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Als in Südamerika ein neues Traumkraut gefunden wird, besorgt der Pflanzenforscher Holger Eibel seinem guten Freund Simon Kaloff, der sich gerade in einer Lebenskrise befindet, einige Gramm des Krauts. Simon Kaloff nimmt eine Überdosis – und wacht am nächsten Morgen neben der Sportmoderatorin Lea Sander auf, von der er in der Nacht geträumt hat. Völlig perplex wendet sich Holger Eibel an den Traumforscher Fabian Reinert, um der Sache auf den Grund zu gehen. Diesen jedoch bringt die Entdeckung der Traumkrauts auf Abwege. Denn er hat einen neuen Trauminkubator zur Verfügung, mithilfe dessen er Träumenden Trauminhalte eingeben kann. Und zusammen mit seinen Stammtischbrüdern, die mit der politischen Lage im Land unzufrieden sind, kommt Fabian Reinert schnell auf die Idee, das Gerät zu benutzen, um die politische Landschaft in Deutschland ein wenig zu verändern. Doch dabei bleibt es nicht lange. Denn zwei der Stammtischbrüder können der Versuchung nicht widerstehen, Kraut und Inkubator für eigene Zwecke zu gebrauchen…
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Seitenzahl: 626
Veröffentlichungsjahr: 2025
Peter Wolff
Sueños
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Quellenverzeichnis
Impressum neobooks
Sueños
Peter Wolff
Impressum
© 2025 Peter Wolff
Covergestaltung: Peter Wolff. Ewa Wolff
ISBN ***-*-****-***-*
Printed in Germany
„Die Möglichkeit, dass Träume wahr werden
können, macht das Leben erst interessant.“
(Paulo Coelho, brasilianischer Schriftsteller)
Prolog
Was haben der Beatles-Welthit `Yesterday`, eine Internet-Suchmaschine, das Periodensystem der Elemente und eine Nähmaschine gemeinsam? Lassen Sie es – Sie kommen nicht drauf.
All` diesen fantastischen Errungenschaften sagt man nach, dass sie aus einem Traumbild entstanden sind. Sowohl der englische `Beatle` Paul McCartney, der US-amerikanische Informatiker Larry Page, der russische Chemiker Dmitri Iwanowitsch Mendelejew wie auch der US-amerikanische Maschinenbauer Elias Howe sind sich sicher, dass ihnen die Idee für ihre historischen Meilensteine zum ersten Mal im Traum erschienen ist (01).
Wahrscheinlich gab es in der Geschichte noch deutlich mehr Träume, die zu Erfindungen inspirierten und dadurch verwirklicht wurden. Denn tatsächlich werden in Träumen nicht etwa nur Erlebnisse verarbeitet. Träume helfen uns auch kreativ zu sein. Wie oft bemühen wir die Redewendung, einen `Traum verwirklichen zu wollen`, wenn wir von Ideen oder unerfüllten Wünschen sprechen. Von was träumen Sie? Vielleicht steht die nächste Entdeckung oder Erfindung ja bereits in den Sternen…
Träume haben für die Menschheit in allen Zeiten eine ganz besondere, sehr spirituelle Rolle gespielt – das zieht sich durch alle Kulturkreise. Bereits im Alten Testament sind Träume und ihre Deutung allgegenwärtig. Da ist Joseph, der in Ägypten die visionären Träume des Pharaos deutet. Der biblische Daniel erkennt in Nebukadnezars Traum die Zukunft der Weltgeschichte. Im sagenumwobenen Orakel von Delphi interpretieren geweihte Priesterinnen die Traumbilder der Pilger. Traumvisionen haben auch für die nordamerikanischen Indianer eine immens wichtige Bedeutung: Viele ihrer Rituale, wie zum Beispiel die Berufung der Medizinmänner, sind von geträumten Botschaften beeinflusst (02).
Obwohl wir gemeinhin oft davon ausgehen, dass wir nichts geträumt haben, gilt es als erwiesen, dass jeder Mensch jede Nacht träumt. Tatsächlich wird sogar von drei bis vier Träumen pro Nacht ausgegangen. Rein statistisch gesehen hat der Mensch bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren circa 5 Jahre geträumt und dabei bei gesundem Schlaf in etwa 100.000 Träume gehabt.
In der sogenannten REM-, der Rapid Eye Movement-, zu Deutsch `rasche Augenbewegung` - Phase, die das Schlusslicht des Schlafzyklus bildet, also die letzte Phase vor dem Aufwachen beschreibt, träumen wir am intensivsten, weshalb wir uns am besten an diese Träume erinnern können. Leider jedoch werden 90 Prozent aller nächtlichen Träume wieder vergessen, 50 Prozent verschwinden sogar bereits fünf Minuten nach dem Aufwachen aus unserem Gedächtnis. Der Grund: die Träume, die in der Einschlaf– oder Tiefschlafphase stattfinden, sind weniger intensiv.
Wäre es vor diesem Hintergrund nicht geradezu sensationell, wenn wir unsere Träume beeinflussen könnten? Wenn wir uns quasi selbst aussuchen könnten, was wir träumen? Wenn wir unliebsame Träume einfach in unserem Sinne verändern könnten? Das, was wahrlich wie ein `Traum` klingt, kann tatsächlich wahr werden: Durch Training und bewusstes Einschlafen soll man seine Träume steuern können. Die Traumforschung spricht dabei vom sogenannten `Luziden Träumen` oder auch vom `Klarträumen`. Dabei ist dem Schlafenden bewusst, dass er sich in einem Traum befindet. Luzides Träumen ist mit Metakognition verbunden, einer Form der Selbstwahrnehmung, die es erfordert, sich selbst aus einer Außenperspektive zu betrachten (03).
Aber wäre es bisweilen nicht noch viel schöner, wenn wir unsere Träume festhalten, wenn wir das im Traum erlebte auch zu unserer `Wachrealität` werden lassen könnten?
Utopie? Science-Fiction? Nicht unbedingt. Es finden sich zunehmend `Traumkräuter`, die unsere Träume um ein Vielfaches verstärken, sie realistischer erscheinen lassen können. Findige Wissenschaftler haben eine Technologie entwickelt, mittels derer man die Bilder von Prozessen im Körper beim Traum in einen Film umsetzen kann. Und die Quantenphysiker stellen unsere Vorstellung davon, was Realität ist, aufs Gehörigste in Frage. Sie glauben immer mehr Anzeichen dafür zu erkennen, dass es mehrere Realitäten gibt, die gleichzeitig, also parallel zueinander, existieren. Vielleicht gehören dazu ja auch die Traumrealitäten…
Wie oft hat Simon Kaloff es bereits verflucht, dieses dem zunehmenden Alter geschuldete `Mehrmal-müssen`, welches die Nachtruhe so empfindlich stört. Dieses Mal jedoch erwacht er mit einem Lächeln, als die Blase gegen 04:00 in der Nacht ihr Recht fordert.
Was war das da eben bloß für ein Traum! So ganz anders als sonst. Ganz anders als die Traumbilder mit den immer wiederkehrenden Motiven der Verfolgung, des Getrieben seins und der Angst, die seinen Kindheitstraumata geschuldet sind und sich immer wieder in sein nächtliches Erleben schleichen.
Dass er es ausgerechnet bei Bayern München und nicht bei seinem Herzensverein, dem 1.FC Kaiserslautern, zum umjubelten Kicker geschafft hat, irritiert ihn ein wenig, ist ihm aber angesichts der privaten Umstände, die sein Dasein als Fußballprofi begleiten, relativ egal. Er wohnt in einem Haus in einem Vorort der großen Stadt, mit großem Garten, Swimmingpool und Außensauna. Er hat einen tollen Hund. Und eine ebensolche Frau. Diese ist nicht etwa ein Phantasiebild, eine Person, die sein Traumbewusstsein ihm in den schönsten Facetten vorgegaukelt hat – nein, sie ist real. Es handelt sich dabei keinesfalls um eine ehemalige Lebensgefährtin, auch nicht um eine Frau, die er auf seinem Lebensweg einmal kennenlernte und mit der er gerne eine Beziehung eingegangen wäre. Die Sportmoderatorin Bea Sander ist es, die er lediglich öfters bei der Anmoderation von Spielen seines `Herzensvereins` im Fernsehen gesehen hat und die sich offenbar irgendwo in seinem Zerebrum breitgemacht hat.
Schlaftrunken und selig huscht Simon Kaloff mit noch halb geschlossenen Augen auf die Toilette. Dort angekommen, ist er bestrebt, das lästige nächtliche Wasserlassen geschwind hinter sich zu bringen, um schnellstmöglich wieder ins noch wohlig warme Bett zurückzukehren. Um weiter zu träumen. Um genau da weiterzumachen, wo er in seinem Traumdasein vor nicht einmal zwei Minuten aufgehört hat. Enttäuscht muss er feststellen, dass das nicht gelingt. Es gibt kein Zurück zu Bea Sander. Trotzdem fühlt sich Simon Kaloff am nächsten Morgen so ausgeruht und entspannt wie schon lange nicht mehr nach der Nachtruhe. Und noch etwas ist anders: der Traum war so intensiv, dass er sich zwar keinesfalls an alle Einzelheiten, aber doch noch an vieles, was die wundervolle nächtliche Vision für ihn bereithielt, erinnern kann. Was alles andere als die Regel ist. Denn, was man des nachts geträumt hat, vergisst man meist binnen weniger Minuten nach dem Aufwachen. Weil die nächtlichen Impressionen verdrängt werden von den Sinneswahrnehmungen im Wachzustand. Wenn man aufwacht, fühlt man die Temperatur im Zimmer, sieht das Licht, hört Geräusche, spürt die Decke und das Kissen und gibt seinem Körper Befehle, sich zu bewegen. All` diese Sinneseindrücke, diese riesigen Massen an Daten, brauchen `Rechenleistung` des Gehirns. Und genau das verdrängt die Erinnerung an den Traum.
