Gilde der Jäger - Engelskuss - Nalini Singh - E-Book

Gilde der Jäger - Engelskuss E-Book

Nalini Singh

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Beschreibung

Die Vampirjägerin Elena Deveraux wird von dem ebenso charismatischen wie gefährlichen Erzengel Raphael angeheuert. Diesmal ist es jedoch kein entflohener Vampir, den sie aufspüren soll, sondern ein abtrünniger Erzengel. Um den Auftrag erfüllen zu können, muss Elena bis an die Grenzen ihrer Fähigkeiten gehen - und darüber hinaus! Zugleich weckt der übermenschliche Raphael eine ungeahnte Leidenschaft in ihr. Doch seine Berührung könnte für Elena den Tod bedeuten, denn im Spiel der Erzengel zahlen die Sterblichen den Preis!

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Seitenzahl: 516

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Inhalt

Titel

1

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9

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Gift

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19

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Blutgeborener

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Blutrausch

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Blutengel

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40

Epilog

Impressum

Nalini Singh

Roman

Ins Deutsche übertragen vonPetra Knese

 

1

Wenn Elena den Leuten erzählte, sie sei Vampirjägerin, schnappten die meisten zunächst nach Luft, um dann unweigerlich zu fragen: »Ihre Arbeit besteht also darin, spitze Pfähle durch die Herzen dieser abscheulichen Blutsauger zu bohren?«

Nun ja, vielleicht waren es nicht jedes Mal dieselben Worte, aber sie hinterließen stets denselben bitteren Nachgeschmack. Am liebsten hätte sie den Urheber des Gerüchtes, diesen idiotischen Märchenonkel aus dem fünfzehnten Jahrhundert, zur Strecke gebracht. Aber bestimmt hatten die Vampire das schon selbst erledigt, nachdem die ersten von ihnen in der Notaufnahme (oder was man damals dafür hielt) gelandet waren.

Elena trieb keine Pfähle durch Vampirherzen. Sie spürte Vampire auf, fing sie ein und brachte sie zurück zu ihren Meistern– den Engeln. Von manchen wurde sie als Kopfgeldjägerin bezeichnet, doch auf ihrem Gildenausweis stand: »Jagdschein für Vampire und ähnliche Wesen«. Das machte sie zu einer Vampirjägerin, einschließlich Gefahrenzulage und anderen Prämien. Gezahlt wurde äußerst großzügig. Schließlich musste es eine Entschädigung dafür geben, dass Jägern hin und wieder der Hals aufgeschlitzt wurde.

In diesem Moment jedoch beschloss Elena, dass sie zusätzlich dringend eine Gehaltserhöhung brauchte, denn ihre Wade rebellierte. Seit zwei Stunden kauerte sie schon in einer schmalen Gasse in der Bronx; eine hochgewachsene Frau mit hellen, beinahe weißen Haaren und silbrigen Augen. Ihre Haare machten sie verrückt. Ihrem Gelegenheitsfreund Ransom zufolge konnte sie genauso gut mit einem großen Schild auf sich aufmerksam machen. Da bei ihr Haarfärbemittel nicht länger als zwei Minuten wirksam waren, hatte sich Elena eine größere Sammlung an Strickmützen zugelegt.

Gern hätte sie sich jetzt ihre Mütze bis weit über die Nase gezogen, doch sie fürchtete, dass der üble Geruch ihres »Ambientes«, dieses feucht-dunklen Winkels New Yorks, dadurch nur noch stärker werden würde. Ob Nasenstöpsel wohl halfen?

Hinter ihr raschelte es.

Sie drehte sich um… und befand sich Auge in Auge mit dem silbern funkelnden Blick einer herumstreunenden Katze. Nachdem Elena sich überzeugt hatte, dass das Tier auch war, was es schien, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Gehweg zu. Dabei fragte sie sich, ob ihre Augen wohl in dieser Dunkelheit genauso unheimlich leuchteten wie die der Katze. Zum Glück hatte sie die bronzefarbene Hautfarbe ihrer marokkanischen Großmutter geerbt, sonst hätte sie tatsächlich eher einem Gespenst geähnelt.

»Wo, zum Teufel, bleibst du nur?«, murmelte sie und rieb sich die Wade. Der Vampir hatte sie ziemlich lange an der Nase herumgeführt. Aber nicht aus Absicht, sondern weil er gar nicht bemerkt hatte, dass sie hinter ihm her war. Und das hatte es für sie ein wenig schwer gemacht, seine nächsten Schritte vorherzusehen.

Einmal hatte Ransom sie gefragt, ob es ihr denn nichts ausmache, hilflose Vampire aufzuspüren und die Ärmsten dann in ein Leben zurückzubefördern, das praktisch dem eines Sklaven glich. Dabei hatte er einen Lachanfall bekommen. Nein, es störte sie nicht; genauso wenig wie ihn. Schließlich hatten sich die Vampire freiwillig für die Sklaverei entschieden– einhundert Jahre Sklavendasein–, in dem Moment nämlich, in dem sie einen Engel baten, sie so gut wie unsterblich zu machen. Wären sie Menschen geblieben und hätten friedlich ins Gras gebissen, dann wären sie nicht durch einen mit Blut geschriebenen Vertrag gebunden gewesen. Und auch wenn die Engel ihre Position ausnutzten– Vertrag war Vertrag.

Auf der Straße blitzte ein Licht auf.

Bingo!

Da war ja ihr Ziel, Zigarre zwischen den Zähnen und lauthals am Handy prahlend, er sei jetzt wahrhaftig ein vollendetes Geschöpf und ließe sich von keinem pedantischen Engel mehr herumkommandieren. Trotz mehrerer Meter Entfernung konnte Elena seinen Achselschweiß riechen. Der Vampirismus war noch nicht weit genug fortgeschritten, um die Fettschicht wegzuschmelzen, die der Mann wie eine zweite Haut trug. Und da bildete er sich ein, aus einem Vertrag mit einem Engel aussteigen zu können?

Idiot.

Sie trat aus dem Gebüsch, nahm die Mütze vom Kopf und stopfte sie in die Hosentasche. Ihr Haar fiel ihr wie eine weiche weiße Wolke auf die Schultern, gut erkennbar. Doch diesmal war kein Risiko dabei. Nicht in dieser Nacht. Den Einheimischen wäre sie sofort aufgefallen, doch der Gejagte hatte einen ausgeprägten australischen Akzent. Er war erst kürzlich aus Sydney eingetroffen, und dorthin wollte ihn sein Meister auch zurückhaben, und zwar pronto.

»Haben Sie Feuer?«

Der Vampir fuhr zusammen und ließ dabei sein Handy fallen. Elena hätte am liebsten die Augen verdreht. Er war noch nicht einmal ganz in den neuen Zustand übergegangen, die Reißzähne, die er vor Überraschung entblößte, waren noch Milchzähne. Kein Wunder, dass sein Meister sauer war. Der Holzkopf hatte nicht viel mehr als ein Jahr bei ihm abgeleistet.

»Tut mir leid«, sagte sie lächelnd, während er sich nach seinem Telefon bückte. Sie wusste genau, was er sah. Eine einsame Blondine in schwarzer Lederhose und einem schwarzen, figurbetonten Oberteil, keine erkennbaren Waffen.

Weil er noch jung und unerfahren war, beruhigte er sich bei ihrem Anblick schnell wieder. »Klar, Baby.« Er langte in die Hosentasche, um das Feuerzeug herauszuholen.

In diesem Augenblick beugte Elena sich vor und griff mit einer Hand hinter sich. »Aber, aber. Mr Ebose ist sehr von Ihnen enttäuscht.« Bevor er noch den Sinn dieser heiser hervorgebrachten Worte erfassen konnte, hatte sie schon die Halskette hervorgeholt und ihm fest umgelegt. Seine Augen traten hervor, blutrot, doch statt zu schreien, stand er ganz still und reglos da. Die Kette eines Jägers übte immer diese Wirkung aus, sie ließ jeden Gefangenen zur Salzsäule erstarren. In seinem Gesicht stand die blanke Angst.

Elena hätte beinahe Mitleid mit ihm gehabt, wenn sie nicht gewusst hätte, dass er im Verlauf seiner Flucht vier Menschen die Kehle herausgerissen hatte. Nun war das Maß voll. Zwar beschützten die Engel ihre Nachkommen, aber selbst das hatte Grenzen. Bei diesem Exemplar hatte Ebose den Einsatz von Gewalt zu seiner Ergreifung genehmigt.

Jetzt zeigte sie ihm, wer sie wirklich war, dass sie bereit war, ihm Schmerzen zuzufügen. Aus seinem Gesicht wich auch noch der letzte Rest Farbe. Sie grinste. »Folge mir.«

Wie ein gehorsamer Welpe trottete er hinter ihr her. Diese Halskettchen waren wirklich genial. Ihre beste Freundin Sara zielte gerne mit Treu-zu-Gott-Pfeilen auf ihre Zielpersonen– die Pfeilspitzen waren mit demselben Kontrollchip präpariert, der auch die Ketten so wirksam machte. Sobald der Chip Hautkontakt hatte, bildete er ein elektromagnetisches Feld, das vorübergehend die neurologischen Prozesse im Vampirgehirn kurzschloss und das Zielobjekt leicht manipulierbar machte. Mit den wissenschaftlichen Hintergründen kannte sich Elena nicht besonders gut aus, doch wusste sie um die Vor- und Nachteile dieser Fangmethode.

Natürlich musste sie näher an ihre Zielperson herangehen als Sara, umgekehrt bestand aber auch nicht die Gefahr, einen unschuldigen Passanten zu erwischen. Das war Sara einmal passiert. Einen halben Jahreslohn hatte sie die Beilegung der Klage gekostet. Bei dem Gedanken an die Wut der Freundin über den verpatzten Schuss musste Elena unweigerlich lächeln. Sie öffnete die Beifahrertür des ganz in der Nähe abgestellten Wagens. »Einsteigen.«

Mühsam zwängte der Vampirknabe seine Leibesfülle hinein.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er angeschnallt war, rief sie den Leiter von Eboses Sicherheitsteam an. »Ich habe ihn.«

Die Stimme am anderen Ende der Leitung wies sie an, das Paket an einer privaten Start- und Landebahn abzugeben.

