Im Schwitzkasten der Gesellschaft - Cemil Sahinöz - E-Book

Im Schwitzkasten der Gesellschaft E-Book

Cemil Sahinöz

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Beschreibung

Im Schwitzkasten der Gesellschaft. Soziologie und Psychologie des Wrestlings Wrestling ist ein weltweites Phänomen zwischen Sport, Theater und sozialem Experiment. Dieses Buch öffnet den Blick hinter die Seile und nimmt Sie mit auf eine Reise durch die Geschichte, Soziologie, Psychologie und Faszination des Wrestlings. Von den goldenen Zeiten der Territorien bis zur globalen Dominanz, von japanischen Ritualen bis zur mexikanischen Maskentradition, von Kindheitsfantasien bis zu Social-Media-Inszenierungen. Erfahren Sie, welche Rolle das Publikum spielt, warum Helden fallen und wiederauferstehen, wie Familien-Dynastien und Rivalitäten das Geschäft prägen, wie Wrestling uralte Rituale und moderne Mythen vereint, welche psychologischen und soziologischen Kräfte hier am Werk sind, warum die Geschichten aus dem Ring unsere Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen widerspiegeln und was dieses Spektakel über unsere Sehnsüchte, Konflikte und Werte verrät. Dabei geht es aber auch um Machtspiele, gekränkte Egos, gebrochene Helden und die ewige Suche nach Anerkennung. Es geht um Aufstieg und Fall, um Helden und Verräter, um die dunklen Seiten des Ruhms und die psychologischen Dramen, die sich im Schatten des Rings abspielen. Von manipulierten Karrieren über Machenschaften, hier wird Wrestling zu einem Spiegel der Gesellschaft. Dieses Buch verbindet die spektakuläre Welt des Wrestlings mit tiefen soziologischen und psychologischen Einblicken. Es ist eine Reise in die Köpfe der Stars, der Fans und in die Strukturen einer Industrie.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Vorwort

Die Geschichte des Wrestlings

Eine soziologische Analyse des Wrestlingphänomens in Deutschland

Publikum, Sozialisation und Wirkung

Typus des Wrestling-Zuschauers

Die Rolle des Publikums: Zwischen Mitspieler, Richter und Opfer. Eine Sozialpsychologie der Zuschauerreaktionen

Wrestling und Kindheit: Wenn Idole die Psyche prägen

Macht Wrestling Kinder und Jugendliche gewalttätig?

Wrestling im Kinderkopf – Warum Fantasieligen mehr waren als Spiel

Geschichte, Märkte und Medienwandel

Die Ära der Territorien im Wrestling – Und wie Vince McMahon das System zerstörte

WWE und der Griff nach der Vorherrschaft: Eine Analyse der Übernahmen im Wrestling-Geschäft

Die Monday Night Wars – als Wrestling zur Schlacht wurde

Entertainment oder Wrestling – Die Identitätsfrage einer Branche

Zu viel des Guten: Die Übersättigung im Wrestling und ihre Folgen

Vergleich der Wrestling-Ligen

Grenzfälle, Hybride und Subkulturen

Wie die ECW die Wrestlinglandschaft veränderte

UFC – Echtes Wrestling?

Backyard Wrestling – der Kampf im eigenen Garten

Kulturkreise und globale Perspektiven

Die Bedeutung des Wrestlings in der japanischen Kultur

Lucha Libre und Masken - Wrestling in der mexikanischen Kultur

Deutsche Wrestlingligen: Die stille Evolution einer Subkultur

Wrestling als globales Phänomen

Die Independentszene im Wrestling – Rückgrat einer unterschätzten Kultur

Was Independentverträge im Wrestling wirklich bedeuten

Wrestling und soziale Medien: Die neue Bühne der Inszenierung

Ästhetik, Erzählung und Symbolik im Ring

Das Fundament des professionellen Wrestlings: Kayfabe

Die Bedeutung des Storytellings im Wrestlingmatch

Die Rolle des Ringrichters

Charakterentwicklung beim Wrestling

Von der Entlassung zur Legende

„Sag Niemals Nie“ – Eine Wrestling-Realität

Antiamerikanische Bösewichte im gesellschaftlichen Kontext

Die unbesiegbaren Unmenschen: Wrestler als Mythos der Bedrohung

Gruppen und Familien

Die Bedeutung von Stables und Gruppen im Wrestling

Wie die nWo die Wrestlingwelt revolutionierte

Wrestlingfamilien – Ein Erbe aus Ringseilen und Leidenschaft

Macht, Moral und Kontroversen

Die dunkle Seite der Wrestling-Welt: Die Skandale rund um Vince McMahon und die WWE

Der Montreal Screwjob – Ein Wendepunkt im Wrestling

Wrestling Court – Das geheime Justizsystem der Wrestler

Porträts, Psychologie und Fallstudien

Wrestling und Trauma. Eine psychologische Analyse der biografischen Geschichten von Wrestlern mit schweren Lebenswegen

Wer ist der bester Wrestler der Welt? Ein Interview mit einer KI

Bret Hart: Die Tragödie eines Wrestling-Genies. Ein sozialpsychologisches Porträt

Hulk Hogan – Das Gesicht des Wrestlings

Die Psychoanalyse des Ultimate Warrior: Ein Mythos zwischen Größenwahn und Erlösung

CM Punk. Eine Psychoanalyse seiner Karriere

Ein Kämpfer mit innerem Kompass: Wie sich Will Ospreay mit Autismus an die Spitze des Wrestlings kämpfte