An diesem Morgen hält das wohlige Gefühl bei Simon Kaloff noch für Stunden an. Wiewohl er natürlich weiß, dass er weder der erfolgreiche Fußballer noch mit der in ihrem Job ebenso reüssierenden TV-Moderatorin liiert ist. Mit der im Traum alles so ganz anders, weil ein gutes Stück harmonischer, war, als zwischen ihm und seiner Lara.
Okay, glücklich liiert, ja, sogar verheiratet, ist er im realen Leben auch. Eigentlich. Denn seit ein paar Monaten ist irgendetwas anders. Ist Lara, so kommt es ihm zumindest vor, nicht mehr dieselbe. Darauf angesprochen, gibt seine Frau zwar vor, dass nichts wäre, dass er sich nur einbilde, dass sie sich verändert habe, aber vollends überzeugen können Laras Beteuerungen Simon Kaloff keinesfalls. Schließlich ist da ja dieser Punkt im tagtäglichen Miteinander, der das harmonische Miteinander zwischen ihm und seiner Frau immer wieder stört. Simon Kaloff ist von einer `Helikopter-Mutter` erzogen worden, wenn man den Terminus `erzogen` zur Beschreibung der fatalen Mutter-Kind-Beziehung, die er erlebt hat, denn überhaupt heranziehen kann. Einer Mutter, die aus lauter Fürsorge und falsch gelebter Liebe alles und jedes für ihn getan und dabei seine Entwicklung in gewissen Dingen nachhaltig beeinträchtigt hat. Und dies keinesfalls zu seinem Vorteil und noch weniger zu dem seiner Mitmenschen. So hat es Simon nie gelernt, sich in irgendeiner Form im Haushalt einzubringen. Alltägliche Verrichtungen wie den Tisch nach dem Essen abzuwischen, dies und jenes nicht wahllos herumliegen zu lassen oder den Müll rauszutragen – Simon Kaloff hat sie im elterlichen Haushalt nie erledigen müssen. Und vergisst sie dementsprechend bisweilen jetzt, wo er mit seiner Frau einen eigenen Haushalt führt. Sich adäquat in den Alltag einbringen – Simon Kaloff muss es, was im gestandenen Mannesalter gar nicht so einfach ist, peu a peu erlernen. Denn seine Lara ist eine überaus ordentliche Frau und liebt ein sauberes und gepflegtes Zuhause. Brotkrumen am Essensplatz, eine leere Bierflasche auf dem Couchtisch, ein Paar Socken, das achtlos in die Ecke des Badezimmers geworfen wird – solche Sachen machen Lara rasend, während Simon sie oft nicht einmal wahrnimmt. Kurzum: es sind die Kleinigkeiten des Alltags, die die Beziehung zwischen Lara und ihm stetig und unablässig zermürben, obgleich die Liebe zueinander ungebrochen ist.
Im Traum an der Seite von Bea Sander gab es diese Streitigkeiten nicht, denkt Simon lächelnd, als er sich auf den Weg ins Büro macht. Er ist Geschäftsführer einer im Abfallwirtschaftsbereich tätigen Firma. Und kann sich an diesem Arbeitstag kaum auf sein Tageswerk konzentrieren. Nicht nur, weil es der Firma, für die er verantwortlich zeichnet, infolge diverser Verfehlungen seines Vorgängers alles andere als gut geht. Auch, weil es beinahe bis zur Mittagspause dauert, bis Bea Sander ihn an diesem Tag aus ihren Fängen entlässt.
Die Schlafforschung studiert sämtliche körperliche Prozesse und Bewusstseinsvorgänge während des Schlafs sowie die Wechselwirkungen zwischen Schlafen und Wachen und jene im Kontext vom Schlaf und der Umwelt. Sie ist ein relativ junges Teilgebiet der Medizin und entstand erst, nachdem in den 1950er Jahren die REM-Phase beim Schlaf des Menschen entdeckt wurde. Schlafforschung umfasst Grundlagenforschung zu Themengebieten wie der Gehirnaktivität und der Stoffwechselvorgänge während des Schlafens, betreibt klinische Forschung, die sich mit Schlafstörungen befasst und beschäftigt sich im Bereich der angewandten Forschung unter anderem mit dem Arbeitsmodell der Schichtarbeit (04).
Fabian Reinert hat alles, was mit dem Schlafen und Träumen zu tun hat, bereits in jungen Jahren fasziniert. So war er sich recht schnell sicher, dass er seine berufliche Zukunft der Traumforschung widmen wird. Nach einem Studium der Neurowissenschaften und der Psychologie arbeitet er nunmehr als wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am neugegründeten Institut für Bewusstseins- und Traumforschung, kurz IBT, an der Universität zu Köln. Dieses hat sich der wissenschaftlichen, therapeutischen und spirituellen Erschließung des Traumes und des Träumens verschrieben. Zum Leistungsspektrum gehören die Diagnose und Therapie von Insomnien, Parasomnien wie Angst- und Albträumen und von Schlafstörungen im Zusammenhang mit Burnout und Stress.
Doch Fabian Reinert interessiert noch viel mehr. Er will dem Faszinosum der Körper-Seele-Interaktion im Schlaf auf den Grund gehen. Die Zusammenhänge zwischen den Inhalten von Träumen und dem, was im Gehirn passiert, weiter zu entschlüsseln, ist seine Passion.
Und der ist er endlich ein gutes Stück nähergekommen. Denn das Land Nordrhein-Westfalen hat sich nach zähen Verhandlungen endlich dazu durchringen können, dem Institut für Bewusstseins- und Traumforschung einen Elektromyografen zu finanzieren. Mit dieser, von Forschern der European Association for the Study of Dreams (EASD) entwickelten Technologie, kann man die Eindrücke von den Aktivitäten des Körpers im Traum einer Person in Bilder umzusetzen. Eine Analyse der Muskel- und Nervenfunktionen wird es erlaubt es, ein Video zu erstellen, in dem ein Avatar die Bewegungen des Träumenden nachstellt. Mit der neuen Technik ist es auch möglich, die Sprache aus einem Traum zu speichern. Und es kommt noch besser: man kann die Bewegungen, Worte und Bilder miteinander verbinden und daraus eine Art Film erstellen, den man sich dann ansehen kann (05). Auch einen hypermodernen Trauminkubator, der Menschen dazu verhelfen soll, sich besser an ihre Träume zu erinnern und sogar in der Lage sein soll, gezielt Trauminhalte zu induzieren, hat man dem IBT aus Landesmitteln finanziert.
Seit der Mensch sesshaft geworden ist, baut er Pflanzen zu seinem Nutzen an. Er setzt dazu Methoden und Techniken ein, die zu Erfolgen führen, deren Wirkungsweise er aber zunächst nicht versteht. So widmet sich die Pflanzenforschung bis in die Neuzeit hinein vor allem der Beschreibung von Pflanzen und ihrer Katalogisierung. Erst ab dem 17. Jahrhundert führen Erkenntnisse in der Chemie und Physik dazu, dass Abläufe in Pflanzen genauer untersucht werden können, indem physikalische Prinzipien auf Abläufe in Pflanzen übertragen werden. Die Entdeckung chemischer Elemente ermöglicht die analytische Chemie, im Rahmen derer erstmalig pflanzliche Inhaltsstoffe wie zum Beispiel die Wein- oder Zitronensäure bestimmt werden. Vermutungen zu Stoffaufnahme, Stoffumwandlung und Stoffabgabe bei Pflanzen führen schrittweise zur Entdeckung der Photosynthese. Die Mikroskopie gestattet schließlich den Blick ins `Innere` von Pflanzen. Gestalt, Lage und Struktur von Geweben können betrachtet, einzelne Zellen unterschieden und deren Aufbau und Bestandteile beschrieben werden.
Intensive Forschungstätigkeiten auf den Gebieten der pflanzlichen Stoffzusammensetzung, der Gewebe- und Zellanalytik sowie der Fortpflanzungsmechanismen führen Mitte des 19. Jahrhunderts zur Entstehung zweier neuer Forschungszweige: der Vererbungslehre, später als Genetik bezeichnet, und der Evolutionsforschung. Schließlich entdeckt Friedrich Miescher 1869 den Stoff, aus dem das Erbgut gemacht ist. Die Erkenntnis, dass die DNA Träger der Erbinformation ist und die Aufklärung der DNA-Struktur Mitte des 20. Jahrhunderts, schaffen schließlich die Grundlage für eine völlig neue Pflanzenforschung.
Pflanzen dienen uns in erster Linie als Nahrungsmittel. Sie werden aber auch zur Herstellung von Arzneimitteln, Geschmacks-, Geruchs-, Farb- und Baustoffen wie Holz, sowie als Energielieferant, und als Rohstoff für Kleidung und weitere Industrieprodukte verwendet. So liefert ein grundlegendes Verständnis der Abläufe und Prozesse in Pflanzen wichtige Beiträge für die Produktion von Nahrungsmitteln in ausreichender Menge und guter Qualität, die Entwicklung einer umweltschonenden und nachhaltigen Landwirtschaft, die Produktion nachwachsender Rohstoffe, und den Schutz der Artenvielfalt, der sogenannten Biodiversität (06).
Holger Eibel wächst im Bergischen Land in einem Elternhaus mit großem, reich bepflanztem Garten auf. Er ist früh viel in der Natur. Später hat er ein besonders gutes Verhältnis zu seinem Biologie-Lehrer, was seine Begeisterung für all` das, was da aus der Erde sprießt, noch steigert. Als ihm Herr Kirschbaum, er muss zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein, nach einer Biologie-Stunde ganz nebenbei erzählt, dass unsere Vorfahren Gewächse wie samtige Orchideen oder duftende Tulpen, die heute nichts Besonderes mehr sind, weil man sie in beinahe jedem beliebigen Supermarkt erstehen kann, überhaupt nicht kannten, bis die Entdecker Christoph Kolumbus und Vasco da Gama sie im 15. und 16. Jahrhundert von ihren Reisen mit nach Europa brachten (07), ist es endgültig um den kleinen Holger geschehen: er widmet beinahe seine ganze Freizeit der Entdeckung der Pflanzenwelt. Holgers Eltern bestärken ihren einzigen Sohn in seiner Passion, weiß man doch heute, dass regelmäßige Naturerfahrungen Kinder in ihrer gesamten Entwicklung unterstützen: die Reifung der Sinne, Selbstvertrauen, soziale und kognitive Kompetenzen, Sprache, Fantasie und nicht zuletzt eine umfassende Gesundheit werden durch Naturkontakte gefördert (08).
