KONTINUUM Band 1: FREMDE STERNE - Manfred Weinland - E-Book

KONTINUUM Band 1: FREMDE STERNE E-Book

Manfred Weinland

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Beschreibung

- Ein Raumschiff im Nirgendwo. - Eine Besatzung ohne Erinnerung. - Der Feind ist schon da! Band 1 der Serie "KONTINUUM - Die neuen Abenteuer des Raumschiffs RUBIKON". Als das Universum stirbt, ist Flucht der einzige Ausweg, der noch bleibt. Eine Flucht durch die Zeit, weit zurück in eine Vergangenheit, in der noch nichts von den Vorboten des Untergangs zu spüren ist. Menschen und Außerirdische wagen gemeinsam den Sprung, von dem niemand weiß, wann und wo genau er enden wird – oder ob er überhaupt gelingen kann. Und selbst wenn: Wie wird die Vergangenheit auf sie reagieren? KONTINUUM erscheint als E-Book. Konzipiert wird die neue SF-Serie von Manfred Weinland (u.a. Bad Earth, Ren Dhark, Perry Rhodan Taschenbuch, Sternenfaust, Maddrax, Dinoland), Arndt Drechsler (u.a. Perry Rhodan, Sternenfaust) zeichnet für die Cover verantwortlich. Mehr über den Autor unter: manfred.weinland.de

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Seitenzahl: 116

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Manfred Weinland

KONTINUUM Band 1: FREMDE STERNE

Die neuen Abenteuer des Raumschiffs RUBIKON

Francis Scobee, Gregory Jarvis, Judith Resnik und all meinen sonstigen Helden gewidmet.BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Die Macher

DER AUTOR:

 

Manfred Weinland, geboren 1960, ist freier Autor und Lektor. Für den Bastei Verlag, Köln, konzipierte er u.a. die SF-Serie Bad Earth, und für die Kurzgeschichte „Herz in Bernstein“ („Ein Herz aus fernen Tagen“) erhielt er den Deutschen Phantastik Preis. Darüber hinaus schreibt oder schrieb er für Serien wie Perry Rhodan Taschenbuch, Ren Dhark Hardcover, Sternenfaust und Maddrax. 

 

 

DER ILLUSTRATOR:

 

Arndt Drechsler, geboren 1969, ist seit 1991 als professioneller Illustrator vor allem im fantastischen Genre tätig. Er schuf Titelbilder für Hardcover, Taschenbücher und Romanhefte, darunter Serien wie Perry Rhodan, Bad Earth, Sternenfaust und Maddrax.

PROLOG

Vergangenheit

 

Das All war voller Leichen. In ihren aufgeplatzten Analoganzügen umkreisten sie den zerstörten Frachter wie absurde Monde. Auch größere Trümmerteile und geborstene Container waren in der Grobansicht zu erkennen.

Über das Visier seines Viralhelms holte Qiliis Details heran, die den Bordsensoren entgingen. Bei der Konstruktion des Jägers waren die Schwerpunkte auf Geschwindigkeit, Wendigkeit und Bewaffnung gelegt worden.

„Nado Qiliis, Lagebericht!“, drängte Wasir Jiilor über die Zerebralverbindung. Die CALIIR, eines der großen Trägerschiffe der Talianer, operierte Lichtjahre entfernt im System eines Roten Riesen, wo auch der Notruf der Frachterbesatzung empfangen worden war.

Der Befehl, den der Nado erhalten hatte, lautete, die Situation vor Ort zu verifizieren. Und das bisherige Bild entsprach exakt dem, was Raid-Piraten nach der Kaperung eines Schiffes hinterließen. Die Frachter-Besatzung – im Halo ansässige Dengue, wie Qiliis’ Viralhelm nach Auswertung der Leichen anzeigte – war chancenlos gewesen. In ihren behäbigen Körpern steckte ein ebenso behäbiger Geist. Gut genug für Jobs, bei denen es vorrangig darauf ankam, anzupacken, nicht auf Intellekt. Aus eigener Kraft hätten die Dengue es wahrscheinlich nie geschafft, zu den Sternen vorzustoßen und die Fesseln ihrer Heimatwelt zu überwinden. Bei der Spezies, die ihren Planeten schließlich entdeckt und sie ihrer Unschuld beraubt hatte, verhielt es sich anders. Die Nyn‘On’Voyd, die älteste bekannte Zivilisation Goors, hatten die Dengue in ihrem Sinne gefördert und konditioniert, um ebenso billige wie willige Arbeitskräfte zu generieren.

