Wilde Glut - Nalini Singh - E-Book

Wilde Glut E-Book

Nalini Singh

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Beschreibung

Der Gestaltwandler Drew Kincaid ist ein Jäger. Er spürt Angehörige seines Wolfsrudels auf, die ihrer animalischen Seite nachgegeben haben. In den meisten Fällen gelingt es ihm, sie zu retten und zum Rudel zurückzubringen. Manchmal bleibt ihm jedoch nichts weiter übrig, als sie zu töten. Drew ist insgeheim in die schöne Wächterin Indigo Riviere verliebt, die seine Gefühle zu erwidern scheint. Doch Indigos eigene Position unter den Wölfen macht eine Beziehung zwischen beiden unmöglich, wenn sie nicht die Hierarchie des Rudels gefährden wollen. Die Leidenschaft zwischen Indigo und Drew wird zu einem Spiel mit dem Feuer.

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Seitenzahl: 453

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Inhalt

Titel

Widmung

Makellosigkeit

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Personenregister

Impressum

Nalini Singh

Wilde Glut

Roman

Ins Deutsche übertragen von Nora Lachmann

Für zwei wunderbare Freundinnen in ganz verschiedenen Ecken der Welt:

für Junko, die mir in anderen Sprachen den Weg weist, und Cora, die ebenso viel Mut wie Herz besitzt.

Und ein extra großes Dankeschön von Roman und Julian an Cian und Calisto.

Makellosigkeit

Die Gattung der Medialen ist makellos rein, seit mehr als hundert Jahren befinden sie sich in Silentium, werden von Kindesbeinen an konditioniert, nichts zu fühlen und der restlichen Welt mit Eiseskälte zu begegnen. Leidenschaft und Liebe, Hass und Sorgen gehören schon lange nicht mehr zu ihrem Leben, begegnen ihnen nur als Schwächen bei Gestaltwandlern und Menschen.

Doch im Frühling des Jahres 2081 stehen die Zeichen auf Veränderung. Zu viele mächtige Mediale haben das Medialnet verlassen, bei zu vielen der dort Gebliebenen bröckelt die Konditionierung, und zu viele Risse erschüttern das Medialnet.

Manche sprechen schon davon, dass Silentium fallen wird.

Und manche schrecken auch vor Mord nicht zurück, um eben das zu verhindern.

1

Indigo wischte sich die Augen, sah aber kaum einen Sekundenbruchteil klarer. Mit unverminderter Wucht ergoss sich sintflutartiger Regen aus dem schwarzen Himmel, prasselte wie eiskaltes Trommelfeuer auf ihre Haut, schob sich wie ein undurchdringlicher Vorhang zwischen sie und den dichten Wald. Sie senkte den Kopf und machte Meldung durch das Mikro am klitschnassen Kragen ihres schwarzen T-Shirts. »Siehst du ihn?«

Eine vertraute, tiefe Stimme antwortete ihr knapp: »Etwa einen Kilometer nordwestlich. Nähere mich von der anderen Seite.«

»Ein Kilometer, Richtung Nordwest«, bestätigte sie zur Sicherheit. Gestaltwandler hörten außerordentlich gut, aber der Wolkenbruch trommelte so fürchterlich auf ihren Schädel, dass der Hightech-Empfänger in ihrem Ohr nur so brummte.

»Sei vorsichtig, Indy. Er ist wild.«

Unter normalen Umständen hätte sie geknurrt, weil er diesen lächerlichen Kosenamen benutzt hatte, aber im Augenblick hatte sie wirklich andere Sorgen. »Musst du gerade sagen. Dich hat’s doch schon erwischt.«

»Nur eine Fleischwunde. Ab jetzt Funkstille.«

Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und pirschte vorsichtig durch den dunklen Wald. Wenn sie Joshua fangen wollten, ohne ihm größeren Schaden zuzufügen, war es das Beste, ihn in die Zange zu nehmen – das hatte ihr Jagdgefährte ganz richtig erkannt. Indigos Magen zog sich zusammen. Sie würde den Jungen nur ungern verletzen. Der Fährtensucher, der ihm auf den Fersen war, wollte das ebenso wenig – das war auch der Grund, weshalb der Junge ihn, den so viel größeren Wolf, verwundet hatte.

Aber wenn es ihnen nicht gelang, Joshua vom Abgrund zurückzureißen, würde ihnen nichts anderes übrig bleiben. Zorn und Schmerz wüteten so sehr in dem jungen Wolf, dass er sich dem Tier in sich ergeben hatte. Und der losgelassene Wolf hatte die Gefühle in wilde Wut verwandelt. Joshua war eine Gefahr für das Rudel. Doch noch war er einer von ihnen. Eher würde sie selbst verbluten oder in diesem Sturm untergehen, als Joshua zu töten, bevor nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft waren.

Ein Zweig, dem sie im Unwetter nicht rechtzeitig hatte ausweichen können, ritzte ihre Wange.

Spitz. Eisengeruch in der Luft. Blut.

Indigo fluchte leise. Nun würde Joshua sie wittern, wenn sie nicht aufpasste. Sie hielt ihr Gesicht in den Regen, bis das Blut abgewaschen war. Aber die Wunde war immer noch offen, der Blutgeruch zu stark, um einem Wolf zu entgehen. Indigo ließ sich auf den Boden fallen und schmierte Schlamm auf den tiefen Schnitt. Ihre Heilerin würde ihr dafür sicher das Fell über die Ohren ziehen, aber der Geruch nach feuchter Erde überdeckte alle anderen Gerüche.

Das würde reichen. Joshua war schon so hinüber, dass er den kleinen Rest Blut nicht wahrnehmen würde.

»Wo steckst du?«, flüsterte sie kaum hörbar. Joshua hatte bisher niemanden versehrt oder getötet. Sie konnten ihn noch zurückbringen – falls sein Schmerz, der an der Schwelle zum Erwachsensein so überwältigend war, es ihm gestatten würde.

Wind peitschte durch den Wald … und brachte die Witterung ihrer Beute mit. Indigo lief schneller, verließ sich auf die Augen ihrer Wölfin, die andere Hälfte von ihr konnte im Dunkeln besser sehen. Die Witterung wurde immer deutlicher, dann hörte sie Wolfsgeheul.

Wütendes Knurren, das Schnappen von Zähnen und der stechende Geruch nach Eisen.

»Nein!« Indigo rannte so schnell sie konnte, immer mit einem Ohr beim Kampf sprang sie über umgestürzte Baumstämme und schlammige Fluten, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Etwa zwanzig Sekunden später war sie vor Ort, doch es kam ihr vor wie ein ganzes Leben.

Ein Blitz erhellte den Himmel über der kleinen Lichtung, auf der zwei Gestaltwandlerwölfe sich im Kampf ineinander verbissen hatten. Als es wieder dunkel wurde, waren beide zu Boden gegangen, aber Indigo verlor sie nicht aus dem Blick, ihre Augen kannten nur ein Ziel.

Das silberne Fell des Fährtensuchers war fast schwarz vor Nässe, er war größer, aber der kleinere Wolf mit dem rötlichen Fell hatte die Oberhand – denn der Jäger hielt sich zurück, war nicht darauf aus, zu töten. Die vor Nässe triefende Kleidung klebte Indigo so fest am Leib, dass es zu lange gedauert hätte, sie auszuziehen, deshalb verwandelte sie sich auf der Stelle. Sengender Schmerz und überbordende Freude durchfuhren sie, während die Kleider in Fetzen davonflogen. Im Funkenregen stand eine drahtige Wölfin, der man ansah, wie schnell sie sein konnte.

Sie stürzte sich in den Kampf – der rote Wolf hatte seine Krallen gerade in die Seite des Gegners geschlagen, der größere packte ihn im Nacken. Wie schon zuvor hätte er ihn leicht töten können, aber er wollte ihn nur zwingen, aufzugeben. Doch Joshua war schon zu weit weg, er schlug mit ausgefahrenen Krallen nach dem ungeschützten Bauch des Jägers. Mit gefletschten Zähnen setzte Indigo zum Sprung an. Ihre Pranken drückten den kleineren Wolf zu Boden, der knurrte und wild um sich biss.

Sie hatte kein Gefühl dafür, wie lange sie in dieser Stellung verharrten, den wilden Wolf festhielten, damit er nicht den letzten Schritt in den Abgrund tat. Die Wolfsaugen des Jägers lagen auf ihr. Leuchtendes Kupfer, eine Farbe, die sie noch bei keinem anderen Wolf oder wilden Tier oder auch Gestaltwandler gesehen hatte. Erstaunlich intelligent war dieser Blick, die meisten nahmen das gar nicht wahr, denn der Fährtensucher lachte viel und war schamlos charmant.