Pflanzenforscher untersuchen, wie Pflanzen wachsen, kommunizieren, altern, Energie und lebensnotwendige Nährstoffe speichern und sogar in Wüsten oder Eis überleben können. Sie befassen sich auch mit der Rolle der Pflanzen in ökologischen, pharmazeutischen und ernährungswissenschaftlichen Zusammenhängen. Die Pflanzenwissenschaft hat im Zuge der Klimaveränderung, der Einschränkungen der Biodiversität sowie der steigenden Nachfrage nach Pflanzenprodukten deutlich an Bedeutung gewonnen. Aufgrund der Themenvielfalt in der Pflanzenforschung arbeiten hier Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zusammen. So wird das Fachwissen von Biochemikern, Pflanzenphysiologen, Genetikern, Biophysikern, Agrarwissenschaftlern, Ökologen, Biotechnologen, und in letzter Zeit verstärkt auch jenes von Bioinformatikern, benötigt. Pflanzenforscher arbeiten als Wissenschaftler an Hochschulen und in Forschungsinstituten, in der Pharma- und Nahrungsmittelindustrie, in Umweltämtern und -beratungsbüros, oder in Natur- und Umweltschutzorganisationen. Die Arbeitsplätze verlangen spezielle persönliche Kompetenzen. Erforderlich sind systematisches und vernetztes Denken, Freude und Interesse an naturwissenschaftlichen Arbeitsweisen und im Speziellen an der Pflanzenwelt, aber auch an ihrer Erforschung im Labor mit technischen Mitteln (09).
Holger Eibel hat sich für die Biochemie entschieden. Das Studium der Biochemie verknüpft die Fächer Biologie, Chemie und Medizin. Studenten der Biochemie untersuchen Organismen auf molekularer Ebene, also auf Zellebene und lernen, diese Kenntnisse für Medizin, Biotechnologie, Umweltschutz oder Ernährung zu nutzen. Mit diesem Hintergrundwissen forschen sie später an den Lebenserscheinungen der Organismen auf molekularer Ebene. Chemische und physikalische Prozesse werden untersucht und pflanzliche Zellen näher analysiert (10).
Nach vielen Jahren in der Arbeitsgruppe Molekulare Pflanzenforschung/Pflanzenbiochemie an der Bergischen Universität Wuppertal arbeitet Holger Eibel nunmehr am `Plant Environmental Adaptation Center`, kurz PEAC, einem 2024 in Betrieb gegangenen neuen Zentrum für Pflanzenforschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Es bietet mit seinen stolzen 600 Quadratmetern Labor- und 200 Quadratmetern Büroflächen, 17 Phytotronkammern mit einer Gesamtfläche von 375 Quadratmetern und dem rund 250 Quadratmeter großen Forschungsgewächshaus auf dem Dach beste Arbeitsbedingungen. Das PEAC ist als Forschungseinrichtung einzigartig in Europa- Hier sollen die genetischen Eigenschaften untersucht werden, die es Pflanzen ermöglichen, sich an sehr verschiedene und oftmals auch ungünstige Umweltbedingungen anzupassen. Im Fokus stehen dabei Mechanismen, die es Pflanzen erlauben, etwa Hitze, Dürre, Überflutungen oder den Befall mit Pathogenen, also Krankheitserregern – alles in allem Folgen, die durch den Klimawandel in der nahen Zukunft zu erwarten sind – zu trotzen (11).
Holger Eibels Aufgabe beim PEAC besteht darin, genetisch präzise definierte Versuchspflanzenpopulationen, sowohl Modellpflanzen als auch relevante Nutzpflanzen, verschiedenartigen, aber präzise steuerbaren und dynamisch variierbaren Umweltbedingungen auszusetzen.
Aber sein Arbeitstag endet nicht mit dem täglichen Dienstschluss. Auch einen großen Teil seiner Freizeit widmet der Pflanzenforscher seiner Passion - und hier besonders den geheimnisvollen `Traumkräutern`, die ihn, seitdem er auf einer Mexico-Reise einen alten Medizinmann kennenlernte, der ihn in die Welt der Oneirogene einführte, vollends in ihren Bann gezogen haben. Holger Eibel ist fasziniert von der Welt dieser Pflanzen und beinahe besessen von der Idee, zu zeigen, wie wir die ihnen innewohnenden pflanzlichen Superkräfte nutzen können.
Simon Kaloff ist Geschäftsführer einer Entsorgergemeinschaft. Das Unternehmen, dem er vorsteht, zertifiziert kommunale und private Unternehmen der Recycling- und Entsorgungswirtschaft zum Entsorgungsfachbetrieb gemäß der Entsorgungsfachbetriebeverordnung, kurz: EfbV. Ein Entsorgungsfachbetrieb gilt als ein besonders zuverlässiger und qualifizierter Betrieb und hat dementsprechend auf dem konkurrierenden Markt der Abfallwirtschaftsbetriebe gute Perspektiven.
Der umtriebige Diplom-Kaufmann mit Weiterbildung im Bereich Abfallwirtschaft& Entsorgung traut seinen Augen kaum, als er an diesem verregneten Dienstag an seinem Arbeitsplatz sein Werk verrichtet. Findet er doch inmitten der Tagespost, die ihm seine Sekretärin in einer Kladde auf den Schreibtisch gelegt hat, ein Schreiben vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen, Dienststelle Bonn, vor. Das kann nichts Gutes heißen, schwant es ihm. Hat er doch, als er vor einem Dreivierteljahr von einer Kölner Entsorgergemeinschaft zu jener nach Bonn gewechselt ist, bereits kurz nach Dienstantritt gewisse Unregelmäßigkeiten in den Geschäftsabläufen seines neuen Arbeitgebers festgestellt. So hat sein Vorgänger bisweilen Betrieben bereits im Vorfeld der Entsorgungsfachbetriebeprüfung Zertifikate ausgestellt, wenn diese dieselben brauchten, um einen großen Auftrag an Land zu ziehen. In Einzelfällen hat er zudem das begehrte Zertifikat auch an Unternehmen verliehen, welche die Voraussetzungen hierfür gar nicht zu 100% erfüllten. Auch, was die von den verantwortlichen Personen zu absolvierenden Auffrischungslehrgänge betrifft, hat er mehrmals `fünf gerade sein lassen`.
Simon Kaloff hat befürchtet, dass all` dies irgendwann auffallen wird.
Mit klopfendem Herzen öffnet er das Kuvert, greift nach den zwei bedruckten DIN-A-4-Seiten und beginnt zu lesen. Es handelt sich um eine Vorladung, der Termin ist bereits in knapp zwei Wochen. In der Begründung sind just jene Vergehen seines Vorgängers aufgeführt, die er kurz nach Beginn seiner Tätigkeit festgestellt hat. Zudem klärt man ihn darüber auf, dass, sollte er die Vorwürfe nicht entkräften können, ein Tätigkeitsverbot für ein Jahresquartal im Raum steht. Was seine Entsorgergemeinschaft, die ohnehin finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, kaum überleben würde. Wohl wissend, dass ihm schlicht und ergreifend die Argumente fehlen, um die Vorwürfe gegen seine Firma zu entkräften und die Sache halbwegs glimpflich über die Bühne zu bringen, sinkt Simon Kaloff auf seinem Bürostuhl zusammen. `Das fehlt mir gerade noch`, sagt er leise vor sich hin. Denn auch im privaten Bereich läuft es alles andere als rund - die Spannungen zwischen seiner Ehefrau und ihm, sie haben zugenommen in letzter Zeit.
Simon Kaloff muss abschalten nach der Arbeit. Und so führt ihn sein Weg heute nach der Arbeit nicht etwa nach Hause nach Overath-Heiligenhaus, sondern zunächst einmal in eine Kneipe im kleinen Zentrum der 30.000 Einwohner-Stadt im Bergischen Land.
„Sandra hat mir gerade gemailt, sie schafft es heute nicht zu Mama. Ich fahre dann nach der Arbeit ins Heim. Kümmerst Du Dich um Hermes?“
„Kann ich gerne machen, Schatz. Ich denke, ein bisschen frische Luft wird mir guttun. War ein harter Tag heute.“
„Fein. Das Abendessen habe ich schon vorbereitet, ich bin so gegen 19:30 zu Hause, dann können wir direkt essen.“
„Was gibt es denn schönes?“
„Sojabohnen mit Gemüse und Reis.“
„Hört sich lecker an. Und gesund…“
„Ist auch beides.“
„Dann bis später.“
„Bis später.“
Fabian Reinert legt auf und schaut auf die Uhr. Eine knappe Stunde noch, dann wird er Feierabend machen, gut 45 Minuten über die A3 brauchen, bis er zu Hause ist, und dann eine ausgiebige Runde mit seinem Hund drehen.
Seit knapp anderthalb Jahren lebt der Traumforscher jetzt mit seiner Frau Marie und dem Weimaraner-Labrador Mix Hermes im Bergischen Land in Lohmar-Holl. Der große Kinderwunsch des Paares wird unerfüllt bleiben, da bei Marie Reinert eine Fehlbildung der Gebärmutter festgestellt wurde. Es ist beiden nicht leichtgefallen, Köln zu verlassen und fortan statt in der pulsierenden Großstadt zwischen Rehen, Kühen, Füchsen und Schafen zu leben. Aber peu a peu hat sich das Paar in den 50ern eingelebt im beschaulichen Dörfchen an der Agger.
