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Mila steht zwischen zwei Männern. Wird sie sich für ein Leben in der Stadt entscheiden oder auf ihr Herz hören?
Mila Abendroth kümmert sich als Versorgungsassistentin der Bergpraxis Waldkirch voller Begeisterung um ihre Patienten. Sie liebt ihren Job, nur eine Beziehung fehlt ihr. Doch wie soll sie auf dem Land den Richtigen finden? Eines möchte sie auf keinen Fall: Als Bäuerin auf einem Hof enden wie dem, auf dem sie aufgewachsen ist. Milas neuester Patient ist Jonas Wolff, der schon seit der gemeinsamen Schulzeit heimlich in Mila verliebt ist. Nach einem Unfall ist er auf ihre medizinische Betreuung angewiesen. Je mehr Zeit Mila auf dem Hof des Bio-Landwirts verbringt, desto näher kommen sie sich – Milas Abneigung gegenüber Bauernhöfen zum Trotz. Doch dann taucht Leon auf, erfolgreicher Anwalt aus München, der keinen Zweifel an seinem Interesse an Mila lässt. Er bietet ihr alles, was sie immer wollte. Wie wird Mila sich entscheiden?
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2025
Mila küsste Jonas! Erschrocken machte sie sich los und taumelte einen Schritt zurück. O Gott! Sie hatte ihn geküsst – oder er sie.
Schockiert starrte sie auf ihn herunter. Nicht, weil Jonas sie mit diesem Kuss überfallen hatte. Sondern, weil diese kurze, verträumte Berührung seiner Lippen die Schmetterlinge befreit hatte, die schon so lange eingesperrt in ihrem Bauch festsaßen. Jetzt flatterten sie. Wie verrückt und wild durcheinander. Genau so wie sie es sich immer erträumt hatte. Mit einer völlig anderen Art von Mann! Einer Art von Mann, der nichts mit einem Bauernhof oder Landwirtschaft zu tun hatte. Der Anzüge trug und eine Karriere gemacht hatte, bei der keine schmutzigen Hände oder Stallgeruch eine Rolle spielten. Verdammt! Sie legte die Fingerspitzen an ihre Lippen. Wie konnte es sein, dass ausgerechnet Jonas diese Gefühle in ihr auslöste?
Was tun, wenn man zwei Traumberufe hat? Jana Lukas entschied sich nach dem Abitur, zunächst den bodenständigeren ihrer beiden Träume zu verwirklichen und Polizistin zu werden. Nach über zehn Jahren bei der Kriminalpolizei wagte sie sich an ihren ersten Roman und erzählt seitdem von großen Gefühlen und temperamentvollen Charakteren. Das gilt auch für die Romane, die sie unter dem Pseudonym Ella Thompson veröffentlicht und in denen sie uns mitnimmt an die malerische Ostküste der USA. Ihr Motto lautet: Es gibt nicht viele Garantien im Leben … Aber zumindest in ihren Romanen ist ein Happy End garantiert. Immer!
Lieferbare Titel
Herz und Tal
Windstärke Liebe
Die Mühlenschwestern – Die Liebe kennt den Weg zurück
Die Mühlenschwestern – Die Hoffnung wird dich finden
Die Mühlenschwestern – Das Glück wartet auf dich
Die Alte Schule – Wo dein Herz zuhause ist
Die Alte Schule – Wo du das Glück findest
Die Alte Schule – Wo die Liebe dich küsst
Herzklopfen in der Bergpraxis
Traummomente in der Bergpraxis
Liebesglück in der Bergpraxis
JANA LUKAS
Roman
Wilhelm Heyne VerlagMünchen
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© 2025 by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Diana Mantel
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
unter Verwendung von © Getty Images (FreshSplash), FinePic®, München
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-31314-2V001
www.heyne.de
Postkarte von Josefine und Laurenz Thaler aus Irland
Liebe Praxisgang,
es wird höchste Zeit, dass wir uns auch einmal bei euch melden. Wobei wir natürlich gesehen haben, dass ihr uns alle auf Instagram folgt (außer dir, Aloisa).
Wir genießen das große Reiseabenteuer noch immer sehr. Auch wenn uns diese grüne Insel einiges abverlangt – besonders dem Bulli, der gar nicht so regendicht ist, wie wir angenommen hatten.
Es ist hier wirklich seeehr grün, und uns fehlen ein wenig die Herbstfarben in Waldkirch. Und ganz ehrlich, wenn schon der Regen so herausfordernd ist, denken wir ernsthaft darüber nach, den Winter mit einem festen Dach über dem Kopf und vor unserem Kachelofen zu verbringen.
Vielleicht sehen wir uns also bald.
Bis dahin liebe Grüße
Josefine und Laurenz
Die Wölffe
Papa: Vergesst die Männerrunde heute Mittag nicht.
Anton: 👍🏻
Jonas:Natürlich
Mila Abendroth summte den Taylor-Swift-Song mit, der leise aus dem Autoradio klang. Sie hatte das Fenster heruntergelassen und atmete die kühle, feuchte Luft ein, die im Tal lag. Genau wie das rotgoldene Laub, das in der Sonne funkelte, war sie ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der Sommer hinter ihnen lag. »Und darüber bin ich verdammt froh«, murmelte Mila und setzte dazu an, den Refrain mitzusummen.
Die letzten Monate hatten in Waldkirch ziemlich viele Veränderungen gebracht. Obwohl, das stimmte nicht ganz. Manche Leben waren heftig durcheinandergeschüttelt und regelrecht auf den Kopf gestellt worden. Ihres zum Beispiel. Wer hätte sich vor ein paar Wochen noch vorstellen können, dass sie heute zu einem Pfannkuchenessen bei Marie Brunner eingeladen gewesen wäre? Dass sie hingehen würde? Und dabei Spaß hatte?
»Ich jedenfalls nicht«, beantwortete sie sich die Frage selbst und bog von dem Feldweg, der zu Marie Brunners Hof führte, auf die Landstraße in Richtung Waldkirch ab. Noch vor ein paar Wochen hätte sie alles versucht, um bei diesem Pfannkuchenessen nicht dabei sein zu müssen, auch wenn die Eier dafür aus einer großen Palette stammten, die ein dankbarer Patient in der Praxis abgegeben hatte. Der Gedanke ließ sie auflachen. Ihre Kollegin Marie, mit der sie zusammen in der Praxis Thaler arbeitete, hätte sie nicht einmal zu sich nach Hause eingeladen, so wie Mila sich benommen hatte. So wie sie ihr ihr das Leben schwergemacht hatte – wie ein echtes Miststück eben, das sie Marie gegenüber so viele Jahre lang gewesen war. Sie war so froh, dass sie dieses verdammte Missverständnis, das so viele Jahre zwischen ihnen gelegen hatte, aus dem Weg räumen konnten. Und sie war dankbar, dass Marie ihr eine Chance gegeben hatte, obwohl sie sie so mies behandelt hatte. Jetzt trafen sie sich zum Pfannkuchenessen und lachten gemeinsam über die Postkarten und Instagrambeiträge ihrer Chefin Josefine Thaler, die die Praxis an ihre Kinder Sanna und Simon übergeben hatte, während sie mit ihrem Mann Laurenz auf Weltreise gegangen war.
Mila ließ den Blick über die abgeernteten, stoppeligen Felder gleiten und blieb an Vincent Wolffs Fünfsternebunker hängen. Das Luxushotel thronte wie ein kleines Schloss, wenn auch ein wenig einsam, auf einer Anhöhe. Ein Etablissement, das genau dem Stil entsprach, in dem der Milliardär aus dem Roman, den sie gerade las, absteigen würde. Sie seufzte. Romane – diese schönen Fantasien.
Der Hotelparkplatz war ziemlich verwaist. Wahrscheinlich hatten die meisten Gäste, die die Woche in den Allgäuer Hochalpen verbracht hatten, bereits ausgecheckt.
Als ihr Wagen daran vorbeirauschte, nahm sie die beiden Männer wahr, die am Rande des Parkplatzes standen. Alles an ihrer Körperhaltung sagte Mila, dass sie stritten. Im nächsten Moment rangelten sie miteinander, und …
»Scheiße!« Mila trat die Bremse durch und schaffte es im letzten Moment, das Lenkrad herumzureißen und in die Einfahrt des Hotels abzubiegen. Sie war zu schnell gewesen, um die Details erkennen zu können. Aber der eine Typ hatte den anderen geschubst, der daraufhin die Böschung hinuntergestürzt war. Wo er jetzt regungslos lag.
