommnen.

Der Grund dafür war einfach: Ashaya plante ihre Flucht.

Und der hohen Sicherheitsstufe wegen war der einzig mögliche Weg ihr Tod.

Deshalb würde sie sterben.

 

2

Amara spürte ein inneres Kribbeln. Unangenehm berührt, suchte sie in ihrem Geist nach der Ursache der Störung. Da der Großteil ihres Gehirns gerade mit einer komplizierten Aufgabe beschäftigt war, brauchte sie etwas Zeit, um herauszufinden, woran es lag.

Der Trägerstoff war tot.

Das ließ sie einen Moment innehalten. Wie unangenehm. Sie musste sich unbedingt einen Teil von Keenans Gehirn beschaffen. Natürlich verfügte sie über die Ergebnisse der Untersuchungen, aber man konnte ja nicht wissen, wie sich das Protein in den Jahren seit der letzten Entnahme verändert hatte. Wirklich jammerschade, dass dieses Experiment so plötzlich beendet war – es war eine ihrer besten Arbeiten gewesen.

Aber, dachte sie und unterbrach für einen Augenblick die Untersuchung an den vor ihr stehenden Kulturen, im Großen und Ganzen war noch nicht alles verloren. Sie hatte Möglichkeiten, an Gewebeproben zu gelangen – sie musste nur dafür sorgen, dass sich während der Entnahme niemand infizierte. Eine minderwertige Linie durfte nicht entstehen, solange es ihr möglich war, Perfektion zu erreichen.

Sie überprüfte eine weitere Verbindung. Ashaya war noch am Leben. Wunderbar. Nur sie verfügte über die geistige Brillanz, den Wert von Amaras Arbeiten zu begreifen. Alle anderen wussten zu wenig und verstanden noch weniger.

Alles war noch in Ordnung, zufrieden wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu.

 

3

Ich bin sicher, er war kurz davor, mich zu erschießen – dieser Scharfschütze, der Jonquil Duchslaya und Noor Hassan rettete. Er steht auf der Seite der Guten, beschützt Kinder, aber ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass er heute Nacht beinahe abgedrückt und mein Leben beendet hätte.

Vielleicht geht er mir deshalb nicht aus dem Kopf.

– aus den verschlüsselten Aufzeichnungen Ashaya Aleines

Ashaya legte sich auf den schräg gestellten Untersuchungstisch und richtete die Augen auf die Decke. Sie sah noch scharf, aber ihre Fingerspitzen waren bereits taub. Nun spürte sie ein Kribbeln in den Unterarmen, doch ihr Herz schlug weiterhin regelmäßig.

Menschen und Gestaltwandler hatten es leichter, dachte sie, während die Mediziner ihre Instrumente zurechtlegten und ihr das Vorgehen erklärten. Diesen beiden Arten standen viele Möglichkeiten zur Verfügung, den eigenen Tod vorzutäuschen – sie konnten einen Wagen über die Klippen ins Meer stürzen lassen, Blutlachen hinterlassen oder einen Selbstmord ankündigen und in der Menge verschwinden.

Mediale hingegen waren unwiderruflich an das Medialnet gebunden, es war lebensnotwendig, aber gleichzeitig eine Fessel. Wenn sie ihren Wagen eine Klippe hinunterstürzen ließ, würde niemand annehmen, sie sei tot – jedenfalls nicht, solange ihr Stern im Medialnet strahlte. Selbst Mediale im Koma hielten diese Leben spendende Verbindung aufrecht, ihre Körper kämpften geradezu darum.

Ashaya spürte, wie ihr Herzschlag ins Stolpern geriet und ihr Sehvermögen sich trübte, als das Gift sich wie ein tödliches Krebsgeschwür in ihrem Körper ausbreitete. Doch dieser Krebs konnte ihr Leben retten. Wenn alles gut ging, würde sie einen Zustand erreichen, der mehr als ein Koma war.

Manche hätten diesen Zustand vielleicht Winterschlaf genannt, aber das war nicht die korrekte Bezeichnung – der Winterschlaf täuschte den Tod vor, weil nur sehr wenig Sauerstoff im Körper zirkulierte. Doch Ashaya wollte nicht nur tot scheinen. Sie musste eine Zeitlang tatsächlich tot sein. Dafür gab es nur eine bekannte Möglichkeit: einfrieren.

Alle Körperfunktionen wurden buchstäblich auf Eis gelegt. Wirklich alles, sogar die Hirntätigkeit … und wenn das Gehirn nicht mehr arbeitete, konnte auch keine geistige Verbindung mehr aufrechterhalten werden. Eine einfache, praktikable Lösung, es war relativ leicht, jemanden einzufrieren, allerdings war bislang niemand, auch kein Angehöriger ihres Volkes, aus diesem Kälteschlaf erfolgreich wiederbelebt worden – es sei denn, man wertete ein Dahinvegetieren ohne Bewusstsein als Erfolg.

Auch Ashaya hatte nicht den medizinischen Durchbruch des Jahrhunderts geschafft und einen sicheren Weg gefunden, der ein Einfrieren rückgängig machen konnte. Stattdessen hatte sie sich die Prinzipien dieser Methode zu eigen gemacht und auf andere Weise angewandt. Um den Herzschlag und die Hirntätigkeit abzusenken, benutzte sie nicht Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, sondern das Nervengift einer gefährlichen australischen Zeckenart, das sie bei jedem ihrer Versuche ein wenig veränderte, so lange, bis sie die perfekte Zusammensetzung hatte. Es würde alle Körperfunktionen lahmlegen, auch das Gehirn – und somit ihre Verbindung zum Medialnet beenden. Wenn es wie gewünscht funktionierte, würde sie aus diesem totenähnlichen Zustand nach genau zehn Stunden wieder erwachen. Falls nicht … das Risiko musste sie eben eingehen.