Zu Hause angekommen, erwehrt sich Fabian Reinert der Freudeattacken seines Hundes, zieht sich um und macht sich auf in Richtung der großen Hundewiese, die es im Nachbardorf gibt und auf der man, wie auf dem Land nicht anders zu erwarten, oft die gleichen Menschen trifft. Als der Traumforscher mit Hermes die Wiese erreicht, stürmt ihm `Memphis`, ein Bullterriermix und Hermes` bester Freund, heftig wedelnd entgegen.
„Hallo! Dann hat es sich für Hermes ja schon gelohnt…“
„Hallo. Ja, die zwei – das passt wirklich. Herrlich, wie die miteinander spielen.“
„Vor allem, wo ich den Eindruck habe, dass heutzutage kaum mehr ein Hund spielen darf. Passiert mir immer öfter, dass die Leute schon von weither abwinken oder ihre Hunde direkt an die Leine nehmen, wenn man sich ihnen nähert.“
„Leider, ja.“
„Ich kenne das schon aus Köln. Ich dachte, hier im Bergischen wäre das anders.“
„Hier gibt es genauso viele seltsame Menschen – und Hunde… - wie in Köln, glauben Sie`s mir.“
„Da ist wohl was dran.“
„Apropos - wie geht es der Kölner Seele?“
„Die weint immer noch ein wenig. Aber seltener.“
„Sehen Sie, ich sag`s ja immer – das Landleben hat durchaus seine Vorteile.“
„Na ja, zumindest gibt es hier keine IS- und Talibanfahnen auf den Straßen.“
„Sie meinen den Aufmarsch der Islamisten am Wochenende in Köln? Unfassbar, was?“
„Dass man so etwas auf unseren Straßen zulässt, muss man nicht zwingend begreifen.“
„Nein, muss man nicht.“
„Aber sagen darf man nichts. Sonst ist man direkt wieder ein Rechter.“
„Kommen Sie doch mal am 1ten oder 3ten Mittwoch des Monats ins `Aggereck` nach Wahlscheid. Wir haben da einen Stammtisch – da darf man sowas sagen. Übrigens: mein Name ist Lennard Gutzeit. Sagen Sie Lennard zu mir.“
„Fabian. Fabian Reinert. Was ist das denn für ein Stammtisch?“
„Da treffen sich Menschen, die am politischen Zeitgeschehen interessiert sind und gerne darüber debattieren. Die sich mit ihren Ansichten unverstanden fühlen. Alles Männer aus der Gegend hier. Etwa acht bis zehn Leute kommen da in der Spitze, so vier bis sechs sind es immer.“
„Wenn`s passt, schaue ich vielleicht mal vorbei. Ich kenne hier, abgesehen von den `Hundemenschen`, ohnehin niemanden. Ein paar neue Kontakte könnten nicht schaden.“
„Dann sehen wir uns nächsten Mittwoch, Fabian. Wenn…wenn sich Hermes und Memphis nicht bereits vorher nochmal über den Weg laufen.“
„Okay, Lennard. Ich versuche, es einzurichten.“
„Du meine Güte, wie sieht es denn hier aus?“, Holger Eibel staunt nicht schlecht, als er sein Büro betritt. Kaffee, Wasser, Apfelsaft, eine reich gefüllte Obstschale, ein edles Silbertablett mit belegten Brötchen, Kekse, eine opulente Vase mit frischen Schnittblumen - die Damen vom Sekretariat haben ganze Arbeit geleistet.
„Guten Morgen, Herr Eibel. Tja, wie sagt man so schön: besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Und gute Gästebetreuung beginnt halt schon vor dem Meeting“, erwidert Sonja Germann.
„Dann bin ich ja wohl ein wenig underdressed heute, oder was meinen Sie, Frau Germann?“
„Das passt schon. Der Mann von heute darf durchaus sportlich-leger daherkommen.“
„Na, da bin ich ja beruhigt.“
„Außerdem…“
„Ja?“
„Wir empfangen ja nicht etwa den Bundespräsidenten…“
„Das nicht, aber die Herrschaften aus den Ministerien führen sich bisweilen so auf, glauben Sie es mir…“
„Das tun andere auch.“
„Was?“
„Sich so aufführen, als wären sie der `Kaiser von China`.“
„Da haben Sie ohne Zweifel recht.“
Stefan Gloss, der Leiter der Abteilung 1 – Arzneimittel, Medizinprodukte, Biotechnologie – beim Bundesgesundheitsministerium ist überpünktlich und betritt bereits um zehn Minuten vor acht Holger Eibels Büro. Er möchte sich bei dem Pflanzenforscher über eine Studie informieren, an der das PEAC beteiligt war und die eine vielversprechende Strategie zur Entschlüsselung von Stoffwechselwegen zur Bildung von Pflanzeninhaltsstoffen mit medizinischer Bedeutung zu Tage förderte.
„Guten Morgen, Herr Eibel. Schön, dass Sie so kurzfristig Zeit für mich haben.“
„Sehr gern, Herr Gloss.“
„Das sind ja faszinierende Neuigkeiten, die sie in Ihrem offiziellen Statement zur jüngsten Studie, die Biosynthesewege von Pflanzen betreffend, kundgetan haben.“
„Durchaus, Herr Gloss. Wir haben tatsächlich eine Strategie zur Entschlüsselung von Stoffwechselwegen bei der Bildung von Pflanzeninhaltsstoffe mit medizinischer Bedeutung entwickelt, die uns womöglich ganz neue Sphären eröffnet.“
„Um was geht es denn ganz konkret?
„Pflanzeninhaltsstoffe sind hochkomplexe Moleküle. Wir wollten herausfinden, welche einzelnen Biosyntheseschritte für die Bildung bestimmter Wirkstoffe erforderlich sind. Derzeit werden diese Verbindungen, wie Sie wissen, noch in sehr kleinen Mengen aus dem Blattextrakt der Pflanze gewonnen. Wir haben nunmehr eine Pflanze entdeckt, von der wir lernen können, wie dieser Wirkstoff hergestellt wird.“
„Das wäre ja wahrhaftig ein Meilenstein. Wie heißt denn dieser Wirkstoff?“
„Es handelt sich um das Alkaloid Vinblastin.“
„Und wie sind Sie seinen Mechanismen auf die Spur gekommen?“
„Wir haben ein neues Methodenset, das zusammengenommen single-cell omics genannt wird, entwickelt, das in der Lage ist, einzelne spezialisierte und seltene Zelltypen zu untersuchen, die eine zentrale Rolle bei der Biosynthese pflanzlicher Naturstoffe spielen, und deren Signale oft durch häufiger vorkommende Zelltypen in pflanzlichen Organen verdeckt werden. Mit den single-cell omics haben wir nun ein Verfahren, das es Forschern ermöglicht, genetische und metabolische Informationen einzelnen Zellen zuzuordnen.“
„Sagenhaft!“
„Und das Beste ist: Die gleiche Technik kann auch zur Untersuchung der Biosynthese vieler anderer Naturstoffe eingesetzt werden.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Der Einsatz der beschriebenen Methode ist auch vielversprechend für die Untersuchung vieler anderer interessanter und medizinisch bedeutsamer Naturstoffe aus dem Pflanzenreich.“
„Wir werden also bald in der Lage sein, pflanzliche Arzneimittel in beliebiger Menge und womöglich mit verstärkter Potenz selbst herstellen zu können?“
„Soweit möchte ich mich noch nicht aus dem Fenster lehnen. In jedem Fall können wir mit diesem Wissen womöglich Produktionssysteme entwickeln, die kostengünstiger, skalierbar und auch nachhaltig sind“ (12).
„Das werde ich sofort dem Bundesgesundheitsminister mitteilen!“
„Tun Sie das, Herr Gloss. Aber bitte wecken Sie noch keine übertriebenen Hoffnungen. Wir haben einen Durchbruch erreicht, keine Frage. Aber der Weg zu dem Szenario, dass dieser verheißt, kann womöglich noch recht lang sein.“
Die fünf oder sechs Kölsch, die sich Simon Kaloff auf dem Zwischenstopp vom Büro nach Hause genehmigt, verfehlen ihre Wirkung nicht: als er die Kneipe verlässt, hat ihm der Alkohol jene `alles easy`- Stimmung beschert, die ihm private wie berufliche Probleme als durchaus händelbar erscheinen lässt, die seinen Optimismus befeuert und seinen Gemütszustand in andere Dimensionen torpediert. Genau dieses Gefühl ist der Grund, warum er dem Konsum von moderaten Mengen Alkohol so zugetan ist. Und warum er, hat er einmal mit dem Trinken angefangen, bisweilen bis zum Schlafengehen weitertrinken muss, immer, wenn der Körper so viel Alkohol abgebaut hat, dass das Wohlgefühl nachlässt. `Den Pegel halten` - mehr will er gar nicht. Er weiß gar nicht mehr, wann er das letzte Mal wirklich betrunken war.
Als Simon Kaloff das Haus betritt, herrscht eine ungewöhnliche Ruhe. Lara ist eine Frau, die kaum einmal ruhig sitzen kann und die immer irgendetwas findet, was es in Küche, Wohnzimmer oder aber im großen Garten zu tun gibt. Außerdem telefoniert sie oft mit der Familie und Freunden und lässt auch den Fernseher meist den ganzen Abend laufen. Nichts von alledem nimmt Simon Kaloff an diesem Abend wahr. Na ja, vielleicht ist Lara zu einer Freundin gefahren, denkt er sich. Wobei: auch, wenn die Kommunikation der beiden Ehepartner in den letzten Wochen auf das Nötigste heruntergefahren wurde: Sie hätte ihm sicher eine Whatspp-Nachricht geschickt, wenn sie den Abend woanders verbringt – tut sie doch immer.