Sie fuhr nicht bis zum Hotel, sondern hielt auf Höhe des Mannes und sprang aus ihrem Wagen. Der Mann musste sich verletzt haben, so, wie er reglos liegen blieb. Ihr Herz schlug schneller. Wenn sie nicht zufällig hier vorbeigekommen wäre … Mit wenigen Schritten war sie bei dem Verunglückten. »Bleiben Sie ruhig liegen, ich helfe Ihnen«, sagte sie, noch während sie neben ihm in die Hocke ging. »Ich … um Himmels willen, Jonas?« Überrascht starrte sie ihren alten Freund an, und das Adrenalin, das augenblicklich Angst um ihn durch ihren Körper pumpte, legte noch einen Zahn zu. »Was ist passiert? Wo hast du dich verletzt?«
Jonas hatte seinen Kopf kurz gehoben, als Mila seinen Namen gerufen hatte. Jetzt ließ er ihn mit einem Seufzen wieder sinken und starrte in den Himmel, statt ihr zu antworten.
Mila blickte die Böschung hinauf und entdeckte Anton. Jonas’ Bruder, Unruhestifter und selbstverliebter Mistkerl. Er stand am Rande des Parkplatzes und sah wütend zu ihnen herunter. Mit Publikum für seinen Angriff hatte er mit Sicherheit nicht gerechnet, dieser Mistkerl. Pech! Sie hatte genau gesehen, wie er seinen Bruder gestoßen hatte.
Mila konzentrierte sich wieder auf Jonas. »Was tut dir weh?«, formulierte sie ihre Frage noch einmal anders und legte ihre Hand in einer beruhigenden Geste sacht an seine Schulter.
»Alles?« Er stöhnte unterdrückt auf, als er versuchte, sich aufzusetzen.
»Bleib einen Moment liegen, okay?« Mila drückte ihn an den Schultern sanft zurück auf den Boden. Sie war keine Ärztin, aber als examinierte Krankenschwester und Versorgungsassistentin hatte sie genug Fachwissen, um diese Lage in den Griff zu bekommen. Als Erstes musste sie ihre Emotionen zur Seite schieben. Vor ihr lag ein Mann, mit dem sie schon im Kindergarten im Sandkasten gespielt hatte. Aber im Moment war er ein Patient. Ein medizinischer Notfall, wenn sie sein schmerzverzerrtes Gesicht betrachtete. Also schaltete Mila in den Rettungsmodus. Sie versicherte sich, dass Jonas keine Kopfverletzung hatte und seine Wirbelsäule okay war. »Jetzt kannst du dich aufsetzen«, sagte sie und zog ihn an den Armen vorsichtig in eine sitzende Position.
»Verdammt! Mein Fuß!«, fluchte Jonas, als er sofort versuchte, aufzustehen, statt sich nur aufzusetzen.
Wieder hielt Mila ihn fest. Ihr fiel auf, dass er nicht wie sonst Jeans, ein T-Shirt oder einen Hoodie trug, sondern ein schwarzes Hemd und graue Chinos. Über dem Rand seines linken Sneakers begann sein Knöchel anzuschwellen.
»Das sieht nicht gut aus«, gab sie ihm recht. »Ich ziehe dir den Schuh aus, sonst werden die Schmerzen noch größer. Aber, Jonas«, sie sah ihn wieder an, »dieser Fuß muss in ein Krankenhaus.«
»Wahrscheinlich ist es nur ein Bäderriss. Das hatte ich schon tausendmal«, widersprach er.
»Vielleicht. Aber um sicherzugehen …«
»Mach dir nicht so viel Mühe, Mila«, schnitt er ihr das Wort ab. »Ich muss nur irgendwie zu meinem Auto kommen. Zu Hause habe ich irgendwo noch diese Schiene vom letzten Mal. Ein bisschen Voltaren, und ich bin wie neu.«
Mila presste die Lippen zusammen, um Jonas nicht an den Kopf zu werfen, was sie von dieser Idee hielt. Sie sog die Luft durch die Nase ein und atmete langsam wieder aus – eine Taktik, die sich bei schwierigen Patienten bewährt hatte. Jonas und sie kannten sich schon so lange. Sie waren zusammen zur Schule gegangen und gehörten noch immer zur gleichen Clique. Er war ein ruhiger, zurückhaltender Typ, auch wenn er hin und wieder auf ziemlich abgedrehte Ideen kam. Wie eine Radtour an die Nordsee. Nicht mit einem E-Bike, versteht sich. Dafür mit Übernachtungen im Freien – und selbstverständlich im Februar. Sonst wäre es schließlich keine Herausforderung.
Und nun würde es zu ihrer Herausforderung werden, Jonas von einem Besuch in der Notaufnahme zu überzeugen. »Wunderbar«, ließ sie sich mit einem Lächeln auf den Streit ein. »Wenn das nur ein Bänderriss oder ein verstauchter Knöchel ist, musst du ja keine Angst davor haben, ins Krankenhaus zu gehen. Dann lassen wir das anschauen und zack«, sie schnippte mit den Fingern, »sind wir da wieder raus.«
»Hilfst du mir hoch?«, bat er Mila, ohne auf ihren Vorschlag einzugehen.
Sie seufzte, erhob sich aber und reichte ihm die Hände, um ihm aufzuhelfen. Jonas verzog das Gesicht, als er sich hochrappelte und schwankend neben ihr zum Stehen kam. Er war weiß wie eine Wand und presste die Lippen zusammen. Mila konnte sich die Schmerzen vorstellen, unter denen er gerade litt. Aber Jonas gehörte zu den Männern, die nicht besonders viel Aufsehen um sich selbst machten. Ganz im Gegenteil zu seinem Bruder.
Apropos Bruder. Jonas und sie sahen gleichzeitig in Richtung der schnellen Schritte, die auf sie zuhielten. Anton rannte, an ihrem Auto vorbei, zu ihnen herüber. Gefolgt von seinem Vater, der seinen massigen Körper ein wenig langsamer bewegte. Am Rande des Parkplatzes über ihnen hatten sich bereits ein paar Schaulustige eingefunden.
»Ich übernehme das«, rief Anton auf seine übliche herrische Art, noch bevor er sie erreichte.
»Lass mich bloß nicht mit denen allein«, murmelte Jonas, auf Milas Schulter gestützt. Sein Atem strich warm über ihr Ohr und kribbelte auf ihrer Haut.
Ein Reflex, dachte Mila, als sich an genau dieser Stelle eine Gänsehaut bildete. Dann blieb ihr keine Zeit mehr, über ihre Reaktion nachzudenken.
Anton hatte sie erreicht und machte Anstalten, sich den Arm seines Bruders über die Schulter zu legen, um ihn wegzuführen. »Wir bringen ihn zum Arzt.« Ein Fakt, der keine Widerrede duldete.
Offenbar war sich dieser aufgeblasene Blödmann nicht bewusst, wie wenig Mila von ihm hielt. Okay, wie sehr sie ihn hasste, traf es eher. Er war ein Bully. Ein Typ, der seinen Bruder schubste. Der Typ, der das Leben ihrer besten Freundin zerstört hatte. Anton Wolff war ein riesengroßes Arschloch. Und Mila würde schon aus Prinzip nicht tun, was er von ihr verlangte. »Wir haben die Lage im Griff«, ließ sie ihn wissen. »Vorsichtig, Jonas.« Sie schob erst Antons Arm von seiner Schulter und dann ihren eigenen um seine Taille, um ihn die wenigen Meter bis zu ihrem Wagen zu stützen.
»Hast du nicht gehört, was Anton gesagt hat?« Schnaufend und mit rotem Kopf hatte sie nun auch Vincent Wolff erreicht. »Wir kümmern uns um diese Angelegenheit.«
Nett, wie er seinen Sohn als Angelegenheit bezeichnete. Milas Wut wuchs weiter. Sie war sich nicht sicher, wie lange es dauern würde, bis sie Feuer spuckte. »Die Angelegenheit möchte von mir versorgt werden«, erwiderte sie mit einem zuckersüßen Lächeln und zog die Beifahrertür ihres Wagens auf. »Wenn ihr einen Schritt zur Seite machen würdet, damit Jonas einsteigen kann?«
Sie wartete, bis sie ihr Platz machten, bugsierte ihren Patienten auf den Beifahrersitz und warf die Tür zu. Dann joggte sie um ihren Wagen herum, als könnten die beiden es in der Zwischenzeit schaffen, ihre »Angelegenheit« wieder aus dem Auto zu ziehen. Sie schlüpfte hinter das Lenkrad, startete den Motor – und ließ Vincent und Anton in einer kleinen Staubwolke zurück.
