In dunkler Nacht - V.C. Andrews - E-Book

In dunkler Nacht E-Book

V.C. Andrews

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Beschreibung

V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung! Die junge Rain Arnold zieht nach London, wo sie bei den sagenhaft reichen Endfields leben soll. Zunächst ist Rain überwältigt vom riesigen Anwesen ihrer entfernten Verwandten. Doch in den Nächten hört sie immer wieder die Geräusche von einsamen Schritten und das ängstliche Rufen eines kleinen Mädchens. Offenbar verbergen die Endfields ein fürchterliches Geheimnis – das Rains Leben in einen unentrinnbaren Albtraum verwandeln könnte … Gefahr, Leidenschaft und dunkle Geheimnisse – ein Roman aus V.C. Andrews´ fesselnder Hudson-Saga!

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Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2015

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V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung!

Die junge Rain Arnold zieht nach London, wo sie bei den sagenhaft reichen Endfields leben soll. Zunächst ist Rain überwältigt vom riesigen Anwesen ihrer entfernten Verwandten. Doch in den Nächten hört sie immer wieder die Geräusche von einsamen Schritten und das ängstliche Rufen eines kleinen Mädchens. Offenbar verbergen die Endfields ein fürchterliches Geheimnis – das Rains Leben in einen unentrinnbaren Albtraum verwandeln könnte …

Gefahr, Leidenschaft und dunkle Geheimnisse –  ein Roman aus V.C. Andrews´ fesselnder Hudson-Saga! 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Lightning Strikes"         Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH
Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright der Originalausgabe © 2000 by the Vanda General Partnership
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. This edition published by arrangement with the original publisher, Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York.“
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2002 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Ins Deutsche übertragen von Susanne Althoetmar-Smarczyk
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Jouve
Inhaltsverzeichnis
PROLOGKAPITEL 1KAPITEL 2KAPITEL 3KAPITEL 4KAPITEL 5KAPITEL 6KAPITEL 7KAPITEL 8KAPITEL 9KAPITEL 10KAPITEL 11KAPITEL 12KAPITEL 13KAPITEL 14KAPITEL 15EPILOG
PROLOG
Manchmal, wenn am frühen Abend die Schatten länger wurden und die Ecken der Räume in Großmutter Hudsons Herrenhaus verdunkelten, vernahm ich leises Flüstern. Als ich hier angekommen war, hatte ich das noch nicht wahrgenommen, erst jetzt hörte ich es in zunehmendem Maße. Das Wispern klang wie Stimmen, die mich warnten – aber vor was?
Zu Hause in Washington hatte Mama schließlich die Wahrheit meiner Herkunft enthüllt: meine leibliche Mutter war eine reiche weiße Frau, die auf dem College schwanger geworden war von ihrem damaligen Freund, einem Schwarzen namens Larry Ward. Nachdem ich zur Welt gekommen war, hatte der Vater meiner leiblichen Mutter dafür gesorgt, dass ich bei Ken und Latisha Arnold lebte. Ken war gut dafür bezahlt worden. Ich wuchs auf in dem Glauben, Beni Arnold sei meine jüngere Schwester und Roy Arnold mein älterer Bruder.
Nachdem Beni von den Mitgliedern einer Gang ermordet worden war und Mama mir die Wahrheit über mich erzählt hatte, zwang sie meine richtige Mutter Megan Randolph, sich mit uns zu treffen, und flehte sie an, mir aus dem Ghetto herauszuhelfen. Ich dachte, Mama versuchte, mich bei meiner wirklichen Familie unterzubringen, weil sie sich mehr Sorgen denn je machte über Drogen und Bandenkriminalität, aber es gab noch einen weiteren Grund, den ich erst viel später erfuhr. Mama starb an Krebs, und sie wollte mich in Sicherheit wissen und mir Möglichkeiten eröffnen, die sie selbst mir nie hätte bieten können.
Meine leibliche Mutter zögerte zunächst sehr und wollte Mama einfach mehr Geld geben. Sie sagte, es sei für alle eine denkbar ungünstige Zeit, weil ihr Ehemann eine politische Karriere anstrebte. Schließlich sorgte meine leibliche Mutter als Kompromisslösung, bei der meine wirkliche Identität verschwiegen wurde, dafür, dass ich bei ihrer verwitweten Mutter Frances Hudson leben konnte. Für den Rest der Welt galt dies als ein Akt der Wohltätigkeit: ein armes Mädchen mit Erfolg versprechenden Schulleistungen wurde aufgenommen. Reiche Leute engagierten sich bei so vielen karitativen Organisationen, dass eine weitere – tatsächliche oder fiktive – kein Problem darstellte.
Zu Anfang dachte ich, ich würde es nicht lange in dieser Welt aushalten, wo ich Dogwood, eine Privatschule, besuchte, auf der es von reichen Kids nur so wimmelte. Aber nicht, weil ich mich der schulischen Herausforderung nicht gewachsen sah. Trotz der schlechten Schule in Washington war ich immer eine gute Schülerin gewesen und hatte viel gelesen. Und ich machte mir auch keine Sorgen darüber, schlecht behandelt zu werden. Keiner meiner snobistischen Mitschüler schaffte es, auf mich herabzusehen und durch Bemerkungen oder Blicke dafür zu sorgen, dass ich mich schlecht fühlte. Da hatte ich viel Schlimmeres durchgemacht.
Nein, was mir Sorgen bereitete, war meine Großmutter. Sie war eine strenge alte Dame, die gerne ihren Arzt, ihre Rechtsanwälte und Buchhalter belehrte und beschimpfte, und besonders Victoria, die jüngere Schwester meiner Mutter, die die Leitung des Familienunternehmens übernommen hatte. Großmutter Hudson und ich standen einander in den ersten Tagen und Wochen wie zwei Preisboxer gegenüber. Ich sträubte mich, sie mit einer einzigen versteckten Anspielung davonkommen zu lassen, einer einzigen hässlichen Bemerkung über mein Leben mit Mama, Roy und Beni und selbst mit meinem Adoptivvater Ken Arnold.
Obwohl wir in einem Projekt des sozialen Wohnungsbaus in Washington gelebt hatten, gab Mama ihre hochgesteckten Hoffnungen für uns alle nie auf. Sie wollte, dass ich eine gute Ausbildung bekam und etwas aus mir wurde. Ich war schließlich kein Mädchen aus den Slums, kein schlimmes Ghettogirl, und Großmutter Hudson sollte ihre Vorurteile nicht bestätigt sehen.
Das wurde ihr schnell klar. So schlossen wir bald einen Waffenstillstand und entwickelten nach einer Weile sogar eine tiefe Zuneigung füreinander. Eines Tages erfuhr ich sogar, dass sie mich in ihrem Testament bedacht hatte. Das versetzte ihre jüngere Tochter Victoria in Rage, die die Wahrheit über mich erst herausfand, nachdem ich das Schuljahr in Dogwood fast beendet hatte. Sie wollte meine Mutter erpressen und sie zwingen, dafür zu sorgen, dass ich wieder aus dem Testament gestrichen wurde.
Ich vermutete, dies war der wirkliche Grund, warum mir die Gelegenheit geboten wurde, eine renommierte Schauspielschule in London zu besuchen. Das war nur eine Möglichkeit, mich loszuwerden, eine Art Kompromiss. Großmutter Hudson hatte jedoch darauf bestanden, dass dem nicht so sei.
»Glaubst du, ich würde mir von meiner Tochter eine so wichtige Entscheidung vorschreiben lassen?«, blaffte sie mich an, als ich das ansprach.
»Nein«, bestätigte ich.
»Damit hast du Recht. Solange in dieser alten Lunge noch ein Atemzug ist, werde ich das nicht zulassen, also hör auf, dir Leid zu tun«, warnte sie mich. »Menschen, die sich bemitleiden lassen, haben bereits das Handtuch geworfen. Auf meinem Grabstein soll geschrieben stehen, dass dort eine Frau ruht, die sich niemals bemitleiden ließ. Verstanden?«
»Ja«, sagte ich und lachte sie an. Sie brummelte wütend vor sich hin, lächelte aber hinter ihrer Maske des Zorns, ein Lächeln, das nur ich sehen konnte.
Jetzt, da das Schuljahr vorüber war, dauerte es nur noch wenige Tage, bis ich nach England aufbrach. Mama war gestorben. Ken saß im Gefängnis, wo er hingehörte, Roy war in der Armee, und die arme Beni war tot. Ich hatte wirklich nur mich selbst, denn meine leibliche Mutter hatte es geschafft, das Geheimnis meiner Identität zu bewahren, und jetzt sah es so aus, als könnte sie ewig so weitermachen, nur um den Frieden in ihrer kostbaren, vollkommenen Welt aufrechtzuerhalten. Ihre Entschuldigung war immer die gleiche – dass sie ihren Ehemann Grant schützen musste, der Politiker werden wollte.
Ihre eigenen Kinder Brody und Alison hatten keine Ahnung, dass sie mein Halbbruder und meine Halbschwester waren. Mit Alison wollte ich sowieso nicht verwandt sein, aber Brody war zu aufmerksam geworden und meine Mutter hatte sich Sorgen gemacht, dass er zu tiefe Gefühle für mich entwickelte.
