Pfade im Nebel - Nalini Singh - E-Book

Pfade im Nebel E-Book

Nalini Singh

4,8
8,99 €

Beschreibung

Das Netz der Medialen ist in Aufruhr, und die Welt hält den Atem an. Kann der Konflikt noch einen friedlichen Ausgang nehmen oder ist es längst zu spät? Der Kämpfer Vasic findet sich inmitten der Geschehnisse wieder. Da begegnet er einer Frau, deren Liebe ihm eine ganz neue Welt eröffnet ...

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

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Hoffnung

Alphabetisches Personenverzeichnis

Die Autorin

Die Romane von Nalini Singh bei LYX

Impressum

NALINI SINGH

Pfade im Nebel

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Patricia Woitynek

Zu diesem Buch

Der Pfeilgardist Vasic ist seit frühester Kindheit darauf konditioniert, keinerlei Gefühle zu empfinden. Zum eiskalten Soldaten und Killer ausgebildet, hat er unzähligen Menschen den Tod gebracht, sein Geist ist betäubt und seine Seele zerrüttet. Nun ist die Welt der Medialen im Wandel – es gibt Hoffnung auf ein Leben frei von der grausamen Unterdrückung und Gehirnwäsche der Vergangenheit. Doch im Medialnet, in dem alle Begabten geistig verbunden sind, breitet sich eine Fäulnis, ein Virus aus, das alles zu zerstören droht. Allein die Empathen, von denen nur noch wenige existieren, könnten den Verfall aufhalten. Vasic erhält den Auftrag, die Empathin Ivy Jane für das Programm zu rekrutieren und sie zu beschützen. Die Präsenz der einfühlsamen jungen Frau löst in Vasic ein seltsames Unbehagen aus, scheint sie doch davon überzeugt, dass er zu seinen Gefühlen zurückfinden und die Dunkelheit besiegen kann, die ihn zu verzehren droht. Als fanatische Fraktionen unter den Medialen versuchen, das Rad der Zeit zurückzudrehen, geraten die Empathen in höchste Gefahr. Während die Welt um sie herum ins Chaos gestürzt wird, setzt Ivy alles daran, Vasic davor zu bewahren, von den eigenen Dämonen verschlungen zu werden.

Zersplittert

Mehr als hundert Jahre lang war Silentium das System, das die Gattung der Medialen definierte. Von Kindesbeinen an darauf konditioniert, nichts zu fühlen, sind ihre hervorstechenden Merkmale eisige Rationalität, überragende geistige Fähigkeiten und die Einhaltung strikter Verhaltenskodizes. Es ist das, wozu das Programm sie gemacht hat, etwas anderes kannten sie nicht … bis vor wenigen Monaten.

Das ausklingende Jahr 2081 wird auf ewig in Erinnerung bleiben als die Stunde, in der Silentium unter einer Welle mörderischer Gewalt kollabierte, die nur die immensen Kräfte des mächtigsten Medialen im geistigen Netzwerk einzudämmen vermochten. Mit dem Fall von Silentium geht ein Raunen um den Erdball, die Medialen versuchen, ihren Platz in dieser neuen Ordnung zu finden, in der das Herz mehr ist als ein Organ, das Blut durch den Körper pumpt, und Empfindungen nicht länger durch brutale Gehirnwäsche ausgemerzt werden.

Doch obschon das Programm tiefe strukturelle Fehler aufwies, wurde es nicht ohne Grund eingeführt.

Vor Silentium regierten Gewalttätigkeit und Mordlust die Welt der Medialen. Man sagt, keine andere Gattung habe intelligentere, verderbtere oder sadistischere Serienkiller hervorgebracht. Das Schlimmste jedoch war der Wahnsinn, der ihre Gesellschaft ohne Rücksicht auf Gut oder Böse von innen aushöhlte und so viele ins Verderben stürzte, dass man heute von der Kehrseite ihrer außerordentlichen mentalen Gabe spricht.

Wird sich die Vergangenheit in der Zukunft wiederholen?

Steht dem Volk der Medialen ein weiterer endloser Albtraum bevor?

Niemand kann diese Frage beantworten. Jetzt noch nicht.

1

Wer der Pfeilgarde dient, wählt die Isolation und verzichtet auf jede Bindung, die verletzbar machen könnte.

Erster Kodex der Pfeilgarde

Der Mann, der er einmal gewesen war, existierte nicht mehr.

Vasic starrte aus dem Panoramafenster, während der computergesteuerte Handschuh, der mittels Zellfusion Teil seines linken Unterarms geworden war, leise im Diagnosemodus summte. Die Ärzte und Techniker feilten unablässig an der Optimierung ihrer Erfindung, und doch funktionierte das Gerät weiterhin unzuverlässig. Aber Vasic war nicht in Sorge um sein Leben.

Er sorgte sich schon seit Langem um nichts mehr. Die seiner Konditionierung geschuldete frostige Kälte im Herzen war mit dem Fall von Silentium und dem Anbeginn eines neuen Jahres einer tiefen inneren Taubheit gewichen, einem grauen Nebel, der alles erstickte.

Der einzige Grund, warum er morgens noch aufwachte, waren die anderen Pfeilgardisten – seine Weggefährten, die noch auf ein normales Leben hoffen durften. Für ihn war es längst zu spät, seine Hände waren besudelt mit dem Blut Unschuldiger, welche im Namen einer Doktrin, die sich als katastrophal falsch erwiesen hatte, durch ihn den Tod gefunden hatten.

»Was gibt es?«, fragte er den Mann in schwarzer Kampfmontur, der gerade den Gemeinschaftsraum der Kommandozentrale betreten hatte. Die Pfeilgardisten waren alles andere als gesellig, doch wussten sie aus bitterer Erfahrung, dass auch sie nicht immer allein zurechtkamen.

»Krychek hat da eine Theorie.« Aden stellte sich neben Vasic und spähte hinaus auf die Grünanlage hinter dem Glas. Sie gehörte nicht zur äußeren Welt. Die Mitglieder der Truppe waren Schattenwesen, sie operierten im Dunkeln und hatten sich ihr Hauptquartier tief unter der Erde eingerichtet, unerreichbar für jeden, der die entsprechenden Zugänge und Codes nicht kannte.

Sogar ein Teleporter benötigte ein halbwegs klares Bild als Ortsangabe, jedoch existierte von ihrer Kommandozentrale ein solches in keiner Datenbank, weder in der physischen Welt noch im Medialnet. Umso beachtlicher, dass Kaleb Krychek imstande gewesen war, nach der Kontaktaufnahme durch die Garde mitten in deren Hauptquartier zu teleportieren.

Obgleich unterirdisch gelegen, wies die Glasfront der Operationsbasis auf einen weitläufigen, mit Bäumen und Farnen bepflanzten und von einem natürlich wirkenden Teich unterbrochenen Park hinaus. Tagsüber in das warme Licht einer künstlichen Sonne getaucht, wurde die Anlage nachts vom silbrigen Schein eines simulierten Mondes erhellt.

An diese Technologie heranzukommen war eine große Herausforderung gewesen, denn die SnowDancer-Wölfe wachten eifersüchtig über ihre technischen Errungenschaften und nutzten sie vorzugsweise selbst. Doch dieses Licht war für die geistige und körperliche Gesundheit der Pfeilgarde ebenso wichtig wie das kleine Refugium nachgeahmter Außenwelt, auf das es schien.

»Krycheks Theorie dürfte mit der Krankheit zusammenhängen, die das Medialnet befallen hat«, mutmaßte Vasic. Verglichen mit den verstreuten Resten Makelloser Medialer, die, angetrieben von ihrem Fanatismus, weiterhin zu Gewaltbereitschaft neigten, stellte das Virus die weit größere Bedrohung für ihre Gattung dar.

»Dann bist du also auf dem neuesten Stand?«

»Selbstverständlich.« Niemand hatte vorhersehen können, mit welch gefräßiger Rasanz das Virus um sich greifen würde. Es hatte sich schon tief in dem geistigen Netzwerk eingenistet, das, mit Ausnahme der Abtrünnigen, sämtliche Medialen auf dem Planeten miteinander verband und ihre Gattung auszulöschen drohte. Jedes mediale Gehirn benötigte das Biofeedback, das das geistige Netzwerk zur Verfügung stellte, doch bestand nun die Gefahr, dass über denselben Kanal Gift in dieses Gehirn hineingepumpt wurde.

Manche munkelten, dass der Fall von Silentium der Grund für die rapide Ausbreitung war, aber Vasic glaubte nicht daran. Die Fäulnis war zu tief in das Medialnet eingedrungen. Sie hatte mehr als ein Jahrhundert Zeit gehabt, um zu reifen, genährt von den dunklen, verdrehten Gefühlen, die ihre Gattung zu unterdrücken versuchte. »Was besagt Krycheks Theorie?«

Aden verschränkte die Hände locker hinter dem Rücken. »Er denkt, dass die Empathen der Schlüssel sind.«

Die Empathen.

Eine unerwartete Hypothese seitens des doppelten Kardinalmedialen, den viele für den Inbegriff von Silentium hielten – eine Scheinwahrheit, wie ersichtlich geworden war, als er die Schilde um das eisenharte Band zwischen ihm und Sahara Kyriakus gesenkt hatte. Auch seine Konditionierung war defekt, wenn auch nur insofern, als es seine Gefährtin betraf. Ein kritischer Umstand, vor dem viele die Augen verschlossen.

Von Kaleb Krychek ging weiterhin eine tödliche Bedrohung aus.

