2,99 €
Eine Mordserie erschüttert Köln. Dabei reichen die Opfer von zwielichtigen Stadtgrößen über Prominente bis hin zu unauffälligen Bürgern. Hat die Kölner Polizei es mit einem Psychopathen zu tun, der wahllos mordet? Oder steckt ein System hinter der Mordserie, das es zu entschlüsseln gilt? Einziger Anhaltspunkt für Rainer Strang und Maren Stieber ist zunächst die `persönliche Widmung`, die der Serienkiller neben jedem seinem Opfer hinterlässt: ein Findling aus dem Rhein in Herzform. Dann erkennen die Kommissare, dass die Morde auffallend den Episoden einer erfolgreichen TV-Krimireihe ähneln. Im Spannungsfeld von Realität, Fiktion und Täuschung läuft das Ermittlerpaar Gefahr, die Orientierung zu verlieren. Zudem scheint der Killer stets einen Schritt voraus zu sein. Und er mordet in sehr kurzen Zeitabständen…
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2025
Rheinherzen
Peter Wolff
Impressum
© 2025 Peter Wolff
Covergestaltung / Foto: Ewa Wolff
ISBN: 9798297744202
Ebook: B0FV8651T5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Der Autor lebt mit seiner Ehefrau in Lohmar-Neuhonrath im Bergischen Land, 30 Kilometer entfernt von Köln am Rhein.
Der studierte Betriebswirt entdeckte seine Leidenschaft für das Schreiben als freier Mitarbeiter der 'Kölnischen Rundschau' und beim 'Kicker Sportmagazin', hauptberuflich war er als Gruppenleiter im Controlling, als Geschäftsführer einer Entsorgergemeinschaft und zuletzt als Leiter der Seminarplanung in der Erwachsenenbildung tätig.
Heute schreibt er Romane und erzählende Sachbücher. Eine Liste seiner Veröffentlichungen finden Sie auf der Homepage
www.wolffslaute.de
„In den Abgründen des Unrechts findest du immer die größte Sorgfalt für den Schein des Rechts“
(Johann Heinrich Pestalozzi, 1746-1827, Schweizer Psychologe)
Von klein auf wird uns Menschen beigebracht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Schon das klassische Kindermärchen hat in der Regel einen Bösewicht, der am Ende vom Helden der Geschichte bezwungen wird. Dabei ist es gar nicht so einfach, zwischen dem Guten und dem Bösen eine klare Linie zu ziehen. Und hat nicht jeder von uns zumindest schon einmal in seinem Leben fälschlicherweise etwas vermeintlich Böses getan? Vielleicht nicht aus Boshaftigkeit oder bösem Willen, sondern vielmehr deshalb, weil die äußeren Umstände es quasi hervorgebracht haben? Es ist ein schmaler Grat zwischen Gut und Böse, der uns unsere grundlegenden Überzeugungen plötzlich verwerfen lässt.
Dafür sorgen insbesondere die beliebteste Freizeitaktivität von uns Deutschen, aber auch das Lesen. Haben wir nicht alle schon mehr als einmal einen Film gesehen oder in einem Buch geschmökert, in dem wir peu à peu eine Sympathie für den vermeintlichen Antagonisten der Story entwickelt haben?
Woher kommt sie bloß, diese irrationale Sympathie für Betrüger, Mörder und andere Halunken im fiktionalen Geschehen?
Die Wissenschaft glaubt, unsere temporären Sympathien für bösartige Charaktere plausibel erklären zu können: Es geht um die Unversehrtheit unseres Selbstbildes. Wir identifizieren uns am stärksten mit denjenigen Charakteren und ihren negativen Eigenschaften, die uns am meisten ähneln. Anders ausgedrückt: Es ist die 'dunkle Version' von uns selbst, zu der wir uns offenkundig hingezogen fühlen. Die Fiktionalität der Charaktere lässt Vergleiche, Gefühle von Mitleid oder Sympathie zu, ohne dabei unser fragiles Selbstbild zu gefährden (01).
Bereits Freud begreift das Böse und Destruktive als fundamentalen Teil der menschlichen Natur, den es zu akzeptieren gilt. Die Nichtakzeptanz dieser Gegebenheit ist eine bloße Illusion – eine klare Grenze zwischen Gut und Böse existiert nicht (02).
Es braucht also keinen `bösen Charakter`, um böse Taten zu begehen.
Während wir im realen Leben jedoch den Blick stets nur auf die Tat richten, während wir entsetzt vom Akt der Willkür und der emotionalen Kälte des Täters sind und im Normalfall keinerlei Versuche unternehmen, das Handeln des Bösewichts auch nur ansatzweise zu legitimieren, ist dies im Kino, vor dem Fernseher oder in der kuscheligen Leseecke ganz anders.
Fiktionale Charaktere ermöglichen uns einen Zugang zu Gedanken und Gefühlen, die wir im Rahmen unserer Sozialisation sorgfältig zu unterdrücken gelernt haben.
So schafft die Trennung von Realität und Fiktion einen geschützten
Raum, der unangenehme Gefühle mildert und den Fortbestand unseres Selbstbildes garantiert.
Aber was macht es mit uns, wenn dieser Raum dadurch zerstört wird, dass Realität und Fiktion kaum mehr voneinander zu trennen sind, dass sie immer mehr miteinander verschmelzen? Wie unterscheidet man Realität und Fiktion, wenn beides gleichsam real wie fiktiv erscheint? Ist Fiktion wirklich immer etwas Erdachtes, frei Erfundenes, das der Einbildung von jemandem entspringt?
Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen Realität und Vorstellung. Unsere Vorstellungskraft ist demnach ein sehr mächtiges Werkzeug. Wie wir dieses benutzen, bleibt indes letztendlich uns überlassen: Der Mensch kann mit einem Spaten einen Baum einpflanzen oder seinen Nachbarn erschlagen. Gut oder böse: Diese Entscheidung trifft am Ende dann doch nicht das Werkzeug, sondern letztendlich immer noch der, der es nutzt. Oder etwa doch nicht?
*
„Mensch, Du hast aber schwer einen geladen.“
„Es dauert seine Zeit, bis man im `Milieu` vertrauenswürdig scheint. Die Typen da sind zunächst einmal ziemlich reserviert. Und möchte man bei denen ankommen, muss man eines in jedem Fall: mittrinken. Sonst hast Du schlechte Karten.“
„Wie jetzt? Ich dachte, der Kölner als solcher ist offen, tolerant und kontaktfreudig?“
„Der Kölner schon. Aber das 'Milieu', das ist noch einmal eine ganz spezielle Gattung des Kölners.“
„Und: Warst Du am Ende wenigstens erfolgreich?“
„Ja.“
„Na, dann hat sich der Kater morgen früh ja wenigstens gelohnt.“
„Hat er. Wir sind komplett. Ich habe die Telefonnummer bekommen und den Kerl auch schon angerufen. „Hab’ ihm gesagt, dass ich gern vorab ein paar Fotos sehen möchte.“
„Fein, dann können wir ja loslegen.“
„Ja. Treffe ihn morgen am Rhein.“
„Unser Plan ist wirklich genial.“
„Ja. Wir haben uns für jeden was Nettes einfallen lassen.“
„Was ist es morgen?“
„Also, für den Anfang belassen wir es beim Klassiker. Ein bisschen Blei in die Stirn.“
„Wirklich nicht sonderlich einfallsreich.“
„Diesmal nicht, aber warte es nur ab. Und ein Souvenir – das gibt’s für jeden obendrauf.“
„Ein Souvenir?“
„Ja.“
„Was denn?“
„Lass Dich überraschen.“
„Da bin ich aber gespannt.“
„Fehlt nur noch unser Name. Wir nennen wir das Kind?“
„Da ist mir eine Idee gekommen. Schau mal, dieses kleine Büchlein hier.“
„Woher hast Du das?“
„Das ist noch von meiner Oma. Es hat mich als Kind schon fasziniert.“
„Nett, ja. Aber was hat das mit unserem Namen zu tun?“
„Schau mal Seite 72. Lies` Dir die Geschichte ganz in Ruhe durch.“
Drei Minuten herrscht Ruhe im Wohnzimmer des schicken halbfreistehenden Einfamilienhauses (Gartenwohnung?) mit Garten.
