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Jedes Jahr wird ein Jüngling in das Labyrinth des Minotaurus herabgelassen, um gegen diesen zu kämpfen. Nun hat das Los Ama’il getroffen. Er weiß, er ist nur ein Opfer an das Ungeheuer. In den unübersichtlichen, dunklen Gängen findet er ein mysteriöses Lebewesen. Doch alles ist ganz anders als gedacht. Wird Vertrauen über die Angst siegen – und mehr? Eine von der Antike und ihren Mythen inspirierte Kurzgeschichte (keine Fantasy). Die ersten Seiten erschienen bereits in "Entführung in die Antike", Hrsg. von Steffen Marciniak. Die Hauptgeschichte umfasst 25 Buchseiten, die Bonusgeschichte "Der Traum des Fischers" 7 Seiten.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Title Page
Im Labyrinth des Minotaurus
Bonusgeschichte
Impressum
J. Walther
IM LABYRINTH DES MINOTAURUS
Jedes Jahr wird ein Jüngling in das Labyrinth des Minotaurus herabgelassen, um gegen diesen zu kämpfen. Nun hat das Los Ama’il getroffen. Er weiß, er ist nur ein Opfer an das Ungeheuer. In den unübersichtlichen, dunklen Gängen findet er ein mysteriöses Lebewesen. Doch alles ist ganz anders als gedacht. Wird Vertrauen über die Angst siegen – und mehr?
Eine von der Antike und ihren Mythen inspirierte Kurzgeschichte (keine Fantasy). Die ersten Seiten erschienen bereits in Entführung in die Antike, Hrsg. von Steffen Marciniak.
Gewidmet Björn
Er sitzt auf der Kante, gespannt, schaut hinab. Undurchdringliche Schwärze, unermessliche Tiefe. Die Ränder des Lochs sind brüchig. Gleich werden sie ihn hinunter lassen. Die Mädchen singen und schwenken Kränze – sie mussten weit zurückbleiben. Die Männer schauen ernst.
Angst hat er keine, er sollte, aber er empfindet nichts. Als sein Los aus dem irdenen Topf gezogen wurde, ist etwas in ihm gestorben. So, wie er da unten sterben wird. Keiner ist bisher zurückgekehrt. Warum soll er der erste sein? Jedes Jahr einer, ein Jüngling, ausgewählt aus sieben.
Er schwingt mit den nackten Beinen, die in der Luft hängen, seine Finger umklammern das poröse Gestein. Einige seiner langen Haarsträhnen kleben schon feucht an seinem Rücken, Schweiß läuft über den Nacken. Hinter ihm schwellen die Gesänge an. Ein Knabe spielt Flöte. Er ist hübsch, Locken fallen ihm in die Stirn, unter einem Band geordnet.
Sein Blick geht wieder in die Tiefe. Er weiß nicht, was ihn da unten erwartet. Kurz tastet er nach dem Feuerzeug, das er in seinem Gürtel versteckt hat, ebenso wie ein verschließbares Lämpchen mit Öl. Eine kümmerliche Menge, es wird nicht weit reichen. Er fürchtet die Dunkelheit nicht, aber was soll er ausrichten in der Schwärze?
Das einzige, was er mitnehmen darf, ist ein Schwert. Es ist aus Bronze, sie haben es ihm gegeben, verschwenden keines aus Eisen an ihn. Er ist ein Opfer, nichtsanderes. Warum kann man das Monster da unten nicht einfach in Ruhe lassen? Er fährt über die Klinge – wie soll er damit ein gehörntes Untier besiegen? Er weiß das Schwert nicht einmal zu führen, hat nur geübt, wie man die Herde mit einem Stock vor wilden Tieren verteidigt.
Plötzlich verstummen die Gesänge – es ist soweit. Zwei Männer kommen heran, ihre Muskeln glänzen vom Öl. Sie schlingen einen Strick um ihn. Er soll sich über die Kante hinunter lassen, sie halten ihn, aber dann seilen sie ihn ab. Langsam taucht er ein in die Schwärze, sie macht ihn zuerst blind nach dem grellen Sonnenlicht. Als seine Füße den Boden berühren, erkennt er schon wieder Konturen. Schutt und Steine bedecken den Boden, zum Glück trägt er Sandalen.
Er löst den Strick. Sofort wird dieserhinaufgezogen, verschwindet im Sonnenlicht.Dann sieht er sich um, er ist, soweit er das erkennen kann, in einem großen Palastraum. Immer mehr Details enthüllen sich seinem Auge, Türstürze und Säulen, eine Treppe.