»Ihm zufolge«, fuhr Aden fort, »deutet die hohe Anzahl von Empathen in der Bevölkerung darauf hin, dass sie auf subtile und von uns unterschätzte Weise unabdingbar für das Gesamtgefüge sind. Das Eindämmen ihrer Fähigkeiten muss sich demzufolge destruktiv auf das Gleichgewicht im Medialnet auswirken.«

Vasic begriff die Logik dahinter. Die Empathen mochten offiziell aus dem geistigen Netzwerk getilgt sein, trotzdem wusste jeder Pfeilgardist, dass diese Kategorie nie Seltenheitswert gehabt hatte. Mit einer Ausnahme. Da die auf Gefühlen beruhenden Kräfte der Empathen im völligen Widerspruch zu den Richtlinien von Silentium standen, war ihre genetische Linie in den Jahren nach Einführung des Programms systematisch ausgerottet worden, ehe der Rat in allerletzter Sekunde begriffen hatte, dass er damit ein lebenswichtiges Organ zerstörte.

Niemand wusste genau, wofür das Netzwerk die Empathen brauchte, aber dass es so war, daran bestand kein Zweifel. Der Rat hatte diese Wahrheit noch vor allen anderen begriffen und sie das »Korrelationskonzept« getauft – sprich, je geringer der Bevölkerungsanteil der E-Medialen, desto mehr häuften sich die Fälle von Psychopathie und anderen Geisteskrankheiten. Doch obwohl man nach dieser Erkenntnis den Empathen gestattet hatte, geboren zu werden, war es ihnen unmöglich gemacht worden, sie selbst zu sein, indem man ihre Fähigkeiten von frühester Kindheit an wegkonditioniert hatte. »Hat Krychek in Betracht gezogen, dass es nicht ausreichen könnte, die Empathen aus ihrem Schlummer zu wecken?«

»Ja, das hat er. Du begreifst also, wo das Problem liegt?«

Es war nicht zu übersehen. Sollten die Empathen aktiv dazu beitragen müssen, die Infektion zu bekämpfen, könnte dies gleichbedeutend mit dem Untergang der medialen Gattung sein, denn es gab niemanden mehr, der die E-Kategorie lehren konnte, was zu tun war. Bis der damals herrschende Rat schließlich eingesehen hatte, dass es ein Fehler war, die E-Medialen aus dem Genpool zu eliminieren, waren deren Alte längst gestorben und die Informationen über ihre Fähigkeiten aus den Archiven gelöscht.

»Wie viele?«, fragte Vasic, dem klar war, dass sie nicht alle Empathen gleichzeitig aus ihrem Dämmerschlaf holen konnten. Die vielen Todesfälle unter ihnen hatten fast zum Kollaps des Medialnet geführt. Es gab keine Prognose, was passieren würde, wenn sie alle auf einmal erwachten, orientierungslos und ohne Kontrolle über ihre Fähigkeiten.

»Eine Testgruppe von zehn.« Aden telepathierte ihm die Liste.

Vasic überflog sie. Jeder der Empathen verfügte über einen hohen Skalenwert, von kardinal bis acht Komma sieben. »Nein«, beschied er seinem Partner, bevor dieser die Bitte äußern konnte. »Ich werde sie nicht holen.«

»Nicht alle. Einer genügt.«

»Nein«, wiederholte er. »Wenn Krychek Empathen entführen will, kann er das selbst tun.« Vasic würde sich von niemandem mehr vor den Karren spannen lassen.

»Glaubst du wirklich, ich würde so etwas von dir verlangen?«

Nun endlich wandte Vasic sich dem Telepathen zu, der zugleich sein einziger Freund war. Sie kannten sich schon seit ihrer Kindheit, als man sie zu gemeinsamen Trainingseinheiten eingeteilt hatte, die darauf abzielten, Vasic in einen kaltblütigen Killer zu verwandeln. Ihre Ausbilder hatten in Aden nicht mehr gesehen als einen nützlichen Sparringpartner, ein folgsames Gegenstück zu Vasics damals noch hitzigem Temperament, einen Jungen, der nur deshalb zum Nachwuchs der Pfeilgarde zählte, weil seine Eltern ihr angehörten und sie ihn von der Wiege an darauf getrimmt hatten, in ihre Fußstapfen zu treten.

Aden hatte seine Ausbildung mit der Qualifikation zum Truppenarzt abgeschlossen. Er hatte dasselbe harte Training durchlaufen wie die anderen Rekruten, war darüber hinaus jedoch keiner besonderen Beachtung für würdig befunden worden – es sei denn, um ihn abzuhärten, weil er zu klein für sein Alter war. Die Personen, die die Dienste der Pfeilgarde in Anspruch nahmen, hatten Aden schon immer unterschätzt und der Truppe dadurch einen Führer gegeben, der zahllose Leben gerettet hatte und dem sie bis ins Fegefeuer folgen würden.

»Nein«, räumte Vasic ein. »Das würdest du nicht.«

Aden wusste genau, wie nah Vasic am Abgrund stand, dass die Ermordung oder Verletzung eines weiteren unschuldigen Individuums den hauchdünnen Faden, der ihn noch ans Leben band, durchtrennen konnte.

»Krychek glaubt, dass der von ihm vorgeschlagene Versuch, die Infektion mithilfe der Empathen in den Griff zu bekommen, nicht funktionieren wird, wenn man sie zur Teilnahme zwingt«, sagte Aden in die Stille hinein. »Keine Ahnung, ob das seine persönliche Einschätzung oder die von Sahara ist, jedenfalls sollen die E-Medialen freiwillig zustimmen.«

Vasic war überzeugt, dass dieser mitfühlende Gedanke sehr wahrscheinlich auf das Konto dieser Frau ging, die praktisch aus dem Nichts aufgetaucht war und sich durch ein unzerstörbares Band mit dem eiskalten doppelten Kardinalmedialen verbunden hatte, obwohl sie selbst sich keineswegs in Silentium befand. »Wo plant Krychek, sein Experiment durchzuführen?«

»Im Territorium der SnowDancer-Wölfe.«

Die Antwort traf ihn unvorbereitet. »Man sagt den Wölfen nach, dass sie Eindringlinge, ohne mit der Wimper zu zucken, erschießen und hinterher den Toten die Fragen stellen. Und die Leoparden gelten als nicht viel freundlicher.«

»Dasselbe habe ich zu Krychek gesagt. Andererseits bietet sich das Revier tatsächlich an.«

»Ein isoliertes Areal, im weiten Umkreis kein mit dem Medialnet verbundenes Bewusstsein.« Folglich würde in diesem Teil des geistigen Netzwerks Stille herrschen, und Krychek hätte für sein Experiment allen Spielraum, den er brauchte.

Doch kämen dafür auch andere Orte infrage.

Damit blieb ein ausschlaggebender Faktor übrig, der für das Territorium der Gestaltwandler sprach. »Es geht um Sascha Duncan.« Die weltweit einzige aktive E-Mediale musste eine wichtige Rolle in Krycheks Plänen spielen.

»Dieser Teil des Netzes ist nicht von der Zersetzung betroffen«, sagte Aden, ohne Vasics Mutmaßung zu bestätigen. »Krychek besitzt jedoch die Macht, die Fäulnis in diesen Bereich zu drängen, ihn zu infizieren. Er behauptet, er könne das Virus nur bis zu diesem Punkt kontrollieren, aber vielleicht lügt er.« Damit drehte er sich um und begab sich zu der Pfeilgardistin, die das Zimmer betreten hatte, um ihn zu sprechen.

Vasic dachte über die vermeintliche Einfachheit von Krycheks Vorhaben nach. Eine isolierte Gruppe von Empathen, eingeschlossen von der Infektion im Medialnet. Falls der Versuch fehlschlug und die Testpersonen dem Wahnsinn verfielen, würde es ein Leichtes sein, alle zehn Männer und Frauen zügig zu lokalisieren. Gleichzeitig würde die Zerstörung eines ohnehin brachliegenden Sektors keine hohen Wellen schlagen.

Insofern war es ein brauchbarer Plan, erhebliche Verluste drohten nicht.

Natürlich konnte niemand vorhersehen, wie das Virus reagieren, was es mit den Empathen anstellen würde.

»Ich kann nicht, Aden«, sagte er, als der TP-Mediale zurückkehrte.

Aden wartete schweigend auf eine Fortsetzung.

»Du weißt, was passiert ist, als ich vor Sascha Duncans Abkehr vom Medialnet mit ihr in Kontakt kam. Es war eine extrem unangenehme Erfahrung.« Ratsfrau Nikita Duncans Tochter hatte zum fraglichen Zeitpunkt vorgegeben, in Silentium zu sein, aber irgendetwas an ihr hatte all seine Alarmglocken schrillen lassen.

Es war eines der wenigen Male, dass er als Erwachsener echten Schmerz gespürt hatte. Im ersten Moment hatte er einen mentalen Angriff vermutet, dann jedoch erkannt, dass es Saschas pure Präsenz im Nebenzimmer war, die wie Sandpapier über seine Synapsen rieb. Er hatte sie instinktiv abgewehrt, als wüsste ein Teil von ihm, dass sie der exakte Widerspruch zu allem war, was man ihn gelehrt hatte.

Erst nach ihrer Flucht und der Enthüllung, dass sie Empathin war, hatte er den Grund für seine Reaktion begriffen und sich an das unangenehme Kribbeln erinnert, das ihn regelmäßig überkam, wenn er in dicht bevölkerten Gebieten unterwegs war. Schlafende Empathen, deren Konditionierung nicht ganz so defekt war, wie es Sascha Duncans sein musste.

Es machte ihn zu einem Sonderfall, dass er sie auf diese Weise spürte – Aden zufolge hatte kein anderes Mitglied der Garde bisher von ähnlichen Erfahrungen berichtet. Vasic vermutete, dass seine Wahrnehmung eine nicht dokumentierte Nebenerscheinung seiner Zugehörigkeit zur TK-R-Kategorie war. Patton, der einzige andere TK-Reisende, den Vasic kannte, hatte sich häufig über ein »Ziepen« unter der Haut beklagt, wenn er sich in die Außenwelt begab.