Die wahre Prüfung würde jedoch erst nach dem Erwachen kommen. Sobald ihr Gehirn wieder anfangen würde zu arbeiten, würde es instinktiv versuchen, sich erneut mit dem Medialnet zu verbinden. Ashaya hatte keine Möglichkeit, das zu verhindern. Sie würde dann noch nicht bei Bewusstsein sein – für einen Medialen war diese Verbindung wichtiger als atmen. In diesen Anfangsminuten war sie angreifbar. Dann mussten ihre Verbündeten sich ihrer annehmen, oder sie würde erneut gefangen genommen werden.

Sie spürte einen Einstich am Ellenbogen. Sehen konnte sie es nicht mehr. Die Mediziner stellten ihr mit lauter Stimme Fragen, versuchten einen telepathischen Kontakt herzustellen, den sie mit gespielter Verwirrung abwehrte. Ihr Verstand funktionierte hervorragend, auch wenn sie nach Luft schnappte und ihr die Augen zufielen. Sie wusste, dass alles umsonst gewesen sein konnte, denn ihr Plan würde nur funktionieren, wenn man sie als Tote von hier fortschaffte.

Das Medialnet war zwar ein geistiges Konstrukt, aber es hatte auch eine körperliche Komponente – Mediale in Europa befanden sich in einem anderen Teil des Netzwerks als Mediale auf den Philippinen. Wenn sie weit genug entfernt von ihrem letzten bekannten Aufenthaltsort aufwachte, würde die Verbindung in einem Gebiet hergestellt werden, das nicht unter der Aufsicht von Mings Truppen stand. Aber sobald sie bei vollem Bewusstsein war, würde ihr Bewusstsein versuchen, dorthin zurückzukehren, wo es „hingehörte“. Doch wenn alles nach Plan lief … außer …

Alles verschwamm, ihr Verstand konnte keine komplexen psychischen Vorgänge mehr begreifen. Sie spürte ihren Körper nicht mehr, spürte nicht, wie Luft in ihre Lungen einströmte. In diesem Augenblick hätte sie Silentium brechen und von Panik übermannt werden können. Aber es war zu spät.

Ashaya starb.

Tief in den kanadischen Bergen ließ Amara eine Glasphiole fallen. Sie zerbrach in tausend Stücke, aber Amara hörte es nicht, denn in ihrem Kopf hallte eine absolute, völlige Leere wider, als Ashaya aufgehört hatte zu existieren. Nein!

Glas zerschnitt Amaras Handfläche, bohrte sich in eine Seite ihres Körpers, als sie zu Boden sank. Mein Blut ist sehr rot, dachte sie.

Dorian brachte Keenan bei Tamsyn zu Bett, der Heilerin des DarkRiver-Leopardenrudels. Ursprünglich hätte er den Jungen in der Höhle der SnowDancer-Wölfe unterbringen sollen, die tief in den Bergen der Sierra Nevada lag. Aber da das Kind nun im Sternennetz war, hatte Judd vorgeschlagen, es sollte lieber in der Nähe der Leoparden sein.

Deshalb war Dorian nun bei Tammy. Das einsam gelegene Haus am Rande des Waldes lag etwa eine Stunde von San Francisco entfernt. Man erreichte es zwar nur über eine lange Zufahrt, die einen Einblick verwehrte, doch war es nicht halbwegs so sicher wie die Höhle der Wölfe. „Es ist viel wahrscheinlicher, dass man ihn hier sieht.“ Der Katze in Dorian gefiel die exponierte Lage nicht.

Tammy hüllte ihren Schützling sanft in eine weiche Decke. „Talin wollte ihn nehmen, weil ihr und Clays Haus schwerer zu finden ist, aber Sascha war dagegen.“

„Tatsächlich?“ Die abtrünnige Mediale, Gefährtin des Alphatiers der Leoparden, liebte Kinder über alles.

„Wir wissen nicht, welche Fähigkeiten der Junge hat“, erinnerte Tammy ihn. „Jon und Noor leben bei Talin. Für Jon ist es wahrscheinlich kein Problem, aber wir sind nicht sicher, inwieweit Noor sich selbst schützen kann. Keenan könnte sie unwillentlich telepathisch beeinflussen.“

Dorian nickte, sein Leopard zog sich zurück. Noor musste genauso behütet werden wie Keenan. „Stimmt.“ Die Schilde der Gestaltwandler waren hart wie Granit, aber Noor war keine Gestaltwandlerin, und obwohl ihre Gene zum Teil auch medialen Ursprungs waren, war sie doch größtenteils ein verletzlicher Mensch. „Was ist mit deinen Jungen?“

„Ich werde sie eine Zeitlang zu ihren Großeltern schicken.“ Tamsyn strich Keenan das Haar aus der Stirn. „Der Kleine ist so zart – wie konnte man ihm nur wehtun?“ Ihre Stimme klang gefährlich katzenhaft.

Dorian nahm sie in den Arm. „Beruhige dich, er ist ja jetzt bei uns.“

„Ich werde jedem die Eingeweide rausreißen, der es wagt, ihn anzurühren.“ Sie legte den Kopf an Dorians Brust und beruhigte sich langsam. „Ich weiß zwar nicht, wer Ashaya Aleine ist, aber es war gut, dass sie ihn da rausgeholt hat.“

Dorians Herz setzte aus.

Ich habe zwei Unschuldige gerettet. Sie werden mich nicht töten.

„Ist Sascha schon unterwegs?“, fragte er und schob seine Erinnerungen beiseite. Schwerer war es allerdings, das Bild aus dem Kopf zu bekommen – die Silhouette einer eiskalten Fremden vor dem nächtlichen Himmel.