An der Einfahrt zur Landstraße lehnte sich Jonas mit einem Seufzen in seinem Sitz zurück. »Danke, dass du mir geholfen hast. Du kannst mich einfach zu Hause absetzen.«
Jetzt würde es wirklich nicht mehr lange dauern, bis Rauch aus Milas Nase kam. Sturer Kerl! Sie schenkte ihm das gleiche süßliche Lächeln, mit dem sie gerade noch seinen Vater bedacht hatte. »Es ist ganz einfach, Jonas«, erklärte sie ihm mit der Geduld, die man normalerweise nur für kleine Kinder brauchte. »Ich fahre dich jetzt ins Krankenhaus, damit die sich deinen Knöchel ansehen. Oder ich überlasse dich den beiden bösen Wölffen hinter uns.« Sie legte den Kopf schief. »Du darfst wählen. Welche Variante ist dir lieber?«
*
Zwei Stunden zuvor
Jonas’ Gestalt reflektierte in der Spiegelwand über der Zedernholztäfelung, die den Gang zum Restaurant breiter wirken lassen sollte. Er hatte sich so angezogen, dass zumindest sein Äußeres (abgesehen von seinen Haaren) keinen Grund zu abfälligen Bemerkungen oder ungewollten Ratschlägen gab. Davon würde er für alle anderen Bereiche seines Lebens genug bekommen. So wie immer, wenn er seinen Vater und seinen Bruder traf.
Jonas bemühte sich, so wenig Kontakt zu Vincent und Anton Wolff zu pflegen wie möglich. Und trotzdem schaffte er es nicht, sich um die Männerrunden zu drücken, wie sie die Mittagessen nannten, die zweiwöchentlich sonntags in einem der Wolff’schen Hotelrestaurants stattfanden. Gerade jetzt, wenn der Viehscheid vorbei war und die Rinder wieder auf den Wiesen im Tal standen. Wo er noch mal gemäht hatte und hoffen konnte, eine ordentliche Fuhre Heu einbringen zu können, kam ihm das alles andere als gelegen. Aber wenn er absagte, hätte er die beiden im Nacken – und nichts wollte er weniger. Ein regelmäßiges Mittagessen war da definitiv das geringere Übel.
Jonas nickte dem Hotelmitarbeiter zu, der ihm die Tür zum Restaurant öffnete. Wahrscheinlich würde er sich zwei Stunden lang anhören, wie sich sein Vater darüber aufregte, dass Sanna Thaler ihm seinen Talsprecher-Status gestohlen hatte, obwohl er so viele Jahrzehnte alles für Waldkirch gegeben hatte. Diese Tirade hatte sich zu einer Endlosspirale verselbstständigt, der niemand in Vincent Wolffs Umfeld entkommen konnte.
Jonas sah seinen Vater und seinen Bruder an einem Tisch in einer Nische am Fenster sitzen. Er hielt auf sie zu und zog sich den freien Stuhl heraus. »Servus«, grüßte er und blickte in die Gesichter, die an diesem Tag besonders viel schlechte Laune ausstrahlten. Na wunderbar.
»Griaß di«, antwortete sein Vater.
Anton brachte gerade mal ein Nicken zustande, bevor er nach seinem Bierkrug griff und einen ordentlichen Schluck trank. Er arbeitete zwar eng mit Vincent zusammen, aber wenn er ehrlich gewesen wäre, hasste er diese Männerrunden mindestens so sehr wie Jonas.
»Wie geht’s euch?«, fragte Jonas pflichtschuldig.
»Geht schon. Mal abgesehen von der Thalerin, die dieses Tal ruinieren wird, wenn die so weitermacht.«
Und los ging’s. Jonas atmete langsam ein und aus und bemühte sich um ein unverbindliches Lächeln, das er nicht fühlte.
Anton gab nur ein übellauniges Brummen von sich, das sich schlecht einordnen ließ, und trank noch einen Schluck Bier. Jonas wusste nicht, was für ein Problem sein Bruder hatte. Der Alkohol tat ihm allerdings nicht gut. Das hatte er neulich schon bewiesen, als er sich besoffen auf dem Waldkircher Sommer lächerlich gemacht hatte, weil er Jonas’ Freunde, Simon Thaler und Marie Brunner, angepöbelt hatte und sich sogar mit Simon hatte prügeln wollen. Was am Ende dazu geführt hatte, dass Antons Ex-Freundin Nikola ihn mit einem Mikrofon von der Bühne des Festes aus bloßgestellt und Gott und der Welt von seinen Teenagereskapaden berichtet hatte.
»Ich nehme eine Cola«, bat er die Kellnerin, die an ihren Tisch kam, »und die Knödelvariationen.«
»Sehr gerne.« Sie lächelte ihn an, als wäre er von allen Anwesenden ihr Lieblings-Wolff. Um so einen Status wirklich zu erreichen, hielt er sich allerdings nicht oft genug hier auf.
»Wir können noch eine Flasche Wein nachbestellen«, sagte sein Vater.
»Nicht nötig. Ich habe nachher noch zu tun.« Und wenn er ein Glas Wein oder ein Bier trinken würde, dann in seiner Lieblingskneipe: der Alpenliebe. Mit seinen Freunden, die sein Vater und sein Bruder nicht ausstehen konnten. »Was gibt es Neues?«, versuchte er das Gespräch in eine Richtung zu lenken, in der nicht die ganze Aufmerksamkeit auf ihm lag.
Sie schafften es einigermaßen friedlich durch ihr Essen, was Jonas nicht als selbstverständlich ansah. Erst als sie ihren Nachtisch geordert hatten – Anton noch ein Bier, Vincent eine Bayrisch Creme und Jonas einen Espresso –, verschränkte sein Vater die Hände. »Es gibt da eine Kleinigkeit, über die wir noch mal reden sollten.«
Es gab ständig irgendetwas, worüber Vincent noch einmal reden wollte. In der Regel ging es dabei um Dinge, bei denen er seinen Willen noch nicht bekommen hatte. Jonas war gespannt, was es diesmal war.
»Es geht um die brachliegenden Weideflächen, mit denen die Thalerin spekuliert«, erklärte Vincent prompt.
Daher wehte der Wind also. »Nein, darüber brauchen wir nicht reden.« Jonas zwang sich zu einem freundlichen Gesicht. »Zu diesem Thema ist längst alles gesagt.«
»Du verrätst das Erbe der Wolffs.« Anton hieb so wütend mit der Faust auf den Tisch, dass die Espressotasse auf der Untertasse klapperte und sich die Gäste an den umliegenden Tischen nach ihnen umdrehten. »Bevor du sie der Thalerin für ihre gesponnene Kräuteridee in den Rachen wirfst, solltest du vielleicht erst einmal an deine Familie denken«, fuhr er etwas leiser fort.
»Erstens«, brachte Jonas zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, »verrate ich nicht das Erbe der Wolffs, weil es hier um Bachmayer-Land geht.« Der Hof war seiner Mutter und deren Bruder vermacht worden. Vincent hatte es nie geschafft, sich diesen Grund unter den Nagel zu reißen, und das wurmte ihn besonders jetzt, weil er doch große Pläne mit dem Tal hatte. Okay, diese Pläne waren eher größenwahnsinnig als alles andere, aber Jonas’ Vater schien schon seit einer Weile ein wenig die Bodenhaftung verloren zu haben. »Und zweitens werfe ich es nicht Sanna Thaler in den Rachen. Ich überlege, mit Elle est Belle zusammenzuarbeiten und Kräuter in Bioqualität anzubauen, wenn das Unternehmen wirklich Interesse an meinen Flächen hat.«
»Du kannst doch beides haben«, sagte Vincent in wesentlich ruhigerem Tonfall als Anton. »Baue ein bisschen weniger an als geplant, und verpachte mir eine der Flächen.«
Jonas ließ sich fassungslos gegen die Lehne seines Stuhls sinken. »Ich soll einen Biobetrieb führen und dir nebenan eine Wiese verpachten, auf der du eine Chemiefabrik bauen kannst?« Er warf seine Serviette auf den Tisch und erhob sich. »Bist du von allen guten Geistern verlassen?!« Eine rhetorische Frage, auf die Jonas keine Antwort erwartete. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ den Raum.
Vincent und Anton hatten sich noch nie Gedanken um den Hof gemacht. Sie hatten immer nur ihre Hotels im Sinn. Das war für Jonas in Ordnung. Aber sie hatten sich nie mit seiner Arbeit beschäftigt. Sie hatten keinen blassen Schimmer, was es bedeutete, einen Biobetrieb am Laufen zu halten und alle notwendigen Auflagen zu erfüllen. Eine Fabrik für Lacke und Farben nebenan war das Letzte, was er gebrauchen konnte. Genauso hatte Sanna das gesehen und seinem Vater bei der letzten Talsprecherwahl die Stirn geboten. Offenbar sahen das im Tal auch sonst ziemlich viele Leute genauso und hatten den alten Wolff nach einer sehr langen Amtszeit abgewählt. Aber natürlich ließ Vincent sich davon nicht aufhalten, und er war viel zu stur, um eine Niederlage einzugestehen. Er wollte diese Fabrik, einfach um zu beweisen, dass er am längeren Hebel saß und sich durchsetzen konnte.
Das konnte er gern probieren – aber ohne Jonas. Die automatische Eingangstür glitt vor ihm auseinander. Mit langen Schritten überquerte er den Parkplatz, als er Anton hinter sich hörte.
»Jonas, warte.«
Er hatte seinen Wagen schon fast erreicht, als er doch anhielt und sich zu seinem Bruder umdrehte. »Was willst du noch?«, fragte er genervt.
