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Gute anderthalb Jahre schon hält uns das Corona-Virus fest in seinem Griff. Ende 2021 deuten die jüngsten Erkenntnisse darauf hin, dass uns die Pandemie noch weit über den Jahreswechsel hinaus in ihrem Bann halten wird. Die sich ausbreitende Seuche ist seit dem Frühjahr 2020 das zentrale politische wie soziale Thema in Deutschland und bewegt die Menschen rund um den Globus. Hin und her geht es zwischen Lockdowns und deren Lockerungen, zwischen Ver- und Geboten. die dann wieder aufgehoben werden. Dabei wird die Unsicherheit, werden die Unruhen in der Gesellschaft zunehmend größer. Der Autor deckt Unzulänglichkeiten in der deutschen und internationalen "Corona-Politik" auf, versucht aber auch, aus der Krise erwachsende Chancen und Potenziale zu identifizieren. Er widmet sich umfassend den gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie und geht zahlreichen Aspekten der Frage "was macht Corona mit uns?" auf den Grund. So entsteht ein Buch, das nicht nur Wissen tradiert, sondern auch einen Teil des Lebensgefühls im Deutschland unserer Zeit veranschaulicht. Eine gelungene Kombination aus Wissensvermittlung und emotionalem Erleben.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Peter Wolff
Im Bann von covid-19
Impressionen einer Pandemie
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Impressum neobooks
Rheinwein
Peter Wolff
Impressum
© 2024 Peter Wolff
Covergestaltung: Peter Wolff
ISBN ***-*-****-***-*
Von allen Mordtaten sind nur diejenigen ausgekommen, von denen man etwas weiß.
(Georg Christoph Lichtenberg, deutscher Physiker, 1742-1799)
`Warum ist es am Rhein so schön...? ` fragt der Kölner Volkslieder- und Schlagersänger Willy Schneider im Jahre 1960 in einer seiner vielen Lobeshymnen auf den Fluss, der durch seine Heimatstadt fließt. Um diese Frage umgehend selbst zu beantworten, indem er seiner Heimat in stolzen siebzehn Strophen, die allesamt mit `Darum ist es am Rhein so schön` enden, huldigt. In dreien davon wird der Wein, der an Deutschlands mit einer Länge von 1233 km nach der Donau zweitlängstem Fluss angebaut wird, lobgepriesen.
Das kleine Weinbaugebiet Mittelrhein im Rheintal erstreckt sich über etwa 110 Kilometer von Bingen bis zum Siebengebirge bei Bonn. Hier, vor der malerischen Kulisse, die von Burgen und mittelalterlichen Städtchen geprägt ist, legten die Römer die ersten Rebgärten an (01). Der römische Mittelrhein-Weinbau breitete sich zunächst zwischen Koblenz und Bonn aus, weil man just am Flussufer in Flachlagen vergleichsweise einfach Weingärten anlegen konnte. Im Mittelalter hatte der Mittelrhein-Weinbau seine größte Ausdehnung und reichte zwischen 1300-1600 sogar bis nach Köln. So gibt es für den Kölner Raum – man glaubt es kaum - tatsächlich Belege für Weinbau in Zündorf (1009), Stammheim (1228), Sürth (1250) und Ensen (1254) (02).
Der arbeitsintensive Weinanbau wurde überwiegend auf den zahlreichen meist zu Lehen oder in Pacht gegebenen Klostergütern im südwestlichen Bereich der Stadt betrieben (03). Im Laufe des Mittelalters entwickelten sich die Klöster und Stifte zu den wichtigsten Besitzern großer Weingüter am Mittelrhein.
Durch den Dreißigjährigen Krieg sowie auch den Pfälzischen Erbfolgekrieg und deren Folgen verfiel die Weinkultur im siebzehnten Jahrhundert zusehends und die Rebflächen gingen zurück. Die überhöhten Zölle auf dem Rhein als Wasserstraße sowie die zunehmende Konkurrenz durch stetig billiger werdendes Bier, Obstmost, Branntwein, Kaffee und Tee taten ihr übriges. Im neunzehnten Jahrhundert setzte sich der Niedergang, bedingt durch Missernten und zunehmende Konkurrenz aus anderen Weinbaugebieten, da die Eisenbahn den Weinimport verbilligte, fort. Die Reblaus schließlich machte leider bei der Verwüstung der europäischen Rebberge auch am Mittelrhein keine Ausnahme und befiel dabei besonders den nördlichen Mittelrhein. Der Niedergang konnte nicht länger aufgehalten werden. Im zwanzigsten Jahrhundert hat die Weinbergsfläche weiter kontinuierlich abgenommen, um sich erst seit etwa 2010 zu stabilisieren (04).