„Perfekt! Das passt ja wunderbar.“
„Finde ich auch.“
„Und die Initialen – Papa würde sich freuen.“
„Das ist mir gar nicht aufgefallen, ist ja der Hammer!“
„Dann können wir starten.“
„Ja.“
„Wem hast Du die Premiere zugedacht?“
„Jürgen Schäffer heißt der Mann. Hab’ ich Dir doch gerade von erzählt. Der Kerl aus dem Friesenviertel.“
„Ach der, ja, ich erinnere mich. Manchmal kann ich Sachen keine fünf Minuten mehr behalten.“
„Ich weiß.“
„Gute Wahl. Ich gehe jetzt ins Bett.“
„Ich trinke mir noch einen Absacker.“
„Hast Du nicht genug?“
„Ich muss noch ein wenig zur Ruhe kommen.“
*
Die Vorabendserie 'Ömesöns is nur dr Dud' ist bereits seit einem knappen Jahr der neue Quotenrenner der ARD.Zweimal in der Woche sitzen durchschnittlich 6,5 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern, wenn Hauptkommissar Norbert Kraloff und sein Team von der Mordkommission in Köln und Umgebung Mörder dingfest machen. Mörder, für die, und das ist das Besondere an dem Vorabendkrimi, der Zuschauer meist Sympathie entwickelt. Mit denen er mitfühlen kann, weil die Motive, aus denen sie handeln, nur allzu verständlich, ja beinahe folgerichtig sind.
Als Rainer Strang nach einem äußerst anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommt, sitzt seine Frau, die eine starke Grippe plagt, wie schon in den letzten Tagen in eine warme Decke eingehüllt vor dem Fernseher.
„Die Hintergrundmusik, die kenne ich doch. Natürlich – 'Ömesöns'. Guckst Du Dir schon wieder diesen Kitsch an, Maren?“, begrüßt der Kriminalhauptkommissar, der infolge der Ansteckungsgefahr auf den obligatorischen Begrüßungskuss verzichtet, seine Gattin und Kollegin.
„Ich kann dabei so herrlich entspannen.“
„Bei Mord und Totschlag? Dann hast Du ja auch einen sehr entspannenden Job.“
„Das hier, das ist doch reine Fiktion.“
„Trotzdem. Also, mir reicht’s nach Dienstschluss.“
„Ich bin halt eine durch und durch morbide Person. Wusstest Du das nicht? Hätte ich Dir vor der Hochzeit wohl sagen sollen.“
„Ja. Hättest Du.“
„Jetz lass` mich doch, Rainer. Das ist doch ein schöner Ausgleich zu unserer täglichen Arbeit.“
„Das ist doch so was von konstruiert, von unrealistisch. Die Storys, die da ablaufen, so was gibt es doch gar nicht. Wenn das jemand weiß, dann
doch wohl wir.“
„Aber genau darum ist es ja so entspannend, Rainer. Eben weil ich weiß, dass es nicht der Realität entspricht.“
„Na ja, wenn Du nichts Besseres mit Dir anzufangen weißt … Wie geht es Dir denn? Kommst du morgen wieder mit ins Präsidium?“
„Das Fieber ist runter, aber ich fühle mich noch ziemlich schlapp. Vielleicht besser erst am Montag und dann wieder in alter Frische.“
„Ja, ist vielleicht besser.“
„Gibt’s irgendwas Neues an der Gaunerfront?“
„Nein, ziemlich ruhig im Moment.“
„Ist Dir doch recht nach den Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, oder? Die Sache mit Gartmann. Unsere überstürzte Hochzeit – war alles nicht einfach für Dich“, Maren Strang schaut ihren Mann neckisch an.
„Wenn Du gesund wärst, würd` ich Dir jetzt den Hintern versohlen“, scherzt Rainer Strang zurück.
„Aber Du hast schon recht. Die Sache mit Gartmann hängt einem schon nach.“
„Ja, Rainer. Ich denke auch jeden Tag daran. Aber es war ein Unglücksfall, wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir konnten es nicht verhindern.“
„Nein, das konnten wir nicht.“
Bei der Aufklärung einer komplizierten Familientragödie vor einigen Monaten, im Rahmen derer ein Mittelrheinwinzer, seine Schwägerin und weitere indirekt Beteiligte zu Tode kamen, ist Felix Gartmann, Kollege von Rainer Strang und Maren Stieber, durch einen tragischen Unglücksfall in einem Weinfass ums Leben gekommen. Das iPhone von Rainer Strang reißt die beiden Kriminalbeamten aus ihren Gedanken an den toten Kollegen,
„Das war`s dann mit der Ruhe - es gibt Arbeit, Schatz. Ich muss nochmal los. Ein Toter am Rheinufer in Westhoven.“
„Ich komme mit. Ein bisschen frische Luft kann mir sicher nicht schaden.“
„Meinst Du wirklich?“
„Ja. Geht schon.“
Gerade einmal fünfzehn Minuten braucht das Ermittlerehepaar, das seit Kurzem im Kölner Stadtteil Porz-Langel ein altes Backsteinhaus bewohnt, zum Tatort direkt am Rhein.
„Den kenne ich doch!, sagt Rainer Strang, als er sich über den Toten beugt.
„Tatsächlich?“
„Ja. Das ist der Rösige Hund!“
„Der rüstige was?!“
„Nicht rüstig, rösig. Nie von dem Kerl gehört?“
„Nein.“
„Das erinnert mich wieder an unseren Altersunterschied, Maren. Bist Du Dir überhaupt sicher, dass Du mit einem alten Knacker wie mir verheiratet sein willst?“
„Bitte, Rainer. Das Thema haben wir doch schon x-mal durchgekaut. Widmen wir uns lieber wieder dem 'Rosigen Hund'.“
„Rösig, nicht rosig.“
„Was heißt denn das?“
„Also ja … das heißt rallig oder rollig, so im sexuellen Sinne …“
„Geil?““
„Oder so.“
„Warum heißt der denn so? Und was mich noch mehr interessiert: Woher kennst Du den geilen Hund?“
„Der Rösige Hund ist eine der letzten schillernden Gestalten aus der Halbwelt-Szene am Friesenplatz. Der hat es wohl früher ziemlich heftig getrieben mit den Damen, daher der Name.“
„Aha.“
„Sein bürgerlicher Name ist Jürgen Schäffer. Der wohnt in Longerich, also, offiziell zumindest. Eigentlich jedoch hält er sich quasi nur im Friesenviertel auf. Hat da ein kleines Appartement, glaube ich. Früher hat der bei der Stadt Köln gearbeitet, ich glaube, beim Wohnungsamt. Aber irgendwann hat ihn das Milieu verschluckt.“
„Apropos verschluckt. Dieser Stein da, den er im Mund hat. Meinst Du, den hat die Flut dahin gespült, als er am Ufer lag?“
„Glaube ich kaum. Da muss schon einiges zusammenkommen, damit ein Stein so zum Liegen kommt. Der sieht aus wie drapiert.“
„Aber warum hat der Mörder ihm einen Stein in den Mund gesteckt?“
„Wenn es, was am wahrscheinlichsten ist, tatsächlich der Mörder war: vielleicht, um ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Milieumorde haben öfter mal eine sehr spezielle Komponente.“
„Harald“, ruft Rainer Strang zum Chef der Spurensicherung.
„Untersucht den Stein auf Fingerabdrücke, Hautpartikel und was Ihr sonst noch so untersucht.“
„Wird gemacht, Rainer. Morgen hast Du die Ergebnisse.“
„Wir sollten uns zunächst im Friesenviertel umhören, Maren. Im KleinKöln kann man sicher etwas mehr über den Rösigen Hund erfahren. Aber davor fahre ich Dich nach Hause.“
„Soll ich nicht mit…“
„Nein, mein Schätzchen, Wir haben einen Fall. Ich brauche Dich schnell und vor allem wieder fit an meiner Seite.“
*
„Wo kommst Du denn jetzt her? Hab gar nicht gemerkt, dass Du weg warst.“
„Ich hatte noch was zu erledigen.“
„Aha. Was denn?“
„Soll das ein Witz sein?“
„Ja.“
„Warst Du … hast Du also angefangen?“
„Ja.“
„Warum hast Du mich denn nicht geweckt, bevor Du los bist?“
„Ich hatte Angst, dass Du versuchst, es mir doch noch auszureden.“
„Verstehe.“
„Hättest Du?“
„Nein. Ich glaube nicht.“
„Das ist gut so. Ich denke nicht, dass ich unser Projekt durchziehen würde, wenn ich nicht Deine Unterstützung hätte.“
„Ich mag nicht, dass Du es `unser Projekt` nennst. Das weißt Du.“
„Aber das ist es doch.“
„Ja, das ist es.“
„Wenn Du sagst, wir lassen es, dann lassen wir es.“
„Nein, das will ich ja gar nicht.“
„Gut.“
„Und – wie war es?“
„Ich war schon ziemlich aufgeregt. Aber das ist ja immer so, wenn man etwas Neues anfängt.“
„Ja, das stimmt.“
„Das hat sich dann auch schnell gelegt.“
„Und alles hat reibungslos geklappt?“
„Ja. Ich habe ihm gesagt, ich hätte Interesse an etwas Jungem, vorzugsweise aus Osteuropa. Habe ihm was erzählt von 'Ich liebe Sex im Freien. Ich zahle den doppelten Preis, wenn Du mir das Mädel ans Rheinufer in die Westhovener Auen bringst'.“
„Und der war tatsächlich da? Mit dem Mädchen?“
„Das Mädchen hat er im Auto gelassen. Zum Glück, so war es einfacher. Es ist weggelaufen, nachdem alles vorbei war.“
„Also, alles glattgegangen?“
„Ja, eigentlich war es recht einfach.“
„Und wie hast Du Dich dabei gefühlt?“
„Irgendwie beschwingt. Ich kann das gar nicht richtig erklären. So, als ob eine Last von der Seele Mutter Colonias abfiele.“
„Sind Dir denn keine Zweifel gekommen?“
„Zweifel? Worüber denn?“
„Dass wir das Richtige tun.“
„Nein. Überhaupt nicht.“
„Dann ist es ja gut.“
„Wenn es vorbei ist, musst Du hier weg.“
„Ich weiß.“
„Ich darf gar nicht daran denken.“
„Ich auch nicht. Ist es das wert?, frage ich mich oft.