»Nur mit dir reden.« Anton blieb vor ihm stehen und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor seinem Gesicht herum. »Steig von deinem verdammten, biologisch korrekten hohen Ross herunter, und mach die Augen auf. Wir haben das, was dieses Tal für die Zukunft braucht.«
Jonas schob den Finger seines Bruders zur Seite. »Hast du mir gerade nicht zugehört? Ich. Bin. Nicht. Interessiert«, wiederholte er langsam, als hätte er es mit einem Kleinkind zu tun. »Und jetzt lass mich in Ruhe.«
Jonas drehte sich um, um zu seinem Wagen zu gehen, doch Anton griff ihn am Arm und riss ihn wieder zu sich herum. »Ich beende dieses Gespräch«, knurrte er.
Dann löste Jonas Antons Hand von seinem Oberarm und drehte sich wieder um. Doch diesmal griff sein Bruder noch fester zu und wirbelte ihn abermals herum. Vielleicht lag es an der unerwarteten Bewegung. Vielleicht daran, dass Anton nach den Bieren, die er zum Essen getrunken hatte, aus dem Gleichgewicht geriet und sich auf Jonas stützte, der sich nach hinten lehnte, um von ihm wegzukommen.
Einen Moment schwankten sie. Dann trat ein fieser Ausdruck in Antons Augen. »Vollidiot«, fluchte er leise und machte seiner Wut Luft, indem er Jonas vor den Brustkorb stieß.
Wahrscheinlich passierte das alles nur im Bruchteil von Sekunden, aber für Jonas fühlte sich dieser Moment an wie eine Zeitlupe. Er verlor das Gleichgewicht, als er nach hinten fiel. Dort, wo der Aufprall auf dem Boden hätte kommen müssen, war nichts. Weil er an der Böschung gestanden hatte, wurde ihm klar, als er mit Verzögerung und einer Wucht auf den Boden knallte, die ihm die Luft aus den Lungen presste. Er überschlug sich. Rollte den Hang hinunter. Überschlug sich noch einmal und kam mit dem linken Fuß in einem falschen Winkel auf, als plötzlich das Gewicht seines Körpers auf dieser Stelle lastete. Er hörte das Knacken, spürte den Schmerz, der wie ein heißer Strahl durch sein Bein schoss. Und dann rollte er weiter, bis er den Boden der Böschung erreicht hatte.
🍹Lust auf Aperol🍹
Jonas: Hört auf, mich zu nerven! Ich bin so schnell wie ein Wiesel!
Paulina:Ein altes Wiesel.
Mila:Mit zerbeultem Kopf.
Simon:Und einem Hinkebeinchen.
Mats:Platt gefahren am Straßenrand.
Paulina:Vor zwei Tagen.
Jonas:Okay, vielleicht.
Simon:Gib es zu!
Jonas:Ja, so ungefähr fühle ich mich. Aber sobald ich wieder auf dem Damm bin, trete ich jedem in den Hintern, der sich jetzt über mich lustig macht.
Paulina:😂😂😂👍🏻😂
Mila konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als Jonas mit einem genervten Seufzen sein Handy in die Hosentasche schob, das zwar auf Lautlos gestellt war, aber unablässig weiterbrummte. Genau wie ihr eigenes. Jonas’ und ihre gemeinsamen Freunde hatten offenbar gerade ziemlich viel Langeweile, und nachdem Jonas klar gemacht hatte, dass er sich bei dem Sturz nur einen Bänderriss zugezogen hatte, konnte er sich vor ihrem gutmütigen Spott nicht mehr retten.
Mila, die zum Glück eine ganze Menge Leute im Klinikum in Oberstdorf kannte, hatte einen Rollstuhl besorgt, weil sie keine Lust hatte, diesen großen Kerl durch die halbe Klinik zu bugsieren.
Wie erwartet hatte Jonas ein ziemliches Theater veranstaltet, weil er auf keinen Fall so durch die Gegend geschoben werden wollte. Nach einer Weile war ihm das Schimpfen allerdings vergangen. Jetzt hockte er wie ein Häufchen Elend da, den Fuß in Kühlpacks gepackt. Hemd und Hose waren von Grasflecken und kleinen Erdklümpchen übersät. Sein Man Bun hatte irgendwann begonnen, sich aufzulösen. Inzwischen hatte er seinen Haargummi ganz verloren, sodass seine Haare fast seine Schultern streiften. Mila betrachtete die dichten Wellen fasziniert, von denen jede in einer anderen Nuance zwischen goldenem Honig und dunklem Holz zu schimmern schien. Das Wunderwerk der Natur an einem Mann, der sich den größten Teil seiner Zeit im Freien aufhielt. Aber definitiv ein Farbspektrum, das ziemlich viele Frauen neidisch machen würde, weil keine Färbestrategie das so hinbekommen würde.
»Hör auf, mich so anzustarren«, brummte Jonas.
Milas Grinsen wurde breiter. »Ich halte nur nach Anzeichen auf eine Gehirnerschütterung Ausschau«, ärgerte sie ihn noch ein bisschen. »Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob das bei deinem Betonschädel überhaupt möglich ist.«
Wieder stieß Jonas diesen genervten Seufzer aus. »Ich bin dir wirklich dankbar, dass du mich aus den Klauen meiner grauenvollen Verwandtschaft gerettet und hergefahren hast. Aber du solltest jetzt wirklich nach Hause gehen. Ich finde schon jemanden, der mich später abholt.«
»Ich habe dir doch schon gesagt, dass mir das nichts ausmacht. Jetzt bin ich schon mal hier«, erwiderte sie so gelassen, wie sie es bei ihren Patienten tat, die sich bei allem querstellten. Jonas war in ihrer Kindheit ein süßer Junge gewesen. Ein bisschen ruhiger als die anderen, hatte er immer ein wenig im Schatten seines überpräsenten Bruders gestanden. Mila und Jonas waren nie besonders eng befreundet gewesen, obwohl sie zum gleichen Freundeskreis gehörten und sich mehrmals die Woche sahen. Sie hatte gewusst, dass dieser Mann stur sein konnte. Aber so störrisch?
»Ich brauche im Moment keine Hilfe«, erwiderte Jonas prompt und tippte mit dem Zeigefinger auf die Armstützen seines Rollstuhls. »Und du weißt, wie das in einer Notaufnahme ist. Man wartet ewig.«
»Aus dir spricht der grummelige Milchbauer vom Berg«, zog Mila ihn weiter auf.
Jonas legte den Kopf in den Nacken und starrte einen Moment an die Decke. »Kannst du bitte einfach gehen?«, brachte er dann durch zusammengebissene Zähne hervor.
Mila wartete, doch er senkte den Kopf nicht wieder, um sie anzusehen. »Okay«, sagte sie schließlich und ignorierte den erleichterten Laut, den Jonas ausstieß.
*
Jonas atmete erleichtert aus, als Mila sich endlich ihre Tasche schnappte und verschwand. Er wusste, dass er sich undankbar verhielt. Immerhin hatte sie ihn vor seinem Vater und seinem Bruder in Sicherheit gebracht. Er hatte wirklich keine Lust, sich Antons unehrliche Entschuldigungsversuche anzuhören. Der Name seines Bruders tauchte auf seinem Handybildschirm auf, als Jonas es wieder aus der Tasche zog. Er fuhr mit dem Daumen über die Oberfläche, und das Display wurde schwarz. Es war eindeutig leichter, Anton am Telefon wegzudrücken und seine Nachrichten zu ignorieren, als ihn jetzt neben sich sitzen zu haben.
Er wollte überhaupt niemanden neben sich sitzen haben, weil er ein verdammt schlechter Patient war, der nicht besonders gut mit Schmerzen umgehen konnte. Bevor er sich also Mila gegenüber blöd benahm, suchte er sich lieber ein Taxi für die Rückfahrt nach Waldkirch. Das war einer der Gründe, warum er sie weggeschickt hatte. Der andere war, dass es ihn einfach irritierte, sie in seiner Nähe zu haben. Auf das kleine herzförmige Muttermal auf ihrem Wangenknochen zu starren, das dafür gesorgt hatte, dass er sie früher heimlich Herzchen-Mila genannt hatte. Seit er als Teenager bis über beide Ohren in sie verknallt gewesen war und dann begriffen hatte, dass Typen wie er nie eine Chance bei ihr bekommen würden, hatte er sie immer auf eine Armlänge Abstand gehalten. Eine höfliche Armlänge, aber immerhin. Er hatte sie fünfzehn Jahre lang aufrechterhalten. Bis Mila sie heute zwangsläufig hatte untergraben müssen. Nur, um ihm im Anschluss nicht mehr von der Pelle zu rücken.
Aber jetzt war sie gegangen, und Jonas atmete noch einmal tief durch. Er hatte seine Ruhe. So wie er es am liebsten hatte. Er würde sich von einem Arzt die Bestätigung geben lassen, dass er sich nur den Knöchel verstaucht hatte, und dann würde er von hier verschwinden, so schnell er konnte. Auf seinem Hof wartete genug Arbeit auf ihn.