Muhammad Ali: Der “Sportler des Jahrhunderts“ und seine Liebe zum Wrestling

Glossar

Vorwort

Die Menge tobt. Die Scheinwerfer kreisen über den Ring, die Zuschauer stehen dicht gedrängt, klatschen, rufen und schreien. Great Muta, dieser charismatische und geheimnisvolle japanische Superstar, hat gerade einen Backbreaker gegen Sting gezeigt. Die Spannung im Raum ist beinahe greifbar, die Emotionen kochen. Muta steigt auf das dritte Seil, das Publikum hält den Atem an, in Erwartung dessen, was nun kommen mag. Er springt ab, zeigt einen seiner berühmten Moonsaults. Doch Sting, der mitten im Ring steht und die Attacke erahnt, zieht blitzschnell seine Knie an, sodass Muta genau auf ihnen landet. Ein Raunen geht durch die Halle, dann jubeln die Zuschauer laut auf. Die deutschen Kommentatoren der RTL-Plus-Sendung “Catch Up“, Horst Brack, von den Fans respektvoll “der Bestrafer“ genannt, und sein Kollege Joe William, geraten beinahe aus dem Häuschen. Ihre Stimmen überschlagen sich vor Begeisterung. Sting rappelt sich auf, schüttelt den Schmerz ab und rennt in die Ringecke, um seinen berüchtigten Stinger Splash zu zeigen. Er trifft Muta mit voller Wucht. Doch in dem Moment, in dem es so aussieht, als könnte Sting sich nun den WCW World Television Champion Titel holen, mischt sich Mutas Manager Gary Hart ein. Er greift entscheidend ein, sodass der Kampf abrupt endet. Great Muta wird disqualifiziert. Sting gewinnt zwar das Match, aber nicht den Titel von Great Muta an diesem Abend bei WCW Power Hour, am 1. September 1989.

Dieses Match, diese Szenen, dieses ganze Drumherum, es ist meine früheste, klar greifbare Erinnerung an Wrestling. Schon vorher hatte ich Wrestling geschaut, fasziniert von der Mischung aus Kampf und Spektakel. Doch an diesen Abend erinnere ich mich noch so, als wäre er gestern gewesen. Er hat sich mir eingebrannt und den Funken entfacht, der später zu einer jahrzehntelangen Leidenschaft werden sollte.

Mit der Zeit wurde Wrestling bei uns in der Familie zu einer Art Tradition, fast schon zu einem Erbe, das weitergegeben wurde. Mein Onkel war es, der mir Wrestling zeigte, mich in diese bunte, wilde und gleichzeitig so strukturierte Welt einführte. Ich wiederum gab diese Faszination an seinen Sohn weiter. Sein Sohn gab sie an meinen Sohn weiter, und mein eigener Sohn plant schon heute, diese Leidenschaft eines Tages seinem Sohn zu zeigen. Eine Kette von Begeisterung, die von Generation zu Generation weiterläuft.

Meine erste Live-Show war die WWE In High Gear Tour im Jahr 1995. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, als ich damals mit meinen Freunden und meinem Bruder die Halle betrat: die Lautstärke, die Gerüche, das Knistern in der Luft, die schiere Größe der Bühne und des Rings. Es war, als würde man eine andere Welt betreten, eine Welt, in der alles ein bisschen größer, bunter und dramatischer war. Danach folgten viele weitere Veranstaltungen, noch mehr Wrestlingabende und unzählige Diskussionen über Matches, Wrestler und Titelkämpfe. Oft saßen wir mit Danny, Nils, Gökhan, Frank, Abdullah, Osman, Ensar, Semira, Songül oder als Kind auch mal mit meinen Onkels, meinem Bruder oder mit meiner Mutter zusammen und sprachen über Helden und Schurken im Ring, über die großen Momente und die kleinen Details.

Wie fast jeder Wrestlingfan in den 90er-Jahren hatten auch wir unsere eigene kreative Ader. Wir gründeten in der Nachbarschaft unsere eigenen Wrestlingligen (WWA, WWO, HHW usw.) und erweckten sie mit viel Fantasie zum Leben. Wir erfanden Matches, gestalteten ganze Veranstaltungen, schufen Titel und schrieben Storylines, die in unseren Köpfen genauso groß und wichtig waren wie die der großen Ligen. Diese Zeit war geprägt von Kreativität, Leidenschaft und einer unbändigen Begeisterung, die uns immer wieder zusammenbrachte.

Irgendwann begann ich, Bilder aus Wrestlingmagazinen auszuschneiden und daraus meine eigene Wrestlingzeitschrift zu erstellen. 1997 wagte ich dann ein größeres Projekt. Ich schrieb ein umfangreiches Wrestlinglexikon, das ich “Wrestlex“ nannte. Es umfasste knapp 600 Seiten und war eine Art Enzyklopädie des Wrestlings, erstellt in einer Zeit, in der es weder Google, Wikipedia noch künstliche Intelligenz gab, die einem solche Arbeit hätte erleichtern können. Jede Seite war das Ergebnis von Recherche, Leidenschaft und einer tiefen Verbundenheit zu diesem Sport und dieser Kunstform. Das Lexikon brachte ich dann auch als Buch heraus. Später begann ich, Artikel für Wrestlingzeitschriften in Deutschland zu schreiben, und konnte so meine Gedanken, meine Beobachtungen und meine Leidenschaft mit noch mehr Menschen teilen.

Heute jedoch hat sich mein Blick auf Wrestling verändert. Ich schaue nicht mehr nur mit den Augen des Fans, sondern auch mit denen des Beobachters, des Analytikers. Mich interessiert nun vor allem die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen. Was macht Wrestling so besonders? Warum übt es auf so viele Menschen eine solche Faszination aus? Welche soziologischen und psychologischen Mechanismen stecken hinter dieser Mischung aus Show, Sport, Theater und Spektakel? Diese Fragen führten schließlich zu diesem Buch.