Ohne eine Spur von Verwunderung über den angegebenen Ort legte sie auf und fuhr los. Schweigend. Es wäre auch ganz sinnlos gewesen, ein Gespräch zu beginnen, denn sobald die Kette angelegt war, verlor der Vampir die Fähigkeit zu sprechen. Die Sprachlosigkeit war eine Nebenwirkung der neuralen Zwangsjacke. Vor der Einführung des Chips war die Vampirjagd eher ein Selbstmordkommando als eine Karrierechance gewesen, denn schon die jüngsten Vampire konnten Menschen in Stücke reißen. Neueren Untersuchungen zufolge waren Vampirjäger zwar keine Menschen, aber sie kamen ihnen doch recht nahe.

Nachdem Elena das Flugfeld erreicht und die Sicherheitskontrolle passiert hatte, wurde sie zur Rollbahn geführt. Das Team, das den Vampir zurück nach Sydney begleiten sollte, wartete bereits neben einem schnittigen Privatjet. Elena geleitete den Gefangenen zu ihnen, worauf ihr mit einer Geste zu verstehen gegeben wurde, sie möge ihn ins Flugzeug bringen. Das Verladen der Fracht musste sie eigenhändig vornehmen, da dem Team zu diesem Zeitpunkt der Umgang damit noch nicht erlaubt war. Ganz offensichtlich hatte Ebose gute Anwälte. Er wollte es keinesfalls riskieren, von der Vampirschutzbehörde rechtlich belangt zu werden.

Nicht, dass die VSB jemals mit einer Misshandlungsklage durchgekommen wäre. Die Engel brauchten lediglich ein paar Fotos von Menschen mit aufgeschlitzter Kehle vorzulegen, und schon war die Jury nicht nur bereit, die Klage abzuweisen, sondern wollte ihnen sogar einen Orden verleihen.

Elena führte den Vampir die Gangwaystufen hinauf in den hinteren Teil des Passagierraums, wo eine große offene Kiste stand. »Rein mit Ihnen.«

Er stieg hinein, dann drehte er sich um und sah sie an. Wellen panischer Angst gingen von ihm aus und hatten schon längst sein Hemd durchnässt.

»Tut mir leid, Freundchen. Sie haben drei Frauen und einen alten Mann auf dem Gewissen. Das lässt das Mitleidsbarometer ganz nach unten fallen.« Sie schlug den Deckel zu und verriegelte ihn mit einem Vorhängeschloss. Die Kette würde den Vampir bis nach Sydney begleiten und von dort aus dann direkt an die Gilde zurückgehen, so wie es das Protokoll für Ausrüstungen mit eingebauten Chips vorschrieb. »Er ist startklar, Jungs.«

Alle vier Teammitglieder waren ihr ins Flugzeug gefolgt– der Anführer musterte sie von oben bis unten, seine Augen waren von einem stechenden Türkis. »Keine Verletzungen. Beeindruckend.« Er reichte ihr einen Umschlag. »Wie vereinbart wurde das Geld auf Ihr Gildekonto überwiesen.«

Elena prüfte den Auszug. Überrascht zog sie die Brauen in die Höhe. »Mr Ebose ist sehr großzügig.«

»Eine Zulage für die prompte und unversehrte Ergreifung des Zielobjekts. Mr Ebose hat noch viel mit ihm vor. Der alte Jerry war sein Lieblingssekretär.«

Angewidert zuckte Elena zusammen. Das Problem mit der Unsterblichkeit war, dass einem alle möglichen Dinge zugefügt werden konnten, ohne dass man starb. Einmal hatte sie einen Vampir gesehen, dem alle Gliedmaßen abgetrennt worden waren– und zwar ohne Betäubungsmittel. Als das Rettungskommando der Gilde ihn aus den Fängen der Vampirhasser befreit hatte, hatte er bereits den Verstand verloren. Doch es existierte ein Video. Deshalb wussten sie auch, dass der Mann während der Folter bei vollem Bewusstsein gewesen war. Bestimmt zeigten die Engel den in Scharen zu ihnen strömenden Bittstellern dieses Video nicht.

Oder vielleicht doch?

Die Engel erschufen pro Jahr nur ungefähr eintausend Vampire. Doch soviel Elena wusste, gab es Hunderttausende Hoffnungsvoller. Warum, war ihr schleierhaft. Ihrer Meinung nach war der Preis für die Unsterblichkeit viel zu hoch. Besser in Freiheit zu leben und sich zu gegebener Zeit in Staub zu verwandeln, als in einer verriegelten Holzkiste auf die Entscheidung darüber zu warten, welches Schicksal der Meister für sie bestimmen würde.

Der bittere Geschmack von Ekel lag auf Elenas Zunge. Schnell steckte sie den Beleg und den Umschlag in die Hosentasche. »Bitte danken Sie Mr Ebose für seine Großzügigkeit.«

Der Anführer neigte zustimmend den Kopf, und Elena erhaschte einen flüchtigen Blick auf eine Tätowierung. Auf seinem geschorenen Schädel glaubte sie einen Raben entdeckt zu haben. Der Mann war zu groß, als dass sie anschließend noch einmal einen Blick darauf hätte werfen können, doch die anderen waren kleiner, und alle trugen dieses Zeichen.

»Sie sind noch ungebunden.« Demonstrativ starrte er auf die silbernen Ringe in ihren Ohren. Weder das Gold der Eheleute noch der Bernstein der Verliebten. Doch sie war nicht so vermessen zu glauben, dass er sich mit ihr verabreden wollte. Die Wächter der Geflügelten Bruderschaft waren dem Zölibat verpflichtet. Da eine Übertretung den Verlust eines Körperteils zur Folge hatte– bislang hatte Elena nicht herausbekommen, welches–, war sie sicherlich nicht Verlockung genug.

»Ja. Was die Arbeit angeht, ebenfalls.« Am liebsten schloss sie erst einen Auftrag ab, bevor sie den nächsten annahm. Die zu jagenden Vampire nahmen kein Ende. »Soll ich einen weiteren Abtrünnigen für Mr Ebose aufspüren?«

»Nein. Ein Freund von ihm braucht Ihre Dienste.« Der Wächter übergab ihr einen zweiten, diesmal versiegelten Umschlag. »Das Treffen findet morgen früh um acht statt. Bitte seien Sie pünktlich. Mit Ihrer Gilde ist bereits alles geklärt und eine Summe angezahlt.«

Wenn die Gilde ihre Genehmigung gegeben hatte, war die Jagd legal. »O. k.– wo treffen wir uns?«

»Manhattan.«

Ihr wurde eiskalt. Dieser Treffpunkt galt nur für einen Engel. Selbst bei den Engeln gab es eine Hackordnung, und sie wusste recht gut, wer das Sagen hatte. Ebose mochte mächtig sein, doch war er wohl kaum mit einem Erzengel aus dem Kader der Zehn bekannt, die allein entschieden, wer von welchem Schöpfer neu erschaffen würde.

»Haben Sie damit Schwierigkeiten?«

Bei den leise hervorgebrachten Worten des Anführers riss Elena den Kopf hoch. »Nein, natürlich nicht.« Mit gespieltem Interesse blickte sie auf ihre Uhr. »Ich muss los. Bitte grüßen Sie Mr Ebose von mir.« Damit ließ sie den luxuriösen Innenraum des Privatjets und den beißenden Angstgestank seiner Fracht hinter sich.

Bislang war sie noch nicht dahintergekommen, warum so viele Schwachköpfe verwandelt wurden. Vielleicht waren sie anfänglich noch in Ordnung, doch nachdem sie ein paar Jahre Blut getrunken hatten, entpuppten sie sich als richtige Idioten. Wer, zum Teufel, konnte schon sagen, was dieses Zeug im Gehirn anrichtete! Doch ihr letzter Fang ließ sich mit dieser Vermutung nicht erklären– er existierte ja höchstens erst seit zwei Jahren.

Achselzuckend kletterte sie in den Wagen. Und gerade weil sie den Umschlag am liebsten ungeduldig mit den Zähnen aufgerissen hätte, wartete Elena, bis sie in ihrem behaglichen Heim, ihrer mit viel Liebe eingerichteten Wohnung in Lower Manhattan war. Als Ausgleich zu der vielen Zeit, die sie damit verbrachten, moralischen Abfall zu jagen, verwandelten die meisten Jägerinnen und Jäger ihr Zuhause in heimelige Zufluchtsstätten. Elena war da keine Ausnahme.

Sobald sie die Wohnung betreten hatte, schleuderte sie die Schuhe von sich und ging schnurstracks ins Badezimmer. Für gewöhnlich folgte sie einem bestimmten Ritual, um sich vom Schmutz des Tages zu reinigen, um dann in Cremes und Parfums zu schwelgen. Ransom fand ihre mädchenhaften Neigungen über die Maßen komisch und zog sie fortwährend damit auf, doch als er das letzte Mal eine große Lippe riskierte, hatte sie sich bei ihm revanchiert, indem sie betonte, wie gut seinen langen schwarzen Haaren die Pflegespülung getan hätte.

An diesem Abend jedoch hatte sie weder Lust noch Geduld, sich lange mit dem Reinigungsritual aufzuhalten. Rasch spülte sie den penetranten Angstgeruch des Vampirs von ihrer Haut und schlüpfte in ihren Baumwollschlafanzug. Beim Kaffeekochen bürstete sie sich noch kurz das Haar, dann begab sie sich mit einem vollen Kaffeebecher zu ihrem Couchtisch und zwang sich, ihn vorsichtig auf einem Untersetzer abzustellen. Erst dann gab sie ihrer unbändigen Neugier nach und riss den Umschlag rasch auf.