Brody war ein Footballstar und ein Überflieger, der sogar eine Klasse übersprungen hatte. Meine Großmutter machte sich ebenfalls Sorgen darüber, wie sehr er sich zu mir hingezogen fühlte.
Ich vermutete, dass es noch einen weiteren Grund gab, warum sie so begierig war, mich nach London zu schaffen. Sie hatte Pläne geschmiedet, mich auf der Hinreise zu begleiten, aber ihr Arzt, der es mit meiner Hilfe geschafft hatte, ihr einen Herzschrittmacher implantieren zu lassen, hatte ihr dringend geraten, Abstand von dieser Reise zu nehmen. Der Schrittmacher funktionierte noch nicht hundertprozentig. Natürlich hatte Großmutter Hudson einen Wutanfall bekommen und geschworen, sich ihrem Arzt zu widersetzen. Ich musste ihr entgegentreten und ihr sagen, dass ich nicht fahren würde, wenn sie mitkam.
»Ich übernehme nicht die Verantwortung dafür, was dir passieren könnte«, erklärte ich energisch. So viel sie auch polterte und mit den Händen wedelte, ich wich nicht zurück.
»Das ist doch Unsinn.« Wild gestikulierend ging sie im Zimmer auf und ab. »Was glaubst du eigentlich, mit wem du sprichst?«
»Ich hatte gehofft, mit einer reifen Erwachsenen«, sagte ich. Ihre Lippen bewegten sich einen Augenblick lang ohne einen Laut, obwohl sie nur zu gerne auf mich losgegangen wäre.
»Du weißt doch, dass du eine äußerst aufreizende junge Dame bist, nicht wahr?«, brachte sie schließlich heraus.
»Ich frage mich, von wem ich das geerbt habe«, erwiderte ich.
»Nicht von deiner Mutter, so viel ist sicher«, sagte sie. »Wenn die in eine Krise gerät, zieht sie los und kauft sich ein neues Kleid.«
Sie ließ sich in den Sessel in ihrem Schlafzimmer fallen und lehnte sich zurück, die Arme auf die Sessellehnen gestützt.
»Ich warne dich. Meine Schwester Leonora, die sich einverstanden erklärt hat, dich bei ihr wohnen zu lassen, ist ganz anders als ich.«
»Welch eine Erleichterung.«
»Sei nicht unverschämt«, fauchte sie. Nachdem sie tief Luft geholt und zum Fenster hinausgeschaut hatte, wandte sie sich wieder mir zu. »Sie ist sehr pedantisch. Sie und ihr Ehemann Richard sind typisch englisch. Ihr Leben ist geprägt von einem Verhaltenskodex, der die Regeln, nach denen ich lebe, wie das reinste Chaos wirken lassen. Außerdem wirst du dort wie einer ihrer Domestiken leben und Hausarbeiten verrichten müssen. Vielleicht bist du dem allein nicht gewachsen. Jeden Tag werden sie dich daran erinnern, welches Glück du hast, sie bedienen zu dürfen.«
Ich erwiderte: »Glück. Ich frage mich jeden Tag, was ich getan habe, um dieses Glück zu verdienen.«
»Du bist ein freches Kind. Nun gut«, meinte sie seufzend, »sie können nicht erwarten, dass ich dir in der kurzen Zeit bei mir all deine Flausen ausgetrieben habe. Selbst einem Menschen wie mir sind Grenzen gesetzt.«
»Wie, Großmutter, du gibst zu, dass du nicht alles kannst?«
»Willst du, dass ich einen Herzanfall bekomme? Bist du deshalb so unverschämt?«
Ich lächelte.
Sie wandte sich ab, um ihr eigenes Lächeln zu verbergen, und schüttelte dann den Kopf.
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du bei Leonora lebst. Das war eine schlechte Idee.«
»Bestimmt ist es nichts im Vergleich zu dem, wie ich in Washington lebte, Großmutter. Werden Menschen dort vor ihrer Haustür erschossen? Hängen Drogenabhängige in ihren Hausfluren herum, stehen Gangmitglieder an den Straßenecken und warten darauf, andere zu terrorisieren?«
»Es gibt dort andere Hindernisse, über die du springen musst«, entgegnete sie. »Sie glaubt, zum englischen Königshaus zu gehören. Schon gut«, wehrte sie ab und nickte mit zusammengekniffenen Augen. »Du wirst schon selbst sehen.« Sie seufzte tief. »Du wirst sowieso die meiste Zeit in der Schule verbringen, vermute ich. Wenn dieser Drachen von einem Arzt mich gesundschreibt, komme ich zu dir und sehe zu, dass du nicht ausgenutzt wirst.«
»Ich glaube, darauf kann ich schon selbst achten«, sagte ich.
»Sei nicht so arrogant, Rain. Das steht dir nicht und führt nur zu Schwierigkeiten.«
»Ich bin nicht arrogant. Ich bin … selbstbewusst«, sagte ich. »Glaubst du, es ist leicht für mich, alles zusammenzupacken und in ein fremdes Land zu gehen?«, fragte ich mit ausgestreckten Händen.
Sie lachte.
»Da hast du wohl Recht. Nun gut, lass uns keine Zeit verschwenden. Gib mir bitte meine Pillen«, befahl sie und deutete auf den Nachttisch neben ihrem Bett. Ich holte eine ihrer Tabletten heraus und reichte sie ihr mit einem Glas Wasser. »Deine Mutter behauptet, sie käme morgen her, um dir auf Wiedersehen zu sagen. Bestimmt kommt sie wieder mit irgendeiner Entschuldigung, dass sie mit Grant an einer politischen Veranstaltung teilnehmen muss.«
»Was meine Mutter betrifft«, gestand ich, »habe ich mich an Enttäuschungen gewöhnt.«
Sie nickte traurig.
»Auf der anderen Seite«, meinte sie plötzlich lächelnd, »wäre Victoria bestimmt allzu gerne bereit, dir beim Packen zu helfen und dich wegzubringen.«
»Ich weiß.«
Ihr Lächeln wurde weicher und verschwand.
»Vielleicht bist du doch ein Glückspilz. Schließlich muss ich hier bei meinen Kindern und Enkeln bleiben, die mich nicht besonders oft besuchen. Vermutlich sehe ich jetzt, wo du weg bist, auch nicht mehr viel von Brody«, fügte sie mit einem misstrauischen Blick hinzu.
»Er hat mich weder angerufen noch mir geschrieben, falls es das ist, was du wissen möchtest, Großmutter.«
»Gut«, sagte sie. Sie schüttelte den Kopf. »Deine Mutter muss sich früher oder später der Wahrheit stellen.«
»Warum?«, fragte ich trocken.
Sie starrte mich an. Ich wollte, dass sie sagte, weil es das Richtige sei trotz der Gefahr und der Folgen. Blut war nun einmal dicker als Wasser.
Als ich meine leibliche Mutter kennen lernte, hatte ich gehofft, wir würden uns näher kommen. Ich hatte mich auf eine Mutter-Tochter-Beziehung gefreut. Sie war jedoch immer noch eine Fremde für mich, und die Chance, dass sich dies je ändern würde, war ziemlich gering.
»Ich mache ein kleines Nickerchen«, sagte Großmutter, statt die Diskussion fortzuführen.
Ich nahm eine Decke und legte sie ihr über die Beine, worauf sie die Augen schloss. Ich verabscheute es, sie so schwach und erschöpft zu sehen. Durch eine seltsame Fügung des Schicksals war sie zu meiner einzigen richtigen Familie geworden. Noch vor sechs Monaten hätte sie mich auf der Straße nicht einmal bemerkt, und ich sie ebenso wenig. Wie das Schicksal mit uns gespielt hatte, dachte ich, als ich Großmutter Hudsons Zimmer verließ.
Als ich durch das Haus ging, hörte ich, wie das Tuscheln in den Ecken lauter wurde. Vielleicht stammte es von den Geistern von Großmutter Hudsons Vorfahren, die sich fragten, was aus ihrer Welt geworden war, dass jemand mit meinem Hintergrund hier lebte. Vielleicht kamen die Warnungen, die ich mir einbildete, daher. Hier lebte ein Mädchen mit schwarzem Blut, ein Mädchen, dessen Vater ein Afroamerikaner war, wie ein echtes Enkelkind. Es erhielt von allem das Beste und wurde sogar im Testament dieser alten distinguierten weißen Familie bedacht. Die Geister dieser Familien glaubten wahrscheinlich, dass wir mit einem solchen Verhalten das Schicksal herausforderten.
Ich verließ das Haus und ging zum See hinunter. Zwei ziemlich große Krähen hockten auf einem Felsen. Sie starrten mich mit vorsichtigem Interesse an. Ich fragte mich, ob eine weitere Spezies außer dem Menschen der Farbe eine Bedeutung beimaß. Schauten andere Vögel auf die Krähen herab, weil sie schwarz waren? Sie waren sehr schön, eher schimmernd ebenholzfarben als schwarz, und ihre Augen wirkten in der Sonne wie Juwelen. Roy hatte ebenso schöne dunkle Augen, erinnerte ich mich.