„Sie müsste eigentlich …“ Sie hörten es gleichzeitig: Ein Wagen kam die Auffahrt hoch. „Das müsste sie sein.“

„Sie kann ihm hoffentlich helfen, damit zurechtzukommen.“ Das war nicht nur eine Hoffnung. Tammy war als Heilerin eingestimmt auf Gestaltwandlerleoparden, aber Sascha war eine E-Mediale, eine Empathin mit der angeborenen Fähigkeit, emotionale Verletzungen zu spüren und zu heilen.

Tamsyn löste sich von ihm und küsste ihn zum Dank auf die Wange. „Sascha hat gesagt, der Junge hat eine Verbindung zu dir. Wieso eigentlich?“

Dorian hatte sich auch schon Gedanken darüber gemacht. Er hob die Hand und zeigte Tamsyn den schon fast verheilten Schnitt. „Blutschwüre sind sehr mächtig, ich habe ihm versprochen, dass ihm nichts geschieht. Vielleicht lag es daran; unser Blut hat sich vermischt, und er konnte wählen, wohin er gehen wollte.“ Er hatte sich entschieden, Dorian zu vertrauen. Dieses Vertrauen wollten sowohl der Mann als auch der Leopard nicht enttäuschen.

Sascha kam herein, die Augen der großen Medialen blickten besorgt – weiße Sterne glühten auf schwarzem Samt. Sie hatte die letzten Worte gehört. „Diese Erklärung ist so gut wie jede andere“, sagte sie, ging zum Bett und strich sanft mit einer Hand über Keenans Brauen. „Er ist nur durch dich im Sternennetz, Dorian, du bist sein Rettungsanker.“

Dorian fühlte sich nun noch mehr als sein Beschützer. Wenn man ihm eine Schwäche nachsagen konnte, dann die Sorge um verletzliche Wesen, die nicht selbst gegen die Bestien kämpfen konnten. „Er wird Angst haben, wenn er aufwacht.“ Dorian spürte immer noch das Zittern der zarten Gestalt, als der Junge versucht hatte, seine schreckliche Angst zu verbergen.

„Er wird noch ein Weilchen schlafen.“ Sascha warf Dorian einen besorgten Blick zu, Tamsyn entschuldigte sich, sie müsse noch die Sachen für die Zwillinge zusammenpacken. „Warum gehst du nicht auf die Jagd? Es war ein harter Tag.“ Er sah deutlich die Frage in ihren Augen.

„Keine Sorge, Sascha Schätzchen.“ Er lächelte, als sie ihn strafend ansah, sie hatte ein Faible für ihn, das wusste er genau. „Ich werde wegen dieser Toten keine schlaflosen Nächte verbringen – sie hatten schließlich ein Kind als Geisel.“ Der Leopard in ihm knurrte, als er an Keenans blutige Handgelenke dachte.

Sascha schien sich mit dieser Aussage zufriedenzugeben und wandte ihre Aufmerksamkeit erneut Keenan zu. „Er ist jetzt in Sicherheit“, sie stockte, und er fragte sich, welche Gefühle sie wohl gerade bei dem Jungen wahrgenommen hatte, „und steht unter unserem Schutz.“

„Das verdankt er seiner Mutter.“ Dorians Gedanken kehrten zu Ashaya Aleine zurück, der Frau, die er vor zwei Monaten als Schatten in der Nacht gesehen hatte … und seitdem nicht mehr vergessen konnte. „Meinst du, sie könnte auch entkommen?“

„Das bezweifle ich.“ Sascha nahm Keenans Hände in die ihren. „Judd zufolge ist der Rat auf sie angewiesen. Sie finden immer einen Weg, um zu bekommen, was sie wollen.“

„Ich glaube, du unterschätzt Ashaya Aleine.“ Dorian fiel ihr eiskalter Ton ein und auch, wie hart und tief dieser Ton ihn getroffen hatte. Ein verdammter Doppelschlag in den Magen. Wenn …

Der gefangene Leopard in ihm fletschte die Zähne, als der Mann den Gedanken hinunterschluckte, aber der menschlichen Hälfte war nicht nach Zuhören. „Bislang hat sie drei Kinder vor dem Tod gerettet – Jon, Noor und nun auch Keenan.“ Die Frau war zwar kalt genug, um ihm Frostbeulen zu verschaffen, aber sie war auch verdammt clever.

Sascha nickte. „Das Dumme ist nur, dass wir keine Ahnung haben, warum sie das getan hat. Ich würde gern glauben, dass es aus Liebe zu ihrem Sohn geschah … aber wir wissen ja beide, dass Mütter im Medialnet sich nicht unbedingt für ihr eigen Fleisch und Blut aufopfern.“

Darauf konnte Dorian nichts erwidern. Ashaya war eine Mediale. Mediale hatten keine Gefühle. Aber warum konnte der Rat dann ihren Sohn dazu benutzen, sie ihm gefügig zu machen? Das machte sie zu einem Rätsel. Dorian hatte Rätsel immer gemocht. Er mochte nur keine Medialen, die im Medialnet dem kalten, gefühllosen Gott Silentium huldigten.

Mediale wie zum Beispiel Ashaya Aleine.

In ihm wallte eine Woge schwarzer Wut auf. Ein allzu bekanntes Gefühl – einer dieser Medialen, ein kardinaler TK-Medialer namens Santano Enrique, hatte Dorians Schwester brutal abgeschlachtet, hatte sie als Spielball für seine kranken Fantasien benutzt. Dorian hatte den Mörder mit bloßen Händen in Stücke gerissen, aber das hatte trotzdem die Wut in seinem Leopardenherzen und die Qualen in seiner menschlichen Seele nicht lindern können.