Denn auch, wenn das Land Nordrhein-Westfalen alljährlich zu den Regierungsbezirken mit den absolut wenigsten Sonnenstunden gehört – die stetige Zunahme von heißen Temperaturen macht auch vor dem größten deutschen Bundesland keinesfalls halt. In den letzten 60 Jahren sind in NRW sämtliche Monate im Mittel mitunter sogar deutlich sonniger geworden, lediglich der Oktober (-0,5) weist ein geringes Minus auf. Und unter den absolut sonnigsten Jahren im Deutschlandmittel befinden sich sehr viele seit dem Jahr 2000 (05). Es gibt sie also noch, die Rheinwinzer, der großen Konkurrenz von der Ahr, der Nahe und der Mosel zum Trotz. Und der Klimawandel spielt ihnen in die Karten. Sind dessen Auswirkungen doch auch an den kargen Hängen des Siebengebirges, wo sich früher die Weinreben oft vergeblich nach Sonne reckten, spürbar.
Es herrschen im Gebiet zwischen Rhöndorf und Oberdollendorf mittlerweile ähnliche Verhältnisse wie an der Mosel vor etwa 40 Jahren und damit optimale Konditionen für den Anbau von Riesling. Die weiße Reb- und Weinsorte gedeiht am besten in klimatisch eher kühleren Weinbaugebieten, so wie sie der Mittelrhein auch trotz des Klimawandels immer noch darstellt (06).
So versuchen sich immer mehr Weinbauern auch in der Region Köln-Bonn am `Rheinwein`, dem feinen Schlückchen, dessen Reben Vater Rhein auf Teilen seines Weges in die Nordsee flankieren. Doch der Mittelrhein ist mit einer Gesamtfläche von knapp 500 Hektar das zweitkleinste Weinbaugebiet innerhalb Deutschlands (07). Und nicht zuletzt infolge der großen klimainduzierten Ertragssteigerungen zudem eines der umkämpftesten. Was dazu führen kann, dass bisweilen auch besonnene Weingärtner den Pfad der Tugend verlassen und den Zorn des sagenumwobenen Dionysos, des Gottes des Weines, auf sich ziehen. Auch, wenn ihre Missetaten mitunter nicht etwa mit Vorsatz geplant, sondern bisweilen durch tragische Fügungen des Schicksals begünstigt sind…
Es war eine klare, wolkenlose und auch kalte Nacht. Die einsetzende Morgendämmerung verspricht einen ebensolchen Tagesbeginn. So macht sich Martin Ellgardt mit seinem Hund schon sehr früh auf den Weg zum Morgenspaziergang am nahe gelegenen Rhein. Nicht nur, um seinem Labrador-Hovawart-Mix Pablo den artgerechten Auslauf zu verschaffen, sondern auch, um seinem anfangs noch sehr lästigen, aber mittlerweile durchaus liebgewonnenen Ritual zu frönen: dem morgendlichen Eisbaden. Seit Martin Ellgardt das Buch über die faszinierende Lebensgeschichte des Niederländers Wim Hof nicht nur gelesen, sondern tatsächlich geradezu verschlungen hat, ist er mehr denn je davon überzeugt, dass das Eisbaden ein wichtiger Eckpfeiler zur Bewältigung der Lebensaufgabe, der er sich verschrieben hat, sein kann: seine fortgeschrittene Krebserkrankung zum Stillstand zu bringen. Das Immunsystem gegen den Krebs zu rüsten, ist in den letzten Jahren mehr und mehr in den Fokus der Wissenschaft gerückt.
Als Immuntherapien werden alle Methoden bezeichnet, die zuvörderst das körpereigene Immunsystem nutzen, um Krebs zu bekämpfen. Eine Immuntherapie greift nicht etwa wie die anderen gängigen Säulen der schulmedizinischen Krebstherapie direkt in die Zellteilungsvorgänge ein, sondern sie aktiviert die körpereigenen Immunzellen. Genau diese werden im Krankheitsfall von Krebszellen stark in ihrer Aktivität blockiert. Die Immuntherapie hebt diese Blockade auf, so dass die eigenen Abwehrzellen die kranken Krebszellen wieder erkennen und zerstören können (08).
Aber auch der Patient selbst kann durchaus einiges dazu beitragen, seinen Immunstatus zu verbessern und die körpereigene Abwehr bestmöglich für den Kampf gegen den Krebs zu mobilisieren. Das Buch von Wim Hof hat Martin Ellgardt überaus fasziniert. Der niederländische Extremsportler, auch bekannt als `The Iceman`, hält stolze 26 internationale Rekorde im Ertragen extremer Kälte, darunter den Rekord für das längste Eisbad (09). Unter einer sogenannten Kälteexposition versteht man das bewusste Aussetzen eines Organismus gegenüber niedrigen, nicht physiologischen Temperaturen (10). Und eine solche hat wohl, so legen immer mehr valide Forschungsergebnisse nahe, so denn regelmäßig angewendet, durchaus das Potenzial, den Verlauf einer Krebserkrankung positiv zu beeinflussen und eine Krebstherapie zu unterstützen.