Ob etwas Wahres daran war oder nicht, bei Vasic ließ sich der Effekt nicht eindämmen; das Gefühl, seine Haut würde mit Glassplittern abgerieben, verstärkte sich, während die Konditionierung der E-Medialen von Tag zu Tag stärker bröckelte.

Aden ließ sich mehrere Minuten Zeit mit seiner Antwort. »Unangenehm vielleicht, aber nicht kraftraubend.« Die Worte eines Anführers, der einen seiner Männer einschätzte. »Die Empathen werden eine Schutztruppe brauchen. Glaubt man dem historischen Datenmaterial, das ich aufstöbern konnte, ist dieser Kategorie Aggression gänzlich fremd, also auch unserer Testgruppe.«

Der TP-Mediale behielt seinen ruhigen Ton bei, als er hinzufügte: »Ich möchte, dass du die Mission leitest. Du bist der Einzige, dem ich zutraue, sie alle rechtzeitig aus der Gefahrenzone zu bringen, sollte sich die Infektionslage akut verschlechtern oder die Pro-Silentium-Fraktion im Netz versuchen, ihnen etwas anzutun.«

Vasic wusste, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach – die Garde verfügte noch über andere Mediale, die teleportieren konnten. Nicht so schnell wie er zwar, aber allemal schnell genug. Doch stand keiner so knapp davor, den letzten Schritt in den Abgrund zu tun. »Du willst mich zu leichterer Arbeit abkommandieren?«

»Das ist richtig. Es mag dir nicht bewusst sein, aber du bist ein zentrales Mitglied der Garde, der Mann, auf den alle sich verlassen, wenn die Lage brenzlig wird. Für die Jüngeren bist du eine wichtige Orientierungshilfe, und auch die Älteren hören auf deinen Rat. Dein Verlust würde der Truppe einen vernichtenden Schlag versetzen … von mir ganz zu schweigen.«

»Ich mache schon nicht schlapp.« Gleichzeitig wusste er, dass nur der Tod ihm Frieden und Vergessen schenken würde. »Auf mich wartet noch Arbeit.« Und sie reduzierte sich nicht darauf, bei der Rettung jener Pfeilgardisten zu helfen, die noch die Aussicht auf ein echtes Leben hatten.

Es steht dir nicht zu, müde zu sein. Erst wenn du ihren Namen auf einen Grabstein geschrieben hast, um die Erinnerung an sie in Ehren zu halten, hast du dir dieses Recht verdient.

Es waren die Worte eines Leoparden gewesen, gesprochen über dem zerschlagenen Körper einer Frau, deren Tod Vasic hatte vertuschen sollen. Der Gestaltwandler konnte nicht ahnen, wie viele Namen Vasic schreiben musste, wie viele Leichen er hatte verschwinden lassen, in der festen Überzeugung, zum Wohle seines Volkes zu handeln … auch später noch, nachdem er erkannt hatte, dass die Zeit für eine Revolution längst noch nicht reif war. Jeder einzelne Name hatte Anspruch auf einen Teil seiner Seele.

»Ich will dich zumindest für eine kurze Weile aus der Schusslinie haben.« Aus Adens Stimme sprach wieder der Führer, dennoch war es kein Befehl, für derlei Machtgehabe bestand ihre Freundschaft viel zu lange. »Es gibt noch einen zweiten Grund, warum ich dir diesen Auftrag erteile und dich bitten möchte, ein Team zusammenzustellen. Ich verstehe, dass euch in der Nähe von Empathen unbehaglich zumute ist, trotzdem werdet ihr eine beruhigende Wirkung auf sie haben.«

Weil Vasic und die anderen Pfeilgardisten unwiderruflich von ihren Gefühlen abgeschnitten und innerlich zu Eis erstarrt waren. Anders als jene, deren Konditionierung gebrochen war, kannten sie weder Angst noch Schmerz und schieden somit als Stressverursacher bei den frisch erwachten Empathen aus. »Aber wie passt da die räumliche Nähe zu den Gestaltwandlern ins Bild?« Diese extrem emotionale Gattung, die sich ihre Welt mit leuchtenden Farben und glühender Leidenschaft gestaltete, war das exakte Gegenstück zu den gefühlskalten Medialen.

»Falls Krychek sie davon überzeugen kann, ihm einen Teil ihres Territoriums zur Verfügung zu stellen, will er einer vollständigen Fernüberwachung, auch mittels Satellit, zustimmen und sie darum bitten, physisch nach Möglichkeit Distanz zu halten.« Aden beobachtete einen Schmetterling, der das satte Grün der Bäume verließ, um mit seinen purpurroten Flügeln die Glasscheibe abzutasten, bevor er zurück in freundlichere Gefilde flatterte. »Es wird einige Zeit dauern, bis die Verhandlungen abgeschlossen sind und man sich auf einen Ort geeinigt hat – ob nun innerhalb oder außerhalb der Reviergrenzen. Nutz die Zeit, um die Empathin, die deinem Schutz unterstellt ist, kennenzulernen und festzustellen, ob du es für die Dauer des Experiments in ihrer Nähe aushalten könntest.«

»Dann hast du dich also schon für eine bestimmte Person entschieden?«

»Krychek sagt, dass mit einer Ausnahme sämtliche aufgelisteten Empathen begonnen haben, auf ihre Fähigkeiten zuzugreifen, wenn mitunter auch unbewusst.«

Vasic musste nicht erst fragen, woher Krychek diese Information hatte, er wusste von der engen Bindung zwischen dem kardinalen TK-Medialen und dem Netkopf, jener Wesenheit, die zugleich Bibliothekar und Wächter des Medialnet war. Ohne Zweifel hatte der Netkopf Krychek davon unterrichtet, dass die E-Medialen allmählich aus ihrem Schlummer erwachten.

»Bei deiner Schutzbefohlenen brach die Konditionierung im Alter von sechzehn, woraufhin sie einer aggressiven Rekonditionierung unterzogen wurde, um ihre Fähigkeiten zu lähmen. Zwei Monate später ist sie zusammen mit ihren Eltern von der Bildfläche verschwunden.«

Es war die zweite Überraschung in diesem Gespräch. »Der Netkopf kann die Familie nicht orten?«

»So meinte ich das nicht«, korrigierte Aden. »Wir kennen ihren geografischen Aufenthaltsort, aber es ist ihnen meisterlich gelungen, keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Mutter hat früher als Systemanalytikerin bei einer innovativen Computerfirma in Washington gearbeitet, der Vater war in leitender Position für eine Bank tätig. Heute bewirtschaften sie zusammen mit einer Gruppe anderer Medialer eine große, wenn auch mäßig erfolgreiche Farm in North Dakota.«

Mediale lebten vorzugsweise in Städten unter ihresgleichen, doch schloss das Tätigkeiten in freier Natur nicht generell aus. Wie die Menschen und die Gestaltwandler brauchten auch sie Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Arbeit. Eine derart radikale berufliche Veränderung wies jedoch auf eine gründlich durchdachte Entscheidung hin. »Um ihre Tochter zu schützen?« Das war nicht ausgeschlossen. Der elterliche Instinkt war auch im Volk der Medialen oft eine treibende Kraft, wenngleich Vasic das nicht aus eigener Erfahrung bestätigen konnte.

»Möglich, aber ungewiss.«

Vasic wusste, dass noch mehr kommen würde.

»Ebenso ungewiss ist, ob sie noch Zugang zu ihrer Gabe hat oder ob diese durch die Rekonditionierung irreparabel beschädigt wurde. Ich habe mir das Video angesehen. Es war eine der brutalsten Sitzungen, die mir je vor Augen gekommen ist, nur um Haaresbreite von einer Rehabilitation entfernt.«

»Warum steht sie dann auf der Liste?« Eine derart drastische Gehirnwäsche löschte den Verstand aus, sie verwandelte das Individuum in hirnloses Gemüse, und wenn diese Empathin diesem Zustand so nahe gekommen war, musste sie tiefe seelische Narben zurückbehalten haben.

»Um aussagekräftige Schlüsse ziehen zu können, benötigen wir für dieses Experiment nicht nur Mediale, die nie rekonditioniert wurden, sondern auch solche, die sich der Maßnahme unterzogen haben. Diese Frau zählt zu den sechs Personen in der Gruppe, auf die das zutrifft, allerdings wurde sie am härtesten in die Mangel genommen.«

Adens Logik hatte Hand und Fuß. Ein Großteil der Empathen im Medialnet hatte irgendwann einmal eine Rekonditionierung durchgemacht, um den Geist zurück in die geltende Norm zu pressen, ohne Rücksicht darauf, dass die Gehirne nie als emotionslose Konstrukte angelegt gewesen waren. Folglich wimmelte es im Netz nicht nur von Empathen, die nicht wussten, wie sie auf ihre Gabe zugreifen konnten, sondern auch von solchen, die tief im Kern gebrochen waren.

»Das Positive an ihrer problematischen Konditionierung ist, dass sie keine Schmerzen leiden, wenn sie bricht«, griff Aden Vasics Gedankenfaden mühelos auf.

»Das ist wahr.« Die als Dissonanz bekannte Ebene der Konditionierung diente dazu, das Silentium einer Person zu verstärken, indem sie inakzeptable Gefühlsanwandlungen durch Schmerz bestrafte, aber natürlich konnte diese Methode nicht bei Individuen funktionieren, die nur aus Emotionen bestanden. Es würde sie umbringen. »Nenn mir die Details meines Auftrags.«

Aden reichte ihm einen Umschlag. »Dies ist ein Brief von Krychek an die Empathin, darin legt er sowohl die Rahmenbedingungen für das Experiment als auch ihre Vergütung fest.«

»Er bietet ihnen Jobs an?« Früher hätte der Rat sich einfach ihrer bedient.

