Im Feuer der Nacht - Nalini Singh - E-Book

Im Feuer der Nacht E-Book

Nalini Singh

4,8
8,99 €

Beschreibung

Clay Bennett, Halb-Leopard und Wächter der DarkRiver Leoparden, ist zutiefst erschüttert, als er seine Jugendliebe Talin McKade wiedertrifft. Seit zwanzig Jahren hielt er sie für tot, doch nun bittet sie ihn um Hilfe: Kinder mit außergewöhnlichen Begabungen werden entführt, und auch Talin scheint in großer Gefahr zu schweben. Clay muss alles riskieren, um seine einstige Geliebte zu retten. Dabei kommt ihm die wilde, animalische Seite seines Wesens zugute, die Talin einst dazu brachte, sich von Clay zurückzuziehen und ihren Tod vorzutäuschen. Wird Talin ihn jetzt mit all seinen Facetten annehmen können? Ein neuer Band der erotischen Gestaltwandler-Serie! Kreativer, spannender und sinnlicher geht es kaum. LoveLetter

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 529

Bewertungen
4,8 (70 Bewertungen)
58
12
0
0
0



Inhalt

Titel

Widmung

Die Vergessenen

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

Epilog

Impressum

Nalini Singh

 

Roman

Ins Deutsche übertragen von Nora Lachmann

 

In Liebe für meinen Vater Vijay.

Ich danke Dir für alles, am meisten für Dein Lachen.

 

Die Vergessenen

Als der Rat der Medialen 1969 Silentium einführen wollte, um mit diesem Programm die Gefühle der Medialen auszulöschen, sah er sich mit einem scheinbar unlösbaren Problem konfrontiert– der Unreinheit seiner Art.

Anders als die kalten, isoliert lebenden Medialen von heute, waren die Medialen damals ein Teil der Welt und nahmen an ihr teil. Sie träumten, weinten und liebten. Und so war es nur natürlich, dass sie sich manchmal in jemanden verliebten, der nicht einer der Ihren war.

Mediale wurden Gefährten von Gestaltwandlern, heirateten Menschen und bekamen Mischlingskinder. Natürlich sprachen sich diese nicht reinblütigen Medialen besonders vehement gegen Silentium aus. Sie verstanden zwar, was ihre Brüder und Schwestern dazu trieb, ihre Gefühle verleugnen zu wollen– die Angst vor Wahnsinn, die Befürchtung, ihre Kinder würden dem Irrsinn verfallen, der in Wellen unerbittlich ihre Reihen traf–, aber sie wussten auch, dass sie durch Silentium auch die Liebe verlieren würden. Für immer und ewig.

1973 waren die Verhandlungen zwischen den beiden streitenden Fraktionen festgefahren. Man redete weiter miteinander, aber keine Seite war zu einem Kompromiss bereit; es kam zu einem Bruch. Die Mehrheit entschloss sich, im Medialnet zu bleiben und ihren Geist der gefühllosen Kälte eines absoluten Silentiums zu überlassen.

Das Schicksal der Minderheit– Mischlinge und Mediale mit Menschen und Gestaltwandlern als Partnern– liegt im Ungewissen. Die meisten glauben, die Auftragskiller des Rates hätten sie getötet. Silentium– die letzte Hoffnung der Medialen– war zu wichtig, um das Risiko einer Störung durch ein paar Rebellen einzugehen.

Es geht aber auch das Gerücht über einen Massenselbstmord um. Eine dritte und letzte Vermutung besagt, die Rebellen aus längst vergangenen Tagen seien die ersten unfreiwilligen Patienten der damals neu eingerichteten „Rehabilitationszentren“ gewesen, ihr Verstand sei ausgelöscht und ihre Persönlichkeit zerstört worden. Da die Methoden damals noch in den Kinderschuhen steckten, hätten Überlebende höchstens auf der Bewusstseinsstufe von Gemüse gestanden.

Mehr als hundert Jahre später, im herannahenden Frühling des Jahres 2080, herrscht unter den Medialen aber in einem Punkt Einigkeit: Den Rebellen wurde endgültig der Garaus gemacht.

Der Rat der Medialen duldet keine abweichenden Meinungen.

 

1

Eine Frau mit achtundzwanzig Jahren– noch dazu, wenn sie so viel durchgemacht und überlebt hatte wie sie– konnte sich doch nicht davor fürchten, einfach über die Straße zu gehen und in einer Bar einen Mann aufzugabeln, sagte sich Talin McKade.

Es sei denn, der Mann war kein gewöhnlicher Mann. Nach allem, was sie in den zwei Wochen herausgefunden hatte, seit sie Clay endlich aufgespürt hatte, hätte sie nie erwartet, ihm ausgerechnet in einer Bar wiederzubegegnen. Es verhieß auch nichts Gutes, dass sie so lange gebraucht hatte, um Mut zu fassen, sich ihm zu nähern. Aber sie hatte erst ganz sicher sein müssen.

Der große, kämpferische und starke Junge von einst war so etwas wie ein hochrangiger Polizist in dem San Francisco beherrschenden Leopardenrudel. Die DarkRiver-Leoparden wurden überall respektiert, Clays Stellung war demzufolge ein Ausdruck von Vertrauen und Loyalität. Das letzte Wort schnitt ihr wie eine Klinge tief ins Herz.

Clay hatte sich ihr gegenüber stets loyal verhalten. Selbst, als sie es nicht verdient hatte. Sie schluckte und schob die Erinnerungen beiseite; sie durfte sich dadurch nicht beeinflussen lassen. Den Clay von damals gab es nicht mehr. Diesen Mann… kannte sie nicht. Sie wusste nur, dass er nie mehr mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, nachdem man ihn aus dem Jugendgefängnis entlassen hatte. Mit vierzehn hatte man ihn dort eingesperrt– nachdem er einen gewissen Orrin Henderson brutal ermordet hatte.

Talin umklammerte das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß hervorstachen. Ihr Herz schlug wild, und das Blut schoss ihr in die Wangen, als die Angst von damals wieder in ihr aufstieg. Weiche und feuchte Körperteile von Orrin, die niemals das Tageslicht hätten erblicken dürfen, spritzten dorthin, wo sie sich versteckt hatte, während Clay–

Nein!

Sie durfte jetzt nicht daran denken, durfte nicht an diesen Ort zurückkehren. Es reichte schon, dass diese Albträume– mit Gerüchen nach rohem, verfaulendem Fleisch– sie jede Nacht im Schlaf verfolgten. Sie würde ihnen nicht auch noch die Tage opfern.

Ein weiterer Polizeiwagen bog mit eingeschaltetem Blaulicht auf den kleinen Parkplatz vor der Bar ein. Nun standen dort zwei gepanzerte Fahrzeuge mit vier bis an die Zähne bewaffneten Polizisten. Doch obwohl sie ausgestiegen waren, machte keiner von ihnen Anstalten, das Lokal zu betreten. Talin wusste nicht, was los war, und blieb auf dem Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite in ihrem Jeep sitzen.

Beim Anblick der Polizeiwagen brach ihr der Schweiß aus. Sie hatte früh gelernt, Polizeipräsenz mit Gewalt gleichzusetzen. Instinktiv wollte sie sich aus dem Staub machen. Aber sie zwang sich, abzuwarten und die Bar weiter zu beobachten. Wenn Clay sich nun doch nicht geändert hatte, wenn er noch schlimmer geworden war… Sie ließ das Lenkrad los und drückte die Faust gegen den Magen, um die brennende Verzweiflung zu unterdrücken. Clay war ihre letzte Hoffnung.

In diesem Augenblick flog die Tür der Bar auf, und Talins Herz machte einen Satz. Zwei Körper landeten auf dem Asphalt. Zu Talins Überraschung traten die Polizisten nur zur Seite, verschränkten die Arme und sahen missbilligend auf die Hinausgeworfenen. Die beiden rappelten sich langsam auf… und gingen gleich wieder zu Boden, als zwei weitere Jungen auf ihnen landeten.

Es waren Jugendliche– ihrem Aussehen nach zu urteilen achtzehn, höchstens neunzehn Jahre alt. Alle vier waren völlig betrunken. Sie krümmten sich am Boden, stöhnten, und man sah ihnen an, dass sie sich hundeelend fühlten. Alsbald folgte ihnen ein Mann aus der Bar. Er war älter und selbst aus dieser Entfernung spürte Talin seine Wut, als er zwei der Jungen auf die offene Ladefläche eines Lastwagens warf. Sein blondes Haar wehte in der abendlichen Brise.

Er sagte etwas, und die Polizisten entspannten sich. Einer lachte sogar. Der blonde Mann packte die beiden anderen Jugendlichen am Genick und schleppte sie hinter sich her zum Wagen. Er scherte sich dabei überhaupt nicht um den Kies, der ihnen an den unbedeckten Stellen ihres Körpers wie Sandpapier die Haut abschmirgelte.

Talin zuckte zusammen.

Diese unglücklichen– und sehr wahrscheinlich ungehorsamen– Jungen würden die blauen Flecke und Kratzer am nächsten Morgen sicher spüren, ebenso wie ihre dicken Köpfe. Dann öffnete sich die Tür des Lokals ein weiteres Mal, und sie vergaß alles um sich herum, sah nur noch den Mann im Licht der Lampe. Er hatte sich einen Jungen über die Schulter geworfen und schleifte einen anderen hinter sich her.

„Clay“, flüsterte sie mit einer vor Verlangen, Ärger und Angst heiseren Stimme. Er war noch größer geworden, maß fast zwei Meter. Und sein Körper zeigte mehr denn je die rohe Kraft, die sie immer bei ihm vermutet hatte. Über seinen Muskeln spannte sich glänzende, dunkelbraune Haut mit einem goldenen Schimmer.