Anfangs tut sich Martin Ellgardt noch schwer mit dem ungewohnten Kältereiz. Selbst sich morgens mit kaltem Wasser das Gesicht zu waschen, bereitet ihm eher Unbehagen. Nach und nach jedoch gewöhnt sich der Mitfünfziger nicht nur daran, zunehmend mehr Körperteile dem kalten Wasser auszusetzen, sondern er findet sogar Gefallen daran. Nicht zuletzt, weil er fest an daran glaubt, dass seine Metastasen die Kälte ebenso wenig mögen wie anfangs auch er.
So macht er sich auch an jenem frühen Sonntagmorgen, ausgerüstet mit Handtüchern und dicken Socken, daran, sein morgendliches Eisbad im Rhein zu nehmen. Wie stets in den ersten Monaten des Jahres bestaunt der erfolgreiche Buchautor die Unmengen an Treibholz, welche durch den Wind, die Strömung oder allgemeinen Seegang bedingt ihren Weg nach Köln-Poll gefunden haben. Soweit das Auge reicht, sieht man durch die UV-Strahlung der Sonne gräulich gebleichtes Holz. Die Hölzer stammen größtenteils aus den Alpen und werden jedes Jahr aufs Neue mit der Schneeschmelze und dem dadurch bedingten ansteigenden Wasser via Gebirgsbäche in die großen Flüsse gespült.
Martin Ellgardt sucht sich einen halbwegs trockenen flachen Stein mit ausreichend Sitzfläche, lässt sich nieder, entledigt sich seiner Stiefel und Socken und begibt sich in das eiskalte Rheinwasser. Bis zu den Kniekehlen im Wasser stehend, wirft er seinem Hund, der schwanzwedelnd sein Recht fordert, einen Stein nach dem anderen, die sein treuer Freund ihm jeweils kurze Zeit später voller Stolz präsentiert, bevor er seine Beute ans Ufer bringt, um umgehend in Erwartung des nächsten Steines wieder zurück ins seichte Wasser zu trampeln. Der stattliche Rüde ist ganz versessen auf das `Steinewerfen` und gibt stets erst dann Ruhe, wenn sein Herrchen sich zum Anziehen wieder auf den Stein setzt.
Heute jedoch bleibt Pablo ganz unvermittelt abrupt stehen, senkt den Kopf auf den Boden, schnüffelt aufgeregt und schaut an seinem verdutzten Menschen vorbei auf die Fluten des Rheins.
„Was ist denn los, Pablo, schon müde?!“, Martin Ellgardt schmeißt einen weiteren Stein in Richtung seines Hundes, der nicht reagiert. Er folgt dem Blick seines treuen Freundes und schüttelt den Kopf.
„Das ist doch nur Treibholz, Du Angsthase.“ Noch einmal wirft er einen Stein ins flache Wasser und zuckt dann mit den Schultern.
„Na, dann eben nicht. Ich meditierte dann noch eine Runde.“
Martin Ellgardt wendet sich in Richtung Kölner Dom, atmet tief ein und aus, genießt die frische Morgenluft und begibt sich ins Innere Land. Als er gerade in den erholsamen, tranceähnlichen Zustand abgleitet, den meditative Übungen den Praktizierenden bescheren, wird er jäh aus der Entspannung gerissen. Die Wellen haben die Ansammlung von Treibholz, auf die sein Hund so argwöhnisch reagierte, so weit in seine Richtung gespült, dass erste Holzstücke seine Waden berühren. Martin Ellgardt schaut nach hinten, weicht ruckartig zurück, gerät ins Stolpern und landet unsanft rücklings in den Fluten. Inmitten des Schwemmholzes treibt ein männlicher menschlicher Körper. Dem frühpensionierten Gefängniswärter fallen sofort die prägnanten Tätowierungen auf, die der Leichnam trägt: Eine Träne, ein Spinnennetz mit Stacheldraht, und ein Fünf-Punkte-Tattoo. Der Eisbader hastet aus dem Wasser, greift zu seinem Handy und wählt die Nummer der Polizei, noch bevor er die eiskalten Füße in wärmende Socken steckt.
Das Weinbaugebiet Mittelrhein steht für eine ausgewiesene Region für Qualitätswein, die sich größtenteils auch mit der geographischen Region Mittelrhein deckt. Sie liegt in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen (11). Die klimatischen und geologischen Verhältnisse begünstigten in vielen Regionen entlang des Rheins durchaus den Weinbau.
Inmitten des Siebengebirges, an den Weinhängen des sagenumwobenen Drachenfelses, wird seit Generationen Weinanbau betrieben. Am unteren Mittelrhein, der von Koblenz bis zum Siebengebirge reicht, ist dabei heutzutage vor allem die rechte Uferseite mit Weinreben bestockt.
Hier, in Oberdollendorf, dem `Fenster zum Siebengebirge` direkt in der Honnefer Bucht, betreibt Jörg Fuhrbergs Familie seit dem Wegzug vom elterlichen Weingut den Weinbau am Rheinufer unterhalb der südlichen Ausläufer des Siebengebirges.