»Wir wissen beide, wie intelligent er ist. Wozu Zwang ausüben, wenn man Abmachungen treffen kann?« Kühle Worte, die exakt beschrieben, wie Krycheks Verstand arbeitete.

Aden schickte Vasic ein telepathisches Bild. Es zeigte eine zierliche Frau mit dunklen, schulterlangen Naturlocken und solch außergewöhnlichen Augen, dass er zweimal hinsehen musste. Tiefschwarze Pupillen in leuchtenden, kupferhellen Iriden, die ein feiner goldener Ring umgab. Sie bildeten einen dramatischen Kontrast zu dem schimmernden Porzellanteint, wirkten zu alt, zu scharfsichtig.

Als könnten sie bis auf den Grund seiner Seele blicken.

Vasic prägte sich das Bild der Empathin gut ein, um eine visuelle Orientierungshilfe für die Teleportation zu haben, dann verstaute er es in seinem geistigen Tresor und sah sich den Umschlag an. Jemand hatte mit schwarzer Tinte einen Namen darauf geschrieben: Ivy Jane.

Was Ivy Jane wohl von dem Pfeilgardisten halten würde, der im Begriff stand, ihr Leben auf den Kopf zu stellen – einem Mann, der niemals zu einer Gefühlsregung fähig sein würde? Selbst wenn es physiologisch möglich wäre, würde Vasic keine Risse in seinem Silentium erlauben … weil dahinter purer Wahnsinn lauerte, geboren aus der Erinnerung an blutigen Tod und endloses Grauen.

2

Ohne der neuen Regierungskoalition zu nahe treten zu wollen, hält de facto allein Kaleb Krychek die Macht über das Volk der Medialen in Händen. Es bleibt abzuwarten, wohin er es führen wird.

Aus einem Leitartikel des Medialnet-Bake

Kalebs Oberkörper glänzte vor Schweiß, als er sein Kampfkunsttraining in dem leer geräumten Wohnzimmer des Hauses am Rande von Moskau beendete, wo er und Sahara lebten. Die Terrasse – sein regulärer Übungsplatz – lag unter einer zentimeterhohen Schneedecke begraben, auf die gerade ein heftiger Hagelschauer niederging.

Früher hätte ihn das nicht abgehalten, aber Sahara würde ihm nach draußen folgen und sogar noch unter einem telepathischen Schild vor Kälte schlottern. Darum hatte er das Mobiliar vorübergehend in einen anderen Teil des Hauses teleportiert.

Bekleidet mit schwarzen Leggins und einem weißen T-Shirt saß sie mit ausgestreckten Beinen und gebeugtem Rücken auf dem Teppich und machte die Dehnübungen, die sie während ihrer Tanzausbildung gelernt hatte. »Was ist los?«

Kaleb beobachtete, wie sie sich aufsetzte und geschmeidig auf die Füße sprang. Unbändige Besitzgier erfüllte ihn. Sie war hier. In Sicherheit. Niemand würde ihr je wieder wehtun. Er überlegte, ob die Nachricht, die er gerade vom Netkopf erhalten hatte, sie beunruhigen würde und wie viel er ihr sagen sollte.

Ihre Lippen zuckten amüsiert, als sie das Haarband richtete, das ihre seidige schwarze Mähne zusammenhielt. Die rotgoldenen Strähnen darin wurden vom Licht im Zimmer geschluckt. »Dir ist doch klar, dass ich dich kenne?«

Ja, Sahara kannte ihn, sie sah ihn und liebte ihn dennoch.

Und er hatte ihr das Versprechen gegeben, niemals etwas vor ihr zu verheimlichen. »Objekt 8–91 ist tot.« Sie hatte große Einwände dagegen erhoben, den Mann langsam und ohne Kenntnis der Infektion, die sein Gehirn zerfraß, dahinsiechen zu lassen, aber Kaleb hatte keinen Sinn darin gesehen, ihm zu sagen, dass er der Krankheit, für die es keine Heilung gab, erliegen würde.

Objekt 8–91 hatte als eine Art Barometer für die Seuche fungiert, die sich immer weiter im Medialnet ausbreitete. Millionen würden qualvoll daran sterben, wenn es nicht gelang, sie einzudämmen. Nicht nur war das Biofeedback in den befallenen Sektoren toxisch, auch hatte das Virus begonnen, die Struktur des geistigen Netzwerks in den am schlimmsten betroffenen Regionen zu zersetzen. Falls – sobald – eines dieser dicht bevölkerten Gebiete kollabierte, würde dies Tausende Todesopfer bedeuten.

»Von einer Infektion zu sprechen, ist bequem, aber nicht ganz korrekt.«

Ihre mitternachtsblauen Augen blickten kummervoll, als sie bedächtig nickte. »Es ist das System an sich, nicht wahr? Keine Bakterien, kein Virus oder andere äußere Einflüsse, sondern eine Fäulnis, die im Netz selbst entstanden ist.«

Kaleb fasste sie unter dem Kinn und strich mit dem Daumen über ihre Unterlippe. »Objekt 8–91 hat es am schlimmsten getroffen. Sein Tod bedeutet, dass der Countdown läuft.«

Sahara löste sich von ihm, hob sein dunkelgrünes T-Shirt auf und drückte es ihm in die Hand. »Du wirst dich vor Ort umsehen müssen.« Eine Falte erschien zwischen ihren Augenbrauen. »Pass auf dich auf.« Keine Bitte, ein Befehl.

Kaleb versprach es ihr. Es mutete noch immer wie ein Wunder an, dass die einzige Person, die sich je um ihn gesorgt hatte, in sein Leben zurückgekehrt war. Wann immer Sahara ihn diese Sorge durch Worte oder Taten spüren ließ, füllte sich die dunkle Leere, die in ihm wohnte, mit warmem Licht.

»Ich werde bald zurück sein. Halte den telepathischen Kanal geschlossen.« Sahara war stets bei ihm, aber er wollte ihr ersparen, was er im Haus von Objekt 8–91 mit ziemlicher Sicherheit zu sehen bekommen würde. Da er ihre geistige Berührung niemals zurückweisen könnte, brauchte er ihr Versprechen.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf diese sanfte, tröstliche Weise, mit der sie ihm zu verstehen gab, dass sie ihn für verwundbar hielt. Und das nicht zu Unrecht. Allerdings besaß nur Sahara die Macht, seine Obsidianschilde zum Einsturz zu bringen und ihn mit ihren grazilen Fingern wirkungsvoller gefangen zu nehmen als jede Kette, jeder Kerker.

»Das werde ich.« Das Bettelarmband an ihrem Handgelenk funkelte im Licht. »Wir reden später darüber.« Tiefes Vertrauen in ihrem Blick, das er niemals missbrauchen würde. »Pass auf dich auf, Liebster«, wiederholte sie. »Dich darf mir niemand nehmen.«

Er spürte die Wärme ihres Kusses noch auf der Haut, als er teleportierte … und sich in einem Schlachthaus wiederfand. Objekt 8–91 war vor seinem Tod dem Wahnsinn verfallen. Und er hatte jemanden mitgenommen. Kaleb kniete sich neben den Leichnam, der vor der geschlossenen Tür lag, und versuchte, die Messerstiche zu zählen, die das gestreifte Hemd des Mannes zerfetzt hatten, doch bei neunzehn musste er aufgeben, weil es unmöglich wurde, die Wunden voneinander zu trennen.

Eine Sekunde später begann die Luft rechts von ihm zu flimmern. »Wie haben einen Notfall«, informierte er die beiden Pfeilgardisten, die er telepathisch gerufen hatte. »Objekt 8–91 war infiziert.« Er zeigte auf den schlanken Mann, der auf der anderen Zimmerseite kauerte. Sein Gesicht wies Blutergüsse und Schnitte auf, und hinter seinem Kopf zog sich ein roter Streifen über die Wand, als wäre er dagegengeschmettert worden und daran heruntergerutscht. »Bei ihm war die Krankheit von allen Fällen im Netz am weitesten fortgeschritten.«

Vasic rührte sich nicht von der Stelle, während Aden über die erste Leiche und das im Zimmer verspritzte Blut hinwegstieg, um 8–91 mit einem medizinischen Scanner zu durchleuchten. »Sein Gesicht weist Verletzungen durch stumpfe Gewalteinwirkung auf, sein Schädel wurde zertrümmert, aber einer ersten Einschätzung nach dürfte die Implosion seines Gehirns die Todesursache sein.«

Kaleb wägte die Fakten gegeneinander ab. »Was ist mit der Sunshine Station?«, fragte er und nahm damit Bezug auf die entlegene Forschungsstation in Alaska, wo die Seuche die ersten Medialen dahingerafft hatte. »Die Infizierten dort sind auf andere Weise zu Tode gekommen.«

»Das ist wohl wahr.« Aden scannte nun die Leiche des Erstochenen. »Die Leute wurden irre, sie attackierten einander mit Fäusten, Knüppeln und Messern. Bei unserem Eintreffen waren die Überlebenden zwar geschwächt, aber immer noch psychotisch. Einige verhielten sich derart aggressiv gegen sich selbst, dass sie in der Isolationshaft verstarben, der Rest wurde ins Koma versetzt.«

Adens Bericht stimmte mit dem überein, was Kaleb entgegen den Bemühungen des früheren Ratsherrn Ming LeBon, Ursache und Ausmaß des Massakers zu vertuschen, herausgefunden hatte. Daher wusste er, dass keiner der Komapatienten das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Bei allen war binnen einer Woche nach dem Vorfall der Hirntod eingetreten. »Lässt sich daraus, wie Objekt 8–91 verendet ist, schließen, dass die Viren mutiert sind?«

Der Arzt der Pfeilgarde erhob sich. »Möglich, aber genauso denkbar wäre, dass bei ihm eine genetisch bedingte Anfälligkeit vorlag, die der schädlichen Aktivität des Erregers während der letzten Phase als Nährboden diente. Um Gewissheit zu erlangen, wird eine vollständige Autopsie nötig sein.« Aden sah Kaleb in die Augen. »Haben Sie seine Krankenakte?«

Kaleb telepathierte ihm die detaillierten Protokolle über den körperlichen und geistigen Verfall von 8–91, dabei schweifte sein Blick durch den Raum und analysierte den Schaden. »Sein Opfer könnte ebenfalls infiziert gewesen sein. Es hat gleich nebenan gewohnt.« Damit bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie auch im geistigen Netzwerk Nachbarn gewesen waren.

