Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen - Wolf Wondratschek - E-Book

Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen E-Book

Wolf Wondratschek

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Beschreibung

Wolf Wondratscheks literarischer Band über das Boxen versammelt – in einer erweiterten Neuausgabe – alles, was der Autor zu diesem Thema geschrieben hat. Selbst großer Fan des Boxsports erzählt er in seinen Reportagen, Geschichten und Gedichten von Triumphen und Niederlagen, von der Intelligenz, der Technik und der Schlagkraft der besten Faustkämpfer. Und vom Schriftsteller als „einzigem Bruder des Boxers, dem Verbündeten seiner Einsamkeit“.

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Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen

Der Autor

Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Seit 1967 lebte er als freier Schriftsteller zunächst in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick, Ende der Achtzigerjahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Er lebt seit 1996 in Wien.

Das Buch

Wolf Wondratscheks literarischer Band über das Boxen versammelt – in einer erweiterten Neuausgabe – alles, was der Autor zu diesem Thema geschrieben hat. Selbst großer Fan des Boxsports erzählt er in seinen Reportagen, Geschichten und Gedichten von Triumphen und Niederlagen, von der Intelligenz, der Technik und der Schlagkraft der besten Faustkämpfer. Und vom Schriftsteller als »einzigem Bruder des Boxers, dem Verbündeten seiner Einsamkeit«.

Wolf Wondratschek

Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen

Ullstein

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© Wolf Wondratschek (2021)Erweiterte Neuausgabe der unter dem TitelIm Dickicht der Fäuste. Vom Boxen im Jahr 2005erschienenen Textsammlung© dieser Ausgabe by Ullstein Buchverlage GmbH,Berlin 2021Alle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: brian barth, berlinAutorenfoto: © privatE-Book powered by pepyrus.comISBN 9783843725958

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Inhalt

Titelei

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

Reportagen,Stories

Im Dickicht der Fäuste

Die weiße Hoffnung

Im Wendekreis des Solarplexus

Danke, Schmeling

Die Peitsche knallt immer am Ende

Kampfrekord

Documenta Boxing

Hör zu, Henry: Pfeif auf die Gesellschaft

Der Weltmeister, mein Friseur und ich

Gut so, die Welt bleibt ungerecht!

Auch Träume muß man trainieren

Vom Triumph einer Niederlage

Gedichte

»Nimm mein Mädchen«, sagt der Boxer,»alles andere ist zu kompliziert!«

The Thrilla of Manila

Als Profiboxer bin ich zu alt

Die Nacht, als Henry Maske gegen Virgil Hill boxte

Artikel,Interviews

Warum Amerika, Herr Grupe?

Warum ist Boxen so oft Schiebung, Herr Bergmann?

Ali boma ye

Mike Tyson

Wladimir Klitschko

Ali zum 60. Geburtstag

White Collar Boxing

Zum Tode Max Schmelings

Warum sich Schriftsteller, fragen Sie, für den Boxkampf interessieren?

Verbeugung vor dem Krummen

Daß es weh tut, muß sein!

Joe Frazier

Der mit den Fäusten tanzte

Eine Erinnerung an Muhammad Ali

Die Nacht von London

Ein paar Anmerkungen

Anhang

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Reportagen,Stories

Widmung

Dem Tänzer Ivan Liška!

Motto

Guter Mann, wenn ich dir sage,daß eine Fliege einen Pflug ziehen kann,frag mich nicht wie –spanne sie an.

Muhammad Ali

Dieser silberne Würfel inmitten des dunklen riesigen Ovals, wo dichtgedrängte Reihen zahlloser menschli­cher Gesichter den Zuschauer von oben an reife, auf schwarzem Grund ausgestreute Maiskörner erinnern – dieser silberne Würfel schien nicht mit Hilfe der Elektrizität erhellt zu sein, sondern durch die konzentrierte Kraft aller Blicke, die sich aus der Dunkelheit heraus auf ihn richteten.