Vielen aus dem Rudel war nicht einmal bewusst, dass er ihr Fährtensucher war und die Spur wild gewordener Wölfe durch Schnee, Sturm oder wie heute durch heftigen Regen verfolgen konnte. Und obwohl niemand ihn so nannte, war er ein Jäger und hatte die Erlaubnis zu töten, wen er nicht retten konnte. Joshua schien begriffen zu haben, wen er vor sich hatte, denn er beruhigte sich schließlich, und sie spürten, wie seine Muskeln erschlafften.

Indigo löste vorsichtig ihre Tatzen, doch Joshua blieb auch noch am Boden, als der Wolf mit dem silberfarbenen Fell ihn losließ. Besorgt nahm sie menschliche Gestalt an, die nassen Haare klebten auf ihrem nackten Rücken. Der Fährtensucher hielt Wache an ihrer Seite und rieb sein feuchtes Fell an ihrer Haut.

»Joshua«, sagte sie und beugte sich vor, sie musste ihn irgendwie dazu bringen, wieder Mensch zu werden. »Deine Schwester lebt. Wir haben sie rechtzeitig ins Krankenhaus bringen können.«

Nicht die Spur einer Erkenntnis glomm in den gelben Augen auf, aber so leicht war Indigo nicht zu entmutigen, schließlich war sie Offizierin der SnowDancer-Wölfe. »Sie hat nach dir gefragt, also komm lieber raus da.« Dann legte sie ihre ganze Dominanz in das nächste Wort: »Sofort!«

Der junge Wolf blinzelte, und ein Zittern ging durch seinen Leib. Schließlich stand er auf schwankenden Beinen vor ihr. Sie streckte die Hand aus, und er senkte winselnd den Kopf. »Ganz ruhig«, sagte sie, griff nach seiner Schnauze und sah fest in die Wolfsaugen. Er konnte den Blick nicht halten, Joshua war noch zu jung und unterwürfig, um sich ihr entgegenzustellen.

»Ich bin nicht böse«, sagte Indigo. Das war die Wahrheit, er merkte es an ihrer Stimme, an ihrem Griff, der fest war, ihm aber keine Schmerzen bereitete. »Aber du musst jetzt wieder ein Mensch werden.«

Immer noch vermied er es, ihr in die Augen zu sehen. Doch er hatte sie offenbar gehört. Denn kurz darauf sprühten Funken, und dann kniete ein knapp vierzehnjähriger Junge mit angespannter Miene vor ihnen. »Geht es ihr wirklich gut?« Seine Stimme klang immer noch rau, nach Wolf.

»Habe ich dich jemals belogen?«

»Ich sollte auf sie aufpassen, aber ich –«

»Du hast nichts falsch gemacht.« Sie fasste sein Kinn, gab ihm durch die Berührung Halt, stellte die Verbindung zum Rudel her. »Ein Steinschlag – dagegen warst du machtlos. Ihr Arm und zwei Rippen sind gebrochen, außerdem hat sie eine coole Narbe über einer Augenbraue, die sie stolz wie ein Pfau herumzeigt.«

Die Aufzählung schien Joshua zu beruhigen. »Hört sich ganz nach ihr an.« Ein zaghaftes Lächeln, ein kurzer Blick, dann sah er wieder zu Boden.

Indigo musste ebenfalls lächeln – denn jetzt war er wirklich zurück, er hatte Angst vor den Konsequenzen, die ihn erwarteten. Erleichtert biss sie ihn ins Ohr. Er schrie auf und vergrub dann seinen Kopf an ihrem Hals. »Es tut mir leid.«

Sie strich mit der Hand über seinen Rücken. »Schon in Ordnung. Aber wenn du so was noch mal machst, ziehe ich dir das Fell über die Ohren und nähe mir Sofabezüge draus. Ist das klar?«

Wieder ein zaghaftes Lächeln, er nickte. »Ich will jetzt nach Hause.« Er schluckte und wandte sich dann an den Fährtensucher. »Danke, dass du mich nicht umgebracht hast. Tut mir leid, dass du meinetwegen in den Regen hinaus musstest.«

Der große Wolf an Indigos Seite, in dominanter Haltung mit steil aufgerichtetem Schwanz, schloss die gefährlichen Reißzähne um den Hals des Jungen. Joshua bewegte sich nicht, bis der Fährtensucher ihn wieder losließ. Die Entschuldigung war angenommen.

Indigo versuchte vergebens, den Regen aus den Haaren zu schütteln. »Eine Woche lang darfst du nicht Wolf werden.« Er sah so enttäuscht aus, dass sie ihm auf die Schulter klopfte. »Das ist keine Strafe. Aber du warst zu nah am Abgrund. Lieber kein Risiko eingehen.«

»Okay, stimmt ja.« Er schwieg, in seinem Blick sah sie so etwas wie Scham. »Der Wolf ist immer schwerer im Zaum zu halten. Wie damals, als ich noch Kind war.«

Das war wohl die Erklärung für seine irrationale Reaktion auf den Unfall. Indigo notierte sich im Geist, dass sie ein paar Leuten kräftig in den Hintern treten wollte. Halbwüchsige bekamen öfter mal Schwierigkeiten mit ihrer Selbstbeherrschung – Joshuas Lehrern hätte das auffallen sollen. »Das kommt manchmal vor«, sagte sie so ruhig und beiläufig wie möglich. »Ging mir auch so in deinem Alter, dafür musst du dich nicht schämen. Komm einfach sofort zu mir, wenn es wieder passiert.« Als er erleichtert nickte, nahm sie wieder Wolfsgestalt an.

Der Heimweg zur Höhle – dem riesigen Tunnelsystem, gut versteckt vor allen Feinden in den Weiten der Sierra Nevada in Kalifornien – verlief ruhig. Nachdem sie etwa zehn Minuten unterwegs gewesen waren, ließ auch der Regen nach. Menschen wären sicher hundert Mal auf den schlüpfrigen Wegen ausgeglitten, doch die Wölfe waren trittsicher, ihre Schritte fest, und sie wählten die leichtesten Pfade für Joshua.

Indigo ging voraus, und der Fährtensucher lief hinter dem Jungen. Sie führten Joshua bis vor die weit offen stehende Tür in der Felswand, wo seine bestürzte Mutter schon an der Seite eines Wolfs mit silbriggoldenem Fell wartete, dessen Augen so blassblau waren, dass sie beinahe wie Eis wirkten.

Der Junge fiel vor dem Leitwolf auf die Knie.

Indigo und der Fährtensucher zogen sich zurück, ihre Aufgabe war erledigt. Der junge Wolf war in Sicherheit, man würde sich um ihn kümmern. Sie dagegen mussten noch ein wenig Stress abbauen und durch den Wald jagen. Indigo hatte geglaubt, sie müssten den Jungen töten. Als sie ihn früher schon einmal in die Enge getrieben hatten, hatte ihn nicht mehr viel vom Wahnsinn getrennt. Sie warf ihrem Begleiter einen Blick zu – der große Wolf hielt mit Leichtigkeit Schritt –, dann fiel ihr auf, dass er blutete.

Knurrend blieb sie stehen. Er machte kurz darauf kehrt, rieb seine Nase an ihrer. Sie nahm menschliche Gestalt an und beugte sich über ihn. »Du solltest das Lara zeigen.« Ihre Heilerin konnte besser beurteilen, wie schwer seine Verletzungen waren.

Der Wolf schnappte nach ihrem Kinn und knurrte tief in der Kehle. Sie schob ihn von sich. »Muss ich dir erst den Befehl dazu geben?« Um ganz ehrlich zu sein, war sie nicht einmal sicher, ob sie das konnte – was sowohl die Frau als auch die Wölfin in ihr irritierte. Er nahm einen ungewöhnlichen Platz in der Hierarchie des Rudels ein. Er war zwar kein Offizier und noch dazu jünger als sie, aber nur dem Leitwolf selbst Rechenschaft schuldig. Als Fährtensucher waren seine Fähigkeiten sehr wichtig für die Sicherheit und das Wohlergehen des Rudels.

Wieder knurrte er und schnappte nach ihr – diesmal nach ihrer Schulter.

Sie kniff die Augen zusammen. »Pass bloß auf, sonst beiße ich dir in deine vorlaute Schnauze.«

Er knurrte unwillig und fletschte die Zähne.