Wrestling ist ein komplexes Format, in dem Realität und Fiktion, Gut und Böse, Held und Antiheld dramatisch aufgeladen und kunstvoll inszeniert werden. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Inszenierung verschwimmen bewusst. Dabei geht es nicht nur um sportliche Leistung, sondern um Show, um Emotion, um Storytelling. Wrestling braucht keine Realität im klassischen Sinne, sondern Wirkung. Was zählt, ist nicht, was tatsächlich passiert, sondern was beim Zuschauer ankommt, welche Gefühle und Reaktionen ausgelöst werden. Diese Idee, Wirkung über Wahrheit, ist tief in der US-amerikanischen Kultur verankert. Sie prägt nicht nur das Wrestling selbst, sondern findet sich auch in anderen Bereichen wieder, insbesondere in der Politik, wo Inszenierung und Emotion oft wichtiger sind als die nüchterne Realität.

Dieses Buch ist also der Versuch, Wrestling aus einer anderen Perspektive zu betrachten, nicht nur als Fan, sondern als Soziologe und Psychologe. Es ist die Reise eines Menschen, der mit leuchtenden Augen als Kind vor dem Fernseher saß, später seine eigenen Ligen und Zeitschriften gründete, und heute verstehen möchte, warum dieses Phänomen funktioniert und was es über uns als Gesellschaft aussagt.

Die Geschichte des Wrestlings

Wrestling (in Form des klassischen Ringens) ist keine Erfindung unserer Zeit. Es geht weit zurück, tief hinein in die Geschichte der Menschheit. Schon bevor jemand den Begriff Sport kannte, rangen Menschen miteinander. Es war eine Form der Auseinandersetzung, der Kraftprobe, aber auch ein Spiel. Im Grunde war es immer eine Bühne, auf der nicht nur Körper, sondern auch Charaktere aufeinanderprallten.

Die Ursprünge liegen in der Erde

Man muss nicht lange graben, um Wrestling in alten Kulturen zu finden. In Mesopotamien, Ägypten und Griechenland war das Ringen nicht einfach Zeitvertreib. Es war Kunst und Ritual. Auf antiken Wandmalereien sieht man zwei Männer, angespannt, bereit, sich gegenseitig zu Boden zu zwingen. Sie standen sich nicht nur körperlich gegenüber, sondern auch im Sinne von Ehre, Stolz und Status.

In Griechenland war das Ringen Teil der Olympischen Spiele. Wer dort gewann, wurde gefeiert wie ein Held. Nicht mit Trophäen, sondern mit einem Kranz. Aber dieser Kranz wog schwer. Er bedeutete Ruhm, Respekt und einen bleibenden Namen in den Geschichten der Menschen.

Mittelalter und Schauplätze des Volkes

Im Mittelalter wurde das Wrestling gröber. Es verlor seinen Platz in Tempeln und Arenen und wanderte auf Marktplätze und Dorffeste. Da rangen Bauern vor jubelnden Zuschauern. Jeder kannte die Regeln, auch wenn es kaum welche gab. Hier zählte Mut, Kraft und manchmal auch List. Wrestling war Volkssport, eine rohe Form der Unterhaltung, bodenständig und nah am Alltag.

In England entwickelte sich daraus das sogenannte Catch-as-Catch-Can. Man durfte greifen, wie und wo man wollte. Was zählte, war der Sieg. Diese Form breitete sich später in den USA aus, wo sie den Grundstein legte für das moderne Pro Wrestling.

Amerika macht eine Show daraus

In den Vereinigten Staaten bekam das Wrestling ein neues Gesicht. Es war nicht mehr nur Kampf. Es wurde Inszenierung. Der Übergang vom echten Ringen zur inszenierten Show war aber kein plötzlicher Bruch, sondern ein schleichender Prozess.

Ernst gemeinte Kämpfe waren entweder zu lang oder zu kurz. Und sehr oft einfach zu langweilig. Z.B. endete das langerwartete Rematch zwischen Frank Gotch und George Hackenschmidt im Jahre 1911, welches von 40000 Personen besucht wurde, in nur wenigen Minuten, so dass die Zuschauer sehr enttäuscht waren. Die Zahl der Wrestlingzuschauer sank danach rasant ab.

Denn für das Publikum war das schwer auszuhalten, es wollte mehr. Es wollte Spannung, schnelle Entscheidungen, Sieger und Verlierer. Es wollte Geschichten, Helden, Bösewichte. Es wollte nicht nur sehen, wer gewinnt, sondern warum. Und die Promoter merkten schnell, dass sich Spannung besser verkaufen ließ als Technik.

Ein entscheidender Moment war die Zusammenarbeit von Promotern mit reisenden Zirkussen. Dort wurde das Wrestling zur Attraktion, die in einen festen Zeitrahmen passen musste. Ein Kampf, der zwei Stunden dauerte, störte den Ablauf. Also begann man, Kämpfe zu verkürzen, Ergebnisse im Voraus abzusprechen, Rollen zu erfinden. Nicht mehr der sportliche Ausgang stand im Fokus, sondern der Unterhaltungswert.

In den 1920er und 1930er Jahren wurde dieses Prinzip zum Geschäftsmodell. Einer der bekanntesten Namen aus dieser Zeit war Ed “Strangler” Lewis. Er war ein legitimer Ringer, aber auch Teil eines Systems, das Kämpfe plante und manipulierte. Gemeinsam mit Promoter Toots Mondt entwickelte er das sogenannte “Slam-Bang Western Style Wrestling”, eine Mischung aus Action, Drama und Show.

