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Liebe auf Rezept
Für Simon Thaler gibt es keinen schöneren Ort als Waldkirch. Bergtouren, Gleitschirmfliegen und seine Arbeit als Kinderarzt in der Bergpraxis seiner Familie erfüllen ihn. Marie Brunner wäre überall lieber als in Waldkirch. Vor vierzehn Jahren hat sie die Stadt nach einem schrecklichen Unglück verlassen. Doch jetzt muss sie sich um ihre Großmutter Fanny kümmern und nimmt einen Job als Arzthelferin in der Bergpraxis an. Ihr Chef Simon erleichtert ihr nicht nur den Neuanfang. Je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto weniger kann Marie die Schmetterlinge in ihrem Bauch ignorieren. Schon einmal hat ein Mann aus Waldkirch ihr das Herz gebrochen. Wird Simon sie davon überzeugen können, dass nicht nur er, sondern auch ihre Heimat eine Chance verdient haben?
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Seitenzahl: 508
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Dein Doc ist auf jeden Fall nicht nur der Hammer, wenn er auf einer Mittagsschlafmatte in der Kita kleinen Jungs das Leben rettet. Er ist auch echt scharf, wenn er mit einer Gitarre um den Hals auf einer Bühne steht.«
Marie verdrehte gutmütig die Augen. »Er ist nicht mein Doc«, korrigierte sie ihre Freundin Kati.
»Ha! Du sagst, er ist nicht dein Doc, aber dass er heiß ist, hast du nicht abgestritten.«
Simon sah wirklich gut aus, wie er bei seinem Solo seinen Kopf konzentriert über die Gitarre beugte und ihm eine widerspenstige Locke in die Stirn fiel. Sein Anblick löste ein Kribbeln in Maries Bauch aus. Simon hob den Kopf, als der Refrain einsetzte. Ein kleines Lächeln kräuselte seine Mundwinkel, und das Kribbeln in Maries Magen vertiefte sich. Er sang den Refrain bis zum Ende mit, ohne dabei ihren Blick loszulassen, und Marie starrte wie paralysiert zu ihm auf die Bühne. Es fühlte sich ein wenig so an, als singe er nur für sie.
Was tun, wenn man zwei Traumberufe hat? Jana Lukas entschied sich nach dem Abitur, zunächst den bodenständigeren ihrer beiden Träume zu verwirklichen und Polizistin zu werden. Nach über zehn Jahren bei der Kriminalpolizei wagte sie sich an ihren ersten Roman und erzählt seitdem von großen Gefühlen und temperamentvollen Charakteren. Das gilt auch für die Romane, die sie unter dem Pseudonym Ella Thompson veröffentlicht und in denen sie uns mitnimmt an die malerische Ostküste der USA. Ihr Motto lautet: Es gibt nicht viele Garantien im Leben … Aber zumindest in ihren Romanen ist ein Happy End garantiert. Immer!
Landliebe
Herz und Tal
Windstärke Liebe
Die Mühlenschwestern – Die Liebe kennt den Weg zurück
Die Mühlenschwestern – Die Hoffnung wird dich finden
Die Mühlenschwestern – Das Glück wartet auf dich
Die Alte Schule – Wo dein Herz zuhause ist
Die Alte Schule – Wo du das Glück findest
Die Alte Schule – Wo die Liebe dich küsst
Herzklopfen in der Bergpraxis
Traummomente in der Bergpraxis
JANA LUKAS
Roman
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
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Originalausgabe 07/2025
© 2025 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)
Redaktion: Diana Mantel
Umschlaggestaltung: zero-media.net, Münchenv unter Verwendung von © FinePic®, München
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-31313-5V003
www.heyne.de
Karte von den Eltern aus Marbella, Spanien
Liebe Sanna, lieber Simon,
eine Reise um die Welt kann auch eine schmerzhafte Sache sein. Gestern ist uns bewusst geworden, dass wir den Waldkircher Sommer verpassen werden, und es hat sich ein bisschen Heimweh in unsere Herzen geschlichen.
Euer Vater wollte es bekämpfen, indem er für uns einen Flamencokurs gebucht hat. »Tanzen kann man schließlich überall auf der Welt«, hat er gemeint. Na ja, wir mussten im Anschluss das Gesundheitssystem in Spanien in Anspruch nehmen und verbringen die Nacht jetzt in einem wirklich schönen Hotel, weil er mit einem Hexenschuss auf keinen Fall im Camper liegen kann. (Ich bin nicht traurig darüber – über das Hotel, nicht über den Hexenschuss.)
Wir hoffen, in der Praxis läuft alles rund und ihr genießt das Stadtfest in vollen Zügen.
Liebe Grüße aus dem spanischen Sommer
Mama und Papa
PS: Das ist der erste Waldkircher Sommer seit fünfundzwanzig Jahren, den wir verpassen.
Waldkircher Landfrauen-Ratsch
Faulhaber Gerda: Habt ihr es schon gehört?😱 Die Brunnerin ist wieder in der Stadt.
Steiger Moni: Die Johanna?
Faulhaber Gerda: Nein, die Marie. Ihr wisst schon …
Berger Ida: Die Brunner Marie? Das ist ja unglaublich. Dass die sich überhaupt noch nach Waldkirch traut, nach allem, was sie getan hat!☹️
Müller Liesl: Die arme Fanny.💔
Warmer Wind traf Simon Thaler, als er die Metallstufen der Außentreppe hinunterjoggte, die von seiner Wohnung in den Hof führte. Er blies ihm die Haare ins Gesicht und blähte seinen dunkelblauen Kasack, der mit grinsenden Smileys verziert war. Die Kinder liebten dieses Outfit. Und er … irgendwie auch.
Simon schob sich die Haare aus der Stirn, bevor er die Hintertür zu der Praxis öffnete, in der er als Kinderarzt arbeitete. Dort kraulte er noch einmal seinen Labrador Schiller zwischen den Ohren, bevor er den Hund in den Rezeptionsbereich trotten ließ, wo er gemeinsam mit Ginny, der Hündin seines besten Freundes Mats, auf seiner Decke herumlümmeln und die Patienten begrüßen würde. »Ich geh noch kurz zum Bäcker«, rief er seiner Schwester Sanna zu, die in der Tür ihres Sprechzimmers stand und gerade in ihren Arztkittel schlüpfte. Mats und sie hatten den frühen Dienst übernommen, weshalb ihm noch ein wenig Zeit blieb.
Sanna grinste breit und winkte ihm zu. »Ah«, sagte sie. »Du hast Mamas und Papas Story auf Instagram gesehen.«
Hatte er in der Tat. Und die süßen Gebäckteilchen, die seine Eltern zurzeit in Spanien genossen, hatten ihm Appetit gemacht. Er zwinkerte ihr zu. »Keine Sorge, ich bringe euch auch was mit.«
Das »Will ich auch hoffen«, das seine Schwester ihm hinterherschickte, wurde von der zuschlagenden Tür geschluckt, als Simon wieder auf den Hof trat und die Hausecke umrundete.