Sie schlug ihm kurz aufs Maul. »Wir gehen zurück.«

Farbige Funken unter ihren Händen, dann war der silberne Wolf ein Mensch mit Augen wie Bergseen und regennassem Haar. »Das glaube ich nicht.« Bevor sie reagieren konnte, lag er auf ihr, hielt ihr Gesicht in beiden Händen und drückte seine Lippen auf ihren Mund.

Heiß war diese Liebkosung, sie konnte sich kaum rühren. Und dann … brannte es wie Feuer in ihr, sie vergrub ihre Finger in dem dicken braunen Schopf und zog seinen Kopf zurück. »Was tust du da?«, fragte sie außer Atem.

»Ich dachte, das wäre offensichtlich.« Seine Augen lachten, Sonnenstrahlen blitzten in den Seen auf, und er strich mit den Daumen über ihre Wangen. »Ich würde dich gern auffressen.«

Sie nahm es nicht persönlich. »Dein Adrenalinspiegel ist noch hoch von der Jagd.« Sie schob seine Hände fort und hob leicht den Kopf. »Und der Blutverlust bewirkt ein Übriges.« Mit Regen vermischt lief eine hellrote Spur an seiner Seite hinunter. »Du musst sicher genäht werden.«

»Bestimmt nicht.« Er küsste sie noch einmal und presste sie auf die Erde.

Diesmal zog sie sich nicht sofort zurück. Und spürte die volle Wirkung des Kusses … und die Erregung, die in ihr aufstieg. Ihr Herz schlug schneller, überrascht biss sie in seine Unterlippe. »Der Boden ist kalt.« Obwohl der Schnee in diesem Teil der Sierra Nevada schon geschmolzen war, hielt sich die Kälte des Winters noch bis in den Frühling hinein.

Ein reumütiger Blick. Schon lag sie auf ihm, und seine Lippen fanden wieder ihren Mund. Sie stöhnte über diesen sturen Wolf – der so wahnsinnig gut küsste, dass sie fast versucht war, ihm seinen Willen zu lassen – und drückte gegen seine Schultern. »Jetzt hoch mit dir, du Irrer, bevor der Blutverlust dich umbringt.«

Ein finsterer Blick. Dann hob Drew den Kopf zu einem weiteren Kuss.

2

Indigo stöhnte auf, Andrew spürte, wie sie ein wenig nachgab, bevor sie sich wieder gefasst hatte. Sie drückte sich ab, rollte sich zur Seite und ging neben ihm in die Hocke. Die Augen, denen sie ihren Namen verdankte, glühten in der Dunkelheit. »Diesmal vergebe ich dir das Geschlabbere. Aber beim nächsten Mal setzt es was.«

»Ich sitze ja schon.« Er richtete sich auf. »Und du hast zurückgeschlabbert, wenn ich mich recht erinnere.« Ihre Zunge war wie ein geschmeidiger Pfeil in seinen Mund geschnellt, bevor die blöde Selbstdisziplin der Offizierin alles verdorben hatte. »Willst du noch mal?«

Sie strich ihr Haar zurück. »Ich geb’s auf. Bleib nur hier. Stirb an Blutverlust. Ich werde ein schönes, heißes Bad nehmen und ein Stück New York Cheesecake verputzen, das Lucy für mich an den hungrigen Horden vorbeigeschmuggelt hat.«

»Du hast Käsekuchen zu Hause?« Er rutschte neben sie. Es war verdammt schwer, so zu tun, als sei das alles nur Spiel, obwohl er doch so gern seinen Kopf an ihren Hals gelegt hätte, um einfach … da zu sein. »Gibst du mir was ab, wenn ich mitkomme?«

Das leise Knurren hätte wahrscheinlich die meisten Männer in die Flucht geschlagen. »Willst du mich erpressen?«

»Das würde ich doch nie wagen.« Er musste sie einfach berühren und küsste ihre Schulter.

Sie schob ihn nicht fort – als hochrangige Frau gestattete sie jedem Rudelgefährten, der einen Halt brauchte, körperliche Zuwendungen. Er wollte für sie aber nicht einfach ein beliebiger Rudelgefährte sein, ein Wolf wie jeder andere. Doch wenn er nur auf diese Weise in ihrer Nähe sein konnte, würde er sich damit begnügen … vorerst zumindest.

»Indy.« Er setzte sich hinter sie und drückte seine Nase in ihren Nacken, holte tief Luft und lächelte zufrieden, als er nur ihren eigenen Duft wahrnahm. Nicht die Witterung eines anderen Mannes. Sie hatte noch niemanden auf dieser Ebene akzeptiert. Das hatte er zwar schon vorher gewusst, aber es war gut, die Bestätigung zu bekommen. Denn er hatte eine Entscheidung gefällt – er würde nicht mehr herumstreunen, sondern für das kämpfen, was er wollte.

Und er wollte Indigo.

Die schlaue, gefährliche und wahnsinnig faszinierende Indigo.

Sie hob die Hand und zog an seinem Haar. »Wenn du weiter diesen dummen Namen verwendest, wird das nichts mit dem Käsekuchen.«

Er küsste ihre Fingerspitzen. Sie seufzte. »Komm schon. Lass uns nach Hause gehen.« Sie verwandelte sich unter seinen Händen, und eine wunderschöne graue Wölfin mit überraschend goldenen Augen stand vor ihm.

Er holte tief Luft, verwandelte sich ebenfalls und folgte ihr. Doch in der Höhle schleppte sie ihn als Erstes zur Heilerin und knurrte so lange, bis er wieder menschliche Gestalt annahm, damit Lara ihn richtig verarzten konnte. Indigo ging erst, als sie sicher sein konnte, dass er sich benahm.

Das versetzte seinem Hochgefühl einen Dämpfer.

Immer noch spürte er ihre seidenweiche, nasse Haut, schmeckte den wilden Kuss auf den Lippen. Er wollte Indigo … und wie er sie wollte. Aber sie war die Wölfin mit dem höchsten Rang im Rudel, und seine Stellung war nicht genau definiert – ungewöhnlich in einem Wolfsrudel, aber um wirksam für den Leitwolf arbeiten zu können, musste er außerhalb der Hierarchie stehen. Doch ganz egal, von welcher Seite man es betrachtete, sie stand auf jeden Fall über ihm, denn sie war schon lange Offizierin. Und noch dazu vier Jahre älter.

Frustriert hing er diesen trüben Gedanken auf dem Weg in sein Zimmer nach, Lara hatte ihn mit einer hauchdünnen Bandage an der Seite entlassen, die er geflissentlich ignorierte. Er hatte gerade geduscht, als jemand ins Zimmer kam. Indigos Witterung stieg ihm in die Nase. Schnell frottierte er sich das feuchte Haar und schlang sich ein Handtuch um die Hüften. Sie saß im Schneidersitz auf seinem Bett, lehnte mit dem Rücken an der Wand und hielt einen Teller in der Hand, auf dem ein großes Stück New York Cheesecake lag.

Sie war da, in seinem Territorium.

Er lehnte sich an den Türrahmen und sah sie einfach nur an. Ihre Haut war leicht gerötet, sie hatte also tatsächlich gebadet. Normalerweise trug sie einen Pferdeschwanz, aber jetzt fiel ihr Haar lang und glatt über das weiße T-Shirt. Die weiten schwarzen Pyjamahosen verbargen die langen schlanken Beine, aber Andrew hatte noch jeden Zentimeter davon vor Augen.

»Willst du jetzt etwas davon oder nicht?« Sie hielt ihm mit der Gabel einen Bissen hin.

Er wäre schön blöd gewesen abzulehnen, also schenkte er ihr bewusst sein schönstes Lächeln. »Ich will mir nur schnell etwas überziehen. Oder bin ich dir nackt lieber?«

Sie schnaubte. »Gesehen, geprüft, als ungenügend befunden.«

Das saß. Er war ein Mann und begehrte sie so sehr, dass er kaum noch klar denken konnte. Aber das durfte sie nicht wissen, sie hatte ja jetzt schon alle Karten in der Hand. Deshalb zuckte er nur die Achseln. »Auch gut.« Und ließ das Handtuch fallen.

Indigo hätte sich fast am Kuchen verschluckt, als Drew nackt zur Kommode ging. Mein … Gott. Sie konnte kaum die Augen von seinem Hinterteil abwenden. Muskulös und zum Anbeißen. Definitiv zum Anbeißen.

Er zog eine Jogginghose über die goldene Haut und die anbetungswürdigen Muskeln, und sie konnte ein Aufstöhnen gerade noch zurückhalten. Sie war drauf und dran, ihn zu bitten, sich wieder auszuziehen, als ihr klar wurde, wen sie da anstarrte. Was war bloß los mit ihr? Über sich selbst erschrocken, stach sie die Gabel erneut in den Kuchen und stopfte sich ein großes Stück in den Mund. Just in diesem Moment drehte Drew sich um.