Den jüngeren der im Weinanbau tätigen Fuhrberg-Brüder hat die verheerende Flutkatastrophe im Jahr 2021 arg getroffen. Viele seiner Weinreben in Uferlage sind zerstört. Aber nicht nur das: als unmittelbare Folge der `Jahrhundertflut` dürfen etliche Hektar Weinanbaufläche im Uferbereich des Rheintals, in denen auch sein Weingut liegt, aus triftgien Gründen des Hochwasserschutzes nicht mehr bewirtschaftet werden. Denn Rebzeilen direkt am Rhein-Ufer hemmen den Abfluss des Wassers bei Überschwemmungen. Genau deshalb müssen sie aufgegeben werden. Zudem müssen etliche Rebzeilen um 90 Grad gedreht werden, dürfen also nicht mehr quer zum Fluss stehen, sondern in Längsrichtung, damit der über die Ufer getretene Rhein nicht gestaut wird, was einen erheblichen Aufwand bedeutet. `An der Ahr hat sich dieses Verfahren schließlich im Nachgang der Flutkatastrophe 2021 bewährt`, argumentiert die Landesregierung. Die Rebzeilen in Längsrichtung dürfen außerdem nicht mehr so eng stehen. Bisher pflanzten die Winzer die Rebstock-Zeilen in einem Abstand von 1,80 Meter. Künftig jedoch muss der Platz zwischen den Zeilen 2,20 Meter betragen. `Dadurch kann man dann pro Hektar rund 1.000 Reben weniger pflanzen`, beklagt sich Jörg Fuhrberg wieder und wieder. Wird der Anbau auf seinen Weinfeldern durch die harten Restriktionen doch deutlich unwirtschaftlicher. Für aufgegebene Weinberge bekommen die Winzer am Rhein eine Entschädigung der Landesregierung, die mit 1€ pro m2 jedoch recht spärlich ausfällt. Schließlich kostet der Erwerb neuer Fläche in der Region zwischen 15 und 25€.
Der junge und überaus sensible Familienvater sieht arge finanzielle Probleme auf sich zukommen. Nach der schlimmen Phase, die er nach dem Verlust der Mutter, zu der er, das Nesthäkchen der vier Geschwister, von denen zwei nichts mit dem Weinanbau zu tun haben, eine besonders intensive Beziehung hatte, durchmachte, und die einen mehrwöchigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zur Folge hatte, schien ihm seit der Geburt seines Sohnes Konrad endlich das Glück hold. Nun scheint es sich wieder von ihm abzuwenden. Jörg Fuhrberg kämpft mit seinem Weingut um das pure wirtschaftliche Überleben.
Oberdollendorf 1910 (Quelle: Alte Ansichtskarte)
Als der Tag X endlich kurz bevorsteht, erscheint er Simon Kossmann beinahe als Tagtraum. Als irreal, so, als nehme er nicht wirklich daran teil. Achtzehn Jahre lang hat der mittlerweile Vierzigjährige gesessen, hat er sein Dasein in der gerade einmal acht Quadratmeter großen Zelle in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf, den Kölnern besser bekannt als `Klingelpütz`, gefristet. Obgleich der geständige Mörder zum Zeitpunkt seiner Festnahme für seine Rücksichtslosigkeit und Brutalität bekannt war – im Gefängnis hat er sich nichts zu schulde kommen lassen und sich sogar auffällig gut geführt.
Das, was damals passiert ist, der Mord an einem Jugendfreund, der von jetzt auf gleich den gemeinsamen kriminellen Handlungen abgeschworen und Simon Kossmann bei der Polizei angeschwärzt hatte, hat er indes nicht wirklich bereut. Auch, wenn es dem gebürtigen Dürener, der in Köln-Worringen im Norden der Stadt aufgewachsen ist, wie ein Trauma, wie ein Vorfall aus einem anderen Leben erscheint. Denn der Knastalltag hat alles, was davor war, fast aus seinem Gedächtnis verdrängt. Martin Kaltborn war einst sein bester Freund gewesen. Sie wuchsen zusammen auf und verbrachten als Kinder mehr Zeit zusammen als mit ihren Eltern. Einschulung, Pubertät, erste Liebe, Lehre – immer war Martin an Simons Seite. Dass ausgerechnet der alte Busenfreund es war, der ihn im Rahmen des am Ende äußerst kümmerlichen Versuchs, sich vom Vorwurf des schweren gemeinschaftlich begangenen Raubes mit schwerer Körperverletzung freizusprechen, ans Messer lieferte, was ein Urteil von zweieinhalb Jahren zur Folge hatte, hat Simon Kossmann damals den Boden unter den Füßen weggezogen. Und so begab er sich, kurz, bevor er sich zum Haftantritt, aufmachte, mit seinem Baseballschläger bewaffnet ins Nachbarhaus - beide lebten noch bei ihren Eltern in Köln-Ehrenfeld - und beglich die Rechnung mit dem abtrünnigen Freund auf seine Weise. Wie wild drosch er auf den Verräter ein, bis dieser blutüberströmt am Boden lag und sich nicht mehr regte.