Vladimir Nabokov

Englische Schwergewichtsmeisterschaft in der Royal Albert Hall in London am 30. 11. 1933, Kampf Len Harvey gegen Jack Petersen

Reportagen,Stories

Im Dickicht der Fäuste

»You German?« … Den Männern mit den breiten Nasen fällt dazu immer nur eine Geschichte ein. Es ist eine alte Geschichte, aber sie erinnern sich gut.

New York City, 19. Juni 1936 – eine rabenschwarze Nacht. Max Schmeling besiegt Joe Louis; mehr noch und schlimmer: Er knockt ihn aus. Der Favorit liegt im Ringstaub. Die Arme des Ringrichters breiten sich aus über ihm wie die Flügel eines Todesengels. Die Sensation ist perfekt. Die Männer, die sich erinnern, sehen noch heute aus, als hätten sie in dieser Nacht eine Menge Geld verwettet. Aber sie finden bestätigt, was sie immer gewußt haben: you never know.

In jener Nacht siegte Max Schmeling, ein weißer Mann, ein Berufsboxer aus dem Reich der nahenden Apokalypse, ein Mann ohne Chance, angeblich jedenfalls.

Was hat er vor dem Kampf vor sich hin gemurmelt? »I zee zumting. I zee zumting.« Aber was sieht er? Was will er? Er will gewinnen. Und was er sieht, ist seine Chance, die Chance seines Lebens.

As the heavyweights go so goes boxing.

»Wenn ich abtrete, wird das Boxen wieder in der Versenkung verschwinden. Die Fans mit den Zigarren und den Hüten im Genick werden noch kommen, aber nicht mehr die Hausfrauen, der kleine Mann auf der Straße und die ausländischen Regierungschefs. Es wird wieder die alte Geschichte sein: Ein Boxer kommt in die Stadt, riecht an einer Blume, stattet dem Krankenhaus einen Besuch ab und behauptet: ›Ich werde gewinnen.‹«

Das sagte Muhammad Ali 1967.

»Das hat man auch nach Marciano und Louis und Willie Pep geglaubt«, sagt Al Braverman, selbst einmal Boxer, heute Trainer und Manager. »Richtig ist, daß jedesmal nach solchen Ausnahmeathleten eine Flaute eintritt, zweitrangige Boxer werden Weltmeister, der Titel wechselt häufiger, das Interesse der Öffentlichkeit läßt nach. Aber irgendwann wird es wieder einen Ali geben … Schauen Sie«, sagt Braverman und zeigt mir ein Boxmagazin mit Sugar Ray Leonard auf dem Cover. »Vor drei Jahren noch Amateur, gewinnt die Goldmedaille, wird Weltmeister, von Angelo Dundee, dem Trainer von Muhammad Ali, trainiert, bereits mehrfacher Millionär, besitzt einen Vertrag mit dem Fernsehen für die nächsten Fights. Ein gemachter Mann … und wie Ali ohne eine einzige Schramme im Gesicht.«

Den Männern mit den Zigarren und den Hüten im Genick sind Regierungschefs, Hausfrauen und der kleine Mann auf der Straße gleichgültig. In der Regel reicht ihnen ein Boxer, der an einer Blume riecht und gewinnt. Aber sie nehmen auch einen, der nichts mehr riecht und verliert. Al Braverman, ein imposanter Mann in den Sechzigern, groß und immer noch beeindruckend stark, liebt gute Boxer, gibt sie aber ohne jede Sentimentalität auf, wenn das Geschäft für beide Partner aussichtslos geworden ist.

Braverman trainierte Leute wie Tom McNeeley, Frankie DePaula, Jimmy Dupree und Chuck Wepner. Er war Pressechef bei Sonny Liston, stand bei Carlos Ortiz in der Ringecke.