Kylies Körper war noch warm gewesen, als er sie gefunden hatte.

„Dorian.“ Saschas Stimme drang durch den Gifthauch von Schmerz und Zorn, der ihn umgab. „Nicht.“

Bestrafe dich nicht selbst für die Tat einer Bestie; lass dich nicht auch noch von ihm töten. Das hatte sie all die Monate nach Enriques Hinrichtung immer wieder gesagt, und Dorian hatte versucht, auf sie zu hören. Eine Zeitlang hatte er geglaubt, er könne die Wut überwinden, aber sie hatte nur auf einen Moment wie diesen gelauert, um wieder zum Leben zu erwachen, ausgelöst durch die Erinnerung an das Blut an Keenans Handgelenken … und auch durch die Erinnerung an Ashaya Aleines eisige Stimme.

Er stand auf. „Ich gehe jetzt auf die Jagd. Gib Acht auf Keenan.“ Trotz ihrer besonderen Gaben konnte selbst Sascha seine Schuld nicht auslöschen. Denn sein Zorn galt nicht allein den Medialen – er galt auch ihm selbst, denn er hatte Kylie im Stich gelassen, seine kleine Schwester. Und er würde nicht zögern, sich die Adern aufzuschneiden, sein Herz herauszureißen, seine Seele aufzugeben, wenn es sie nur wieder zurückbringen würde.

Aber das war nicht möglich, und er hatte gelernt, mit der Trauer zu leben, mit seiner Schuld, hatte sogar seinen Rudelgefährten weisgemacht, es ginge ihm besser. Vielleicht hatte er es sogar selbst geglaubt. Bis diese Frau kam.

Die er beim ersten Anblick beinahe erschossen hätte.

Nicht weil sie böse war. Oder weil er sie für einen gefährlichen Joker hielt. Nein, der einzige Grund dafür, ihr eine Kugel in den Leib zu jagen, war gewesen, dass sein Glied steinhart geworden war, sobald er ihren Duft wahrgenommen hatte. Diese plötzliche körperliche Reaktion hatte die maßlose Wut über seine Schuld wieder zum Vorschein gebracht, die sich wie eine Schlinge immer fester um seinen Hals zog, in seinem Herzen brannte. Und er hatte nur noch die Ursache für seinen erschütternden Verrat an Kylie auslöschen wollen.

Er – angezogen von einem dieser Silentium-Monster?

Er presste den Mund zu einem schmalen Strich zusammen. Lieber würde er sich selbst kastrieren, als das zuzugeben.

 

4

Er verfolgt mich. Der Scharfschütze. In meinen Träumen ist er ein schwarzer Schatten, der sein Auge an das Zielfernrohr eines Gewehrs presst. Manchmal nimmt er die Waffe herunter und kommt auf mich zu. Manchmal berührt er mich sogar. Aber meistens drückt er den Abzug und tötet mich.

– aus den verschlüsselten Aufzeichnungen Ashaya Aleines

Als Ashaya ihr Bewusstsein wiedererlangte, war ihr sofort klar, dass etwas schiefgelaufen war. Ihr Verstand arbeitete, ihr Körper aber nicht. Sie war gelähmt. Ein Mensch oder Gestaltwandler, ein Wesen mit Gefühlen, wäre von Panik ergriffen worden. Ashaya lag ganz ruhig da und dachte nach.

Wenn sie nicht blind geworden war, mussten ihre Augen verschlossen worden sein, wahrscheinlich mit Klebeband, obwohl sie das nicht nachprüfen konnte. Sie war also entweder in einer Klinik oder im Leichenschauhaus.

Da ihr Körper weder Kälte noch Wärme spürte, konnte sie das ebenfalls nicht nachprüfen.

Sie hörte nichts.

Sie roch nichts.

Sie konnte nicht sprechen.

Jetzt begannen klaustrophobische Ängste in ihr aufzusteigen. Sie war auf endgültige Weise begraben – in ihrem eigenen Körper. Alle Glieder waren völlig nutzlos, eine Flucht war unmöglich. Nein, dachte sie und zwang sich zur Konzentration, damit sie nicht in Silentium eindringen konnten, denn das hatte sie schließlich bislang am Leben erhalten. Sie war weder ein Mensch noch ein Gestaltwandler. Ihr stand eine andere Welt offen. In ihrem Kopf suchte sie nach der Verbindung zum Medialnet. Sie war da – stark und unerschütterlich. Was auch immer schiefgelaufen war, ihre geistigen Fähigkeiten waren davon nicht betroffen.

Sie folgte der Verbindung, senkte vorsichtig ihre Schilde und ließ ihr geistiges Auge über diesen Teil des Netzwerks streifen. Innerhalb von Sekunden tauchten bekannte Gehirne auf. Sie zog sich sofort zurück. Genau das war das Schwierige am Medialnet. Obwohl ihre Ausgangsposition davon abhing, wo sich ihr Körper befand, bewegte sie sich in bekannten Gefilden, sobald sie die Schilde senkte – als gäbe es für jedes Individuum eine einzigartige Version des Medialnet.

Das war zwar nicht logisch, denn das Netzwerk folgte weder mathematischen noch physikalischen Regeln. Niemand hatte je herausgefunden, nach welchen Regeln es tatsächlich funktionierte, aber eins war klar – Ashaya durfte nicht ins Medialnet eintreten, ohne Maßnahmen zu ergreifen, um ihr „Kennen“ von anderen zu verschleiern. Das war möglich, sie wusste sogar ein wenig, wie es ging – Amara hatte es ihr beigebracht.