Er lächelte nicht mehr, und auf einmal sah sie nicht Rileys jüngeren Bruder vor sich, den ewig lächelnden, spöttischen Typ, der mit seinem Charme jede Frau herumkriegen konnte, sondern den Fährtensucher, der seiner Beute in einem Sturm nachgejagt war, bei dem selbst die Wölfe der Sierra Schutz gesucht hatten. Nie hatte er die Spur verloren – was sie kaum für möglich gehalten hatte bei dem Wind und dem Wolkenbruch.

Er strich mit beiden Händen durch sein Haar und kam zu ihr. Seine Brustmuskeln waren ebenso beeindruckend wie sein Hinterteil. Doch sein Gesicht interessierte sie im Augenblick mehr. Schockiert bemerkte sie, dass sie nicht erraten konnte, was in ihm vorging, ganz anders als bei anderen jungen Männern. Aber ihr war klar, dass sie ihn beleidigt hatte. Raubtiergestaltwandler waren sehr empfindlich, was solche Äußerungen von Frauen anging – allerdings normalerweise dann, wenn sie um diese Frau warben oder mit ihr eine Affäre hatten.

Dennoch …

Er setzte sich breitbeinig neben sie auf das Bett und lehnte sich ebenfalls an die Wand. Sie drehte sich ein wenig zur Seite, spießte ein Stück Käsekuchen auf und hielt es ihm vor den Mund. Er sah ihr in die Augen, während sie die Gabel zwischen seinen geschlossenen Lippen wieder herauszog. Sie spürte, wie ihr heiß wurde, diese Lippen hatten vor kurzem auf ihrem Mund gelegen, fest, sicher … und nur zu verführerisch.

Seine Zunge leckte etwas Creme aus dem Mundwinkel, er sah sie immer noch an. Dann beugte er sich vor und nahm ihr die Gabel aus der Hand. Als er dann ihr ein Stück Kuchen hinhielt, hätte sie fast zugelassen, dass die Gabel ihre Lippen berührte. Doch auf einmal war ihr das alles viel zu nah.

»Drew, wir sind doch kein –« Da hatte sie schon den Kuchen im Mund, leicht und sehr lecker, die Gabel lag warm an ihren Lippen, als Drew sie wunderbar langsam herauszog.

Er atmete tief ein. »So hungrig«, murmelte er, seine tiefe Stimme strich rau über ihre Haut. »Das Wasser läuft mir im Mund zusammen.«

Der plötzliche Stimmungswechsel hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht, sie schüttelte den Kopf, obwohl ihr Körper dahinschmolz und sie einen Schmerz spürte, der nicht auf die vorhergegangene Jagd zurückzuführen war. »Ich schlafe nicht mit Untergebenen.«

»Und ich unterstehe nicht deinem Befehl.« Wieder hielt er ihr ein Stück Kuchen hin. »Die Hierarchie der Offiziere gilt nicht für mich.«

Ihre Haut kribbelte, die Fingerspitzen wollten über seine Brustmuskeln fahren. Ihre letzte Affäre lag lange zurück. In dieser Gegend gab es nicht viel Auswahl für eine dominante Gestaltwandlerin – seit Riley sich mit einer Raubkatze zusammengetan hatte, hatte sie sich zwar auch bei den Leoparden umgesehen, war sogar ein paar Mal mit ihnen ausgegangen. Aber keiner von ihnen hatte in ihr ein Feuer entzündet. Nicht einmal einen Schwelbrand.

Doch jetzt schien ihr Körper die verlorene Zeit nachzuholen, ihr war heiß, ihre Haut spannte, war empfindlich bei jeder Berührung. Es ist einfach zu lange her, dachte sie, erschrocken darüber, wie groß die Begierde war. »Drew …«

Sein Mund war ganz nah, seine Zunge leckte die köstlichen Krümel von ihren Lippen. »Lass mich ein, Indy.« Er strahlte Hitze aus, wildes, junges Begehren, das wie eine Liebkosung war.

Aufstöhnend schnappte sie nach ihm. »Ich kann doch nicht mit Rileys kleinem Bruder ins Bett steigen.« Sie würde dem Offizierskameraden nicht in die Augen sehen können, wenn er von seiner Reise nach Südamerika zurück war.

Ein feuriger Blick aus kobaltblauen Augen. »Ich bin kein Kind mehr, Indigo.«

Überrascht, weil er sie mit vollem Namen angesprochen hatte, blinzelte sie. »Du bist zu jung für mich – ich war deine Ausbilderin, verdammt noch mal.«

Er schnaubte. »Noch weitere Ausreden?«

Sein Ton ärgerte sie. »Sei bloß vorsichtig, Drew. Ich bin keins deiner kleinen Betthäschen.« Er verfügte über einen ganzen Harem, ein Wink mit dem Finger genügte, damit sie in sein Bett sprangen. Und es offensichtlich sehr zufrieden wieder verließen – keine Geliebte hatte je schlecht über ihn geredet. Soweit sie wusste, himmelten sie ihn sogar weiterhin an.

»Wer hat gesagt, dass ich ein Betthäschen will.« Er stellte den Kuchen zur Seite und zog sie an sich. Sein Mund lag schon auf ihrem, als sie noch immer nach einer passenden Antwort suchte.

Sie spürte es direkt im Unterleib, und die Wölfin in ihr war verwirrt, wie schnell sich ihre Beziehung verändert hatte. Sie drückte die Hände gegen seine Brust. Natürlich ließ sich ein Raubtiergestaltwandler davon nicht abhalten, er küsste sie weiter. Sie hätte aufstehen können, wollte ihn aber nicht so rüde zurückweisen und drückte ihn noch einmal entschiedener weg. Er löste sich nur kurz von ihr. »Du willst mich, das kann ich riechen.« Seine Zunge spielte fordernd mit ihrer Zungenspitze, er schloss seine Hand um ihren Nacken, als er sie gegen die Wand drückte, heiß spürte sie ihn auf ihrer Haut.

Rot glühend schoss Zorn in ihr hoch, so heftig, dass sie Mühe hatte, ihre Krallen nicht auszufahren.

Mit den Kräften der erfahrenen und lang gedienten Offizierin wand sie sich aus seinem Griff heraus und sprang aus dem Bett, am ganzen Körper bebend vor Wut. Den Kuss hätte sie vergeben können. Auch sein Drängen – sie verstand das, verurteilte ihn nicht dafür. Doch der Griff um ihren Nacken, dass er versucht hatte, sie an der Wand festzunageln, und seine Arroganz, anzunehmen, sie sei leichte Beute, weil sie sich nach Berührung sehnte. Dazu sagte sie entschieden Nein.

»Ich kann mich nicht erinnern, dir die Erlaubnis gegeben zu haben, mich anzufassen, wie es dir gerade in den Sinn kommt.« Sie brauchte ihre ganze Selbstbeherrschung, um es in einem ruhigen Ton vorzubringen. Es gab Spiele … und es gab Grenzen, die man nicht überschritt. »Wenn du mich noch einmal so berührst,« – so besitzergreifend, als gehörte sie ihm – »dann musst du damit rechnen, dass ich dir deine hübsche Visage zerfetze.«

Sie war so wütend, dass das Blut in ihren Ohren nur so rauschte, drehte sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Das Schlimmste dabei war, dass sie Drew vertraut hatte, sie hatte ihn für einen Freund gehalten, der ihre Dominanz akzeptierte und schätzte – aber offensichtlich war er auch nicht anders als die anderen geilen Heißsporne, die glaubten, sie könnten ihre Offizierin durch Sex heilen. Alles andere hätte sie vergeben können, diesen Verrat aber niemals.

3

Im geschützten Raum ihrer abhörsicheren Londoner Wohnung beobachtete Ratsherr Henry Scott seine »Gemahlin« Shoshanna an ihrem Schreibtisch und wog die Vor- und Nachteile ihrer Beziehung ab. Anders als bei den anderen beiden Gattungen spielten für Mediale Gefühle keine Rolle. Ihre Heirat war ein strategischer Schachzug gewesen – und diente immer noch dazu, die Presse der Gestaltwandler und Menschen hinters Licht zu führen, indem sie ihnen ein Bild der Einträchtigkeit boten.

Doch in letzter Zeit schwanden die positiven Effekte, die Leute fragten sich, wie es wirklich um ihre Beziehung stand – zu viel sickerte nach außen durch –, und die gefühlsbetonten Gattungen verfügten über Informationen, die sie nie hätten bekommen dürfen. Was auf den letzten Pressekonferenzen zu peinlichen Nachfragen geführt hatte, die man ihnen noch vor zwei Jahren nie gestellt hätte.