Jonas saß noch ein paar Minuten herum, bis eine freundlich lächelnde Krankenschwester durch die automatische Tür trat und auf ihn zuhielt. »Ich bringe Sie in den Untersuchungsraum, Herr Wolff«, erklärte sie, löste die Bremsen des Rollstuhls und schob ihn in einen Kubus, der durch Vorhänge von anderen Untersuchungsbereichen abgetrennt war. Dort waren neben einer Untersuchungsliege jede Menge Gerätschaften aufgebaut, die Jonas Angst gemacht hätten, wäre er nicht nur wegen eines lächerlichen Bänderrisses hier. Die Schwester half ihm auf die Liege und sorgte dafür, dass sein Fuß so lag und gleichzeitig gekühlt wurde, dass der Schmerz einigermaßen erträglich war. »Es dauert noch ein bisschen, bis der Arzt kommt«, erklärte sie ihm und zog den Vorhang hinter sich zu, als sie den Kubus verließ. Jonas hörte in einem der anderen Untersuchungsbereiche jemanden schmerzerfüllt stöhnen. Und er hörte das stete, monotone Piepsen einer Maschine, das ihm schon nach dreißig Sekunden auf die Nerven ging. Was »Es dauert noch ein bisschen« wohl bedeutete?
Nicht lange. Bereits ein paar Minuten später wurde der Vorhang einen Spalt geöffnet. Allerdings nicht von einem Arzt. »Nicht dein Ernst«, entfuhr es ihm, als er Mila erkannte.
»Ah, da bist du ja«, ignorierte sie seinen Kommentar und schob den Vorhang weit genug zur Seite, dass sie zu ihm hereinschlüpfen konnte. Sie balancierte einen Teller mit zwei Muffins vor sich her und ließ sich auf den Stuhl neben der Untersuchungsliege fallen. »War der Arzt schon da?«, wollte sie wissen.
Eigentlich sollte es Jonas nicht überraschen, dass diese Frau nicht auf ihn hörte. Hörte Mila Abendroth überhaupt jemals auf irgendjemanden? »Ich habe doch gesagt, du sollst gehen.«
Mila zuckte mit den Schultern. »Ich bin doch auch gegangen. In die Cafeteria. Ich hatte Appetit auf was Süßes. Willst du was?« Sie hielt den Teller in seine Richtung.
»Ich will keinen verdammten Muffin. Ich will, dass du gehst. Wegen mir muss niemand stundenlang hier rumhängen.«
Der Vorhang wurde zur Seite geschoben. Einen Moment war Jonas erleichtert, endlich einen Arzt zu sehen. Aber es war nur eine sehr große, sehr kräftige Schwester, die mit dem Gesichtsausdruck eines Profiboxers, der auf einen Sieg aus war, die Hände in die Hüften stützte. »Gibt es hier ein Problem?«, fragte sie.
»Kein Problem«, erwiderte Mila und biss von ihrem Muffin ab.
»Sind Sie eine Angehörige?«, grillte die Schwester Mila weiter, die in aller Seelenruhe noch einen Bissen von ihrem Gebäck nahm.
»Nein.« Mila lächelte die Schwester an. »Nur die Begleitperson von jemandem, der sich störrisch benimmt, weil er vermutlich zu heftig auf den Kopf gefallen ist.«
»Wenn Sie keine …«, begann die Schwester.
Doch Mila unterbrach sie. »Ich bin die, die ihn nachher zum Röntgen schiebt und dafür sorgt, dass Sie sich so wenig wie möglich um diesen Patienten kümmern müssen. Glauben Sie mir, er ist keiner von der tapferen Sorte.«
»Hast du mich gerade einen Angsthasen genannt?« Jonas zog die Augenbrauen zusammen. Diese Frau war so …
»Ich habe hier, in diesem Krankenhaus, meine Krankenpflege-Ausbildung gemacht«, erklärte sie der Schwester, ohne auf seinen beleidigten Zwischenruf einzugehen. »Danach habe ich ein paar Jahre auf der Inneren gearbeitet.«
Die Schwester warf Jonas einen Blick zu, zog ihre Augenbrauen dann noch ein bisschen mehr zusammen und nickte. Sie war mit Sicherheit über jeden Patienten dankbar, um den sich jemand anderes kümmerte, so tief wie die Augenringe und Furchen in ihrem Gesicht waren. »Schön.« Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um, verschwand hinter dem Vorhang – und ließ ihn mit seiner neuen Privatkrankenschwester allein, um die er nicht gebeten hatte.
»Ich werde auf keinen Fall gehen, nur damit noch mal jemand aus Waldkirch herfahren muss. Ich habe sowieso nichts Besseres zu tun«, erklärte Mila und zog ein Buch aus ihrer Handtasche.
Jonas starrte den Vorhang an, dann Mila. »Hast du gerade … Ich glaub es nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe schon vor mir gesehen, wie diese Schwester dich am Kragen packt und hier rauszerrt. Stattdessen spielst du dich jetzt als mein Babysitter auf, und sie erzählt vermutlich gerade jedem, dass ich angeblich ein schwieriger Patient bin.« Was stimmte, das musste er sich selbst eingestehen. Aber das war ja hier nicht das Thema.
»Bist du auch«, erwiderte Mila prompt. »Willst du wirklich keinen Muffin?«
»Nein, verdammt.« Jonas verschränkte die Arme vor der Brust und starrte den Vorhang an, als könne er den Arzt, der sich irgendwo dahinter aufhielt, telepathisch herbeirufen.
Ein paar Minuten herrschte Stille zwischen ihnen. Nur das Weinen eines Kindes, das nervige Piepsen dieser Maschine nebenan und das Rascheln der Seiten, wenn Mila sie in ihrem Buch umblätterte, waren zu hören.
Jonas konnte das Schweigen zwischen ihnen gut aushalten. Er war noch nie jemand gewesen, der Stille mit Worten füllen musste. Deshalb hatte er auch keine Ahnung, woher der nächste Satz kam. »Okay, ich will doch einen Muffin«, platzte es aus ihm heraus. Vielleicht war es einfach der Hunger. Oder die Langeweile. Half Süßes nicht auch gegen Schmerzen?
Mila reichte ihm den Teller, auf dem nur noch der Muffin thronte, den sie für ihn geholt hatte. »Lass es dir schmecken«, sagte sie und vertiefte sich augenblicklich wieder in ihr Buch, als existiere Jonas gar nicht.
Genau so, wie er es gewollt hatte. Aber irgendwie … »Was liest du denn da?«, fragte er und legte den Kopf schräg, um das Cover entziffern zu können, auf dem eine Frau in einem Ballkleid an der nackten Brust eines Typen klebte, der mehr Bauchmuskeln hatte, als anatomisch möglich war. »Der Milliardär und die Nanny?« Er schnaubte. »Klingt wie eine Geschichte aus dem wahren Leben.«
»Es ist zumindest eine Geschichte über einen Mann, der nicht einmal im Ansatz so störrisch und schwierig ist wie du«, erwiderte Mila, ohne sich die Mühe zu machen, den Blick von ihrer Lektüre zu heben.
Der Tag wurde lang. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Jonas von Mila zum Röntgen geschoben worden war und schließlich wieder in diesem kleinen Behandlungskubus saß. Er hatte das Gefühl, Platzangst zu entwickeln, wenn er noch länger hier herumhocken musste.
Es nervte ihn, dass er die Kontrolle verloren hatte. Über diesen Sonntag. Über seinen Fuß. Er war den Ärzten ausgeliefert. Und Mila, die ab und zu von ihrem Buch aufsah, um ihn klugscheißerisch darüber zu informieren, was als Nächstes passieren würde. Am meisten nervte ihn allerdings, dass seine Laune von Minute zu Minute sank, während Mila es sich mit ihrem halb nackten Milliardär und der Nanny gemütlich gemacht hatte und auf eine Art las, für die er kein anderes Wort als lebhaft fand. Sie verzog den Mund zu einem Lächeln, starrte verträumt auf die Seiten. Und wenn es spannend wurde, wickelte sie sich eine Haarsträhne um den Zeigefinger. Das hatte sie schon als Sechzehnjährige getan, wenn sie an einer besonders kniffligen Matheaufgabe festhing. Damals hatte ihn diese Geste bis in seine Träume verfolgt. Jetzt sorgte allein die Tatsache, dass er sich daran erinnerte, für noch mehr schlechte Laune.
Als der Vorhang schließlich zur Seite gezogen wurde und Dr. Bergmann, wie das Schild an seinem Kasack verriet, den Kubus betrat, atmete Jonas erleichtert auf. Na endlich!
»Entschuldigen Sie, dass Sie so lange warten mussten. Heute ist hier einfach die Hölle los«, sagte er.