Ich fragte mich, wie es ihm in der Armee ging. Seine Einheit war bereits nach Deutschland verlegt worden, und wir hatten darüber gesprochen, dass er mich in England besuchen sollte. Bestimmt fühlte Roy sich auch wie eine Waise, denn er hatte seinem Vater nie nahe gestanden. Jetzt, wo sein Vater im Gefängnis saß und seine Mutter tot war, blieb ihm nur noch die Armee. Ich hatte zumindest Großmutter Hudson.
Das Hupen eines Autos ließ die Krähen gen Himmel auffliegen. Sie strichen an mir vorbei, ihr simultaner Flügelschlag ließ sie fast wie ein einziger Vogel wirken. Mit ihren leicht geöffneten Schnäbeln sahen sie aus, als lachten sie, während sie über den See auf die Sicherheit der Dunkelheit im Wald zusegelten.
»Auf Wiedersehen«, flüsterte ich und drehte mich um, um Jake, dem Chauffeur meiner Großmutter, zuzuwinken. Er hatte mein Flugticket abgeholt und hielt es hoch wie ein Lotterielos, das gezogen worden war. Ich eilte den Weg hinauf.
»Es ist alles bereit«, sagte er und reichte mir die Reiseunterlagen. »Übermorgen reisen Sie ab. England. Wow! Ich wette, Sie sind aufgeregt.«
»Eher nervös als aufgeregt, Jake.«
Er lächelte und nickte. Jake war hochgewachsen, schlank und wurde langsam kahl, hatte aber buschige Augenbrauen. Ich mochte seine Unbekümmertheit sehr. Kurz vor Ende des Schuljahres hatte er mich mitgenommen und mir sein Pferd gezeigt, ein neugeborenes Fohlen. Er hatte es nach mir benannt.
Großmutter Hudson hatte Glück, jemanden wie Jake zu haben, dachte ich. Er war schon lange bei ihr, und sie kannten sich schon lange, bevor er ihr Angestellter wurde. Sein Vater war einmal der Eigentümer dieses Besitzes gewesen. In mancher Hinsicht gehörte er für mich zur Familie.
»Sie werden das schon prima machen, Rain«, prophezeite er. »Schicken Sie mir nur von Zeit zu Zeit englische Toffees. Da wir gerade von England sprechen, wie geht es denn unserer Königin?«, fragte er und warf einen Blick auf das Haus.
»Mrs Hudson droht immer noch mitzukommen, falls es das ist, was Sie meinen.«
»Seien Sie nicht überrascht, wenn sie im Flugzeug sitzt«, warnte er mich.
»Wenn sie das tut, springe ich wieder hinaus. Das habe ich ihr gesagt.«
Er lachte und steuerte auf sein Auto zu.
»Ich stehe in aller Herrgottsfrühe putzmunter vor der Türe.«
»Erwarten Sie nicht, dass ich auch putzmunter sein werde«, rief ich. Er winkte, stieg ein und fuhr davon.
Es wurde schnell dunkel. Das große Haus ragte drohend hinter mir auf, in Großmutter Hudsons Zimmer brannte Licht. Ich war erst kurze Zeit hier, aber ich hatte zumindest angefangen zu verstehen, was es bedeutete, wieder ein Zuhause zu haben. Jetzt sollte ich mich wieder auf ein ungewisses Abenteuer einlassen. Ich hatte Erfolg gehabt in der Schultheateraufführung, und Leute, die angeblich Ahnung davon hatten, meinten, ich hätte vielleicht das Zeug zur Schauspielerin.
Warum sollte ich nicht das Zeug dazu haben, so zu tun als ob, dachte ich. Den größten Teil meines Lebens musste ich das: Ich musste so tun, als hätten wir ein sicheres Familienleben, einen Vater, der sich um uns kümmerte, eine Zukunft für mich und meine Familie. Jetzt tat ich so, als sei ich eine Waise, obwohl ich wusste, dass ich eine leibliche Mutter hatte, die mich immer noch verleugnete. Illusionen waren Teil meiner selbst.
Wie einfach sollte es doch sein, eine Bühne zu verlassen und eine andere zu betreten.
Wenn ich so leben muss und sein muss, ist es dann nicht besser, ein Publikum zu haben, das applaudiert und mich immer wieder auf die Bühne ruft, um mir Beifall zu spenden?
Der Mond sah aus wie ein Scheinwerfer, der auf mich gerichtet war. Die Welt um mich herum war ein großes Theater.
KAPITEL 1
Ein großes Abenteuer
Großmutter Hudson saß mit einem Ich-habe-es-dir-ja-gesagt-Lächeln am Frühstückstisch, als ich von dem Telefongespräch mit meiner Mutter zurückkehrte.
»Und?«, fragte sie, als ich schweigend dasaß. Ich wusste, sie wollte hören, dass sie Recht gehabt hatte. Aus Trotz ließ ich sie warten. Mein Zögern war auf meinen eigenen Schmerz zurückzuführen. Ganz gleich, wie tapfer ich mich gab, ich war enttäuscht.
»Sie kommt nicht«, sagte ich schnell mit niedergeschlagenen Augen. »Sie sagt, der Generalstaatsanwalt habe sie zum Essen eingeladen. Ich soll sie anrufen, wenn du dich unterstehen solltest, Pläne zu schmieden, mich nach England zu begleiten.«
»Genau deshalb sollte ich fahren«, sagte Großmutter Hudson wie ein bockiges kleines Mädchen. »Hast du alles gepackt?«
»Ja.«
Sie ließ einen langen weißen Umschlag zu mir herübergleiten.
»Was ist das?«
»Extra Taschengeld. Ich erwarte nicht, dass meine Schwester dir irgendetwas kaufen wird, das du benötigst. Es ist ein Scheck. Sobald du angekommen bist, bittest du Leonora, dich zu ihrer Bank zu bringen und ihn gutschreiben zu lassen. Du weißt natürlich, dass das Geld in englische Pfund gewechselt wird?«
»Ja.«
»Du musst dir den Wechselkurs merken, damit du weißt, was die Dinge kosten. Natürlich sprechen sie die gleiche Sprache«, fuhr sie fort, »aber es gibt viele Unterschiede. Meine Schwester ist anglophil geworden. Sie hat einen britischen Akzent, obwohl es noch gar nicht so lange her ist, dass ich sie dabei erwischte, eher wie eine Amerikanerin zu reden. Ein bisschen Umgewöhnung ist nötig, aber das gehört mit zum Abenteuer.« Sie machte eine Pause, lehnte sich zurück und seufzte. »Ich wünschte, ich wäre in deinem Alter. Und könnte irgendwo hinreisen. Ich habe das Gefühl, an diesen Stuhl gefesselt und von meinem eigenen verräterischen Herzen eingekerkert zu sein«, stöhnte sie.
»Du hast mir oft erzählt, dass du viel gereist bist und dass du es genießt, dich nicht mehr irgendwohin schleppen zu müssen«, erinnerte ich sie.
»Ja, wir reisten sehr oft, bis Everett krank wurde.« Sie hielt inne, schaute einen Moment nachdenklich drein und grinste mich dann schief an. »Niemand hat dir aufgetragen, dir jedes Wort zu merken, das ich in diesem Haus äußere, und es mir dann wieder an den Kopf zu werfen.«
Ich lachte sie an, und sie lächelte kopfschüttelnd. Dann wurde sie wieder ernst.
»Ich sollte dir ein wenig über meine Schwester Leonora und ihren Mann Richard erzählen«, sagte sie und rutschte auf ihrem Sitz nach vorne. »Du weißt bereits, dass er Anwalt ist, und Leonora wird dir als Erstes erzählen, wie bedeutend er ist. Sie wohnen in einem vornehmen Stadtteil von London, Holland Park. Ich bin nur zweimal dort gewesen, einmal zu Besuch und einmal … zu einer Beerdigung.«
»Einer Beerdigung?«
»Sie verloren ihr einziges Kind Heather. Sie war damals sieben Jahre alt.«
»Wie schrecklich. Woran ist sie gestorben?«
»Sie wurde mit einer fehlerhaften Herzklappe geboren und durch Operationen ließ sich das Problem nicht lösen. Eines Morgens stellten sie fest, dass sie im Schlaf gestorben war. Es war sehr traurig.«
»Was hast du deiner Schwester über mich erzählt?«, fragte ich.