Der Marktplatz von Waldkirch lag um diese Tageszeit noch ruhig und ziemlich menschenleer vor ihm. Die Touristen, die sich im Sommer im Allgäu stapelten, lagen in ihren Betten und träumten von den abenteuerlichen Wanderungen und verwegenen Mountainbike-Touren, die sie in den nächsten Tagen unternehmen wollten.
Er winkte Frau Berger und Frau Zacher zu, die ihre Walkingstöcke in Richtung Kristallbach schwangen und unisono ein »Griaß Ihne, Herr Doktor« riefen. Eine weitere warme Böe trug die Worte über das unebene Pflaster zu ihm herüber. Der Föhn, der die Wetterlage beherrschte, würde ihnen heute in der Praxis jede Menge Kopfschmerz- und Kreislaufpatienten bescheren. Allein deshalb brauchte er dringend eine Stärkung. Er lief quer über den Platz, vorbei am gespaltenen Stamm der heilsamen Linde und an der ausrangierten gelben Bergbahngondel, an der die Hungrigen später für eine Portion Kässpatzen Schlange stehen würden.
Ein Schatten glitt über ihn hinweg, und Simon hob den Kopf mit einem wehmütigen Lächeln. »Servus, Alois«, rief er in den blauen Himmel und sah dem Freund nach, der mit seinem knallroten Gleitschirm über ihn hinwegglitt. Mit einem sehnsüchtigen Seufzen blickte Simon ihm noch ein wenig hinterher, als er auf die grauen Zacken der Bergketten des Hochallgäu zuhielt, die Waldkirch einrahmten. Heute herrschte perfektes Flugwetter, und Alois hatte die Chance genutzt, schon vor der Arbeit eine Runde zu drehen. Simons Terminkalender würde das nicht zulassen. Vielleicht hatte er ja am Wochenende Zeit für ein Hike and Fly.
Simon setzte sich wieder in Bewegung und zog im nächsten Moment mit einem »Servus« die Tür zur Bäckerei auf. Seine Schwester stand mehr darauf, in einem Haus ein wenig außerhalb zu wohnen. Seine Eltern mochten ihr Grundstück mit dem großen Garten und der Werkstatt seines Vaters – wenn sie nicht gerade auf Weltreise waren. Aber Simon liebte es, mitten im Ort zu wohnen und nicht nur einen kurzen Weg zum Bäcker zu haben, sondern sich auch abends direkt ins Getümmel stürzen zu können. Nicht, dass Waldkirch besonders groß wäre. Er grinste bei dem Gedanken, dass dieses kleine Bergstädtchen der Nabel der Welt war. Sein Nabel der Welt.
Die Kunden, die vor ihm in der Reihe standen, murmelten – weit weniger enthusiastisch und offenbar wesentlich müder als er – ebenfalls »Guten Morgen« oder »Griaß di«.
Simon atmete den Duft nach Gebäck und Brot ein und zog sein Handy aus der Gesäßtasche. Er scrollte durch die Instagram-Beiträge, die seine Eltern in den letzten Tagen gepostet hatten. Seit sie sich als Reise-Influencer betätigten, stieg ihre Followerzahl ständig. 4352, stellte er fest. 43 mehr als am Vortag. Grinsend kommentierte er eines von den schrägen Fotos, die sein Vater ständig hochlud. Er hörte nur mit einem Ohr auf die gemurmelten Unterhaltungen vor sich, als er zu einem Gleitschirm-Account wechselte und sich Videos von ein paar Steilspiralen und Wing Tips ansah.
Erst als ihm bewusst wurde, dass ihn jemand beobachtete, hob er den Blick. Vor ihm stand eine Frau, die einen kleinen Jungen an der Hand hielt, der ihn neugierig anstarrte. Oder eher die Smileys auf seinem Kasack. Simon schnitt eine Grimasse, von der er sich sicher war, dass sie den Jungen zum Lachen brachte.
Die Reihe rückte ein Stück weiter vor, und der Kleine, Simon schätzte ihn auf vielleicht vier oder fünf, kicherte und verzog dann ebenfalls das Gesicht. Okay, das lief auf einen Grimassenwettkampf hinaus. Simon schob sein Handy zurück in die Hosentasche, hakte seine Daumen in die Mundwinkel und zog sie auseinander, während er in Richtung seiner Nasenspitze schielte. Der Junge ließ die Hand seiner Mutter los, um ihm mit aufgeklappten Segelohren die Zunge rauszustrecken. Eine Geste, die die Frau dazu brachte, sich zu ihnen umzudrehen, als Simon den Kleinen gerade mit weit aufgerissenen Augen und aus dem Mundwinkel hängender Zunge ansah.
Simon löste die Grimasse und nickte der Frau zu. »Sorry«, sagte er und hob entschuldigend die Schultern. »Einer guten Grimasse kann ich einfach nicht widerstehen.« Sie kam ihm vage bekannt vor, auch wenn er sie nicht richtig einordnen konnte. Groß und schlank, mit wirklich langen Beinen (was er nur deshalb wahrgenommen hatte, weil der Kopf des Jungen sich auf Höhe ihrer abgeschnittenen Shorts befand). Genau wie das Kind hatte sie kupferrotes Haar und jede Menge Sommersprossen. Simon war sich allerdings sicher, dass der Junge keiner seiner Patienten war.
Die Frau nickte und drehte sich wieder um, als die Kundin vor ihr die Semmeltüte vom Tresen nahm. »Eine Brezn, bitte«, sagte sie mit einer leisen Stimme, die ein wenig rau klang, und griff wieder nach der Hand des Jungen.
Frau Seibold, die wie jeden Morgen mit ihrer Rüschenschürze und Dauerwelle auf der anderen Seite des Tresens stand, blickte allerdings statt zu ihr direkt zu Simon. »Was darf’s sein, Herr Doktor?«, fragte sie.
Simon blinzelte. »Äh …« Er wies auf die Kundin vor sich. »Die beiden waren vor mir dran.«
Aber offenbar konnte entweder nur Simon die beiden sehen (wobei er es ziemlich cool fände, wenn er seiner Schwester und Mats erzählen würde, dass er Geister sah), oder Frau Seibold verhielt sich gerade extrem unhöflich und ignorierte die Kunden vor ihm einfach.
»Wie immer?«, fragte sie und richtete ihren Blick weiter an der Frau vorbei direkt auf ihn.