Gegen die Plasmageschütze der Piraten waren sie chancenlos gewesen.

Qiliis wollte sicherstellen, dass die vorgefundene Situation keine arrangierte Falle der Raid war, mit der sie Vergeltung üben wollten für die Ratifizierung des Bündnisvertrags mehrerer raumfahrender Völker, wollte er sich mit den bisherigen Eindrücken nicht zufrieden geben. In der Lebenden Charta von Horuun verpflichteten sich die Unterzeichner, künftig gemeinschaftlich und massiert gegen die immer stärker um sich greifende Piraterie in diesem Sektor vorzugehen. Seit die Allianz solcherart Einigkeit und Entschlossenheit demonstrierte, war es schon zweimal zu verheerenden Anschlägen gekommen, mit denen wiederum die Piraten Zeichen setzen wollten. In beiden Fällen hatte es zunächst so ausgesehen, als handele es sich um einen der üblichen Überfälle, bei denen die Raid versuchten, schnelle Beute zu machen. Tatsächlich aber hatten sie die Wracks mit Sprengstoff vollgestopft und nur darauf gewartet, dass sich Bergungskommandos einfanden, um das, was von den Frachtschiffen übrig geblieben war, in den nächstgelegenen Raumhafen abzuschleppen. Die Zündung der Bomben hatte in beiden Fällen das Zigfache des eigentlichen Überfalls an Opfern gefordert.

Während Wasir Jiilor weiter nach Informationen verlangte, justierte der talianische Scout unbeeindruckt das Visier seines Viralhelms auf den Bereich der leckgeschlagenen Frachträume. Qiliis fand keinen Hinweis auf deponierte Bomben, wollte sich damit aber nicht zufrieden geben und schleuste sämtliche Mikrosonden aus, über die er verfügte. Zur Überbrückung der geringen Distanz, die den Jäger vom Wrack trennte, benötigten sie weniger als drei Zeiteinheiten. Während sie durch Bruchstellen ins Innere des Schiffes vordrangen, hoffte Qiliis, dass sich die Piraten, falls es sich tatsächlich um einen ihrer Hinterhalte handelte, von einem einzelnen Kundschafter nicht verleiten ließen, ihre Bombe zur Explosion zu bringen. In der Regel hatten sie es auf wesentliche größere Opferzahlen abgesehen. Aber jede Regel hatte ihre Ausnahmen, und falls der Zerstörungsmechanismus über Bewegungsmelder verfügte, die in der Lage waren, selbst Nanomaschinen zu erkennen, bestand das Risiko, dass die Sprengung durch Qiliis’ Vorgehensweise erst ausgelöst wurde.

Seine Spannung wuchs umso mehr, je tiefer die Sonden in das Wrack vordrangen und er ihre Erfassungsdaten auswertete. Schließlich hatten sie auch entlegene Bereiche ausgespäht, ohne dass sich der Verdacht einer Falle bestätigte. Qiliis atmete auf und wollte entsprechende Meldung an die Basis machen, als…

… sich die Ereignisse überschlugen. Etwas drosch mit einer solchen Brachialgewalt auf den talianischen Aufklärer ein, dass es für Qiliis den Anschein hatte, als würde seine Maschine geradewegs gegen das Wrack des Frachters geschleudert. Ein Zusammenprall hätte das Ende für ihn bedeutet. Seine Hand ging schon zu dem Hebel, der den Rettungsmechanismus auslöste. Die komplette Kanzel wäre daraufhin abgesprengt worden und zur Rettungskapsel geworden. Aber noch bevor er den Hebel berührte, taumelte der Raumjäger auch schon haarscharf über den oberen Rand des Frachters, und der Viralhelm fing Eindrücke von dem auf, was Qiliis für einen Moment hatte glauben lassen, doch in eine Falle der Raid getappt zu sein.

Aber es war keine Explosion, deren Partikelstrom ihn erfasst hatte – weder eine Explosion, die ihren Ursprung im Innern des Wracks hatte noch eine, die sonst wo in seiner Nähe erfolgt war. Stattdessen erfassten die Helmfühler ein Objekt, das aus dem Nichts materialisiert war und dessen Erscheinen Kräfte freisetzte, die katastrophale Auswirkungen auf seine Umgebung hatten.