»Was alle anderen auch glauben. Es ist besser für uns, es dabei zu belassen. Meine Schwester ist nicht so liberal eingestellt wie ich. Im Augenblick glaubt sie, dass du dort wohnen und bei der Hausarbeit helfen wirst, während du die Schauspielschule besuchst. Da sie ein Hausmädchen, eine Köchin, einen Butler und einen Chauffeur haben, wird es für dich bestimmt nicht viel zu tun geben. Sie wird gewiss nicht auf ihr Dienstmädchen verzichten und dir ihre Pflichten übertragen. Eine große Anzahl von Dienstboten zu haben ist in London ein viel zu wichtiges Statussymbol.«
»Ich habe keine Angst vor harter Arbeit, Großmutter.«
»Das weiß ich.« Sie lächelte, dann wurde ihr Gesicht wieder düster, als sie hinzufügte: »Nicht die Arbeit wird hart sein. Ich wäre jedoch nicht einverstanden gewesen, dich hinüberzuschicken, wenn ich nicht das Gefühl hätte, du würdest dort gut zurechtkommen, Rain Mr MacWaine wird sich gut um dich kümmern, und ich hoffe, dass ich eines Tages noch dorthin komme trotz meines tyrannischen Arztes.«
Ich nickte. Ich hoffte wirklich, sie würde kommen.
Später hörte ich, während ich Roy einen Brief schrieb, wie Victoria ins Haus kam. Ich wusste immer, wann es Victoria war. Ihre Absätze klapperten wie Hämmerchen über den Fliesenboden. Ihre Schritte waren entschlossen; man könnte wohl sagen, dass sie eher marschierte als ging; ihre langen Beinen schritten kraftvoll aus, während sie ihre knochigen Schultern drehte.
Ich hörte ihre Stimme, die von Großmutter Hudsons geschlossenen Türen kaum gedämpft wurde.
»Ich habe gerade erfahren, wie teuer diese lächerliche Reise nach England ist, die du finanzierst, Mutter. Und zu allem Überfluss reist sie auch noch erster Klasse?«
»Du reist doch auch immer erster Klasse, Victoria«, erinnerte Großmutter Hudson sie.
»Ja, ich. Ich bin deine Tochter. Ich führe hier die Geschäfte. Mir steht es auch zu, erster Klasse zu reisen. Dieses … Mädchen ist eine Schande für die Familie, jemand, den man verstecken sollte, nicht laut anpreisen, als wären wir alle stolz darauf, dass meine Schwester ein illegitimes Kind mit einem Schwarzen hat. Daddy würde sich im Grab umdrehen. Er reiste ja nicht einmal erster Klasse!«
»Dein Vater nutzte die Vorteile seines Geldes nie aus. Ich habe nie verstanden, warum man es verdient, wenn man es nicht genießt«, erwiderte Großmutter Hudson ruhig.
»Ganz meiner Meinung. Sie hat es nicht verdient, oder?«
»Wann wirst du endlich begreifen, dass es meine Sache ist, was ich mit meinem Geld tue, Victoria? Wir haben diese Unterhaltung bis zum Überdruss geführt. Wenn du geizig sein willst, dann bitte mit deinem Geld, aber lass mich damit in Ruhe.«
»Ich habe auch gesehen, wie viel diese Schule kostet«, sagte Victoria und ignorierte damit Großmutter Hudsons Wünsche. »Es ist lächerlich, aufgrund einer Schulaufführung anzunehmen, sie besäße irgendein Talent. Conor MacWaine raubt uns aus. Vermutlich genießt er es, dumme Amerikaner übers Ohr zu hauen.«
»Nennst du mich dumm?«
»Es ist nicht besonders intelligent, vierzigtausend Dollar dafür auszugeben, dass dieses Mädchen Schauspielerin wird.«
»Wenn du jetzt fertig bist …«
»Ich bin noch nicht fertig. Ich will wissen, wann du deinen Anwalt wegen des Testamentes anrufst, Mutter.«
»Ich habe dir gesagt, dass ich nicht rückgängig machen werde, was ich getan habe. Wenn du dein eigenes Testament machst, brauchst du sie ja nicht zu bedenken.«
»Was?« Victorias Lachen glich eher einem Quietschen. »Du glaubst doch nicht, dass ich ihr jemals etwas vermachen würde, oder? Ach, was soll’s. Ich verschwende nur meine Energie.«
»Endlich sagst du etwas Vernünftiges.«
»Es sollten sich nicht alle darauf verlassen, dass ich in dieser Sache ewig den Mund halte, Mutter. Eines Tages …«
»Du wirst nichts dergleichen tun«, blaffte Großmutter Hudson. »Wenn du auch nur andeutest …«
»Das ist nicht richtig, und es ist einfach ungesund, sie so zu verwöhnen. Megan sollte sich schämen, was sie dem Rest von uns angetan hat.«
Es wurde still, und ein paar Augenblicke später verließ Victoria ihr Zimmer und trampelte aus dem Haus hinaus. Ich stellte mir vor, sie wäre aus meinem Leben hinausmarschiert. Sie war so bitter mit ihren ständig zusammengebissenen Zähnen und ihren gerunzelten Augenbrauen wie jemand, der dauernd unter Kopfschmerzen leidet. Anscheinend bereitete nichts ihr Vergnügen. Ich glaube, sie mochte nicht einmal sich selbst. Vermutlich lebte sie in einem Haus ohne Spiegel, damit sie ihren eigenen Anblick nicht ertragen musste.
Als ich Großmutter Hudson später an dem Tag sah, erwähnte ich nicht, dass ich etwas von dem Gespräch zwischen ihr und Victoria mitbekommen hatte. Bestimmt wollte sie, dass ich es so rasch vergaß, wie sie es offensichtlich tat. So wenig von dem, was ihre Kinder und Enkel taten, bereitete ihr Freude. Das brachte mich dazu zu überdenken, was es bedeutete, reich und doch arm zu sein.
Genau wie er versprochen hatte, war Jake früh am nächsten Morgen da. Wir hatten kaum das Frühstück beendet, als er eintraf. Als er das Speisezimmer betrat, wurde mir klar, dass ich Jake nur selten, wenn überhaupt im Haus gesehen hatte. Gelegentlich trug er Lebensmittel, oder was sonst an Paketen hereingebracht werden musste, ins Haus. Aber gewöhnlich wartete er draußen am Auto. Heute Morgen sah er todschick aus. Seine Uniform war gereinigt und gebügelt, der Schirm seiner Mütze glitzerte im Licht des Kronleuchters.
»Morgen, die Damen«, verkündete er mit einer kleinen Verbeugung. »Ich bin hier, um die Prinzessin und ihre Sachen für die Reise in die alte Welt abzuholen.«
»Mach dich nicht schon so früh am Morgen zum Narren, Jake Marvin«, warnte Großmutter Hudson ihn. Sie warf mir einen raschen Blick zu und straffte sich mit militärischer Haltung auf ihrem Stuhl. »Alles steht in ihrem Zimmer bereit.«
»Danke, Ladys«, erwiderte er mit einem Lächeln, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte hinaus, um mein Gepäck zu holen.
»Ich werde Jake vermissen«, sagte ich und schaute ihm mit einem sanften Lächeln hinterher.
»Wenn du nach London kommst, kannst du erleben, wie ein Chauffeur sich benehmen sollte. Meine Schwester ist so stolz auf ihre Dienstboten wie auf Orden. Sie sind alle ordentlich uniformiert und ausgebildet. Mein Schwager führt seinen Haushalt wie ein Schweizer Uhrwerk. Sie führen ihr Leben im Einklang mit dieser Uhr. Die Engländer und ihr High Tea.
Wenn ich daran denke, was für ein wirres, närrisches kleines Mädchen Leonora war, bevor sie auf die Schule für höhere Töchter ging und später nach England, dann staune ich nur, was das Ego eines Menschen leisten kann«, sagte Großmutter Hudson.
»Magst du deine Schwester nicht?«
»Sie mögen? Natürlich mag ich sie nicht. Ich liebe sie, wie man eine Schwester lieben sollte, aber wir kamen nie miteinander zurecht. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt mir auf, dass deine Mutter mehr nach Leonora kommt als nach mir. Irgendein Gen muss da übergesprungen sein, als ich nicht aufgepasst habe.«
»Bist du sicher, dass deine Schwester mich wirklich aufnehmen möchte?«, fragte ich, immer noch voller Misstrauen in Bezug auf die Motive anderer.
»Leonora tut nichts, was sie nicht tun will, auch wenn sie mir mehr schuldet, als sie je zurückzahlen kann. Ich möchte keinen unangenehmen Eindruck von ihr erwecken. Ich habe keinerlei Zweifel, dass du deinen Aufenthalt dort genießen wirst und dass sie damit prahlen wird, was sie Großartiges leistet – noch dazu als Amerikanerin!«
Wir hörten, wie Jake meine Taschen die Treppe hinuntertrug. Großmutter Hudson schaute erst auf die kleine Uhr in ihrem Geschirrschrank und dann auf mich.
»Du solltest dich wirklich fertig machen«, sagte sie mit sanfterer Stimme.
Mein Herz fing an zu holpern wie ein Reifen, der einen Platten hatte. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass ich zum Flughafen gebracht wurde, um den Atlantik zu überqueren. Großmutter Hudson hatte dafür gesorgt, dass ich einen Pass bekam. Alles war erledigt. Es blieb nichts mehr zu tun, als zu gehen. Langsam stand ich auf.
»Ich hasse es, Abschied zu nehmen«, sagte sie, »aber ich gehe mit dir nach draußen.«
»Ich hatte gehofft, du würdest mit zum Flughafen kommen«, sagte ich.