In den USA formte sich mit der Zeit ein Netzwerk an Promotern, die das Wrestling zentral organisierten und Ordnung in das Chaos brachten. Sie einigten sich auf Champions, schufen Charaktere, verteilten Rollen, planten Kämpfe, schrieben Drehbücher. Besonders prägend war die Gründung der National Wrestling Alliance (NWA) im Jahr 1948. Diese Organisation regelte, wer wo auftreten durfte, wer Champion wurde, und wie sich Storylines entwickelten. Wrestling wurde planbar, aber nicht weniger spannend. Es entstand eine Mischung aus Sport und Theater, aus Körper und Charakter.

Der Erfolg gab ihnen recht. Immer mehr Menschen kamen zu den Shows. Als das Fernsehen dazu kam, war endgültig klar, dass die Zukunft des Wrestlings nicht im echten sportlichen Wettstreit lag, sondern in der sorgfältig inszenierten Geschichte im Ring.

Das goldene Zeitalter der 80er

In den 1980er Jahren explodierte das Wrestling. Fernsehkameras fingen ein, was zuvor nur in Hallen geschah. Plötzlich war Wrestling überall. Hulk Hogan, der Ultimate Warrior, André the Giant. Sie waren keine Sportler mehr, sie waren Ikonen. Kinder hängten sich Poster ins Zimmer. Erwachsene verfolgten die Fights im Wohnzimmer. Die WWE wurde zur Marke. Vince McMahon verstand, dass man Wrestling nicht erklären muss, man muss es zeigen. Laut, grell, übertrieben, aber genau deshalb so erfolgreich.

Zwischen Popkultur und echtem Schmerz

Die 90er brachten neue Farben ins Spiel. Mit der Attitude Era der WWE und der Konkurrenz von WCW wurde das Wrestling dunkler, rebellischer, realistischer. Figuren wie Stone Cold Steve Austin oder The Rock verkörperten eine Generation, die keine Helden mehr wollte, sondern Antihelden. Wrestling sprach die Sprache der Straße, nicht mehr die der Trainerbank. Es war rau, ungeschönt und voll von echten Emotionen. Verletzungen gehörten zum Alltag. Was für den Zuschauer Spektakel war, bedeutete für die Akteure Schweiß, Blut und manchmal auch bleibende Schäden.

Heute zwischen Kunstform und Kommerz

Heute ist Wrestling global. In Japan, Mexiko, Europa und den USA finden sich Millionen Fans. AEW, NJPW, WWE und andere Promotions bringen Woche für Woche Shows auf die Bildschirme. Wrestling ist schneller geworden, athletischer, gefährlicher. Es lebt von seinem Erbe, aber es entwickelt sich ständig weiter. Was gleich geblieben ist, ist die Faszination. Zwei Menschen im Ring, ein Publikum, das schreit, jubelt, staunt.

Mehr als ein Sport

Wrestling ist kein Spiel mit festen Regeln. Es ist auch kein reiner Sport. Es ist ein Spiegel der Gesellschaft, ein Ort, an dem Geschichten erzählt werden. Mal absurd, mal tiefgründig, mal einfach nur unterhaltsam. Aber immer echt, wenn auch gespielt. Wer einmal live dabei war, weiß, dass Wrestling mehr ist als ein Kampf. Es ist eine Erfahrung.

Ein Ende ist nicht in Sicht

Wrestling hat Kriege überlebt, politische Umbrüche, neue Medien und veränderte Sehgewohnheiten. Es wird auch weiterhin bestehen. Weil Menschen sich Geschichten erzählen wollen. Weil sie sich messen wollen. Und weil sie manchmal einfach sehen wollen, wie zwei aufeinander losgehen, als hinge die ganze Welt davon ab.

Eine soziologische Analyse des Wrestlingphänomens in Deutschland

Eine kurze soziologische und sozialpsychologische Analyse des Wrestlings in Deutschland zeigt, dass die Wrestling-Fangemeinde sich in einem ständigen Hürdenlauf befindet. Gerade als man glaubt, eine Hürde überstanden zu haben, kommt die nächste Hürde. So ist die Geschichte mit Höhen und Tiefen, mit hohen Einschaltquoten und niedrigen Einschaltquoten, mit hohen Verkaufszahlen und niedrigen Verkaufszahlen und mit vielen Wrestlingfans und wenigen Wrestlingfans gekennzeichnet. So haben die Wrestlingfans nun seit Jahrzehnten das Wrestling in Deutschland wahrgenommen: mal gut, mal schlecht.

Dabei hat die deutsche Medienlandschaft viel zu den Höhen und Tiefen beigetragen. Während einige Entscheidungen der Fernsehsender positiv für die Fans waren, waren andere wiederum negativ.

In dieser soziohistorischen Analyse werde ich zunächst versuchen aufzuzeigen, wie sich das Wrestling in Deutschland entwickelte. Dabei geht es mir Vordergründig nicht um das Wrestling als Aktivität (also um deutsche Ligen), sondern um die Auffassung des Wrestlings allgemein in Deutschland. Im zweiten Schritt wird geschaut, was die sozialpsychologischen Anziehungspunkte, um Wrestling zu schauen, sind.