Wie man in Nat Fleischers ›Ring Boxing Encyclopedia‹ nachlesen kann, war Braverman allerdings nicht gerade vom Glück verfolgt: Die vier genannten Boxer, die er trainierte, haben ihre Weltmeisterschaftskämpfe verloren. Und so ist auch Al Braverman nie so recht reich geworden. »Ein lausiges Geschäft, bei dem man gerade die Unkosten abdeckt.«

Sein Büro, über das er diese Geschäfte abwickelt, ist ein kleiner, enger Antiquitätenladen an der Jerome Avenue am Ende der Bronx. Die meiste Zeit verbringt er damit, Leute abzuwimmeln, die ihm wertlosen Schmuck und zersprungenes Porzellan andrehen wollen. Kein Wunder, daß der Antiquitätenladen mittlerweile eher einer Rumpelkammer mit mindestens zwei Schichten Staub obendrauf gleicht – was Braverman nicht beunruhigt. Auch die Gegend hier läßt ihn kalt.

Es ist eine wilde, wüste Gegend. Leere Häuser, kalte, kantige Fabrikmauern, Bars, Hot-dog-Joints. Kopfhoch wächst zwischen Gehweg und Straße das Gras. An den Straßenecken Schwarze. Sie stehen auch unter den Eisenstützen der Subway oder in Hauseingängen, kiffen, warten, trinken. Eine Welt – zerbombt von Hoffnungslosigkeiten. Dreck, Ratten, Disco-Sound. In dieser Welt hat schon stattgefunden, worauf wir alle mit Schrecken uns erst gefaßt machen: der Dritte Weltkrieg. Und mittendrin in diesem erstarrten Inferno Al Braverman. Mehrere Male unterbricht uns an diesem Nachmittag das Telefon.

Der erste Anruf kommt aus Kanada. Um was es geht? Braverman soll gegen front-line-money, Bargeld also, einen Boxer vermitteln. Aber nicht etwa irgendeinen – und schon gar nicht einen besonders guten. Ich verstehe das nicht auf Anhieb und denke an all die Gerüchte, die den Boxsport schon immer begleitet haben, Gerüchte über Schiebungen, gekaufte Sieger und erschwindelte Knockouts …

»Die Leute in Kanada«, erklärt mir Braverman geduldig und mit Nachsicht, »wollen einen jungen, talentierten Boxer aufbauen. Der Junge braucht in erster Linie Erfahrung. Was er aber nicht gebrauchen kann, sind Niederlagen.«

»Die verlangen einen nicht besonders guten Boxer?«

»Jeder junge Boxer, der einen guten Manager hat, wird anfangs gegen Gegner gestellt, die er besiegen kann.«

»Aber wenn Ihr Mann nicht gewinnen darf, ist es Schiebung.«

»Ein mismatch, wie wir sagen. Ein ungleicher Kampf einfach, nichts weiter.«

»Aber der Boxer, den Sie nach Kanada schicken, hat keine Chance.«

»Keine.«

»Und dafür sorgen die Manager …«

»Sie sorgen dafür, daß ein junges Talent zum richtigen Zeitpunkt den jeweils richtigen Gegner boxt. Erst wenn er genügend Erfahrung besitzt, läßt man ihn gegen Ranglistenboxer antreten.«

»Und dann wird es ernst?«

»Dann ja …«

Braverman macht den Handel mit Kanada perfekt. Er wird also einen Boxer auftreiben, der von zwölf Kämpfen mindestens acht verloren hat, in Geldschwierigkeiten steckt und aufgehört hat, von einer großen Zukunft zu träumen. Er kennt von dieser Sorte eine Menge.

Dann ein Anruf aus London. Frage, ob Braverman an einem Geschäft in England interessiert ist. »Selbstverständlich.« Ob er ein paar der besten Schwer-, Mittel- und Weltgewichtler der Staaten nach England vermitteln kann, um sie gegen Commonwealth-Champions antreten zu lassen? »Und was ist mit Mickey Duff?« will Braverman wissen. Mickey Duff, der große Mann im Boxmanagement Großbritanniens, ist Braverman immer ein guter Freund gewesen.

»Diese Sache soll ohne ihn laufen.«

»Das geht nicht«, schreit Braverman bis nach London. Trotzdem läßt er sich die Sache ganz ausführlich erläutern, hört aufmerksam zu, nickt, und ganz allmählich scheint er sogar zuzustimmen. Braverman wittert einen guten Job. Die Größenordnung interessiert ihn. Außerdem könnte er tatsächlich die gewünschten Fighter besorgen.