Lange Jahre hat Simon Kossmann im Gefängnis an sich gearbeitet. Hat versucht, das Geschehene bestmöglich aufzuarbeiten und sich auf seine zweite Lebenshälfte vorzubereiten. So schlimm die Erinnerungen an den Vorfall damals und seine knapp zwei Jahrzehnte im Knast auch sind: Er hat abgeschlossen damit mit dem Moment, in dem er das Gefängnisareal verlässt. Und seine Perspektiven für `draußen` sind durchaus verheißungsvoll: seine Freundin Martina, die sich nach seiner Inhaftierung zunächst von ihm abwandte und sechs Jahre mit einem anderen Mann liiert war, hat, just in der Phase, in der es ihm mehr als schlecht ging und er bisweilen sogar an Suizid dachte, mehr und mehr emotional zu ihm zurückgefunden und sich dazu entschieden, ihr Leben fortan wieder an Simons Seite zu verbringen.
Mit dieser Aussicht fällt es Simon Kossmann ein wenig leichter, das zu vergessen, was ihm Siegbert Reinecke anvertraut hat. Der alte Mann und Mithäftling, mit dem sich Simon im Gefängnis angefreundet hat, hat ihm kurz vor seinem Ableben von einem vergrabenen Geldkoffer erzählt, der mit Scheinen im Wert von 50.000 Euro, die aus einem Raubmord stammen, gefüllt ist. Und ihm mehrmals genau beschrieben, wo er das Geld finden kann. Allerdings hat die Sache einen Haken, einen ganz beträchtlichen zudem: der mehrfach verurteilte Serienräuber hat ihm das Versprechen abgenommen, als Gegenleistung für den Geldsegen in seinem Namen eine Rechnung zu begleichen, die er selbst nicht mehr begleichen konnte. Simon Kossmann ist fest entschlossen, seine wiedergewonnene Freiheit nicht noch einmal durch `krumme Dinger` zu gefährden. Denn so sehr die Inhaftierung ihn auch geläutert haben mag, einem Grundsatz folgt er nach wie vor: Simon Kossmann steht zu seinem Wort - wenn er das Geld an sich nehmen würde, dann würde er auch seinen Part des Deals erfüllen. Auch, wenn, wovon Simon Kossmann, der nicht an ein wie auch immer geartetes Leben nach dem Tod glaubt, felsenfest überzeugt ist, der alte Mann, dem er den Hinweis auf den Geldschatz zu verdanken hat, nichts mehr davon mitbekommen würde.
Die Gedanken an das große Geld, die sich regelmäßig in ihm Gehör verschaffen wollen – Simon Kossmann versucht, so gut es eben geht, sie nicht zuzulassen. Um das so ersehnte Glück mit seiner Martina, die er bald in seine Arme schließen und dann nie wieder loslassen wird, nicht zu gefährden.
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Im nördlichen Teil des Siebengebirges, dort, wo hauptsächlich die linke Hangseite entlang des Rheins mit Rebstöcken bepflanzt ist, haben die Weinbauern infolge der Steillage ihrer Anbauflächen nicht unter den Folgen der großen Flut zu leiden. Der Weinbau gehört hier zu den ältesten Wirtschaftszweigen der Region, auch, wenn die Industrie und nicht zuletzt die ausländische Konkurrenz dazu geführt haben, dass die Anbauflächen in und um Oberdollendorf stetig gesunken sind und mittlerweile nur noch gut zwölf Hektar bewirtschaftet werden.
Die Familie Fuhrberg bewirtschaftet seit Generationen einen Großteil davon. Als sich herauskristallisiert, dass beide Söhne Wilhelm Fuhrbergs die Familientradition fortführen und ihren Lebensunterhalt gleichfalls als Weinbauern verdienen wollen, wird den Sprösslingen des kauzigen urigen Winzers schnell klar, dass der Erlös, den das Weingut der Familie abwirft, kaum ausreichen wird, um zwei Familien zu ernähren. So bezahlt Achim Fuhrberg seinen acht Jahre jüngeren Bruder aus und unterhält die geerbten Weinberge allein. Jörg Fuhrberg indes schlägt zu, als dass Weingut im nahen Rheinbreitbach zum Kauf steht. Die Brüder beschließen schnell einvernehmlich, sich künftig mit ihren Weinen nicht etwa nennenswert Konkurrenz zu machen. Achim Fuhrberg baut vornehmlich die eher klassischen Weinreben, den Riesling und den Dornfelder an, sein Bruder konzentriert sich mehr auf Spätburgunder und Chardonnay.
Während Jörg Fuhrberg die Auswirkungen der Flutkatastrophe bis ins Mark getroffen haben, verzeichnet Achim Fuhrberg im Jahr zwei, nachdem das Wasser viele Dörfer an Rhein und Ahr zerstörte, Rekordumsätze. Allerdings hat auch er mit den Folgen der Corona-Krise und des Ukraine-Krieges, die die Gas- und Strompreise haben geradezu explodieren lassen, zu kämpfen und muss Kosten einsparen, wo er nur kann. Achim denkt über die Anschaffung einer neuen, wirtschaftlicheren Kelteranlage nach.