Die Anfänge

Nach dem Vincent Kennedy McMahon (besser bekannt als Vince McMahon) im Juni 1982 die Wrestlingliga (gegründet 1953 von seinem Opa Jess McMahon als CWC, umbenannt 1963 in WWWF, 1979 in WWF und 2002 in WWE) von seinem Vater Vincent James McMahon übernahm, hatte er eine Vision. Er wollte das Wrestling zu einem weltweiten Spektakel machen und es aus dem Lokalen und den bis dato herrschenden Territorien herausholen. Daher führte er Veranstaltungen in ganz USA (und später auf der ganzen Welt) durch und machte große TV-Deals. Die Veranstaltungen konzentrierten sich nicht nur auf das Geschehen im Ring, sondern um die Showelemente drumherum, geboren war damit das Sports Entertainment, wie die WWE das heutige Wrestling gerne bezeichnet.

Die WWE etablierte sich durch diese Veränderungen zu einer Marke in der Popkultur. Viele berühmte Figuren der Popszene zeigten sich in den Shows der WWE. Heute werden die Shows der WWE in über 145 Ländern in etwa 30 Sprachen ausgestrahlt.

Auch in Deutschland war Wrestling eine Zeitlang Kult. Ende der 80er, Anfang der 90er mit Catch Up auf RTL Plus (lief vom 02.04.1989 bis 02.09.1991 und wurde moderiert von Peter William, Horst Brack und Joe Williams), Ring Frei auf Tele 5 (lief von 1989 bis 1992 und wurde moderiert von Marcel Obua, Uli Fesseler, Joe Williams und Carsten Schäfer) und New Japan Pro Wrestling auf Eurosport begeisterte Wrestling auch die deutschen Zuschauer. Später liefen die Sendungen auf RTL 2, DSF, DSF Action und TM3. Auf den englischen Free-TV Sendern Sky One und TNT, die man mit Satelliten empfangen konnte, konnte man in Deutschland ebenfalls das Wrestlinggeschehen verfolgen.

Auf den Schulhöfen wurden Wrestlingkarten getauscht, Wrestlingsticker und Wrestlingfiguren gesammelt und im Garten gab es eigene Nachbarschafts-Wrestlingligen (in den USA entwickelte sich später Backyard Wrestling).

Auch das WWE Magazin profierte von der wachsenden Fangemeinde. Oktober 1992 erschien die erste deutschsprachige Ausgabe. Dem folgten viele verschiedene kleinere Wrestlingzeitschriften in deutscher Sprache unabhängig von der WWE, die jedoch irgendwann eingestampft wurden. Auch das WWE Magazin wurde später eingestellt. Versuche, das Magazin durch verschiedene Konzepte wiederzubeleben, scheiterten. Die einzige Wrestlingzeitschrift, die sich seit ihrer ersten Ausgabe Februar 1995 zielstrebig bis heute hält, ist “Power Wrestling“.

Durch charismatische und comicartige Wrestler und die Showelemente der Kämpfe erreichte man nun ein neues Publikum. Kinder und Familien waren die neue Zielgruppe. Der in Deutschland sehr beliebte kanadische Wrestler Bret Hart nannte seine Biographie “My Real Life in the Cartoon World of Wrestling“ und brachte diese Phase gut auf den Punkt.

Die ersten Shows der WWE in Deutschland

Die Stars der WWE, die man sonst nur im Fernsehen beobachtete, kamen 1992 zum ersten Mal nach Deutschland. Im April 1992 gab es die erste Tour (12.4.92 Kiel, 14.4.92 München, 15.4.92 Frankfurt, 16.4.92 Dortmund). Die Show in München wurde sogar als “European Rampage Tour“ im Fernsehen gezeigt und gilt auch heute noch als eins der besten WWE Shows jemals in Deutschland.

Nach dem großen Erfolg dieser Tour kam die WWE, und später auch die WCW, jedes Jahr nach Deutschland. In immer mehr Städten konnte man das Wrestling der Amerikaner nun erleben. Zeitlich gab es auch immer wieder Shows der deutschen Ligen, die jedoch auf Grund der fehlenden Medienbeachtung kaum bekannt waren.

Deutsche Ligen wachsen

Deutsches Wrestling gab es schon immer. Sie waren aber unter der breiten Masse nicht so bekannt. So gab es z.B. die legendäre Catch Wrestling Association (CWA, von 1973-1999), die große Namen des Wrestlings nach Deutschland brachte und auch selbst große Namen herausbildete.

Im digitalen Zeitalter wurden Wrestlingligen und Wrestlingschulen in Deutschland bekannter. Während man in den 90ern noch glaubte, man müsse in die USA auswandern, um Wrestler zu werden, entstanden nach der Jahrhundertwende namhafte Wrestlingligen in Deutschland, so z.B. die WXW (seit 2000), die GWF (die es seit 1995 gibt, die aber ebenfalls erst nach der Jahrhundertwende an Bekanntheit gewann) und die GSW (von 2001-2017).

Nun konnten also die Kids der 90er Jahre ihren Traum, Wrestler zu werden, auch in Deutschland verwirklichen. Einige der Stars aus Deutschland schafften es dann auch auf die große Bühne, wie z.B. Cesaro oder Walter.

Free TV vs. Pay TV

Mit dem Beginn der Monday Night Wars (04.09.1995 bis 26.03.2001), bei denen die großen Rivalen WWE und WCW mit ihren Montagssendungen Raw und Nitro konkurrierten, begann auch im deutschen Fernsehen eine große Konkurrenz zwischen der WWE und WCW.

Während die ersten Wrestlingsendungen im deutschen Free TV ausgestrahlt wurden, wanderten mit den Jahren die Sendungen immer weiter in Richtung Pay TV. Dadurch wurde die ohnehin kleine Wrestlingfangemeinde noch kleiner, da im Vergleich zu den USA oder Großbritannien, nicht so viele bereit waren, für die großen Events Geld zu zahlen.