»Gar kein Problem.« Mila klappte ihr Buch zu und ließ es in der Handtasche verschwinden. »Wir haben absolutes Verständnis dafür.«
Ach ja? Hatten sie? Jonas’ Kühe hatten mit Sicherheit nicht ganz so viel Verständnis dafür. Sie wollten gemolken werden.
Der Arzt rief Jonas’ Röntgenbilder auf dem PC neben der Liege auf. »Wie wir bereits befürchtet haben, ist Ihr Sprunggelenk gebrochen, Herr Wolff. Wir haben es mit einer sogenannten Weber-B-Fraktur zu tun«, erklärte er, aber Jonas nahm ab dem Wort »gebrochen« nur noch verschwommen wahr, was der Arzt sagte. Gebrochen? Das konnte gar nicht sein.
»Ihr Sprunggelenk muss für mindestens sechs Wochen ruhiggestellt werden. Am liebsten würde ich Sie noch für ein paar Tage hierbehalten, um sicherzugehen, dass sich die Knochenfragmente nicht noch verschieben.«
»Auf keinen Fall!« Jonas wollte sich aufrichten. Er schwankte, als ihm plötzlich schwindelig wurde. Was vermutlich an den Schmerzen lag. Und an dieser verdammten Diagnose. Sechs Wochen! Vielleicht spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass er außer dem Muffin schon seit einer ganzen Weile nichts mehr gegessen hatte.
Doch von all dem spürte er plötzlich nichts mehr, als Mila einen Arm um seine Schultern schlang und ihn stützte. »Ruhig, Brauner«, murmelte sie ihm ins Ohr.
Jonas war immer noch schwindelig, aber er war sich sicher, dass das nicht mehr an seinem Zustand lag, sondern an Milas Duft. Ihrem weichen Atem, der über seinen Hals strich. Und an der Gänsehaut, die sich auf seinem Körper ausbreitete. Es wurde höchste Zeit, dass sie ihm ein paar Ibuprofen gaben. Oder etwas Stärkeres. Er schien bereits vor Schmerzen zu halluzinieren. Und er reagierte noch genauso wie sein sechzehnjähriges Ich auf Mila. »Ich muss nach Hause«, sagte er das Erste, was ihm durch den Kopf ging.
»Uns wäre es lieber, Sie blieben noch für ein paar Tage hier, bis wir sicher sagen können, dass wir nicht operieren müssen. So wie es jetzt aussieht, können wir den Bruch konservativ heilen lassen. Aber wir müssen das noch einmal überprüfen.«
»Ich habe einen Hof«, sagte Jonas. Als Erklärung war das alles, was erwähnt werden musste. »Ich kann nicht hierbleiben.«
Der Arzt musterte ihn eindringlich. »Es spielt keine Rolle, ob Sie einen Hof haben, Herr Wolff. Sie werden Ihr Bein in nächster Zeit nicht belasten können. Also ist es völlig unerheblich, ob Sie auf Ihrem Hof sind oder hier.«
»Wenn ich mein Bein schon nicht belasten darf, dann mache ich das lieber zu Hause«, blieb Jonas stur.
*
Auf der Rückfahrt nach Waldkirch war Jonas genauso schwierig und unausstehlich, wie er es in der Notaufnahme gewesen war. Dass ihre Freunde ihn weiter per WhatsApp in ihrer Chatgruppe aufzogen, war da natürlich nicht besonders hilfreich. Genau wie die Tatsache, dass Jonas so gut wie nie krank war, soweit Mila das beurteilen konnte. Menschen, die nie auf die Hilfe anderer angewiesen waren, verhielten sich manchmal irrationaler, als gut für sie war.
Sie beschloss, seine gebrummten Kommentare zu ignorieren und ihn weder in der Alpenliebe abzusetzen, wo er ein Bier mit seinen Kumpels trinken wollte, noch sich darum zu kümmern, dass sein Jeep vor dem Hotel seines Vaters abgeholt wurde. »Darum kannst du dich morgen mit deinen Freunden kümmern, mit denen du heute Abend kein Bier trinken kannst«, ließ sie ihn wissen und bog auf die geteerte Straße ab, die zu Jonas’ Hof führte.
Mila war schon mal bei ihm zu Hause gewesen. Allerdings war das … sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Vermutlich zu einer Zeit, in der Jungen und Mädchen noch gemeinsame Geburtstagspartys gefeiert hatten, und zwar Partys, bei denen sie Schokoladenessen und Topfschlagen gespielt hatten.
Viel hatte sich nicht verändert, dachte sie, als sie ihren Wagen die schmale, aber schlaglochfreie Auffahrt entlanglenkte. Wenn ihre Erinnerungen sie nicht trogen. Der Hof der Wolffs – genau genommen war es der Bachmayer-Hof – lag in Hanglage außerhalb von Waldkirch. Die Straße wand sich über mehrere Serpentinen den Berg hinauf, bevor Jonas’ Zuhause links von ihnen auftauchte. Das Grundstück war weitläufiger als der Hof, auf dem sie aufgewachsen war. Er war auch gepflegter und aufgeräumter. Vor dem Panorama der Bergkette dahinter wirkte er selbst jetzt, in der Dämmerung, beeindruckend.
Jonas war mit seinem Handy beschäftigt. Also blieb Mila genug Zeit, sich sein Zuhause genau anzusehen, als sie ihr Auto vor dem Haus anhielt. Es stand auf einem Sockel aus Flusssteinen und war mit grau verwitterten Zedernschindeln verkleidet, wie die meisten Gebäude in der Gegend. Die Loggia im Obergeschoss verschwand beinahe hinter der riesigen Wolke Geranien, und neben der Tür befand sich eine schöne Sitzecke mit zwei rustikalen, honigfarbenen Holzbänken, die aus ganzen Baumstämmen gezimmert worden waren. Auf dem Tisch dazwischen … Mila blinzelte. »Was macht die Ziege da?«
Jonas hob die Augen von seinem Handy und seufzte. Er starrte zu dem Tier hinüber, das seinen Blick zu erwidern schien. Mit einem ähnlich sturen Ausdruck im Gesicht wie sein Besitzer.
Jonas antwortete ihr nicht, also schaltete Mila den Motor aus, schnallte sich ab und stieg aus. »Du bist ja süß«, konnte sie sich nicht zurückhalten, als sie auf die Sitzecke zuging. Die Ziege sah jung aus und ging ganz sicher noch als Lämmchen durch. »Süßes Baby«, gurrte Mila.
Das Zicklein sah sie herausfordernd an. Das Köpfchen gereckt, stieß es ein kleines Meckern aus. Die Mimik des Tieres wirkte dabei fast so, als grinse es frech. Mila streichelte es, und die Kleine schmiegte sich sofort an sie und begann, an ihrem T-Shirt herumzuknabbern.
Lachend befreite sich Mila, bevor ein Loch an einer äußerst ungünstigen Stelle entstand. Die Ziege legte daraufhin den Kopf auf Milas Arm und stieß ein meckeriges Seufzen aus, das Mila gleich noch mal zum Lachen brachte.
»Das ist Miley«, hörte sie Jonas hinter sich.
»Wie Miley Cyrus?« Mila drehte sich zu ihm um.
»Ja. Man spricht es aber Mähly aus. Ich finde, das passt, weil sie die gleiche Stimme haben. Eigentlich wollte ich sie Bo nennen. Nach Brian Bo Larsen.«
Mit dem Tier auf in den Armen machte Mila ein paar Schritte in Jonas’ Richtung. »Wer ist das?«
Jonas saß noch immer in ihrem Wagen. Er hatte lediglich die Beifahrertür geöffnet und beobachtete sie und Miley von dort. »Das ist der Typ, der bislang am häufigsten aus dem Knast ausgebrochen ist«, erklärte er. »Zweiundzwanzig Mal, um genau zu sein.«
»So was weißt du?«, fragte Mila und kraulte die Ziege unter dem Kinn, was diese genüsslich die Augen schließen ließ. »Nein. Das habe ich gegoogelt. Die da«, er wies mit der Krücke in der Hand auf Miley, »ist jedenfalls auch eine ziemlich erfolgreiche Ausbrecherin.«
»Was er da nur redet«, flüsterte Mila dem Zicklein ins Ohr. »Du bist doch noch ein Baby.«
»Ein Baby.« Jonas schüttelte lachend den Kopf. »Wenn du ihr den kleinen Finger reichst, knabbert sie dir die ganze Hand ab. Und dein T-Shirt gleich mit.«
Womit er nicht ganz unrecht hatte. Zumindest mit dem T-Shirt, das musste Mila zugeben.