Sowohl die Instrumente des Jägers als auch die der Helmsensoren registrierten einen fundamentalen Eingriff in die physikalischen Bedingungen vor Ort. Raumverkrümmungen, wie sonst nur Objekte ab Sonnengröße sie erzeugten, wurden angezeigt. Im Widerspruch dazu hatte sich den Konsolenwerten zufolge jedoch dort, wo das Phänomen auftrat – die „Fühler“ des Viralhelms reichten nicht so weit – lediglich ein Gebilde von der Größe eines talianischen Basisschiffs manifestiert.

Qiliis hatte nie erlebt, dass eine Transition solche Effekte nach sich zog. Aber er hatte sich auch noch nie im unmittelbaren Umfeld eines aus dem übergeordneten Raum einbrechenden Schiffes aufgehalten.

Aus dem dumpfen Rumoren in seinem Kopf formte sich die Stimme seines Wasir: „Nado Qiliis! Ich verlange ein Lebenszeichen! Nado…“

Mit einem antrainierten Impuls aktivierte Qiliis jene Funktion seines Implantats im Schädelring, die ihm die Rückmeldung ermöglichte.

„Nado Qiliis meldet unbekanntes –“

„Wirst du angegriffen?“, fiel ihm Wasir Jiilor in selten – nein: nie! – erlebter Ungeduld ins Wort. „Sind die Raid zurück?“

„Ich…“, Qiliis rang nach Worten, „… glaube nicht.“

„Was heißt das?“

„Die Bauart ist unbekannt. Ich schicke Euch ein Bild über die Zerebralverbindung, einen Moment…“

Während er mit dem Wasir kommunizierte, brachte er den Jäger wieder voll unter seine Kontrolle, beendete den trudelnden Flug, der im Innern dank der fehlerfrei arbeitenden Andruckabsorber nicht spürbar geworden war.

Nachdem das Bild, das sich auf der gewölbten Innenfläche der Kanzel dreidimensional abzeichnete, von seinen Augen wie von einer Kamera abkopiert worden und in seinem Gehirn aufbereitet worden war, landete es in originalgetreuer Wiedergabe im visuellen Cortex des Wasir.

Dessen Reaktion ließ nicht auf sich warten.

„Kein Raid, korrekt, Nado! Und auch keine andere Konstruktion, die uns bekannt wäre. Bleib auf Distanz! Wir treffen schnellst möglich bei dir ein! Vermeide unnötige Risiken, aber beobachte bis dahin weiter. Hast du verstanden?“

„Verstanden, Wasir, verstanden“, erwiderte Qiliis reflexartig.

Dann brach die Verbindung ab. Was darauf hindeutete, dass die CALIIR in ihr Reisemedium eingetreten war.

Qiliis war überzeugt, dass die extreme Strukturerschütterung bis ins System des Roten Riesen spürbar gewesen sein musste. Wahrscheinlich sogar noch sehr viel weiter.

Bis zur Ankunft des Trägers widmete Nado Qiliis seine Aufmerksamkeit ganz dem künstlichen Objekt von nie gesehener Form. Seine Oberfläche wurde von energetischen Entladungen umspielt, von denen jede einzelne in der Lage schien, die Integrität des umgebenden Alls anzugreifen. Die Jägersensoren lieferten dazu eine Unzahl von völlig absurden, in sich widersprüchlichen Messdaten.

Im Gegensatz zu sonstigen Einsätzen war das Instrumentarium der Maschine nicht in der Lage, die Materialzusammensetzung des fremden Komplexes zu ermitteln, weshalb Qiliis mit dem Gedanken spielte, dem klaren Befehl seines Wasir zuwider zu handeln. Vielleicht war der Viralhelm im Stande, das Bordsensorium zu übertrumpfen. Aber dafür musste er ihn – und sich – näher an das irrlichternde Objekt heranbringen. Und das wiederum hieß, eben doch Risiken einzugehen und die eigene Sicherheit in den Hintergrund zu stellen.

Er war hin- und hergerissen. Von der Zeit, die die CALIIR brauchen würde, um hierher zu gelangen, war nicht einmal ein Zehntel vergangen. Das Trägerschiff verfügte über kein Sprungtriebwerk und musste sich stattdessen durch einen von ihm erzeugten Wurmlochkorridor bewegen, um eine für Kriegsgerät akzeptable Überlichtgeschwindigkeit zu erreichen. Während des Aufenthalts im Korridor war keine Kommunikation mit der Außenwelt möglich, nicht einmal über Zerebralverbindung.