Doch um dieses Problem konnten sie sich später kümmern.

»Es besteht immer noch die Möglichkeit, das Medialnet gegen äußere Einflüsse abzuschotten«, sagte er, denn das bereitete ihnen im Moment die größten Sorgen. »Nikita hat Unrecht, wenn sie behauptet, die Dinge hätten ein kritisches Stadium erreicht und Silentium könne bald nicht mehr aufrechterhalten werden.« Ratsfrau Duncan war durch den dauernden Kontakt mit Gestaltwandlern in ihrem Gebiet verseucht und somit eine Gefahr für die Reinheit von Silentium, das Programm, das den Wahnsinn in ihrer Gattung ebenso getilgt hatte wie alle anderen Gefühle.

Henry versuchte, diese Reinheit mit allen Mitteln wiederherzustellen und hatte schon ausreichend Unterstützung gefunden. Die Mitgliederzahlen der Makellosen Medialen, die sich der Erhaltung von Silentium verschrieben hatten, stiegen täglich. »Unsere Gattung will und braucht keine Veränderung des Programms.«

Shoshanna drehte sich auf ihrem Stuhl herum und stellte mit der Fernbedienung den Bildschirm zu ihrer Rechten an. »Sieh mal, diese Schlüsselfiguren müssen wir ausschalten, um das Medialnet wieder sicher zu machen.«

Auf der linken Seite des Bildschirms erschien ein Bild von Sascha Duncan, der defekten Tochter Nikitas. Danach die Porträts von Faith NightStar und Ashaya Aleine. »Allesamt hochrangige Abtrünnige«, murmelte Henry, während Shoshanna weitere Bilder hochlud.

»Die Männer, mit denen sie sich im DarkRiver-Rudel zusammengetan haben, müssen wir ebenfalls erledigen«, fügte Shoshanna hinzu. »Gestaltwandler sind sehr besitzergreifend, was ihre Frauen betrifft.«

»Und vollkommen rücksichtslos«, sagte Henry und starrte auf die Bilder. »Wir müssen das ganze Rudel auslöschen, zumindest aber die Stärksten von ihnen, wenn wir Erfolg haben wollen.«

»Völlig korrekt.« Shoshanna lud ein neues Bild, es zeigte einen Mann mit eisblauen Augen und silbriggoldenem Haar. »Der Leitwolf der SnowDancer-Wölfe muss auch weg, ebenso die Offiziere.« Neun weitere Fotos erschienen. »Die Wölfe haben eine zu starke Allianz mit den Leoparden, um ignoriert werden zu können.«

»Hatten unsere Informanten nicht von zehn Offizieren gesprochen?«

»Sie scheinen einen verloren zu haben, oder unsere ersten Informationen waren nicht ganz richtig.«

Das war gut möglich, wie Henry sehr wohl wusste. Ihr Spitzel bei den Wölfen war vergangenes Jahr hingerichtet worden. Seitdem wurden sie bestenfalls lückenhaft darüber informiert, was in dem Rudel vorging. »Jeder Anschlag auf Gestaltwandler birgt ein hohes Risiko des Scheiterns. Ihre natürlichen Abwehrschilde warnen sie rechtzeitig genug, dass sie einen Angriff abwehren können.« Er hielt die Tiergattung zwar für weniger intelligent als seine eigene Spezies, musste aber anerkennen, dass sie den körperlich schwächeren Medialen an Kraft überlegen waren.

»Da hast du Recht, das genaue Vorgehen können wir jedoch später festlegen. Wegen der starken Allianz zwischen Wölfen und Gestaltwandlern wird es allerdings am besten sein, den Leitwolf zuerst auszuschalten. Aufgrund ihrer starken Steuerung durch Gefühle würde ein solcher Verlust das Rudel zunächst schwächen.«

Da Shoshanna schon öfter bewiesen hatte, wie genau sie das Verhalten von Menschen und Gestaltwandlern vorhersagen konnte, widersprach Henry nicht. »Unsere Kräfte fürs Erste auf San Francisco zu konzentrieren, ist sicher sinnvoll«, sagte er. »Die meisten Probleme gehen von einer relativ kleinen Gruppe aus.«

Zwei weitere Fotos erschienen nun auf Shoshannas Bildschirm: Nikitas Sicherheitschef, ein Mensch, und die defekte J-Mediale, mit der er wahrscheinlich liiert war. Ihre Schilde waren unerklärlicherweise undurchdringlich, aber allein die Tatsache, dass sie noch im Medialnet war, obwohl sie Silentium offensichtlich gebrochen hatte, war vollkommen inakzeptabel.

Drei weitere Bilder. Mitglieder des Rats.

»Nikita muss auf jeden Fall verschwinden.« Shoshannas Stimme war kalt und kompromisslos. »Ming hat Zugriff auf wichtige militärische Kräfte. Wenn wir ihn nicht auf unsere Seite bekommen, müssen wir ihn ebenfalls ausschalten.«

»Einverstanden«, sagte Henry. »Aber er ist nicht das erste Ziel.« Er wandte den Blick zum dritten Porträt. »Was hältst du von Anthony?« Er traute seiner Frau nicht für einen Cent über den Weg, war aber von ihrem politischen Spürsinn genauso überzeugt wie davon, dass er sie in nicht allzu ferner Zeit umbringen musste – damit sie ihm nicht zuvorkam.

»Bei Anthony bin ich mir nicht sicher«, sagte Shoshanna. »Er hat Nikitas Position bezüglich Silentium im Rat unterstützt, sich aber auch manchmal hinter unsere Interessen gestellt, könnte sich also vielleicht auf unsere Seite ziehen lassen. Außerhalb des Medialnets hat er keine Verbindungen, wenn man davon absieht, dass er seine Tochter als Subunternehmerin beschäftigt. Doch das würde vielleicht sogar ich tun, wenn ich an seiner Stelle wäre.«

Denn Faith NightStar war die mächtigste V-Mediale der Welt, konnte Vorhersagen treffen, die andere Seher nicht einmal im Ansatz ahnten, ihre Dienste waren Millionen, wenn nicht Milliarden wert. Henry konnte Anthonys Entscheidung ebenfalls nachvollziehen. »Er wird seine Investition schützen wollen. Das sollten wir bedenken, bevor wir Faith erledigen.«

»Stimmt, wir sollten sie lieber ans Ende der Liste setzen.« Shoshanna schwieg einen Augenblick. »V-Mediale sind häufig verwirrt und müssen unter Aufsicht gestellt werden. Vielleicht kann man sie auf diese Weise wieder ins Medialnet integrieren.«

»Möglich.« Henry musste unbedingt herausfinden, ob sich Shoshanna selbst einen kleinen V-Medialen hielt. Ihre telepathischen Kräfte waren jedenfalls stark genug, um den verwirrten Geist eines gebrochenen Sehers zu lenken. »Die beiden sind unsere Primärziele.« Er markierte mit der Fernbedienung zwei Bilder. »Wenn wir sie töten, zwingen wir die Stadt in die Knie.«

Und er hatte auch schon einen Plan, wie das zu bewerkstelligen war.

4

Andrew wusste, dass er die Sache verbockt hatte – richtig schlimm verbockt.

Unter der kalten Morgendusche legte er die Stirn an die Fliesen und presste seine Faust auf die glatte weiße Oberfläche. Er machte Indy keinen Vorwurf, dass sie geglaubt hatte, er wäre nur heiß auf Sex. Natürlich war er scharf. Sehr scharf sogar. Aber er wollte nicht einfach nur Sex. Er wollte Sex mit Indigo – schon seit ewigen Zeiten begehrte er sie, aber in den vergangenen Monaten war dieses Verlangen in jeder Hinsicht stärker geworden.

Es hatte ihn nur nicht zerrissen, weil sie in dieser Zeit selbst auch keine Affäre gehabt hatte.

Und nun hatte er alles gründlich vergeigt. Hatte dazu noch ihre Meinung bestätigt, er sei nichts weiter als ein junger Spund, schwanzgesteuert und nicht ernst zu nehmen. »Verdammte Scheiße!« Bereit auf irgendetwas einzuschlagen – am besten auf die eigene Blödheit –, stieg er aus der Dusche und rieb sich trocken. Gerade als er beim Kopf angelangt war, klingelte sein Handy. Der Leitwolf war dran.

»In fünf Minuten bei mir.«

Sofort stieg Andrews Adrenalinspiegel. Auf Befehl in die kalte Sierra hinauszustürmen war ihm allemal lieber, als in diesem Zimmer eingesperrt zu sein, in der Höhle, die nach Indigo roch.