Islas Erbe, dachte Talin. Die exotische Schönheit von Clays ägyptischer Mutter war ihr noch immer in lebhafter Erinnerung: kaffeebraune Haut und Augen in der Farbe von dunkler Schokolade. Aber nur die Hälfte seiner Gene hatte Clay seiner Mutter zu verdanken.

Aus dieser Entfernung konnte Talin seine Augen nicht sehen, aber sie wusste, dass sie erstaunlich grün waren, so wie die Augen einer Dschungelkatze. Ein nicht zu übersehendes Erbe seines Gestaltwandlervaters. Der dadurch entstandene Kontrast zu seiner braunen Haut und den pechschwarzen Haaren hatte einst das Gesicht des Jungen so besonders gemacht. Sie spürte, dass das immer noch der Fall war, allerdings auf eine ganz andere Weise als früher.

Jede Bewegung von Clay strahlte männliche Selbstsicherheit aus. Er schien das Gewicht der beiden Jungen nicht einmal zu spüren, als er sie zu den anderen auf den Wagen warf. Talin stellte sich die angespannten Muskeln vor, seine Stärke, und schauderte… Furcht übermannte sie.

Alle logischen Überlegungen wurden von einem kindlichen Strom von Erinnerungen zur Seite gedrängt. Blut und zerreißendes Fleisch, nicht enden wollende Schreie, der feuchte Atem des Todes. Sie konnte es einfach nicht tun. Clay hatte sie als Kind zu Tode erschreckt, deshalb jagte er ihr auch jetzt Angst ein.

Sie hielt die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschreien.

In diesem Augenblick erstarrte er und hob den Kopf.

Clay hatte Cory und Jason auf den Lastwagen geworfen und wollte gerade etwas zu Dorian sagen, als er so etwas wie einen leisen Hauch wahrnahm. Das Tier in ihm wurde geweckt und witterte, die feinen Sinne des Leoparden und die Augen des Mannes erkundeten die Umgebung.

Clay hatte diesen Hauch eines Lautes erkannt, eine Frauenstimme. Die Stimme einer Toten. Doch was machte das schon? Er hatte den Wahnsinn in sich schon vor langer Zeit akzeptiert. Deshalb sah er sich suchend um.

Nach Tally.

Auf dem Parkplatz auf der anderen Straßenseite standen viel zu viele Fahrzeuge, Talins Geist hatte genügend Möglichkeiten, sich zu verstecken. Zum Glück wusste Clay, wie man jagte. Er war auf dem besten Wege dazu, doch da schlug ihm Dorian auf den Rücken und hielt ihn auf. „Wollen wir abhauen?“

Clay spürte ein Knurren tief in der Kehle, und diese irrationale Reaktion brachte ihn wieder zu Verstand. „Wegen der Bullen?“ Er trat zur Seite, um den Parkplatz gegenüber im Auge zu behalten. „Werden wir Ärger bekommen?“

Dorian schüttelte den Kopf, die blonden Haare leuchteten im aufflackernden Licht der Straßenlaternen, die Sensoren waren beim Aufkommen der Dämmerung angesprungen. „Sie lassen uns das alleine regeln, weil es nur um Gestaltwandlerjugendliche geht. Haben ja auch kein Recht dazu, sich in die Angelegenheiten des Rudels einzumischen.“

„Wer hat sie überhaupt gerufen?“

„Joe war es jedenfalls nicht.“ Der Barbesitzer war ein Gefährte aus dem DarkRiver-Rudel. „Er hat uns Bescheid gesagt. Die Jungs müssen sich also noch mit jemand anderem angelegt haben. Zur Hölle mit ihnen, da freut man sich über das Ende von diesem dämlichen Konkurrenzkampf zwischen Cory und Kit und ahnt nicht, dass sie gleich die verflucht besten Kumpel werden und uns alle zum Wahnsinn treiben.“

„Wenn der Rat der Medialen nicht gerade versuchen würde, dem Rudel zu schaden, hätte ich nicht übel Lust, sie eine Nacht im Gefängnis schmoren zu lassen“, sagte Clay.

Dorian grunzte zustimmend. „Joe wird uns die Rechnung schicken. Er weiß, dass das Rudel für den Schaden aufkommt.“

„Und es denen hier aus den Rippen schneiden wird.“ Betrunken und verwirrt wollte sich Cory auf dem Lastwagen erheben, aber Clay drückte ihn wieder nach unten. „Die werden bis zum Schulabschluss ihre Schulden abarbeiten.“

Dorian grinste. „Dabei fällt mir ein, ich hab diese Kneipe auch schon aufgemischt und von dir Prügel bezogen.“

Clay sah den jungen Wächter finster an, ohne den Parkplatz dabei aber aus den Augen zu lassen. Dort bewegte sich nur der vom Wind aufgewirbelte Staub, aber häufig versteckte sich die Beute direkt vor einem. Sich tot zu stellen war eine Möglichkeit, ein Raubtier in die Irre zu führen. Doch Clay war kein dummes Tier– er war ein erfahrener, im Kampf erprobter Wächter der DarkRiver-Leoparden. „Du warst noch schlimmer als dieser Haufen. Hast versucht, mich mit diesem Scheißninjazeug auszuschalten.“

Dorian sagte irgendetwas darauf, aber Clay hörte nicht mehr hin, denn ein kleiner Jeep raste gerade vom Parkplatz. „Kümmere du dich um die Jungs!“, rief er Dorian zu und nahm zu Fuß die Verfolgung auf.

Für einen Menschen wäre eine solche Aktion völlig sinnlos gewesen. Selbst für einen Gestaltwandler hatte es nur wenig Sinn, den Wagen zu Fuß zu verfolgen. Clay war zwar schnell,würde aber trotzdem nicht mithalten können, wenn der Fahrer das Gaspedal durchtrat. Was sie– auf jeden Fall sie– nun tat.

Doch Clay gab sich nicht fluchend geschlagen, sondern grinste nur, denn er wusste etwas, das der Fahrerin offenbar entgangen war. Seine Jagd war nicht so sinnlos, wie sie schien. Der Leopard in ihm reagierte instinktiv, aber Clays menschliche Seite funktionierte ebenfalls hervorragend. Was der Fahrerin gleich auffallen würde… genau in diesem Moment!

Der Jeep hielt mit quietschenden Reifen, wich wahrscheinlich den Gesteinsbrocken aus, die die Straße blockierten. Vor einer Dreiviertelstunde hatte es einen Erdrutsch gegeben. Normalerweise hätten sich die DarkRiver-Leoparden längst darum gekümmert, aber da es innerhalb von zwei Tagen der zweite Vorfall an derselben Stelle war, sollte die Sache erst von Experten untersucht werden. Wenn sie in der Bar gewesen wäre, hätte sie davon gehört und wäre eine Umleitung gefahren.

Aber sie war nicht dort gewesen. Sie hatte sich draußen versteckt.

Als Clay sich der Stelle näherte, versuchte die Fahrerin gerade, im Rückwärtsgang wegzufahren. Aber sie würgte den Motor immer wieder ab, weil sie in ihrer Panik zu viele Eingaben in den Bordcomputer machte. Clay konnte ihre Angst riechen, doch darunter lag noch dieser falsche Geruch, dem er unbedingt nachgehen musste.

Schwer atmend, aber nicht erschöpft, stellte er sich mitten auf die Straße direkt hinter ihren Wagen. Er konnte nicht zulassen, dass sie fortfuhr. Wer zum Teufel war sie? Sie roch wie Tally, und er musste herauskriegen, warum das so war.

Fünf Minuten später gab die Fahrerin ihre Versuche auf, den Wagen in Gang zu bringen. Der aufgewirbelte Staub legte sich wieder, und Clay erkannte an dem Nummernschild, dass sie den Wagen gemietet hatte. In der plötzlichen Stille hörte man Vogelgezwitscher. Clay wartete… schließlich glitt die Fahrertür nach hinten. Ein schlankes Bein in einer blauen Jeans zeigte sich in der Öffnung, eine schwarze Stiefelette senkte sich auf den Boden.

Das Tier in ihm verhielt sich unnatürlich still, als eine Hand sich auf den Türrahmen legte und die Tür weiter aufschob. Leicht gebräunt und voller Sommersprossen. Eine kleine Frau stieg aus dem Wagen. Blieb noch ein paar Minuten mit dem Rücken zu ihm stehen. Er tat nichts, gab nicht einmal einen Laut von sich, sondern nutzte die Gelegenheit, sich in ihren Anblick zu vertiefen.

Zweifellos war sie klein, wirkte aber keinesfalls zerbrechlich. Ihr gerader Rücken zeugte von Stärke, konnte aber auch einem harten Männerkörper ein weiches Kissen bieten. Sie hatte weibliche Formen. Üppige, weiche Kurven. Die Jeans saßen wie angegossen, ein Anblick, der Mann und Raubtier gleichermaßen erregte. Er wollte zubeißen, anfassen und darüberstreichen.

Clay rührte sich nicht. Er ballte die Fäuste und zwang seinen Blick nach oben. Es wäre bestimmt nicht schwer, dachte er, sie hochzuheben, um sie küssen zu können, ohne sich den Nacken zu verrenken. Und er hatte vor, diese Frau zu küssen, die wie Talin roch. Das Tier in ihm beanspruchte sie für sich, und er hatte im Moment weder Zeit noch Lust, um Gegenargumente zu finden. Die würden später kommen, nachdem er die Wahrheit über diesen Geist herausgefunden hatte. Bis dahin konnte er sich dem ihr so ähnlichen Duft hingeben.