Die Rothaarige senkte den Kopf, und Simon sah, wie sich ihre Wangen rot färbten. Was zur Hölle …? »Ja«, antwortete er. »Wie immer. Und eine Brezn.« Er nahm die Tüte mit den Croissants entgegen, angelte die Brezn heraus und reichte sie der Frau. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag«, sagte er betont fröhlich und warf Frau Seibold noch einen verständnislosen Blick zu. Was war nur in die Bäckerin gefahren? Am liebsten wäre er dieser Frage jetzt sofort auf den Grund gegangen. Aber die Rothaarige warf ihm unter gesenkten Lidern einen Blick zu, der ihn deutlich dazu aufforderte, keinen Streit vom Zaun zu brechen und die Situation für sie nicht noch peinlicher zu machen. Also ließ er das Ganze auf sich beruhen. Für den Moment.
*
Nichts hatte sich verändert, dachte Marie Brunner. Sie senkte den Kopf und betrachtete die Brezn, die Simon Thaler ihr in die Hand gedrückt hatte. Sie hatte auch vierzehn Jahre nach ihrem Schulabschluss sofort gewusst, wer er war. Er hingegen hatte sie nicht wiedererkannt. In seinem Blick hatte sie lesen können, dass er Frau Seibolds Verhalten nicht verstand. Und dass er ihm auf den Grund gehen wollte. Aber in erster Linie hatte er ihr geholfen. Einfach … so. Die Hitze, die ihr in die Wangen stieg, brannte auf ihrer Haut. Sie hörte die Worte, die Frau Seibold hinter ihr zischte.
»Wie die Mutter, so die Tochter.« Wie eine giftige Wolke stiegen diese Worte zwischen Marie und dem Verkaufstresen auf.
Mit einer hektischen Bewegung riss sie die Tür auf und zog Emil nach draußen, damit die Bösartigkeit der Frau nicht auch noch ihren Sohn traf. Auf dem Marktplatz reichte sie ihm die Brezn und atmete die kühle, klare Morgenluft tief in ihren Brustkorb, der sich viel zu eng anfühlte.
»Was war mit der Frau?«, fragte Emil. Er gähnte und blickte Marie über die Brezn hinweg mit seinem besorgten Kinderblick an. »Die war nicht nett zu dir, oder?«
Marie schluckte und nickte. Man sollte niemals die feinen Antennen eines Kindes unterschätzen. »Nein, war sie nicht«, sagte sie. Frau Seibold war böse zu ihr gewesen. Sie war die Tante von Nikola, also konnte Marie das sogar irgendwie verstehen. Auch wenn verdammte vierzehn Jahre vergangen waren, seit Nikolas Leben zerstört worden war. Manche Dinge verjährten eben nie. »Bestimmt hatte sie nur einen schlechten Morgen«, versuchte sie Emil zu beruhigen. Sie wollte nicht, dass er schon an seinem ersten Tag in Waldkirch das Gefühl bekam, hier nicht willkommen zu sein.
Emil nickte. »So wie ich manchmal?«, fragte er.
»So wie du«, erwiderte Marie und stupste ihm mit einem kleinen Lachen gegen die Nasenspitze. Sie hockte sich vor ihren Sohn und zog ihn in ihre Arme. Emil verhielt sich in vielen Dingen nicht wie gewöhnliche Fünfjährige, die im Morgengrauen gelangweilt vor den Betten ihrer Eltern standen und in den Tag starten wollten. Emil wollte morgens nur eins: ausschlafen. Er konnte ziemlich grantig werden, wenn Marie ihn gegen seinen Willen aus dem Bett holte. Dass er sie heute überredet hatte, mit ihm zum Bäcker zu gehen und ihm eine Brezn zu kaufen, war eine große Ausnahme, die vermutlich der Aufregung über den Umzug geschuldet war. Und die sofort nach hinten losgegangen war.
»Der da war nett«, nuschelte ihr Sohn mit vollem Mund.
Marie drehte ihren Oberkörper ein wenig, um in die Richtung zu schauen, in die er mit seiner Brezn wies. Sie erhaschte einen Blick auf Simon Thaler, bevor er, seine Croissanttüte in der Hand, um die Hausecke der Waldkircher Hausarztpraxis verschwand.
»Ja, der ist nett«, stimmte sie Emil zu und richtete sich wieder auf. Simon war immer nett zu ihr gewesen. Was die Geste mit der gekauften Brezn, über die er wahrscheinlich gar nicht nachgedacht hatte, noch unangenehmer machte.
Die Hitze in Maries Wangen nahm zu, obwohl Emil und sie ganz allein auf dem Marktplatz standen. Sie hatte Simon seit der Schulzeit nicht mehr gesehen.
Dass er Arzt geworden war, wunderte sie nicht. Kinderarzt, wie der bunte Kasack und das Namensschild Dr. Simon vermuten ließen. Sie war nur überrascht, dass er in Waldkirch arbeitete. Als sie sich auf die freie Stelle in der Hausarztpraxis beworben hatte, hatte sie mit einer Frau Dr. Thaler gemailt und angenommen, dass das seine Mutter war, die die Praxis noch immer führte. Mit einem Seufzen zog sie ihr Handy aus der Tasche und rief Google auf. Etwas, das sie vielleicht hätte tun sollen, bevor sie sich auf die freie Stelle der Medizinischen Fachangestellten beworben hatte. Aber ihr war die Ausschreibung wie ein Wink des Himmels erschienen, als klar geworden war, dass sie nach Waldkirch zurückkehren und irgendwie Geld verdienen musste. Außerdem kannte sie die Praxis seit ihrer Kindheit und Dr. Josefine Thaler natürlich ebenso.
Manche Dinge hatten sich wirklich nicht verändert. Der alte Groll hing immer noch über der Stadt, wie vor all den Jahren, dachte sie und warf noch einen Blick zur Bäckerei zurück.
Und manche Dinge waren völlig anders: Simon grinste ihr von der Homepage der Hausarztpraxis entgegen. Er stand in einem weiteren bunten Kasack links neben seiner Mutter, die genau wie seine Schwester Sanna einen weißen Arztkittel trug. Er war wie vermutet Kinderarzt, also hatte sie aufgrund seiner bunt bedruckten Arbeitskleidung, in der er sich auch im Internet präsentierte, richtig getippt. Seine Haare waren nicht mehr so lang, dass er sie zu einem kurzen Zopf zusammenbinden konnte. Aber die Mischung aus Locken und Wellen, die noch immer ein eigenes Leben zu führen schienen, ließen ihn für seine kleinen Patienten wahrscheinlich nahbarer und weniger furchteinflößend wirken.
Marie scrollte auf der Seite ein Stück nach unten und las unter dem Bild eines weiteren Mannes, den sie nicht kannte, dass das Team der Hausärzte Waldkirch vorübergehend von Dr. Mats Lindberg ergänzt wurde. Es folgte eine lange Reihe von Fähigkeiten, Zusatzausbildungen und Zertifikaten, die ihn fast überqualifiziert für einen Landarzt wirken ließen.