Sie verschob ihre Schilde, setzte eine Sicherung vor die nächste. Dann öffnete sie ihr geistiges Auge erneut und sah alles wie durch einen Schleier. Ihre Schilde waren so fest, dass sie sich nicht aktiv im Medialnet bewegen konnte, aber das kümmerte sie nicht. Sie war ein unsichtbarer Punkt unter Millionen anderer Punkte. Wenn sie niemanden „kannte“, dann erkannte sie selbst auch niemand.

Sie nutzte die Gelegenheit und öffnete ihre Schilde ein wenig, um dem Klatsch im Netz zuzuhören. Tausende von Informationen strömten auf sie ein, aber es war nichts Wichtiges darunter. Daher zwang sie sich, in das Schneckenhaus ihres Bewusstseins zurückzukehren, in das Gefängnis ihres bewegungslosen Körpers, und fragte sich, wie schmerzhaft es wäre, das Klebeband von den Augen abzuziehen. Schmerz war relativ. Das hatte ihr der Verlust Keenans noch deutlicher gezeigt als die Grausamkeit Amaras.

Klebeband.

Sie konnte jetzt spüren, wie es auf ihren Lidern klebte. Stück für Stück ging sie ihren Körper durch. Beim ersten Versuch wachten ihre Schenkel langsam auf, aber ihre Füße und ihr restlicher Körper waren immer noch taub. Beim zweiten Mal krampften sich ihre Beine schmerzhaft zusammen, und ihr Magen fühlte sich an, als wolle er sich gleich heben.

Beim dritten Versuch spürte sie überall stechende Schmerzen. Die Schmerzen rissen ihr die Eingeweide heraus und die Haut vom Körper. Doch sie zwang sich, vollkommen regungslos zu bleiben. Sie hatte keine soldatische Ausbildung, hatte nicht unter Qualen gelernt, Schmerzen zu ertragen. Der einzige Grund, warum sie wie festgefroren auf dem Tisch lag, war das Bedürfnis, ihren Sohn wiederzusehen.

Denn wenn sie am Leben war, gab es auch eine Chance, dass Keenan lebendig hinausgelangt war.

Etwas strich an ihrem Geist entlang.

Amara.

Ashaya zog sich tiefer in Silentium zurück, zwang ihren Verstand hinter eine weitere Mauer aus Eis, obwohl ihr Körper sie für ihren Tod bestrafte. Die Schnelligkeit, mit der Amara sie gefunden hatte, überraschte sie nicht, doch ihre Verbindung war so schwach wie noch nie. Ashaya wollte diesen Zustand beibehalten.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange die Schmerzen anhielten.

Als sie vorbei waren, lag sie stocksteif da und ließ die Welt wieder in ihre Sinne ein. Sie lag auf einem kalten Stahltisch. Also nicht in einem Untersuchungsraum oder einem Krankenzimmer. Es musste irgendeine Leichenhalle sein. Sie spürte Luft an ihrem Körper.

Sie war nackt.

In der Tiefe von Silentium machte ihr das nichts aus. Sie roch Desinfektionsmittel, nahm die absolute Stille wahr. Doch obwohl es sehr verlockend gewesen wäre, bewegte sie sich nicht. Es gab bestimmt Kameras. Man hätte ihren Körper niemals unbewacht gelassen. Man hatte sie bestimmt schon durchleuchtet. Da man sie nicht aufgeschnitten hatte, musste entweder der Schutzüberzug des Chips funktioniert haben oder irgendetwas hatte die normale Obduktion verzögert.

Ihr Verstand schnellte zu einer Information aus dem Medialnet zurück.

Eine schwere Grippe hatte sich in mehreren Abschnitten ausgebreitet und Angst vor einer Pandemie ausgelöst.

Wenn sie nicht zufällig einen besonders günstigen Zeitpunkt erwischt hatte – was unwahrscheinlich war –, musste Zie Zen ihre Nachricht erhalten und gehandelt haben. Blieben also die Kameras – sie musste das Risiko eingehen, vielleicht wurde die Leichenhalle nicht überwacht. Warum sollte sie auch? Doch gerade in dem Moment, als sie sich bewegen wollte, hörte sie Schritte. Eine Tür öffnete sich lautlos, sie spürte nur den Luftzug. Jemand trat ein, sie hörte Stiefel auf dem Kunststoffbeton. Jemand stand neben ihr. Sie bewegte sich nicht … dann fiel ihr auf, dass sie atmete.

„Ms. Aleine, sind Sie bei Bewusstsein? Ich weiß, dass Sie nicht tot sind.“

Es war also alles umsonst gewesen. Um sich nichts anmerken zu lassen, hob sie die Hand und riss sich das Klebeband von den Augen, blinzelte ins helle Licht. Eine Frau mit rotbraunen Haaren packte gerade ein paar Sachen aus einem Rucksack auf den Tisch: Kleider, Schuhe und Socken.

Ashaya setzte sich auf. Schluckte. „Etwas zu trinken?“ Ihre Stimme klang wie staubiger Kies mit einem Überzug aus Glasscherben.

Die Frau drückte ihr eine Flasche in die Hand, der Ausdruck in ihren braunen Augen zeigte nichts als kühle Effizienz. „Zie Zen lässt Sie grüßen.“ Sie öffnete ihre Hand und zeigte Ashaya eine kleine goldene Münze mit dem chinesischen Schriftzeichen für „Einheit“.