Privat hat der ältere der Fuhrbergs nicht so viel Glück: der sehnlichste Wunsch von Achim und Jana Fuhrberg wird unerfüllt, die Ehe kinderlos bleiben. Denn Jana Fuhrberg leidet infolge einer schweren Entzündung unter irreparablen Schädigungen der Eierstöcke, die eine Schwangerschaft unmöglich machen. Eine Zeitlang denkt das Ehepaar darüber nach, ein Kind zu adoptieren. Aber bei Achim überwiegen die Zweifel: „Ein Kind aus eigenem Fleisch und Blut ist schon etwas anderes“, lässt er seine Frau regelmäßig wissen, wenn diese erneut das Thema Adoption anspricht. Aber Jana gibt nicht auf, weil das unerfüllte Verlangen, Mutter zu sein, von Zeit zu Zeit immer wieder in ihrer Seele aufflammt. Sie hofft nach wie vor, Achim irgendwann von einer Adoption überzeugen zu können.
Rheinbreitbach, 1840 (Quelle: Heimatverein Rheinbreitbach)
Eine Glückspielsucht bezeichnet die Fachwelt als pathologisches beziehungsweise zwanghaftes Spielen. Bei Glücksspielsucht kommt es zu übermäßigem und oft unkontrolliertem Glücksspiel. Menschen mit Glücksspielsucht können dem Glücksspiel einfach nicht widerstehen. So spielen sie zum Beispiel unkontrolliert Automatenspiele oder aber Roulette im Casino.
Bei der Entstehung einer Glücksspielsucht wirken unterschiedliche Faktoren zusammen. Diese können das Risiko für die Entstehung einer Glücksspielsucht erhöhen. Zu diesen Faktoren zählen: Stress bei der Arbeit, mangelnder sozialer Anschluss, Langeweile und die Hoffnung auf hohe Geldsummen. Auch Gruppendruck oder `falsche` Vorbilder im sozialen Umfeld können die Gefahr einer Glücksspielabhängigkeit erhöhen. Dann kann aus einem einmalig geplanten Spieleinsatz schnell der starke, innige Wunsch nach weiteren Spielen entstehen. Ist dieses Verlangen dann erst einmal entstanden, kann es flugs in eine wahre Spielsucht münden: Spieldauer und -einsätze nehmen zu, um Verluste häufen sich an.
Die Sucht führt dann oft auch zu massiven Problemen im Alltag, beeinflusst zunehmend zudem den Job, das Handling von Geld- und Finanzangelegenheiten und auch private Beziehungen (12). Vorhandene Probleme und Konflikte werden nicht etwa gelöst, sondern türmen sich immer weiter auf und werden dann durch etwaige Geldverluste beim Spielen womöglich zudem noch signifikant verschlimmert. Mitunter werden gar bisweilen abenteuerlich klingende Ausreden erfunden, nur um das zwanghafte Spielen fortan bestmöglich zu verheimlichen und um unangenehme Tatsachen und Folgen der Spielsucht bestmöglich zu verbergen. Es kann mitunter auch zu Betrug und zu diversen anderen unredlichen Handlungen zum Zwecke der Geldbeschaffung kommen (13).
Wie oft hat sich Simon Kossmann ausgemalt, wie sie wohl sein werden, die allerersten Schritte zurück in der Freiheit. Wie wird es sich anfühlen, wieder uneingeschränkt seiner Wege gehen zu können? Was wird er als erstes tun?
Als er um 07:30 die Pforte der JVA Köln-Ossendorf durchschreitet und die Tür hinter ihm deutlich hörbar ins Schloss fällt, bleibt er nach einigen Metern erst einmal stehen, schließt die Augen und atmet mehrmals tief durch. Achtzehn Jahre seines Lebens hat ihn der Hochverrat seines besten Freundes gekostet, es gibt vieles nachzuholen. Simon Kossmann war zu aufgeregt, um noch in seiner Zelle zu frühstücken.