Darunter wurde der Rest des Praxisteams vorgestellt. Aloisa, die schon für die Thalers gearbeitet hatte, solange Marie sich erinnern konnte. Und Mila Abendroth – Nikolas beste Freundin.
Marie schluckte und ließ ihr Handy langsam sinken. Vielleicht hätte sie sich die Homepage wirklich anschauen sollen, bevor sie sich beworben hatte. Das hier war … ein verdammter Super-GAU. Mila hasste sie definitiv noch mehr, als Frau Seibold sie verachtete. Aber Marie brauchte den Job in der Praxis zu sehr, um auf diese Befindlichkeiten Rücksicht nehmen zu können. Sie versuchte, ihren plötzlich dahinrasenden Herzschlag und die Angst, die in ihrer Kehle heraufkroch, zu ignorieren. Alle anderen Stellen, die sie gefunden hatte, waren viel zu weit weg. Sie wäre jeden Tag deutlich länger unterwegs, als sie Fanny und Emil mit gutem Gewissen alleine lassen konnte. Doch hier, an ihrem ersten Morgen in Waldkirch, nach der ersten Demütigung, der noch viele folgen würden, war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Emil schob seine Hand in ihre. »Fahren wir zurück zu Fanny?«, fragte er.
»Ja. Das machen wir.« Sie drückte die kleinen Finger sanft. Es war keine Frage, ob sie die richtige Wahl getroffen hatte. Ganz einfach, weil es die einzige Option war, die sie hatte.
Marie lenkte ihren alten, zuverlässigen Golf durch die Gassen des Ortes. Waldkirch war nicht groß, aber die Bauernhäuser, deren Dächer sich tief über die Straße duckten, sahen liebevoll gepflegt aus. Aus den Blumenkästen an den Fenstern und von den Balkonen wölbte sich die üppige Pracht der Geranien, die aus dem Bild des sommerlichen Allgäu nicht wegzudenken waren. Als sie den Ort hinter sich gelassen hatte, folgte sie der Landstraße in Richtung Oberstdorf für einen weiteren Kilometer und bog dann in den holperigen Feldweg ab, der sie zu ihrem alten – und auch neuen – Zuhause brachte. Sie ließ den Golf, den Emil Sebastian getauft hatte, weil er die gleiche Farbe wie die Krabbe im Arielle-Trickfilm aufwies, vor dem Haus ihrer Großmutter ausrollen.
Emil schnallte sich sofort ab und sprang aus dem Wagen, während sie noch einen Moment sitzen blieb und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Wahrscheinlich würde ihr Sohn Fanny gleich brühwarm erzählen, was sie beim Bäcker erlebt hatten. Sie würde es vor ihrer Großmutter also nicht geheim halten können. So wie Fanny es nicht vor ihr hatte verbergen können, dass das Alter langsam begann, ihr Probleme zu machen und ihr Gehirn nicht mehr so mitspielte, wie sie es gerne hätte.
Mit einem Seufzen stieg Marie aus dem Wagen und folgte Emil durch die offen stehende Tür ins Haus. Bis zu ihrem Vorstellungsgespräch am Mittag blieb ihr noch genug Zeit, um sich Nerven aus Stahl zuzulegen.
Das mit den Nerven aus Stahl klappte nicht, wurde Marie bewusst, als das Vorstellungsgespräch immer näher rückte. Sie hatte eine graue Stoffhose angezogen, die zu ihrer dunkelgrünen Bluse und den flachen schwarzen Pumps passte. Ihre Locken hatte sie zu einem strengen Knoten zusammengefasst. Jetzt stand sie im Bad, stützte die Hände auf das etwas altertümliche Waschbecken und ließ den Kopf hängen. Statt sich aufzuraffen und nach Waldkirch zu fahren, zählte sie die Wassertropfen, die vom nicht ganz dichten Hahn auf das angeschlagene Porzellan tropften. Zu diesem Termin zu gehen, kostete sie tatsächlich mehr Nerven, als sie erwartet hatte.
Hinter ihr öffnete sich knarzend die Badezimmertür. Marie musste nicht aufblicken, um zu wissen, dass ihre Großmutter den Raum betrat. Ihr Duft nach Lavendel und frisch gewaschener Baumwolle verriet sie. Genau wie die warme Hand, die sie zwischen Maries angespannte Schulterblätter legte.
»Bereust du, hergekommen zu sein?«, fragte sie leise.
Marie war sich nicht sicher. »Nein. Kein bisschen«, erwiderte sie dennoch.
»Es geht um diesen Job, oder? Willst du in der Praxis arbeiten?«, hakte Fanny noch einmal nach. »Wir brauchen nicht um den Elefanten herumreden, der neben dir an der Wand lehnt. Mila wird dir nicht wohlgesonnen sein.« Ihre Hand strich sanft über Maries Rücken.
Marie nickte langsam. Ja, sie wollte diesen Job. Weil sie gar keine Alternative dazu hatte.
»Dann wirst du ihn dir auch schnappen. Ganz egal, was die Leute hinter deinem Rücken tratschen. Und ganz egal, was für ein Biest Mila sein kann, wenn es um dich geht.«
Marie hob den Kopf. Ihr Blick traf im Spiegel auf den ihrer Großmutter. »Woher nimmst du nur immer diese Zuversicht?«
Fannys Hand glitt von Maries Rücken, und sie breitete die Arme aus. Marie drehte sich um und ließ sich in die weiche, warme Umarmung ihrer Großmutter sinken. Mit geschlossenen Augen atmete sie tief ein und aus und bemerkte, wie sich ihr Puls langsam ein wenig beruhigte.
»Du bist einer der stärksten Menschen, die ich kenne«, flüsterte Fanny. Sie sagte nicht, Marie solle die Blödmänner, die sie mobbten, ignorieren. Sie sagte nicht, dass alles gut werden würde. Stattdessen strich sie Marie in einer liebevollen Geste über die Wange. »Ich bin so froh, dich hier zu haben. Aber ich will nicht, dass du wegen mir alter Schachtel bleibst.« Sie zwinkerte Marie mit einem kleinen Lächeln zu. »Wenn es dir nicht guttut, dir an diesen sturen Allgäuern den Kopf zu stoßen, dann musst du nicht hierbleiben.«
Doch. Das musste sie. Weil Fanny nicht länger allein bleiben konnte. Ein wenig entschlossener als noch vor ein paar Minuten richtete sich Marie auf. »Du vergisst, dass ich auch eine sture Allgäuerin bin. Selbst wenn ich die letzten Jahre in Augsburg gelebt habe.« Sie setzte ihren stolzesten Blick auf. »Ich gehe jetzt da hin und schnappe mir diesen Job.«
Thaler-Familien-Chat
Laurenz: Gibt es schon Neuigkeiten wegen deinem Bus?🚙
Simon: 🙄Die lassen sich echt bitten.