Noch niemals und bei keinem seiner bisherigen Einsätze zuvor war Qiliis auch nur annähernd so aufgewühlt gewesen wie in dieser Situation. Sich mit Raid-Piraten und den Zeugnissen ihrer Grausamkeit auseinanderzusetzen, war noch einmal etwas anderes, als ein bis dahin völlig unbekanntes Objekt zu sichten, bei dem es sich fraglos um ein Raumschiff handelte. Worum auch sonst? Und die spektakulären Begleitumstände seiner Materialisation sagten noch nicht das Mindeste über Mentalität und Motivlage der Insassen aus. Sie konnten ebenso gut noch die Raid, was Aggression und brutales Vorgehen betraf, in den Schatten stellen, als auch völlig friedliebend, möglicherweise sogar hilfesuchend sein. Unter Umständen war das, was Qiliis an Effekten über die Schiffshülle wandern sah, nicht einmal für die Erbauer der Konstruktion „normal“. Ihr eigentliches Fahrtziel mochte ganz woanders liegen, vielleicht nicht einmal in Goor, sondern einer benachbarten Sterneninsel. An Bord konnte es zu einem Defekt gekommen war, der eine außerplanmäßige Rückkehr in den Normalraum nach sich gezogen hatte.

Und alles, was sie hier zu sehen bekommen, bin ich und ein zerstörtes Dengue-Frachtschiff! Qiliis merkte, wie sich seine Hautfalten unterhalb des Schädelrings kräuselten. Am Ende glauben sie noch, ich hätte den Frachter und seine Besatzung auf dem Gewissen!

Die Vorstellung beunruhigte ihn stärker, als er sich eingestehen wollte.

Vielleicht waren längst Geschütze auf ihn gerichtet, auch wenn sie für ihn mit den Möglichkeiten des Jägers nicht erkennbar waren. Jeden Augenblick konnte seinem Dasein ein jähes Ende bereitet werden – aus einem vermaledeiten Missverständnis heraus!

Genauso gut konnte es sein, dass die Insassen des Objekts nicht friedliebend oder hilfesuchend waren, sondern doch ganz gezielt hier ihre Transition hatten enden lassen. Und dass sie nicht an Zeugen ihrer Ankunft interessiert waren. Auch in diesem Fall mochte der nächste Atemzug, zu dem Qiliis ansetzte, sein letzter sein.

Von allen Überlegungen, die er in dieser Stresssituation anstellte, kreiste keine einzige um die Möglichkeit, eine wirklich beruhigende Distanz zwischen sich und das Fremdgebilde zu bringen. Zum einen hätte er auch damit seine sofortige Vernichtung provozieren können, und zum anderen war Flucht nie eine Option für ihn, solange noch der Hauch einer Chance bestand, eine Gefahr heil zu überstehen.

Und diese Möglichkeit bestand nach wie vor.

Alle anderen klammerte er in der nächsten Phase seiner Lageeinschätzung einfach aus.

Der nächste Schritt war dann beinahe zwangsläufig: Qiliis griff routiniert in die Steuerung seines Jägers ein und lenkte ihn zügig auf das von Blitzen erhellte Objekt zu.

Der Talianer wollte sich nur in Reichweite seines Viralhelms bringen, dann sollte Schluss sein. Dann wollte er sich wieder seines unmissverständlichen Befehls erinnern und in Warteposition gehen, während er versuchte, wertvolle Informationen über das fremde Gebilde zu ergattern, mit denen er Wasir Jiilor beeindrucken und besänftigen konnte.

Erwartungsvoll dirigierte er die Viralströme auf das mutmaßliche Raumschiff zu. Der Versuch, sie in die Oberfläche der fremdartigen Konstruktion einsickern zu lassen, scheiterte mit einer solchen Vehemenz und so folgenschwer, dass Qiliis sich für seine Unvorsichtigkeit nur verfluchen konnte – bevor sich völlige Dunkelheit, völlige Stille über seinen Geist senkte.

 

 

 

EINS

Gegenwart

 

Da war ein Pochen wie von tausend Herzen.

Er öffnete die Augen.

Matte Helligkeit lag über ihm und der Umgebung, die… stählern war. Künstlich. Und dabei so verlassen und still, als hätte die Zeit selbst den Ort vergessen.