»Oh, ich mag diese Fahrt nicht. Außerdem musst du von Anfang an lernen, alleine zurechtzukommen«, fügte sie energisch hinzu.
Ich schluckte meine Angst herunter und ging hinaus. Sie kam direkt hinter mir her.
Jake stand neben dem Rolls-Royce und hielt mir die Hintertür auf. Sein Lächeln strahlte in der Morgensonne. Ich zögerte auf der Treppe, holte tief Luft und ging auf das Auto zu. Großmutter Hudson folgte mir. Als ich den Wagen erreichte, drehte ich mich um, und wir schauten einander an. Mich verließ der Mut. Wenn wir uns nun nie wiedersehen? Ich hatte mich dieses Jahr von zu vielen Menschen verabschiedet.
»Wirst du gut auf dich aufpassen?«, fragte ich sie.
»Bleibt mir eine andere Wahl bei all den Ärzten, die ihre Nase in meine Angelegenheiten stecken?«
»Nein«, erwiderte ich.
»Dann hast du deine Frage bereits beantwortet. Hör auf, dir um mich Sorgen zu machen. Ich bin eine alte Dame. Mach dir Sorgen um dich selbst, darüber, wie du jemand wirst, auf den wir alle stolz sind, einschließlich deiner Mama«, fügte sie hinzu.
Das zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht.
»Danke.« Ich warf Jake einen Blick zu. So wie er uns anschaute, fragte ich mich, ob er mehr wusste, als er vorgab. Spontan trat ich vor und umarmte Großmutter Hudson. Sie erstarrte, als sei dies nicht willkommen, aber ich sah die Weichheit und Zuneigung in ihrem Blick, die mich in all diesen Monaten immer näher zu ihr hingezogen hatte.
»Ich hatte schon Angst, es gäbe niemanden in dieser Familie mit einem Sinn für Anstand und dem Mumm, das Richtige zu tun. Enttäusche mich nicht«, sagte sie.
»Das werde ich nicht.« Ich konnte meine Tränen nicht verbergen.
»Abschiede sind einfach lächerlich«, murmelte sie, drehte sich auf dem Absatz um und steuerte auf das Haus zu.
Jake zwinkerte mir zu.
Ich stieg ein, und er schloss die Tür. Großmutter Hudson blieb an der Haustür stehen und blickte zurück. Ich kurbelte das Fenster herunter, und wir schauten einander einfach an. Als Jake den Motor anließ, hob ich die Hand. Ich winkte einmal. Sie winkte zurück, und wir machten uns auf den Weg. Sie beobachtete, wie wir abfuhren, dann drehte sie sich um und betrat das Haus.
Wie einsam sie war, dachte ich, trotz ihres tapferen Auftretens. Sie sollte auf die Schauspielschule gehen, nicht ich. Sie ist eine viel bessere Schauspielerin. Beide Töchter enttäuschten sie, und sie hatte nichts von ihren Enkeln. Ihre Freundinnen waren Damen der Gesellschaft, die sie ausnutzten für ihre Spenden für wohltätige Zwecke. Ihr Haus war voller Echos, leerer Stimmen, dunkler Erinnerungen, ernstem Flüstern und noch ernsterer Musik, die zu den Fenstern hinaustrieb und sich im Wind fing.
»Machen Sie sich keine Sorgen um unsere Königin«, sagte Jake. Er hatte mich im Rückspiegel beobachtet. »Ich achte darauf, dass sie das Richtige tut und bald herüberkommt, um Sie zu besuchen.«
»Sie?« Ich wollte schon lachen, aber ein Ausdruck auf Jakes Gesicht riet mir, ihn nicht zu unterschätzen. »Ich hoffe es, Jake«, sagte ich.
Während wir zum Flughafen fuhren, erzählte Jake mir Geschichten von seinen eigenen Reisen und spickte sie mit versteckten Warnungen über üble Menschen, besonders über Trickbetrüger.
»Seien Sie vorsichtig, mit wem Sie reden, und zeigen Sie niemandem Ihr Geld. Zeigen Sie niemandem, wo Sie es aufbewahren, Rain. Nehmen Sie nur ein paar Dollar für Kaugummi und Zeitschriften, den Rest verstauen Sie sicher, hören Sie?«
»Ja, Jake.«
»Wenn Sie sich Zeit nehmen und von niemandem hetzen lassen, werden Sie keine Fehler machen. An einem fremden Ort ist es immer besser, erst zuzuhören und dann zu reden.«
»In Ordnung, Jake.«
»Gehen Sie direkt zu Ihrem Ausgang und warten Sie mit dem Handgepäck direkt neben sich. Wenn Sie es auch nur einen Moment aus den Augen lassen, kommt irgendein Gauner und schnappt es Ihnen weg. Die Flughäfen sind voll von Parasiten, die nur herumhängen und auf jemanden wie Sie warten, der grün aussieht.«
»Ich? Grün?« Ich fing an zu lachen, aber Jake schaute weiter ernst.
»Diese Leute sind Experten, Rain. Sie kennen den Unterschied zwischen einem erfahrenen Reisenden und einer unschuldigen jungen Dame«, warnte er mich streng.
»In Ordnung, Jake. Ich werde aufpassen.«
»Gut.«
»Sie sollten ein Dutzend Töchter haben«, sagte ich.
Er lachte, aber ich meinte es ernst. Warum war das so, dass Leute, die keine Kinder haben wollten, die zu egoistisch waren, um sich wirklich um sie zu kümmern, welche bekamen, und Leute wie Jake, die großzügig und liebevoll waren, allein durchs Leben gingen?
Mama lebte mit dem tief verwurzelten Glauben, dass die Gerechtigkeit und das Gute am Ende siegten, dass es eine höhere Macht gab, die sich unserer annahm. Vielleicht war sie nicht immer offensichtlich, aber sie war da.
Arme Mama, dachte ich. Ich fragte mich, ob sie immer noch im Glauben an gute Engel von uns gegangen war oder ob sie am Ende ihren Glauben verloren hatte und voller Enttäuschung gestorben war, die ihre reine Seele verdunkelte.
»Es wirkt alles so geschäftig«, stellte ich am Flughafen fest, als ich all die Fahrzeuge sah, die in doppelten Reihen parkten, die umhereilenden Leute, die Shuttlebusse, die sich durch die Autos schlängelten, Polizisten, die Autofahrer anschrien und andere Wagen weiterwinkten. Ich fand, es herrschte das schiere Chaos. »Was für ein Durcheinander. Und trotzdem weiß jeder, wo er hinmuss?«
»Das ist doch nicht Ihr erster Flug, oder?«, fragte Jake schließlich.
»Nein, das nicht. Aber der erste transatlantische.«
»Oh, Mann«, sagte er. »Keine Sorge. Sie müssen drinnen Ihr Gepäck abgeben und ihnen Ihren Pass und das Ticket zeigen. Ich darf hier nicht parken, Rain, deshalb sind Sie von dem Moment an, in dem ich Sie herauslasse, auf sich gestellt. Natürlich könnte ich mich auf den Parkplatz stellen und mit Ihnen warten, wenn Sie möchten«, bot er an.
»Ich komme schon klar, Jake. Mrs Hudson befahl mir, das vom ersten Augenblick an alleine durchzustehen.«
»Das sieht ihr ähnlich, weil sie glaubt, dass jeder wie sie mit dem gleichen Rückgrat aus Stahl geboren ist«, murmelte er.
»Victoria ist es«, sagte ich und fand, dies sei das Beste, was Großmutter Hudson zu vererben hatte.
»Ja, das ist sie«, sagte Jake und konzentrierte sich darauf, das Fahrzeug in die Haltebucht zu lenken. Sobald es stand, sprang er aus dem Auto. Er öffnete mir die Tür, ging zum Kofferraum und gab einem Träger ein Handzeichen.
»Sie fährt nach London«, teilte er ihm mit. Er half ihm, mein Gepäck auf ein Wägelchen zu laden, und wandte sich dann an mich. »Er bringt Sie zum Schalter, Rain. Alle werden Ihnen von da an weiterhelfen. Denken Sie nur daran, was ich Ihnen gesagt habe.«
»In Ordnung, Jake.«
»Also mit einem hat die Königin Recht«, meinte Jake. »Abschiede sind beschissen.«
Wir lachten. Ich umarmte ihn.
»Vergessen Sie nicht, mir Fotos von Rain zu schicken«, erinnerte ich ihn an sein Fohlen.
»Das werde ich. Sie sollten besser gehen, Prinzessin«, sagte er und nickte in Richtung Abfertigungshalle.
Ich ging los.
»Zeigen Sie den Engländern, wie gut Sie sind«, rief er.
»Okay, Jake.«
Einen Augenblick lang hielt er die Hand hoch, dann stieg er in den Rolls-Royce.
»Hier entlang, Lady«, teilte mir der Träger mit. Ich folgte ihm, schaute mich aber noch ein letztes Mal zu Jake und dem Auto um. Ich würde ihn mehr vermissen, als ich mir erträumt hätte. Er besaß das ruhige Selbstvertrauen eines Menschen, der wusste, was wichtig war, und stand einfach im Hintergrund, bereit dich aufzufangen.