„Es gibt nur zehn von ihnen. Jede gehört einem vertrauenswürdigen Wesen.“

Mehr Beweise brauchte Ashaya nicht. „Dann hat er meine Nachricht bekommen?“

Die Frau nickte. „Die Zeit ist begrenzt“, setzte sie hinzu. „Die von uns biochemisch ausgelöste Grippe flaut schon wieder ab. Ratsherr LeBon wird sehr bald hier sein, um Ihre Leiche abzuholen.“

Ashaya trank den Saft aus und stand auf, hielt sich mit den Händen an dem Tisch fest. Ihr war schwindlig, und zweifellos würde sie sich gleich übergeben müssen. Sie schwankte zu einem Spülbecken und konnte gerade noch den Stöpsel einsetzen, bevor der Mageninhalt hochkam. Hauptsächlich Saft, aber die Krämpfe zerrissen sie fast.

„Alles in Ordnung?“ Die Fremde reichte Ashaya Tücher und eine weitere Flasche, diesmal mit Wasser.

„Ja“, sagte Ashaya heiser. „Nur noch eine Minute.“

Als sich die Frau umdrehte, sah Ashaya im Becken nach und fand zu ihrer Erleichterung den Chip – der Verdauungstrakt war ebenfalls ausgeschaltet worden und der Chip im Magen geblieben. Sie wischte das Becken aus, spülte den Chip ab, wickelte das wertvolle Objekt ein und ging dann zum Tisch zurück.

Ashaya zog die mitgebrachten Sachen an – Unterwäsche, Jeans, ein langärmliges weißes T-Shirt und ein kurzärmliges marineblaues. Der heiße Sommer stand vor der Tür, aber manche Nächte waren noch kühl. Sie schob den Chip in die Hosentasche, band ihr Haar zusammen und steckte es unter eine schwarze Baskenmütze, die ihre Retterin ihr hinhielt.

Dann waren die Kontaktlinsen an der Reihe. Die blassen blaugrauen Augen waren bei ihrer dunklen Haut ungewöhnlich. Nun waren sie braun. Jetzt waren die Socken und Schuhe an der Reihe, die ebenfalls auf dem Obduktionstisch standen. Überreste des Gifts verursachten ihr noch immer Krämpfe, und sie fühlte sich elend, aber das war nichts, verglichen mit dem, wie sie sich beim Aufwachen gefühlt hatte.

„Ein kleiner Schocker befindet sich in der vorderen Tasche – sie sind mit diesem Gerät vertraut, nicht wahr?“ Die Frau wartete Ashayas Antwort nicht ab, sondern schnallte ihr den Rucksack um. Er lag fest am Rücken an, die Gurte führten um Brust und Rücken. „Schminkzeug und billiger Schmuck sind in der Seitentasche. Benutzen Sie beides, damit man Sie nicht erkennt. Das ist der Schlüssel zur Freiheit. Sie sind nicht mehr die M-Mediale Ashaya Aleine, sondern die Kunststudentin Chantelle James. Ich schicke Ihnen telepathisch die Daten.“

„Einverstanden.“ Aber Ashaya würde sich dieser Persönlichkeit nicht bedienen, sie war nicht einem Käfig entkommen, um sich in einen anderen sperren zu lassen. Würde ihr Kind – denn es musste einfach noch am Leben sein – nicht zu einem Leben voller Vorsicht, Geheimnisse und Lügen zwingen … nein, das konnte sie Keenan nicht antun. Er hatte schon genug erduldet.

„Bleiben Sie bei Ihrem neuen Profil und halten Sie Ihre Schilde auf maximaler Stufe. Wir konnten Ihre Rückkehr ins Medialnet verschleiern, aber wir können nicht rund um die Uhr Leute zu Ihrem Schutz abstellen.“

„Verstehe.“ Ashaya sah sie freundlich an. „Vielen Dank.“

„Passen Sie auf sich auf.“ Die Frau hatte dunkle Augen, die eigenartig aufmerksam blickten. „Wenn dies hier zusammenbricht und es zu einem Krieg kommt, werden wir Ihre Fähigkeiten brauchen, um uns gegen die biochemischen Waffen zu verteidigen.“

Dies hier: Silentium. Das Programm, das ihre geistige Gesundheit erhielt und ihnen gleichzeitig die Gefühle nahm, ein Programm, das Psychopathen an die Spitze der Herrschenden gebracht hatte. Doch wenn es zusammenbrach, würde auch ihr Verstand darunter leiden. Die Gefühle würden nicht einfach nur zurückkehren … sie würden dauerhafte Schäden in der Psyche hinterlassen. Das wusste Ashaya nur zu gut.

„Ich werde mein Bestes tun.“ Doch sie würde nicht von ihrem selbst gewählten Weg abweichen. „Wie komme ich hier raus?“

„Ein Teleporter wird Sie abholen.“ Die Frau wurde unruhig. „Die Zeit läuft uns davon.“

Plötzlich stand derselbe Mann neben Ashaya, der sie schon zum Zentrum gebracht hatte – Vasic. Nur einen Augenblick später lösten sich ihre Knochen von innen her auf und sie fiel ins Bodenlose. Sie stolperte und wäre fast gefallen, als sie fast im selben Moment wieder festen Grund unter sich spürte. „Wo …“, fragte sie, aber Vasic war schon wieder verschwunden.

Sie rieb sich die Stirn, es hatte wahrscheinlich alles sehr schnell gehen müssen. Vasic musste sich sicher auch noch um die andere kümmern. Er schien eine sehr seltene Fähigkeit zu haben – er war ein Reisender. Die meisten TK-Medialen konnten teleportieren, aber selbst ein Kardinalmedialer mit telekinetischen Fähigkeiten beherrschte dies nicht mit so unglaublicher Geschwindigkeit. Das konnten nur wahre Teleporter. Reisende. TK-Mediale, Untergruppe R.

Aber wo hatte er sie hingebracht?