Simon Kaloff geht ins Obergeschoss, springt unter die Dusche und zieht seine Schlafklamotten an. Als er im Begriff ist, wieder herunter in den Wohnbereich zu gehen, schaut er unvermittelt ins offenstehende Schlafzimmer und entdeckt etwas Weißes auf seinem Bett. Simon Kaloff begibt sich ins Schlafgemach. Er hat von jetzt auf gleich ein flaues Gefühl im Magen, die Beine versagen ihm fast den Dienst. Der Anblick des Briefumschlags, auf dem schlicht `Simon` steht, lässt seinen Puls so sehr nach oben schnellen, dass ihm fast schwindlig wird. Mit zitternden Fingern holt er den Brief aus dem Kuvert, obgleich er sicher ist, dass, was in diesem geschrieben steht, bereits zu wissen. Als er `Ich kann es Dir irgendwie nicht persönlich sagen` liest, legt er das zweimal gefaltete DIN-A-4-Blatt zur Seite. Er braucht nicht weiterzulesen. Unter Schock stehend taumelt Simon Kaloff die Trepper herunter, geht in die Küche, nimmt sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und trinkt sie beinahe in einem Schluck leer. Einen sonnigen Humor hat seine Frau, denkt er kopfschüttelnd. Ihm diesen Brief quasi als `Betthupferl` aufs Kopfkissen zu legen – darauf muss man erst einmal kommen.
Ohnehin psychisch bereits angeschlagen durch die prekäre berufliche Situation, brechen bei Simon Kaloff just in dem Moment, in dem ihm klar wird, dass seine Frau einen Schlussstrich gezogen hat, alle Dämme. Lara war seine Bastion, sein Fels in der Brandung, der ihn alle Widrigkeiten des Lebens mit einem gelassenen Lächeln ertragen ließ. Allen Unstimmigkeiten der letzten Wochen und Monate zum Trotz: dass sie ihn verlässt, hätte er niemals für möglich gehalten. Umso härter trifft ihn die Endgültigkeit, mit der ihm nicht nur die geschriebenen Worte, sondern auch das Verhalten und die Blicke seiner Frau in letzter Zeit zu verstehen gegeben haben: es ist aus. Lara, die Frau, die er stets als seine Seelenverwandte betrachtete und bei der er sicher war, dass sie der Mensch ist, mit dem er glücklich und zufrieden alt werden wird, existiert von nun an nicht mehr in seinem Leben. Wenn die Liebe sich davongemacht hat, macht es keinen Sinn, zu kämpfen, dessen war er sich immer sicher. Und ein `Lass uns Freunde bleiben` - das würde nicht funktionieren und tief in seinem Herzen würde er es auch nicht wollen.
Simon Kaloff fühlt sich völlig leer und orientierungslos. Wie soll es jetzt bloß weitergehen? Schließlich gilt es ja noch, den gemeinsamen Hausstand aufzulösen, die Finanzen zu regeln und womöglich auch die Scheidung vorzubereiten. Zu alledem sieht sich der Mittfünfziger außerstande. Dazu noch der stetig steigende Stress auf der Arbeit, wo er als persönlich haftender Geschäftsführer kurz davorsteht, wegen den Verfehlungen seines Vorgängers seinen Job zu verlieren und womöglich sogar verklagt zu werden.
Er muss einen klaren Kopf bekommen – zum Glück hat er zwei Alternativen zur Verfügung, die ihm stets spürbare Erleichterung verschaffen, wenn er sich in schwierigen Lebenssituationen befindet: Laufen oder Saufen. Simon Kaloff entscheidet sich für die gesündere Variante. Als er gerade dabei ist, sich in seine Joggingklamotten zu quetschen, er hat ein wenig zugelegt in letzter Zeit, klingelt sein iPhone. Das Pflegeheim – sein Vater ist im stolzen Alter von 96 Jahren und doch überraschend verstorben. Wie versteinert sitzt Simon Kaloff einige Minuten auf der Küchenbank, unfähig sich zu bewegen oder einen klaren Gedanken zu fassen. Dann begibt er sich zum Kühlschrank – und wählt statt der L- die S-Variante.
Simon Kaloff beginnt zu trinken – so, wie er es noch nie getan hat. Er ist seit seinem 15ten oder 16ten Lebensjahr dem Alkohol zugetan, bezeichnet sich selbst, das Wort Alkoholiker bewusst vermeidend, aber durchaus reflektierend stets als `Vieltrinker`, wenn man ihn auf seinen Alkoholkonsum anspricht. Doch die Phase, die just an dem Tag, an dem Lara das Haus in Overath-Heiligenhaus verlässt, beginnt, hat mit dem durchaus kontrollierten Trinkverhalten, dass sich Simon Kaloff in den letzten zwei Jahrzehnten angeeignet hat, absolut gar nichts mehr zu tun. Er lässt sich krankschreiben und schüttet von morgens bis abends Bier in sich hinein. Wenn er, was selten genug vorkommt, einmal isst, dann nur Fastfood und Chips. Bisweilen begibt er sich in eine nahe gelegene Kneipe, um ein paar Stunden in Gesellschaft zu zechen, bevor er sich dann in seinem Zuhause, in dass er oft torkelnd und nur mit größter Mühe zurückfindet und dass ohne Lara keines mehr ist, für den Tag den Rest gibt.
Wacht er morgens völlig verkatert und kaum eines klaren Gedankens oder einer Bewegung fähig, auf, beschleicht ihn manchmal kurz die Gewissheit, dass er aufhören muss mit dem selbstzerstörerischen Trinken, doch der Funken Verstand, der in ihm noch funktioniert, hat keine Chance. Zu sehr wünscht sich Simon Kaloff das wohlige Gefühl vom Vorabend zurück, als ihm die Trennung von seiner Frau und die beruflichen Probleme weitaus belangloser erschienen und die Gedanken in seinem Kopf zur Ruhe kamen.
Nach zwei Wochen, die er im völlig berauschten Zustand erlebt und an die er sich kaum mehr erinnern kann, muss sich der verlassene Ehemann zumindest ein wenig disziplinieren. Seine Krankschreibung läuft aus, so dass Simon Kaloff beginnt, seine Trinkmenge zu reduzieren, wieder halbwegs vernünftig zu essen und ab und an an die frische Luft zu gehen. Trotz der reduzierten Trinkmenge schafft es Simon Kaloff kaum, sich morgens ins Auto zu setzen, um ins Büro zu fahren und sein Tageswerk zu verrichten. Und so kommt es, wie es kommen muss: Er beginnt bereits am dritten Tag, an dem er wieder arbeiten geht, schon auf der circa fünfundvierzig Minuten dauernden Fahrt zum Arbeitsplatz die ersten zwei Flaschen Bier zu trinken. Zwei weitere, diese hat er Zuhause zuvor ins Eisfach gelegt, warmes Bier trinkt sich schlecht und im Firmenkühlschrank kann er den geliebten Gerstensaft kaum deponieren, trinkt er bis zur Mittagspause heimlich und vor allem hektisch – er hat zwar ein Büro für sich alleine, aber es kann ja jederzeit jemand hereinkommen - an seinem Schreibtisch. In der Mittagspause geht er in Kneipen, in denen er sich ziemlich sicher sein kann, dass dort niemals ein Kollege auftauchen wird, um neben dem Mittagsessen auch das ein' oder andere Bier zu trinken. Auf dem Rückweg ins Büro eilt er noch schnell in den Supermarkt, um sich weitere zwei Dosen Bier zu kaufen, die dann bis zum Feierabend reichen müssen. Dass diese lauwarm sind, ist ihm mittlerweile egal. So übersteht er einige Wochen die acht Stunden im Büro, um dann am Feierabend, schließlich muss er ja die Gedanken an den nächsten Arbeitstag verdrängen, weiter zu trinken.
Der Stammtisch, den Lennard Gutzeit und seine Genossen vor etwa drei Jahren ins Leben gerufen haben, ist keiner, bei dem es vornehmlich um geselliges Beisammensein, um Würfel-, Karten- und Brettspiele geht - im Vordergrund stehen politische Diskussionen. Diskussionen, die eindeutig politisch rechten Charakter haben. Die Stammtischbrüder träumen davon, dass die wiedererstarkten rechten Tendenzen im deutschen Politikgeschehen letztendlich dazu führen, dass die Rechtspartei die Regierung übernimmt und es so zu einem radikalen Wandel in der deutschen Politik kommt. Um zunächst auf Kommunalebene erfolgreich zu sein, sind alle Stammtischmitglieder gehalten, potenzielle Gesinnungsgenossen ausfindig zu machen und für die gemeinsame Sache zu begeistern. Überzeugt, in Fabian Reinert einen solchen gefunden zu haben, ruft Lennard Gutzeit einen seiner Stammtischbrüder an.
„Ich hab` wieder einen, Lutz. Über den Hund kennengelernt“, tut Lennard Gutzeit erfreut kund.
„Ein strammer Bursche?“, fragt Lutz Schwadrowski.
„Ich denke, eher gemäßigt. Hat sich über die Mullahfahnen auf der Demo in Köln echauffiert.“
„Dann hat er Potenzial.“
„Kommt vielleicht am Mittwoch.“
„Schickst Du `ne whatsapp rum? Von wegen Kleiderordnung und so.“
„Kann ich machen.“
„Ich sag Bernhard Bescheid, das er statt Brigade M, Saccara und Mistreat Helene Fischer und Andrea Berg laufen lässt.“
„Ok. Gibt’s sonst irgendwelche Neuigkeiten?“
„Der Vorstand vom Kleingartenverein in Overath-Cyriax ist wohl nicht abgeneigt, dass wir am Vatertag ein kleines Stelldichein mit Live-Musik abhalten können, hat mir PG Sven berichtet.“
„Sieh` mal einer an. Es gibt doch mehr mit unserer Gesinnung, als man denkt.“
„Das wussten wir doch schon immer, PG Lennard.“
„Ich glaube, wir beide, wir werden noch das ganz große Ding erleben, wenn sich die Sache so weiterentwickelt.“
„Du meinst?“
„Ja, das meine ich.“
„Ich bin da nicht so sicher, Junge.“
„Warum nicht?“
„Weil unsere Partei gerade dabei ist, vieles von dem, was wir erreicht haben, völlig ohne Sinn und Verstand wieder kaputtzumachen.“
„Du meinst das Parteiprogramm.“
„Ja. Die Widersprüche zwischen den Interessen der Rechtswähler und den Positionen der Partei könnten doch kaum größer sein. Steuersenkungen für Spitzenverdiener, niedrigere Löhne für Geringverdiener und eine Beschneidung der Sozialsysteme treffen den typischen Rechtswähler nun einmal viel härter als die Wähler der meisten anderen Parteien.