Selbst ihr Haar war von derselben ungewöhnlichen Farbe wie das Talins – dunkles Gold mit schokoladenbraunen Strähnen. Eine richtige Mähne hatte er es immer genannt. So einzigartig wie die unglaublich vielen verschiedenen Schattierungen der Leoparden, die Außenstehende oft gar nicht wahrnahmen. Für andere Leoparden waren die Unterschiede aber so deutlich erkennbar, als stünden sie im Licht von Scheinwerfern. Genauso war es bei dieser Frau. Ihr Haar war wunderschön, dicht und wirklich unverkennbar.

„Talin“, sagte er sanft und wehrte sich nicht mehr gegen den Wahnsinn.

Ihr Rücken wurde steif, aber sie drehte sich endlich um.

Und die Welt hielt den Atem an.

 

2

„Hallo, Clay.“

Er schnappte nach Luft, als hätte ihm jemand einen Schlag in den Magen versetzt. Ein Knurren saß in seiner Kehle, aber er gab ihm nicht nach, zu deutlich nahm er den scharfen Geruch von Furcht wahr, den ihr Körper wellenartig verströmte.

Verdammter Mist! Tally hatte Angst vor ihm. Genauso gut hätte sie ihm ein Messer ins Herz stoßen können. „Komm her, Tally.“

Sie rieb mit den Händen über ihre Jeans und schüttelte den Kopf. „Ich wollte nur mit dir reden, mehr nicht.“

„Ist das deine Art zu reden? Einfach abhauen?“ Er sagte sich, er müsse Ruhe bewahren, sie nicht anfauchen. Schließlich war das ihr erstes Gespräch nach zwanzig Jahren. Aber für ihn fühlte es sich so an, als hätten sie erst gestern miteinander gesprochen, es war so vertraut, so leicht. Wenn man von ihrer Angst absah. „Hattest du vor, den Wagen irgendwann anzuhalten?“

Sie schluckte. „Eigentlich wollte ich in dem Lokal mit dir reden.“

Der Leopard hatte lange genug gewartet. Bevor sie noch Atem holen konnte, um zu schreien, stand er mit der unnatürlichen Schnelligkeit seiner Art bereits vor ihr. „Du müsstest doch eigentlich tot sein.“ Er zeigte ihr die Wut, die zwanzig Jahre lang in ihm gebrodelt hatte. Gebrodelt und sich in jede Zelle seines Körpers ausgebreitet hatte. „Sie haben mich angelogen.“

„Ich weiß… ich hab’s gewusst.“

Ungläubig starrte er sie an. „Du hast was?“ Bei seiner Jagd nach ihrem Geist war er sich jeden Augenblick sicher gewesen, dass man ihn ohne Tallys Wissen belogen hatte. War am Boden zerstört gewesen, dass sie die ganze Zeit gedacht haben musste, er hätte sein Versprechen gebrochen, zu ihr zurückzukehren. Niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, dass sie freiwillig diesem Versteckspiel zugestimmt haben könnte.

Augen mit der Farbe von Gewitterwolken sahen ihn an. „Ich habe sie gebeten, dir zu sagen, ich sei bei einem Autounfall gestorben.“

Das Messer saß tief, wühlte Löcher in sein Herz. „Warum?“

„Du hast mich verfolgt, Clay“, flüsterte sie, graue Augen mit einem bernsteinfarbenen Ring blickten gequält auf das Raubtier. „Ich war bei einer Familie untergebracht, die gut zu mir war, versuchte, normal zu leben“– ihre Lippen zuckten– „so normal, wie es mir möglich war. Aber ich stand ständig unter Spannung. Spürte, du würdest mich suchen, sobald du raus wärst. Ich war zwölf und traute mich noch nicht einmal, die Augen zu schließen. Ich hatte Angst, du würdest mich in meinen Träumen finden.“

Der Leopard fletschte die Zähne und knurrte. „Du warst mein, ich musste dich beschützen!“

„Nein!“ Sie ballte die Fäuste, ihr angespannter Körper war voller Abwehr. „Ich war nie dein!“

Tier und Mann taumelten unter diesem Schlag. Die meisten Leute dachten, er wäre zu sehr wie die eiskalten Medialen, hätte keine Gefühle. In diesem Augenblick wünschte er sich, sie hätten recht. Das letzte Mal hatte er einen solchen Schmerz gespürt– als schnitten Peitschenhiebe tief in sein Herz– an dem Tag seiner Entlassung aus der Jugendhaft. Als Erstes hatte er die Sozialarbeiter angerufen.

„Tut uns leid, Clay. Talin ist seit drei Monaten tot.“

„Was?“ Alles in ihm wurde leer. Alle Zukunftsträume verschwanden hinter einer schwarzen Wand. „Nein.“

„Ein Autounfall.“

„Nein!“

Er war zusammengebrochen, in Stücke gerissen. Aber diese Verletzung, dieser reißende Schmerz, war nichts gegen den Schmerz ihrer jetzigen Abwehr. Doch trotz der tiefen Wunden, die sie verursacht hatte, wollte– nein, musste– er sie immer noch berühren. Er streckte die Hand aus, doch sie zuckte zurück.

Nichts hätte sein Herz mehr treffen können. Er ging mit dem Schmerz in der gewohnten Weise um– schob die zarten Gefühle beiseite und ließ dem Zorn freien Lauf. Damals war er fast pausenlos wütend gewesen. Doch heute ließ sich der Schmerz nicht eindämmen. Drang in ihn ein, ließ ihn innerlich bluten.

„Ich habe dir nie etwas getan“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Ich kann das Blut nicht vergessen, Clay.“ Ihre Stimme zitterte. „Ich kann es einfach nicht vergessen.“

Er auch nicht. „Ich habe deinen Totenschein gesehen.“ Nach dem ersten Schock hatte er gewusst, dass es eine Lüge gewesen war. Aber… „Ich muss einfach wissen, dass du tatsächlich vor mir stehst, dass du lebst.“

Diesmal zuckte sie nicht, als er die Hand hob und über ihre Wange strich. Aber sie schmiegte ihr Gesicht auch nicht in seine Hand, wie sie es als Kind getan hatte. Ihre Haut war zart, hatte die Farbe von Honig. Sommersprossen tanzten auf ihrer Nase und den Wangenknochen. „Du hast dich nicht vor der Sonne versteckt.“

Sie sah ihn überrascht an und lächelte dann scheu, es traf ihn wie ein Schlag in die Magengegend. „Konnte ich noch nie gut.“

Zumindest in dieser Hinsicht hatte sie sich nicht verändert. Seine Tally war jeden Tag in seine Arme gesprungen, hatte in ihm den Beschützer und Freund gesehen, es waren die fünf glücklichsten Jahre seines Lebens gewesen. Nun zog sie so lange an seiner Hand, bis er den Arm herunternahm. Die erneute Zurückweisung grub sich kalt in seine Seele. „Warum hast du mich gesucht, wenn du mich so verabscheust?“ Seine Stimme klang schroff. Warum hatte sie ihm nicht die Erinnerungen lassen können– an ein Mädchen, das in ihm nur das Gute gesehen hatte.

Nur diese Erinnerungen hatten ihm geholfen, auf der hellen Seite zu bleiben. Er hatte immer schon eine dunkle Seite in sich gehabt, aber in letzter Zeit wurde sie fast übermächtig, versprach ihm fälschlich Frieden, wenn er nicht mehr fühlen, keine Schmerzen mehr empfinden würde. Selbst die starken Bande des Rudels konnten ihn nicht mehr halten, wenn die Verlockung der Gewalt Tag und Nacht, jede Stunde, Minute und quälende Sekunde ihre Finger nach ihm ausstreckte.

Talin blickte ihn verwundert an. „Ich verabscheue dich nicht. Das könnte ich niemals.“

„Beantworte meine Frage, Talin.“ Er würde sie nie mehr Tally nennen. Sie war nicht mehr seine Tally. Tally hatte ihn geliebt. Bevor die DarkRiver-Leoparden ihn aufgenommen hatten, war sie das einzige menschliche Wesen gewesen, das auch seine schlechte Seite akzeptiert hatte. Diese Frau hier war Talin, eine Fremde. „Du wolltest doch etwas von mir.“

Ihre Wangen wurden feuerrot. „Ich brauche deine Hilfe.“

Ganz egal, was passiert war, er würde sich niemals von ihr abwenden. Aber er spürte seine Ungeduld, die zärtlichen Gefühle für sie drohten umzukippen, er befürchtete, er könnte um sich schlagen und sie verletzen. Doch es konnte ihn auch endgültig in die Dunkelheit stürzen, wenn er seine Wut verleugnete oder sie damit erneut vertrieb.

„Ich brauche jemanden, der gefährlich und stark genug ist, um es mit einer Bestie aufzunehmen.“

„Du suchst also nach einem geborenen Schlächter.“

Sie zuckte erneut zusammen, aber dann straffte sie sich. „Ich habe nach dem stärksten Menschen gesucht, den ich kenne.“

Clay schnaubte. „Du wolltest mit mir reden. Also lass hören.“

Talin sah sich um. „Könnten wir uns nicht einen weniger öffentlichen Ort suchen? Es könnte jemand kommen.“

„Ich lasse keine Fremden in mein Versteck.“ Clay war gekränkt, das machte ihn gemein.