Sie drehte sich um, in der Hoffnung, einen Anhaltspunkt zu finden. Aber es gab keine Straßen. Keine Gebäude. Kein Licht. Nur Bäume, in jeder Richtung schienen Tausende von ihnen zu stehen. Eine undurchdringliche grüne Mauer. Dann stieg eine Vermutung in ihr auf – Vasic musste die Teleportation abgebrochen haben, um die andere noch rechtzeitig herausholen zu können. Nun stand Ashaya allein im Wald, sie, die den Großteil ihres Lebens in Laboren verbracht hatte.

Sie hörte ein Knurren, so gefährlich, dass sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Diese Reaktion hatten sich nicht einmal Mediale abtrainieren können. Ein weiteres Knurren, gefolgt von einem Zischen, das sie auf der Stelle erstarren ließ.

Dorian war nach seiner Jagd wieder auf dem Rückweg zu Tammy gewesen, als ihn der Anruf erreicht hatte. „Ja.“

„Wie weit bist du vom Hain weg?“ Das war Vaughn.

„Etwa eine Stunde, wenn ich schnell laufe. Warum?“

„Mist.“ Vaughn sagte leise etwas zu einem Dritten und wandte sich dann wieder Dorian zu. „Du bist am nächsten und musst so schnell wie möglich etwas da rausholen.“

Zum Teufel, wer oder was befand sich da draußen? Der Hain war ein großes Stück Land innerhalb ihres Territoriums, das wilden, blutrünstigen Kreaturen eine Heimat bot. „Schon unterwegs.“ Er lief bereits in die Richtung.

„Hast du ein Gewehr dabei?“

„Blöde Frage.“ Er war immer bewaffnet, kompensierte damit automatisch die fehlende Fähigkeit, sich zu verwandeln.

„Ist hoffentlich nicht nötig. Beeil dich.“ Vaughn unterbrach die Verbindung.

Dorian schob das Handy in die Tasche und raste los. Da Vaughn nicht gesagt hatte, was er abholen sollte, musste das Ziel gut sichtbar sein – oder war laut oder roch stark. Er hoffte auf eins der beiden Letzteren. Vor einer Stunde war es dunkel geworden, der Mond war hinter Wolken verschwunden, und man sah kaum noch etwas. Er hatte zwar beinahe die Sehkraft einer Katze, aber selbst ein Gestaltwandlerleopard konnte nicht zaubern und die berühmte Nadel in einem riesigen Heuhaufen finden. Eine Geruchsspur würde ihn schneller ans Ziel bringen.

Das alles konnte natürlich inzwischen auch völlig irrelevant geworden sein.

Denn wenn jemand dort draußen war, steckte er oder sie mächtig in der Klemme. Das Gebiet war die Heimat von äußerst aggressiven Luchsen. Keinen Gestaltwandlern, sondern richtigen Luchsen. Gefährliche Mistkerle, wenn man sie provozierte. Sollte jemand diesen Fehler begangen haben, würde Dorian nur noch einen Haufen Knochen vorfinden, von dem die Tiere das Fleisch mit blutiger Gier gerissen hatten.

Von überall her starrten glühende Augen sie an. Ashaya stand immer noch dort, wo sie gelandet war, ging zum hundertsten Mal die ihr verbleibenden Möglichkeiten durch und kam doch stets wieder zu demselben Schluss: Sie hatte keine. Neun Komma neun war ihr Wert auf der Medialenskala, aber nur im medizinischen Bereich. Sie verfügte über keinerlei kämpferische Fähigkeiten, nicht die geringsten telekinetischen Gaben oder paralysierende Telepathie. Telepathisch kam sie nur auf eins Komma eins, das reichte gerade, um die Verbindung zum Medialnet aufrechtzuerhalten.

Sie konnte natürlich versuchen, dieses Wenige zu mobilisieren und anzugreifen. Aber selbst wenn ihr das ein paar Sekunden Luft verschaffte, wie sollte es dann weitergehen? Sie überlegte, ob sie wohl an den Schocker im Rucksack herankam. Doch sobald sie die Hand bewegte, schnappten Zähne nach ihr. Warum hatten sie sie nicht schon längst angegriffen?

Ein Blick in ihre unmittelbare Umgebung gab ihr die Antwort – einige der großen Baumstämme trugen frische Krallenspuren. Etwas Großes musste vor Kurzem hier gewesen sein, es lag noch genug von ihm in der Luft, um die kleineren Raubtiere zögern zu lassen – weil sie im Dunkeln nur ihre Augen sahen. Aber das würde nicht lange anhalten. Sie war eine warme, lebendige Beute. Die Tiere gierten nach ihr.

Denk nach, Ashaya, sagte sie sich und nutzte die Ruhe, die ihr Silentium verschaffte. Was würde Amara tun? Das war eine dumme Frage, die sie schon im nächsten Augenblick verwarf. Amara hatte andere Fähigkeiten, dachte ganz anders. Was hatte sie selbst zu bieten?

Medizinisches Wissen. Ein wenig Telepathie. Ein wenig Psychometrie. Und noch ein paar passive mediale Fähigkeiten. Nichts davon war in dieser Situation von Wert.

Die Tiere – waren es Katzen? – krochen näher heran, ihre Krallen schabten über das trockene Gras des Waldbodens.

Was besaß sie noch neben ihren geistigen Fähigkeiten?

Einen wachen Geist, einen Körper in guter Verfassung … und die genetische Disposition, sich schnell zu bewegen.

Das Problem war nur, dass die Raubtiere in jedem Fall schneller waren.

 

5

Anstehende Arbeiten …

… Leute umbringen.