Die Sonne lacht bereits zu früher Stunde an diesem Mittwochmorgen und so beschließt der frisch entlassene Häftling, zunächst einmal mit der Bahn ins nahe Ehrenfeld zu fahren, um dort im Außenbereich eines kleinen Cafés zu frühstücken. Als er an der Haltestelle an der Venloer Straße aussteigt und mit der modernen Rolltreppe nach oben fährt, traut er seinen Augen kaum. Die Hauptstraße des Viertels, in dem er so oft abends unterwegs war, erkennt er kaum wieder. Die Eckkneipen, die Tante-Emma-Läden und kleinen Stehcafés sind türkischen Imbissrestaurants, orientalisch anmutenden Bazar-Shops, in denen man, angefangen von allerlei Krimskrams und Kleinigkeiten, über Teppiche bis hin zu Lebensmitteln und Kleidung beinahe alles kaufen kann und anatolischen Bäckereien gewichen. Dazu der Geräuschpegel, die Gerüche – Simon Kossmann kommt sich beinahe vor wie im Urlaub, das Bilderbuchwetter tut sein Übriges dazu. Da sind nur noch ganz wenige alteingesessene Geschäfte, die Simon Kossmann aus frühen Kinder- und Jugendtagen noch kennt. Und die ihm bekannten Lokale, in denen man früher frühstücken konnte, die er noch vage im Hinterkopf hatte, existieren augenscheinlich auch nicht mehr. Warum also dann nicht etwas neues ausprobieren am ersten Tag in der Freiheit? Und so setzt sich der hungrige Ex-Häftling in den kleinen Hinterhof der `Feinkonditorei Levan Özbek` und bestellt ein orientalisches Frühstück. Seiner Bitte nach einem großen, frisch gezapften Kölsch vorab kann das Personal des Feinkonditors indes nicht nachkommen – man führt keine alkoholischen Getränke. Das, was man ihm als erste Mahlzeit des Tages serviert, kann Simon Kossmann zum Teil kaum identifizieren. Aber es schmeckt ihm. Und ist auffallend stark gewürzt. Und so beschließt er, im Anschluss an das recht üppige Mahl die Venloer Straße stadteinwärts zu gehen, in der Hoffnung, dass in einer der mannigfaltigen Seitenstraßen zumindest der `Schwazze Köbes`, eine urige Tradtitionskneipe, die schon vor hundert Jahren den ärgsten Durst der Ehrenfelder stillte, noch existiert und - wie früher - bereits früh morgens Gäste bewirtet. Erleichtert atmet Simon Kossmann auf, als er auf die Thebäerstraße abbiegt und sieht, dass die deutlich in die Jahre gekommene Außenbeleuchtung des Lokals ein fahles Licht von sich gibt. Als er mit klopfendem Herzen das urige Lokal betritt, saugt Simon Kossmann den typischen Kneipengeruch gierig auf – auch das bedeutet Freiheit, denkt er sich - und setzt sich auf einen Hocker an die Theke.
„Ein großes Kölsch hätte ich gern.“
„Sowas gibt`s hier nicht. Wir zapfen nur normale und Minis.“
Gut so, denkt er sich, auch, wenn ihn der Durst zunehmend peinigt. Aller Veränderungen zum Trotz – die typische kölsche Lebensart ist halt nicht totzukriegen. Nachdem er die ersten Gläser Kölsch beinahe gierig in sich hineingekippt hat, setzt sich Simon Kossmann an einen kleinen Ecktisch und trinkt gemäßigt weiter. Er wird sich heute erst einmal einen zünftigen Frühschoppen genehmigen, die Kneipenatmosphäre genießen, später noch ein Frikadellchen essen und ganz in Ruhe über die nächsten Tage, die äußerst bedeutend für sein neues Leben sein werden, nachdenken. Gegen Mittag dann wird er sich aufmachen zu seiner Martina. Nach achtzehn Jahren Enthaltsamkeit gibt es auch hier einiges nachzuholen…
Die nutzbare Weinanbaufläche rund um das Siebengebirge ist durchaus überschaubar, auch, wenn Nordrhein-Westfalens Weinanbaufläche in den letzten Jahren ein wenig gewachsen ist. Inzwischen gibt es Pflanzrechte für eine Fläche von gut zwanzig Hektar. Trotzdem: Nur etwa 0,0002 Prozent der Gesamtzahl deutscher Weinberge befinden sich im Lande Nordrhein-Westfalen. Außerhalb von als solchen deklarierten Anbaugebieten darf Wein lediglich auf maximal 1000 Quadratmetern gepflanzt werden (14). Jörg Fuhrbergs arg dezimiertes Weingut in Rheinbreitbach hat viel an Rentabilität verloren. Es bedarf zwingend neuer Einnahmequellen. Der Winzer braucht zusätzliche Weinanbaufläche. In der Heimatregion sind alle Weinbaugebiete langfristig vergeben. Jörg Fuhrberg hat sämtliche Winzer in der nahen Umgebung angesprochen, doch ist niemand bereit, Fläche zu verkaufen. Er muss näher ran an die große Domstadt, circa 45 Kilometer entfernt, in der der Weinanbau eigentlich kein Thema mehr ist.
Obgleich in Köln tatsächlich schon zur Zeit der Hanse Weinanbau und Weinhandel betrieben wurde. Zwischen der Mitte des 12. Jahrhunderts und der Mitte des 17. Jahrhunderts erreichte der Handel seine Blütezeit. Mittelalterliche Stadtansichten der Domstadt wie beispielsweise der von Arnold Mercator 1571 gefertigte Kölner Plan zeigen überaus imposante Rebflächen innerhalb der damals noch rundum befestigten Stadt.
Weingarten der Kartäuser 1571
Der sehr arbeitsintensive Weinanbau wurde vormals überwiegend auf den zahlreichen meist zu Lehen oder in Pacht gegebenen Klostergütern im südwestlichen Bereich der Stadt betrieben (15).