Tapfer reckte Talin das Kinn. Die Geste rief schmerzhafte Erinnerungen in ihm wach. „In Ordnung. Wir können meine Wohnung in San Francisco nehmen.“

„Eher sterbe ich.“ Manchmal arbeitete er im Hauptquartier der DarkRiver-Leoparden in der Nähe von Chinatown, aber das Gebäude war extra für Raubkatzen gebaut, schloss sie nicht ein. „Ich war vier Jahre lang eingesperrt.“ Und dabei hatte er noch nicht die vierzehn Jahre mitgezählt, die er in dem kleinen Kasten verbracht hatte, den seine Mutter und er ihr Zuhause nannten. „Ich komme nicht gut in Mauern zurecht.“

Nackter Schmerz malte sich auf ihrem Gesicht, ihre grauen Augen wurden schwarz, der Bernsteinring verschwand. „Es tut mir so leid, Clay. Du bist meinetwegen im Gefängnis gelandet.“

„Bild dir bloß nichts ein. Du hast mich nicht dazu gezwungen, deinem Pflegevater die Därme rauszureißen und ihm die Haut vom Gesicht zu ziehen.“

Talin presste sich die Hand auf den Magen. „Nicht!“

„Warum denn nicht?“, drängte er mit der ätzenden Mischung aus Ärger und Besitzanspruch, die jedes Mal den Sieg über seine Beschützerinstinkte davontrug, wenn es um Tally ging. Wieder musste er sich in Erinnerung rufen, dass diese Frau nicht seine Tally war, nicht das Mädchen, für dessen Sicherheit er in den Tod gegangen wäre. „Ich habe Orrin getötet, während du im Zimmer warst. Wir können nicht so tun, als sei es nicht geschehen.“

„Aber wir müssen doch nicht darüber reden.“

„Früher warst du mutiger.“

Sie errötete wieder, ihre Wangen flammten im Dämmerlicht auf. Aber dann trat sie zitternd vor Ärger einen Schritt vor. „Ja, bevor mir das Blut eines Mannes ins Gesicht spritzte und seine Schreie und das Gebrüll eines Leoparden in meinem Kopf dröhnten.“

Ein Raubtiergestaltwandler konnte leise jagen– sowohl als Mensch als auch als Tier–, aber an jenem Tag war Clay so wütend gewesen, dass das Tier vollständig die Oberhand gewonnen hatte. In diesem Blutbad war er verrückt gewesen, ein Leopard auf zwei Beinen. Sie hatten ihm eine Überdosis von Beruhigungsmitteln in den Körper schießen müssen, um ihn von Orrin Hendersons verstümmeltem Körper loszureißen.

Das Letzte, was er gesehen hatte, als er mit dem Gesicht auf dem Boden in dem noch warmen Blut lag, war Tally gewesen, zusammengekauert in einer Ecke, das Gesicht voller Blut und anderer Dinge, rosa und fleischfarben… und grau, graue Gewebestücke. Ihre Augen hatten durch ihn hindurchgesehen, die Sommersprossen waren sehr dunkel auf der kalkweißen Haut, die unter all dem Blut hervorleuchtete. Etwas von dem Blut war ihr eigenes gewesen. Das meiste das von Orrin.

„Früher hattest du mehr Sommersprossen“, sagte er, immer noch in Erinnerung versunken. Sie konnte ihn nicht erschrecken. Er war genug Tier, um sich nicht um Leute außerhalb seines Rudels zu scheren, ganz besonders nicht um jene, die es wagten, Rudelgefährten zu schaden. In jener Zeit waren Tally und Isla seine einzigen Gefährten gewesen. Er hatte immer gewusst, dass er töten würde, um sie zu beschützen.

„Lenk nicht ab.“

„Mache ich auch nicht. Dein Gesicht war das Letzte, was ich gesehen habe, bevor ich hinter Gitter kam.“ Er strich mit einem Finger über ihre Sommersprossen. „Sie müssten verblasst oder verschwunden sein, als du erwachsen wurdest.“

„Nein, sind sie nicht“, sagte sie kurz angebunden– und klang das erste Mal genauso wie das Mädchen, das er gekannt hatte. „Sie haben sich vermehrt und ausgebreitet, die scheußlichen Dinger.“

„Hast du inzwischen Frieden mit ihnen geschlossen?“, fragte er, ihre Antipathie gegen die winzigen Pigmentflecken amüsierte ihn immer noch. „Sie gehören zu dir.“

„Da keine Creme sie zum Verschwinden bringt und ich keine Laserchirurgie will, glaube ich das inzwischen auch.“

Fast hätte er sich gelöst weiter den Erinnerungen an längst vergangene Tage hingegeben. Talin besaß immer noch Macht über ihn. Sie konnte ihn dazu bringen, als Tier vor ihr auf dem Bauch zu kriechen. Noch immer fühlte er eine gewisse Schwäche für diese Frau, die seine gewalttätige Seite so abstoßend fand. Diese Erkenntnis verlieh seinen nächsten Worten die Schärfe eines Rasiermessers. „Gib mir die Schlüssel.“

Vorsichtig trat sie einen Schritt zurück. „Der Wagen ist abgesoffen. Ich kann–“

„Gib mir endlich die verdammten Schlüssel, oder such dir einen anderen Idioten, der dir hilft.“

„Früher warst du nicht so.“ Große, ängstliche Augen, weiche Lippen, die sich jetzt aufeinanderpressten, als müssten sie Gefühle zurückhalten. „Clay?“

Er streckte die Hand aus. Nach einem Augenblick der Spannung ließ sie den Computerchip hineinfallen. Die meisten Wagen waren durch den Fingerabdruck des Besitzers gesichert, aber die Autovermietungen gaben einen Chip als Schlüssel aus, statt bei jedem neuen Kunden mit der Umprogrammierung eine halbe Stunde zu verbringen. Das sparte Zeit, gab Dieben aber auch die Möglichkeit, die Wagen zu stehlen. Blödmänner. „Steig ein.“

Ohne ein weiteres Wort ging Clay um den Wagen herum und setzte sich auf den Fahrersitz. Als sie ihren Trotz aufgegeben und sich ebenfalls hineingesetzt hatte, lief der Motor bereits. Er ließ ihr gerade noch Zeit, sich anzuschnallen, dann fuhr er zurück, wendete und nahm die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Die Bar befand sich am Stadtrand von Napa, nahe der dichten Wälder, die zum Territorium der DarkRiver-Leoparden gehörten. Clay brauchte die Abgeschiedenheit der Bäume und versuchte, den weiblichen Duft der Frau neben sich zu ignorieren. Er war faszinierend, aber an ihm stieß ihn auch etwas ab, das den Leoparden irritierte. Doch er war jetzt nicht in der Stimmung, sich darum Gedanken zu machen. Pures Adrenalin schoss durch seinen Körper.

„Wo fährst du hin?“, fragte Talin, als er zehn Minuten später die Straße verließ und sich in die Schatten der hohen Tannen schlug. „Clay?“

Er knurrte tief in der Kehle, war viel zu verletzt, um höflich sein zu können.

Talin spürte, wie sich die feinen Haare auf ihrem Nacken aufstellten. Clay war immer weniger zivilisiert als andere gewesen. Selbst in der klaustrophobischen Enge des Häuserblocks, in der sie ihm begegnet war, konnte sie die animalische Wut unter der ruhigen Intensität spüren, und er hatte sich wie ein Raubtier auf der Jagd bewegt. Niemals war es jemandem in den Sinn gekommen, sich mit Clay anzulegen, nicht einmal Jungen, die doppelt so alt waren wie er, und auch nicht den autoritären Bandenchefs der Gegend oder den ehemaligen Sträflingen.

Aber das war lange her– sein jetziges Verhalten war etwas ganz anderes. „Hör endlich auf damit, mir Angst einzujagen.“

Er schnappte wirklich nach ihr, sie zuckte zurück. „Brauch ich gar nicht. Du fürchtest dich ja auch so schon vor mir. Ich kann es ja riechen. Ist eine ziemliche Beleidigung.“

Diesen Aspekt seiner Gestaltwandlerfähigkeiten hatte sie vollkommen vergessen. Mehr als zwanzig Jahre hatte sie zwischen Menschen und Gestaltwandlern, die keine Raubtiere waren, verbracht, sorgfältig darauf bedacht, die Entfernung zwischen Clay und sich noch zu vergrößern. Aber was hatte ihr das eingebracht? Sie war wieder am Anfang… hatte alles verloren, was ihr je etwas bedeutet hatte. „Das hast du mir erzählt, als wir uns das erste Mal begegnet sind.“

Er war groß und gefährlich gewesen, und sie hatte sich zu Tode gefürchtet. In ihrem kurzen Leben hatten ihr schon so viele wehgetan, und er schien jemand zu sein, der genau das tun würde. Deshalb hatte sie Abstand gehalten. Aber als er sich eines Tages im Hinterhof ihres Wohnblocks– eher ein Schrottplatz als ein Hof– ein Bein gebrochen hatte, hatte sie es nicht über das Herz gebracht, ihn dort alleine leiden zu lassen.

Mit vor Angst klappernden Zähnen hatte sie das Wohnzimmer verlassen und war zum Telefon gegangen. Orrin hatte bewusstlos auf der Couch gelegen. Irgendwie war es ihr gelungen, trotz Verbots einen Anruf nach draußen zu machen und den Krankenwagen zu rufen. Dann hatte sie die Tür aufgeschlossen und war hinuntergelaufen, um bei Clay zu warten, bis Hilfe kam. Er war darüber nicht glücklich gewesen. Neun war er, für eine frühreife und sprachbegabte Dreijährige eine äußerst gefährliche Kreatur.