Den Rest der Konversation, die ich leider nur einseitig verfolge, bestreitet Braverman mit einem einzigen lakonischen »Läßt sich alles, alles machen«.

»Wir sind Freunde, Mickey und ich«, erklärt er mir, »aber warum nicht einmal den Partner wechseln? Das belebt das Geschäft. Bessere Boxkämpfe. Mehr Fans. Mehr Geld für die Boxer …«

»So gesehen …«, sage ich und verzichte darauf, die ganze Sache moralisch zu sehen. Ich werde mich hüten. Braverman ist todsicher ein unsentimentaler, harter Knochen – und in einer Welt der Wölfe muß man heulen. Im Augenblick ist er mit den Vorbereitungen zu einem Madison-Square-Garden-Hauptkampf beschäftigt. Braverman managt und trainiert John »Dino« Dennis, 27, einen weißen Oldtimer, der seine letzte Chance auf ein Comeback haben wird, wenn er im Garden gegen einen 21 Jahre jungen Weißen antritt, der sich »Gentleman« Gerry Cooney nennt, von seinen Managern und der lokalen Presse rund um New York als »kommender Schwergewichtsweltmeister« angepriesen.

Ich habe Cooney draußen in New Jersey einen schnellen K.-o.-Sieg feiern sehen über einen langsamen, uninteressiert wirkenden schwarzen Boxer, der zur fünften Runde einfach nicht mehr angetreten ist, obwohl er keineswegs angeschlagen war.

»Seine Manager haben ihn zu lange gegen Nieten boxen lassen«, sagt Braverman, »das wird sich gegen meinen Boxer rächen.«

»Er soll einen guten, harten Punch besitzen.«

»Sagt man«, sagt Braverman.

Er erzählt, wie er das ursprünglich bestehende Kampfangebot, Cooney in dessen Heimatstadt Huntington, Long Island, zu boxen (für vielleicht 5000 Dollar), auf 20 000 pro Boxer und Madison Square Garden in die Höhe trieb.

»Wie kommen die Manager von Cooney dazu, meinen Mann herauszufordern – für ein Trinkgeld?«

Er wirkt, selbst wenn er den ausgekochten Geschäftsmann gibt, sympathisch. »Cooney, das wußten wir, trainierte bei Gleason’s. Also tauchte ich mit Dino eines schönen Tages dort auf. Die beiden sparren zusammen. Nicht lange, zwei Runden. Dann hole ich Dino aus dem Ring. Seinem Manager sage ich: ›Ihr habt recht, Cooney schlägt zu hart.‹ Ich sage, was sie alle behaupten, genau das, was sie hören wollen: Cooney hat einen Punch. Das steht natürlich am nächsten Tag auf der Sportseite. Das ist politics.« So nennt man alles, was sich außerhalb eines Boxrings abspielt.

»Wenn Dennis verliert, was dann?«

»Was dann? Er kam aus dem Nichts und wird wieder dahin zurückkehren.«

»Das sagen Sie ihm auf den Kopf zu?«

»Boxer kommen und gehen. Ich habe ein gutes Tausend davon gesehen. Aber die Trainer und die Manager bleiben.«

»Als Dennis gegen George Foreman boxte, hatte er da überhaupt eine Chance? Ich meine, Foreman hatte immerhin Frazier und Norton vernichtet!«

»Dennis verdiente an diesem Abend 100 000 Dollar, mehr Geld, als er je in seinem Leben gesehen hat – endlich konnte er sich ein Häuschen für sich und seine Familie kaufen. Das ist es, woran er dachte, als er gegen Foreman boxte.«

»Aber ohne Chance …«

Foreman besiegte Dennis am 15. Oktober 1976 durch K. o. in der vierten Runde.