Das Papier war dick, das Wasserzeichen elegant… und der Name unten auf der Seite jagte ihr solche Angst ein, dass sie am liebsten ihre Siebensachen gepackt und davongerannt wäre. Zum unbekanntesten und entlegensten Winkel der Welt.

Ungläubig ließ sie ihre Blicke ein zweites Mal über den Brief wandern. Doch an den Worten hatte sich nichts geändert.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir beim Frühstück Gesellschaft leisten würden. Acht Uhr.

Raphael

Eine Adresse stand nicht dabei, aber das war auch nicht nötig. Elena schaute hoch. Von dem riesigen Spiegelglasfenster aus, das diese Wohnung so horrend teuer– und reizvoll– machte, konnte sie die lichtdurchflutete Säule erkennen, den Erzengelturm dieser Stadt. Und den Engeln dabei heimlich zuzusehen, wie sie von den oberen Balkonen abflogen, war eine große Freude für sie.

In der Nacht waren sie sanfte, dunkle Schatten. Doch am Tag strahlten ihre Flügel in der Sonne, ihre Bewegungen waren so unglaublich anmutig. Sie kamen und gingen während des Tages, aber manchmal saßen sie auch einfach nur oben auf den Balkonen und ließen ihre Beine baumeln. Wahrscheinlich waren es die jüngeren Engel, wobei Jugend hier ein relativer Begriff war.

Auch wenn Elena wusste, dass die meisten von ihnen Jahrzehnte älter waren als sie, brachte sie ihr Anblick zum Schmunzeln. Es war der einzige Moment, in dem sie sich annähernd normal verhielten. In der Regel waren Engel kühl und unnahbar, so weit entfernt vom Alltag der Menschen, dass sie sich jenseits menschlicher Vorstellungskraft bewegten.

Morgen würde auch sie hoch oben in diesem Turm aus Glas und Licht sein. Doch würde sie sich nicht mit einem der jüngeren, eventuell weniger unnahbaren Engel treffen. Nein, sie würde morgen dem Erzengel persönlich gegenübersitzen.

Raphael.

Elena wurde übel bei dem Gedanken.

 

2

Nachdem sie den unwiderstehlichen Drang, sich zu übergeben, überwunden hatte, rief sie bei der Gilde an. »Ich muss dringend mit Sara sprechen«, erklärte sie der Empfangsdame.

»Tut mir leid. Die Direktorin hat ihr Büro bereits verlassen.«

Elena hängte ein und wählte Saras Privatnummer.

Schon nach dem ersten Läuten meldete die sich am anderen Ende. »Ich dachte mir schon, dass du heute noch anrufst.«

Elena schloss die Hand fester um den Hörer. »Sara, sag mir, dass es nicht wahr ist. Du hast mich doch nicht für einen Auftrag bei einem Erzengel verpflichtet?«

»Also… ähm…« Sara Haziz, der Kopf der gesamten amerikanischen Gilde und eine mit allen Wassern gewaschene Frau, klang auf einmal wie ein nervöser Teenager. »Zum Teufel, Elli. Meinst du, ich hätte Nein sagen können?«

»Was hätte er dann getan– dich umgebracht?«

»Wahrscheinlich«, murmelte Sara. »Sein Vampirlakai hat mir jedenfalls unmissverständlich klargemacht, dass er dich persönlich wolle. Und dass er es nicht gewohnt sei, abgewiesen zu werden.«

»Hast du es etwa versucht?«

»Na hör mal, ich bin doch deine Freundin. Traust du mir denn gar nichts zu?«

Elena ließ sich in die Polster sinken und starrte zu dem Turm hinüber. »Was soll ich für ihn machen?«

»Ich habe keine Ahnung.« Sara stieß auf einmal sanfte Gurrlaute aus. »Keine Sorge– ich unternehme hier wirklich keinen verzweifelten Versuch, dich zu beruhigen. Das Baby ist gerade aufgewacht. Nicht wahr, mein süßes Schätzchen?« Nun hörte Elena Kussgeräusche.

Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass ihre Freundin den Bund fürs Leben geschlossen hatte. Und obendrein noch Mutter geworden war. »Wie geht es meinem Mini-Ich?« Sara hatte ihre Tochter Zoe Elena genannt. Wie ein verdammtes Kleinkind hatte Elena geflennt, als sie es erfahren hatte. »Hoffentlich macht sie dir die Hölle heiß.«

»Sie hat ihre Mami lieb.« Noch mehr Knutschgeräusche. »Und ich soll dir ausrichten, dass sie nur noch ein paar Zentimeter wachsen muss, um dein Ebenbild zu werden. Sie und Slayer sind ein Spitzenteam.«

Bei dem Gedanken an Saras Monsterhund, der mit Vorliebe ahnungslose Mitmenschen vollsabberte, musste Elena lachen. »Wo ist denn eigentlich dein Geliebter? Ich dachte, er kümmert sich so gern um die Kleine.«

»Tut er auch.« Selbst durch das Telefon war Saras Lächeln spürbar, und in Elena ballte sich etwas schmerzhaft zusammen. Nicht etwa, weil sie Sara das Glück nicht gönnte oder gar Dean begehrte. Nein, es war ein Gefühl in ihrem Innern, als würde ihr die Zeit davonlaufen.

Im letzten Jahr war ihr zunehmend deutlich geworden, dass die meisten ihrer Freunde in ihre nächste Lebensphase eintraten, während sie weiterhin die Alte blieb– eine 28-jährige Vampirjägerin ohne Bindungen und Verpflichtungen. Nur in dringenden Fällen ging Sara gelegentlich noch auf die Jagd; sie hatte Pfeil und Bogen an den Nagel gehängt und den wichtigsten Bürojob in der Gilde übernommen. Ihr Mann, ein todbringender Fährtenleser, hatte sich jetzt auf die Herstellung von Jagdausrüstung (und das Wechseln von Windeln) verlegt, wobei ein immerwährendes Lächeln seine Lippen umspielte und er vor Zufriedenheit förmlich strotzte. Verdammt, selbst Ransom ging schon seit zwei Monaten mit derselben Frau ins Bett.

»Hey, Elli, bist du eingeschlafen?«, fragte Sara über das freudige Gequieke ihres Babys hinweg. »Träumst du von deinem Erzengel?«

»Das sind eher Albträume«, murmelte diese und kniff die Augen zusammen, als sie einen Engel auf dem Turmdach landen sah. Ihr Herz hatte kurz ausgesetzt, als der Engel seine Flügel ausbreitete, um seinen Sinkflug zu verlangsamen. »Du hast mir die Sache mit Deacon nicht zu Ende erzählt. Warum schiebt er jetzt nicht Babydienst?«

»Der ist mit Slayer los, um extra schokoladiges Schokoladeneis mit massenhaft Beeren zu holen. Ich habe ihm erzählt, die Gelüste hielten auch nach der Geburt noch eine Weile an.«

Saras Vergnügen, ihren Mann an der Nase herumzuführen, hätte Elena zum Lachen bringen sollen, aber sie war zu sehr mit der Angst beschäftigt, die ihr immer mehr unter die Haut kroch. »Sag mal, Sara, hat der Vampir gesagt, warum Raphael ausgerechnet mich haben will?«

»Na klar. Er sagte, Raphael gebe sich nur mit den Besten zufrieden.«

»Ich bin die Beste«, stammelte Elena am nächsten Morgen, als sie vor dem prächtigen Turm des Erzengels aus dem Taxi stieg. »Ich bin die Beste.«

»Hallo, Lady. Führen Sie lieber Selbstgespräche, statt mich zu bezahlen?«

»Wie bitte? Oh.« Sie holte zwanzig Dollar aus der Tasche und drückte sie dem Taxifahrer in die Hand. »Stimmt so.«

Im Nu verwandelte sich sein finsterer Gesichtsausdruck in ein Grinsen. »Danke. Sie haben wohl eine große Jagd vor sich?«

Elena fragte nicht, woran er erkannt hatte, dass sie eine Jägerin war. »Nein. Aber sehr wahrscheinlich werde ich innerhalb der nächsten Stunden eines grausamen Todes sterben. Eine gute Tat verbessert meine Chancen, in den Himmel zu kommen.«

Der Taxifahrer fand ihre Bemerkung zum Brüllen komisch und lachte immer noch, als er losfuhr. Kurz vor dem breiten Fußweg zum Turm hatte er sie aus dem Wagen gelassen. Die ungewöhnlich grelle Morgensonne spiegelte sich in den weißen Steinplatten– stach messerscharf in Elenas übermüdete Augen. Sie fischte nach ihrer Brille, die im Ausschnitt ihrer Bluse klemmte, und setzte sie auf. Nun, da sie nicht mehr geblendet wurde, nahm sie auch die dunklen Schatten wahr. Natürlich hatte sie auch schon vorher gewusst, dass sie da waren– Vampire erfasste sie hauptsächlich mit anderen Sinnen als mit ihren Augen.

Einige standen um den Turm herum, aber mindestens zehn weitere hielten sich im Hintergrund oder spazierten durch die gepflegten Grünflächen um das Gebäude. Alle trugen schwarze Anzüge und weiße Hemden, die Haare waren nach FBI-Manier in exakten Linien perfekt geschnitten. Schwarze Sonnenbrillen und dezente Kopfhörer vervollständigten das Bild von Geheimagenten.

Darüber hinaus wusste Elena aber, dass diese Vampire nichts mit dem Geschöpf von gestern Nacht gemein hatten. Diese hier hatten schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel. Ihr intensiver Geruch– dämonisch, aber nicht unangenehm– und die Tatsache, dass sie den Turm des Erzengels bewachten, verrieten ihr, dass diese Vampire sowohl klug als auch äußerst gefährlich waren. Aus dem Gebüsch traten zwei von ihnen auf den sonnenbeschienenen Weg.