„Du hast mich angefaucht, ich solle verschwinden, da es deine Lieblingsbeschäftigung sei, die Knochen von kleinen Mädchen zu zermalmen.“ Sie hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis und konnte sich an jeden Augenblick vom Moment ihrer Geburt an und sogar noch an einige Dinge davor erinnern. Deshalb hatte sie auch vor allen anderen sprechen gelernt, hatte schon gelesen, bevor sie sprechen konnte. „Du hast gesagt, ich würde wie eine süße, saftige Beute riechen.“

„Tust du immer noch.“

Trotz aller Vorsicht pfiff sie durch die Zähne. „Hör auf damit, Clay. Du benimmst dich wie ein pubertierender Knabe.“ Außerdem versetzte er sie noch mehr in Angst– war ihm überhaupt klar, wie bedrohlich er wirkte? Groß, unglaublich stark und so wütend, dass es sich fast wie ein Schlag anfühlte, wenn sein Blick sie traf.

„Warum? Ich kann mir doch ruhig ein wenig Spaß mit dem Überraschungsbesuch gönnen. Dich ein bisschen zu quälen reicht schon.“

Sie fragte sich, ob sie einen Fehler begangen hatte. Der Clay, den sie einmal gekannt hatte, war zwar wild gewesen, aber er hatte auf der Seite des Guten gestanden. Bei diesem Mann war sie sich nicht so sicher. Er sah wie das reinste Raubtier aus, ohne Ehre oder Seele. Aber ihr viel zu weiches Herz sagte ihr, sie solle weiter in ihn dringen, dass es mehr in ihm gab als diese glühende Wut. „Du gehörst zum DarkRiver-Rudel?“

Keine Antwort.

„Ist es das Rudel deines Vaters?“ Isla war eine Menschenfrau gewesen. Die Gestaltwandlerfähigkeiten hatte Clay von seinem Vater.

„Ich weiß nur, dass er eine Raubkatze war. Isla hat mir nie mehr gesagt.“

„Ich habe nur gedacht–“

„Was? Dass sie ihre Meinung doch noch geändert hat und auf ihrem Totenbett plötzlich zu Verstand gekommen ist?“ Er lachte bitter auf. „Vielleicht war sie die Frau eines Gestaltwandlers. Ich vermute, sie war immer schon anfällig, und der Tod ihres Gefährten hat sie dann völlig gebrochen.“

„Aber ich dachte, du wüsstest nicht, ob die beiden verheiratet waren.“

„Gefährten, nicht verheiratet. Ein riesiger Unterschied.“ Er fuhr den pechschwarzen Weg hinunter, die Baumwipfel schluckten alles Dämmerlicht. „Scheiße noch mal, ich hatte damals keine Ahnung von meiner Herkunft. Gestaltwandler sind nur fortpflanzungsfähig, wenn sie sich mit ihrem Gefährten verbunden haben oder in einer längerfristigen, stabilen Beziehung leben. Keine ungeplanten Schwangerschaften, keine überstürzten Heiraten.“

„Oh“, sie biss sich auf die Unterlippe. „Das Rudel hat dir beigebracht, ein richtiger Leopard zu sein?“

Er warf ihr einen Seitenblick zu, der nicht besonders freundlich ausfiel. „Warum hast du plötzlich das Bedürfnis zu reden? Spuck aus, was du willst. Je eher du damit anfängst, desto eher kannst du dich wieder in das Loch verkriechen, in dem du dich zwanzig verfluchte Jahre versteckt hast.“

„Weißt du was? Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich mich an den Richtigen gewandt habe“, schnappte sie unbeherrscht zurück.

Plötzlich lag kaum erkennbare Gefahr in der Luft. „Warum? Bin ich nicht mehr so leicht zu handhaben wie damals? Bin ich nicht mehr dein Kuschelleopard?“

Sie brach in solch lautes Lachen aus, dass ihr der Bauch wehtat. „Clay, ich war es doch, die dir überallhin gefolgt ist. Ich hätte mich nie getraut, über dich zu bestimmen.“

„Quatsch keinen Blödsinn“, brummte er, aber ihr schien es, als klänge sein Ton ein wenig weicher. „Du hast mich dazu gebracht, auf dämliche Teekränzchen zu gehen.“

Talin erinnerte sich noch an seine Drohung vor dem ersten: Wenn du irgendjemandem davon erzählst, fresse ich dich und benutze deine Knochen als Zahnstocher.

Sie hätte damals Angst haben sollen, aber Clay hatte nichts „Schlechtes“ in sich gehabt. Nach kaum drei Jahren auf diesem Planeten hatte sie schon genügend Schlimmes erlebt und wusste sofort, wenn jemand schlecht war. Clay war es nicht. Mit großen Augen hatte sie neben ihm gesessen, und sie hatten Tee getrunken. „Damals warst du mein bester Freund“, sagte sie leise bittend. „Kannst du heute nicht auch mein Freund sein?“

„Nein.“ Die Entschiedenheit seiner Antwort ging ihr durch und durch. „Wir sind da.“

Durch die Windschutzscheibe sah sie eine kleine Lichtung. „Wo?“

„Du wolltest Privatsphäre. Hier hast du sie.“ Clay schaltete die Scheinwerfer aus, stellte den Motor ab und stieg aus.

Da sie keine andere Wahl hatte, folgte sie ihm und blieb in der Mitte der Lichtung stehen. Er ging weiter, lehnte sich an einen Baumstamm und sah sie an. Seine Augen glühten in der Dunkelheit, erschrocken hielt sie den Atem an. Er war wirklich gefährlich. Aber er war auch schön– genau wie seine wilden Brüder.

Tödlich und unberührbar.

„Warum hast du mich hierhergebracht?“

„Der Ort liegt auf dem Territorium der Leoparden. Er ist sicher.“

Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper. Aber nicht, weil die Frühlingsluft so kühl war, sondern weil Clay eine kalte Mauer zwischen ihnen errichtet hatte, mit der er sie wortlos wissen ließ, was er von ihr hielt.

Es tat weh.

Aber das hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Doch konnte sie ihm nichts vormachen. Clays Tat hatte sie als Achtjährige so traumatisiert, dass sie fast ein Jahr lang nicht gesprochen hatte. „Du bist so grausam gewesen“, sagte sie schließlich, anstatt ihn um das zu bitten, weswegen sie sich der schrecklichen Vergangenheit gestellt und ihn aufgespürt hatte. Er musste sie einfach verstehen, um ihr den Verrat zu vergeben.

„Du warst mein einziger Halt, der Einzige, von dem ich glaubte, er würde mir auch im größten Zorn nicht wehtun können“, sagte sie in sein Schweigen hinein. „Aber dann bist du gewalttätiger geworden als alle anderen. Musste ich mich da nicht fragen, ob du dich nicht eines Tages gegen mich wenden würdest? Was meinst du, Clay?“

Er knurrte, und ihre Haare stellten sich auf.

 

3

Lauf weg!, schrie es in ihr.

Doch sie lief nicht weg. Sie war lange genug davongelaufen. Aber das Herz schlug ihr bis zum Hals.

„Du hast immer gewusst, was ich war“, sagte Clay, seine Wut drang ihr bis ins Mark. „Du wolltest bloß nicht darüber nachdenken, hast mich so gesehen, wie du mich haben wolltest.“

„Nein.“ Sie weigerte sich klein beizugeben. „Du warst vorher anders.“ Bevor er herausfand, was Orrin getan hatte. Bevor er getötet hatte, um sie zu schützen. „Du warst–“

„Alles Blödsinn.“ Ein hartes Wort. „Der einzige Unterschied war, dass ich dich damals wie ein Kind behandelt habe. Jetzt bist du kein Kind mehr.“

Und er würde die Krallen nicht einziehen, dachte sie. „Ganz egal, was du sagst, wir sind immer noch Freunde.“

„Nein, das sind wir nicht. Nicht, solange du bei meinem Anblick anfängst zu bibbern. Meine Freunde sehen in mir keine Bestie.“

Darauf konnte sie nichts entgegnen. Sie fürchtete sich ganz einfach vor ihm, wahrscheinlich mehr als vor jedem anderen Menschen auf dieser Welt. Clay hätte sie fast zerstört, er war immer noch der Einzige, der das konnte. „Es tut mir leid.“ Es tat ihr leid, dass ihre Schwäche ihn zum Mörder gemacht hatte, dass sie nicht stark genug war, zu überwinden, was sie in diesem blutgetränkten Raum gesehen hatte, dass sie überhaupt zu ihm gekommen war.

Nein.

Es tat ihr nicht leid, dass sie ihn gefunden hatte. „Ich habe dich vermisst.“ Jeden einzelnen Tag hatte sie ihn vermisst.

Nun war er nur noch als Schatten in der Dunkelheit zu sehen. Lediglich die Katzenaugen konnte sie klar erkennen. Dann nahm sie eine Bewegung wahr und bemerkte, dass er die Arme über der Brust verschränkt hatte. Er schloss sie aus.

Etwas in ihr zerbrach, und sie flüsterte: „So funktioniert das nicht. Es war mein Fehler, ich weiß.“ Wenn sie mit achtzehn zu ihm gekommen wäre, wäre er vielleicht auch wütend gewesen, aber er hätte ihr vergeben, hätte ihr Bedürfnis verstanden, erst stark genug zu werden, um es mit ihm aufzunehmen. Aber sie hatte zu lange gewartet, und er gehörte ihr nicht mehr. „Ich sollte lieber zurückfahren.“

„Sag mir erst, was du willst, dann sehen wir weiter.“ Seine raue Stimme klang verwirrend zärtlich.