Mats: Wäre super, wenn er endlich ausgeliefert wird.🙈 Du schaltest den Camaro ziemlich ruppig, wenn ich ihn dir leihe.
Simon: Yeah! Du bist ein echter Freund, Mats!
Josefine: Papa hat dir seinen Wagen doch angeboten. Er steht sowieso nur rum, solange wir weg sind.🚗
Simon: Dieser ❗❗Wagen❗❗ist ein knallroter Smart❗
Sanna: Ich weiß, ich darf nicht lachen. Aber ich kann nicht anders. 😂😂😂 Rot ist deine Farbe, großer Bruder.
Simon verdrehte genervt die Augen und schob sein Handy in die Hosentasche. »Verdammter Mist«, brummte er.
»Was ist los?« Sanna reichte ihm die Kaffeetasse, die sie gerade gefüllt hatte, und griff nach ihrem pinkfarbenen Superärztinnen-Becher, um ihn unter die Kaffeemaschine zu stellen. Ihr Arztkittel war makellos. Die hellblaue Bluse mit den kleinen Blümchen passte zu ihren dunkelblauen Hosen. Nur ihre normalerweise streng zurückgebundenen Haare, die so aussahen, als hätte jemand mit seinen Händen darin herumgewühlt, und ihre etwas geschwollenen Lippen hoben die Perfektion seiner Schwester ein wenig auf. Wahrscheinlich hatten Mats und sie den Teil der Mittagspause, in dem es nicht um das Vorstellungsgespräch gegangen war, das sie gleich abhalten würden, hinter einer verschlossenen Tür verbracht. Resigniert schüttelte er den Kopf. Er wollte nicht über die beiden nachdenken: seine Schwester und seinen besten Freund.
»Das war das Autohaus«, beantwortete er Sannas Frage. Er nippte an seinem Kaffee und wandte sich dann in Richtung des Behandlungszimmers seiner Mutter, das seit ein paar Wochen von Mats belegt wurde. Da dieser Raum abgesehen von ihrem kleinen Operationssaal/Multifunktionsraum der größte der Praxis war, hatten sie beschlossen, das Vorstellungsgespräch dort stattfinden zu lassen. »Die Auslieferung meines neuen Busses verzögert sich noch einmal.« Er rieb sich mit der freien Hand über den Nacken.
Sanna zuckte zusammen und verzog das Gesicht, als sie ihm folgte.
»Nein, so habe ich das nicht gemeint«, ergänzte er, als ihm klar wurde, woran seine Schwester dachte. »Ich will nicht, dass du dich wegen Rosi schlecht fühlst.« Er war verdammt froh, dass Sanna bei dem Steinschlag, der seinen geliebten VW Bus namens Rosi zu einem kleinen Häufchen Blech zermalmt hatte, nicht verletzt worden war.
»Ja, aber ich war diejenige, die sich den Bus ausgeliehen hat«, erinnerte sie ihn.
Simon zuckte mit den Schultern. »Nur, weil Mats deinen Jeep gebraucht hat, um zu einem Selbstfindungstrip in die Berge zu fahren«, gab er ironisch zurück. Sie beide wussten, dass dieser Selbstfindungstrip Sanna das Leben gerettet hatte. Denn hätte Mats seine Schwester nicht gefunden … Simon schluckte. Er war normalerweise immer in der Lage, flapsige Worte von sich zu geben, aber er war gleichzeitig Emotion auf zwei Beinen, wie seine Mutter immer zu sagen pflegte. Und bei dem Gedanken, was Sanna hätte passieren können, zog sich ganz automatisch eine Gänsehaut über seinen Körper.
»Diese ständigen Verzögerungen bei der Auslieferung liegen an dem riesigen Haufen Extrawünsche, die du andauernd hast«, holte Sanna ihn aus seinen Gedanken und erinnerte ihn daran, dass er seine Rosi nicht durch irgendeinen x-beliebigen VW-Bus ersetzen würde. »Aber mach dir keine Sorgen: Solange du meinen Wagen brauchst, gehört er dir. Mats und ich arrangieren uns schon irgendwie«, versprach seine Schwester ihm.
Simon seufzte. »Das weiß ich wirklich zu schätzen.« Sanna brauchte ihren Jeep allerdings selbst. Sie war die Talsprecherin und ständig in der Gegend unterwegs. Also konnte sie ihm nicht andauernd ihren Wagen leihen, ganz gleich, wie schlecht ihr Gewissen wegen Rosi war. »Abgesehen davon, dass er aussieht wie ein feuerwehrroter Elefantenrollschuh, ist nichts gegen Papas Smart einzuwenden. Ich werde sein Angebot annehmen und ihn fahren, bis sie den neuen Bus endlich ausliefern.« Schließlich brauchten seine Eltern dieses Spielzeugauto nicht, solange sie auf Weltreise waren. Simon hoffte sehr, dass er seinen neuen Wagen bekam, bevor die beiden zurück waren. Wobei, bei dem Tempo, in dem die Auslieferung gerade lief … Er klopfte einmal gegen die geschlossene Tür des Behandlungszimmers und schob sie dann auf.
»… das Vorstellungsgespräch in die Mittagspause gelegt, damit alle Ärzte dabei sein können«, hörte er Mats erklären, als er den ersten Schritt in den Raum machte.
Simon wurde bewusst, dass er nicht einmal den Namen der Medizinischen Fachangestellten kannte, die sich heute vorstellte. Sanna hatte sich um diese Bewerbung gekümmert.
Er machte den nächsten Schritt – und stolperte. Blinzelte. Und starrte die Frau an, die Mats gegenübersaß. Die Frau, die heute Morgen beim Bäcker vor ihm gestanden hatte. Die Frau, der Frau Seibold mit einem wütenden Funkeln in den Augen eine Brezn verwehrt hatte. »Ähm …«
Sie hatte ihre kupferroten Haare zu einem Knoten festgesteckt. Aber diese großen blau-grünen Augen und die Sommersprossen, die vollen Lippen … »Ähm«, wiederholte er nicht besonders wortgewandt, und sie senkte den Blick auf die Tischplatte vor sich.
Simon sah sich zu seiner Schwester um und warf ihr einen Blick unter hochgezogenen Augenbrauen zu, der ganz klar sagte: Wer ist das? Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie die Frau ihre Schultern straffte und wieder aufblickte, so als redete sie sich gerade im Stillen Mut zu.
»Simon, du erinnerst dich sicher noch an Marie Brunner. Wir sind zusammen zur Schule gegangen«, half ihm seine Schwester auf die Sprünge.