Jake hatte Recht gehabt, die Leute waren alle sehr hilfsbereit. Da ich ein Erster-Klasse-Ticket hatte, durfte ich in der Lounge warten, wo es sehr bequem war. Die Flugbegleiterinnen waren freundlich und entgegenkommend. Eine kam, um mir zu sagen, wann ich an Bord gehen musste. Ich folgte einem Paar zum Ausgang und bestieg das Flugzeug. Der Mann neben mir war ein englischer Geschäftsmann. Er murmelte seinen Namen und wandte sich wieder seinen Papieren zu. Nach der Mahlzeit und dem Film schlief er ein. Ich glaube, wir wechselten nicht mehr als ein Dutzend Worte, und schließlich döste ich selbst auch ein.
Erst als der Pilot ankündigte, dass die Landung kurz bevorstand, erkundigte mein englischer Geschäftsmann sich, was ich in London machte. Ich erzählte ihm von der Richard Burbage School of Drama. Er zog die Augenbrauen hoch und nickte leicht. Dann wandte er sich wieder seinen Papieren zu. Waren alle Engländer so reserviert, fragte ich mich. Ich werde wohl die meiste Zeit mit mir selbst reden.
Nachdem wir gelandet und durch den Zoll gegangen waren, sah ich einen stämmigen Mann mit einem eckigen Kinn und dunklen Knopfaugen, der ein kleines Schild mit meinem Namen in großen Blockbuchstaben hochhielt. Er trug eine dunkelblaue Chauffeursuniform mit kleinen goldenen Epauletten auf den Schultern, die so dick und so breit waren wie sein Hals. Er sah aus wie ein Ringer, der gebeten worden war, die Kleidung eines Dienstboten anzuziehen. Seine Gesichtszüge waren grob, besonders sein Mund, weil sich seine Unterlippe ein wenig schürzte.
»Ich bin Rain Arnold«, sagte ich und trat auf ihn zu.
Er musterte mich, als ob er entscheiden müsste, ob er mir glauben sollte oder nicht. Er lächelte nicht, grinste nicht einmal, aber seine Augen wurden dunkler und er streckte die Hand aus, als sei sein Arm eine Stahlwinde, und packte mein Handgepäck.
»Ich bin Boggs«, sagte er schließlich. »Mrs Endfield wartet im Wagen. Folgen Sie mir zur Gepäckausgabe«, befahl er.
»In Ordnung«, sagte ich, aber er wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern drehte sich auf dem Absatz um und schoss davon in der Erwartung, dass ich mit seinem schnellen Tempo mithalten könnte. Er marschierte los, den Blick nach vorne gerichtet, und schaute sich nicht einmal um, um zu sehen, ob ich ihm auch folgte.
Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. Überall um mich herum redeten Leute in fremden Sprachen. Ich sah Araber in ihrer Nationaltracht, Menschen aus Afrika, die farbenfrohe Turbane trugen, Menschen aus Indien und Orientalen ebenso wie Geschäftsleute aller Nationen, die hin und her eilten und Aktentaschen trugen.
Nicht in meinen wildesten Träumen hätte ich mir vorgestellt, dass sich einem Mädchen wie mir, das dort herkam, wo ich herkam, diese Gelegenheit bieten würde. Vielleicht war ich wirklich von einer Laune des Schicksals gepackt worden und wurde jetzt von Kräften davongetragen, die ich nicht einmal annähernd verstehen konnte. Mama, dachte ich, würden auch die Augen fast aus dem Kopf fallen bei dem, was es hier zu hören und zu sehen gab.
Als wir am Gepäckkarussell ankamen, setzte Boggs mein Handgepäck ab und drehte sich endlich zu mir um.
»Zeigen Sie mir Ihre Abschnitte«, befahl er.
»Wie bitte?«
»Ihr Gepäck. Wie viele Stücke?«
»Oh, drei«, sagte ich. »Da ist eins!«, rief ich und zeigte darauf. Er packte es und hob es mit solcher Leichtigkeit hoch, dass ich schon glaubte, jemand hätte den Koffer geleert und meine Kleidung gestohlen.
Nachdem wir auch die anderen herausgefischt hatten, klemmte er sie sich unter die Arme oder nahm sie in die Hand und nickte zu meinem Handgepäck hin.
»Das nehmen Sie«, befahl er.
Wieder musste ich fast laufen, um mit ihm Schritt zu halten. Er führte mich den Gehweg entlang zu einem älter aussehenden, aber gut gepflegten Rolls-Royce. Bevor er den Kofferraum öffnete, riss er die Hintertür auf, und ich spähte hinein.
Meine Großtante Leonora saß in der gegenüberliegenden Ecke. Sie hatte ein viel schmaleres Gesicht als Großmutter Hudson, aber ich sah die Ähnlichkeit bei Augen und Nase. Ihr dunkelbraunes Haar war mit einem Schwung über die linke Seite der Stirn frisiert. Jede Strähne wirkte so, als wäre sie für alle Ewigkeit dort festgekleistert. Sie trug ein graues Tweedkostüm und hübsche goldene Ohrringe mit winzigen Rubinen. Ich sah, dass sie viel mehr Make-up benutzte als Großmutter Hudson, besonders Rouge auf den Wangen.
»Willkommen in London, meine Liebe«, sagte sie. »Steigen Sie schnell ein, und während Boggs Ihr Gepäck im Kofferraum verstaut, erzählen Sie mir, wie es meiner Schwester geht.«
»Danke«, sagte ich und schlüpfte ins Auto. Boggs schloss die Tür und öffnete den Kofferraum.
Sobald ich saß, stieg mir der Geruch eines stechend süßen Parfüms in die Nase. Ich erstickte fast an den überwältigenden Duftwellen. Im Halbdunkel sah ich, dass meine Tante kleine braune Punkte auf der rechten Seite des Kinns hatte.
»Mrs Hudson bat mich, Ihnen zu sagen, wie Leid es ihr tut, dass sie nicht mitkommen konnte. Ihre Ärzte wollen den Schrittmacher noch ein wenig länger kontrollieren.«
»Sie muss außer sich sein vor Wut. Ich kenne doch meine Schwester Frances. Man verbietet ihr nicht, irgendwo hinzugehen«, sagte Leonora. »Wie war die Reise?«
»Danke, gut.«
»Zum ersten Mal im Ausland, nicht wahr?«, fragte sie.
»Ja, Ma’am.«
»Und ich wette, Sie sind schon sehr aufgeregt, dass Sie die Schauspielschule besuchen können. Was für eine wunderbare Möglichkeit. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass meine Schwester eines so außerordentlich selbstlosen Aktes fähig ist. Ich weiß, dass sie sich bei dieser und jener Wohltätigkeitsorganisation engagiert, aber so spät im Leben noch der Vormund eines jungen Menschen zu werden ist schon eine große Verantwortung.«
Sie legte den Kopf ein wenig schief, um mich anzuschauen.
»Ich frage mich, woher sie so plötzlich diesen neuen mütterlichen Impuls bekommen hat? Was haben Sie getan, um meine Schwester so zu verzaubern?«, fragte sie. In ihrer Stimme klang ein seltsamer Ton des Misstrauens an, während sie die Augen bei der Frage weit aufriss.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich. »Mrs Hudson war sehr freundlich. So einfach ist das.«
»Wirklich? Wie interessant«, fuhr sie fort und schaute mich noch immer forschend an. »Wie geht es meinen Nichten?«, fuhr sie fort.
»Ich denke gut. Ich sehe sie nicht besonders oft«, fügte ich rasch hinzu und merkte, dass meine Stimme zitterte. Ich hatte nicht erwartet, so schnell ins Kreuzverhör genommen zu werden.
»Victoria hat immer noch keine Liebesbeziehung?«
»Das weiß ich nicht, Ma’am.«
»Sie ist doch oft genug da, oder?«
»Ja, aber dafür nicht oft genug«, sagte ich.
»Hmm.« Sie nickte langsam und lächelte dann. »Ich wette, Sie haben einen immensen Hunger. Wir können auf dem Weg anhalten und Ihnen etwas Warmes zu essen besorgen, wenn Sie möchten. Ich kenne ein nettes neues französisches Restaurant, das gar nicht weit ist. Mögen Sie französische Küche, meine Liebe?«
»Ich habe sie noch nicht oft gegessen«, sagte ich.
»Ach ja?«
»Ich bin wirklich nicht besonders hungrig«, wehrte ich ab. »Ich habe im Flugzeug genug gegessen.«
Ich wollte höflich sein und sie anschauen, wenn sie sprach, aber ich wollte auch gerne aus dem Fenster schauen. Wo waren all die Orte, von denen ich in meinen Geschichtsbüchern gelesen hatte? Der Tower, Big Ben, das Parlament, die National Gallery?
»Erst gestern«, sagte sie, »beim Tee bei Lady Bishop erzählte ich allen, dass ich ein Au-pair-Mädchen aus Amerika bekomme. Normalerweise ist es umgekehrt«, prahlte sie mit einem kurzen Auflachen.