„Das steht zu befürchten, ja.“
"Es ist doch total paradox: Würde sich das Parteiprogramm durchsetzen, käme es zu einer Umverteilung von Einkommen und sozialen Leistungen von unseren Wählern hin zu den Wählern anderer Parteien. Dies würde unsere ohnehin schon häufig am Rande der Gesellschaft stehenden Wähler noch stärker marginalisieren und ihre gesellschaftliche und politische Teilhabe beschneiden."
„Stimmt, eine Rückabwicklung der Globalisierung, ein erstarkender Nationalismus sowie eine neoliberale Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik würde unseren Leuten kaum bessere Arbeitsplätze, mehr Sicherheit und bessere Chancen verschaffen. Eher würde genau das Gegenteil passieren.“
„Und in der Klimapolitik jedwede Maßnahmen zum Schutz von Umwelt und Klima systematisch abzulehnen – gegen den Kohleausstieg 2038, gegen ein Verbot von Verbrennungsmotoren, gegen die Förderung von ökologischer Landwirtschaft, den Ausbau von Windenergie sowie die Besteuerung des Flugverkehrs. – das kommt auch bei der Wählerschaft, die uns im Grunde ihres Herzens durchaus zugetan ist, mitunter alles andere als gut an.“
„Da ist etwas dran, keine Frage.“
„Wir können nur hoffen, dass die Parteispitze da schleunigst etwas moderater argumentiert und in bestimmten Punkten auch umdenkt, was diese Themen betrifft.“
„Dein Wort in Gottes Ohren.“
„Guten Abend, meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, Sie heute Abend hier im Rhein-Sieg-Forum zu meinem Vortrag über das Fliegen, über Palmenstrände und Sex begrüßen zu dürfen. Ja, Sie haben richtig gehört! Denn genau diese drei Dinge würden die meisten Menschen träumen wollen, wenn Sie sich in der Lage wären, ihre Träume selbst bestimmen zu können.
Das Publikum lacht.
„Vielen Dank, dass Sie mir heute Abend Ihre geschätzte Aufmerksamkeit schenken.“
Die Menschen im kleinen Saal des Rhein-Sieg-Forums spenden höflichen Applaus.
„Etwa fünf Jahre unseres Lebens verbringt jeder von uns im Traum – auch, wenn wir uns am nächsten Morgen nicht immer an das Geträumte erinnern können. Das Wort `Traum` geht wahrscheinlich auf den indogermanischen Begriff `draugma` zurück, der für eine Art Trugbild steht. Schließlich gaukelt uns unser Gehirn nachts eine Scheinwelt vor: Wir sind Sportstars, reiten Dinosaurier oder stehen unvermittelt unten ohne vor unseren Kollegen, ohne überhaupt das Bett zu verlassen. Diese nächtlichen Fantasien ähneln Halluzinationen und sind Produkte eines veränderten Bewusstseinszustands. Unser Gehirn erschafft mehrmals pro Nacht Szenen, Geschichten, ganze Welten, die wir dann aus der Egoperspektive erkunden. Und die wir für real halten. Umso schöner wäre es doch, wenn wir das nächtliche Traumgeschehen irgendwie steuern könnten (13). Es geht heute Abend um Klarträume: Träume also, bei denen man die Kontrolle über das, was man vor seinem geistigen Auge sieht, hat. Man bestimmt also quasi selbst, was man im Traum tut.“
Im Vortragsraum, in dem erwartungsfroh gut dreihundert Menschen, sitzen, macht sich ein Raunen breit.
„Stellen Sie sich vor, sie hätten die vollständige Kontrolle über Ihre Träume. Was würden Sie tun? Möchten Sie mühelos durch Zeit und Raum gleiten? Für jeden unsichtbar sein? Oder ihre Gefühle für jemanden endlich ausdrücken? Sie können es in Ihrem Klartraum umsetzen. Alles ist möglich. Seien Sie kreativ! Ich gebe Ihnen am heutigen Abend die besten Schritte und Kniffe für Klarträume an die Hand. Sind Sie bereit?“
Aus dem Publikum ertönt ein kollektives `Ja`“.
„Der erste Schritt des Klarträumens ist natürlich, wen wundert`s, Sie zum Träumen zu bringen. Wir alle erleben zwei Phasen während unseres Schlafes: den Tiefschlaf und den REM, den sogenannten `rapid eye movement`, also wörtlich übersetzt `schnelle Augenbewegung`-Traum, in dem wir, der Begriff drückt es bereits aus, schnell unsere Augen hin- und her bewegen. Und just während dieses REM-Schlafs entstehen unsere Träume. Je länger der REM-Schlaf dauert, desto länger träumen wir. Deshalb ist es unter Umständen empfehlenswert, vor dem Schlafengehen ein Präparat, welches das sogenannte `Schlafhormon` Melatonin enthält, einzunehmen. Um länger zu schlafen – und länger zu träumen.“
„Geht auch Baldrian?“, fragt jemand der Zuhörer.
„Wenn Sie per se ein `guter Schläfer` sind, dann kann auch Baldrian ausreichend sein, ja. Für Menschen, die eher schlecht, die unruhig und oft nur kurz schlafen, ist jedoch Melatonin die bessere Wahl, weil seine Wirkung stärker ist.“
„Danke.“
„Kommen wir zu Schritt zwei. Hier geht es darum, den Traum zu behalten. Ein Trick, der dabei hilft ist, sich den Wecker zu stellen, damit man während des REM-Schlafs geweckt wird, weil man sich dann meist an den gerade unterbrochenen Traum erinnert. Schreiben Sie den Traum in dem Moment, in dem Sie aufwachen, direkt auf. Führen Sie ein sogenanntes `Traumtagebuch`.
In der zweiten Reihe der Sitzreihe hebt jemand den Arm.
„Ja, bitte?“, fragt Holger Eibel und schaut in Richtung des Mannes.
„Das hört sich alles sehr interessant an, Nur: Ich kann mich leider meist nicht an meine Träume erinnern, auch, wenn ich während derselben wachwerde. Ich weiß zwar, DAS ich geträumt habe, aber nicht WAS.“
„Das, was Sie beschreiben, ist bei vielen Menschen der Fall. Aber es gibt durchaus Hilfen, um ihre Traumerinnerung zu verstärken. Und zwar sogenannte `Traumkräuter`. Hierbei handelt es sich um Naturprodukte, mit denen Sie besser träumen oder sogar Ihre Träume einfacher unter Kontrolle bringen können. Empfehlenswert bei dem Versuch, den Traum zu behalten, sind das Afrikanische Traumkraut und der echte blaue Lotus.“
„Und das funktioniert wirklich? Kräuter, die quasi die Träume konservieren?“, will der Frager aus der zweiten Reihe wissen.
„Und ob. Das und sogar noch mehr. In Studien ist es nach Einnahme des Afrikanischen Traumkrauts sogar einigen Probanden gelungen, wieder in ihren Traum zurückzukehren.“
„Unglaublich.“
„Wenden wir uns jetzt dem dritten Schritt zu – der Bewusstwerdung. Ziel ist es hier, zu erreichen, dass Sie wissen, dass Sie träumen. Das hört sich zunächst einmal schwierig an, ist aber letztendlich nur eine Frage der Übung. Träume erlauben sich bisweilen verrückte Kapriolen. Schreiben Sie nach jedem Traum in Ihr Traumbuch, was Ihnen bemerkenswert erscheint.
Orangefarbene Wolken am strahlend blauen Himmel, ein Hund, der aufrecht geht, ein Meer, über das man laufen kann.“
„Ich habe vor ein paar Tagen von einem Pinguin, der in einem Restaurant sitzt, geträumt“, sagt eine Frau, nachdem Holger Eibel ihren erhobenen Arm mit einem Kopfnicken beantwortet hat.
„Und ich von Bäumen, an denen Grillwürstchen wachsen“, ruft ein männlicher Zuhörer einfach so in den Raum.
„Ja, genau solche Dinge meine ich.“
„Ich habe schon an meinem Verstand gezweifelt“, gibt der Mann mit dem Würstchenbaum zurück.
„Das brauchen Sie nicht. Träume haben oft eine bemerkenswert ausufernde Phantasie und einen bisweilen eigenartigen Sinn von Humor.“
„Na, dann ist ja gut“, antwortet der Mann erleichtert.
„Hat man Bewusstwerdung erreicht, geht es im nächsten Schritt darum, teilweises Klarträumen zu erreichen. So kann man seine Traumerfahrungen selbst in die Hand nehmen und etwa in Albträumen regulierend eingreifen: verfolgt Sie ein Unhold mit einer Axt? Lassen Sie ihn Glatteis regnen und ihn ausrutschen. Drohen Sie den Zug zu verpassen? Versuchen Sie im Traum zum Sprinter zu werden – sie werden ihn erreichen. Auch hier können Sie sich wieder eines Helfers aus der Pflanzenwelt bedienen: das Traumkraut `Calea zacatechichi` ist für die Erlangung immer besserer Kontrolle sehr geeignet.“
„Entschuldigung, wie heißt dieses Kraut?“, will jemand wissen.
„Calea zacatechichi.“
„Danke.“
„Im abschließenden Step geht es darum, vollständige Kontrolle über den Traum zu erlangen – heißt: klarzuträumen. Wenn Sie sich bereits vor dem Schlafengehen sagen, dass Sie klarträumen werden, ist die Chance auf Kontrolle in Ihrem Traum wesentlich größer. Für erfahrene `Oneironauten`, so nennt man Menschen, die die Traumwelt erkunden, ist es beinahe jeden Abend so, als ob sie sich einen Film auf Amazon prime oder Netflix aussuchen würden, den sie dann in der Nacht anschauen. Mit der entsprechenden Übung können Sie das auch erreichen.