»Könntest du dieses Baby«, er betonte das Wort, als wisse er im Gegensatz zu Mila, dass in diesem kleinen Tierchen ein Dämon hauste, »vielleicht in den Stall bringen?«
»Kein Problem. Komm, Süße, wir gehen ins Bettchen«, säuselte sie. Mit dem Zicklein im Arm lief sie über den Hof und hörte Jonas’ leises Lachen hinter sich, das sie ganz automatisch ebenfalls gut gelaunt das Gesicht verziehen ließ. Die Stallgebäude standen ein wenig abseits vom Wohnhaus. Die Ziegen waren aus ihrem Auslauf bereits in den Stall zurückgekehrt und meckerten sie hungrig an. Mila setzte Miley bei ihrer Gang ab, und die Kleine rannte zielstrebig zu ihrer Mama. Dann sah sie sich um und fand die Fässer mit dem Kraftfutter. Die Tiere hatten den ganzen Tag Gras geknabbert, also würden sie wahrscheinlich nur einen Snack brauchen. Und Heu, das sie in den Raufen verteilte.
Als sie wieder nach draußen trat, blickte sie zu den anderen Ställen hinüber. Wenn die Ziegen nicht versorgt waren, hatte sich auch noch niemand um die Hühner gekümmert und die Kühe gemolken. Wie, um ihren Gedanken zu bestätigen, begannen die Rinder zu brüllen.
Paulina:Wir treffen uns in der Alpenliebe.🍹🍹🍹 Kommst du auch?
Mila:🙄 Weil ihr mich über Jonas ausfragen wollt?
Paulina:Weil wir auf gute Drinks stehen. Und ja, weil wir alles über Jonas wissen wollen.
Mila:Den Drink brauche ich auch. Der Rest fällt unter die Schweigepflicht. Ich bestelle schon mal einen Aperol. Aber ich brauche noch ein bisschen. Hab hier ein kleines Problem mit 💩
Als Mila zu ihrem Wagen zurückgekehrt war, hatte sich Jonas schon vom Beifahrersitz hochgestemmt und stand auf Krücken an der offenen Autotür. Mila schloss sie für ihn und folgte ihm dann, als er in sein Haus hoppelte. Sie konnte sehen, dass er Schmerzen hatte, aber genauso sicher war sie sich, dass er das nicht zugeben würde.
»Wohin möchtest du?«, fragte sie. »Das Erdgeschoss wird am besten sein«, fügte sie hinzu, als er ihr einen Blick über die Schulter zuwarf. »Keine Treppen.«
»Dann das Wohnzimmer«, brummte er und durchquerte den kurzen Flur. Mila folgte ihm und ging erst an ihm vorbei, als er in den großen, offenen Raum getreten war. Sie zog den Couchtisch ein wenig zur Seite, um ihm Platz zu machen, als er das Sofa erreicht hatte. »Ich helfe dir«, sagte sie, und allein die Tatsache, dass sich Jonas die Krücken von ihr abnehmen ließ und ihr erlaubte, dass sie ihre Arme um seinen Oberkörper schlang, um ihm vorsichtig in eine sitzende Position zu helfen, zeigte, wie erschöpft er sein musste. Überraschenderweise roch er noch immer gut. Sauber. Ein bisschen nach Heu. Gemischt mit dem Gras und der Erde, in der er bei seinem Sturz gelandet war. Mila konnte sich nicht erinnern, dass sie sich schon einmal Gedanken über Jonas’ Duft gemacht hatte. Sie würde aber ganz sicher nicht heute damit anfangen.
Sobald er saß, richtete sie sich auf und griff nach den Kissen, die auf einem Sessel drapiert waren. Als sie sich wieder zu ihm umdrehte, hatte er sich bereits auf der Couch ausgestreckt und die Augen geschlossen. »Achtung«, warnte sie ihn und schob die Kissen vorsichtig unter sein verletztes Bein, um es ein wenig höher zu lagern. Eine Liegeposition, die Jonas offenbar guttat, denn er seufzte erleichtert auf, ohne die Augen zu öffnen. Mila nahm sich einen Moment Zeit, sich umzusehen. Sie war wie gesagt schon einmal bei einem Kindergeburtstag hier gewesen. Das war viel zu lange her, sie erinnerte sich dennoch daran, dass ihr hier zu der Zeit schon alles größer und schöner vorgekommen war als in ihrem Elternhaus. Von außen sah Jonas’ Haus noch so aus wie damals. Aber innen … »Hier hat sich ganz schön viel verändert«, stellte sie fest.
Blinzelnd öffnete Jonas die Augen und folgte ihrem Blick zu seiner Küche. Cremeweiße Schrankfronten vor einer schiefergrau gestrichenen Wand. Eine große Kücheninsel und schicke, moderne Geräte. Das hier war etwas völlig anderes als der alte Herd, auf dem ihre Mutter immer noch kochte, und dessen Temperaturanzeige bestenfalls als richtungsweisend bezeichnet werden konnte. Sie sollte das hier auch nicht mit ihrem Elternhaus vergleichen. Das hier war immerhin Wolffsland.
»Eine Renovierung war nötig«, sagte Jonas.
»Also hast du gleich alle Wände rausgerissen?«, zog Mila ihn auf. »Typisch Mann.«
Bei diesen Worten rang er sich sogar ein kleines Lächeln ab, bevor er die Augen wieder schloss. »Nachdem meine Mutter und mein Onkel beschlossen haben, eine Alters-WG zu gründen, war mir der Zeitpunkt, hier ein paar Veränderungen vorzunehmen, ganz passend vorgekommen«, murmelte er mit geschlossenen Lidern.
Mila schlenderte durch den Raum zu dem Detail, das sie noch mehr faszinierte als die hübsche Küche. An der Stirnseite des Wohnzimmers befanden sich vier Fenster. Sie waren eingefasst in ein Bücherregal, das um sie herum gebaut war, die komplette Wand bedeckte und von oben bis unten gefüllt war. Teilweise standen die Werke sogar zweireihig.
»Hab ich selbst gebaut«, sagte Jonas, der die Lider wieder gehoben und den Kopf so gedreht hatte, dass er ihr dabei zusehen konnte, wie sie das Regal bewunderte.
»Und auch selbst gelesen?«, konnte Mila sich nicht verkneifen, ihn noch ein bisschen aus der Reserve zu locken. Jonas war süchtig nach verrückten Abenteuern. Er war ein Technikfreak. Ansonsten war er aber immer eher ruhig gewesen. Irgendwie passte das zu den Büchern, über deren Rücken sie ihre Fingerspitzen gleiten ließ.
»Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Erinnerst du dich?« Er zog die Augenbrauen hoch, als sie sich zu ihm umdrehte. »Ich kann lesen.«
»Ich dachte, du hast keine so hohe Meinung von Büchern, weil du die Nase über meins gerümpft hast«, erklärte Mila, was sie gemeint hatte.
»Ich habe kein Problem mit Büchern. Ich habe ein Problem mit Büchern, in denen Milliardäre ihre Nanny flachlegen.«
Die Ernsthaftigkeit, mit der er das sagte, ließ Mila lächeln. »Auch Milliardäre müssen sich verlieben. Und sie können sich genauso wenig aussuchen, für wen ihr Herz schneller schlägt, wie wir.«
Jonas schnaubte, und Mila wurde sich wieder bewusst, warum sie eigentlich hier war. Sie kehrte zum Sofa zurück, schob den Couchtisch näher heran, sodass Jonas alles gut erreichen konnte, und stellte die Schmerzmittel und die Thrombosespritzen ab. »Wo finde ich Wasser?«, fragte sie.
»Erster Schrank links«, erwiderte Jonas, und sie holte ihm eine Flasche und stellte ein Glas daneben.
»Bekommst du es hin, dir das Heparin zu spritzen?« Mila setzte sich auf die Tischkante und griff nach der Packung. »Sonst kann ich es dir gern noch mal zeigen.«
Jonas verdrehte die Augen. »So schwer kann das nicht sein. Ich impfe andauernd meine Tiere.«
»Hmm«, blieb Mila vage. Das war nicht das Gleiche. Aber es war auch nicht ihre Aufgabe, sich darum zu kümmern. Wenn Jonas der Meinung war, allein zurechtzukommen, würde sie das akzeptieren. »Brauchst du noch irgendetwas?«, fragte sie, als sie nach der Decke griff, die über der Sofalehne hing. Sie wollte sie über seinen Beinen ausbreiten, aber Jonas hielt sie fest. »Die brauche ich nicht. Ich werfe mir jetzt eine Tablette ein, und dann muss ich mich um meinen Hof kümmern.«
Mila warf ihm einen ungläubigen Blick zu. »Ganz sicher nicht. Du musst dieses Bein schonen«, erinnerte sie ihn daran, was der Arzt bereits ausführlich erklärt hatte. »Du bist nur deshalb aus der Klinik entlassen worden, weil du versprochen hast, dich zu schonen.« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Falsch«, korrigierte sie sich. »Dir wird gar nichts anderes übrig blieben, als dich zu schonen. Weil auch eine Ibu nicht ausreichen wird, um deine Schmerzen so weit zu senken, dass du da draußen rumrennen kannst. Ganz abgesehen davon, dass das Risiko, dass der Bruch sich verschiebt und dann doch noch operiert werden muss, viel zu groß ist.«
»Huh.« Jonas’ Mundwinkel zuckte. »Du bist ein bisschen furchterregend, wenn du so mit mir redest. Keine Sorge«, versuchte er sie zu beschwichtigen, als Mila lediglich ihre Augenbrauen noch ein wenig weiter zusammenzog. »Ich rufe jemanden an, der mir hilft.«
Sie wusste, dass er log. Auch wenn sie nicht sagen konnte, warum ihr das klar war. »Wen?«, hakte sie deshalb nach.