»Wie bitte? Au-pair-Mädchen?«
»Ein ausländisches Mädchen, das für Kost und Logis Hausarbeit verrichtet«, erklärte sie.
»Oh.« Wie seltsam, mich selbst als ausländisches Mädchen zu betrachten, aber genau das war ich hier, dachte ich.
»Wenn wir am Endfield Place ankommen, wird Mary Margaret Ihnen Ihr Zimmer zeigen, und dann werden Sie Mrs Chester, unsere Köchin, kennen lernen. Boggs wird Ihnen Ihre Aufgaben beschreiben. Mein Mann hat ihn mit der Beaufsichtigung des Personals betreut.
Wie gefällt Ihnen meine Frisur? Das ist der letzte Schrei in Paris. Sehen Sie, dass diese Seite aussieht, als schwebte sie?« Behutsam tätschelte sie die Seite ihres Haares.
»Wie alt sind Sie eigentlich?«, fragte sie, bevor ich irgendetwas sagen konnte.
»Ich bin achtzehn«, antwortete ich und musste innerlich grinsen, wie sie von einem Thema zum nächsten sprang. Sie erinnerte mich an eine Hummel, die erst über einer Blume summte und sich schnell auf die nächste stürzte aus Angst, auch nur einen Moment an etwas gebunden zu sein. Sie war entweder jemand, der gejagt wurde, oder jemand auf der Jagd. Ich fragte mich, ob ich je herausfinden würde, welches von beidem zutraf.
»Achtzehn. Ja, es kommt mir vor, als wäre es gestern«, seufzte sie wehmütig. »Oh, ich hoffe, Sie rauchen nicht«, sagte sie mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. »Richard gestattet es niemandem, sich in unserem Haus einen Glimmstängel anzuzünden, und er kann es aus einer Meile Entfernung riechen, also versuchen Sie es nicht heimlich.«
»Glimmstängel?«
»Ja.«
»Ich verstehe das nicht. Was ist ein Glimmstängel?«, fragte ich.
»Oh, das ist, was ihr Amerikaner eine Zigarette nennt«, sagte sie lachend. »Ich vergesse immer, mit wem ich spreche.«
»Sind Sie denn keine Amerikanerin mehr?«, fragte ich.
»Liebe Güte, nein. Richard würde damit nicht leben können.« Sie starrte aus dem Fenster und wandte sich dann wieder mir zu. »Sie haben solch ein Glück. In dieser Woche soll es keine Schauer geben, wenn man dem Fernsehen glauben kann. Richard sagt immer, Amerikaner können keinen Tag ohne Fernseher leben. Ich hoffe, Sie hängen nicht ständig vor einer dieser grässlichen Seifenopern, oder?«
»Nein, Ma’am. Das tue ich nicht«, sagte ich.
»Gut. Schauen Sie sich das an«, sagte sie und zeigte auf eine Frau, die einen Einkaufswagen voller Dosen und Flaschen vor sich herschob. »Ich weiß nicht, was heutzutage aus diesem Land wird. Ich sehe immer mehr Leute, die den Müll nach Leergut durchwühlen, um an Essen zu kommen. Grauenhaft.«
»Obdachlose«, sagte ich und schaute mich zu der Frau mit dem Wägelchen um. »In den Staaten ist es das Gleiche.«
»Richard wettert immer nur dagegen. Er findet, die Regierung sollte sie von der Straße holen. Erst neulich traf er den P.M. und geigte ihm deswegen gehörig die Meinung.«
»Dem Premierminister von England?«
»Natürlich, meine Liebe. Jetzt höre ich auf zu reden, und Sie erzählen mir etwas über sich. Tun Sie so, als erzählten Sie die Geschichte Ihres Lebens. Fangen Sie an. Wo sind Sie geboren?«, fragte sie, ließ die Arme im Schoß ruhen und lehnte sich zurück, als würde ich ihr ein Märchen erzählen.
Ich fing an, beschrieb mein Leben in Washington und wie es war, dort aufzuwachsen. Sie hörte zu, beugte sich dann plötzlich vor und klopfte nachdrücklich hinten auf den Fahrersitz.
»Fahren Sie den langen Weg, Boggs. Ich möchte, dass sie die Gardens sieht.«
»Sehr wohl, Mrs Endfield«, murmelte er und bog schnell ab.
»Das Leben ist für Schwarze in Amerika sehr schwierig. Das weiß ich«, sagte sie. »Frances hat Ihnen nicht erzählt, dass unser Urururgroßvater Sklaven besaß, oder?«
Bevor ich antworten konnte, rief sie: »Da!« und stach mit dem Finger vor meinem Gesicht in die Luft. »Kensington Gardens. Alles steht in voller Blüte.
Lady Billings und ich haben die Schirmherrschaft für ein Picknick für die Waisen nächsten Monat übernommen. Oh, ich glaube, meine Schwester sagte, Sie wären jetzt auch eine Waise. Das müssen Sie jetzt alles vergessen, meine Liebe. Stellen Sie sich vor, wir wären Ihre Ersatzfamilie bis … bis was auch immer passiert«, sagte sie lachend.
»Jeder sagt, ich hätte Schauspielerin werden können. Ich habe das Talent dazu. Boggs, können Sie ein bisschen schneller fahren? Ich habe Lady Billings versprochen, sie heute Nachmittag anzurufen.«
»Sehr wohl, Mrs Endfield«, erwiderte er ruhig. »Was hatten Sie gerade gesagt?«, fragte sie, drehte sich mir zu und lächelte. »Etwas über Ihre Schwester Beni, glaube ich. Was für ein seltsamer Name, Beni? Eine Kurzform von Beneatha? Ich kannte mal eine Beneatha. Oh ja, diese schreckliche Person aus dem East End, die mit dem Schornsteinfeger kam. Boggs, erinnern Sie sich an sie?«
»Ja, Mrs Endfield. In der Tat.«
»Was ist aus ihnen geworden,?«
»Ich weiß es nicht, Mrs Endfield«, antwortete Boggs.
»Nein, wohl kaum, Boggs. Schreckliche Leute. Man konnte den Ruß in den Poren ihrer Gesichter sehen.« Sie schüttelte sich, als schauderte ihr. Dann schaute sie mich wieder an und schüttelte den Kopf. »Ich verstehe gar nicht, warum Sie nicht hungrig sind, meine Liebe. Das Essen, das sie in Flugzeugen servieren, ist einfach furchtbar. Mrs Chester hat bestimmt etwas für Sie, und wenn es nur Tee und ein Keks ist. Wir sind fast zu Hause. Endfield Place«, verkündete sie so großartig, als sei es Tara aus Vom Winde verweht.
In meinem Kopf drehte sich alles. Gerade noch hatte sie mich etwas gefragt, aber ich hatte vergessen, was es war. Ich fragte mich wirklich, wie Großmutter Hudson und Leonora Schwestern sein konnten.
»Das ist Holland Park«, erklärte sie, »eine der hübschesten Gegenden Londons. Mein Hals ist plötzlich so trocken. Ich werde selbst eine Tasse Tee trinken, wenn wir nach Hause kommen. Gott sei Dank müssen wir den Weg zum Flughafen nicht so oft machen, stimmt’s, Boggs?«
»Ja, in der Tat, Mrs Endfield«, sagte er. Er war wie eine Statue – nicht einmal während der Fahrt drehte er den Kopf.
KAPITEL 2
Besucher in der Nacht
Der Butler meiner Großtante Leonora hinkte sehr stark. Es sah aus, als sei sein rechtes Bein kürzer als das linke. Wenn er mit dem linken Fuß auftrat, hob und senkte sich das rechte Bein fast, als sei es ein loses Anhängsel, das er umherschwingen musste. Er war ein großer dünner Mann von fast einem Meter fünfundneunzig mit lockigem braunem und grauem Haar wie einer der Marx Brothers. Das schmale Kinn in seinem langen Gesicht befand sich so weit unter seiner Lippe, dass es aussah, als tropfte es mit zunehmendem Alter herunter. Er hatte fein geschnittene Lippen, die in den Mundwinkeln heruntergezogen waren, und Augen, die tief im Schädel lagen. Ich fand, er erinnerte an einen Mann, der einmal etwas so Schreckliches gesehen hatte, dass Furcht seine Züge ergriffen hatte und sie in diesem Ausdruck ständigen Schocks erstarrt waren. Er wartete neben dem Auto darauf, dass Boggs herumkam und Großtante Leonora die Tür öffnete.
»Hol das Gepäck aus dem Kofferraum«, blaffte Boggs ihn an. Der Butler ließ den Kopf sinken wie ein Pferd und ging nach hinten zum Kofferraum. Boggs half Großtante Leonora heraus und trat dann zurück, als ich ausstieg.