„Ja, das ist es. Einer muss es ja tun. Und außerdem…“
„Ja?“
„Wenn Gras über die Sache gewachsen ist, kommen wir wieder.“
*
„Ja, bitte?“ Die junge Frau öffnet erstaunt die Tür, als sie durch den Türspion sieht, dass eine Polizistin in Uniform und eine weitere Person im Hausflur stehen.
„Natalia Zimshuk?“
„Ja.“
„Dürfen wir reinkommen.“
Wortlos öffnet die junge Frau die Tür und deutet auf ihr kleines Wohnzimmer. „Setzen Sie sich.“
„Danke. Frau Zimshuk, es geht um ihre Tochter. Wir haben ihre Telefonnummer im Handy eines Mannes gefunden, der heute tot aufgefunden wurde.“
„Jürgen Schäffer?“
„Ja. Wieso kommen Sie direkt auf den?“
„Slava Bohu. Dyakuyu, mylyy Bozhe.“
Maren Stieber schaut ihre Kollegin, die Halbrussin ist, kurz an.
„Gott sei Dank. Vielen Dank, lieber Gott, hat sie gesagt.“
„Was hatte ihre Tochter mit Jürgen Schäffer zu tun?“
„Er hat…sie hat“, Natalia Zimshuk beginnt zu weinen. „Sie hat für ihn gearbeitet.“
„Als Prostituierte?“
Die junge Frau nickt heftig mit dem Kopf.
„Frau Zimshuk, ich muss Sie das fragen: Wo waren Sie heute den ganzen Tag über?“
„Auf der Arbeit. Ich arbeite in einer Putzkolonne, den 'Cleaning Angels'. Wir waren von 6:00 Uhr morgens bis 17:00 Uhr nachmittags unterwegs.“
„Haben Sie eine Telefonnummer für mich, von jemandem, der das bestätigen kann?“
„Hier“, Natalia Zimshuk reicht Maren Stieber eine Karte. „Das ist die Nummer von unserem Chef.“
„Danke. Haben Sie eine Idee, wer Jürgen Schäffer umgebracht haben
könnte?“
„Ja, die habe ich. Jeder, dessen Tochter er wie ein billiges Stück Fleisch angeboten hat.“
„Verstehe. Eine letzte Frage noch: Warum haben Sie nichts gesagt? Warum haben Sie den Mann nicht angezeigt?“
„Ich wusste nichts davon. Bis vor ein paar Tagen wusste ich nichts davon.“
„Okay. Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, hier ist meine Karte.“
Während Maren Stieber sich weiter um die Handykontakte des Ermordeten kümmert, macht sich ihr Mann auf ins Friesenviertel.
Das Kölner Kultlokal KleinKöln, bereits im Jahre 1926 eröffnet, erhielt als erste Kölner Kneipe eine Nachtlizenz. Die Kaschemme auf der Friesenstraße war über Jahrzehnte hinweg Treffpunkt der Kölner Halbwelt. Köln galt in den 60er und 70er Jahren als die kriminellste Stadt Deutschlands. Zwischen Eigelstein und Friesenviertel war das Milieu. Hier tranken die Polizisten morgens mit den Nutten Kaffee, hier lebten die Bürger neben Zuhältern, Prostituierten und Schlägern. In den Kneipen stand die Kölner Prominenz nachts mit den Kleinkriminellen an der Theke (03).
Rainer Strang hat Glück, als er das Lokal betritt. Denn am Tresen erblickt er eine weitere der letzten Milieugrößen.
„Ach, der Herr Kommissar, was verschafft uns denn die Ehre?“, begrüßt Hajo Frericks, im 'Veedel' nur Onkel Süd genannt, den ihm nur zu gut bekannten Ordnungshüter.
„Hallo Onkel Süd. Wie geht’s denn so?“
„Also, gestern ging’s noch. Was treibt Dich hierhin, Herr Hauptkommissar?“
„Wir haben eine Leiche am Rhein. Es ist der Rösige Hund.“
„Der Rösige Hund? Nein!“
„Er wurde ermordet. Eine Hinrichtung. Ein Schuss genau zwischen die Augen.“
„Sag bloß.“
„Was ich von Dir wissen möchte: Meinst Du, es handelt sich um einen klassischen Milieumord?“
„Die klassischen Milieumorde, die gibt es in Köln doch schon lange nicht mehr. Wenn ich da an früher denke: als der Freund vom Zementkopp einen Typen, der ihn um Geld betrogen hat, mit einem Poller erschlagen hat. Oder als der Trautermann dem Stecher seiner Mutter in der eigenen Kneipe, dem `Pfeiltreff` in der Pfeilstraße, flugs den Schädel weggeblasen hat. Aber heute … nein, ein Milieumord war das bestimmt nicht.“
„Aber wer könnte denn sonst ein Interesse daran haben, dem Rösigen Hund das Lebenslicht auszublasen?“
„Also, es ist nur ein Gerücht, aber…“
„Aber was?“
„Man munkelt, dass er minderjährige Mädchen aus geflüchteten Ukraine-Familien zur Prostitution gebracht hat. Da lief ja sogar eine Anzeige gegen ihn.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Hier bei uns im Milieu bist Du falsch. Das 'Chicago am Rhein', das gibt es schon lange nicht mehr. Schäfers Nas', Dummse Tünn, Zementkopp - sie alle verkörpern ein Köln, das es so nie mehr geben wird.“
„Wohl wahr. Da kann man fast melancholisch werden…“
„Du solltest den Mörder unter den ukrainischen Flüchtlingen suchen. Die sind doch schnell dabei, wenn es ans Morden geht. Und sollte der Rösige Hund tatsächlich junge ukrainische Mädchen prostituiert haben, könnte ich es in diesem Fall sogar verstehen.“
„Da bin ich bei Dir.“
„Fahr` mal ins Selenskyj in der Südstadt oder ins Odessa in der Altstadt. Da treffen sich ukrainische Flüchtlinge. Und, wie man hört, auch ein paar zwielichtige Gestalten.“
„Danke für die Info, Onkel Süd. Mach et jot.“
Rainer Strang verlässt das KleinKöln und macht sich auf in die beiden Lokale, in denen er keinerlei brauchbare Informationen erhält.
„Es reicht für heute“, sagt er zu sich selbst, als er das 'Odessa' verlässt und sich auf den Weg nach Hause macht. Als er in Porz-Langel ankommt, wundert er sich, dass seine Frau nicht im Haus ist, und ruft sie umgehend an.
„Wo bist Du, Schatz?“
„Die Kollegen haben mir mitgeteilt, dass der Tote drei Handykontakte mit blutjungen ukrainischen Mädchen auf seinem Gerät gespeichert hat.“
„Das ist hochinteressant. Denn es deckt sich mit den Informationen von Onkel Süd aus dem KleinKöln.“
„Was ist das denn jetzt schon wieder? Onkel wer?!“
„Egal. Wenn Du wissen willst, warum der so genannt wird, erkläre ich es Dir später.“
„Ok. Während Du im Friesenviertel Party machst, habe ich die Familien der Mädchen überprüft. Allerdings ohne großen Erfolg. Das erste ist Vollwaise, das zweite scheint gar nicht da zu wohnen, wo es gemeldet ist. Die Mutter von dem dritten Mädchen hat ein Alibi und weiß nichts über den Rösigen Hund.“
„Du solltest Dich doch auskurieren.“
„Geht schon, Rainer.“
„Hattest Du wen dabei?“
„Aber natürlich doch. Bin ja keine Anfängerin.“
„Und jetzt bist Du auf dem Heimweg?“
„Ja. Ich wollte vielleicht noch kurz beim Italiener … Willst Du auch was?“
„Jetzt komm bitte direkt nach Hause! Ich koche uns was.“
„Zu Befehl, Herr Hauptkommissar.“
Eine halbe Stunde später ist Maren Stieber zurück in Porz-Langel.
„Und? Hast Du etwas erfahren?“, fragt seine Frau, während sie genüsslich die von ihrem Mann zubereiteten Nudeln mit Erbsen-Basilikum-Pesto verspeist.