Er hob nur die Augenbrauen, als wollte er ihr sagen, dass sie das nicht das Geringste anging.
»Hör mal«, versuchte Mila ihn zu beschwichtigen. »Es ist nicht so, dass ich alle Details deines Lebens kenne.« Was wirklich überraschend war, wurde ihr bewusst. Von allen anderen in ihrer Clique wusste sie viel mehr. »Aber wenn es da jemanden gibt, der dir auf dem Hof unter die Arme greifen kann, ruf ihn bitte an.«
»Sonst?«
Mila seufzte. Sie konnte nicht glauben, dass sie die nächsten Worte gleich sagen würde. »Sonst kümmere ich mich darum.«
Jonas schnaubte. »Du hasst Stallarbeit.«
»Das ist nun wirklich kein Geheimnis«, erwiderte Mila. »Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht trotzdem erledigen kann.«
Jonas lehnte den Kopf wieder gegen die Armlehne der Couch und starrte an die Decke. »Meine Mutter wird mir helfen.«
»Wow.« Mila blickte ihn einen Moment sprachlos an. Wollte er wirklich so dringend, dass sie von seinem Hof verschwand und ihn sich selbst – und seinen Schmerzen – überließ? »Wie schnell wird sie denn hier sein, aus ihrer Reha im Chiemgau?«
Jonas’ Blick zuckte zu ihr. »Du weißt das?«
»Verdammt, Jonas!« Mila sprang auf. »Ich arbeite in der Hausarztpraxis in Waldkirch, in die alle gehen. Auch deine Mutter. Natürlich weiß ich, dass sie ein neues Knie bekommen hat. Sie fällt auf Wochen aus.«
»Ja.« Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht. Mila hörte das Kratzen seiner Bartstoppeln an seiner Handfläche. »Der Zeitpunkt war echt beschissen. Sie wollte das eigentlich alles längst vor dem Viehscheid erledigt haben. Aber sie hat keinen OP-Termin bekommen. Im Ernst, Mila, mach dir keinen Kopf. Ich kriege das schon hin. Jetzt ruhe ich mich kurz aus, und dann finde ich eine Lösung.«
Mila biss sich auf die Unterlippe. Jonas wollte unabhängig sein. Er wollte keine Hilfe annehmen. Was dumm war, aber auch irgendwie verständlich. Besonders, wenn man bedachte, wie sein Vater und sein älterer Bruder schon immer versucht hatten, ihn zu manipulieren und nach ihren Vorstellungen zu formen. Trotzdem würde es so, wie er es sich vorstellte, nicht funktionieren. »Ich werde nicht deine Aushilfskraft«, ließ sie ihn wissen. »Aber für heute Abend übernehme ich den Stall. Bitte sorg dafür, dass du ab morgen Unterstützung hast.«
Jonas starrte sie stur an.
»Versprich mir das bitte«, wiederholte sie.
Er zögerte einen weiteren Moment, dann seufzte er. »Na gut, ich verspreche es dir.«
»Gut. Wo finde ich deine Stallklamotten?«
Als Mila mit dem Füttern und Melken der Rinder fertig war, entdeckte sie ein Fahrrad, das an der Hauswand lehnte. Die Neuigkeiten hatten sich also bereits im Tal herumgesprochen. Was kein Wunder war, angesichts der Schaulustigen am Hotel und der Tatsache, dass ihre Freunde sich vermutlich nicht nur in ihrer WhatsApp-Gruppe über den Sturz ausgetauscht hatten. In Jonas’ Overall, den sie über ihre eigenen Kleider gezogen hatte, den Gummistiefeln, die ihr viel zu groß waren, die Haare zu einem unordentlichen, aber praktischen Knoten auf dem Kopf zusammengefasst, kümmerte sie sich noch um die Hühner und holte die Eier aus den Nestern.
Dann kehrte sie durch den Seiteneingang in die Waschküche des Hauses zurück, zog den Overall und die Stiefel aus und schlüpfte wieder in ihre Sneakers. Mit dem Eierkorb in der Hand betrat sie die Küche und entdeckte Jonas’ Nachbarin, die geschäftig herumwuselte, und ihren Patienten, der verzweifelte Blicke in ihre Richtung schickte.
»Servus, Frau Steiger«, grüßte sie die Frau und ignorierte Jonas’ stummes Flehen. »Wie schön, Sie zu sehen.«
»Mila, meine Liebe.« Die Frau strahlte sie an und rührte dann weiter in einem Suppentopf herum. »Ich habe gehört, was passiert ist, und dachte, ich schau mal nach dem armen Jungen.« Das konnte sich Mila sehr gut vorstellen, bei einer der größten Tratschtanten der Gegend. »So ganz ohne seine Mutter oder eine Ehefrau hier draußen. In diesem Zustand!«, fuhr sie fort und seufzte theatralisch. Nun gut, der Junge war zweiunddreißig und lebte schon eine ganze Weile ohne seine Mama. Aber Mila verzichtete darauf, Frau Steiger mit der Nase darauf zu stoßen. Solange sie hier war, war Jonas in guten Händen und wurde versorgt. »Gut zu wissen, dass Sie hier sind«, sagte Mila und lächelte breit. »Dann kann ich jetzt gehen. Jonas, deine Tiere sind versorgt«, informierte sie ihn. »Die Milch ist für die Abholung bereit.«
Er riss die Augen auf, sobald seine Nachbarin ihm den Rücken zudrehte, als wolle er ihr mit seinem Blick Morsezeichen geben. »Aber … du kannst doch noch hierbleiben«, änderte er plötzlich seine Meinung, nachdem er vorhin noch versucht hatte, sie so schnell wie möglich vom Hof zu scheuchen, damit er seine Ruhe hatte. »Du hast doch bestimmt Hunger.«
»Danke für das nette Angebot.« Sie wandte sich an Frau Steiger. »Das riecht wirklich fantastisch. Aber ich habe ein eigenes Leben, in das ich jetzt dringend zurückkehren muss. Eines, das nichts mit Kuhställen und schlecht gelaunten Bauern zu tun hat.« Mit einem »Schönen Abend euch beiden. Ich schau morgen wieder vorbei« lieferte sie Jonas dem Tratsch und Klatsch seiner Nachbarin aus.
Da er nicht flüchten konnte, würde sie ihn mit Sicherheit ein paar Stunden belagern. Mila war wirklich gespannt, welche Neuigkeiten sie verpassen würde. Sie würde Jonas gleich als Erstes danach fragen, wenn sie am nächsten Tag nach dem Rechten sah.
Sie fuhr in die Stadt und stellte ihren Wagen hinter der Alpenliebe ab. Die Bar gehörte ihrer Freundin Paulina. Sie hatte das Haus von ihrer Großmutter geerbt und sich neben dem Lebenstraum, Influencerin zu werden, mit der Alpenliebe ein zweites Standbein geschaffen. In der Wohnung darüber wohnten Mila und sie in einer WG.
Das permanente Vibrieren ihres Handys in der Hosentasche ließ Mila wissen, dass sich ihre Clique in der Bar versammelt hatte und mehr oder weniger gut gemeinte Ratschläge per WhatsApp an Jonas schickte. Milas Verlangen nach einem großen Glas Aperol Spritz war enorm. Deshalb würde sie kurz ihre Sachen hochbringen, und dann …
»Mila?«
Sie fuhr erschrocken herum. »Simon!« Sie legte die Hand auf ihr klopfendes Herz. »Willst du mich umbringen?«
»Sorry.« Simon, einer der Ärzte in der Waldkircher Hausarztpraxis und Teil ihrer Clique, kam auf sie zu. »Ich dachte nur, ich hätte deinen Wagen gesehen und wollte auf dem Weg in die Alpenliebe kurz Hallo sagen. Du kommst doch auch noch?« Er hatte sie inzwischen erreicht und zog sie in eine freundschaftliche Umarmung. »Hui«, sagte er, bevor Mila etwas antworten konnte. »Interessantes Parfum.«
»Mist«, murmelte sie, als ihr klar wurde, dass Jonas’ Overall sie nicht vor den Stallgerüchen geschützt hatte.
»Im wahrsten Sinne des Wortes«, erwiderte Simon und grinste.
Mit einem Seufzen deutete Mila in Richtung ihrer Wohnung. »Gib mir einen Moment«, bat sie Simon. »Ich komme gleich nach.« Auch wenn sie wusste, dass es mit einem Moment nicht getan sein würde.
*