Auch der Aufbau eines Wrestlingsenders im Pay TV Format (DSF Action von 1997 bis 1999) scheiterte, weil eben die zahlende Zielgruppe nicht groß genug war, um den Sender wirtschaftlich aufrechtzuerhalten.

Irgendwann war dann Wrestling ganz aus dem Free TV verschwunden, was dann dazu führte, dass jahrelang eine große Marktlücke im Wrestlingbusiness in Deutschland entstand.

Auch das Internet, welches die “Geheimnisse“ des Wrestlings und dadurch auch viele Überraschungsmomente enthüllte, führte dazu, dass Wrestling nicht mehr so attraktiv war und die Wrestlinggemeinde in Deutschland kleiner wurde. Durch die Gerüchteküche und die Backstageeinblicke, fiel der Zauber des Wrestlings teilweise weg.

Inhaltliche Ausrichtung

Während die WWE Anfang der 90er Kinder und Familien im Fokus hatte, änderte sich dies Schlagartig mit der Konkurrenz zur ECW (Hardcore-Wrestling von 1992 bis 2001) und WCW. Von Juni 1996 bis April 1998 schaffte die WCW das unmögliche und besiegte 84 Wochen hintereinander in den Ratings die WWE, allen voran wegen der nWo-Storyline. Die WWE reagierte und wurde kantiger, die Attitude Ära (1997 bis 2002) war geboren.

Die Hauptzielgruppe der Attitude Ära waren jugendliche Männliche an. Die Fans der 80er und 90er waren nun jugendlich, so dass die WWE diese wieder auffangen konnte. Für diese Fans gilt die Attitude Ära als eins der besten Zeiten der WWE.

Was sich jedoch auch zeigte ist, dass kaum neue Fans einschalteten, denn die Attitude Ära war durch seine Ausrichtung auch umstritten. Nicht viele Fernsehsender wollten die WWE ausstrahlen und Familien schalteten weg. Im Publikum saßen keine Kinder und Familien mehr, sondern nur noch Jugendliche.

Wieder Aufstieg

Auch auf Grund der deutschen Wrestlingligen und der Tatsache, dass Wrestling später wieder im Free TV (ProSieben MAXX) ausgestrahlt wurde, stieg auch wieder das Interesse an Wrestling in Deutschland.

WWE, die nach der familienfreundlichen Ära mit der Attitude Ära (1997 bis 2002) begann und hiermit vor allem männliche Jugendliche ansprach, wurde ab 2002 mit TV-PG bewertet und hatte wieder Kinder im Fokus.

Stars wie John Cena, Batista, Rey Mysterio oder Undertaker sprachen vor allem das jüngere Publikum an. So gab es dann wieder Wrestlingkarten zum Sammeln und vereinzelt Wrestlingfiguren in Spielzeugläden. Zwar erreichte man nie das Level der 90er, aber es war trotzdem ein hohes Level, welches erreicht wurde.

Mit der Wrestlingliga TNA gab es dann irgendwann wieder eine halbwegs Konkurrenz zur WWE, die auch im deutschen Fernsehen (DMAX, Sport1, Eurosport) zweitweise gesendet wurde (die große Konkurrenz WCW wurde nämlich 2001 von der WWE aufgekauft). TNA hielt sich jedoch nicht lange als Konkurrent und auch das Interesse der deutschen Wrestlingfans für diese Liga war nicht besonders hoch. Dies sah man auch auf den TNA Shows in Deutschland 2009 und 2011, die nur wenige Zuschauer anlockten, trotzt wrestlingtechnisch betrachtet Top Stars anwesend waren.

Als dann 2019 die Wrestlingliga AEW gegründet wurde und seitdem auch im deutschen Free TV (TNT Film, TNT Comedy und Warner TV Serie) zu sehen ist, hat auch in Deutschland die große Rivalität zwischen der WWE und der AEW zu einer steigenden Fanbasis geführt. Jedoch hat sich die AEW mit Merchandise (Figuren, Sammelkarten etc.) und Touren durch Deutschland noch zurückgehalten. Lediglich auf der Gamescom 2022 war sie (auf Grund des Spieleherstellers THQ Nordic) präsent und hat hier durch tägliche Matches auch bei Nicht-Wrestlingfans geglänzt.

Die Fanbasis ist durch diese Konkurrenz auch deshalb gestiegen, weil AEW und WWE unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Während WWE weiterhin auf Entertainment setzt und Kinder und Familien anspricht, ist die AEW mehr geprägt vom In-Ring-Action und spricht damit mehr Jugendliche und junge Erwachsene an.

Kritiker bemerken jedoch, dass auch AEW notgedrungen den Weg in Richtung Entertainment gehen muss und die WWE die Gewichtung an Entertainment Richtung mehr In-Ring-Action gehen muss, um eine stabilere Fanbasis zu erreichen. So kann man davon ausgehen, dass der Mittelweg langfristig für beide Ligen wirtschaftlich am lukrativsten sein wird.

Verkauf der WWE

Im April 2023 verkündeten die WWE und die Medien einen nie vorstellbaren Schritt. Die WWE wurde für 9,3 Milliarden Dollar an Endeavor, dem Mutterkonzern der UFC, verkauft. Dabei entstand im Rahmen der Fusion von WWE mit UFC (Muttergesellschaft Zuffa/Endeavor) die TKO Group Holdings.

Was das für die langfristige Zukunft der WWE heißt, kann nur spekuliert werden. Bislang war die WWE ein Familienunternehmen. Die Familie McMahon kannte nur das Wrestling. Es war kein Job für sie, sondern eine Leidenschaft. Sie hätten unter allen Umständen die WWE weitergeführt. Für die neuen Besitzer kann dies jedoch nicht wirklich gesagt werden. Eine ähnliche Erfahrung machte die WCW, bevor sie an die WWE verkauft wurde. Damals übernahm AOL den Mutterkonzern der WCW, Time Warner. AOL hatte jedoch schlicht und einfach kein Interesse am Wrestling, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es verkauft oder eingestellt werden würde.