Keiner ging in Flammen auf.

Eine solch heftige Reaktion auf das Sonnenlicht– ein weiterer Mythos, den die Filmindustrie begeistert aufgegriffen hatte– hätte ihre Arbeit außerordentlich erleichtert. Dann hätte sie einfach nur abwarten müssen. Aber die meisten Vampire konnten sich problemlos Tag und Nacht frei bewegen. Und die paar Lichtscheuen unter ihnen starben auch nicht gleich, wenn die Sonne aufging. Sie suchten einfach den Schatten auf. »Du willst das Treffen nur hinauszögern– gleich dichtest du noch eine Ode auf den Garten«, raunte sie sich selbst zu. »Du bist ein Profi. Du bist die Beste. Du schaffst das schon.«

Sie holte einmal tief Luft, versuchte nicht an die Engel zu denken, die über ihr flogen, und ging mit festen Schritten auf den Eingang zu. Niemand schien ihr Aufmerksamkeit zu schenken, doch als sie den Eingang endlich erreicht hatte, nickte der diensthabende Vampir kurz mit dem Kopf und öffnete die Tür. »Geradeaus bis zum Empfang.«

Überrascht nahm Elena die Sonnenbrille ab. »Wollen Sie denn nicht meinen Ausweis sehen?«

»Sie werden erwartet.«

Der tückisch verführerische Duft des Torwächters– eine ungewöhnliche evolutionäre Anpassung zum Schutz gegen den Spürsinn der Jäger– umhüllte sie wie eine unheilvolle Liebkosung, als sie eintrat.

Das voll klimatisierte Foyer schien sich unendlich weit auszudehnen; es bestand hauptsächlich aus dunkelgrauem Marmor, der mit zarten Goldstreifen durchzogen war. Nichts war besser geeignet, um Reichtum, guten Geschmack und Macht zu demonstrieren. Auf einmal war Elena heilfroh, dass sie ihre übliche Kombination, Jeans und T-Shirt, gegen maßgeschneiderte Hosen und eine frische weiße Bluse eingetauscht hatte. Selbst ihr glattes Haar war zu einem französischen Zopf geflochten, und ihre Füße steckten in hochhackigen Schuhen.

Ihre Absätze kündeten von Entschlossenheit und Selbstvertrauen, als sie den Marmorboden im Foyer überquerte. Dabei nahm sie jedes Detail ihrer Umgebung wahr, von der Anzahl der Wächtervampire, den erlesenen, aber eigenartigen Blumengestecken, bis hin zu der Empfangsdame, einer sehr, sehr, sehr alten Vampirin, wenngleich sie Gesicht und Körper einer gepflegten Dreißigjährigen hatte.

»Miss Deveraux, ich bin Suhani.« Lächelnd erhob sich die Dame und trat hinter ihrem geschwungenen Tresen hervor. Er war ebenfalls aus Marmor; sein tiefes Schwarz war so blank poliert, dass er die Umgebung perfekt widerspiegelte. »Sehr erfreut.«

Elena schüttelte der Vampirin die Hand, dabei nahm sie das lebhafte Pulsieren von frisch eingenommenem Blut und einen schnellen Herzschlag wahr. Es lag ihr auf der Zunge, Suhani zu fragen, wen sie denn zum Frühstück verspeist habe– das Blut war ungewöhnlich kräftig–, doch sie unterdrückte diese Anwandlung noch gerade rechtzeitig, um keine Scherereien zu bekommen. »Gleichfalls.«

Suhani lächelte, und Elena erkannte darin ein Wissen, das auf jahrhundertealter Erfahrung beruhte. »Sie sind gut durchgekommen.« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Es ist erst Viertel vor acht.«

»Ja, es war nur wenig Verkehr.« Und keinesfalls wollte sie gleich zu Beginn dieses Treffens einen Fehler machen. »Bin ich zu früh?«

»Nein, er erwartet Sie schon.« Suhanis Lächeln verblasste, stattdessen malte sich leichte Enttäuschung auf ihrem Gesicht. »Ich habe Sie mir viel… viel furchteinflößender vorgestellt.«

»Sie sehen sich doch nicht etwa Die Beute des Jägers an?« Spontan machte Elena ihrer Empörung Luft.

Suhani schenkte ihr ein sonderbar menschliches Lächeln. »Ich fürchte doch. Die Sendung ist so unterhaltsam, außerdem ist der Regisseur, R.S. Stoker, ein ehemaliger Vampirjäger.«

Natürlich, und Elena war die Zahnfee. »Haben Sie geglaubt, ich würde mit einem riesigen Schwert und glühend roten Augen hier aufkreuzen?« Elena schüttelte den Kopf. »Sie sind eine Vampirin. Sie wissen doch, dass das alles Unsinn ist.«

Suhanis Gesichtsausdruck veränderte sich und machte einer dunklen, kühlen Seite Platz. »Sie scheinen sich meiner Herkunft ja recht sicher zu sein. Die meisten kommen nicht darauf, dass ich eine Vampirin bin.«

Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für Aufklärungsunterricht. »Ich habe eben viel Erfahrung.« Gleichmütig zog Elena die Achseln hoch. »Wollen wir hinaufgehen?«

Auf einmal wurde Suhani nervös, und das war nicht gespielt. »Verzeihen Sie mir bitte. Ich habe Sie warten lassen. Wenn Sie mir folgen wollen.«

»Kein Problem. War ja nur kurz.« Insgeheim war Elena für die Unterbrechung dankbar; dadurch hatte sie ein wenig Zeit gehabt, sich etwas zu beruhigen. Wenn diese elegante, wenn auch sensible Vampirin mit Raphael zurechtkam, dann konnte sie es auch. »Wie ist er denn so?«

Suhani stockte kurz, bevor sie sich so weit gefasst hatte. »Er ist… ein Erzengel.« Aus ihrer Stimme waren Ehrfurcht und Angst gleichermaßen zu hören.

Im Nu war Elenas Selbstvertrauen in sich zusammengestürzt. »Sehen Sie ihn oft?«

»Ich? Nein, wieso?« Die Empfangsdame lächelte verwirrt. »Er muss ja nicht durchs Foyer. Schließlich kann er ja fliegen.«

Elena hätte sich für die dumme Frage ohrfeigen können. »Stimmt.« Sie waren am Fahrstuhl angekommen. »Vielen Dank.«

»Gern geschehen.« Suhani tippte eine Zahlenfolge auf der Zahlentafel neben dem Fahrstuhl ein. »Sie können damit direkt bis zum Dach hochfahren.«

Elena hielt inne. »Zum Dach?«

»Dort erwartet er Sie.«

Trotz ihrer Bestürzung stieg Elena ohne Umschweife in den riesigen, verspiegelten Aufzug, denn sie wusste, dass es zu nichts führte, das Treffen noch weiter hinauszuzögern. Als sich die Türen geschlossen hatten, drehte sie sich noch einmal zu Suhani um und fühlte sich auf beklemmende Weise an den Vampir erinnert, den sie vor weniger als zwölf Stunden in eine Holzkiste gesperrt hatte. In diesem Moment spürte sie, wie es war, auf der anderen Seite zu stehen. Wenn sie nicht so sicher gewesen wäre, dass man sie beobachtete, hätte sie ihr professionelles Gehabe fallen gelassen und wäre wie eine Verrückte hin- und hergerannt.

Oder wie eine Versuchsratte in einem Labyrinth.

Das sanfte Gleiten des Fahrstuhls verriet seine Exklusivität. Auf der LCD-Anzeige rasten die Zahlen in einem atemberaubenden Tempo. Nach dem fünfundsiebzigsten Stockwerk hörte Elena auf zu zählen. Dafür machte sie Gebrauch von den Spiegeln, vorgeblich, um den verdrehten Riemen ihrer Handtasche zu richten… doch tatsächlich vergewisserte sie sich, dass ihre Waffen gut verborgen waren.

Eigentlich hatte sie niemand angewiesen, unbewaffnet zu kommen.

Flüsternd hielt der Fahrstuhl, und die Türen öffneten sich. Um erst gar kein Zaudern aufkommen zu lassen, trat Elena beherzt hinaus auf eine kleine von Glaswänden umgebene Fläche. Ihr war sofort klar, dass es nur der obere Schacht der Fahrstuhlkabine war. Das Dach lag jenseits der Glaswände… und hatte noch nicht einmal ein symbolisches Geländer, um einen unfreiwilligen Sturz aufzuhalten.

Ganz offensichtlich scherte sich der Erzengel wenig um das Nervenkostüm seiner Gäste.

Doch konnte Elena auch nicht behaupten, er sei ein schlechter Gastgeber– in der Mitte der großen, freien Fläche stand in einsamer Pracht ein Tisch, gedeckt mit Croissants, Kaffee und Orangensaft. Auf den zweiten Blick erkannte sie, dass das Dach nicht aus einfachem Beton bestand. Es war mit kleinen dunkelgrauen Fliesen bedeckt, die im Sonnenlicht silbern schimmerten. Wunderschön und zweifellos ein Vermögen wert. Was für eine Verschwendung, dachte sie, bis ihr einfiel, dass ein Dach für geflügelte Wesen durchaus nicht dasselbe wie für Menschen bedeutete.

Von Raphael keine Spur.

Elena öffnete die Glastür und trat ins Freie. Erleichtert stellte sie fest, dass die Fliesen eine raue Oberfläche hatten– im Augenblick wehte nur eine leichte Brise, doch sie wusste sehr wohl, dass der Wind in diesen Höhen überraschend heftig werden konnte und hohe Absätze nicht gerade einen besonders festen Stand verliehen. Ob das Tischtuch am Tisch festgenagelt war? Denn sonst würde es eher früher als später samt Essen davonfliegen.