Heutzutage kann man sich selbstredend keiner größeren Anbauflächen in Klostergütern mehr bedienen – Einfallsreichtum ist gefragt. Und so hat Jörg Fuhrberg zwei beinahe abenteuerliche Standorte für seinen `Vino Colonia` ausgemacht.
Der Kölner `Monte Troodelöh` ist mit lediglich 118,04 Metern über dem Normalhöhennullmeter, der Höhe über dem Meeresspiegel, die höchste Erhebung der Stadt Köln. Er liegt im Stadtteil Rath/Heumar. Und dort auf einem stark ansteigenden Hang im Königsforst. Oberhalb und östlich des Wolfswegs steigt das Gelände bis auf etwa 130 Meter weiter an, diese Bergspitze hat keinen Namen. Sie gehört zum Ortsteil Bensberg der Stadt Bergisch Gladbach, da der Wolfsweg an dieser Stelle die Grenze zum Kölner Stadtgebiet ist (16).
Lange Jahre war es kaum möglich, an einem x-beliebigen Ort Wein anzupflanzen. Der Weinanbau war stark reglementiert. Nicht zuletzt, um ein drohendes Überangebot von Weinerzeugnissen im Verhältnis zu den Marktaussichten tunlichst zu verhindern. Erst seit einigen Jahren können Rebpflanzungen nunmehr auch außerhalb der gestandenen traditionellen Weinbauregionen vorgenommen werden, so dass Weinbau nun in ganz Deutschland möglich ist.
In Deutschland wurde für die Jahre 2016 bis 2020 ein Prozentsatz von 0,3 Prozent, was in etwa 300 Hektar entspricht, für Genehmigungen von Neuanpflanzungen festgelegt. Hierzulande gilt es dabei lediglich ein Kriterium zu erfüllen: Der Antragsteller muss glaubhaft machen, dass er die Neuanpflanzung auf einer landwirtschaftlichen Fläche vornehmen will, über die er zum Zeitpunkt der Neuanpflanzung verfügen wird und die nicht kleiner ist als die Fläche, für die er die Genehmigung beantragt (17).
Gegen eine zunächst geringe Pacht ist man bereit, dem Winzer aus dem Siebengebirge auf dem kölschen `Monte Troodelöh` eine Fläche von knapp anderthalb Hektar, die unter gewissen Umständen noch ausbaufähig ist, zu verpachten. Aber ob der Anbau hier auch erfolgreich sein wird?. Die Chancen hierfür, sie stehen gar nicht einmal so schlecht. Denn auch im Stadtgebiet von Köln ist die Temperatur während der letzten Jahrzehnte signifikant angestiegen (18). Zudem ist die Anbaufläche, die Jörg Fuhrberg erworben hat, nach Süden gerichtet und damit von der Sonne sehr gut zu erreichen. Auch ist der Weinhang als solcher recht steil, der Einfallswinkel der Sonnenstrahlen wird somit um einiges größer. Die Trauben können also viel Sonnenlicht aufnehmen und dadurch besonders gut reifen.
Aber auch, wenn der Anbau quasi auf dem Gipfel der Stadt Köln erfolgreich sein sollte – die erworbene Anbaufläche reicht bei weitem nicht aus, um einen stattlichen Zusatzverdienst zu sichern. So hat der findige Weinbauer ein weiteres Gebiet im Großraum Köln ausgemacht, an dem er seine Reben fortan anpflanzen will.
Nicht weit von der Stadtgrenze Colonias entfernt befindet sich die Glessener Höhe, die mit fast 206 Metern die höchste Erhebung im Rhein-Erft-Kreis darstellt.
Die Glessener Höhe entstand zwischen 1955 und 1970, hauptsächlich aus Abraummaterial des ehemaligen Braunkohlentagebaus Fortuna. Durch das rekultivierte Naherholungsgebiet verlaufen viele Wander-, Rad- und Reitwege. Über eine 350 Stufen hohe Himmelsleiter erreicht man den höchsten Punkt, der auf 204 Metern Höhe liegt. Am Gipfelkreuz eröffnet sich dem Wanderer ein weitreichendes Panorama-Blickfeld. Es reicht vom Düsseldorfer Fernsehturm über die Kölner Bucht, das Stadtbild Kölns, das Bergische Land, das, Siebengebirge mit dem Drachenfels, dem Petersberg und dem Großem Ölberg (19).
Vereinzelte Hochplateaus der Glessener Höhe werden teilweise bereits landwirtschaftlich genutzt. Einige Hänge sind mit Mischwald aufgeforstet, einige liegen jedoch noch karg und ungenutzt brach. Und genau hier sieht Jörg Fuhrberg seine große Chance. Er hat die Hänge und den Boden dort mehrfach begutachtet und ist sich sicher, hier erfolgreich Wein kultivieren zu können. Nach zähen Verhandlungen mit der der Stadt Bergheim, in deren Gebiet die Anhöhe liegt, erwirbt Jörg Fuhrberg zwei Hektar steiles Land zur Pacht, und wird fortan auch hier Weinanbau betreiben