Die Brunner Marie. Endlich fiel der Groschen bei Simon. Deshalb war sie ihm irgendwie bekannt vorgekommen. Marie war zwei Jahre jünger als er und mit Sanna in einer Jahrgangsstufe gewesen. Sie hatte Waldkirch sofort nach dem Abitur verlassen, und auch wenn er mal gehört hatte, dass sie ihre Großmutter Fanny regelmäßig besuchte, war er ihr nie wieder begegnet. Bis heute Morgen. Und jetzt begriff er auch, was Frau Seibolds Problem gewesen war – beim Gedanken an das Verhalten der Bäckerin kochte noch immer Wut in ihm hoch.
Sanna ließ sich auf den zweiten Patientenstuhl vor dem Schreibtisch fallen, und Simon nahm auf dem Stuhl Platz, den sie für dieses Gespräch noch in den Raum gestellt hatten.
»Servus, Marie. Danke, dass du gekommen bist«, ergriff Sanna das Wort. »Und vor allem danke, dass du dich bei uns beworben hast.«
Marie verzog die Lippen zu einem leisen Lächeln. »Eigentlich dachte ich, dass das die Praxis deiner Mutter ist. Mit euch habe ich gar nicht gerechnet.«
»Oh.« Sanna runzelte die Stirn. »Ist das ein Problem für dich?«
Simon überlegte. Seine Schwester und Marie waren damals in eine Klasse gegangen, hatten aber nicht viel miteinander zu tun gehabt. Sanna war allerdings eine Freundin von Mila und Nikola gewesen und war es noch immer. Vielleicht war das für Marie alles andere als okay.
»Nein.« Marie schüttelte den Kopf, und Simon bemerkte, wie sowohl Sanna als auch Mats langsam und bewusst ausatmeten.
»Das ist gut.« Sanna drückte Maries Arm in einer freundschaftlichen Geste. »Ich muss gestehen, dass mir da ein Stein vom Herzen fällt. Aber vielleicht erzählen wir dir kurz, warum die Situation in der Praxis momentan ein wenig angespannt ist. Vor allem, weil du unsere Mutter gerade schon erwähnt hast. Das hier ist eigentlich ihr Sprechzimmer«, erklärte Sanna.
»Aber sie hat sich von Sannas und Simons Vater zu einem ganz besonderen Abenteuer überreden lassen«, fuhr Mats fort. »Die beiden haben sich in einem alten VW-Bulli auf Weltreise begeben. Falls du ihnen folgen willst, ihr Instagram Account @weltenbummler_josefine_und_laurenz ist wirklich zu empfehlen.«
Sanna lachte unterdrückt, und Simon lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, als seine Schwester wieder das Wort ergriff. »Mats war so lieb, für eine Weile als Arzt einzuspringen. Er wird nicht ewig hierbleiben können, aber im Moment nimmt er uns einen großen Teil der Arbeit ab. Besonders da ich vor ein paar Wochen auch noch zur Talsprecherin gewählt worden bin und jetzt jede Menge zusätzliche Verpflichtungen habe.«
»Glückwunsch!«, sagte Marie. Ihre Stimme klang genauso leise und eine Spur rau wie am Morgen.
»Danke.« Sanna strahlte sie an. »Wir sind für Mats’ Unterstützung sehr dankbar, aber wir versuchen darüber hinaus schon seit geraumer Zeit, die Stelle einer Medizinischen Fachangestellten zu besetzen. Aloisa kümmert sich ja schon seit Urzeiten um unsere Anmeldung. Sie wird von Mila unterstützt.«
Simon sah, wie der Name ihrer ehemaligen Mitschülerin Marie zusammenzucken ließ, aber sie behielt ihren neutral-höflichen Gesichtsausdruck bei. »Mila ist allerdings eigentlich Versorgungsassistentin und könnte uns bei den Hausbesuchen und der Betreuung der Patienten, die nicht regelmäßig in die Praxis kommen, viel besser unterstützen, wenn sie die Zeit dazu hätte.«
»Und an dieser Stelle kommst du ins Spiel.« Mats schenkte Marie ein Lächeln. »Das Du ist doch okay, oder?«, fragte er. »Wenn ihr euch alle aus der Schule kennt, ist es irgendwie merkwürdig, wenn wir beide uns siezen.«
»Freilich«, erwiderte Marie abermals einsilbig.
»Wenn du in der Praxis anfängst, kann Mila ihre eigentlichen Aufgaben wahrnehmen, und wir wären alle entlastet.«
Sanna nahm einen dünnen blauen Ordner vom Schreibtisch und blätterte ihn durch, ohne auf den Inhalt zu achten, und Simon wurde klar, dass das Maries Bewerbung sein musste. »Wir haben uns deine Zeugnisse und Referenzen angesehen.« Sanna legte den Ordner wieder hin. Das ›wir‹ war nicht ganz korrekt, denn Simon hatte sich nichts davon angesehen. Was ihm jetzt echt peinlich war. Aber wenn seine Schwester Marie für geeignet befand, hatte er keinen Grund, das anders zu sehen. Dafür arbeiteten sie schon viel zu lange zusammen – und waren schon viel zu lange verwandt. »Du hast in deiner Ausbildung sogar ein Praktikum in einer pädiatrischen Praxis gemacht und über die Jahre immer wieder dort ausgeholfen. Das freut uns besonders, weil du auf diese Weise auch Simon gut unterstützen kannst.«
»Das Gespräch, das Marie und ich geführt haben, bevor ihr beide hereingekommen sind, hat mir ebenfalls sehr gut gefallen.« Mats lächelte erneut. »Du bist freundlich und professionell. Ich mag deine Art. Und unsere Patienten werden dich ebenfalls lieben.«
Wieder zuckte Marie kaum merklich zusammen. Mats hatte einen wunden Punkt in dieser Bewerbung gefunden. Den wundesten an der ganzen Sache. Ohne, dass ihm das bewusst gewesen wäre.
Simon hatte das Bedürfnis, ebenfalls etwas zu diesem Vorstellungsgespräch beizutragen. Mats nicht noch mehr sagen zu lassen, das Marie aus Versehen verletzte. Aber vor allem wollte er, dass sie sich bei ihnen wohlfühlte. Das hier war nicht die Bäckerei. »Fein.« Er klatschte in die Hände. »Du bist eingestellt«, sagte er das Erste, was ihm durch den Kopf ging.