»Sollen wir diese Region des Medialnet evakuieren?«

»Ich lasse sie bis auf Weiteres unter Quarantäne stellen, allerdings ist das nur eine Überbrückungsmaßnahme.« Der giftige schwarze Ölfilm der Infektion breitete sich immer großflächiger im Netz aus.

Nun ergriff Vasic zum ersten Mal das Wort. »Ich teleportiere die Toten zur Obduktion ins Leichenschauhaus, anschließend mache ich hier sauber.«

Er steht so nah am Abgrund, dass es vielleicht keine Rettung mehr für ihn gibt.

Das hatte Sahara über Vasic gesagt, mit einer Stimme voll des Mitleids für einen Mann, in dem sie einen Seelenverwandten Kalebs sah. Womit sie nicht ganz unrecht hatte. Er mochte Lehrling eines Soziopathen gewesen sein, doch dasselbe ließ sich auch über viele Pfeilgardisten sagen. Der entscheidende Unterschied bestand darin, dass Kalebs Ausbilder die Kontrolle verloren und sich zu nicht genehmigten Morden hatte hinreißen lassen. Unterm Strich waren sie alle in einem Regime aufgewachsen, das versuchte, Werkzeuge für den Gebrauch anderer aus ihnen zu machen – Werkzeuge, derer man sich entledigte, sobald sie ihren Zweck erfüllt hatten.

Kaleb machte sich keine Illusionen über sich selbst, er würde alles und jeden benutzen, um Saharas Sicherheit zu gewährleisten, gleichzeitig hatte er nicht die Absicht, zum Abziehbild des Rates zu werden, den er zerstört hatte. »Das ist nicht nötig«, wies er Vasics Angebot ab. »Die Polizei soll glauben, dass hier ein Mord verübt wurde.«

»Falls es uns nicht gelingt, die Seuche einzudämmen, werden sich solche Vorfälle bald häufen.« Sollten die Behörden herausfinden, was hier tatsächlich geschehen war, hätten sie dieses Wissen maximal ein paar Wochen exklusiv. Obwohl die Nachricht über die Infektion es noch nicht auf die Titelseiten geschafft hatte, gab es in abgelegenen Winkeln des Netzwerks bereits Getuschel. »Ich werde veranlassen, dass die Autopsie von meinen Leuten durchgeführt wird.«

Kaleb fing Adens Blick auf, der besagte, dass der Anführer der Pfeilgarde verstand, warum er diese Entscheidung getroffen hatte. Ein Teil von ihm – der Teil, der sich stets von kaltem Kalkül leiten ließ, solange es nicht Sahara betraf – interpretierte dieses Verstehen als Adens Bestreben, seine Position in der Garde weiter zu stärken.

Gleichzeitig wurde dieses harte Urteil abgemildert durch die Erkenntnis, dass er genau wie die Pfeilgardisten geworden wäre, hätte Sahara ihn nicht vor einem Leben in ewiger Finsternis bewahrt.

Er würde sie noch immer ohne Zögern eliminieren, sollten sie zu einer Gefahr für ihn oder Sahara werden, aber bis dahin würde er tun, worum seine Liebste ihn gebeten hatte.

Verdienen sie nicht auch ein Leben? Ihre Stimme war heiser gewesen, als sie eng aneinandergeschmiegt auf der Sonnenliege seiner Terrasse gelegen und in den sternenübersäten Nachthimmel geschaut hatten.

Sie haben alles für ihr Volk geopfert. Möglich, dass sie einmal an die falsche Doktrin geglaubt und unverzeihliche Dinge getan haben, andererseits haben sie die Welt mehr als ein Jahrhundert lang vor Ungeheuern geschützt. Sollten sie nicht die Chance bekommen, Frieden zu finden?

»Konzentrieren Sie sich auf die E-Medialen«, wies er die beiden Männer an. »Sie sind Ihre oberste Priorität.«

Nachdem die Pfeilgardisten verschwunden waren, fertigte Kaleb den Bericht für die Polizei an und kehrte nach Moskau zurück.

Sahara erwartete ihn am Koi-Teich, ihrem Lieblingsplatz im Haus. »Wie schlimm war es?«, fragte sie und eilte in seine Arme.

Endlich war sie an dem Ort, wo sie schon immer sein sollte. Sieben Jahre Hölle lagen hinter ihr. Sieben Jahre Einsamkeit hinter ihm. Sieben Jahre, für die er die Verantwortlichen mit grausamer Härte zur Rechenschaft ziehen wollte. Einer war tot, in Stücke gerissen von den Klauen und Reißzähnen der Gestaltwandler, jetzt war nur noch Tatiana Rika-Smythe übrig. Er hatte die frühere Ratsfrau in ein unterirdisches Loch gesperrt, aus dem sie niemals entkommen würde, aber er konnte sie noch weit schlimmer bestrafen, ihr Schmerzen zufügen, bis sie sich die Seele aus dem Leib schrie.

»Kaleb.« Saharas Atemhauch streifte seine Lippen, ihre Küsse sein Bewusstsein. Begib dich nicht dorthin. Bleib hier. Bei mir.

Er hatte nie woanders sein wollen.

Er schlug die geistige Tür zu und sperrte das Böse aus, das danach getrachtet hatte, sie für immer zu trennen, dann schilderte er ihr die letzten Minuten im Dasein von Objekt 8–91. »Falls ich recht habe«, schloss er, »sind die Empathen der Schlüssel zum Überleben des Medialnet.«

Sahara neigte den Kopf zur Seite und bedachte ihn mit einem Blick, der von ihrer wachen Intelligenz zeugte. »Aber?«

Kaleb schwelgte in dem Gefühl, ihre Hände besitzergreifend an seiner Taille zu spüren, sie bei sich zu wissen, gesund und lebenssprühend. »Falls ich mich irre oder die Empathen zu beschädigt sind, um die Aufgabe zu bewältigen – was eine grausame Vorstellung wäre –, bliebe mir über kurz oder lang nichts anderes übrig, als die verrotteten und instabilen Teile im Netz zu entfernen.«

Trostloses Begreifen löschte das Licht in Saharas Augen. »Als würde man brandiges Gewebe herausschneiden, damit das gesunde Fleisch heilen kann.«

»Es wäre der denkbar schlimmste Fall.« Millionen würden bei dieser Exzision ihr Leben lassen, aber wenn man der Fäulnis gestattete, sich ungehindert weiter auszubreiten, würde das den Kollaps des ganzen Medialnet und den Tod jeder Person bedeuten, die mit ihm verbunden war.

Sahara eingeschlossen.

Das würde Kaleb niemals akzeptieren, niemals zulassen. Die Welt hatte ihnen schon sieben Jahre genommen. Mehr würde sie nicht bekommen.

Sie schmiegte die Wange an seine Brust und schlang den Arm um seinen Leib. »Wie konnte es nur so weit mit unserem Volk kommen, Kaleb?« Ein Kuss auf Höhe seines pochenden Herzens, als müsste sie sich in Erinnerung rufen, dass sie lebten, dass niemand sie hatte brechen können. »Früher einmal haben wir wundervolle Kunstwerke erschaffen, Sternensysteme mit derselben Hingabe entdeckt wie neue Schmetterlingsarten. Wir waren Forscher und Musiker und Verfasser bedeutender Werke. Aber heute … wie konnten die Medialen sich nur derart zugrunde richten?«

Die Antwort darauf war nicht so einfach wie Silentium, gleichzeitig war Silentium die Antwort. »Weil sie versuchten, sich von allen Makeln zu befreien.«

3

E-Mediale waren nie eine Ausnahmeerscheinung, trotzdem ist nicht viel über sie bekannt. Liegt es daran, dass wir nur erforschen, was wir fürchten? Denn niemand fürchtet die Empathen.

Auszug aus Das Geheimnis der E-Medialen: Empathische Gaben und ihre Schattenseiten von Alice Eldridge

Mit prüfendem Blick untersuchte Ivy die Borke des Apfelbaums auf Anzeichen des Pilzbefalls, der vor zwei Wochen aufgetreten war. Es gab keine. »Die Behandlung hat angeschlagen«, informierte sie ihren Hund. »Die anderen Bäume sind außer Gefahr.«

Rabbit, der mit rhythmisch wedelndem Schwanz den Schnee unter dem Baum beschnüffelt hatte, quittierte die Entwarnung mit einem leisen »Wuff«.

»Dann freust du dich also auch.« Sie trug den Befund in ihr Datenpad ein und setzte ihren Weg fort. Wenige Augenblicke später nahm Rabbit die Verfolgung auf und tollte mit lautlosen Pfoten über die weiche Schneedecke.

Für einen solch kleinen Hund, dachte sie, als das flauschige Fellknäuel an ihr vorbeijagte, konnte er ein ziemliches Tempo vorlegen, wenn er es sich in den Kopf setzte. Schmunzelnd überließ sie ihn seinem Abenteuer und überprüfte einen weiteren Apfelbaum, der ihr Sorgen bereitete, als Rabbit plötzlich zu bellen anfing. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf, aber sie kämpfte gegen den Instinkt der Furcht an und zog die kleine Laserwaffe, die perfekt in ihre Handfläche passte, aus ihrer Hosentasche. Rabbit bellte sonst nie, zumindest nicht so, als witterte er ein Raubtier.