„Gibt es denn auch dafür wieder so ein Kraut, dass helfen kann?“, fragt ein junger Mann, der ganz hinten im Raum sitzt.
„Dazu komme ich gleich. Zunächst jedoch möchte ich Ihnen ein Werkzeug an die Hand geben, dass Sie dabei unterstützen kann, zum Klarträumer zu werden. Die sogenannte WILD-Methode, die Buchstaben stehen für `Wake Induced Lucid Dream`, zu Deutsch: `wachinduzierter luzider Traum`,ermöglicht es Ihnen, den Traum zu erwecken, während Sie wach sind. Stellen Sie dafür den Wecker auf sechs Stunden später ein. Wenn er dann klingelt, schalten Sie den Wecker aus und legen Sie sich auf dem Rücken. Dann setzen Sie Ihre Vorstellungskraft ein: Bemühen Sie sich, vor Ihrem geistigen Auge so klar wie möglich das zu erleben, was Sie erleben möchten. Meist braucht es nur eine kurze Zeitspanne, bis der Traum sozusagen übernimmt und Sie genau den Klartraum träumen, den sie am Abend vorher ausgewählt haben
„Und das funktioniert wirklich?“, wendet eine Frau aus der dritten Stuhlreihe ein.
„Probieren Sie es aus, meine Dame, Sie werden begeistert sein. Und, um die Frage des jungen Mannes im hinteren Bereich des Saals zu beantworten: Ja, auch für diesen Schritt gibt es einen Freund aus dem Pflanzenreich, der unterstützend wirken kann. Das Traumkraut `African Dream Herb`, beheimatet an den Küsten des Indischen Ozeans, ist bestens geeignet, die WILD-Methode und damit Klarträume zu unterstützen (14).“
„Wo bekomme ich denn diese ganzen Kräuter?“, der junge Mann aus dem hinteren Bereich des Raums meldet sich noch einmal zu Wort.
„Wir machen jetzt zum Ende meines Vortrags noch eine kleine Fragerunde. Im Anschluss daran werde ich Ihnen ein kleines Skript aushändigen, in dem Sie unter anderem auch die Bezugsquellen für die Kräuter finden. Also, dann mal los: wem kann ich eine oder auch mehrere Fragen beantworten?“
Simon Kaloffs Dauerrausch währt nun bereits gut einen Monat. Er nimmt die Welt nur noch durch einen Schleier wahr und weilt mit seinen Gedanken meist in den abstrusen Sphären, die ihm der Alkohol diktiert.
In den wenigen Momenten, in denen er halbwegs klar denken kann, ist ihm selbstredend klar, dass er so nicht weitermachen kann. Sicher, es gab in seinem Leben immer wieder einmal kleinere Krisen, während derer er Freund Alkohol mehr, als es eigentlich seine Gewohnheit ist, zugesprochen hat, um dann nach ein oder zwei Wochen wieder in die Spur zu finden und allenfalls gemäßigt weiterzutrinken. Aber das hier ist etwas anderes. Einen solchen Absturz hat er noch nie erlebt.
Trotzdem erwachen peu a peu die Lebensgeister des verlassenen Ehemannes und gescheiterten Geschäftsführers. Zu sehr stört ihn die beständig in ihm nagende Sucht, zu sehr sein aufgedunsenes Gesicht im Spiegel und die Tatsache, dass er förmlich merkt, wie der Alkohol jegliche Energie aus seinem Körper zieht und ihn zusehends schwächer macht.
Als er zum Vorstand seiner Entsorgergemeinschaft bestellt wird, und man ihm das mitteilt, was er aufgrund der Entwicklung der letzten Wochen und Monate erwarten musste, ist er keinesfalls überrascht, sondern zu seiner eigenen Verwunderung eher erleichtert. Nicht zuletzt deshalb, weil er bereits eine Anstellung als Leiter der Seminarplanung in der Erwachsenenbildung in Aussicht hat.
Auch die Trennung von Lara sieht Simon Kaloff zunehmend in einem anderen Licht. Mit fortschreitender Zeit reift in ihm die Erkenntnis, dass er schon länger nicht mehr verliebt in seine Frau war, sondern am Ende nur noch wollte, dass die Ehe funktioniert. Nicht zuletzt, um in einem eingebildet harmonischen Zuhause einen Gegenpol zum aufreibenden Job zu wissen.
Simon Kaloff ist im Grunde seines Wesens ein lebensfroher, ein aktiver, sportlicher und nicht zuletzt auch ein überaus eitler Zeitgenosse. Und auf eben diese Attribute macht ihn seine innere Stimme, die sich anfangs noch zögerlich, später dann zunehmend intensiver durch den alkoholbedingten Gedankennebel kämpft, aufmerksam. Er muss sich endlich wieder an der frischen Lust bewegen, muss seinen Körper wieder in Form bringen und wieder regelmäßig und gesund essen. Mit dem Trinken aufhören indes will und kann er nicht. Aber zurückkehren zum moderaten Alkoholkonsum, der von wenigen Ausnahmen abgesehen erst in den Abendstunden beginnt und spätestens um Mitternacht endet – dazu sieht er sich nunmehr imstande.
Auch soziale Kontakte beginnt Simon Kaloff wieder aufzufrischen, hatte er doch in seiner `Absturzphase` jeglichen Kontaktversuch von Freunden abgeblockt. Ein paar Bier mit einem Kumpel, eine Pizza mit einer guten platonischen Freundin – es tut der geschundenen Seele gut, sich wieder mit vertrauten Menschen auszutauschen. Und es lenkt ab von der trüben Grundstimmung, in der sein Gemüt nach wie vor verharrt.
Wie es auch kulturelle Events tun. Als Simon Kaloff im Wochenblatt seiner Gemeinde liest, dass sein Freund Holger Eibel einen Vortrag im Siegburger Rhein-Sieg-Forum hält, entschließt er sich spontan, die Veranstaltung zu besuchen, obgleich ihn das Thema, es geht ums Träumen und um exotische Pflanzen, eigentlich nicht sonderlich interessiert.
Simon Kaloff hat so gerade noch die Kurve bekommen. Allerdings schläft er extrem schlecht und hat furchtbare Träume, seit ihn Lara verlassen hat. Vielleicht kann er ja auf dem Seminar seines Freundes lernen, wie er diesen Einhalt gebietet.
„Ich könnte heute Abend kurzfristig mit Maya ins Theater. Ihre Freundin ist krank geworden. Gehst Du dann `ne ausgiebige Runde mit Hermes, wenn Du von der Arbeit kommst?“
„Ich hab` doch heute Stammtisch, Schatz“, erinnert Fabian Reinert seine Frau am Telefon.
„Stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Na, dann wird das zu knapp, die Vorstellung fängt bereits um 19:00 an und ich bin nicht vor 18:00 zu Hause.“
„Tut mir leid, Marie.“
„Musst Du denn heute Abend…ich meine…kannst Du auf Deine neuen Stammtischbrüder nicht noch einmal verzichten?“
„Ungern, Schatz. Weißt Du, heute kann ich es gerade mal einrichten. Wer weiß, ob ich in den nächsten Monaten gerade am ersten oder dritten Mittwoch Zeit habe.“
„Ja, dann…“
„Du findest bestimmt einen anderen Termin, um mal mit Maya ins Theater zu gehen.“
„Bestimmt, ja. Und Hermes geht nun mal vor.“
„So sieht es aus, Schatz.“
„Bis heute Abend dann.“
„Bis heute Abend. Und geh` ruhig früh ins Bett und schlaf` Dich mal aus – kann später werden bei mir. Die Jungs vom Dorf sind bestimmt recht trinkfest. Ich lasse Hermes dann nochmal kurz `an den Baum`.“
Als Fabian Reinert das `Aggereck` betritt, sitzen lediglich zwei Männer an der kleinen, urigen Theke, die wie ein Relikt aus den 60er oder 70er Jahren anmutet. Er schaut sich um, dann sieht er Lennard Gutzeit, der hinten rechts an einem großen Tisch mit sechs anderen Männern sitzt, heftig winken, und begibt sich zu der Gruppe.
„Hallo Fabian, schön dass Du es einrichten konntest. Setz` Dich doch!“
Lennard Gutzeit weist seinem `Hundebekannten` einen Stuhl direkt neben sich zu und stellt ihm die anderen Anwesenden kurz vor. Alles Männer, die ungefähr in seinem Alter sind, ein Mix aus Einheimischen und Zugezogenen wie ihm, die hier zweimal im Monat zusammenkommen und wohl auch außerhalb des Stammtischs mitunter so einiges unternehmen. Ein netter Kreis, denkt sich Fabian Reinert, der es sich seit seinem Umzug von Köln ins Bergische Land doch so sehr gewünscht hat, endlich Bekanntschaften in der neuen Heimat zu machen.
Man unterhält sich über die Region, über Sport, streift das Thema Mann & Frau und reißt den ein` oder anderen Kalauer. Vor allem aber wird viel getrunken. Eine Runde Kölsch jagt die andere, zwischendurch wird bisweilen auch ein Schnaps bestellt.
Als zu später Stunde einer der Stammtischbrüder eine Islamisten-Demonstration in Köln, die seit einigen Tagen die Schlagzeilen der Nachrichtensendungen beherrscht, erwähnt, wird es zu später Stunde politisch in der vom Alkohol beseelten Runde.
„Die einzige Lösung ist das Kalifat. Die wollen, dass ein! Kalif über das deutsche Volk herrscht. Und solche Forderungen lassen die Herren da oben tatsächlich zu. Man mag es kaum glauben“, mokiert sich einer der Männer.