Marie wandte ihm den Blick zu und blinzelte. »Aber …«
Sanna unterbrach sie. »Das war mein Satz«, ließ sie Simon leise wissen und stieß ihm ihren Ellenbogen zwischen die Rippen. »Wo er recht hat, hat er recht«, fuhr sie an Marie gewandt fort. »Herzlich willkommen im Team. Vorausgesetzt, du willst den Job noch, jetzt, wo du uns als Erwachsene kennengelernt hast.«
»Moment.« Simon fiel der Junge wieder ein, mit dem er sich am Morgen einen Grimassen-Wettkampf geliefert hatte. »Eins noch.« Drei Augenpaare richteten sich auf ihn. Er griff nach der Bewerbung und blätterte zu Maries persönlichen Angaben. »Du hast einen Sohn?«
Marie nickte. »Emil.« Ihre Wangen färbten sich eine Spur dunkler. Wahrscheinlich erinnerte sie sich gerade genau wie er an den unschönen Moment am Morgen.
»Ist er gut betreut, wenn du arbeitest?«, fragte Simon. »Wir können dir sonst auch dabei helfen, ihn in der Kita unterzubringen oder so was.« Er zwinkerte seiner Schwester zu. »Wir haben gute Kontakte zur Talsprecherin.«
»Ja.« Marie nickte ihr neutrales Nicken. Eine Geste, die nicht richtig zu ihren geröteten Wangen passen wollte. »Ja, Emil ist gut untergebracht. Und ja, ich würde den Job gerne annehmen.«
»Wunderbar.« Sanna erhob sich und schüttelte Marie die Hand. »Dann noch einmal herzlich willkommen. Ich habe die Unterlagen, die du noch ausfüllen musst, draußen an der Anmeldung. Du kannst sie mitnehmen und dir in Ruhe zu Hause ansehen. Bring sie einfach mit, wenn du deinen ersten Dienst antrittst. Im Prinzip kennst du die Praxis ja als Patientin, auch wenn du schon eine Weile nicht mehr hier gewesen bist«, plauderte sie weiter. »Deshalb denke ich, der Blick hinter die Kulissen genügt noch, wenn du anfängst.«
Marie reichte Mats und Simon höflich die Hand, bevor sie sich von Sanna aus dem Raum führen und in ein Gespräch verwickeln ließ.
Ein paar Minuten später stand Simon an den Empfang der Praxis gelehnt und wickelte einen der Lollis aus, die Aloisa für tapfere kleine Patienten hinter dem Tresen aufbewahrte. Sein Blick folgte Marie, die sich vor der Praxis gerade von Sanna verabschiedete hatte und über den Marktplatz davonging. Er hatte Fragen. Verdammt viele Fragen. Die seine Schwester ihm wahrscheinlich beantworten konnte, wenn sie endlich wieder reinkam. Aber Sanna wurde vor der Praxis von zwei älteren Damen mit Beschlag belegt. Er würde sich also noch ein wenig gedulden müssen.
Hinter ihm schlug eine Tür zu, und Simon schob sich den Lolli in den Mund, bevor er sich umdrehte. »Hey, Mila«, grüßte er seine Mitarbeiterin, die die Praxis durch die Hintertür betreten hatte. Dann blickte er wieder nach draußen.
Mila trat neben ihn und folgte seinem Blick mit den Augen, neugierig, was ihn so interessierte.
»Ist das die Brunner Marie?«, fragte sie ungläubig, als sie die Frau entdeckte, der er nachsah. »Was wollte die denn hier?«
Simon wappnete sich innerlich für ihren Protest, schob den Lolli in seine Wange und nahm ein paar Patientenakten vom Tresen, um sie durchzublättern. »Für uns arbeiten.«
»Was?« Milas Stimme klang eindeutig eine Oktave zu hoch und ganz definitiv zu schrill für ihre sonst so entspannte Art.
»Sie hat sich auf die freie MFA-Stelle beworben – und wir haben sie gerade eingestellt.«
»Simon!« Mila wartete, bis er aufsah. »Das könnt ihr nicht machen!«
Milas Reaktion erinnerte ihn ein bisschen zu sehr an das Verhalten von Frau Seibold. Ärger flammte in ihm auf, aber er bemühte sich, gelassen zu bleiben. Er schob den Lolli in seine andere Wange und zog die Augenbrauen hoch. »Wolltest du nicht endlich als Versorgungsassistentin durchstarten?«, schlug er sie mit ihrer eigenen Unzufriedenheit.
»Aber doch nicht so!«, fauchte Mila. »Sie ist für Nikolas Unfall verantwortlich. Denkt ihr nicht, dass ihr eurer Freundin das schuldig seid, nicht ausgerechnet diese … diese …« Mit wütendem Blick presste sie die Lippen zusammen, als wolle sie verhindern, dass ihr das Wort über die Lippen kam, das sie dachte.
Simon blieb einfach stehen, die Augenbrauen weiter hochgezogen, als wollte er sagen »Und jetzt?«, und ließ den Lolli wieder auf die andere Seite wandern.
Mit einem frustrierten Laut warf Mila die Hände in die Luft. »Wenn ihr meint. Aber fühl dich gewarnt: Das wird den Waldkirchern nicht gefallen.«
Simon nahm den Lolli aus dem Mund. »Das lass mal unsere Sorge sein«, erwiderte er mit einem Lächeln. Er hatte keine Ahnung, wie gut Marie in ihrem Job sein würde. Aber seine Schwester hatte ihre Referenzen sorgfältig geprüft, sonst hätte sie Marie nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Er war außerdem bereit zuzugeben, dass er inzwischen verzweifelt genug auf Unterstützung in der Praxis aus war, dass er sogar eine von Sannas Kräuterhexenfreundinnen eingestellt hätte.
Die Hintertür schwang abermals auf, und Aloisa kehrte aus ihrer Mittagspause zurück. »Was ist los?«, fragte sie, kraulte Schiller und Ginny, die auf ihren Hundedecken vor sich hin dösten, und platzierte ihre riesige Handtasche unter dem Tresen. »Ist irgendwas passiert?«
»Kann man so sagen«, zischte Mila.
»Mila!«, ermahnte Simon sie leise. Dann wandte er sich an Aloisa. »Du bekommst Verstärkung. Wir haben eine neue MFA eingestellt.«
»Die Brunner Marie«, platzte Mila neben ihm heraus.
»Die Enkelin von der Fanny?«, fragte Aloisa und ließ sich auf ihren Platz fallen. »Hab schon gehört, dass sie wieder da ist.« Ziemlich unbeeindruckt von der Tatsache, wer bald mit ihr zusammenarbeiten würde, schaltete sie ihren Computer ein.
»Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?« Mila warf ihr einen fassungslosen Blick zu.
»Nein.« Aloisa richtete sich ein wenig auf und sah Mila direkt in die Augen. »Das ist nicht alles, was ich zu sagen habe. Denn was ich dazu wirklich zu sagen habe«, sie ließ den Blick zu Simon weitergleiten, »ist Gott sei Dank, dass ihr endlich jemanden gefunden habt.«
»Aber das ist die Marie!«, flüsterte Mila auf eine Art, die durchaus auch als leises Schreien durchging.