Zehn Sekunden später wusste sie, warum ihr Hund angeschlagen hatte.

Ein Mann stand auf dem Weg zwischen den schneebestäubten Bäumen. Die Körpersprache und die kalten grauen Augen des über eins achtzig großen, breitschultrigen Soldaten zeugten von unnachgiebiger Härte, von purem Silentium. Seine dunklen Haare hoben sich ebenso deutlich von der winterlichen Landschaft ab wie seine schwarze Uniform, die aus Drillichhosen, einem langärmligen, eng anliegenden Shirt aus schusssicherem Material, einer leichten, bis in den Nacken reichenden Schutzweste, schweren Kampfstiefeln und einem elektronischen Handschuh, der an seinem linken Unterarm befestigt war, bestand.

Sie hatten sie ein weiteres Mal gefunden.

Kalter Schweiß brach ihr aus. Sie hatte immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Ihre Gefühle waren zu ungezähmt, sie mussten durch das massive Konstrukt miteinander verwobener Schilde gedrungen sein, das all jene schützte, die an diesem abgelegenen Zufluchtsort zu Hause waren. Ivy blieb nur die Hoffnung, dass sie niemanden außer sich selbst verraten hatte.

Mutter, Vater, telepathierte sie, es ist Gefahr in Verzug. Sagt den anderen, sie sollen in Deckung gehen und ihre Schilde stabil halten. Ich regle das.

Die Furcht krallte ihre eisigen Klauen in Ivys Lungen, als sie ihren Eltern ein Bild des Soldaten schickte, aber sie war kein verängstigtes sechzehnjähriges Mädchen mehr, das glaubte, verrückt zu werden, sondern eine zweiundzwanzigjährige Erwachsene, die wusste, dass sie es nicht verdiente, gefoltert zu werden, nur weil sie defekt und labil war. Niemand würde sie je wieder fesseln und zu brechen versuchen. Auch nicht dieser gefährliche Fremde.

Trotz Winterjacke und Handschuhen spürte sie nun die Kälte, als sie mit klammen Fingern das Datenpad in ihrer Tasche verstaute und die Waffe verschwinden ließ. Das mochte widersinnig erscheinen, aber Ivy wusste intuitiv, dass sie tot sein würde, noch ehe sie ein einziges Mal abdrücken könnte. Gewaltsam würde sie diese Schlacht nicht für sich entscheiden können; tatsächlich stand zu befürchten, dass sie sie überhaupt nicht gewinnen konnte, trotzdem würde sie kämpfen, um den anderen so viel Zeit wie möglich zu verschaffen.

Mit angehaltenem Atem ging sie auf den Soldaten zu, dessen Schulter ein Silberstern zierte. Das Emblem von Ratsherrn Kaleb Krychek, auch wenn dieser seit der Auflösung des Rats nicht länger Anspruch auf den Titel erhob. Jedoch konnte simple Semantik nichts an der Tatsache ändern, dass Kaleb Krychek seit einem Monat der Herrscher über das Medialnet war.

»Rabbit, komm her.« Ivy klopfte auf ihren Oberschenkel, dabei krümmte sie die Finger, um ihr nervöses Zittern zu verbergen.

Zwar nicht mehr bellend, aber immer noch außer sich vor Entrüstung kam der Hund an ihre Seite und starrte den Eindringling feindselig an.

Vollkommen ungerührt erwiderte der Mann seinen Blick. »Er zählt eindeutig nicht zur Familie der Hasen.«

Das war so ziemlich das Letzte, womit Ivy gerechnet hatte. »Ich habe ihn ›Rabbit‹ getauft, weil er so lebhaft ist«, hörte sie sich zu ihrer eigenen Verwunderung sagen. »Der Name schien gut zu ihm zu passen.« Damals, als sie selbst halb tot wie ein Zombie durchs Leben getorkelt war.

»Er besitzt einen Beschützerinstinkt, ist aber nicht gefährlich. Sie sollten sich einen größeren Hund zulegen.« Stahlgraue Augen, so kalt wie beißender Frost, bohrten sich in ihre. Ivy bekam Gänsehaut.

»Nein, er ist genau richtig.« Sie beugte sich kurz nach unten und streichelte ihren treuen Freund. »Aber Sie sind doch bestimmt nicht hier, um über meinen Hund zu reden.«

»Das stimmt.«

»Sie gehören zur Pfeilgarde.« Jener todbringenden Truppe von Attentätern, die lange für einen Mythos gehalten worden war, bevor sie sich mit Kaleb Krychek verbündet hatte. Allerdings blieben sie für den Großteil der Bevölkerung auch weiterhin Phantome, denen niemand leibhaftig begegnen wollte.

Ein knappes Nicken bestätigte ihren gruseligen Verdacht. »Mein Name ist Vasic.«

»Silentium ist gefallen.« Sie würde sich nicht einschüchtern lassen; dies war ihre Farm, ihr Zuhause. »Sie haben kein Recht, mich mitzunehmen.« Kein Recht, sie auf einem Rekonditionierungsstuhl festzuschnallen und mit grausamen mentalen Fingern in ihrem Bewusstsein zu wüten.

»Nein«, sagte er wieder, seine Stimme und Mimik so ausdruckslos, dass sie nicht einmal einen flüchtigen Blick auf den Mann hinter dem Soldaten erhaschen konnte. »Man hat mir den Auftrag erteilt, Ihnen einen Job anzubieten.«

Ivy verschlug es sekundenlang die Sprache. »Sie wollen mir einen Job anbieten?« Vielleicht war sie am Ende doch verrückt und hatte gerade eine täuschend wirklichkeitsnahe Halluzination.

»Ganz genau.«

Nein, für ein Trugbild wirkte er zu grimmig, zu gefährlich. Um ihn auf die Probe zu stellen, trat sie einen Schritt zurück und sagte: »Könnten wir im Gehen weitersprechen? Ich muss noch die restlichen Bäume inspizieren.«

Der Gardist namens Vasic sah schweigend zu, wie sie die Überprüfung des Apfelbaums zu Ende brachte, bei der Rabbits Gebell sie unterbrochen hatte. Als er dann sprach, war seine Stimme so dunkel wie die Tiefen des Ozeans. Er änderte weder Lautstärke noch Intonation, um Rabbits anhaltendes Knurren zu übertönen, trotzdem hörte sie jedes Wort kristallklar.

»Sie wurden als Trägerin einer Gabe identifiziert, die helfen könnte, das Medialnet zu stabilisieren.«

»Was, ich? Ich bin doch nur eine TP-Mediale der Skala drei Komma zwei.« Und doch verspürte sie manchmal ein starkes Ziehen in ihrem Geist, als schlummerten dort immense Kräfte, die nur darauf warteten, geweckt zu werden. Diese Illusion hatte sie in ihrer Jugend fast das Leben gekostet.

»Kennen Sie die Gerüchte über eine E-Kategorie, die im Verborgenen existieren soll?«

Ihre Finger hörten auf, Informationen in das Datenpad zu tippen, während sich eine feine, kristalline Eisschicht um ihre Blutgefäße legte. »E?«

»Empathen.«

Das Wort breitete sich wie eine Schallwelle in ihr aus, die ein tief verwurzeltes, aber vergessenes Wissen in ihr wiederzubeleben versuchte. »Was kennzeichnet einen Empathen?« Ihre Kehle fühlte sich an, als steckten Kieselsteine darin fest.

»Ich bin nicht ganz sicher. Aber es hat mit Gefühlen zu tun.«

Ivy dachte an den Aufruhr qualvoller Emotionen – Schmerz, Abscheu, Zorn, Traurigkeit, unerträglicher Verlust –, an denen ihr Geist in den Minuten vor der grausamen Rekonditionierung fast zerbrochen wäre. Ihre Nase hatte geblutet, die Äderchen in ihren Augen waren geplatzt, ihr Magen hatte rebelliert, während ihr Schädel zu bersten drohte.

Es war der schlimmste Anfall von allen gewesen.

»Gefühle hätten mich einmal fast umgebracht.« Von nacktem Entsetzen übermannt, hatte sie sich nur allzu willig in die Hände der Techniker in der nächstgelegenen Rekonditionierungseinrichtung begeben, nicht ahnend, welche Hölle sie erwartete.

Nach Abschluss ihrer »Behandlung« war es ihr vorgekommen, als wäre sie … verschwunden, die Ivy, die sechzehn Jahre lang gelebt hatte, einfach ausradiert. Tief im Inneren hatte sie stilles Entsetzen über den eigenen Verlust empfunden, doch war diese Trauer für lange, lange Zeit nicht gegen die Leere angekommen.

»Dieser Vorfall«, schnitt Vasics Stimme durch die albtraumhaften Erinnerungen, »war die Folge eines ebenso plötzlichen wie katastrophalen Bruchs Ihrer Konditionierung. Der aufgebaute Druck hat Ihr Bewusstsein in Stücke gerissen.«

Genau das Gefühl hatte sie gehabt – das Gefühl einer verheerenden Explosion in ihrem Kopf.

»Die meisten E-Medialen erwachen langsamer«, fuhr er fort. »Es entstehen feine Haarrisse, durch die der Druck entweichen kann, damit es nicht zu einem solch fatalen Kollaps kommt.«

Die meisten …

»Wie viele gibt es?«, erkundigte sie sich heiser.

»Das ist nicht genau bekannt, aber die Empathen stellen eine wichtige Gruppierung dar.« Seine Augen tasteten ihr Gesicht mit medizinischer Präzision ab. »Sie stehen unter Schock. Setzen Sie sich.« Als sie nicht reagierte, machte er Anstalten, sie zu berühren … und Rabbit attackierte.

»Nein!«, schrie sie.