Andererseits würde ihr das auch nicht besonders viel ausmachen. Nervosität wirkte nicht gerade appetitanregend.

Sie legte ihre Handtasche hin, ging vorsichtig vor zu einer Seite des Daches… und spähte hinunter. Heiterkeit überkam sie beim Anblick der Engel, die unter ihr ein- und ausflogen. Beinahe schienen sie nahe genug, um die Hand danach auszustrecken; ihre mächtigen Flügel waren verführerisch wie die Gesänge der Sirenen.

»Vorsicht.« Die Stimme klang sanft und hatte einen leicht amüsierten Unterton.

Elena war nicht vor Schreck zusammengefahren, denn sie hatte den leichten Windstoß seiner fast lautlosen Landung gespürt. »Würden die Engel mich auffangen, wenn ich fiele?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen.

»Wenn ihnen gerade danach ist.« Er trat neben sie, und aus den Augenwinkeln bemerkte sie seine Flügel.

»Leiden Sie nicht unter Höhenangst?«

»Nein, habe ich noch nie«, bekannte sie, dabei jagte ihr die schiere Macht, die er verströmte, eine solche Angst ein, dass ihre Stimme geradezu normal klang. Das war ihre Rettung, denn sonst hätte sie auf der Stelle angefangen zu schreien. »Ich bin noch nie zuvor irgendwo so weit oben gewesen.«

»Wie finden Sie es?«

Elena holte tief Luft und trat dann einen Schritt zurück, bevor sie sich zu ihm umdrehte. Wie ein Schlag traf sie sein Anblick. Er war… »Wunderschön.« Die Augen waren von solch klarem Blau, als wären sie von einem himmlischen Künstler aus zermahlenen Saphiren mit dem feinsten Pinsel auf Leinwand aufgetragen worden.

Sie hatte den Schock seines Anblicks noch nicht überwunden, als plötzlich eine Bö über das Dach hinwegfegte und eine Strähne seines schwarzen Haares anhob. Doch schwarz war ein viel zu zahmes Wort. Die Farbe war so rein, dass in ihr die Nacht widerhallte, leidenschaftlich und lebendig. Lose fiel ihm das Haar in den Nacken, umrahmte sein scharfkantiges Gesicht– Elena juckte es in den Fingern darüberzustreichen.

Raphael war wirklich schön, schön wie ein Kämpfer oder ein Eroberer. Jeder Zentimeter seiner Haut, jede Zelle seines Körpers vermittelte Macht. Dabei hatte sie noch nicht einmal seine geradezu perfekten Flügel ganz gesehen. Die Federn waren puderweiß und schienen mit Gold bestäubt. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass jedes selbst noch so kleine Federchen eine goldene Spitze hatte.

»Ja, es ist wunderschön hier oben«, sagte er und unterbrach damit ihre schwärmerischen Gedanken.

Irritiert blinzelte sie und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, denn sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. »Ja.«

In seinem Lächeln lag ein Anflug von Spott, von eitler Männlichkeit… und einer unverhohlenen tödlichen Zielstrebigkeit. »Lassen Sie uns beim Frühstück plaudern.«

Wütend kaute sie auf den Innenseiten ihrer Wangen herum, weil sie sich von Raphaels physischer Erscheinung so hatte ablenken lassen. In diese Falle würde sie nicht ein zweites Mal tappen. Ganz offensichtlich war er sich seiner Schönheit bewusst, wusste, welchen Eindruck er bei arglosen Sterblichen hinterließ. Das machte ihn zu einem AS, einem arroganten Scheißkerl, dem sie mit Leichtigkeit widerstehen würde.

Er rückte einen Stuhl vom Tisch ab und wartete. Sie blieb in einiger Entfernung stehen, war sich seiner Größe und Stärke nur allzu bewusst. Elena war es nicht gewohnt, sich klein zu fühlen. Oder schwach. Dass er in ihr beide Gefühle auslöste– und sich nicht einmal besondere Mühe geben musste–, machte sie so wütend, dass sie zu einem Vergeltungsschlag ausholte. »Ich habe ungern jemanden im Rücken.«

In den blauen, so unglaublich blauen Augen blitzte es überrascht auf. »Sollte nicht vielmehr ich derjenige sein, der ein Messer im Rücken zu fürchten hat? Schließlich tragen Sie die versteckten Waffen.«

Dass er bei ihr Waffen vermutete, hatte nichts zu bedeuten. Ein Jäger war stets bewaffnet. »Aber ich bin sterblich und Sie nicht.«

Amüsiert winkte er ab und begab sich auf die andere Seite des Tisches; dabei hinterließen seine Flügel eine schimmernde weißgoldene Spur auf den blanken Fliesen. Bestimmt hatte Absicht dahintergesteckt. Denn Engel verloren nicht ohne Grund Engelsstaub. Wenn sie es taten, beeilten Menschen und Vampire sich gleichermaßen, ihn aufzuheben. Für ein bisschen glänzenden Staub wurde mehr gezahlt als für einen perfekt geschliffenen Diamanten.

Doch wenn Raphael sich einbildete, sie würde jetzt auf Knien den Staub zusammenkratzen, hatte er sich gehörig in ihr getäuscht.

»Sie fürchten sich nicht vor mir«, sagte er.

Sie war nicht so dumm, ihn anzulügen. »Doch, ich sterbe fast vor Angst. Aber Sie haben mich sicherlich nicht den ganzen Weg hierherkommen lassen, um mich vom Dach zu schubsen.«

Seine Lippen kräuselten sich, als hätte sie etwas Komisches gesagt. »Setzen Sie sich, Elena.« Ganz fremd klang ihr Name aus seinem Mund. Bezwingend. Als wenn er damit Macht über sie gewänne. »Wie Sie schon bemerkt haben, habe ich nicht die Absicht, Sie umzubringen. Nicht heute.«

Ganz Kavalier alter Schule, wartete er, bis sie sich mit dem Rücken zum Fahrstuhl gesetzt hatte. Dann nahm er ebenfalls Platz und legte seine Flügel anmutig über die Lehne des für einen Engel angefertigten Stuhls. »Wie alt sind Sie?«, hörte sie sich neugierig fragen, bevor sie die Frage hinunterschlucken konnte.

Raphael zog eine perfekt geschwungene Braue in die Höhe. »Haben Sie denn gar keinen Sinn für Selbsterhaltung?« Auch wenn es nur so dahingesagt war, spürte Elena den stahlharten Unterton.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken. »Einige würden mir das absprechen– schließlich bin ich eine Vampirjägerin.«

In den kristallinen Tiefen dieser himmlischen Augen schimmerte es dunkel und äußerst gefährlich.

»Eine Jägerin von Geburt, keine angelernte.«

»Ja.«

»Wie viele Vampire haben Sie denn gefangen oder getötet?«

»Das wissen Sie besser als ich. Deshalb sitze ich doch hier.«

Erneut fuhr ein Windstoß über das Dach, diesmal so stark, dass die Tassen klapperten und sich eine Strähne aus Elenas zum Zopf geflochtenem Haar löste. Sie versuchte erst gar nicht, die Strähne wieder festzustecken, stattdessen widmete sie ihre volle Aufmerksamkeit dem Erzengel. Dieser betrachtete sie seinerseits wie ein großes Raubtier den Hasen, den es gleich verschlingen wird.

»Durch welche besonderen Fähigkeiten zeichnen Sie sich aus?« Die Frage war eine Aufforderung, ihr schneidender Ton eine Warnung. Der Erzengel fand sie nicht länger komisch.

Elena zwang sich, ihn anzusehen, obwohl sie die Nägel in die Oberschenkel graben musste, um einen inneren Halt zu finden. »Ich kann Vampire wittern. Sie anhand ihres Geruchs voneinander unterscheiden.« Eine eher nutzlose Begabung– es sei denn, man war Vampirjäger. Der Begriff »Berufswahl« verlor damit jegliche Bedeutung.

»Wie alt muss ein Vampir sein, damit Sie ihn wahrnehmen können?«

Eine seltsame Frage, und Elena dachte ein Weilchen nach, bevor sie antwortete. »Der jüngste Vampir, den ich aufgespürt habe, war zwei Monate alt. Aber das war ein Grenzfall, denn meistens dauert es ein Jahr, bevor sie übermütig werden.«

»Also hatten Sie bislang noch nie Kontakt mit noch jüngeren Vampiren?«

Elena wusste nicht, worauf er mit seinen Fragen abzielte. »Kontakt schon, aber nicht als Jägerin. Sie sind ein Engel– Sie wissen ja, dass Geschöpfe im ersten Monat nach ihrer Erschaffung noch nicht so gut funktionieren.« Genau dieses Entwicklungsstadium war es, das dem Mythos von Vampiren als leblosen Zombies ohne eigenen Willen Nahrung gab.

In den ersten Wochen waren sie wirklich gruselig. Mit ihren weit aufgerissenen, seelenlosen Augen, der bleichen toten Haut und ihren unkoordinierten Bewegungen. Deshalb vergriffen sich Vampirhasser auch immer an neuen Geschöpfen. Für die meisten war es viel leichter, jemanden zu verstümmeln und zu foltern, der wie ein wandelnder Leichnam aussah, als jemanden, der ihr bester Freund hätte sein können. Oder ihr Schwager, so wie bei Elena. »Wenn sie so jung sind, können sie sich noch nicht selbst versorgen, geschweige denn fliehen.«

»Trotzdem werden wir einen Versuch machen.« Der Erzengel griff nach dem Glas Orangensaft und nahm einen Schluck. »Essen Sie.«

»Ich habe keinen Hunger.«

»Es ist eine Blutsünde, die Gastfreundschaft eines Erzengels zu verschmähen.«

Elena hatte dieses Wort noch nie zuvor gehört, doch da es Blut beinhaltete, konnte es nichts Gutes bedeuten. »Ich habe schon zu Hause gegessen.« Das war eine faustdicke Lüge. Zu Hause hatte sie gar nichts herunterbekommen, außer Wasser, und auch das nur mit Mühe.