Nach stürmischem Regen, nach Feuer, Eis und Stahl, so roch Indigo für ihn.

Und genau dieser Geruch erwartete ihn auch in Hawkes Büro. Er holte tief Luft, bevor er eintrat, legte den Wolf an die Leine. Indigo stand vor Hawkes Schreibtisch, ihre Augen verrieten ihm nichts.

Doch der gerade Rücken, der fest geschlossene Mund sandten laut und deutlich die Botschaft aus: Bleib mir vom Leib! Es hatte ihn zwar wie ein Schlag in den Magen getroffen, dass er das Vertrauen zwischen ihnen zerstört hatte, aber noch war er nicht gewillt, sich an unausgesprochene Befehle zu halten. Und falls Indigo glaubte, er würde sich leicht abschrecken lassen, wusste sie nicht, mit wem sie es zu tun hatte.

»Setzt euch«, sagte Hawke und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. »Hast du was von Riley gehört, Drew?«

Andrew setzte sich auf einen Stuhl neben Indigo und streckte die Beine aus. »Heute stehe Rio de Janeiro auf dem Plan, stand in der SMS. Ach, und er ist hin und weg von Mercys Großmutter. Da sie ihm bislang noch nicht die Eingeweide herausgerissen hat, stehen die Chancen gut, dass sie ihn auch mag, schreibt er.«

Hawke grinste. »Hoffentlich überlebt der Arme den Trip.«

»Er hat ja gewusst, was auf ihn zukommt als Gefährte einer dominanten Leopardin«, sagte Indigo, ihre Finger klopften auf die Lehne. »Wenn er genug Grips hat und Mercy so nimmt, wie sie ist, wird es auch keine Probleme mit der Familie geben.«

Das galt natürlich ihm, das war Andrew bewusst. Traf ihn ins Mark. Dämpfte seine Entschlossenheit aber nicht, im Gegenteil. Teufel noch mal, das letzte Wort in ihrer Beziehung war noch nicht gesprochen. »Erinnert ihr euch noch an die beiden Raubkatzen, die letztes Jahr hier aufgetaucht sind?«, fragte er und schwor sich, die eisige Gefasstheit von Indigo zum Schmelzen zu bringen, mehr noch, er würde nicht eher ruhen, bis sie sah, wie er wirklich war. »Die beiden Typen, die dachten, sie könnten bei Mercy landen?«

»Eduardo und Joaquin?«, fragte Hawke, die Sonne ließ sein Haar silbriggolden aufleuchten, als er sich nach hinten lehnte und die Hände hinter dem Kopf verschränkte. »Was ist mit ihnen?«

»Sie haben sich gestern mit Riley die Nase begossen.«

Das musste erst einmal verdaut werden … dann grinsten alle drei, lachten leise und schließlich lauthals – selbst die Offizierin, die so furchtbar steif neben ihm saß. Andrews Wolf fletschte die Zähne zu einem wilden Grinsen. Indy mochte ja glauben, sie könnte ihn schockgefrieren wie alle anderen, aber mal abwarten.

Als sie sich genügend ausgeschüttet hatten, nahm Hawke einen Block vom Tisch. »Also, da Riley und Mercy fort sind, steht einiges für euch an. »Du musst Extraschichten übernehmen«, sagte er, den Blick auf Andrew gerichtet.

»Kein Problem.« Seine Aufgabe als Hawkes Augen und Ohren im Umkreis des Rudels brachte es zwar mit sich, dass er die meiste Zeit unterwegs war, aber in der Höhle übernahm er die Aufgaben eines erfahrenen Soldaten.

Hawke notierte es. »Indigo, kannst du weiter unsere Leute koordinieren?«

»Ja.« Ruhig und pragmatisch, man merkte ihr die Leidenschaft nicht an, die gestern Nacht kurz aufgeschienen hatte. »Die Verbindung zu den Leoparden hältst du?«

Andrew musste sich ein Grinsen verkneifen, so finster sah Hawke aus. »Allerdings, wisst ihr, wie viele Jugendliche ich gestern aus dem Leopardenterritorium raushauen musste? Fünf!«, sagte er, wartete aber ihre Reaktion nicht ab. »Sie hatten die brillante Idee, einen jungen Leoparden in Tiergestalt einzufangen und mit blauer und silberner Farbe zu besprühen.«

Andrew schnaubte. »Wenigstens die Rudelfarben.«

»Stimmt, aber ihr Pech war, dass der junge Leopard, den sie sich gegriffen hatten, eine ausgebildete Soldatin war, eben nur ein wenig kleiner als die Männer.«

Indigo zuckte zusammen und sog zischend die Luft zwischen die Zähne. »Wie schlimm hat es sie erwischt?«

»Sie sind am Leben.« Hawkes Wolf funkelte in seinen Augen, er amüsierte sich offensichtlich. »Meine Strafe war wahrscheinlich schlimmer. Ich hab die Idioten in ihre Farbtöpfe getaucht und ihnen gesagt, sie dürften sich nicht verwandeln, um die Farbe loszuwerden. Wenn es unter der Dusche abgeht, schön, wenn nicht, umso besser.«

Das erklärte den blöden Gesichtsausdruck des Jugendlichen, dem Andrew auf dem Weg hierher begegnet war, seine Haare hatten wie blaue Stacheln abgestanden. »Soll ich mich um eines von diesen Dingen kümmern?«

»Nein.« Hawke schüttelte den Kopf. »Indigo oder ich sagen schon Bescheid, wenn Not am Mann ist. Riaz trifft bald ein, dann haben wir einen Offizier mehr, aber er wird ein paar Tage brauchen, um sich zurechtzufinden und sich einzuleben.«

Indigo beugte sich ein wenig vor. »Ich hatte keine Ahnung, dass er zurück ist.«

Andrews Wolf knurrte, weil sie Interesse an einem anderen Mann zeigte. Riaz war ungefähr in ihrem Alter und nur knapp unter ihr im Rang. Die letzten Jahre hatte er fast ausschließlich außerhalb des SnowDancer-Territoriums verbracht, hatte verschiedene Regionen des Landes und in aller Welt bereist, um das Rudel in Geschäften zu vertreten, in letzter Zeit allerdings vor allem, um Kontakt zu anderen Gestaltwandlern aufzunehmen und Allianzen zu schmieden.

Doch das scherte den Wolf nicht. Sein Fell stellte sich wegen einer ganz anderen, weit weniger komplizierten Tatsache auf: Indigo und Riaz hatten eine Affäre gehabt. Andrews Hand umklammerte die Armlehne, und seine Krallen fuhren in das Kunstleder. Er zog den sichtbaren Beweis seiner starken Gefühle sofort wieder ein, niemand hatte etwas bemerkt, aber innen spürte er die Krallen immer noch, der Wolf strich unruhig herum und knurrte.

Die heftige Reaktion war selbst für ihn überraschend.

»Seit wann ist Riaz denn wieder im Land?« Andrew hielt den primitiven Wolf mit Mühe im Zaum, zweifellos sah ihm aber niemand an, wie schwer es ihm fiel, ruhig zu bleiben – seit jeher besaß er die Fähigkeit, niemanden merken zu lassen, wie es um ihn stand. Zur Perfektion darin hatte er es in den Monaten nach Brennas Entführung durch einen sadistischen Medialen gebracht. Riley war von Albträumen heimgesucht worden. Aber Andrew … Andrew war wochenlang Nacht für Nacht bis zur Erschöpfung durch den Wald gejagt. Allein. »Ich hatte angenommen, er sei in Europa.«

»Das war er auch«, drang Hawkes Stimme in Andrews düstere Gedanken. »Ist erst vor ein paar Stunden in New York gelandet. Heute Nachmittag müsste er in San Francisco ankommen.«

»Ich werde ihn abholen«, bot Indigo an.

Andrew streckte die Finger auf der Indigo abgewandten Seite, seine Krallen fuhren ein und aus. »Ist das alles?« Er musste raus aus dem betäubenden Duft ihrer Nähe, musste sich fassen, bevor er noch etwas Dummes anstellte.