Jetzt ist er auf sich gestellt, er strafft die Schultern. Vielleicht gibt es einen anderen Weg hinaus – das ist seine einzige Hoffnung. So es diesen Weg gibt, muss er ihn aufspüren, bevor das Untier ihn aufspürt – er hat wenig Zuversicht. Das Licht, das durch das Loch fällt, hilft ihm noch, während er den Saal erkundet. Die Wände sind prächtig bemalt, Gänge und Treppen führen aus dem Raum hinaus.
Aber er kann nicht hier unten verweilen, muss weiter. Seine Hände zittern, als er Funken schlägt, das Lämpchen entzündet. Er entscheidet sich für einen Gang, das flackernde Licht ist spärlich. An den Wänden tummeln sich Fische, blau und gelb, der Sockel ist rotbraun. Während er weiter eilt, entgeht ihm doch die Qualität der Fresken nicht. Dies ist ein alter Palast, verschüttet von einem Vulkanausbruch vor Menschengedenken, aber die Farben strahlen noch immer wie frisch gemalt.
Eine Rampe führt nach oben, er wählt diesen Weg – eine eingestürzte Wand zwingt ihn jedoch zur Umkehr. Ein anderer Gang führt weiter, Friese aus ineinander verschlungenen Spiralen leiten hin. Die Luft wird dünner, die Lampe schwächer und ihn packt Angst, hier unten zu ersticken. Wo ist das Untier nur, der Herr dieses Labyrinthes?
Endlich führt eine Treppe höher, ein Lufthauch scheint von oben zu kommen, aber vielleicht gaukeltihm das sein Geist auch nur vor. In einem Raum entdeckt er Säulen, sie umstanden wohl einst einen Lichthof. Nun verspürt er den Luftzug deutlich, eine Ritze ins Freie verheißend. Er untersucht den Raum gründlich, findet jedoch keinen Weg.
Also weiter – ein enger Gang, die Lampe flackert, das Öl wird knapp. An den Wänden Oktopus-Tentakel und hohe Pflanzen. Sie scheinen sich zu bewegen. Panik greift mit kalten Krallen nach ihm. Da, an einem Türsturz, Fackeln. Schnell entzündet er eine, löscht das Lämpchen. Nun hat er Licht, es wird ihn leiten – vielleicht hilft es.
Es ist unendlich still hier unten – wie in einem Grab. Das ist es ja auch. Wo versteckt sich das Monster? Sucht es ihn nicht? Müsste es ihn nicht wittern mit seinen Nüstern?
Ein Raum, wieder mit plumpen Säulen – da scheint Licht zu sein, er löscht die Fackel. Nach einer Weile nimmt er einen Schimmer wahr, geht dem nach – wieder nur eine winzigerSpalt. Er muss nah an der Oberfläche sein, doch was nützt ihm das?
Eine breite Treppe führt wieder nach unten, er entzündet eineFackel. Es muss einen Weg geben, er ist nicht ohne Hoffnung. Affen und Greife zieren jetzt die Wände, in hellen Farben und noch prächtiger als zuvor. Er durchquert große Räume, vielleicht Prunkgemächer. Tiefer hinab geht es und seine Verzweiflung wächst. Bald muss er zur zweiten Fackel greifen.
Dann, nach einem engen Gang, öffnet sich ein Saal, das Licht dringt nicht weit, aber er ahnt, dass der Raum riesig und hoch ist. Halb eingestürzte Zwischenwände, Schutthaufen – er erkundet vorsichtig weiter. Ein Gefühl sagt ihm, dass hier etwas sein könnte. Eine gesprungene Säule, verwitterte Wände, ein halb verborgener Türsturz.
Plötzlich fährt er herum, da war ein Geräusch, leise nur. Im Lichtschein ein Schatten, nur einen Wimpernschlag lang sieht er ihn. Sein Herz schlägt laut, wird ihn verraten. Nein, das hat seine Flamme schon getan. Er reißt das Schwert aus dem Gürtel. Leises Poltern. Soll er fliehen? Was immer da ist, setzt ihm nicht nach. Das gehörnte Untier hätte ihn schon längst niedergerungen.
Doch der Schatten schien ihm nur klein zu sein. Aber vielleicht gaukeln ihm sein Sinne Trügerisches vor. Wie erstarrt steht er immer noch da. Versucht seinen Atem und seinen Herzschlag zu besänftigen, zu lauschen. Ohne Erfolg. Schließlich rafft er seinen Mut zusammen, setzt einen wackeligen Fuß vor den anderen.
Da – Steine poltern, eine Gestalt flieht vor ihm. Er setzt nach, erwischt einen Schatten, der behände über Schutt gleitet und plötzlich abspringt. Ein Geist war das nicht.