»Dann trinken Sie zumindest etwas.« Das war ein klarer Befehl, der unverzüglichen Gehorsam forderte.

Irgendetwas brannte bei ihr durch. »Denn sonst…?«

Der Wind stand still. Selbst die Wolken schienen zu erstarren.

Elena hörte das Flüstern des Todes.

 

3

Ganz instinktiv wollte Elena nach dem Messer in ihrem Stiefel greifen, zustechen und schleunigst verschwinden, doch sie zwang sich zur Ruhe. Sie wäre auch keine zwei Schritte weit gekommen, Raphael hätte ihr jeden einzelnen Knochen im Körper gebrochen.

Genau das hatte er mit einem Vampir getan, der ihn hatte hintergehen wollen.

Mitten auf dem Times Square hatte man den Vampir gefunden. Er war noch am Leben. Und schrie immer noch vergebens: »Nein! Raphael, nein!« Doch seine Stimme war nur noch ein Krächzen, denn sein Kiefer hing lediglich an schnurdünnen Sehnen, stellenweise fehlte sogar das Fleisch.

Elena, die zu der Zeit außer Landes auf Jagd gewesen war, hatte die Berichterstattung in den Nachrichten verfolgt. Der Vampir hatte drei Stunden lang Todesqualen ausgestanden, bis er schließlich von zwei Engeln abgeholt worden war. Jeder in New York, vermutlich sogar jeder im ganzen Land, hatte gewusst, dassder Vampir dort lag, doch keiner hatte es gewagt, ihm zu helfen, weil ihm Raphaels Zeichen auf der Stirn brannte. Der Erzengel hatte die Bestrafung vor aller Augen ausgeübt, wollte daran erinnern, wer und was er war. Es hatte funktioniert. Jetzt reichte schon die Nennung seines Namens aus, um Angst zu verbreiten.

Doch Elena würde nicht vor ihm kriechen, vor niemandem. Diesen Entschluss hatte sie in jener Nacht gefasst, in der ihr Vater sie zwingen wollte, vor ihm bettelnd auf die Knie zu gehen, damit er sie vielleicht, aber nur vielleicht, wieder in die Familie aufnahm.

Seit zehn Jahren hatte sie nun schon nicht mehr mit ihrem Vater gesprochen.

»Sie sollten vorsichtiger sein«, sagte Raphael in die unnatürliche Stille hinein.

Bei diesen Worten empfand Elena keine allzu große Erleichterung, denn die Bedrohung lag noch immer in der Luft. »Ich mag keine Spielchen.«

»Gewöhnen Sie sich daran.« Er lehnte sich wieder zurück. »Wenn Sie nur Ehrlichkeit erwarten, werden Sie nicht lange leben.«

Da sie spürte, dass die Gefahr vorbei war– im Augenblick wenigstens–, öffnete sie mühsam ihre Fäuste. Das zurückströmende Blut pulsierte schmerzhaft in ihren Fingern. »Ich habe nicht gesagt, dass ich Ehrlichkeit erwarte. Menschen lügen. Vampire lügen. Selbst…« Sie konnte sich gerade noch beherrschen.

»Sie werden doch nicht etwa jetzt Zurückhaltung üben?« Da war sie wieder, diese Heiterkeit, doch hatte sie jetzt einen scharfen Unterton angenommen, der ihr wie ein Messer über die Haut strich.

Elena blickte in Raphaels vollkommenes Gesicht, nie zuvor war sie einem gefährlicheren Wesen begegnet. Sollte sie sein Missfallen erregen, würde Raphael sie genauso mühelos beseitigen, wie sie eine lästige Fliege erschlagen würde. Auch wenn essie noch so wütend machte, sie würde nicht so dumm sein, das zu vergessen. »Sie sagten, Sie wollten mich auf die Probe stellen?«

In diesem Moment bewegte er leicht seine Flügel und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ihren Anblick. Sie waren so schön, dass Elena gar nicht anders konnte, als sie zu begehren. Fliegen zu können… was für eine herrliche Gabe.

Raphaels Augen richteten sich auf einen Punkt über ihrer linken Schulter. »Es ist eher ein Experiment als eine Prüfung.«

Sie drehte sich nicht um, das war nicht nötig. »Hinter mir steht ein Vampir.«

»Sind Sie sicher?« Sein Gesicht zeigte keinerlei Reaktion.

Jetzt hätte sie sich gerne umgedreht. »Ja.«

Er nickte. »Schauen Sie hin.«

Zögernd fragte sie sich, was wohl schlimmer war: Einem geheimnisvollen und schwer einschätzbaren Erzengel den Rücken zuzukehren oder einem unbekannten Vampir. Letztlich siegte die Neugier. Auf Raphaels Gesicht zeigte sich ausgesprochene Zufriedenheit, und nur zu gerne hätte sie gewusst, warum.

Sie drehte sich mit ihrem ganzen Körper zur Seite, sodass sie Raphael immer noch aus den Augenwinkeln beobachten konnte. Dann sah sie die beiden… Kreaturen hinter sich. »Mein Gott.«

»Ihr könnt wieder gehen.« Raphaels Befehl löste panische Angst in der Kreatur aus, die etwas Menschenähnliches an sich hatte. Die zweite, die eher einem Tier glich, gehorchte nur stumm und schnell.

Die Kreaturen verschwanden durch die Glastür, Elena schluckte. »Wie alt ist…« Dieses Ding konnte man nicht Vampir nennen. Genauso wenig war es ein Mensch.

»Erik wurde gestern erschaffen.«

»Ich habe gar nicht gewusst, dass sie in dem Alter schon laufen können.« Sie gab sich den Anschein, aus professionellem Interesse zu fragen, doch in Wirklichkeit hatte sie es bei dem Anblick eiskalt überlaufen.

»Er hatte ein wenig Unterstützung.« Raphaels Stimme machte deutlich, dass ihr das als Antwort reichen musste. »Bernal ist… ein ganz klein wenig älter.«

Elena griff nach dem Glas Orangensaft, das sie zuvor noch verschmäht hatte, um den Gestank hinunterzuspülen, der ihr in jede Pore gedrungen war. Bei älteren Vampiren gab es diesen Ekelfaktor nicht. Von Ausnahmen abgesehen– wie zum Beispiel dem Türstehervampir–, rochen sie lediglich nach Vampir, so wie Elena selbst nach Mensch roch. Doch die sehr jungen hatten diesen Stinkkohl-Gammelfleisch-Geruch, den man erst durch dreimaliges Abschrubben loswurde. Deshalb hatte sie auch angefangen, Seifen und Parfums zu sammeln. Nachdem sie das erste Mal mit einem gerade eben Erschaffenen zusammengestoßen war, hatte sie tatsächlich befürchtet, diesen Geruch nie mehr aus der Nase zu bekommen.

»Ich hätte nicht gedacht, dass der Anblick eines neuen Geschöpfes einen Jäger so aus der Fassung bringt.« Auf einmal wirkte Raphaels Gesicht seltsam überschattet, dann erst merkte sie, dass er die Flügel leicht emporgehoben hatte.

Während sie ihr Glas absetzte, fragte sie sich, ob das ein Ausdruck von Wut oder Interesse war. »Nein, eigentlich bringt es mich nicht aus der Fassung.« Zumindest stimmte es jetzt, nachdem sich der erste, unwillkürliche Ekel gelegt hatte. »Es ist der Geruch… wie ein pelziger Belag legt er sich auf die Zunge. Gleichgültig, wie sehr man auch schrubbt, man wird ihn nicht los.«

Auf seinem Gesicht spiegelte sich aufrichtiges Interesse. »So intensiv ist diese Empfindung?«

Sie schüttelte sich und sah sich auf dem Tisch nach etwas um, das ihr helfen konnte. Als er ihr eine aufgeschnittene Pampelmuse hinschob, biss sie mit Genuss hinein. »Mhmm.« Die Fruchtsäure milderte den penetranten Geruch etwas. Auf jeden Fall genug, um wieder klar denken zu können.

»Wenn ich Sie bitten würde, Erik aufzuspüren, wären Sie dazu in der Lage?«

Bei dem Gedanken an die fast toten, noch nicht wieder lebendigen Augen überlief es sie kalt. Kein Wunder, dass die Menschen an die Geschichten von Vampiren als wandelnde Tote glaubten. »Nein. Ich glaube, er ist zu jung.«

»Und wie steht es mit Bernal?«

»In diesem Moment ist er im Erdgeschoss.« Der Geruch des frisch Erschaffenen war so widerlich, dass er sich im ganzen Gebäude verbreitet hatte. »In der Lobby.«

Während Raphael ganz langsam klatschte, spreizten sich seine goldverzierten Flügel und tauchten den Tisch in den Schatten. »Gut gemacht, Elena. Sehr gut!«

Als sie von ihrer Pampelmuse hochblickte, wurde ihr zu spät bewusst, dass sie gerade eben unter Beweis gestellt hatte, wie gut sie war, anstatt zu erreichen, aus »dieser Sache«, was immer »diese Sache« auch war, herauszukommen. Mist. Doch zumindest hatte sie einen ungefähren Eindruck von dem Auftrag bekommen. »Soll ich einen Ausreißer einfangen?«

Mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung hatte er sich vom Sitz erhoben. »Warten Sie bitte einen Moment.«

Wie gelähmt sah sie ihm zu, wie er an den Rand des Daches trat. Er war ein Wesen von solcher Pracht, dass seine bloßen Bewegungen ihr Herz höher schlagen ließen. Dabei war es ihr gleichgültig, dass alles nur eine Illusion und er in Wirklichkeit genauso tödlich war wie das Filetiermesser, das mit einem Gurt an ihrem Oberschenkel befestigt war. Niemand, nicht einmal sie selbst, konnte bestreiten, dass der Erzengel Raphael ein Mann war, den man einfach bewundern musste. Anbeten geradezu.