Mit einem alles andere als sehnsüchtigen Blick durch die Scheiben seines Antiquitätenladens sagt Braverman schließlich: »Es gibt genug, die boxen müssen.«

Alte Geschichten gehören zur Allgegenwart im Milieu des amerikanischen Profi-Boxgeschäfts. Sie liefern ihre wunderbaren Wahrheiten – und sie geben, in jeder gewünschten Lautstärke, Signale des Schreckens.

Das Fortdauern der alten Geschichten ist die Zukunft dieser vergessenen, arbeitslosen, gewalttätig gewordenen Jugendlichen da draußen, der hungrig­sten unter ihnen, der stärksten, ärmsten und auch der stolzesten.

Jede zukünftige Generation wird versuchen, die Wunder der Einmaligkeit zu wiederholen. Sie will so hart schlagen wie Rocky Marciano und so viel einstecken können wie Joe Frazier, will austeilen wie Floyd Patterson und auf gleich schnellen Beinen im Ring tanzen wie Ali. Die Generation in den Ghettos der großen Städte will von ihrem Glauben an die alten Geschichten profitieren. Das Einwanderungsgemisch der untersten sozialen Stufe hat nichts zu verlieren. Gerade deshalb sind diese Jugendlichen anfällig für den radikalen Gedanken, als Berufsboxer anzutreten.

Die alten Geschichten passieren heute, laufen täglich über den Fernsehschirm. Helden fallen, Anfänger siegen. Und wo denn anders als in einem Boxring werden so viele aussichtslose Kämpfe gewonnen? Carlos Palomino war ein kleiner Schuhputzjunge aus Mexico City, der davon träumte, eines Tages groß und stark und reich zu sein. Sein Traum wurde Wirklichkeit: Er wurde Boxweltmeister.

Sie leben und kämpfen auf der Straße und wissen schon von Kindesbeinen an ihre Fäuste zu gebrauchen. Sie sind die Bare-Knuckles der Gegenwart … bis sie eines Tages in eines der Box-Gyms gehen, ihren Schweiß ausbluten und lernen, was es heißt: im Training zu sein und am Ende mit einem anderen, gleichermaßen Hoffnungslosen zu boxen. Sie wollen von Anfang an nur das eine: Weltmeister sein, lange genug, um daraus eine lohnende Sache zu machen. Abkassieren wollen sie, Geld, viel Geld wollen sie verdienen, alles Geld dieser Erde – und es soll explodieren in chromblitzenden Fontänen.

Diese Generation besteht aus Jugendlichen, die noch immer nur eine einzige reale Alternative haben: entweder das Messer zu benutzen oder eben die Fäu­ste. Aber hat Sugar Ray Leonard ein Messer benutzt in Las Vegas, als er Weltmeister wurde? Hat jemand ein Messer gesehen? Nein, aber sie haben Angelo Dundee gesehen.

Damals in Tucson, Arizona, als Leonard gegen den argentinischen Ranglistenboxer Daniel Gonzalez antrat, wollte Angelo zuerst Everlast-Handschuhe haben, dann, eine Stunde vor dem Kampf, verlangte er plötzlich Reyes, eine mexikanische Marke. Reyes sind an den Knöcheln weniger gepolstert und gelten als Handschuhe für harte Puncher – aber Sugar ist keiner. Angelo lachte nur und sagte: »Dann paßt mal gut auf.«

Den Rest der Geschichte erzählte Dundee später einem Journalisten. »Ich ging vor dem Kampf noch einmal in Gonzalez’ Garderobe. Sie war voll mit Fans, Freunden, Reportern. Gonzalez hatte keinen Platz, um sich vor dem Kampf aufzuwärmen, er tat nichts, bewegte sich nicht, schwitzte nicht. Das ist der größte Fehler. Ein Boxer muß sich vorher warm machen. Er muß schwitzen. Ich ging zurück und sagte Sugar: ›Du wirst ihn gleich in der ersten Runde in die Ecke nageln.«

Und genauso passierte es. Gonzalez wurde nach zwei Minuten und drei Sekunden ausgeknockt. Leonard kassierte dafür 200 000 Dollar und brauchte danach noch nicht einmal unter die Dusche.