„Nichts. Rein gar nichts. In Köln leben etwa 20.000 Ukrainer. Zudem noch viele, die nicht einmal registriert sind. Wie sollen wir da nur weiterkommen?“
„Dann haben wir also noch gar nichts.“
„Nein.“
„Und wie verfahren wir weiter?“
„Ich habe keinen blassen Schimmer. Vielleicht höre ich mich nochmal in der Szene im Friesenviertel um.“
*
„Ich bin dann mal zur Arbeit.“
„So früh am Morgen schon?“
„Ja. Ich muss heute ganz früh auf den Kran.“
„Kannst Du das denn überhaupt noch?“
„Ich hab’ doch den Kranschein.“
„Schon, aber wann hast Du den gemacht? Und wann hast Du das letzte Mal einen Kran bedient? Ist doch Jahre her.“
„Das ist wie Fahrradfahren – das verlernt man nie.“
„Dann bin ich ja beruhigt. Hör’ mal …“
„Ja?“
„Ich hab’ irgendwie ein Störgefühl, die Sache betreffend.“
„Aber warum denn?“
„Manchmal kommen mir Zweifel, dass es richtig ist, was wir tun?“
„Natürlich ist es das.“
„Ich bin mir da nicht immer so sicher.
„Aber warum denn nicht?“
„Sagte Jesus nicht `Unrecht ist weder zu tun noch zu vergelten`?“
„'Tut Gutes, denen, die euch Böses tun', was?!“
„Ja, das hat er auch gesagt. Soweit muss man ja nicht gehen, aber unser Projekt hätte ihm sicher nicht zugesagt.“
„Du weißt, dass ich die christliche Lehre nicht in allen Punkten teile.“
„Schon, aber es ist ja nicht nur Jesus Christus. Auch die weisen alten griechischen Philosophen ein paar hundert Jahre zuvor vertraten diese Ansicht.“
„Wirklich?“
„Ja. Platon sagte einst: 'Weder erlittenes Unrecht vergelten, noch Böses zufügen darf man irgendeinem Menschen, mag man auch noch so schwer von ihm zu leiden haben.' Und Sokrates weigerte sich sogar, aus dem Gefängnis zu fliehen, weil er Unrecht nicht mit Unrecht vergelten wollte, obwohl er, obgleich er sich nichts zu Schulde hatte kommen lassen, zum Tode verurteilt wurde“ (05).
„Aber das ist doch das beste Beispiel für meine Theorie: Was unrecht ist, definiert doch am Ende des Tages jeder für sich individuell. Die meisten von uns hätten es in Sokrates' Situation wohl kaum als Unrecht angesehen, zu fliehen.“
„Das stimmt wohl.“
„Natürlich ist es nicht ratsam, Feuer mit Feuer zu löschen, aber es kommt auch immer auf die Situation an. Und da gibt es durchaus Situationen, in denen es gerecht sein kann, Unrecht mit Unrecht zu vergelten.“
„Aber sind wir nicht höchstens Ankläger, aber niemals Richter? Sollten nicht höhere Instanzen darüber entscheiden, was Unrecht ist und was nicht? Und kann nicht Unrecht allein mit Recht bekämpft werden? Denn es geht ja darum, Unrecht zu beseitigen, und nicht darum, es zu fördern.“
„Aber diese höheren Instanzen, sie sind doch hoffnungslos überfordert. Sie können die Wurzeln des Unrechts bisweilen doch kaum mehr erkennen, geschweige denn, beseitigen. Wenn der Ursprung der Selbstjustiz erwiesenes Unrecht ist, dann ist Selbstjustiz auch nicht unmoralisch. Weil sie den unrechten Ursprung ans Tageslicht befördert.“
„Dann soll es so sein.“
„Ja, das soll es.“
*
Osman Yengiz beginnt seinen Tag stets mit einer großen Kanne Kaffee, um seine Lebensgeister zu wecken. Dann zieht er seine Laufklamotten an und macht sich auf an den Rhein. Bereits nach zwei Kilometern zeigt der Kaffee Wirkung, wie fast jeden Morgen meldet sich sein Darm. Zum Glück steht der Dixi-Klo noch an der Baustelle zwischen Poll und Deutz und er braucht sich nicht, wie mitunter sonst, irgendwo am Rheinufer zu entleeren.
Der stämmige Deutschtürke betritt die kleine Kabine, wischt den Stein, der auf dem Klodeckel liegt, achtlos auf den Boden und setzt sich auf die Klobrille. Als er sein Geschäft erledigt hat und aufsteht, vernimmt er draußen ein klickendes Geräusch und stellt fest, dass die Tür der mobilen Toilette verschlossen ist.
„Hey, was soll das? Mach` sofort die Tür auf, Du Arschloch“, brüllt Osman Yengiz. Kurz darauf wird er gewahr, dass sein 120 Zentimeter breites und 230 Zentimeter hohes Gefängnis aus robustem Kunststoff ein wenig zu wackeln beginnt und dann abzuheben scheint.
„Was ist hier los?“, brüllt der Eingesperrte, außer sich vor Wut.
Am Rheinufer bleiben einige Passanten verdutzt stehen, um das frühmorgendliche Schauspiel zu beobachten. Der Führer des kleinen Böcker Minikran MK400 fährt ganz nah an den Rhein heran und dirigiert den Teleskopmast, an dem ein Dixi-Klo hängt, ein gutes Stück über das Wasser, bevor er ihn fallen lässt.
„Dat jitt et doch jar nit. Dä hät dä Klo in dr Rhing jeschmisse!“, sagt ein verwunderter Beobachter der Szene und hält sich die Hand vor den Mund.
„Sulle mr de Polizei anrofe?“
„Ja jo dat“, sagt seine Frau und gibt ihrem Mann ihr Handy.
Erst eine gute Stunde später ist ein Streifenwagen vor Ort.
„Unfassbar, offenbar reichen denen Fahrräder und Elektroroller nicht mehr. Jetzt schmeißen sie schon Dixi-Klos in den Rhein“, sagt Streifenpolizist Hagen Kossmann zu seiner Kollegin.
„Der muss doch wissen, dass ihm eine ordentliche Strafe droht, wenn er erwischt wird. Im Bußgeldkatalog für Umweltverschmutzung schlägt sperriger Abfall mit bis zu 2500 € zu Buche (04).“
„Wie hat der das Teil denn überhaupt bewegt bekommen?“
Einer der Schaulustigen, der das Geschehene beobachtet und auf das Eintreffen der Polizei gewartet hat, mischt sich ein.
„Dä hät dä Kran do koot jeschlosse und dat Dinge mit dämm Kran huhjehovve.“
„Den Kran kurzgeschlossen, sagen Sie?“
„Ja jo dat.“
„Dann ruf Du den Baustellenbetreiber an und sag ihm, was vorgefallen ist, und ich organisiere die Bergung von dem Teil aus dem Rhein, Hannah.“
„Ist okay, Hagen.“
„Das wird dauern. Kannst Dich schon mal auf einen schönen Tag am Rhein freuen.“
„Schön? Na ja. Bei diesem nasskalten Schmuddelwetter…“
Es dauert gute anderthalb Stunden, bis das Bergungsfahrzeug der Bereitschaftspolizei Köln mit Zugmaschine und Ladevorrichtung vor Ort ist und sich an die Bergung der Dixi-Toilette macht. Nachdem die Plastikkabine wieder festen Boden unter den Füßen hat, wendet sich der Fahrer des Bergungsfahrzeuges an die beiden Polizisten.
„Kann jemand das Schloss aufbrechen. Ich hatte bei der Bergung das Gefühl, da ist irgendwas drin.“
„Wir haben Schraubenschlüssel im Wagen. Sollte ausreichen, ist ja ein ganz normales Vorhängeschloss. Hannah, bringst Du mir bitte zwei Schraubenschlüssel?“
Drei Minuten später ist Hannah Maglione zurück und Hagen Kossmann macht sich ans Werk. Schnell gibt das Schloss nach.
Als Hagen Kossmann die Tür öffnet, springen alle Anwesenden unter lauten Schreien zurück.
„Aaaaaahhhh!“ Ein kollektiver Schrei ertönt.
„Hannah, ruf die Kripo. Schnell!“
Nicht einmal eine halbe Stunde später sind Maren Stieber und Rainer Strang vor Ort.
„Der Mann ist ertrunken“, lässt Harald Frömbgen die Kommissare wissen, als diese sich über den Leichnam beugen.
„In der Kabine, die mit dem Kran da vorn ins Wasser bugsiert wurde.“
„Na, da war aber jemand äußerst einfallsreich“, befindet Rainer Strang.
„Kann man wohl sagen.“
„Der trägt Laufklamotten. Vielleicht ist der am Rhein gejoggt, musste pinkeln und irgendwelche Besoffenen oder sonst wie Zugedröhnte haben sich den Scherz erlaubt, just in diesem Moment die Kabine in den Rhein zu schmeißen. Ein unglücklicher Zufall.“
„Nein“, sagt Harald Frömbgen.