Ein Schauer überlief sie. „Sprich nicht so mit mir.“ Es war ihr herausgerutscht, bevor sie ihren Verstand hatte einschalten können. Als Kind hatte sie gelernt, ihre Meinung für sich zu behalten. Das war sicherer. Aber schon nach einer halben Stunde mit Clay– einem Clay, der ihr fast vollkommen fremd war– verfiel sie wieder in ihr altes Verhalten ihm gegenüber. Er war der Einzige, der gerade dann ausgerastet war, wenn sie den Mund gehalten hatte, und nicht andersherum. Vielleicht, dachte sie, und ein Hoffnungsstrahl erhellte ihr Gemüt, vielleicht hatte er sich in dieser Hinsicht nicht verändert. „Ich bin kein Hund, dem man Befehle erteilt.“

Eine kurze Stille folgte, dann hörte sie, wie Stoff über Haut glitt. „Immer noch ziemlich vorlaut.“

Ihr Atem ging jetzt leichter. Wenn Clay ihr stattdessen gesagt hätte, sie solle den Mund halten… „Kann ich dir ein paar Fragen stellen?“

„Vorsprechen für einen Job? Tut mir leid, Talin, aber ich bin am Drücker.“ Der Spott traf sie mehr als jeder körperliche Angriff. Sie waren immer gleichberechtigt gewesen– Freunde.

„Ich würde dich gerne wieder kennenlernen.“

„Es genügt, wenn du weißt, dass ich noch tödlicher bin als damals.“ Er trat gerade weit genug aus dem Schatten heraus, dass sie seinen abweisenden Gesichtsausdruck sehen konnte. „Ich sollte hier die Fragen stellen– erzähl mal, wo du hingegangen bist, nachdem man mich weggebracht hatte.“

Seine Worte gaben eine weitere Flut von Erinnerungen frei. Ein benommener Clay, den schwarz gekleidete Polizisten auf die Beine hochzerrten, seine Hände waren mit besonders starken Fesseln auf den Rücken gebunden. Er hatte keinen Widerstand geleistet, war zu betäubt von den Drogen, die sie ihm verabreicht hatten.

Aber seine Augen standen offen, sahen sie an.

Vollkommen grün.

In diese Farbe waren ihre Erinnerungen an diesen Tag getaucht. Nicht dunkelrot wie Blut, sondern durchdringend, leuchtend grün. Clays Augen. Als sie ihn weggebracht hatten, hatte sie gewimmert, aber seine Augen sagten ihr, sie solle starksein, er würde zu ihr zurückkehren, und das hatte er auch getan.

Aber Talin hatte ihr stillschweigendes Versprechen gebrochen. Talin war zu zerstört gewesen, um sich auf den Tanz mit einem Leoparden einzulassen. Dieses Versagen verfolgte sie nun schon so viele Jahre. „Nach Orrins Tod gab es großes Aufsehen in den Medien“, sagte sie und zwang sich, den scharfen Schmerz des Verlustes in den Hintergrund zu drängen. „Damals habe ich nichts davon mitbekommen, aber ich habe später nachgeforscht.“

„Sie wollten mich einschläfern. Wie ein Tier.“

„Ja.“ Sie ließ die Arme herunterfallen und ballte die Fäuste, denn eine Welt ohne Clay konnte sie sich einfach nicht vorstellen. „Aber der Kinderschutzbund intervenierte. Er musste es tun, nachdem ihnen jemand die Wahrheit über Orrin erzählt hatte… und was er mir angetan hatte.“ Sie schmeckte Galle im Mund, drängte sie aber zurück mit der Kraft, die ihr der vorübergehende Aufenthalt in der Hölle verschafft hatte.

Sie konnte die Vergangenheit nicht auslöschen, ihr detailgenaues Erinnerungsvermögen ließ den Albtraum immer wieder auferstehen, aber sie hatte gelernt, über diese dunkle Zeit hinauszudenken. „Die Sache verlor an Wichtigkeit, und du bekamst eine geringere Strafe, solltest bis zum Alter von achtzehn in einem Jugendgefängnis bleiben.“

„Ich war dabei. Ich weiß, was mit mir geschehen ist“, sagte er mit bitterer Ironie. „Ich habe gefragt, was mit dir war.“

„Das versuche ich dir doch gerade zu erzählen!“ Sie richtete sich auf, um seinem fordernden Auftreten etwas entgegenzusetzen. „Dräng mich nicht.“

„Aber nicht doch. Wir haben die ganze Nacht vor uns. Lass dir nur Zeit. Ich richte mich ganz nach deinen Bedürfnissen.“

„Sarkasmus steht dir nicht.“ Er war zu roh dafür, zu wild.

„Du kennst mich doch gar nicht.“

Nein, dachte sie voller Schmerzen, das tat sie nicht. Sie hatte alle Rechte an ihm an dem Tag aufgegeben, als sie ihn glauben ließ, sie sei bei einem Autounfall umgekommen. „Aufgrund der Berichte in den Medien“, fuhr sie fort, „wollten mich viele Leute adoptieren.“

„Ich weiß– das stand in den Zeitungen.“

Sie nickte. „Der für mich zuständige Sozialarbeiter wurde gefeuert, nachdem die Medien herausgefunden hatten, dass er in seiner Arbeitszeit hauptsächlich gespielt hatte.“ Mit dem Leben seiner Schutzbefohlenen. „Zeke– der Neue– hatte eine Tochter in meinem Alter. Er war engagierter, ging weit über den offiziellen Rahmen hinaus und überprüfte alle Antragsteller auf Herz und Nieren.“

Clay sagte kein Wort, aber seine Augen sahen nun völlig wie die einer Raubkatze aus, extrem gefährlich. Talin fiel ein, dass Zeke ihm die Lüge über ihren Tod erzählt hatte.

Sie sah dem Leoparden in die Augen– ängstlich, verwirrt und voller Verlangen. Manchmal kam es ihr so vor, als sei sie mit dieser Sehnsucht nach Clay schon zur Welt gekommen. „Er schickte mich zu den Larkspurs tief ins ländliche Iowa.“ Die Weite, die endlosen grünen Felder und die ständige Versorgung mit Nahrung hatten ihr einen richtigen Schock versetzt. „Dir hätte das ‚Nest‘ gefallen– so haben die Larkspurs ihre Farm immer genannt. Es gab genug Platz zum Herumlaufen und Spielen.“

Sein Blick schien nicht mehr ganz so aggressiv zu sein. „Waren sie gut zu dir?“

Talin nickte und biss sich auf die Zunge, um Clay nicht zu bitten, doch wieder so zu sein wie früher, bevor alles in die Brüche gegangen war. Orrins Schläge hatten ihre Lippen aufgerissen und ihr die Rippen gebrochen, aber erst als sie Clay hinausgezerrt hatten, war sie endgültig vernichtet. „Ich war völlig am Ende, Clay.“ Da konnte sie sich nichts vormachen. „Schon vor Orrins Tod. Der hat mir bloß den Rest gegeben. Aber die Larkspurs haben mich als Mitglied ihrer Familie aufgenommen, ohne mich mit Fragen zu quälen. Plötzlich hatte ich zwei ältere Brüder und eine ältere und eine jüngere Schwester.“

„Hört sich an, als sei es ein bisschen viel gewesen.“

„Eine Zeit lang war es das auch.“ Völlig überwältigt von dieser lauten, munteren Familie hatte sie sich in dunklen Zimmerecken versteckt. „Irgendwann ist mir dann bewusst geworden, dass ich schon fast ein Jahr dort lebte, ohne dass jemand versucht hatte, mir etwas anzutun. Als man dich entlassen hat, war ich zwölf und wieder ziemlich gut beisammen.“ Die Albträume waren nur noch ein- bis zweimal pro Woche aufgetreten, und sie hatte ihre Ängste und Aggressionen zunehmend weniger in der Schule ausgetragen.

„Da wolltest du mich lieber in deiner Vergangenheit begraben.“ Sein Lachen klang bitter. „Warum zum Teufel auch nicht?“

„Nein, so war das nicht.“ Sie streckte die Hand aus, ließ sie aber wieder sinken, als er sich weiter in die Dunkelheit zurückzog. „Ich–“ Wie konnte sie ihm nur die schreckliche Verwirrung verständlich machen, die sie ergriffen hatte? Sie wäre noch nicht stark genug gewesen, um es mit Clay aufzunehmen, sich den Schrecken der Vergangenheit zu stellen, aber sie hatte sich auch Sorgen um ihn gemacht.

„Ich hatte dir doch schon vier Jahre Freiheit geraubt und wollte nicht den Rest des Lebens eine Bürde für dich sein.“ Schon mit kaum zwölf hatte sie gewusst, er würde alles aufgeben, um sich um sie zu kümmern. „Ich wollte dich nicht an mich binden, du solltest nicht gezwungen sein, für mich zu sorgen, weil ich allein zu schwach war. So wie du es schon die meiste Zeit für Isla getan hattest.“ Das hatte die Beziehung zwischen Mutter und Sohn zu einer Beziehung zwischen Patientin und Versorger gemacht. Der Gedanke, Clay könnte sie in dieselbe Kategorie stecken, hatte Talin beunruhigt. Er verstörte sie noch immer.