Boxen ist ein Urschrei. Boxen ist der Kompromiß, den eine mörderische Gesellschaft eingeht mit ihren Opfern. Nirgendwo sonst liegen Vernichtung und Triumph so spektakulär dicht beieinander wie im Boxen. Man muß schon an römische Gladiatorenkämpfe zurückdenken, um nachempfinden zu können, um welche Art Überleben es hier geht. (»Destroy and destruction«, sagt Marvin Hagler, »they’re the only two words I know.«)

Das Aufputschmittel der jungen Puertoricaner aus Brooklyn heißt Wilfred Benitez, der mit 17 Jahren Weltmeister im Weltergewicht wurde. Die mexikanische Minderheit in New York schwört auf ein anderes Idol, den Weltmeister José »Pippino« Cuevas, 19 Jahre alt. Alexis Arguello holte den Titel mit 22 Jahren. »The Harlem Spider«, Tommy Kelly, war 20 Jahre, Roberto Duran 21, Alfonso Zamora 20, als sie ihre Titel gewannen.

Kein Wunder, daß die Box-Gyms überlaufen sind mit jungen schwarzen Boxern, daß die jüngsten schon mit neun Jahren in die PALs (Police Athletic League) kommen, um ihre Fäuste zu bandagieren und ihre Träume wahr zu machen. Die PALs holen die Kinder von der Straße, noch bevor sie den Rauschgifthändlern in die Hände fallen oder sich in kriminellen Banden zusammenschließen. Fight the crime ist der Slogan der PAL-Boxabteilungen. Von dort wandern sie, angenommen, sie zeigen ein Mindestmaß an Talent und Begabung, in die Box-Gyms.

Das Gramercy-Gym (»Home of the Champions«) in der 14. Straße 116 East, im zweiten Stock eines Geschäftshauses der Jahrhundertwende, ist das älteste Manhattans. Hier arbeitete Cus D’Amato, einer der legendären Boxtrainer seiner Zeit. Hier bereiteten sich Floyd Patterson und José Torres auf ihre Kämpfe vor. D’Amato machte beide zu Weltmeistern. Rocky Graziano sparrte hier. Und erst vor kurzem war es Filmstar Robert De Niro, der im Gramercy für seine Rolle in ›Wie ein wilder Stier‹ das Boxen lernte.

D’Amato, von seinen Champions im Stich gelassen, verkaufte in den frühen Sechzigern an Al Gavin und Bob Johnson, die heute hier die sogenannten East-­Side-Fighter betreuen, junge Amateure und eine Handvoll angehender Profis. Kampfplakate an den Wänden erinnern an bessere, an die »goldenen« Zeiten, als Gavin und Johnson selbst noch geboxt haben – und Toni Canzi mit Paddy de Marco gut im Geschäft war. Canzi, ein kleiner, freundlicher, alter Herr, kommt heute immer noch jeden Tag ins Gym, um ein bißchen bei der Arbeit auszuhelfen, aber allzu viele Illusionen macht er sich nicht. »Zu viel Dilettantismus, keiner hat Stehvermögen, zu viel Geld überall – und außerdem kann sich jeder, wenn er es nicht auf Anhieb schafft, einen anderen Beruf suchen.«