„Nein?“
„Nein. Das Dixi-Klo wurde von außen zugesperrt. Mit einem Vorhängeschloss.“
„Du meinst, der Mörder hat sein Opfer in der Pinkelbude eingesperrt, dann den Kran kurzgeschlossen, die Kabine übers Wasser gehievt und dann fallen lassen?“
„So schaut’s aus.“
„Wahnsinn. Sowas hatten wir auch noch nicht“, Rainer Strang schüttelt den Kopf.
„Fällt Dir außer den Laufklamotten sonst noch was auf?“, fragt Maren Stieber ihren Mann und Kollegen.
„Nein.“
„Schau mal da in der Ecke.“
„Und?“
„Wieder ein Stein. Wie beim Rösigen Hund.“
„Das kann in diesem Fall Zufall sein. Der kann schon vorher da gelegen haben. Hier am Rhein liegen überall Steine herum.“
„Stimmt.“
„Wissen wir schon, wie der Mann heißt?“
„Nein. Er hat keinerlei Papiere bei sich.“
*
„Hast Du das mit dem Brumme mitbekommen?“
„Dem Sportarzt?“
„Ja.“
„Was ist denn mit dem?“
„Der hat den diesjährigen Sieger von 'Rund um Köln' ohne dessen Wissen gedopt.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Der Radprofi wusste nix davon, der dachte, man hätte ihm eine Vitamin- und Mineralienspritze gegeben.“
„Das ist ja echt das Allerletzte. Menschen gibt es…“
„Dem Jungen wird natürlich der Sieg aberkannt. Außerdem kann es gut sein, dass er erst einmal gesperrt wird. Der Brumme behauptet, der Trainer des RSV Köln und der Radfahrer selbst hätten von dem Dopingmittel in der Spritze gewusst.“
„Vielleicht war es ja so.“
„Selbst wenn. Allein, dass ein Arzt so etwas anbietet. Endlich war der Radsport sauber, und da erscheint wieder so ein Dopingarzt auf der Bildfläche.“
„Das regt Dich ganz besonders auf, was?“
„Und ob. Du weißt doch, dass ich selbst passionierter Radfahrer war. Auch wenn es für eine Profikarriere nicht einmal annähernd gereicht hat.“
„Klar weiß ich das.“
„Und außerdem stand 'Rund um Köln' immer für ehrlichen Sport! Keine Skandälchen, kein Gemauschel, purer, reiner, Sport. Ein Aushängeschild für unsere Stadt!“
„Ja, das schadet dem Image dieses Traditionsrennens schon immens.“
„Ich überlege, ob wir unser Projekt ein wenig modifizieren sollten.“
„Wie meinst Du das?“
„Indem wir auch die Tagesaktualität berücksichtigen.“
„Gute Idee eigentlich.“
„Hast Du denn schon einen entsprechenden Plan?“
„Natürlich, habe ich. Einen ausgezeichneten, wie ich finde, überdies.“
„Dann spricht ja nichts dagegen, einmal die Tagesaktualität vorzuziehen.“
„Finde ich auch. Der Übernächste wäre er ohnehin gewesen.“
„Was hätte denn als Nächstes auf dem Programm gestanden?“
„Lass mich gerade schauen…Alaaf steht hier … ach ja, klar.“
„Ich weiß schon.“
„Genau.“
„Na, bis Karneval ist es ja noch einige Wochen hin.“
„Eben.“
*
Nachdem die Kölner Kriminalpolizei in den einschlägigen Medien ein Foto des am Rhein gefundenen Toten veröffentlicht, dauert es nur eine knappe Stunde, bis ein junger Mann tränenüberströmt ins Präsidium stürmt.
„Das ist mein Bruder. Wo ist das Schwein, das das getan hat? Den mache ich kalt!“
„Beruhigen Sie sich bitte, Herr…“
„Beruhigen?! Dem puste ich die Birne weg!“
„So, jetzt reicht`s! Sie setzen sich jetzt sofort hier auf diesen Stuhl und reden wie ein vernünftiger Mensch mit uns. Auch, wenn ich Ihre Empörung verstehen kann.“
Halil Yengiz nimmt widerwillig auf dem Stuhl Platz und senkt den Kopf.
„Sie sind also der Bruder des Toten, Herr…“
„Yengiz.“
„Herr Yengiz. Und wie heißt hier Bruder?“
„Osman. Osman Yengiz.“
„Wo wohnte denn Ihr Bruder?“
„In Köln-Vingst.“
„Und er ist heute Morgen zum Laufen an den Rhein?“
„Ja. So wie jeden Dienstag und Freitag.“
„Herr Yengiz, haben Sie eine Idee, wer Ihren Bruder auf dem Gewissen haben könnte?“
„Nein.“
„Womit hat er denn sein Geld verdient?“
„Er hat … er war … er hat Geschäfte gemacht.“
„Was für Geschäfte?“
„Ganz verschieden.“
„Herr Yengiz, könnten Sie wohl etwas konkreter werden.“
„Na, Geschäfte halt. Wie man sie so macht.“
„Jetzt hören Sie mir einmal gut zu: Wenn Sie wollen, dass wir den Mörder Ihres Bruders dingfest machen, müssen Sie schon etwas konkreter werden.“
„Ich weiß nicht genau, womit er sein Geld verdient hat. In jedem Fall hatte er immer genug davon.“
„Wenn Sie es nicht wissen – wer kann uns denn da womöglich weiterhelfen?“
„Keine Ahnung – fragen Sie mal in seinem Boxclub. Vielleicht hat einer von den Typen da eine Ahnung, was Osman in letzter Zeit für Geschäfte gemacht hat.“
„Wie heißt der Verein?“
„Linker Haken.“
„Wir fahren sofort mal dahin, Herr Yengiz. Vielleicht brauchen wir Sie noch einmal. Und hier ist unsere Karte, falls Ihnen doch noch etwas einfallen sollte.“
„Wenn Sie das Schwein haben…“
„Wir halten Sie über die Ermittlungen auf dem Laufenden, wenn Sie das
meinen.“
Eine halbe Stunde später parken die Polizisten auf dem Schotterparkplatz im Gewerbegebiet Köln-Kalk.
„Mann, ist das eine marode Baracke hier.“ Maren Stieber rümpft die Nase, als sie mit ihrem Mann den Kölner Boxclub 'Linker Haken' betritt.
„Und wie es hier riecht.“
„Ich dachte, Frauen stehen auf sowas. 'Männlich markant', heißt es doch so schön.“
„Also das hier ist mir deutlich ZU markant…“
„Guck mal, der Rambo da vorn, der uns anschaut, als würden wir den Laden hier nicht lebend verlassen – der ist bestimmt der Oberboxer hier.“
„Na dann … dann betöre ihn doch mal mit Deinem Charme, mein Schatz.“
Schnellen Schrittes bewegen sich die Kommissare auf den Mann im ärmellosen T-Shirt, dessen Arme komplett tätowiert sind, zu.
„Stieber, Kriminalpolizei Köln. Das ist mein Kollege Herr Strang.“
„Aha. Und was wollen Sie hier, Lady?“
„Osman Yengiz. Der boxt doch hier, oder?“
„Osman … lassen Sie mich überlegen …“, der glatzköpfige Hüne schaut Maren Stieber provokant an.
„Wir können Sie auch zur Wache mitnehmen, wenn Ihr Gedächtnis da besser funktioniert.“
„Wenn Du kein Bulle wärst, dann würde ich Dir jetzt…“
„Passen Sie auf, was Sie sagen. Sonst gibt’s eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung. Also Schluss jetzt mit den Spielchen, ist das klar?!“
„Was ist mit Osman?“
„Er wurde ermordet.“
„Ermordet?“
„Ja. Haben Sie eine Idee, wer das getan haben könnte?“
„Auf jeden Fall niemand hier aus dem Studio.“
„Und außerhalb?“
„Keine Ahnung.“
„Wissen Sie, womit Osman Yengiz sein Geld verdient hat?“
„Nein. Also, er hat so Andeutungen gemacht. Ich kann mir vorstellen, dass er Schutzgeld erpresst hat. Er war mit zwei von unseren Jungs ganz eng, möglich, dass die mehr wissen. Da…da vorn, da verlässt gerade einer von den beiden das Studio.“
„Hallo!“ Rainer Strang läuft in Richtung Ausgang des Studios. Maren Stieber folgt ihm. Unmittelbar setzt sich auch der angesprochene Mann in Bewegung.
„Polizei. Bleiben Sie stehen!“
Der untersetzte Boxer setzt seine Flucht fort. Rainer Strang zieht seinen Revolver und schießt einmal in die Luft.
„Stehenbleiben!“
Wie vom Blitz getroffen bleibt der Flüchtige stehen und hebt beide Arme in die Höhe.
„Na, geht doch“, sagt der Kriminalhauptkommissar, als er mit seiner hübschen Frau auf den Boxer zugeht.