»Das ist Rain Arnold, Leo«, teilte Großtante Leonora dem Butler mit. Er steckte den Kopf hinter dem Kofferraumdeckel hervor und rang sich ein schwaches Lächeln ab. Als er Boggs einen Blick zuwarf, der ihn wütend anstarrte, bewegte Leo sich schneller. Niemand schien sich darum zu kümmern oder auch nur zu sehen, welche Mühe ihm das alles bereitete. Boggs machte keinerlei Anstalten, ihm zu helfen.
»Da ist sie«, rief Großtante Leonora, als das Hausmädchen in der Tür erschien. Auf mich wirkte das so, als hätten der Butler und das Hausmädchen an den Fenstern stehend auf unsere Ankunft gewartet. »Mary Margaret zeigt Ihnen Ihr Quartier, meine Liebe.«
Ich schaute die zierliche junge Frau an, die mich mit ihren sanften blauen Augen interessiert anstarrte. Sie wirkte kindlich und war höchstens einen Meter fünfzig groß. Ihre Gesichtszüge waren so winzig und so perfekt wie die einer Puppe. In ihrer dunkelblauen Uniformbluse wirkte ihr kleiner Busen eher wie vorpubertäre Rundungen. Sie war so zerbrechlich, ihre Handgelenke so schmal, dass ich mich fragte, wie sie irgendjemandes Dienstbote sein konnte. Ich glaubte schon, dass sie mich anlächeln wollte, aber als sie Boggs einen Blick zuwarf, hinderte sie ihre Lippen daran, sich zu verziehen, und eiskalte Furcht glitt über ihre Züge. Stattdessen machte sie einen kleinen Knicks und trat zurück.
Hinter uns stöhnte Leo und quetschte einen meiner Koffer zwischen Arm und Körper. Dabei schob er die Hüfte so vor, dass das Gepäck nicht herunterrutschte. Das Gewicht der anderen beiden Koffer zog seine Schulter so herunter, dass sich auf seiner bleichen weißen Haut am Hals Falten abzeichneten, als er die Zähne zusammenbiss, um die Koffer nicht fallen zu lassen. Dennoch bot Boggs ihm keinerlei Hilfe an, und ich hatte Angst, ein Wort zu sagen.
»Mary Margaret wird Ihnen eine passende Uniform suchen, nachdem sie Ihnen Ihr Quartier gezeigt hat, meine Liebe, und dann wird Boggs Ihnen Ihre Pflichten zuweisen. Steh hier nicht herum wie eine Wachsfigur, Mary Margaret. Sag ihr guten Tag. Sie beißt nicht, hörst du«, sagte Großtante Leonora.
Mary Margarets Blick wanderte von ihr zu mir.
»Hallo«, sagte sie kaum hörbar.
»Hi.« Ich schenkte ihr mein schönstes Lächeln, aber sie schaute zu Boden und wartete.
Wir betraten das Haus. Mich überraschte sofort, wie dunkel die Eingangshalle war. Die Wände waren burgunderrot. Überall hingen Bilder, alles dunkle Ölgemälde in dunklen Rahmen. Ein grauer Teppich bedeckte den Boden des Flurs, und ein sehr schwach leuchtender Lüster hing von der Decke. Vor uns befand sich eine Treppe, sie sich nach rechts drehte. Sie hatte eine Mahagonibalustrade, aber die Stufen sahen aus wie Stein. Als ich näher kam, bemerkte ich, dass sie mit einem dünnen silbergrauen Teppich ausgelegt war.
Mary Margaret ging ins Haus, Leo schleppte mein Gepäck hinter uns her und ließ es dabei gegen den Türrahmen knallen. Er mühte sich wirklich ab, aber offensichtlich störte das niemanden. Anscheinend war ich die Einzige, die das bemerkte.
»Wartet«, rief Großtante Leonora, als ich hinter Mary Margaret hergehen wollte. »Ich habe beschlossen, Rain erst das Haus zu zeigen. Dann ist es einfacher für sie, wenn Boggs ihr Aufgaben erteilt. Sobald du sie in ihr Zimmer gebracht hast, Mary Margaret, bringst du sie zu Mrs Chester und besorgst ihr einen Tee.«
»Ja, Madam«, sagte Mary Margaret und senkte den Blick, als sei Großtante Leonora eine königliche Hoheit, die man nicht direkt anschauen durfte. Nach ihrer Antwort machte sie wieder einen winzigen Knicks wie ein Satzzeichen.
»Hier drüben ist der Salon«, sagte Großtante Leonora.
Ich schaute hinein, ohne einzutreten. Er hatte einen kleinen Kamin mit einem Sims aus weißem Marmor. Im Zimmer hingen rundherum eine Vielzahl romantischer Gemälde und einige Porträts von mürrisch aussehenden Frauen und streng dreinschauenden Männern in grauen Perücken. Die Fenster waren mit Vorhängen aus cremefarbener Seide dekoriert, und jeder Tisch, jeder freie Fleck war mit einem Kunstwerk belegt – Vasen, Zinnfiguren oder Miniaturen. Vor den Sesseln standen Fußschemel, die Möbel waren mit dunkelbraunem Chintz bezogen. An der Wand zu meiner Rechten befand sich eine hohe dunkle Standuhr, deren Zeiger auf zwölf Uhr stehen geblieben waren.
»All diese Bilder haben die Vorfahren meines Mannes gesammelt. Die National Gallery würde sie gerne in die Finger bekommen«, fügte sie mit einem kleinen Lachen hinzu.
»Hier«, fuhr sie fort und ging weiter den Flur hinunter, »ist unser Speisezimmer.«
Wieder stand ich da wie jemand in einem Museum, der an einer Führung teilnimmt und dem kostbare Antiquitäten gezeigt werden, die man nur anschauen, aber niemals berühren darf. Ich hatte das Gefühl, als befände sich eine unsichtbare Samtschnur zwischen mir und jedem Möbelstück, jedem Kunstwerk, jeder Statue. Großtante Leonora war so beschlagen wie ein Museumsführer.
»Unser Speisezimmer ist um einen Kamin herum erbaut worden, der inspiriert wurde von einem Kamin, der aus Brighton in den Buckingham Palace gebracht wurde. Die Tapete wurde mit einem Dekor bemalt, das auf ein Muster aus dem achtzehnten Jahrhundert zurückgeht. Unsere Speisezimmerstühle sind bezogen mit einem Stoff von Bertram and Fils. Sie sind heutzutage der letzte Schrei. Dieser Kronleuchter«, sie deutete mit einem Kopfnicken auf einen Lüster aus Kristall und grünem Glas, »stammt aus Russland. Kürzlich haben wir hier Glastüren einbauen lassen, damit wir die Frühlings- und Sommerluft genießen können, während wir speisen.«
Die Türen führten zum Garten, der in voller Blüte stand.
Sie zeigte mir das so genannte Empfangszimmer und teilte mir mit, dass der bessarabische Teppich mehrere tausend Pfund wert sei. Dort stand ein Stutzflügel mit aufgeschlagenen Noten, als hätte gerade jemand gespielt. Alle Möbel waren dunkel gehalten und der Raum selbst wirkte so unbenutzt und unberührt wie ein Schaufenster in einem Möbelgeschäft.
Von der Bibliothek war ich wirklich beeindruckt. Sie war ebenso wie die anderen Zimmer voll gestopft mit Kunst und wertvoll aussehenden Objekten, aber sie war auch im wahrsten Sinne randvoll mit Büchern auf eingebauten Bücherregalen an allen Wänden. Die Regale reichten bis zur Decke; es gab eine Leiter, die man entlangschieben konnte, um so Zugang zu jedem Buch zu bekommen.
»Richard ist sehr stolz auf seine Sammlung seltener Bücher«, sagte Großtante Leonora. »Das meiste, was Sie hier sehen, sind Erstausgaben, manche aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Er besitzt Originalausgaben von Dickens, Thackeray, Samuel Johnson, George Eliot. Nennen Sie einen Autor, Richard hat bestimmt etwas von ihr oder ihm«, fügte sie mit einem winzigen Lachen hinzu, das sich eher wie das Klingeln kleiner Glöckchen anhörte.
Die Fenster der Bibliothek zierten ebenfalls Seidenvorhänge. Dort stand auch ein Samtsofa mit einem passenden Sessel. Am entgegengesetzten Ende prunkte ein großer Eichenschreibtisch. Darauf war alles wohl geordnet. Alles Holz, das zu sehen war, glänzte frisch poliert.
»Hier ist der einzige sexistische Teil unseres Hauses«, verkündete Großtante Leonora, als sie das nächste Zimmer präsentierte, in dem ein großer Poolbillardtisch stand. »Dieses Billardzimmer ist wirklich nur für Männer. Aber wer will denn schon da herauskommen und wie eine Tabakpflanze stinken?«
Wir spähten ein paar Sekunden hinein, aber das reichte, damit mir der Geruch von kürzlich gerauchten Zigarren in die Nase stieg.
Während wir durchs Haus gingen und in jedes Zimmer hineinschauten, fragte ich mich, wie jemand, der so klein und zerbrechlich war wie Mary Margaret, das alles in Ordnung halten konnte. Was für ein Tummelplatz für Staub, dachte ich, mit all diesen Kunstwerken, Statuetten, Glasfiguren und Zinnsachen.