Von diesem ganz und gar unpassenden Gedanken wurde sie jäh aus ihrer Benommenheit gerissen. Sie schob den Stuhl zurück und starrte angestrengt zu ihm hinüber. Hatte er etwa mit ihren Gedanken gespielt? Genau in diesem Moment drehte er sich herum, und seine quälend schönen blauen Augen trafen sie. Eine Sekunde lang glaubte sie, dass er auf ihre Frage antwortete. Dann wandte er sich ab… und schritt vom Dach.

Sie sprang auf. Nur um sich gleich darauf wieder mit glühend roten Wangen hinzusetzen, als sie sah, dass er aufstieg, um einen anderen Engel zu begrüßen, den sie erst jetzt wahrnahm. Michaela. Das weibliche Gegenstück zu Raphael; von solch strahlender Schönheit, dass Elena ihre Macht selbst auf diese Entfernung spürte. Überrascht wurde ihr bewusst, dass sie hier Zeuge eines himmlischen Treffens wurde.

»Das glaubt mir Sara nie.« Einen Moment lang vergaß sie den penetranten Geruch des jungen Vampirs, denn ihre Aufmerksamkeit war anderweitig gefordert. Natürlich hatte sie schon Fotos von Michaela gesehen, aber wie sie jetzt sehen konnte, wurden sie ihr nicht im Entferntesten gerecht.

Die Haut dieses Erzengels hatte die Farbe von feinster Milchschokolade, ihr üppiges Haar fiel in Wellen bis zur Taille. Ganz und gar weiblich war ihr Körper, schmal und gleichzeitig kurvenreich; ihre feinen bronzefarbenen Flügel bildeten einen glänzenden Kontrast zu ihrem samtenen Teint. Ihr Gesicht… »Wahnsinn.« Selbst von Weitem war Michaelas Gesicht die personifizierte Schönheit. Elena bildete sich ein, ihre Augen sehen zu können– ein helles, unglaubliches Grün–, doch das konnte nur Einbildung sein. Dazu war sie zu weit von ihr entfernt.

Eigentlich spielte es auch keine Rolle. Das Gesicht dieses Erzengels würde nicht nur den Verkehr zum Erliegen bringen, sondern wahre Massenkarambolagen auslösen.

Elena runzelte die Stirn. Obwohl sie Michaelas Aussehen bewunderte, konnte sie ohne Schwierigkeiten klar denken. Und das bedeutete, dass dieser arrogante Kerl mit den blauen Augen tatsächlich ihre Gedanken manipuliert hatte. Sie sollte ihn anbeten? Das blieb abzuwarten.

Niemand, nicht einmal ein Erzengel, würde aus ihr einen Hampelmann machen.

Als habe er ihre Gefühle erraten, sagte Raphael in diesem Moment etwas zu Michaela und kam auf das Dach zurück. Diesmal war seine Landung viel spektakulärer. Bestimmt zögerte er mit Absicht, um das Muster seiner Flügelinnenseiten zur Schau zu stellen. Als hätte man am oberen Ende jedes Flügels einen in flüssiges Gold getauchten Pinsel angesetzt und dann abwärts gestrichen, die Farbe verblasste immer mehr, bis sie unten beinahe in dem Weiß aufging. Trotz ihrer Wut musste sie ehrlich zu sich sein: Käme der Teufel– oder auch ein Erzengel– und böte ihr Flügel an, sie würde ihre Seele dafür verkaufen.

Doch Engel erschufen keine Engel. Lediglich blutsaugende Vampire. Woher die Engel kamen, wusste niemand so genau. Elena vermutete, dass sie ihrerseits Kinder von Engeln waren, doch wenn sie es sich recht überlegte, hatte sie noch nie einen Babyengel gesehen.

Erneut gerieten ihre Gedanken in Unordnung, als sie Raphael auf sich zukommen sah, seine Bewegungen waren so anmutig, so verführerisch, so…

Sie sprang auf, und dabei fiel ihr Stuhl mit lautem Getöse um. »Verschwinden… Sie… aus… meinem… Kopf!«

Raphael blieb stehen. »Haben Sie vor, das Messer zu benutzen?« Eiskalt klangen seine Worte. Es roch nach Blut, und sie merkte plötzlich, dass es ihr eigenes war.

Als sie an sich hinunterblickte, stellte sie fest, dass sie die Klinge des Messers, das sie instinktiv gezogen haben musste, mit der Hand umklammert hielt. Noch nie war ihr ein solcher Fehler unterlaufen. Er zwang sie, sich selbst zu verletzen, um ihr zu zeigen, dass sie für ihn nur ein Spielzeug war. Doch anstatt sich zu wehren, drückte sie noch stärker zu. »Wenn ich für Sie arbeiten soll, einverstanden. Aber ich lasse mich nicht manipulieren.«

Er warf einen kurzen Blick auf das Blut, das von ihrer geballten Faust sickerte. Worte waren überflüssig.

»Vielleicht haben Sie Gewalt über mich«, sagte sie und reagierte damit auf seinen spöttischen Blick, »aber anscheinend reicht sie für diesen Auftrag nicht. Sonst hätten Sie sich die Farce erspart, mich offiziell anzuheuern. Sie brauchen nicht irgendeinen Ihrer Vampirlakaien, sondern mich, Elena Deveraux.«

Er zwang sie, die Klinge freizugeben, und ruckartig ließ sie los. Als das Messer zu Boden fiel, wurde sein Aufprall sanft von der Blutlache gedämpft. Elena blieb regungslos stehen, sie unternahm keinen Versuch, die Blutung zu stillen.

Und als Raphael kam und sich dicht neben sie stellte, wich sie keinen Zentimeter.

»Sie glauben also, Sie haben mich in der Hand?« An dem blauen Himmel stand nicht eine Wolke, doch Elena spürte, wie stürmische Winde ihr Haar zerzausten.

»Nein.« Sein Duft– frisches, klares Meerwasser– umhüllte sie und legte sich über den pelzigen Vampirgeschmack, der ihr noch immer den Mund verpestete. »Mir macht es nichts aus, zu gehen und Ihnen Ihre Anzahlung zurückzuerstatten.«

»Diese Möglichkeit«, sagte er und wickelte dabei eine Serviette um ihre Hand, »existiert nicht.«

Verblüfft über seine unerwartete Geste, schloss sie die Hand, um die Blutung so aufzuhalten. »Warum nicht?«

»Ich will, dass Sie diesen Auftrag erledigen«, antwortete er, als sei das Grund genug. Und für einen Erzengel war es das tatsächlich auch.

»Und was soll ich tun? Jemanden aufspüren?«

»Ja.«

Erleichterung überkam sie so wie der nah bevorstehende Regen. Aber nein, das war sein Geruch, würziges, frisches Meereswasser. »Ich brauche lediglich ein Kleidungsstück, das der Vampir kürzlich getragen hat. Wenn Sie seinen ungefähren Aufenthaltsort kennen, umso besser. Ansonsten setze ich die Computerexperten der Gilde daran, öffentliche Verkehrsmittel, Kontobewegungen und so weiter nachzuprüfen, während ich die Jagd über Land aufnehme.« Im Kopf entwarf sie bereits einen Plan, wog Möglichkeiten ab.

»Sie haben mich falsch verstanden, Elena. Sie sollen keinen Vampir für mich finden.«

Abrupt hielt sie inne. »Sie sind also auf der Suche nach einem Menschen? Kann ich natürlich auch machen, aber da habe ich einem guten Privatdetektiv nichts voraus.«

»Raten Sie weiter.«

Weder Vampir noch Mensch. Da bliebe… »Einen Engel?«, hauchte sie. »Nein.«

»Nein«, sagte er zustimmend, und wieder durchflutete sie ein Gefühl der Erleichterung. Das hielt so lange, bis er schließlich sagte: »Einen Erzengel.«

Elena starrte ihn an: »Das soll wohl ein Scherz sein.«

Unter seiner hübschen, zart gebräunten Haut zeichneten sich jetzt deutlich die Wangenknochen ab. »Nein. Der Kader der Zehn beliebt nicht zu scherzen.«

Bei dem Gedanken an den Kader drehte sich ihr der Magen um– wenn Raphael auch nur annähernd ein Beispiel für ihre tödliche Macht war, wollte sie mit dem erlauchten Gremium keine Bekanntschaft machen. »Warum einen Erzengel?«

»Das geht Sie weiter nichts an.« Sein Ton war unmissverständlich. »Wissen sollten Sie hingegen, dass Sie bei einer erfolgreichen Jagd mit mehr Geld entlohnt werden, als Sie jemals in Ihrem Leben ausgeben können.«

Mit einem Blick auf die blutbefleckte Serviette sagte sie: »Und wenn ich versage?«

»Versagen Sie lieber nicht, Elena.« Seine Augen blickten freundlich, doch sein Lächeln verriet Dinge, die lieber ungesagt blieben. »Sie faszinieren mich– ich würde Sie nur sehr ungern bestrafen.«

In ihrem Kopf blitzten Bilder von dem Vampir am Times Square auf; von dem ganzen Wesen war nur ein zerfetztes Bündel übrig geblieben… Raphaels Auslegung von Strafe.

 

4

Elena saß im Central Park auf einer Parkbank und beobachtete die Enten im Teich. Eigentlich war sie dort hingegangen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, doch es gelang ihr nicht. Alles, woran sie denken konnte, war, ob Enten auch Träume hatten.

Eher nicht, dachte sie. Wovon würde eine Ente schon träumen? Von frischem Brot und einem schönen Flug sonst wohin, wo immer Enten auch hinfliegen mochten. Flug. Ihr stockte der Atem bei den Bildern, die vor ihrem inneren Auge aufflackerten: wunderschöne, golddurchwirkte Flügel, vor Macht funkelnde Augen, der Glanz von Engelsstaub. Verzweifelt rieb sie sich die Augen, um die Erinnerungen aus dem Kopf zu bekommen. Ohne Erfolg.