„Wie ist Ihr Name?“
„Mehmet Gülcsen.“
„Warum sind Sie weggelaufen, Herr Gülcsen?“, fragt Maren Stieber.
„Ihr Bullen findet doch immer was, was Ihr einem anhängen könnt.“
„Sie sind befreundet mit Osman Yengiz?“
„Na ja, befreundet … ist ein Boxkollege halt.“
„Wann haben Sie Herrn Yengiz das letzte Mal gesehen?“
„Gestern Abend. Ich habe ihn zufällig nach dem Training in der Döner-Bude getroffen.“
„Döner? Als Sportler?“, fragt Maren Stieber.
„Ich habe dort einen Ayran getrunken und einen Salat gegessen. Alles klar?!“
„Womit hat denn Ihr Boxkollege sein tägliches Brot verdient?“
„Er hat mir mal erzählt, dass er für die Sicherheit im Viertel sorgt und sich das bezahlen lässt.“
„Schutzgeld?“
„Was heißt das?“
„Wissen Sie das wirklich nicht?“
„Nein.“
„Hat er Ladenlokal- oder Gaststättenbetreibern gedroht, ihren Laden zu zerstören, wenn sie ihm nicht ein paar Tausend Euro zahlen?“
„Keine Ahnung.“
„Hat Herr Yengiz regelmäßig im Friesenviertel verkehrt? Hatte er auch mit Prostitution zu tun?“
„Nein, der war nur hier in Kalk und Gremberg unterwegs. Der hat sich kaum mal hier wegbewegt. Und Prostitution? Nicht sein Kaliber. Da seid Ihr völlig auf der falschen Fährte.“
„Hier, unsere Karte. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, was für uns interessant sein sollte, melden Sie sich.“
„Ich brauchte Ihre Karte nicht. Ich weiß nichts.“ Mit einer abwehrenden Handbewegung macht sich der Faustkämpfer von dannen.
„Was für ein liebenswerter Typ…“
Als Rainer Strang Mehmet Gülcsen kopfschüttelnd nachschaut, ertönt der Klingelton seines iPhones.
„Ja?...Danke, Klammlaus.“
„Was wollte Klammlaus?“
„Gegen Osman Yengiz wurde vor etwa zwei Jahren mal eine Anzeige
gestellt. Wegen Erpressung. Allerdings ist der Mann, der sie aufgegeben hat, mittlerweile verstorben.“
„Jetzt haben wir zwei Morde innerhalb von zwei Tagen und in beiden Fällen kaum einen Anhaltspunkt.“
„Findest Du? Ich sehe das ein wenig optimistischer: Beim ersten Toten kann es sich um irgendeinen Streit im Milieu gehandelt haben, beim zweiten hat vielleicht einer der Lokalinhaber oder -pächter sich nicht länger erpressen lassen wollen.“
„Diese vagen Vermutungen sind aber auch alles, was wir haben.“
„Ja, das sind sie. Und deshalb: Wir sollten uns zum einen nochmal im Friesenviertel umhören und zum anderen herausbekommen, welche Läden konkret mit Schutzgeldforderungen erpresst werden oder wurden. Und denen werden wir dann mal auf den Zahn fühlen.“
„Genau das machen wir morgen – heute Abend kommen ja noch Lena und Andreas zum Abendessen.“
„Das hätte ich über unseren beiden Leichen fast vergessen…“
*
Falk Brummes Arbeitstag beträgt oft bis zu zwölf Stunden. Die Arbeit des Osteologen mit den Spezialgebieten Sportmedizin, Orthopädie, Chirotherapie, Osteologie und regenerativer Medizin endet nicht bei Gelenken, Sehnen und Muskeln. Mit viel Leidenschaft setzt er sich für das ganzheitliche Wohlbefinden seiner Patientinnen und Patienten ein – und erarbeitet sich so schnell einen guten Ruf in der Domstadt. Am häufigsten suchen ihn Unternehmer, Manager und Führungskräfte, ferner auch Personen mit hoher beruflicher Belastung sowie häufigen Dienstreisen mit Zeitverschiebung auf. Aber auch die Kölner Sportprominenz möchte vom ambitionierten Ansatz der Stressmedizin profitieren. So zählen Eishockeyspieler der 'Kölner Haie', Balltreter von FC, Viktoria und Fortuna sowie Ausdauersportler und Fahrradfahrer zu der Klientel des Arztes im Kölner Süden.
Die Stressmedizin, sie boomt in einer zunehmend schnelllebigen Zeit, in der es vor Stressoren nur so wimmelt. Falk Brumme setzt Vitalstoff-Infusionen ein, eine natürliche, nebenwirkungsfreie Hormontherapie oder auch ein spezifisches Atemtraining für die Mitochondrien, die Kraftwerke der menschlichen Zellen. Sich selbst hat der Osteologe eine ganz besondere Therapie verordnet: Beinahe jeden Feierabend verbringt er in seinem Keller, den er zu einem kleinen Tonstudio umfunktioniert hat. Dort ist er nicht mehr Dr. Falk Brumme, sondern einfach nur noch `Rocking Albert`. Als solcher tritt er mitunter auf Stadtteilfesten, Firmenfeiern oder auch anlässlich privater Events auf. Und gibt dort Songs von Mainstream-Rockbands der letzten drei Jahrzehnte wie Bon Jovi, und Nickelback, aber auch Dark Rock a la HIM und alternative Rocksongs von Gruppen wie Linkin Park zum Besten.
Falk Brumme arbeitet konzentriert an seinem neuen Programm, in
welches er verstärkt auch Balladen einbringen will, die er bislang ein wenig vernachlässigt hat. Als er sich gerade am pathetischen `Joy and Sorrow` der finnischen Combo HIM versucht, hört er, wie jemand die Kellerräume betritt. Bestimmt seine sympathischen Nachbarn, die den Rest des Kellergewölbes nutzen, denkt er sich und schenkt dem ungebetenen Störer keine weitere Beachtung. Zunächst auch dann nicht, als er auffallend laute Schiebe- und Schleifgeräusche vernimmt. Dass der antike Kleiderschrank, den seine Nachbarn schon lange vom Keller in die Wohnung befördern wollten, vollends vor seine Kellertür geschoben wird, lässt Falk Brumme seinen Gesang unterbrechen.
„Herr Rolff, ich würde schon noch gern meinen Kellerraum verlassen können. Wären Sie so nett, den Schrank …“, abrupt beendet der Mediziner seinen Satz, als er gewahr wird, dass ein Gegenstand in seinen Keller geworfen wird.
„Hey, was machen Sie da?“, ruft der Sport- und Stressmediziner in das kalte Gewölbe hinein, als ihm das grelle Licht für kurze Zeit die Sicht nimmt. Er kann gerade noch rechtzeitig reagieren, um zu verhindern, am Kopf von dem Wurfbrandsatz getroffen zu werden. Eine zweite Brandfläche jagt über seinen Kopf hinweg. Schnell steht der Keller lichterloh in Flammen. Falk Brumme atmet ein und schreit unmittelbar auf, denn die Luft ist bereits so heiß, dass sie seine Schleimhaut verbrennt. Er verliert zügig an Flüssigkeit, das Wasser, das zunehmend gasförmig wird, dehnt sich in seinem ganzen Körper aus, sodass sein Inneres regelrecht zu kochen beginnt, und sein Blut nicht mehr durch den Körper fließen kann, um die Organe und das Hirn mit Nährstoffen und Sauerstoff zu versorgen.
Der Schmerz lässt den Arzt schnell ohnmächtig werden. Dass ihn ein Stein mitten auf der Stirn trifft, merkt er bereits nicht mehr, bevor kurz danach seine Organe versagen und sein Lebenslicht erlischt.
*
Rainer Strang betritt sein Büro mit zwei großen Tassen Kaffee.
„Hallo junge Frau, haben Sie sich im Büro geirrt?“
„Das ist schon möglich. Aber macht nichts, wenn so ein attraktiver Mitfünfziger mit einer Tasse herrlich duftenden Kaffees durch die Pforte hereinspaziert kommt.“
Maren Stieber steht auf und gibt ihrem Mann einen flüchtigen Kuss.