Aber der Hund erreichte sein Ziel gar nicht erst, sondern wurde mitten im Sprung telekinetisch abgebremst, sodass er nun mit rudernden Pfoten in der Luft schwebte. Ivy befreite ihn aus seiner misslichen Lage und setzte sich mit ihm vor dem Apfelbaum in den Schnee, die Kälte ebenso vergessend wie das Datenpad, das ihr vor Schreck aus der Hand gefallen war. »Ich dachte, Sie würden ihm wehtun«, sagte sie zu dem Pfeilgardisten, der sich gerade als TK-Medialer entpuppt hatte.

Kein Wort der Verteidigung. Als Achtjähriger hatte Vasic sich geweigert, seine telekinetischen Kräfte gegen Lebewesen zu richten, aber er war zu jung gewesen, um der Folter, die dazu gedacht war, jegliches Mitgefühl aus den Zöglingen der Pfeilgarde zu löschen, lange standzuhalten. Er wusste, dass er fähig wäre, dem kleinen Wesen, das so sehr an seiner Besitzerin hing, kurzerhand das Genick oder die Wirbelsäule zu brechen. Dass er solche Taten nie aus freien Stücken verübt hatte, machte nicht den geringsten Unterschied. Mord war Mord. »Soll ich fortfahren?«

Ivy hob den Blick; ihre Pupillen schimmerten wie nachtschwarze Seen im hellen Kupfer der Regenbogenhaut. »Ja, bitte.«

»Es ist anzunehmen, dass Ihre bereits defekte Konditionierung durch den Umkehrprozess weiteren Schaden erlitten hat.« Um sich ein Bild von der Lage zu machen, hatte Vasic sich das von Aden erwähnte Video angesehen, auf dem festgehalten war, mit welcher Brutalität man versucht hatte, Ivy Janes Geist wieder unter Kontrolle zu bringen.

Es war ein Wunder, dass sie keinen Gehirnschaden davongetragen hatte, auch wenn das psychische Trauma natürlich Spuren hinterlassen hatte. Und es zeugte von einem eisernen Willen, dass sie trotz allem den Mut und die Kraft hatte, der Konfrontation mit einem Pfeilgardisten standzuhalten.

»Jedenfalls ist es offensichtlich, dass Ihre Konditionierung wieder zu bröckeln angefangen hat.« Niemand, der vollständig in Silentium war, wäre imstande, für ein Haustier zu sorgen oder Furcht vor ihm zu empfinden, was die klopfende Ader an Ivys Hals deutlich erkennen ließ. »In Ihrem Kopf baut sich neuer Druck auf.«

Ivy setzte Rabbit in den Schnee und murmelte ihm beschwichtigend zu, als er Vasic anknurrte. »Wollen Sie damit andeuten, dass mir dasselbe blühen könnte wie mit sechzehn?«

»Ja.« Er bemerkte, dass sie sich den Hals verrenken musste, um zu ihm hochzusehen, darum ging er vor ihr in die Hocke. »Der mit Ihrer Rekonditionierung betraute Techniker war inkompetent.« Das hatte Vasic ihm bereits persönlich zu verstehen gegeben, und zwar auf eine Weise, die der Mann nicht mehr vergessen würde. »Bildlich gesprochen, hat er alles einfach zurück in Ihren Kopf gestopft und ein Schloss davorgehängt. Aufgrund der dilettantischen Vorgehensweise wird dieses Schloss bald nachgeben.«

Ivy mied seinen Blick, und ihre zarte Kieferpartie zitterte. Offenbar hatte er den Finger auf eine offene Wunde gelegt. »Sie gehen kein Risiko ein, indem Sie offen mit mir sprechen. Ich bin sowohl über Ihr problematisches Silentium als auch über Ihre besondere Gabe im Bilde.«

Mit nachdenklicher Miene rieb sie sich über das Gesicht, bevor sie schließlich nickte. »Das Nasenbluten hat wieder eingesetzt, und als ich gestern in der Stadt war, um Vorräte zu besorgen, wäre ich fast erstickt an einer Woge aus Fröhlichkeit, Wut, Aufregung, Neugier und anderen Gefühlen, die ich nicht voneinander trennen konnte.« Sie strich mit zitternden Fingern durch Rabbits Fell. »Es hielt nur ein paar Sekunden an, aber das reichte schon.«

Vasic sah ihr unverwandt in die Augen, dabei fiel ihm auf, dass der goldene Ring um ihre Iris stärker leuchtete als auf dem Foto, das er sich eingeprägt hatte. »Der Vorschlag, den ich Ihnen unterbreiten werde, könnte für Sie die Chance sein, den richtigen Umgang mit ihren empathischen Fähigkeiten zu erlernen. Sollten Sie sich jedoch entschließen, das Angebot abzulehnen und Ihre Gabe weiterhin zu verstecken, kenne ich einen M-Medialen, der die gebrochenen Teile des defekten Schlosses entfernen und durch eine wesentlich stabilere Konstruktion ersetzen könnte.«

Die Frau, in deren Gegenwart er dasselbe körperliche Unbehagen empfand wie in Sascha Duncans, schaute ihn wortlos an. Sollte Ivy auf Krycheks Vorschlag eingehen, würde er nicht um eine weitere Mission bitten. Die Begegnung mit ihr hatte ihm vor Augen geführt, dass neben den Kindern die Empathen die wohl unschuldigsten Wesen im Medialnet waren.

Ihm war weder Ivys Waffe entgangen noch der Unwillen, mit dem sie sie gehalten hatte. Ihr Mienenspiel war sehr ausdrucksstark, es gab alles preis, auch dass sie sich freiwillig als Ablenkung zur Verfügung gestellt hatte, um die anderen, die hier lebten, zu schützen. Natürlich könnte er sich in ihr täuschen, aber das Risiko, dass er recht hatte und sie verletzbar war, war zu groß. Er durfte sich nicht darauf verlassen, dass Krychek Wort halten würde, was die Sicherheit der Empathen betraf. Das Hauptaugenmerk des Kardinalmedialen galt dem Netz als solchem, nicht dem einzelnen Individuum darin.

Ivy und die anderen brauchten seinen Schutz. Anders als sie würde er nicht zögern, tödliche Gewalt anzuwenden, sollte jemand sie oder einen der anderen Empathen bedrohen. Ihre Unversehrtheit zu gewährleisten würde ihm zwar nicht die Absolution, aber vielleicht für eine begrenzte Weile inneren Frieden verschaffen. »Wie auch immer Ihre Entscheidung ausfällt, man wird sie akzeptieren. Darauf haben Sie mein Ehrenwort.« So gering seine Ehre auch sein mochte, hatte er nie eines seiner seltenen Versprechen gebrochen.

Ivy kraulte Rabbits Fell, als er die Schnauze besorgt in ihre Handfläche stupste. In den wenigen Minuten, seit er angeschlagen hatte, war ihre ganze Welt auf den Kopf gestellt worden. All die vielen Jahre hatte sie geglaubt, sie sei mit einem schwerwiegenden Makel behaftet, und jetzt sagte ihr dieser Pfeilgardist mit den kalten Augen und der eisigen Ruhe, dass das nie der Fall gewesen war.

Umso größer war ihre Angst, dass es für sie trotzdem zu spät sein könnte. »Ich habe durch die Rekonditionierung etwas von mir verloren.« Vermutlich genau den Teil, dessentwegen der Mann gekommen war. »Ich glaube nicht, dass ich es zurückholen kann. Man hat mich zu sehr gebrochen.«

»Also möchten Sie aufgeben? Ihre Niederlage eingestehen?«

Obwohl Ivy wusste, dass in seiner tonlosen Frage kein Urteil enthalten war, rührte sie an ihren Zorn, der wie ein rot glühender Stachel in ihrem Fleisch saß, seit sie wieder sie selbst geworden war. Vasic hatte sich ungewollt zur Zielscheibe gemacht.

Sie kniete sich in den Schnee, bis die eisige Nässe durch ihre Jeans drang, während sie mit aller Kraft zu verhindern versuchte, dass ihre Schilde unter der Druckwelle ihrer Emotionen nachgaben. Zwar hatte Kaleb Krychek das Ende von Silentium verkündet, trotzdem würden sie und die anderen auf der Farm sich erst aus der Deckung wagen, wenn sie hundertprozentig sicher sein konnten, dass das neue Regime Bestand haben würde, dass es nicht nur ein Trick war, um die defekten Medialen aus ihren Verstecken zu locken.

»Was wissen Sie von innerer Leere?«, fragte sie mit aufgebrachter Stimme. »Von mentaler Verstümmelung, dem Gefühl, als würde jeder Nerv, jeder Sinn mit einer Stahlbürste bearbeitet?«

Vasic ließ sich so viel Zeit mit seiner Antwort, dass die Welt den Atem anzuhalten schien. »Ich gehöre der Pfeilgarde an. Mein Training begann, als ich vier Jahre alt war. Ich weiß, wie es ist, wenn das Bewusstsein zerfleischt wird.«

Vier Jahre.

Ihr Zorn zerstob wie unter einem Vorschlaghammer, die Splitter zerrissen sie von innen. Sie rieb sich mit geballter Faust die Brust über dem Herzen. »Das tut mir leid.«

»Warum? Sie können nichts dafür.«

Sie erkannte an seiner Miene, dass er es wirklich so meinte, als wäre der erlittene Schmerz des kleinen verletzlichen Kindes nicht von Belang. »Fühlen Sie denn überhaupt nichts?«, flüsterte sie. »Ist ihr Silentium vollkommen intakt?«

»Es ist besser so.« Sein Blick war wie ein eisiger Windhauch. »Der Tag, an dem ich etwas fühle, ist der Tag, an dem ich sterbe.«

4

Ich würde ein Gemeinschaftsprojekt vorschlagen.