Hawke schüttelte den Kopf. »Ich habe noch etwas, um das ihr euch zusammen kümmern müsstet.« Er lehnte sich zurück und seufzte laut. »Es geht um die Sache mit Joshua. Das hätte nicht passieren dürfen. Es betrifft das ganze Rudel, nicht nur einen oder zwei, die gepennt haben.«

Andrew entspannte sich ein wenig, denn der Beschützerinstinkt gewann im Wolf die Oberhand. »Wir waren zu sehr damit beschäftigt, das Rudel gegen die Angriffe des Rats zu verteidigen, und haben zu wenig nach den Jungen gesehen.«

»Drew hat Recht.« Indigo stützte sich mit den Armen auf die Oberschenkel. »Wir haben uns darauf konzentriert, die erfahrenen Soldaten noch fitter zu machen, und dabei die anderen Ränge vernachlässigt. So funktioniert das nicht in einem Rudel, und so sollte es auch in unserem Rudel nicht sein.« Sie klang frustriert und wütend – hauptsächlich auf sich selbst, das war Andrew klar. »Warum zum Teufel haben wir nicht vorher bemerkt, dass es ein Problem gibt?«

»Einem ist es schon aufgefallen, aber ich habe ihm gesagt, es sei nicht so wichtig.«

Überrascht bemerkte Indigo, dass Hawke dabei Drew ansah, der nur lässig die Achseln zuckte. »Ich hätte mich nicht abwimmeln lassen dürfen«, sagte er zu dem Leitwolf. »Doch damals schien es nicht dringend zu sein – außerdem war der Auslöser bei Joshua eine höchst brisante Situation. Kein anderer Jugendlicher ist auch nur entfernt so gefährdet. Ich hätte dich schon dazu gebracht, zu reagieren, wenn es schlimmer geworden wäre.«

Nicht eingeweiht zu sein, war für Indigo ungewohnt. Es ärgerte sie, und sie fragte sich, was ihr noch von dem entgangen war, was Drew für das Rudel und für Hawke erledigte. Sie richtete sich auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Drew durchdringend an. »Wie kommt’s, dass du so auf dem Laufenden über unsere Jugendlichen bist?«

»Die Leute reden mit mir.« Leicht dahingesagt, aber mit einem scharfen Unterton, der Wolf reagierte auf ihre Aggressivität und zeigte seine Zähne. »Und es sind nicht nur die Jungen«, fuhr er fort. »Weiter draußen gibt es auch noch ein paar, die ziemlich zu kämpfen haben.«

»Sie sollen am Wochenende herkommen«, sagte Hawke mit blitzenden Eisaugen.

Was sie wohl sahen? Indigo wagte nicht, nachzufragen. Denn sie war sich nicht sicher, dass sie es wissen wollte. Gestern Abend hatte Drew etwas lang Gewohntes zwischen ihnen verändert; Verwirrung, Unruhe und Wut waren die Folge. Gefühle, die sie nicht unbedingt schätzte. »Was hast du vor?«, fragte sie Hawke, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Andere Wölfe mochten ja chaotische Zustände lieben, aber Indigo zog als Wölfin und Frau Ordnung vor. Und die Hierarchie war der Grundpfeiler der Ordnung im Rudel. Ein starkes Rudel wie die SnowDancer-Wölfe konnte ohne eine straffe Hierarchie nicht überleben.

Hawke stand an der Spitze der Befehlskette. »Ich möchte, dass ihr beide mit den betroffenen Jugendlichen für ein paar Tage in die Berge geht, sie genau beobachtet und herausfindet, wie ernst es um sie steht und ob ein Eingreifen unsererseits erforderlich ist.« Er schob ein Blatt über den Tisch. »Hier sind die Namen, die mir Drew letztes Mal gegeben hat. Schreibt dazu, wer noch von dieser Maßnahme profitieren könnte. Wenn es zu viele sind, teilen wir die Gruppe.«

Indigos Wölfin begriff sofort, worum es ging – Bindung im Rudel war das Herzstück ihres Zusammenhalts. Und im Augenblick war es ruhig genug, dass sie sich die Zeit nehmen konnten, diejenigen zu unterstützen, die gefährdet waren. Doch bei der Vorstellung, so viel Zeit mit dem jungen Mann an ihrer Seite verbringen zu müssen, stellten sich ihr die Nackenhaare auf. Vor den Ereignissen des gestrigen Abends wäre sie ohne zu zögern mit ihm gegangen, hätte darauf vertraut, dass er das Notwendige tat – und sich nicht wie ein Blödmann verhielt.

Doch trotz aller Wut und allem Unverständnis für sein Handeln war sie immer noch Offizierin der Wölfe. »Sie werden dich auch sprechen wollen«, beschied sie Hawke.

»Ich werde hier Klarschiff machen, damit ich einen Tag rauskommen kann.« Plötzlich wirkte er angespannt.

Kurz darauf nahm Indigo einen vertrauten Duft wahr. Dann steckte ein hübsches Mädchen mit braunen Augen und einem langen Zopf den Kopf durch die Tür. »Oh, dann komme ich später –«, sagte sie, als sie die drei sah.

»Schon gut. Wir sind gerade fertig.« Drew stand geschmeidig auf, Indigo kannte das von ihm, sie hatten schließlich oft genug zusammen trainiert. Sie waren auch zusammen geklettert, hatten es beide genossen, sich an den Gipfeln der Sierra Nevada zu messen. Aber bis heute hatte sie sich ihn noch nie richtig angesehen.

Plötzlich nahm sie ihn als Mann wahr, sah seine Kraft, sein fabelhaftes Aussehen, was sie erneut aus dem Gleichgewicht brachte. Zum ersten Mal spürte sie einen Anflug von Besorgnis, dass es nie wieder so werden würde wie zuvor – dass ihre Freundschaft gestern Abend in seinem Zimmer für immer gestorben war. Das erschütterte sie so sehr, dass sie Mühe hatte zu verstehen, was Andrew sagte.

»Wir stellen noch heute die Liste zusammen«, versicherte er Hawke. »Die Einzelheiten, wann wir aufbrechen und so weiter, können wir festlegen, wenn wir mit allen gesprochen haben. Was meinst du, Indy?«

Ihre Sorgen wurden von aufkeimendem Ärger weggespült, dieser verdammte Wolf mit seinen mal blauen, mal kupferfarbenen Augen glaubte wohl, er könne alles mühelos geradebiegen. »In Ordnung. Du nimmst zu denen außerhalb Kontakt auf, ich kümmere mich um die Jugendlichen in der Höhle.«

Andrew nickte und ging zur Tür, die Spannung im Raum war beinahe mit Händen greifbar – und das lag nicht nur an Indigo oder an ihm. Sienna stand im Türrahmen und lächelte zaghaft, als er an ihr vorbeiging. Selbst nach Monaten war es immer noch eigenartig, ihr mit dieser Augenfarbe und dem braunen Haar zu begegnen, die von ihrer außergewöhnlichen natürlichen Haarfarbe so weit entfernt wie nur möglich war. Doch trotz dieser schützenden Hülle schien ihre Persönlichkeit an jeder Ecke durch. Still, zielgerichtet … und als Würze ein kleines Stück von einem Teufelsbraten.

Er beugte sich vor, fasste sie am Kinn und küsste sie auf die Wange. »Wie geht’s, kleine Schwester?« Die Frage war nicht nur eine Floskel. Sienna hatte Probleme gehabt, ihre geistigen Fähigkeiten waren außer Kontrolle geraten, weshalb sie die Höhle verlassen hatte und eine Zeitlang von den Leoparden umsorgt worden war.

»Gut«, sagte sie nun.

»Mehr bekomme ich nicht zu hören, nachdem ich dir einen ganzen Karton herrlicher Schokokirschkekse geschickt habe?«, fragte er und tat so, als sei er enttäuscht. »Nur ein gut, nichts weiter?«

Eine steile Falte erschien zwischen ihren Brauen, wie eine dunkle Narbe auf leicht gebräunter Haut. »Drew.«

Doch dann lächelte er und nahm sie in den Arm. Sie ließ es nicht nur mit sich geschehen, sondern schlang selbst die Arme um ihn. Monatelang hatte er geduldig darauf hingearbeitet, ein solches Vertrauen zu erwirken. »Dieser Leopardenjunge … wie war noch mal sein Name?« Andrew tat, als müsse er nachdenken. »Richtig, Kit. Behandelt Kit dich gut?« Er flüsterte laut genug, dass Hawke es mitbekommen musste, denn Andrew wusste genau, was er damit aufscheuchte.

»Drew!« Sienna lehnte sich zurück und schlug mit den Fäusten auf seine Brust. Ihre Augen schossen Blitze, einen Moment glaubte er sogar, die nachtschwarzen Augen hinter den Kontaktlinsen wahrnehmen zu können. Weiße Sterne auf schwarzem Samt, von denen man sagte, sie spiegelten die Schönheit des Medialnet.