„Ich wollte noch kurz meine Mails checken und dann zu Dir rüberkommen. Aber dann bleiben wir halt hier in meinem Büro.“
„Immer gern.“
„So, was haben wir denn hier…also in meinen Mails ist nicht wirklich etwas, was uns weiterhilft. Die Kollegen haben nichts herausgefunden. Und Du? Du hast ja gestern schon geschlafen, als ich nach Hause gekommen bin, ich konnte Dich gar nicht mehr fragen.“
„Osman Yengiz hat wohl vor allem die Gastwirte der letzten Kölschen Kneipen im Kölner Südosten drangsaliert, immer wieder Scheiben eingeschmissen, die Familien bedroht, solange bis sie endlich klein beigegeben und das Weite gesucht haben. Hat mir ein Türke erzählt, der einen kleinen Dönerladen hat, und der vorgibt, unter den Marokkanern im Veedel gute Freunde zu haben, sodass Yengiz ihn unbehelligt gelassen hat.“
„Also ist hier ein Vergeltungsdelikt seitens eines der drangsalierten Gaststättenbetreiber durchaus denkbar.“
„Ja. Wobei mein Informant zu wissen glaubt, dass keiner von denen zu einem Mord fähig wäre.“
„Wer weiß – in die Enge getrieben ist der Mensch oft geneigt, ein Unrecht zu erwidern. Die Verzweiflung ist die Krone aller Sünden.“
„Was haben Sie dem Herrn Hauptkommissar denn in den Kaffee getan? Solch philosophische Sprüche am frühen Morgen?“
„Die Morgenröte schminkt den finsteren Himmel zum Fest des Tages.“
„Auweia. Es reicht jetzt, Platon. Und bei Dir?“
„Prostitution ist im Friesenviertel nicht mehr in dem Umfang ein Thema, wie es früher noch der Fall war. Es gibt noch den ein oder anderen Zuhälter, aber das geht alles viel gemäßigter zu als noch vor 30, 40, 50 Jahren. Vergleichsweise harmlos, das Ganze.“
„Also kein Milieumord?“
„Es kann natürlich sein, dass Schäffer aus irgendeinem anderen Grund mit jemandem aus dem Veedel aneinandergeraten ist. Geld, verletzte Eitelkeit, Frauengeschichten, was weiß ich…“
„Wäre möglich, ja.“
„Und solche Geschichten führen, zumindest früher war das der Fall, im Milieu schnell mal zu Tötungsdelikten.“
„Ich habe das Gefühl, da kommt noch ein Aber…“
„Bitteschön: Aber keiner von den zwielichtigen Jungs, die ich befragt habe, hat irgendwelche Animositäten mitbekommen. Der Rösige Hund hat sich wohl auch zunehmend rar gemacht in der Szene. Alles in allem: Mein Bauchgefühl sagt mir: Das war kein Milieumord.“
„Also doch die Ukrainer?“
„Vielleicht weder das eine noch das andere.“
Unüberhörbar klopft es zweimal an der Tür und Sven Klammlaus betritt das Büro,
„Könnten Sie vielleicht etwas leiser klopfen, Herr Klammlaus? Zumindest am frühen Morgen.“
„Entschuldigung, aber…“
„Nichts aber. Merken Sie sich das.“
„Rainer, bitte …“, Maren Stieber versucht, zu beschwichtigen.
„Kommen Sie rein, Herr Klammlaus.“
„Danke. Wir haben schon wieder einen Mord, also einen Toten. Aber es sieht nach Mord aus. Ein Arzt aus Marienburg. Verbrannt in seinem Keller, der mit einem davor gestellten Schrank abgesperrt war.“
„Danke, Kollege Klammlaus. Wir fahren sofort hin.“
Der junge Kriminalbeamte, der seit drei Monaten das Team von Kriminalhauptkommissar Rainer Strang verstärkt, verlässt das Zimmer.
„Komm, Maren.“ Rainer Strang erhebt sich und geht in Richtung der kleinen Garderobe, um seine Jacke vom Haken zu nehmen. „Warum stehst Du nicht auf?“
„Weil Du Dich jetzt erst mal wieder hinsetzt“, sagt Maren Stieber energisch.
„Was ist denn…“
„Setzen!“ Rainer Strang tut, wie ihm geheißen.
„Wir haben einen weiteren Mordfall, Maren. Alles andere kann warten!“
„Das hier nicht.“
„Aber…“
„Jetzt fang nicht wieder so an wie bei dem Gartmann, Rainer. Gib ihm eine faire Chance.“
„Ich kann mit dem Typen nichts anfangen. Wie der schon rumläuft – wie eine wandelnde Litfaßsäule.“
„Junge Menschen sind halt … ein wenig anders …“
„Aber dieses `Anderssein`, das müssen sie sich ja nicht zwingend auf die Arme, den Hals, die Hände und was weiß ich noch wo überall hinschmieren.“
„Jeder vierte Deutsche ist mittlerweile tätowiert, Rainer.“
„Echt jetzt?!“
„Ja.“
„Das ist ja nicht zu fassen.“
„Sei froh, dass Du nicht in Bella Italia lebst. Dort ist es beinahe jeder zweite“ (06).
*
„Und: Wie war es? Hat alles geklappt?“
„Ja.“
„Gut so.“
„Der Typ hat nicht nur den Sport, sondern auch sein Publikum betrogen.“
„Wie meinst Du das?“
„Der war noch am Singen, als der Keller schon in Flammen stand.“
„Play-back?“
„Genau.“
„Und jetzt machen wir erst einmal Pause – unsere werten Ordnungshüter kommen ja gar nicht mehr hinterher …“
„Jetzt schon? Wir haben doch noch gar nicht richtig angefangen.“
„Wenn Du meinst.“
„Hast Du denn wirklich so viele auf der Liste?“
„Also, die gibt schon noch so einiges her. Auf der 'Muss-Liste' sind es noch sechs oder sieben und die 'Kann-Liste' - da sind noch ziemlich viele Bewerber drauf …“
„Die `Must haves` reichen doch erst einmal.“
„Ich bin da im Zweifel.“
„Wir können ja nicht endlos so weitermachen.“
„Nein, natürlich nicht. Die magische Zahl ist der Endpunkt. Apropos weitermachen…“
„Ja?“
„Was willst Du eigentlich tun, wenn es vorbei ist?“
„Ein Gläschen Schampus trinken vielleicht? Oder schön essen gehen?“
„Du weißt, was ich meine. Irgendwo im Süden eine Bar aufmachen?“
„Hört sich verlockend an. Aber solange Mama noch da ist…“
„Natürlich, das war blöd von mir.“
„Ich glaube, es geht nicht mehr lange gut mit ihr.“
„Das kann man in ihrem Zustand schlecht prognostizieren, sagen die Ärzte.“
„Vielleicht gut, dass sie … dass sie es nicht mitbekommt …“
„Was? Unser Projekt etwa?
„Ja.“
„Sie wäre stolz auf uns.“
„Meinst Du?“
„Ganz sicher. Du weißt, wie sie denkt.“
„Ja.“
„Und den Grund, warum wir all dies tun, den hätte sie ganz sicherlich gutgeheißen.“
„Schon möglich.“
„Wie hat sie immer zu uns gesagt: 'An den Scheidewegen des Lebens stehen nun einmal keine Wegweiser.‘“
„Ja, das war einer ihrer Lieblingssprüche.“
*
Als Maren Stieber und Rainer Strang in Marienburg eintreffen, ist die Spurensicherung bereits dabei, den Keller und die Wohnung des Opfers sowie den Hausflur des Vierparteienhauses zu inspizieren.
„Der Brand hat sich ja bis in die erste Etage hochgefressen. Eine Schande. So eine tolle Wohnung direkt am Rhein und dann komplett ausgebrannt.“
„Morgen Rainer, wir sehen uns ja jetzt tatsächlich täglich. Hallo, Maren.“, begrüßt Harald Frömbgen das Ermittlerehepaar.
„Wenn das so weitergeht, wird das auch noch ein Weilchen so bleiben. Habt Ihr schon was, Harald?“
„Und ob: der Tote heißt Falk Brumme, Sportmediziner. Es war ein, nein, es waren zwei Molotow-Cocktails. Wurden vom Täter in den Keller geworfen. Vorher hat er den Schrank da, den wir ein wenig nach rechts geschoben haben, um in das, was vom Keller noch da ist, eintreten zu können, vor die Kellertür geschoben. Eine Nachbarin hat uns erzählt, dass Brumme beinahe jeden Abend hier im Keller singt, also, gesungen hat.“
„Gesungen?!“
„Ja. Rocksongs. War sein Hobby. Er ist auch im kleineren Rahmen aufgetreten.“
„Habt Ihr in der Wohnung irgendetwas gefunden, was uns weiterhelfen kann?“
„Nein. Und auch im Treppenhaus nicht.“
„Da ist noch was, was für Euch von Interesse sein könnte, Rainer: Falk Brumme war vor einiger Zeit in den Schlagzeilen.“
„Wirklich? Ist mir nicht mehr präsent.“
„Weil Du halt kein Sportler bist, Rainer. Aber wenn ich Dich so betrachte: Vielleicht solltest Du auf Deine alten Tage einer werden“, neckt Harald Frömbgen den leicht füllig gewordenen Kriminalhauptkommissar. „Hast ja mächtig zugelegt.“
„Ihm bekommt die Ehe nicht“, frotzelt Maren Stieber. „Ständiges Frustessen geht auf die Rippen.“
„Hört ihr jetzt bitte damit auf, über meinen kaum sichtbaren Bauchansatz zu schwadronieren. Was war denn los mit Falk Brumme?“
„Der stand im Verdacht, also eigentlich ist es erwiesen, dass er Radsportler, zum Teil auch ohne deren Wissen, gedopt hat, wenn deren Trainer ihn darum gebeten haben. So zum Beispiel den diesjährigen Sieger von `Rund um Köln`. Dem ist nachträglich der Sieg aberkannt worden, weil er positiv getestet wurde.“
„Und trotzdem durfte er weiter praktizieren?“
„Das Verfahren gegen ihn läuft noch.“
„Dann sollten wir vielleicht zunächst das Umfeld dieses Radsportlers abklopfen. Der wird doch sicher erst einmal gesperrt, oder?“
„Ja.“
„Wie heißt der Bursche?“
„Ken Biergans.“
„Hab` ich sogar schon einmal gehört. Auch als Nicht-Sportler.“
„Die Eltern haben einen großen Getränkefachhandel hier im Kölner Süden. Vielleicht kennst Du den Namen daher.“
„Möglich.“
„Sonst noch etwas Besonderes?“
„Das Opfer hat eine Fraktur am Kopf. Moment.“ Harald Frömbgen geht zu einer Plastikkiste, in der er die Fundstücke vom Tatort aufbewahrt, holt einen großen Sack heraus und reicht ihn Rainer Strang.