„Wisst Ihr, was das bedeutet? Die fordern, dass die Scharia die Grundlage staatlichen Handels sein soll. Hier bei uns in Deutschland! Heißt: Keine demokratischen Prinzipien, dafür Auspeitschungen und Steinigungen. Na dann, gute Nacht!“
„Es fing doch schon mit der Moschee in Köln an. Im altehrwürdigen Ehrenfeld so ein Ding hinzustellen…“
„Stimmt“, pflichtet Fabian Reinert bei. „In Ehrenfeld gibt es auch praktisch keine alteingesessene Kneipe mehr, bis auf das `Haus Scholzen` und den `Schwazze Köbes`. Überall Türkenläden drin.“
„Die übernehmen alles, die Islamisten. Das ist nur eine Frage der Zeit, wenn das so weitergeht und wir uns das gefallen lassen.“
Die neuen Freunde sprechen Fabian Reinert durchaus auch der Seele.
„Ich bin in Köln-Braunsfeld aufgewachsen. Ein äußerst konservativer Stadtteil. Als ich letztens noch einmal dort war, habe ich gesehen, dass da jetzt auch eine Döner-Bude aufgemacht hat.“
„Das muss ein Ende haben!“, einer der Männer haut mit der Faust auf den Tisch.
„Und dazu braucht es Politiker, die diese Problematik offen benennen und nicht einen auf Willkommenskultur und wir-haben-uns-alle-lieb machen. Wir haben uns bereits jetzt so viele von diesen Verblendeten ins Land geholt, dass wir die Sache kaum mehr kontrollieren können.“
„Es ist schon erstaunlich, wie sich die Aussagen der Politiker in den letzten knapp zehn Jahren verändert haben. 2015 galt man noch als Rassist, wenn man eine Stärkung der Außengrenzen, eine schärfere Kontrolle, wer da in unser Land kommt und umgehende Abschiebung derer, die hier über die Stränge geschlagen haben, gefordert hat. Und jetzt, jetzt propagieren genau das die Politiker selber.“
„Aber sie labern nur! Sie handeln nicht! Völlig egal, ob man die CDU, SPD, Grüne oder FDP wählt – es wird nichts passieren, weil die alle nur die nächste Wahl gewinnen wollen und keiner von denen den Arsch in der Hose hat, WIRKLICH etwas gegen diese Mullahs zu unternehmen!“
„Ja, aber gar nicht wählen gehen ist ja auch keine Lösung“, wendet Fabian Reinert ein.
„Nein – und deshalb: alle Kreuzchen für die reche Partei!“
„Alle Kreuzchen rechts“ brüllen die Stammtischbrüder mehrmals im Chor. Und merken nicht, dass Fabian Reinert ob der gesanglichen Darbietung ein wenig perplex dreinschaut…
„Hallo Holger, wie geht es Dir?“
„Simon! Schön, von Dir zu hören. Wir haben uns ja länger nicht mehr gesehen.“
„Ich Dich schon.“
„Was?“
„Also, ich habe Dich gesehen. Vorgestern. Im Rhein-Sieg-Forum.“
„Du warst auf meinem Vortrag. Warum hast Du mir denn nichts gesagt? Wir hätten uns doch danach treffen können.“
„Das war eine ganz spontane Idee, Holger. Ich habe erst drei Stunden vorher in den Rheinischen Anzeigenblättern von Deinem großen Auftritt gelesen.“
„Großer Auftritt – na ja…“
„Nun sein mal nicht so bescheiden – der Saal war doch voll und Du hast die Leute richtig mitgenommen.“
„Meinst Du?“
„Das meine ich nicht nur, das war so. Und mich übrigens auch.“
„Freut mich, dass es Dir gefallen hat.“
„Also, mir hat gerade eben mein `Date` für heute Abend abgesagt. Wenn Du spontan Zeit hast…“
„Dein `Date`. Gibt es da eine adrette Dame, von der ich wissen sollte?“
„Unbedingt. Die ist von einer Seniorenbetreuung und wollte mit mir über die Pflege meiner dementen Mutter sprechen.“
„Tut mir leid, Holger. Das war blöd von mir.“
„Nein, war es nicht, konntest Du ja nicht wissen. Wie sieht es aus: springst Du ein für die `adrette Dame`?“
„Gern, ich habe nichts vor heute Abend.“
„Da freue ich mich. Um halb sieben in den `Bergischen Stuben`?“
„Sehr gern. Bis gleich.“
Bereits zwei Stunden später sitzen die Freunde an der Theke zusammen.
„Du hast doch immer gepennt wie ein Murmeltier. Und jetzt interessiert Du Dich für meine `Oneis` Was ist denn los mit Dir, Simon?“
Simon Kaloff erzählt vom Auszug seiner Ehefrau und seiner nächtlichen Begegnung mit Bea Sander, worauf sein Freund lauthals an zu lachen fängt.
„Ach so läuft der Hase…“
„Es war so entspannend, weißt Du. Das war wie ein Kurzurlaub.“
„So, so. Und jetzt möchtest Du an den Urlaubsort zurück, was?!“
„Nichts lieber als das“, Simon Kaloff lacht.
„Bea Sander. Die ist aber auch eine Hübsche.“
„Ja, was?!“
„Ich kann verstehen, dass Du diesen Traum gern weiter geträumt hättest.“
„Kann man denn irgendwie beeinflussen, was man träumt?“
„Ich bin kein Traumforscher, Simon. Aber nach allem, was ich weiß, ist das, wenn überhaupt, nur in sehr engen Grenzen möglich. Bea Sander nach dem Live-Spiel am Abend zu Dir ins Schlafzimmer befehlen, das wird nicht funktionieren.“
„Was bewirken denn diese Traumkräuter?“
„Als Traumkräuter bezeichnet man psychoaktive Pflanzen, die sich durch ein trauminduzierendes Wirkverhalten auszeichnen. Die Wirkung besteht dabei meist darin, dass das nächtliche Traumerleben lebhafter und klarer gemacht wird. Auch kann die Traumerinnerung intensiviert, verlängert oder bewusster gemacht werden. Genau mit diesen Zielsetzungen wurden einige dieser Oneirogene im Laufe der Menschheitsentwicklung in den Praktiken verschiedener Kulturen auf der ganzen Welt eingesetzt.“
„Oreinogene – noch nie gehört.“
„Oneirogene sind eine Klasse von Entheogenen, also von bewusstseinsverändernden Drogen, die sich speziell auf Traumzustände und nicht auf Wachzustände auswirken. Die Etymologie des Wortes ist griechisch: `óneiros` bedeutet `Traum`, während `gen` für `erschaffen` steht. Zusammengenommen bedeutet das Wort also so viel wie `Träume erschaffen`“.
„Wenn ich Dir so zuhöre, komme ich mir vor, wie ein dummer Schuljunge.“
„Brauchst Du nicht. Ist halt mein Steckenpferd, das weißt Du.“
„Was sind das denn genau für Kräuter?“
„Da gibt es eine ganze Reihe. Einige Beispiele sind das Mexikanische Traumkraut, der Beifuß, der Sonnenöffner, der Intelligenzbaum sowie die Xhosa-Traumwurzel.“
„Und die wirken alle gleich?“
„Keinesfalls. Jedes Traumkraut hat leicht unterschiedliche Wirkungen, die sich zudem auch von Mensch zu Mensch unterscheiden können. Die Kategorien reichen von realistischen, erinnerungsähnlichen Träumen bis hin zu fremden, abstrakten Traumwelten. Außerdem kann dasselbe Kraut bei derselben Person von Nacht zu Nacht unterschiedliche Erfahrungen auslösen. Generell verstärken sie jedoch allesamt Träume auf die eine oder andere Art und Weise. Dies kann bedeuten, dass Träume klarer oder auf andere Weise stärker, lebendiger und greifbarer werden.“
„Faszinierend. Ich könnte Dir noch Stunden zuhören.“
„Das freut mich.“
„Und wie nimmt man das Zeug ein?“
„Viele Traumkräuter können oral eingenommen oder geraucht werden. Einige Oneirogene werden auch zum Räuchern des Schlafzimmers verwendet“ (15).
„Hört sich gut an, das mit dem Räuchern.“
„Deine Frau wird sich freuen.“
„Meine Frau?“
„Sorry, Simon, das ist noch gar nicht richtig bei mir angekommen, dass Lara Dich verlassen hat.“
„Könntest Du mir denn vielleicht was von dem Zeug besorgen oder mir zumindest sagen, wo ich die Kräuter bekomme?“
„Was bringt Dir das? Du hast einmalig von Bea Sander geträumt. Die kommt so schnell nicht wieder. Allerdings…“
„Was?!“
„In Studien ist es nach Einnahme des Afrikanischen Traumkrauts sogar einigen Probanden gelungen, wieder in ihren Traum zurückzukehren.“
„Sag` bloß. Dann möchte ich es unbedingt…“
„Sachte, sachte, Junge. Das waren Träume, die erst ein paar Minuten vorher geträumt wurden und nicht, wie in Deinem Fall, bereits ein paar Tage her sind.“
„Ich möchte es trotzdem versuchen. Weißt Du, ich träume so dermaßen schlecht in letzter Zeit.“
„Ok, dann besorge ich Dir was. Ich kriege die Kräuter ein bisschen günstiger, als sie im Handel zu bekommen sind.“
„Danke! Und welches soll ich nehmen?“
„Lass mich überlegen… In Deinem Fall…versuchen wir es mit dem Sonnenöffner. Das Kraut ist sehr entspannend, ich habe den Eindruck, sowas kannst Du im Moment gebrauchen. Habe ich selbst schon ausprobiert.“
„Sonnenöffner – der Name gefällt mir. Vielleicht geht ja dann auch für mich die Sonne wieder auf“, sagt Simon Kaloff betont melancholisch.
„So schlecht geht es Dir, alter Knabe?“
„Nein, noch viel schlechter…“
„Oje! Das hört sich wirklich nicht gut an. In drei oder vier Tagen kommt das Kraut per Post.“
„Und das Geld?“
„Unser nächstes Tête-à-Tête in irgendeiner Spelunke geht auf Dich.“
„Danke, Holger.“
„Nichts zu danken.“