Er bemerkte, dass sie nicht auf dem blanken Boden lag, sondern stand, als wäre er eine gerade zum Leben erwachte Statue. Die rechte Hand hob sich, als müsste sie diese Bewegung erst üben. Unbeholfen tastete sie mit den Kuppen der Finger über das Gesicht.

Weich und kühl.

Fleisch, natürlich. Was auch sonst?

Er hielt die Hand vor die Augen und betrachtete sie genauer. Auf der Außenseite wölbten sich Adern, die Haut selbst wies kein Fältchen auf, spannte sich straff über dem Gewebe.

So fremd ihm die Umgebung war, so fremd war ihm auch die Hand, auf die er starrte. Ebenso die Beine, Füße, Arme und der Torso. Er horchte in sich, fand aber keinen Hinweis auf Schmerz, nur Leere. Eine so tiefreichende Leere, dass er das Gefühl hatte, in einen Abgrund zu stürzen.

Er geriet ins Straucheln und konnte einen Sturz nur verhindern, indem er sich wieder auf die Umgebung konzentrierte, in der er zu sich gekommen war.

Warum er nicht liegend das Bewusstsein wiedererlangt hatte, wie es seinem Gefühl nach normal gewesen hätte sein müssen, konnte er nicht beantworten. Sicher war nur, dass er sich seiner erst im Stehen bewusst geworden war. Was nicht bedeutete, dass er auch wusste, wer er war.

Erneut pflanzte sich ein Zittern wie seismische Beben durch seinen Körper. Er stöhnte erstickt auf. Seine Augen übermittelten einen Raum, dessen schiere Größe lähmte. Das Metallische des Bodens fand sich auch an der Decke wieder, die er aber nur hätte berühren können, wenn er um das Zwanzigfache größer gewesen wäre, als es der Fall war. Noch beklemmender war die Weite der Halle, in der sich seltsame Strukturen drängten. Ihre Transparenz legte den Verdacht nahe, dass es sich um virtuelle Objekte handelte, um umrisshaft ausgeprägte Hologramme.

Wo bin ich?

Für einen Moment schien ihm die Frage wichtiger als die nach der eigenen Identität.

Er hatte keinerlei Erinnerung. Weder, wie er hierhergekommen war, noch, was irgendwann im Vorfeld dieses Ereignisses geschehen war. Sein Gedächtnis reichte nur bis zu dem Moment zurück, da er zu sich gekommen war. Das Einzige, was funktionierte, war, den Dingen, die er sah, Begrifflichkeiten zuzuordnen. Eine Wand war eine Wand, ein Arm ein Arm, eine –

Er hielt es nicht länger aus, nur da zu stehen. Entschlossen setzte er einen Fuß vor den anderen und trat an eines der Objekte heran, die unterschiedlichste geometrische Formen in sich vereinten. Das durchscheinende Gebilde, vor dem er nach ein paar wackeligen Schritten stehen blieb, war eine Säule, die vom Boden bis zur Decke reichte. Wäre sie materiell gewesen, hätte der Eindruck entstehen können, dass sie eine stützende Funktion ausübte. Ihre Transparenz – fast schon Transzendenz – ließ diesen Gedanken jedoch gar nicht erst aufkommen. Bis zu dem Moment zumindest, als er die Hand danach ausstreckte und – anders als erwartet – nicht nur die vermeintliche Holografie hindurchstieß, sondern ihr mit seiner Berührung Existenz zu verleihen schien.

Erschrocken fuhr er zurück. Sofort verlor das zylindrische Gebilde seine Festigkeit – so zumindest der optische Eindruck – wieder und kehrte zu der Zustandsform zurück, in der es allenfalls schwach erkennbare Umrisse besaß.

Der Humanoide überwand seinen Schrecken und trat wieder dicht an die „Säule“ heran, berührte sie erneut, diesmal, indem er sie lediglich mit einer Fingerspitze antippte. Der Effekt war der gleiche wie bei der ganzen Hand: Die Stofflichkeit und Festigkeit kehrte zurück, der Zylinder bot dem Fingerdruck Widerstand und zugleich…

… wurde der Humanoide von einem harten Rhythmus durchpulst, der sich wie der Schlag von tausend Herzen anfühlte.

Bei seinem Erwachen hatte er noch geglaubt, das Dröhnen käme aus ihm selbst. Ein Irrtum, wie sich nun herausstellte.