„Vorsicht, schwer.“
„Ein Stein?“
„Ja.“
„Echt schwer, das Teil.“
„Wahrscheinlich stammt die Wunde von diesem dicken Stein, den wir im Keller gefunden haben.“
Rainer Strang schaut den Stein im durchsichtigen Plastiksack nachdenklich an.
„War zu schwer für eine kleine Tüte.“
„Warum wirft der einen Stein hinterher? Mehr als töten kann er den Mann doch nicht“, sagt Rainer Strang leise zu sich selbst.
„Also doch: die Steine!“, sagt Maren Stieber und nickt energisch mit dem Kopf.
„Was?“
„Ein Stein beim ersten Opfer, jetzt wieder ein Stein. Und in dem Dixi-Klo – lag da nicht auch einer drin?“
„Ich glaube, schon.“
„Er will uns mit den Steinen etwas sagen.“
„Ja. Sieht in der Tat so aus.“
„Aber was?“
„Keine Ahnung.“
„Davon abgesehen: Das bedeutet ja dann, dass …“
„Dass alle unsere drei Morde zusammenhängen.“
„Dass wir es mit einem Serienmörder zu tun haben.“
„Und dass er weiter morden wird. Wenn er seinem Rhythmus treu bleibt, wahrscheinlich schon morgen.“
„Na, wie sieht es aus in der Medienlandschaft? Haben wir es in die `Breaking news` geschafft?“
„Nein, für eine Sondermeldung reicht es noch nicht.“
„Da hätte ich der Kölner Kripo aber mehr zugetraut.“
„Ich glaube, die wissen mit unserem Projekt noch nicht allzu viel anzufangen.“
„Tja, dann muss man ihnen weiterhin auf die Sprünge helfen.“
„Du meinst….“
„Es reicht offenbar noch nicht. Es reicht offenbar noch lange nicht.“
„Wart’s nur ab, denen wird schon noch ein Licht aufgehen.“
„Meinst Du wirklich? Die Menschen sind so borniert heutzutage. Sie verlieren zunehmend das Gefühl dafür, auch einmal zwischen den Zeilen zu lesen. Einmal nicht nur das Offensichtliche zu sehen, sondern sich auf das, was wirklich bedeutsam ist, einzulassen. Unser Miteinander ist so oberflächlich geworden.“
„Das ist wohl der Lauf der Welt. Und den können wir nicht aufhalten.“
„Nein, aufhalten können wir ihn nicht.“
„Hör` mal…“
„Ja?“
„Gönn Dir doch mal etwas Ruhe.“
„In der Ruhe liegt die Kraft, was?!“
„Ja. So oder so ähnlich. Tu doch zwei, drei Tage mal das, was Dir Spaß macht. Geh` wandern oder in den Nordpark in Pulheim ein paar Pfeile schießen.“
„Das geht momentan nicht. Es liegt noch zu viel Arbeit vor uns, Du weißt doch.“
„Ja, natürlich.“
„Wir müssen jetzt am Ball bleiben. Sonst war alles umsonst.“
„Ich würde Dir so gerne helfen, aber…“
„Brauchst Dich nicht zu entschuldigen. Kannst ja nichts dafür.“
„Trotzdem. Das Du allein die ganze Arbeit machst.“
„Du hast Dir das ja nun einmal nicht ausgesucht. Ich weiß doch, dass Du mich unterstützen würdest, wenn Du könntest. Aber das geht ja nun einmal nicht.“
„Ich weiß gar nicht, ob ich das so durchziehen könnte wie Du.“
„Das könntest Du, da bin ich mir sicher. Weil wir beide noch etwas haben, was den meisten unserer Artgenossen völlig abhandengekommen zu sein scheint. Wir haben Moral, wir stehen für unsere Überzeugung ein. Und vor allen Dingen: Wir können noch zwischen Recht und Unrecht unterscheiden.“
„Manchmal habe ich Zweifel daran, ob es rechtens ist, was wir machen.“
„Es ist allein deswegen rechtens, weil es getan werden muss. Das weißt Du ja wohl am allerbesten.“
„Ja.“ „
„Und weil es sonst niemand tut.“
„Und gerade deshalb müssen wir weitermachen. Du hast recht.“
„Genau.“
„Ich habe Dich das nie gefragt, aber …“
„Was denn? Frag` ruhig.“
„Wie lange willst Du denn … und wie soll die Sache denn enden?“
„Weißt Du … ich denke, das hängt nicht von mir ab.“
„Von wem oder was denn sonst?“
„Davon, wie schnell unsere Botschaft ankommt.“
„Aber Du hast Dir schon ein Limit gesetzt.“
„Ja, habe ich. Viva Colonia!“
*
Schnellen Schrittes stürmt Jochen Maybach in das Büro von Polizeihauptkommissar Rainer Strang.
„Jeden Tag eine Leiche. Wir müssen der Sache zügig auf die Spur kommen.“
„Das ist uns durchaus bewusst, Herr Polizeipräsident“, erwidert Maren Stieber, noch bevor es ihr Ehemann tun kann.
„Was haben wir denn bislang?“
„Die Steine sind im Labor umfangreich analysiert worden.“
„Fingerabdrücke?“
„Nein, das nicht. Aber etwas anderes.“
„Was denn?“
„Sie stammen alle aus dem Rhein.“
„Hhhmmmm.“
„Was denkst Du?“
„Steine aus dem Rhein, sämtliche Mordopfer in Rheinnähe. Das ist bestimmt kein Zufall.“
„Glaube ich auch nicht.“
„Und das Motiv des Mörders?“
„Als Mordmotive kommen Kinderprostitution, Schutzgelderpressung und ein Dopingvergehen im Sport infrage. Aber es gibt ein Indiz dafür, dass es ein übergeordnetes Motiv geben könnte.“
„Welches Indiz?“
„Hier“, Rainer Strang deutet auf die zwei Steine, die auf seinem Schreibtisch liegen. „Da sind wir wieder bei den Steinen.“
„Was Sie nicht sagen.“
„Ach, Maren, hast Du die SpuSi kontaktiert wegen des dritten Steins?“
„Habe ich. Die haben den wohl nicht mehr.“
„Wie – die haben den nicht mehr?“
„Sie haben ihn wohl irgendwie entsorgt…“
„Das darf doch wohl nicht wahr sein.“
„Aber die werden ja wohl ein Foto haben, wo der Stein drauf ist.“
„Habe ich schon nach gefragt, kommt gleich.“
„Würden Sie mich bitte darüber aufklären, wovon Sie reden, Herr Strang?“, fragt Jochen Maybach ein wenig pikiert.
„Der Mörder hinterlässt, wie Sie ja bereits wissen, bei jedem seiner Opfer einen Stein. Die ersten beiden Toten lagen am Rhein, da konnte das noch Zufall sein. Aber ein Stein, der einem Opfer in einem Keller in Marienburg an den Kopf geworfen wird, ist dann doch eher ungewöhnlich.“
„Steine quasi als Signatur des Mörders?“, fragt der Polizeipräsident.
„So sieht es aus. Und damit haben sich unsere eben geäußerten Verdachtsmomente wohl erledigt.“
„Vielleicht sind wir da ein wenig voreilig.“
„Meinen Sie?“
„Könnte zumindest sein. Sie sollten diese möglichen Motive bei Ihren weiteren Ermittlungen stets im Hinterkopf behalten.“
„Das machen wir natürlich, Herr Maybach“, versichert Maren Stieber Kölns oberstem Polizisten.
„In jedem Fall scheint eines klar: Der Mörder gibt sich uns zu erkennen. Und da stellt sich unmittelbar die Frage: Warum tut er das? Ich meine, wir hätten doch niemals einen Zusammenhang zwischen den Morden herstellen können, wenn er ihn uns nicht quasi auf dem Silbertablett präsentiert hätte.“