„Lüg mich nicht an.“ Die Drohung klang tödlich. „Du bist aus Angst weggerannt.“

„Ich habe dir die Wahrheit gesagt.“ Sie schluckte. „Aber es stimmt, ich hatte auch Angst. Du hast ja nicht gesehen, was ich gesehen habe. An diesem Tag in Orrins Schlafzimmer hast du dich in jemanden verwandelt, den ich nicht kannte, der gewalttätiger war als alle, denen ich jemals begegnet war.“ Sie wartete darauf, dass er sagte, er habe es für sie getan, aber er tat es nicht. Ihre Schuldgefühle wurden noch stärker. „Warum machst du mir denn gar keine Vorwürfe? Dann wäre es einfacher. Mach mir Vorwürfe, schrei mich an. Verflucht noch mal!“

„Warum denn, Talin? Was hast du denn getan? Dein einziges Verbrechen bestand darin, meine Freundin zu sein.“ Clay bewegte sich nicht, er verschwamm so sehr mit dem Wald, dass Talin kaum erkennen konnte, wo seine Gestalt sich von der Nacht abhob. „Warum wendest du dich nicht an die Larkspurs um Hilfe?“

„Ich habe schon genug Dunkles in diese Familie gebracht. Ich kann nicht auch noch das Böse zu ihnen bringen.“

„Sie sind dein Rudel, sie würden dir beistehen.“

Seine Wortwahl überraschte sie. „Mein Rudel? Nein, das glaube ich nicht. Ich– ich war eher ein Gast. Habe mich selbst dazu gemacht und die Familie mit sechzehn verlassen, nachdem ich ein Vollstipendium bekommen hatte.“ Selbst den Namen hatte sie abgelegt, als sie erwachsen geworden und genug Zeit vergangen war, um ihre Spuren zu verwischen, sodass Clay die losen Enden nicht miteinander verknüpfen und sie finden konnte. „Ich habe sie nie an mich herangelassen.“

„Warum nicht?“

„Lässt du dein Rudel an dein Herz?“, fragte sie in dem verzweifelten Versuch, mehr über sein neues Leben, seine neue Welt, zu erfahren. Jahre der Sehnsucht begegneten sich in diesem einen Augenblick.

„Die DarkRiver-Leoparden adoptieren einen auf ihre Art und Weise, selbst wenn man es nicht will“, knurrte er. „Wenn ich leide, helfen sie mir. Sie würden sogar für mich töten.“

Die Gewalt, die in diesen Worten zum Vorschein kam, jagte ihr Schauer über den Rücken. Aber es lag auch etwas Verführerisches in dieser Loyalität. Andere Bindungen kamen ihr in den Sinn. „Hast du… bist du mit jemandem aus dem Rudel zusammen?“

Er rührte sich nicht. „Du riechst nicht nach einem Partner.“

„Ich?“ Vor Überraschung klang ihre Stimme ganz hoch. „Nein. Ich– gar nicht.“

Er schwieg.

Sie räusperte sich. „Ich will mich nicht in eine Beziehung drängen, indem ich dich in meine Probleme hineinziehe.“

„Meine Beziehungen kannst du ruhig mir überlassen.“

Ihr wurde plötzlich schlecht. „Schön.“

Clay wartete. Das Gefängnis war die Hölle gewesen, aber er hatte dort gelernt, seine Gefühle zurückzuhalten, sich die Wut aufzusparen, bis er sie brauchen konnte– und dann als Waffe zu benutzen. Die Wissenschaftler der Medialen, die das Verhalten „gefangener Tiere“ beobachten wollten, waren ungewollt seine Lehrmeister gewesen.

Zu der Zeit war er der einzige Raubtiergestaltwandler gewesen, der eine längere Strafe zu verbüßen hatte– die Rudel straften ihresgleichen normalerweise ohne die Einmischung von Polizeikräften. Aber Clay war kein Mitglied eines Rudels gewesen und hatte dazu bei seinem Verbrechen die Grenzen zwischen den Arten überschritten und einen Menschen getötet.

Doch statt ihn genaueren Untersuchungen zu unterziehen, aus denen sie Dinge gelernt hätten, die ihnen im kalten Krieg gegen die Gestaltwandler einen Vorteil verschafft hätten, hatten die Medialen ihn wie eine Kuriosität behandelt, wie ein Tier hinter Gittern. Und das Tier hatte beobachtet und gelernt. Nun richtete er seine Aufmerksamkeit auf Talin, die von einem Bein auf das andere trat und die Arme wieder um ihren Oberkörper geschlungen hatte.

„Ich arbeite in San Francisco in einem Projekt mit Kindern und Jugendlichen“, sagte sie übergangslos. „Seit meinem Abschluss habe ich in diesem Bereich gearbeitet. Aber erst seit Anfang des Jahres bin ich hier, vorher war ich in New York.“

„Schwebt eins von ihnen in Gefahr?“ Seine Wut flammte wieder auf, als ihm klar wurde, dass sie schon seit fast drei Monaten in seinem Territorium war. Immer wieder hatte er in dieser Zeit ihre Witterung in Chinatown oder an der Fisherman’s Wharf aufgenommen, aber letztlich vor einer Fremden gestanden; er hatte gedacht, es seien Anzeichen für einen Absturz in den Abgrund.

„Nicht auf diese Weise.“ Sie ließ die Arme sinken und sah ihm in die Augen, die wieder glühten. „Clay, bitte. Hör auf, die Katze zu spielen, und komm näher, damit ich dein Gesicht sehen kann.“

„Nein.“ Er war noch nicht bereit, ihr irgendetwas von sich zu geben. „Wusstest du, dass ich auch in der Stadt war?“

„Zuerst nicht. Ich hatte keine Möglichkeit, mich auf die Suche nach dir zu machen, nachdem du entlassen worden warst.“ Sie fuhr mit der Fußspitze über Grasbüschel. „Aber vor ein paar Wochen habe ich dich plötzlich gesehen. Hat mich fast verrückt gemacht– ich dachte, ich halluziniere, stellte mir bloß vor, wie du vielleicht als Erwachsener ausgesehen haben würdest.“

Er antwortete nicht, hing immer noch seinen eigenen Gedanken nach.

Talin stieß einen Seufzer aus. „Ich schwöre–“ Zähne knirschten aufeinander. „Dann ging ich noch einmal an die Stelle, an der ich dich gesehen hatte– es war das Hauptquartier der DarkRiver-Leoparden–, und stellte im Internet Nachforschungen an. Ich war mir immer noch nicht sicher– es gab kein Foto von dir, und du hattest deinen Nachnamen in Bennett geändert.“

Das hatte ihm die Möglichkeit gegeben, von der Bildfläche zu verschwinden, die Medienmeute abzuschütteln. Im Laufe der Jahre war er wirklich zu seinem Namen geworden. „Wir können später darüber reden, wie du mich gefunden hast“, sagte er und ein kaltes Feuer brannte in seinen Eingeweiden. „Sag mir erst, warum du meine Hilfe brauchst.“

„Wenn du mir Angst einjagen willst, hast du damit Erfolg. Aber ich werde nicht davonlaufen.“

Ihre zur Schau gestellte Tapferkeit erinnerte ihn wieder an das Mädchen, das sie einst gewesen war. Am ersten Tag hatte sie mit großen Augen furchterfüllt neben ihm gesessen, sich aber trotzig geweigert, ihn zu verlassen, bevor der Krankenwagen eingetroffen war. „Warum denn nicht?“, fragte er und flüchtete sich wieder in Sarkasmus. „Im Davonlaufen bist du doch gut.“

Sie sah zu den Baumwipfeln hoch und atmete tief durch, als müsse sie ihre Wut zurückhalten. Clay fragte sich, ob sie damit Erfolg haben würde. Seine Tally war immer sehr ruhig gewesen… außer bei ihm. Nur er hatte gewusst, dass sie weder besonders schüchtern noch zurückhaltend war. Das Mädchen war temperamentvoll wie Dynamit. Fing leicht Feuer und explodierte.

„Es verschwinden Kinder– nicht nur hier, sondern im ganzen Land“, sagte sie nun voller Zorn, der sich jedoch nicht gegen ihn richtete. „Zuerst hielt man sie für Ausreißer, aber ich kannte ein paar von ihnen. Die hätten das nie gemacht.“ Sie zog die Schultern hoch. „Jetzt habe ich Beweise, dass ich recht hatte, und wünsche mir jede Nacht, es wäre nicht so.“ Ihre Stimme brach.

„Erzähl mir mehr.“ Er konnte es nicht ertragen, wenn sie litt, das hatte er nie gekonnt, und höchstwahrscheinlich würde das auch immer so bleiben. Diese vertraute Fremde, diese Frau, die in ihm eine Bestie sah, rührte sein Herz. Es war einfach nicht zu glauben.