– Text auf Vorder- und Rückseite des Lieblings-T-Shirts von Dorian Christensen (ein Geschenk von Talin McKade)

Sobald Dorian den Hain betreten hatte, trug ihm der Wind die Witterung von Blut und das aufgebrachte Fauchen kämpfender Luchse zu. Mit tödlicher Sicherheit und Eleganz hatte er seine Messer gezogen, um auf alles vorbereitet zu sein. Normalerweise schlug allein sein Geruch die kleineren Raubtiere in die Flucht, aber falls sie schon Blut geleckt hatten, waren sie vielleicht wie im Rausch.

Metallisch scharf stieg ihm der Blutgeruch in die Nase. Doch darunter lag noch etwas anderes, exotisch Weibliches, anziehend und verführerisch … und kalt, unheimlich kalt. „Verdammt!“ Schweiß lief ihm die Wirbelsäule hinunter, als er den Rest des Weges in Höchstgeschwindigkeit zurücklegte.

Sie durfte nicht sterben, dachte er, und Wut schoss wie eine rote Flamme in ihm hoch. Nicht solange er diesen wilden Hunger noch in sich spürte. Doch auf der Lichtung fand er nur die aggressiven Luchse, und es roch nach frischem Blut – nicht nach herausgerissenen Eingeweiden oder in Todesfurcht entleerten Därmen. Nicht einmal den stechenden Geruch von Angstschweiß nahm er wahr. Mediale behaupteten zwar gerne, sie seien kalt wie der Tod, aber er wusste genau, dass sie genauso schrien wie alle anderen. Santano Enrique hatte geschrien … bis Dorian ihm die Zunge herausgerissen hatte.

Locker hielt er die Messer in der Hand und betrat die Lichtung. Die Luchse blickten ihn zähnefletschend an. Er wartete, bis sie ihn erkannten. Sie zögerten – hatten von dem abgelassen, was sie in ihren Klauen hatten. Er wusste, was sie dachten: Er ist allein, wir sind zu zehnt.

Dorian knurrte, ließ den eingesperrten Leoparden in seinen Stimmbändern vibrieren. Ärger, Wut und Dominanz lag in diesem Knurren. Die Luchse duckten sich, wichen aber nicht zurück. Verflucht noch mal. Er wollte sie nicht töten. Ihnen gehörte dieses Land genauso gut wie ihm. Sie war der Eindringling, hier und in seinem Leben – in seinen verdammten Träumen. Aber er würde sich selbst darum kümmern. Würde keinen leichten Ausweg suchen und daneben stehen, wenn man sie in Stücke riss.

Er knurrte noch einmal, diesmal drohender. Verschwindet, oder ihr werdet sterben. Sie kannten ihn, er würde die Drohung wahrmachen. Es spielte keine Rolle, dass er kein sichtbarer Leopard war, sich nicht in die Gestalt seiner anderen Hälfte verwandeln konnte. Für diese Wesen war er einfach eine Raubkatze. Er roch so. Er lief so. Er jagte so.

Und er tötete genauso.

Eines nach dem anderen gaben die pinselohrigen Tiere ein leises wütendes Knurren von sich und verschwanden. Er wartete – die Messer immer noch kampfbereit in den Händen –, bis er sicher war, dass sie aufgegeben hatten. Dann ging er zu dem Baum, an dem sie ihr Opfer gestellt hatten. Er blieb stehen. Etwas an dem Geruch stimmte nicht. Bewegungslos analysierte er, was seine Sinne ihm mitteilten. Fast hätte er gelächelt. Und dann zog er sich so schnell in das Dickicht zurück, dass ein Beobachter nur einen Schemen wahrgenommen hätte.

Er verbarg sich im Dunkeln, bewegte sich ständig, während er sprach, denn ein Medialer hätte ihn mit einem einzigen gezielten geistigen Schlag töten können. „Ich schlage vor, Sie kommen herunter, wenn ich Sie mitnehmen soll. Das Blut wird die Luchse unweigerlich wieder herlocken.“

Es blieb still. Dachte sie, er wüsste nicht, wer sie war?

„Wo lernen Mediale, auf Bäume zu klettern?“ Er blieb stehen, als er unter dem Ast, auf dem sie sich zusammengekauert hatte, einen verräterischen Fuß herauslugen sah.

„An der Kletterwand einer Sporthalle“, war die kühle Antwort. „Leider werde ich jetzt beim Abstieg Schwierigkeiten haben.“

Er kämpfte gegen das instinktive Bedürfnis an, sie unter seinen Schutz zu stellen. „Krallen?“

„Oder Bisse. Die Wade.“

Er hörte, wie sie sich bewegte, herunterzusteigen versuchte. Die Raubkatze in ihm war Chauvinist. Er half Frauen gern. Und diese Frau reizte ihn zudem zum Beißen, Schmecken und Schlemmen. Doch neben dieser unerklärlichen, äußerst sexuell geprägten Anziehung gegenüber der eiskalten Ashaya Aleine spürte er auch ein kalt abwägendes Raubtier in sich, dem immer bewusst war, dass eines der Silentium-Monster sein eigen Fleisch und Blut getötet, sein Herz herausgerissen hatte. Vergebung war unmöglich. „Wir sind quitt“, sagte er. „Die Schuld ist beglichen.“

Kurze Stille. „Mein Sohn ist in Sicherheit?“

Kein Gefühl lag in diesen Worten. Aber warum hatte sie dann überhaupt gefragt? „Wir halten unsere Versprechen.“

„Wer sind Sie überhaupt? Ich weiß nur, dass Sie ein Freund von Talin McKade sind.“ Der Geruch von Blut, das Geräusch von Stoff auf Baumrinde.

Seine Aufmerksamkeit ließ nicht nach. Er würde sie auffangen, wenn sie fiel. „Wie haben Sie denn die Katzen davon abgehalten, den Baum hochzuklettern? Der Stamm ist voller Blut, auch der Ast. Verführerisch wie Katzenminze.“