Er küsste sie auf die andere Wange und sagte dann so leise, dass selbst das gute Gehör des Leitwolfs nichts davon mitbekam: »Mach ihm die Hölle heiß, Süße. Und erzähl mir nachher, wie’s gewesen ist.« Er zerzauste ihr liebevoll das Haar und ging dann hinaus auf den Flur.

Indigo war sofort an seiner Seite. »War das der sagenhafte Charme von Andrew Kincaid?« Die Frage kam scharf heraus … klang aber andererseits auch amüsiert. Denn sie hatte in seiner Nähe gestanden und gehört, was er Sienna zuletzt gesagt hatte.

Seinem Wolf konnte sie nichts vormachen – das Eis war nicht geschmolzen. Aber einen Augenblick lang hatte die Neugier der Wölfin die Oberhand. »Sienna kann etwas charmanten Umgang vertragen.« Das Medialenmädchen, das nun eine junge Frau war, hatte Dinge erlebt, die weit ältere und stärkere Männer zerstört hätten, und das hatte Narben hinterlassen. »Wenn Hawke das begreifen würde, ginge es ihm besser.«

Indigo schnaubte. »Ja, sicher, ich sehe es quasi vor mir, wie er jede Menge Charme aus dem Hut zaubert.«

Andrew beugte den Kopf. Er hatte vorgehabt, sich für sein gestriges Verhalten zu entschuldigen, sobald sie unter sich waren, aber als er den Mund öffnete, leuchtete es erwartungsvoll in ihren Augen auf. Die Offizierin wartete auf eine Entschuldigung. Dann würde sie ihm vergeben – weil sie von Natur aus nicht nachtragend war und weil sie das beide in die Rollen zurückbrachte, die sie für die einzig akzeptablen hielt.

Sein Wolf dachte nach.

Es wäre bestimmt schlauer, sie weiter zu ärgern, damit sie an ihn denken musste. Und es würde mehr Spaß machen. Natürlich hatte er sich blöd verhalten, und er musste sich dafür entschuldigen, aber Zeit und Ort würde er wählen – er würde warten, bis es seinen Zielen mehr nutzte als ihren. »Bis später, Indy.«

Als er den Flur entlangging, war er fast sicher, dass hinter ihm eine Wölfin leise knurrte.

Sein Wolf bleckte die Zähne und lachte.

5

Sienna strich sich verlegen übers Haar. Was hatte Drew bloß damit angestellt. »Ich wollte nicht stören.« Steif klang das und ungelenk. So ruhig und gesetzt sie sich allen anderen gegenüber verhielt, sodass mehr als ein Wolf sie schon als »alte Seele« bezeichnet hatte – sobald sie bei Hawke war, war es mit ihrer Ruhe vorbei.

Er stand hinter dem Schreibtisch. »Wir waren bereits fertig.« Eisblaue Augen sahen prüfend in ihr Gesicht … auf ihre Wangen – mit den lächerlichen Sommersprossen, die sie der vielen Zeit draußen im Freien verdankte.

»Ich wusste nicht, dass du Drew so nahestehst.« Hinter dieser Feststellung verbarg sich eine Frage.

Sie unterdrückte das Bedürfnis, ihre Wangen zu bedecken, die er immer noch anstarrte, und zuckte die Achseln – fast wie ein Mensch oder Gestaltwandler, nach drei Jahren außerhalb des Medialnet hatte sie sich einiges abgeguckt. Früher hätte sie nicht auf eine versteckte Frage reagiert, hätte gewartet, bis Hawke direkt gefragt hätte. Aber da war sie auch noch in Silentium gefangen gewesen, ihre Gefühle waren damals in Eis gepackt … und nicht so brennend heiß wie heute, dass sie manchmal Angst bekam.

»Drew ist der Meinung, da seine Schwester die Gefährtin meines Onkels ist, bin auch ich ein Teil seiner Familie«, sagte sie und konzentrierte sich auf einen Punkt an der Wand, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Sie war eine Kardinalmediale mit außergewöhnlichen Kräften, aber sie konnte nicht herausfinden, wie es Drew gelungen war, sämtliche Abwehrmechanismen zu unterlaufen und sich einen Platz in ihrem Leben zu sichern. Sie wusste nur, dass sie ihn schrecklich vermissen würde, falls er jemals verschwände. »Aber«, sagte sie, und ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren dumm und kleinmädchenhaft, »er meint, er sei nicht alt genug, um mein Onkel zu sein, deshalb wolle er mich wie eine kleine Schwester behandeln.«

Die meisten hätten wohl bei diesen Antworten die Augen verdreht, aber Hawke nickte, als würde es einen Sinn ergeben. Für ihn war es wahrscheinlich auch so. Die Raubtiergestaltwandler, die sie kannte, hielten alle viel von Familie – und sie musste auch zugeben, dass es … ganz nett war, auf so leichte Art Zuneigung von jemandem zu bekommen, dem sie vertraute. Drew wusste, welche Kräfte sie hatte, dass sie unglaublichen Schaden anrichten konnte, dennoch zog er sie genauso gnadenlos auf wie seine richtige Schwester Brenna.

Manchmal neckte sie ihn auch. Natürlich nur, um sich selbst zu verteidigen.

»Möchtest du die Erlaubnis, zu den Leoparden zurückzukehren?«, fragte Hawke. Seine Stimme war so kalt wie Drews warm gewesen war, was immer sie an Selbstsicherheit in den letzten Minuten zurückgewonnen hatte, fiel in sich zusammen. Nein, dachte sie, und ihr fiel ein, was Sascha gesagt hatte, als sie bei der ebenfalls abtrünnigen Empathin, die die Fähigkeit besaß, seelische Wunden zu heilen, zuletzt eine Nacht verbracht hatte.

Niemand kann dir etwas nehmen, was du nicht geben willst. Du allein triffst die Entscheidung.

Sie straffte die Schultern. Das seltsame Verlangen, das ein Mann in ihr auslöste, den sie nicht zu interessieren schien, der niemals an ihr Interesse finden würde, durfte sie nicht zerstören. »Ich wollte mich nur bedanken«, sagte sie und beruhigte die heftigen Gefühle mit einem Mantra, das sie während der Konditionierung im Medialnet gelernt hatte. »Vielen Dank, dass ich so viel Zeit bei den Raubkatzen verbringen durfte.«

Endlich kam Hawke hinter dem Schreibtisch hervor, den er immer als unüberwindbare Mauer benutzte. Und sofort wurde wieder alles anders, ihre Schilde erzitterten.

»Hat es denn geholfen?«, fragte er.

»Ja.« Heute würde sie nicht wanken. »Ich kann meine Fähigkeiten besser beherrschen.« Denn er war nicht dauernd präsent. Durchbrach nicht allein aufgrund seiner Anwesenheit ihre Abwehr. »Sascha und Faith haben mir beigebracht, wie ich meine Schilde stärken und verbessern kann.«

»Faith?«

»V-Mediale haben unglaublich starke Schilde«, sagte sie. »Vor allem Faith hat die ihren mit höchster Wirksamkeit ausgestattet.« Im Augenblick bescherten Faiths Ratschläge Sienna wenigstens ein wenig Frieden.

Aber gerade jetzt hoppelte ihr Herz umher wie ein gefangenes Kaninchen, ihre Haut spannte überall.

Hawke hob die Hand und berührte ihre rechte Wange. Eine kaum mehr als flüchtige Berührung … aber er hatte sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr angefasst. Tiefe Risse drohten ihre Schilde zu sprengen und sie in den dunklen Abgrund ihrer zerstörerischen Kräfte zu schleudern.

Zitternd trat sie einen Schritt zurück. »Fass mich bitte nicht an.« Ihre Stimme klang erstickt.

Hawke ballte die Hand zur Faust bei ihren leisen Worten, sein Wolf knurrte und wollte dem Mädchen zeigen, dass man ihn nicht zurückstieß. »Da ist ein kleiner Schnitt.«

Ihre Finger fuhren zu der Stelle, die goldene Sommersprossen zierten, die noch nicht dort gewesen waren, als sie das letzte Mal miteinander gesprochen hatten. »Ach«, sagte sie, »das muss passiert sein, als ich mit Kit unterwegs war.«

Sein Wolf fletschte die Zähne. Kit war jung und dominant, in Siennas Alter. Deshalb war er aber noch lange nicht der Richtige für sie. »Hat er dir wehgetan?« Eiskalt, der Wolf lag auf der Lauer.

Sienna riss die Augen auf. »Nein. Ich habe nicht auf den Weg geachtet, als ich vom Training nach Hause lief, und bin gefallen.« Es schien ihr unangenehm zu sein. »Ich werde nie so geschickt wie ein Gestaltwandler sein.«