„Vor zwei Wochen haben sie Mickeys Leiche gefunden.“ Eine Träne lief ihr über die Wange. Sie wischte sie mit einer wütenden Geste fort. „Er war elf und gescheit, so unglaublich gescheit, er konnte sich an alles erinnern, was er je gelesen hatte.“

„Genau wie du.“

„Stimmt. Seine Mutter hatte ihn allerdings nicht als Baby irgendwo abgelegt. Aber er hatte das Pech, dass sie ein Faible für gewalttätige Männer hatte.“ Talin verzog das Gesicht zu einem freudlosen Lächeln. „Er war eines meiner Kinder, Clay. Ich hatte versprochen, mich um ihn zu kümmern, wenn er dafür jeden Tag zur Schule gehen würde.“ Sie zitterte, und die Fingerknöchel ihrer geballten Fäuste wurden weiß. „Man hat ihn totgeschlagen. Jeder einzelne Knochen war gebrochen. Die Schweine haben sein Gesicht quasi pulverisiert– als wollten sie ihn auslöschen.“

Wut kochte in ihm hoch. Er dachte an die Kinder in seinem Rudel und daran, was er demjenigen antun würde, der es wagte, ihnen wehzutun. „Ein Liebhaber seiner Mutter?“

„Hätte ich auch vermutet, wenn Mickey nicht auf einer Jugendfreizeit gewesen wäre, als sie ihn wegholten. Und es ist auch nicht bei diesem einen Kind geblieben.“ Ihre Stimme klang, als hätte sie zerbrochenes Glas in der Kehle. „In dieser Woche sind zwei weitere Leichen aufgetaucht. Und mindestens noch ein weiteres Kind wird vermisst.“

Der Leopard in ihm wollte zu ihr gehen, obwohl er immer noch wütend und verletzt war und ihr plötzliches Auftauchen ihm einen Schock versetzt hatte. Er wollte sie in die Arme nehmen. Körperlicher Kontakt, heilendes Mitgefühl, war die Reaktion der Gestaltwandler in solchen Fällen, das hatte man ihm beigebracht, nachdem ihn die Leoparden aufgenommen hatten. Aber Talin hatte Angst vor ihm. Das hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben, und der scharfe Schmerz darüber brannte immer noch in seiner Seele. Der Mann in ihm war sich nicht sicher, ob er eine weitere Verletzung riskieren wollte. Er nahm seine Instinkte als Tier zurück und trat aus dem Schatten. „Willst du, dass ich dich in den Arm nehme und tröste, Talin?“

Bei dieser direkten Frage machte sie große Augen, dann nickte sie kurz. Etwas in ihm wurde ganz ruhig, abwartend. „Dann komm zu mir.“

Der ganze Wald schien in sich zu erstarren, die Kreaturen der Nacht wussten, dass ein Leopard auf der Lauer lag.

„Oh Gott, Clay.“ Ihre Arme legten sich um ihn, ihre Wange presste sich an sein weißes Baumwoll-T-Shirt.

Er wagte kaum zu atmen, als er sie ebenfalls umarmte, sehr bewusst ihren warmen, ihm vertrauten Körper wahrnahm und spürte, wie sein Hemd feucht wurde.

Sie war so klein, so verdammt zerbrechlich, hatte menschlich zarte Haut und leichte Knochen. Die Medialen waren im Vergleich zu den Gestaltwandlern auch zerbrechlich, aber sie konnten dies mit ihren geistigen Kräften ausgleichen. Den Menschen fehlten diese Kräfte. Eine Welle von Beschützerinstinkten erfasste ihn.

„Schsch, Tally.“ Er nannte sie bei ihrem Kosenamen, denn in diesem Augenblick war sie ihm wieder nahe. Ihr Herz war immer viel zu groß für ihren Körper gewesen, hatte den Schmerz der anderen gefühlt und den eigenen hintangestellt. „Ich werde das vermisste Kind finden.“

Sie schüttelte den Kopf an seiner Brust. „Es ist zu spät. Es sind schon drei Leichen. Jonquil ist wahrscheinlich auch tot.“

„Dann finde ich den, der ihnen das angetan hat, und sorge dafür, dass er damit aufhört.“

Sie erstarrte in seinen Armen. „Ich bin nicht gekommen, um dich zum Mörder zu machen.“

 

4

„Ich bin ein Mörder“, sagte er, denn er wollte nicht zulassen, dass sie vor dieser Tatsache die Augen verschloss. „Ich bin ein Gestaltwandlerleopard, in meiner Welt ist Töten ein akzeptiertes Mittel, um das Rudel zu schützen.“

„Ich gehöre nicht zu deinem Rudel.“

„Nein.“ Warum wollte er ihr dann helfen? Erst recht, nachdem sie so deutlich gesagt hatte, was sie von ihm hielt? „Aber kein Kind sollte auf diese Weise sterben.“

Ein kurzes Schweigen. „Danke.“ Sie ließ ihn los. „Du bist so stark geworden.“

„Im Vergleich zu dir war ich schon immer stark.“ Aber nun könnte er sie ohne große Anstrengung mit einem Biss in der Mitte durchbeißen. Dieser ungeheuren Kräfte wegen hatte er sich stets von Menschenfrauen ferngehalten. Für den seltenen Sex hatte er sich Gestaltwandlerinnen gesucht. Er war, wie er war. Zärtlichkeit lag ihm nicht im Blut. „Es sei denn, du hättest dir Muskeln zugelegt, von denen ich nichts sehen kann.“

Sie lachte, warm und verführerisch weiblich. „Ich bin immer noch ein Knirps, aber du– bist ein Leopard geworden.“

Er wusste, was sie meinte. Sie hatte ihn als zornigen Jungen kennengelernt, der in der klaustrophobischen Enge ihres Wohnblocks lebte. Das hatte den Leoparden in ihm erstickt und ihn im Innersten verletzt. Er hatte sich nicht einmal verwandeln können, ohne dass die Leute gleich die Polizei gerufen hatten, um ein entlaufenes Tier einzufangen. Und Isla hatte es nie ertragen können, wenn ihr Sohn Leopardengestalt annahm.

„Bist du glücklich in dem Rudel?“, fragte Talin.

„Es bedeutet meine Familie für mich und meine Freunde.“ Loyalität zählte für Clay mehr als alles andere. Sie akzeptierten ihn, so wie er war, machten sich nichts daraus, dass er lieber allein umherstreifte, und boten ihm gleichzeitig ihr Haus und ihre Freundschaft an.

„Wer war denn der blonde Mann vorhin?“

Er wurde steif. „Dorian ist auch ein Wächter.“ Ein sehr gutaussehender, wenn man den meisten Frauen Glauben schenkte.

„Ihr wart beide ziemlich grob zu den Jungen.“

„Sie hatten es auch verdient. Sie waren ordentlich betrunken und haben die ganze Bar demoliert.“

„Ihr wart also gekommen, um sie nach Hause zu bringen?“ Er hörte an ihrer Stimme, dass sie lächelte. „Ihr passt aufeinander auf. Euer Rudel, meine ich.“

„Ich werd ihnen ordentlich die Hölle heißmachen, wenn sie wieder nüchtern sind. Wir sind schließlich nicht die Schweizer Familie Robinson.“ Das konnten sie sich nicht leisten, vor allem jetzt nicht, da der Rat der Medialen die DarkRiver-Leoparden und die SnowDancer-Wölfe und damit die einzigen Gestaltwandlerrudel auslöschen wollte, die es wagten, sich gegen ihn zu stellen.

Da war auf einmal ein Knurren zu hören.

„Hast du Hunger, Tally?“

Sie nickte, lehnte sich aber weiter an ihn. „Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen, weil ich so aufgeregt wegen unseres Treffens war.“

„Wenn ich nicht wieder beleidigt sein soll“, fuhr er sie an, „solltest du damit aufhören, mir dauernd zu sagen, wie viel Befürchtungen ich in dir auslöse.“

„Es ist aber so.“ Damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet. Seine Muskeln spannten sich an. Dann knurrte er, das tiefe Grollen vibrierte wie tausend kleine Nadelstiche in ihrer Wirbelsäule.

„Hör auf damit, oder ich beiße dich, dann hast du endlich etwas, worüber du dir Sorgen machen kannst.“

Talins Augenlider zuckten. „Das würdest du nicht tun.“ Oder etwa doch?

„Du kannst es ja ausprobieren.“

Sie fühlte sich warm und geborgen in diesen starken Männerarmen und wollte es nicht darauf ankommen lassen. Noch nicht. „Wirst du mir helfen?“

Als Antwort spürte sie seinen heißen Atem an ihrem Ohr. „Stell weiter so dumme Fragen, und du wirst schon sehen, wohin das führt.“

Sie nahm seine Worte als Zustimmung, und obwohl ihr das Herz bis zum Halse schlug, blieb sie in seinen Armen und betete, Gott möge ihr die Kraft geben, die Sache durchzustehen, ohne ihr Geheimnis preiszugeben. Denn sonst würde Clay sie wirklich nur noch hassen können.

Zwanzig Minuten später saßen sie in dem Lokal, das die Jugendlichen demoliert hatten. „Sieht gar nicht so schlimm aus.“ Sie wies auf die relativ unversehrten Wände.

„Der Wirt baut stabil. Joe ist ein Rudelgefährte.“

„Ach.“ Talin verfiel in Schweigen, als eine wohlgeformte Blondine mit finsterem Gesicht ihr das Essen vor die Nase stellte und sich dann an Clay wandte.

„Ich hoffe, Cory, Kit, Jase und die anderen Trunkenbolde werden genauso bestraft wie ich. Joe hält es für wahnsinnig komisch, mich in diesem verdammten Outfit herumlaufen zu lassen.“ Knurrend zeigte sie auf das knappe pinkfarbene T-Shirt und den schwarzen Minirock. Mit den kniehohen Stiefeln sah sie ziemlich sexy aus. Aber Talin hatte die unbestimmte Ahnung, dass jeder Mann, der diese Frau anmachen wollte, sehr schnell mit gebrochenen Armen dastehen würde.

Clay trank ungerührt einen großen Schluck von seinem Bier. „Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du seine Kellnerin geschlagen hast, Rina. Jetzt bist du Opal, bis ihre Nase wieder geheilt ist.“

Rina stampfte mit dem Fuß auf. „Ist doch alles in Ordnung mit ihrer Nase! Ich hab ihr nur einen leichten Klaps drauf gegeben!“

„Du bist Soldatin der DarkRiver-Leoparden und musst deinen Zorn beherrschen lernen.“

Rinas finstere Miene verwandelte sich in einen sinnlichen Schmollmund. „Ach bitte, Clay.“

„Vergiss es, Kätzchen“, sagte er. Die in seinen Augen aufblitzende Heiterkeit traf Talin wie ein Schlag. „Wo bleibt mein Burger?“