Es kam ihr vor, als hätte Raphael ihr Unterbewusstsein manipuliert, und jetzt würde es ununterbrochen Bilder ausspucken, von genau den Dingen, an die sie gerade nicht denken wollte. Zuzutrauen wäre es ihm, doch um sie so gründlich durcheinanderzubringen, hatte er eigentlich nicht die Zeit gehabt. Sofort nachdem er ihr gesagt hatte, sie solle lieber nicht versagen, war sie gegangen. Seltsamerweise hatte er sie gehen lassen.

Jetzt kämpften die Enten miteinander, quakten und hackten mit den Schnäbeln aufeinander herum. Mein Gott, konnten denn nicht einmal die Enten friedlich sein? Wie, zum Teufel, sollte sie bei dem Lärm einen vernünftigen Gedanken fassen? Seufzend lehnte sie sich zurück und blickte in die wolkenlose Weite des Himmels. Die Farbe erinnerte sie an Raphaels Augen.

Sie schnaubte verächtlich über sich selbst.

Der Himmel war dem lebhaften Glanz seiner Augen so ähnlich wie ein Klumpen Zirkon einem Diamanten. Eine schwache Imitation. Trotzdem schön. Wenn sie nur lange genug in den Himmel starrte, vertrieb das vielleicht die Gedanken an Flügel, die ihr nicht mehr aus dem Sinn gehen wollten. So wie jetzt. Da sie sich vor ihr Gesichtsfeld schoben und das Blau in weißes Gold verwandelten.

Stirnrunzelnd versuchte sie an der Erscheinung vorbeizusehen. Sie blinzelte.

Makellose Fasern mit goldenen Spitzen traten deutlich hervor. Wie wild raste ihr Herz, doch sie war zu erschöpft, um wirklich Angst zu haben. »Sie sind mir gefolgt.«

»Sie haben den Eindruck gemacht, als brauchten Sie etwas Zeit für sich.«

»Könnten Sie vielleicht Ihren Flügel herunternehmen?«, fragte sie höflich. »Sie versperren mir die Sicht.«

Mit einem sanften Rascheln verschwand der Flügel. Niemals mehr würde sie das Geräusch mit etwas anderem verbinden als mit Flügeln. Raphaels Flügeln. »Wollen Sie mich nicht ansehen, Elena?«

»Nein.« Sie starrte weiterhin in den Himmel. »Ein Blick, und ich bin völlig durcheinander.«

Leise ertönte sein raues, tiefes Lachen… in ihrem Kopf.

»Meinen Blick zu meiden bringt Ihnen gar nichts.«

»Das habe ich schon befürchtet«, sagte sie ruhig, doch die Wut in ihrem Bauch war wie ein glühendes Stück Kohle. »Machen Sie sich einen Spaß daraus, Frauen dazu zu zwingen, sich Ihnen anbetend zu Füßen zu werfen?«

Stille. Dann das Schlagen von Flügeln. »Sie vergeuden Ihr Leben.«

Elena riskierte einen Blick. Zwar stand er am Uferrand, doch sein Körper war ihr zugewandt, und seine unglaublich blauen Augen waren nachtschwarz geworden. »Ich sterbe doch sowieso.« Damit wollte sie an seine Ritterlichkeit appellieren, meistens funktionierte das. »Sie haben es selbst gesagt– allein mit Ihren Gedanken können Sie mich jederzeit fertigmachen. Dagegen ist das andere doch nur eine Lachnummer, oder?«

Schön sah er aus, wie er im Sonnenlicht vor ihr stand und hoheitsvoll nickte. Ein dunkler Gott. Und diesmal war es ihr ureigener Gedanke. Denn sie fühlte sich aus demselben Grund von Raphael abgestoßen wie angezogen: Macht. Mit diesem Mann konnte sie es nicht aufnehmen. Auch wenn es sie in Rage brachte, ihre leidenschaftliche weibliche Seite fand Gefallen daran. Sehr sogar.

»Wenn Sie zu all diesen Dingen fähig sind, zu was ist denn dann der andere Typ fähig?« Sie wandte sich von seinem verführerisch sinnlichen Gesicht ab und wieder den Enten zu. »Wahrscheinlich macht er Hackfleisch aus mir, bevor ich mich ihm auch nur auf dreißig Meter genähert habe.«

»Sie werden beschützt.«

»Ich arbeite allein.«

»Diesmal nicht.« Seine Stimme war stahlhart. »Uram hat eine Vorliebe für Schmerz. Der Marquis de Sade war einer seiner Schüler.«

Auf keinen Fall wollte Elena ihm zeigen, wie sehr sie diese Information aus der Fassung brachte. »Er steht also auf perverse Sexspiele.«

»So kann man es auch nennen.« Irgendwie gelang es ihm, all das Blut, den Schmerz und das Grauen in eine einzige Bemerkung zu legen. Die Gefühle fraßen sich durch ihre Haut, legten sich um ihren Hals, würgten sie und wurden immer widerlicher.

»Hören Sie schon auf«, fuhr sie ihn an, und dabei verschmolzen ihre Blicke wieder miteinander.

»Entschuldigung.« Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. »Sie sind sensibler, als ich dachte.«

Keine Sekunde glaubte sie ihm. »Erzählen Sie mir von Uram.« Viel wusste Elena von dem anderen Erzengel nicht, nur dass er über einen ziemlich großen Teil Europas herrschte.

»Er ist Ihre Beute.« Sein Gesicht versteinerte sich, wurde so ausdruckslos wie eine griechische Statue, die mitternachtsblauen Augen verdunkelten sich und wurden beinahe schwarz. Kühl. Unergründlich. »Mehr müssen Sie darüber nicht wissen.«

»So kann ich nicht arbeiten.« Sie blieb aufrecht stehen, wich nicht zurück. »Ich bin so gut, weil ich mich in meine Zielperson hineinversetze und dadurch sagen kann, wo sie ist, was sie tun und mit wem sie in Kontakt treten wird.«

»Verlassen Sie sich auf Ihre angeborenen Fähigkeiten.«

»Selbst wenn ich Engel wittern könnte«– was sie eben nicht konnte–, »kann ich doch nicht hexen«, sagte sie verdrossen. »Irgendwo muss ich mit der Suche anfangen. Und wenn Sie mir nichts weiter sagen können oder wollen, dann muss ich das aus seiner Persönlichkeit, seinen Verhaltensmustern schließen.«

Er ging direkt auf sie zu und überwand dabei die von ihr so sorgfältig gewahrte Distanz. »Urams nächster Schritt lässt sich nicht vorhersagen. Noch nicht. Wir müssen warten.«

»Worauf?«

»Blut.«

Von diesem einzigen Wort ging eine Kälte aus, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. »Was hat er getan?«

Raphael strich ihr leicht mit einem Finger über die Wange. Sie zuckte zusammen. Nicht etwa, weil er ihr wehtat. Im Gegenteil. Wo er sie überall berührte… als hätte er eine direkte Verbindung zu ihren sinnlichsten weiblichen Zonen. Von einer einzigen Berührung war sie feucht geworden. Doch sie würde nicht zurückweichen, sich nicht geschlagen geben.

»Was«, sagte sie gleich noch mal, »hat er denn getan?«

Der Finger glitt über ihr Kinn, fuhr sanft den Hals entlang und bescherte ihr quälende und ungewollte Lust. »Nichts von Belang. Nichts, was Sie auf die richtige Spur bringen könnte.«

Mühsam schob sie seine Hand beiseite; sie wusste, dass es ihr nur gelang, weil er sie gewähren ließ. Und das reizte sie. »Sind Sie langsam fertig mit Ihren Sexspielchen?«, fragte sie ihn unverblümt.

Diesmal war sein Lächeln mehr als nur eine Andeutung, und seine Augen schlugen von Schwarz zu beinahe Kobaltblau um. So lebendig. Elektrisierend. »Ich habe Ihre Gedanken nicht beeinflusst. Diesmal nicht.«

Mist.

Er hatte gelogen. Natürlich hatte er gelogen. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ sich Elena auf das Sofa fallen. So blöd war sie schließlich nicht, dass sie sich von einem Erzengel angezogen fühlte. Blieb also nur noch die zweite Möglichkeit: Raphael hatte in ihrem Kopf seine Spielchen gespielt, und dass er es nun abstritt, war lediglich eine List, um sie noch mehr zu verwirren.

Doch eine lästige kleine Stimme in ihrem Kopf wisperte fortwährend, dass diese Art der Beeinflussung gar nicht zu dem passte, was sie bislang über Raphael zu wissen geglaubt hatte. Auf dem Dach hatte er kein Hehl daraus gemacht, dass er in ihre Gedanken eingedrungen war. Es war wohl unter seiner Würde zu lügen. »Ha!«, sagte sie zu ihrer inneren Stimme. »Mein Wissen über ihn reicht noch nicht einmal aus, um damit einen Fingerhut zu füllen– er manipuliert die Menschen schon seit Jahrhunderten. Darin ist er gut.« Nicht bloß gut. Profi.

Und jetzt war sie ihm ausgeliefert.

Sofern er seine Meinung innerhalb der letzten Stunden, seit ihrem abrupten Verschwinden vom Ententeich, nicht geändert hatte. Ihre Laune besserte sich zunehmend. Sie schaltete ihren Laptop ein und rief mittels ihrer kabellosen Internetverbindung ihr Gildekonto auf. Auf ihrem Auszug war ein neuer Zahlungseingang vermerkt.

»Zu viele Nullen.« Sie holte tief Luft. Zählte noch einmal. »Immer noch zu viele.«

Und zwar so viele, dass die immerhin doch beträchtliche Summe von Mr Ebose dagegen wie ein Trinkgeld wirkte.