Auf den ersten Blick hat Canzi unrecht. Im Gym trainieren an diesem Tag etwa 60 Boxer, mehr würden hier auch nicht Platz haben. Jeder Meter ist ausgefüllt. Sie alle arbeiten hart, verbissen, besessen. Beide Ringe sind mit sparrenden Kämpfern besetzt, andere warten. Wieder andere bearbeiten die Sandsäcke oder lassen sich den zentnerschweren Medizinball in die Rippen stoßen, um die Bauchmuskulatur abzuhärten. Selbst Arcadio »Pee Wee« Suarez, von seinem Trainer als Faulenzer eingestuft, absolviert sein Training nun schon ganze sechs Jahre, ohne bisher ins Licht der Öffentlichkeit gerückt zu sein. Immer neue Boxer kommen und beginnen ihr Training. Noch immer kommt auch Bobby O’Brian, der heute Polizist ist, zum Training. Ray Elson erholt sich bei zwei-, dreihundert Liegestützen von seiner schnellen K.-o.-Niederlage vor einer Woche in Jersey City. Ganz hinten in einer der Ecken zeigt Douglas Valiant, selbst einmal Herausforderer und mehrmaliger kubanischer Champion, seinem erst achtjährigen Sohn Doug jr. die Grundbegriffe. Louis »The Syrien« Hubela kommt jeden Tag nach der Arbeit von Brooklyn herüber und läßt sich von Canzi trainieren. Er hofft, eines Tages seine Chance zu bekommen und Howard Davis zu boxen, den jungen Großverdiener aus seiner Nachbarschaft. Viele hier bezweifeln, daß er jemals die Klasse besitzen wird, um Davis zu schlagen. »Manchmal weiß man einfach, daß man es schaffen kann, sagt er, »ich weiß, daß ich ihn schlagen kann, aber ich weiß nicht, ob ich jemals meine Chance bekomme.«

Sie alle schinden sich, rackern sich ab, plagen sich bis zur totalen Erschöpfung – auch ohne Kampfangebote, ohne finanzielle Unterstützung, die meisten ohne einen eigenen Trainer und Manager, die allermeisten nur, um sich – wie Canzi sagen würde – »auszudrücken«. Sie werden nie zu den Helden der Boxiana zählen.

Aber wie sagen die Experten, nachdem sie sich geirrt haben: you never know.

Das Solar-Gym (»Solar Sporting Club«) liegt in der 28. Straße 146 West, der Straße der Blumenhändler, im fünften Stock eines Lagerhauses. Hier ist Jaran Manzanet der Boß, ein junger Einwanderer aus der Dominikanischen Republik. Solar ist auch das Lieblings-Gym eines Weltklasseboxers gewesen: Emile Griffith, der gegen Dick Tiger den Mittelgewichtstitel gewann und gegen Nino Benvenuti wieder verlor. Er war zuvor schon Weltmeister im Weltergewicht gewesen, rückte dann wegen Gewichtsproblemen in die Mittelgewichtsklasse auf, holte den Titel, verlor ihn wieder. Wieder (nach vielen nicht gerade gesunden Schwitzkuren) ein Weltergewicht, versuchte er den Titel erneut zu holen – was ihm dann die Niederlage gegen José Nápoles einbrachte. Griffith machte weiter, diesmal wieder in der Mittelgewichtsklasse, wo er auf den jungen, starken Carlos Monzón traf, der gerade Nino Benvenuti besiegt hatte und Weltmeister geworden war. Griffith verlor knapp nach Punkten.

Griffith kämpfte wie kein anderer gegen Gewichtsprobleme und gegen die Zeit, die ihm davonlief. Er ist wirklich ein beeindruckendes Beispiel für Zähigkeit, Ausdauer und Härte, denn auch nach der Niederlage machte er sich Hoffnungen, erneut um den Titel zu boxen, diesmal in der neu geschaffenen Klasse des Junior-Mittelgewichts. Griffith war damals schon 39 Jahre alt.

Hier taucht nun zum zweitenmal ein deutscher Berufsboxer auf, der einmal Weltmeister war: Eckhard Dagge. Ihm wollte Griffith am 18. September 1976 in Berlin den Titel abnehmen. Dagge blieb Weltmeister. Nach drei weiteren Niederlagen, diesmal gegen unbedeutende Boxer, gab Emile Griffith endlich auf – nach insgesamt 93 Profikämpfen in 29 Jahren. Noch heute steht auf einer Tür des Solar-Gym geschrieben:

NO ENTRANCE EXCEPT EMILE.

Manzanet deutet auf eine handgeschriebene Liste jener berühmten Boxer, die alle einmal hier trainierten, darunter (neben Emile Griffith) Roberto Duran, Muhammad Ali, Ken Norton, Joe Frazier.