Auch Endeavor wird mit Sicherheit nicht die gleiche “uneingeschränkte“ Leidenschaft fürs Wrestling haben, wie die McMahon Familie. So kann es sein, dass es in einigen Bereichen Einschnitte geben wird. Wie sich das auf die Fanbasis auswirkt, wird sich noch zeigen. Was sich jedoch allerdings direkt zeigte, waren die stark gestiegenen Preise.

Sozialpsychologische Anziehungspunkte

Betrachtet man die sozialpsychologischen Anziehungspunkte des Wrestlings, fällt natürlich zuerst einmal die ganze Show um die Matches herum auf.

Die Storylines (die Geschichten der Matches), die charismatischen Charaktere, die eindrucksvollen Entrances, Feuerwerk, Pyro, die Interviews und viele andere Faktoren führen zu einer einzigartigen Show für den Zuschauer. Glitzer, Farben und Funken waren schon immer anreizend für den Menschen.

Wenn die Entrance Musik des Lieblingswrestlers gespielt wird, erzeugt dies positive Emotionen in der Crowd. Der Wrestlingfan fühlt sich eingebunden in die Show. Er jubelt für seinen Charakter, der mit Mimik und Gestik seine Fans begeistert. Diese Emotionen führen dazu, dass der Fan für die Zeit der Show “abschaltet vom Stress“. Gleichzeitig entsteht dadurch das Gefühl, Teil einer großen Fangemeinde zu sein.

Insgesamt ergibt dies alles eine theatralische Show, die heute auch von vielen anderen Sportarten kopiert wird (z.B. American Football, UFC, Boxen). So schreibt Muhammad Ali in seiner Biographie, dass er den Showcharakter und seine genialen Interviews vom Wrestling, genauer gesagt vom Wrestler Georgeus George, abgeguckt hat. Er fand die Idee der Selbstdarstellung, des Prahlens und der schrillen Provokationen im Wrestling sehr gut und übernahm sie fortan für seine eigenen Auftritte.

Zudem ist Wrestling eine nie endende und wahrscheinlich sogar die längste Soap-Opera der Welt. Der Zuschauer wartet wie bei einer Serie mit Spannung auf die nächste Sendung. Dabei gibt es nicht einmal Unterbrechungen zwischen den Staffeln. Dass heißt, die Serie (gemischt mit Sport, Entertainment und Schauspiel) läuft immer.

Der Begründer der Soziologie Ibn Haldun sagte einmal, dass sich die Geschichte immer wiederholt. Dass gilt natürlich auch für die Geschichten (die Storylines) im Wrestling. Immer wieder gibt es sehr ähnliche Geschichten mit Teampartnern, die zu Gegnern werden oder unaufhaltbaren Monstern, die dann später doch sehr leicht besiegbar sind.

Was jedoch ebenfalls wichtige Anziehungspunkte sind, sind die Charaktere, die Rollen und Gimmicks, die die Wrestler verkörpern. Es sind Charakter, die die Wrestler nicht nur im Ring verkörpern, sondern auch außerhalb des Rings, und dass macht das Wrestling noch interessanter als ein gewöhnlicher Film oder eine gewöhnliche Serie.

Der Schauspieler von Spiderman ist nur für 120 Minuten Spiderman. In einer Serie spielt der Schauspieler nur in der Serie eine bestimmte Rolle, aber nicht außerhalb der Serie. Nach dem Ende des Films oder der Serie ist die Rolle vorbei. Niemand nimmt den Spiderman-Schauspieler außerhalb des Film als Spiderman wahr.

Aber der Wrestler ist immer in seinem Charakter. Nicht nur während des Wrestlings. Dies ist sowohl für den Zuschauer als auch für den Wrestler sehr attraktiv. Der Superheld des Zuschauers existiert quasi tatsächlich und nicht nur im Film.

Auch der Wrestler erhält dadurch eine Möglichkeit, welches es nur im Wrestling gibt. Eine zweite Rolle, die er tatsächlich auch im realen Leben “weiterspielen“ kann. Bezeichnend hierfür ist folgendes Geschehnis: 2016 sagte der wohl bekannteste Wrestler aller Zeiten, Terry Bollea alias Hulk Hogan, in einem Gerichtsstreit vor Gericht aus, dass er in einem Radiointerview nicht als Terry Bollea sondern in seiner Rolle als Hulk Hogan, quasi wie in einem Wrestlinginterview, gesprochen hätte und daher der Inhalt nicht der Wahrheit entsprechen würde und er dafür nicht belastet werden dürfe.

Bis in die 90er, vor dem Internetzeitalter, war es sogar so, dass sich Wrestler, die sich im Ring verfeindet gegenüberstanden, auch im realen Leben nicht gemeinsam zeigten. Sie durften sich nicht gemeinsam zeigen, damit die Stories im Ring so real wie möglich wirkten. Der Zuschauer sollte außerhalb der Wrestlingshows zwei Feinde nicht plötzlich Arm in Arm sehen, wie wenn z.B. Batman und Joker nach dem Film gemeinsam ein Café trinken. Diese Oldshool-Wrestlingtradition (kayfabe) wurde auch von Brüdern fortgeführt, wie z.B. Bret und Owen Hart.