Kaleb Krychek in einem Konferenzgespräch mitLucas Hunter, Alphatier der DarkRiver-Leoparden,und Hawke Snow, Leitwolf der SnowDancer-Wölfe

Hawke, der Sascha gegenübersaß, schüttelte den Kopf. Sein silbriggoldenes Haar leuchtete in der Mittagssonne, die durch das Deckenfenster strahlte. »Eines muss man Krychek lassen«, brummte er. »Der Kerl hat Eier wie ein Elefant.«

Mercy verschluckte sich an ihrem Kaffee und rieb sich hustend die tränenden Augen. »Ein Elefant?« Sie schaute Hawke ungläubig an, während ihr Gefährte Riley ihr auf den Rücken klopfte. »Meinst du das ernst?«

Hawke zuckte die Achseln. »Welches Tier hat größere?«

»Der Punkt geht an ihn«, ließ sich Lucas neben Sascha vernehmen. Zu sechst hatten sie sich an Mercys und Rileys Esstisch eingefunden, die Landschaft hinter den Fenstern war ein Wintermärchen aus hohen Tannen und pudrigem Schnee.

Die Schneemengen hier waren nichts, verglichen mit den höheren Lagen der Sierra Nevada, während es weiter unten überhaupt keine Niederschläge gab, die Luft zwar kalt, aber trocken war.

»Krycheks Eier mögen so groß sein, wie sie wollen, trotzdem ist seine Bitte ziemlich gewagt«, befand Mercy, die nun wieder Luft bekam.

Lucas streichelte geistesabwesend den Nacken seiner Gefährtin, während er den breitschultrigen, mit einem grauen Wollpullover bekleideten Mann neben Riley betrachtete. Als Sascha Judd Lauren zum ersten Mal begegnete, hätte sie sich nicht träumen lassen, dass der verschlossene Pfeilgardist einmal zum Offizier der SnowDancer-Wölfe aufsteigen und sogar ein Paarungsband mit einer Frau aus dem Rudel entstehen würde. Und nicht in einer Million Jahren hätte sie darauf getippt, dass er zum erklärten Liebling sowohl der Wolfs- als auch der Leopardenjungen werden würde.

»Noch mal zurück zu der Information, die Krychek uns bezüglich der Infektion im Medialnet geschickt hat«, sagte Lucas zu Judd. »Konntest du dafür eine unabhängige Bestätigung bekommen?«

Judd nickte. »Er spielt mit offenen Karten.«

»Was nicht zu ihm passt.« Sascha wollte gern glauben, dass die Liebe Kaleb Krychek zum Positiven verändert, dass er bei Sahara dasselbe Glück gefunden hatte wie sie bei Lucas, trotzdem stellte er noch immer eine ernst zu nehmende Gefahr dar. Es gab einen Grund, warum er das jüngste Ratsmitglied aller Zeiten geworden war und sein Name weltweit für Angst und Schrecken sorgte.

Sie nagte an ihrer Unterlippe, während ihr Gefährte weiter ihren Nacken liebkoste – das Verlangen nach Berührung war ein typisches Merkmal der Raubkatzen. »Ich bin ihm rückhaltlos dankbar dafür, dass er vergangenen Monat in San Francisco sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, um unzählige andere zu retten. Trotzdem wäre es blanker Irrsinn, ihm blind zu vertrauen.« Obwohl der kardinale TK-Mediale aktiv dabei mitgewirkt hatte, eine Chemiewaffe unschädlich zu machen, blieb er so undurchsichtig wie eh und je, eine rätselhafte Gestalt, die fast die alleinige Kontrolle über das Medialnet in Händen hielt.

Niemand sollte so viel Macht haben, über das Leben so vieler Individuen bestimmen, ging es Sascha durch den Kopf. Aber wenn nicht Kaleb Krychek, wer dann? Es war allein seiner überwältigenden mentalen und militärischen Stärke zu verdanken, dass das Medialnet nach dem Fall von Silentium nicht von Anarchie und Gewalt hinweggefegt worden war. Daran ließ sich ebenso wenig rütteln wie an der Tatsache, dass ihm seine brutale, kaltblütige Entschlossenheit den Weg an die Spitze geebnet hatte.

Hawke wandte sich mit zusammengekniffenen Augen an Judd. »Ist die Sache mit der Infektion eine geheime Information?«

»Nein, das nicht. Sie hat zwar noch keine Schlagzeilen gemacht, aber die Gerüchte verbreiten sich wie ein Lauffeuer.«

»Also hat Krychek nichts zu verlieren, wenn er uns einweiht«, folgerte Lucas kopfschüttelnd.

Riley überlegte kurz. »Und es ist immerhin nicht so, als wüssten wir nichts von der Existenz der Empathen.«

Aller Augen richteten sich auf Sascha.

Die Hände um die heiße Schokolade geschlossen, die Mercy ihr anstelle des aromatischen Kaffees gemacht hatte, den die anderen tranken, lehnte sie sich an Lucas. »Ich habe keine Bedenken, anderen E-Medialen zu helfen.« Sie spürte, dass Lucas’ Panther näher an die Oberfläche kam und sich wohlig an seiner Haut rieb … an ihr.

Sascha fühlte sich sicher und geborgen, was sich noch verstärkte, als ihr Gefährte ihr den Arm um die Schulter legte und sie an sich zog. »Nichts wünsche ich mir mehr, als meine geistigen Muskeln mit anderen Empathen zu messen.« Sie machte keinen Hehl daraus, wie sehr ihr das fehlte.

Obwohl sie große Freude daran hatte, mit Judds Neffen Toby zu arbeiten, weil der junge kardinale TP-Mediale sie immer wieder mit seinen telepathischen Kunstfertigkeiten erstaunte, stand sie mit ihrer empathischen Gabe völlig allein da. »Ich möchte von den anderen lernen«, fuhr sie fort, »und gleichzeitig mein Wissen an sie weitergeben.« Kenntnisse, die sie sich nach der oftmals frustrierenden Versuch-und-Irrtum-Methode angeeignet hatte. »Aber vor allem will ich ihnen dabei helfen zu begreifen, dass sie nicht gebrochen sind.« In ihren Augen brannten Tränen, und sie schloss die Finger noch fester um ihre Tasse. »Dass sie keine Defekte haben.«

Lucas hauchte einen Kuss auf ihre Schläfe. Ihr starker, liebevoller, beschützender Gefährte war bei ihr gewesen, als sie die Wahrheit über sich herausgefunden und erkannt hatte, dass sie keine beschädigte Kardinale war, wie man sie zeit ihres Leben glauben gemacht hatte, sondern eine Frau, die die Gabe besaß, verletzten und verlorenen Seelen zu helfen.

»Trotzdem lässt dich irgendetwas zögern«, meinte Mercy, deren hellrote Haare einen lebhaften Kontrast zu ihrer perfekt sitzenden blauen Bluse bildeten.

»Ich bin nicht nur Empathin, sondern auch Mutter.« Sascha ging vor Liebe das Herz über, als sie an ihr und Lucas’ süßes Baby dachte. »Und Naya ist nur eins von vielen Kindern im Territorium der Wölfe und der Leoparden.« Junge Gestaltwandler, die furchtbar verletzlich waren. »Wir dürfen sie einer solchen Gefahr nicht aussetzen.« Auch nicht, um Männern und Frauen zu helfen, die so tief verwundet waren wie Sascha früher.

Ihre Brust krampfte sich schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken, aber man durfte die Bedrohung nicht ignorieren, die von den Leuten ausging, in deren Begleitung die Empathen kommen würden.

»Kaleb würde sich an keinem der Rudel vergreifen.«

Judds Zuversicht irritierte Lucas. »Wie viel Pfeilgardist steckt eigentlich noch in dir?« Seine panthergrünen Augen blickten ihn forschend an.

»Man hat mich schon diverse Male darauf hingewiesen, dass ein Gardist, der der Truppe nie die Treue gebrochen hat, auch weiterhin als deren Mitglied betrachtet wird, unabhängig von seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort oder seiner Überzeugung.« Über die Lippen des Offiziers huschte ein unerwartetes Lächeln, das die goldenen Sprenkel in seinen dunkelbraunen Augen aufscheinen ließ.

In diesem Moment traf Sascha die Erkenntnis, dass Judd derselben Welt entstammte wie Kaleb. Er war nicht so rücksichtslos – niemand war so rücksichtlos wie Kaleb Krychek –, aber auch er hatte lange Zeit einsame und dunkle Wege beschritten. Der entscheidende Unterschied jedoch bestand darin, dass Judd durch seine Familie immer einen festen Halt gehabt hatte, während Kaleb von einem Psychopathen aufgezogen worden war, der Dutzende Frauen ermordet hatte.

»Ich stehe in direkter Verbindung zu mehreren Angehörigen der Pfeilgarde.« Der Offizier hielt kurz inne und sah Hawke an.

Auf das Nicken seines Leitwolfs hin fügte er hinzu: »Und außerdem mit Krychek. Dieser Kontakt bestand schon lange vor dem Einsatz in San Francisco.«

»Ich dachte, wir wollten keine Geheimnisse voreinander haben?« Lucas’ Stimme klang wie ein Knurren. Er lieferte sich ein Blickduell mit Hawke, von Alphatier zu Alphatier, von dominantem Wolf zu dominantem Leopard.

Hawke verschränkte die Arme vor der Brust. Sascha stellte ihre heiße Schokolade ab und gab ihm einen tadelnden Klaps auf seine Schulter. Sein dunkelgrünes T-Shirt fühlte sich weich an. In dieser aggressiven Stimmung allein gelassen, würden die beiden Rudelführer sich am Ende nicht nur mit Blicken ineinander verbeißen. »Kein Streit«, ermahnte sie Lucas, der noch immer grimmig dreinschaute. »Du weißt ja, wie dünnhäutig Hawke immer ist, wenn seine Gefährtin sich mit einem gewissen zukünftigen Alphatier der Leoparden zum Mittagessen trifft.«

Lucas entspannte sich mit einem raubtierhaften Grinsen.