„Wrestling ist Show“

Die Frage, warum Wrestling geschaut wird, obwohl es eine Inszenierung ist, kommt in Diskussionen immer wieder hervor. Tatsächlich sind die Wrestlingmatches schon seit den 1910ern abgesprochen. Zuvor wurden echte Kämpfe auf öffentlichen Plätzen veranstaltet. Diese viel zu langweiligen Matches interessierten die Zuschauer jedoch immer weniger. Daher stiegen irgendwann die Veranstalter auf abgesprochene Matches um.

Fast jedem Wrestlingfan ist von Anfang an klar, dass die Shows und Matches eine Inszenierung sind. Zumindest ab den 90ern, wo Comicfiguren ähnliche Charaktere auftraten, war dies jedem bewusst. In den 70ern und Anfang der 80er schien Wrestling den Zuschauern viel realer.

Was jedoch jeder Wrestlingfan auf dem Schulhof in den 90ern von Nicht-Wrestlingfans immer wieder hörte, war die Aussage: „Wrestling ist Show“, als wüsste man dies nicht schon ohnehin.

Jedoch ist es genau diese Show, welches das Publikum anzieht. Der Zuschauer weiß, dass das, was ihm präsentiert wird, reine Show ist. Dies ist nicht nur im Wrestling so, sondern auch bei anderen Fernsehformaten, wie den früheren Talk Shows, Stand-Up-Comedies oder Reality Shows, bei denen der Inszenierungsanteil viel höher ist als der Realitätsanteil. Aber all dies spielt im Moment des Zuschauens keine Rolle, da der Zuschauer sich auf Grund eben dieses Showanteils bewusst für die Sendung entscheidet.

Und anders als im Wrestling, wird in vielen TV Produktionen öfters auch vermittelt, dass alles real sei. “Real Life is more fake than wrestling“ heißt es in einem Sprichwort. Dass heißt, beim Wrestling weiß man, dass es Show ist. Aber bei vielen anderen Showsendungen wird suggeriert, dass es keine Show wäre. Selbst beim Boxen und bei der UFC gibt es öfters vor dem Kampf, bei Pressekonferenzen usw., inszenierte Schubsereien, bei denen so getan wird, als seien sie echt.

Der Wrestler Mr. Anderson war während seiner TNA-Zeit bekannt für seinen Spruch „Wrestling is real. People are fake“, womit er zum Ausdruck brachte, dass das Wrestling im Ring eine harte, schmerzhafte, sportliche und körperliche Tätigkeit ist, aber die gespielten Rollen eben nicht echt sind. Für die Matches braucht man also nicht nur schauspielerisches Können, sondern vor allem auch Athletik, Ausdauer, Schmerzempfindlichkeit, Beweglichkeit und jahrelanges Training.

Fazit

Der Wrestlingboom aus den USA erreichte Anfang der 90er auch Deutschland. Wrestling wurde Teil der Popkultur. Wrestlingartikel gab es überall und große deutsche Wrestlingligen entstanden. Irgendwann jedoch ließ die Begeisterung für Wrestling hierzulande nach. Gründe hierfür sind einerseits die Ausrichtung und Inhalte der Shows (die Zielgruppe änderte sich), andererseits auch das Verschwinden der Wrestlingshows aus dem Free TV. Nach der Jahrhundertwende kam es wieder zu einigen punktuellen Wrestlingmomenten. Durch die Konkurrenz mit der AEW steigt wieder das Interesse am Wrestling.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass Faktoren wie Storylines, Charaktere, die Show um die Kämpfe herum und der Soap-Opera Charakter Punkte sind, die die Faszination zum Wrestling auslösen. Aber auch die Tatsache, dass Wrestling “show“ ist, ist nicht wie vielleicht angenommen ein Faktor, nicht zuzuschauen, sondern eben ein wesentlicher Grund einzuschalten.

Publikum, Sozialisation und Wirkung

Typus des Wrestling-Zuschauers

In Deutschland gibt es keine repräsentative Studie darüber, wer eigentlich Wrestling schaut. Einziger Anhaltspunkt könnte sein, dass man sich die Besucher der großen Wrestling-Shows in Deutschland anschaut. Daraus würde sich ergeben, dass in den frühen 90er Jahren Familien mit Kindern, ab Mitte der 90er männliche Jugendliche, ab der Jahrhundertwende wieder vermehrt Kinder und gegenwärtig wieder junge Männer aber mit steigendem Anteil von jungen Frauen Wrestling-Shows in Deutschland besuchen. Dies wäre allerdings nur eine subjektive Wahrnehmung und keine repräsentative oder wissenschaftlich fundierte Angabe. Zudem würde es nur die Showbesucher betreffen und die tatsächlichen Zuschauer und Fans vor den Bildschirmen nicht berücksichtigen. Daher macht es Sinn, in die USA zu schauen, wo es zwar auch nur wenige, aber dennoch einige Untersuchungen zum Typus des Wrestling-Zuschauers gibt.

Alter

Man könnte meinen, dass vor allem die WWE ein jüngeres Publikum anspricht. Aber die Statistiken sprechen eine andere Sprache. Laut einer Studie (Desiata: Stunning WWE Viewership Statistics, 2024) lag das Durchschnittsalter der WWE-Zuschauer im Jahr 2000 bei 31 Jahren. Genau 16 Jahre später stieg das Durchschnittsalter auf 47 Jahre. Diese Zahlen deuten darauf hin, dass das gleiche WWE-Publikum wie im Jahr 2000 auch 2016 das Publikum der Promotion war. Es kamen also wenig jüngere Fans dazu, obwohl die Ausrichtung der Sendungen zu diesem Zeitpunkt eher jüngere ansprechen sollte. Aktuellere Studien zum Alter, vor allem zu den anderen Wrestlingligen, gibt es leider nicht.

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