Aloisa zuckte mit den Schultern. »Mach dieses Mädchen nicht für die Fehler ihrer Mutter verantwortlich«, wies sie ihre jüngere Kollegin zurecht. »Und was damals passiert ist, als ihr noch zur Schule gegangen seid, da hat mehr als eine Person dazugehört.«
Simon sah Aloisa überrascht an. Sie war sonst nicht so nachsichtig mit ihrer Umwelt.
»Ist doch wahr«, verteidigte sie ihre Meinung, als sie Simons verblüffte Miene sah. »Wir waren alle nicht dabei, damals. Also gebt dem Mädchen eine Chance. Wir brauchen sie in dieser Praxis viel zu dringend, als dass wir uns diesen zickigen Gesichtsausdruck«, sie wies mit dem Kugelschreiber in der Hand auf Mila, »erlauben könnten.«
Simon erwiderte nichts darauf. Aloisa hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, und es gab keinen Grund nachzulegen, vor allem, weil Milas Gesicht einen ungesunden Farbton annahm.
»Aloisa, kannst du die Superman-Pflaster nachbestellen?«, bat er stattdessen. »Letzten Monat waren Einhörner noch so angesagt, aber im Moment sind Superhelden offenbar wieder ziemlich im Trend.« Er schob den Lolli zurück in den Mund und schlenderte zu seinem Sprechzimmer, als spüre er Milas wütenden Blick nicht in seinem Nacken.
*
Marie ließ den Golf auf dem Hof ihrer Großmutter ausrollen. Sie atmete tief ein, und ihr Blick glitt über das Häuschen und den Garten. Hier war sie aufgewachsen – und alles sah noch genauso aus wie vor vierzehn Jahren, als sie Waldkirch verlassen hatte. Die Zedernschindeln an den Wänden hatten damals schon grau und ein wenig heruntergekommen ausgesehen. Das Dach hatte den Eindruck erweckt, dass es der extremen Witterung im Allgäu nicht mehr lange standhalten würde. Die Drähte des Rankgitters, die an der Front des Häuschens gespannt waren, um die Zweige des Apfelbaums, der davorstand, eine Wuchsrichtung vorzugeben, waren rostig.
Schäbig war das Wort, das den meisten Leuten vermutlich als Erstes einfallen würde, wenn sie die Vorderseite des Hauses erblickten.
Fanny hatte nie viel Geld gehabt und sich hauptsächlich als Näherin und Änderungsschneiderin durchgeschlagen. Sie waren immer über die Runden gekommen. Das Haus und der Hof waren penibel sauber und aufgeräumt. Und was von vorn schäbig wirken mochte, verwandelte sich hinter dem Häuschen in eine magische Welt aus Farben und Gerüchen. Der Garten war der ganze Stolz ihrer Großmutter. Fanny hatte ihr Zuhause so gemütlich gestaltet, wie es ihr möglich gewesen war. Sie hatte immer versucht, Marie glücklich zu machen. So glücklich, wie man ein Kind machen konnte, das von seiner Mutter auf der Jagd nach einem schöneren, aufregenderen Leben zurückgelassen worden war.
Marie löste den Sicherheitsgurt und stieg aus dem Wagen. Sie hatte keine Ahnung, wo ihre Mutter war oder wie deren Leben aussah. Und sie wollte es auch nicht wissen. Ihre Gedanken galten ausschließlich Emil und Fanny.
Maries Blick blieb an einem der geöffneten Fenster im Erdgeschoss hängen. Der Kater ihrer Großmutter, der Vizegraf – benannt nach einer von Fannys Lieblingsfiguren aus Bridgerton –, schlief zusammengrollt auf dem Fensterbrett, und Marie hörte das Summen der Nähmaschine und das Quietschen der Schaukel hinter dem Haus. Fanny war immer für sie da gewesen. Jetzt wurde es Zeit, für ihre Großmutter da zu sein. Seit sie hier war, beobachtete sie Fanny mit Argusaugen, was ihre Großmutter ziemlich nervte. Aber sie konnte es nicht ändern.
Es hatte erste Anzeichen für eine Demenz gegeben, bevor Marie und Emil nach Hause gekommen waren. Auch wenn Fanny das mit ihrer üblichen Altersvergesslichkeit, die ihr als über Achtzigjährige ja wohl zustand, abtat. Sie weigerte sich, zu einem Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen. »Ich bin kerngesund«, pflegte sie zu sagen, »und das schon mein Leben lang.« Dass sie bei all ihrer vermeintlichen Gesundheit vergaß, das Bügeleisen auszuschalten oder einen Topf vom Herd zu nehmen, wischte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung zur Seite. Aber zwei Feuerwehreinsätze in einer Woche waren schließlich zwei zu viel gewesen. Marie hatte gar keine andere Wahl gehabt, als nach Hause zurückzukehren und dafür zu sorgen, dass ihrer Großmutter nicht das Dach über dem Kopf abbrannte – oder einstürzte.
Fanny hatte sie bei ihrer Ankunft in den Arm genommen und sie beruhigt, dass sie einfach eine alte Frau war, die plante, das bisschen Leben, das ihr noch blieb, zu genießen. Und bis jetzt hatte es keine größeren Zwischenfälle gegeben, die Maries Alarmglocken klingeln ließen. Sie war allerdings nicht nur zurückgekommen, um sich um ihre Großmutter zu kümmern. Selbst wenn Fanny nicht an Demenz erkrankt war, wollte Marie, dass sie und Emil so viele schöne Erinnerungen wie möglich sammelten und ihr Sohn in dem Wissen aufwuchs, dass ihn seine Urgroßmutter genauso liebte wie seine Mutter.
Mit langsamen Schritten ging sie über den Hof und lehnte sich an die Hausecke. Die rotbraunen Locken ihres Sohnes wurden ihm aus dem Gesicht geweht, wenn er mit der Schaukel nach vorn flog. Er schwang so hoch er konnte. Genau wie Marie das früher gemacht hatte. Sie winkte ihm zu und erhielt ein Grinsen zur Antwort. Ihr Blick glitt über den blühenden Bauerngarten, der hinter dem rostigen Blumenbogen begann, der unter der Masse an Rosenblüten fast nicht zu erkennen war, und weiter hinten, am Bach, in ein wildes Paradies überging. Die kleine Außenküche an der Hauswand, die ihre Großmutter im Sommer benutzte, um Marmeladen und ihre berühmte Apfelbutter einzukochen, die eine ihrer Freundinnen für sie auf dem Markt verkaufte, war noch abgedeckt, und die Sitzecke, an der sie so viele zauberhafte Sommerabende erlebt hatte, wirkte heruntergekommen und wacklig. Genau wie das Gewächshaus, eine nostalgisch verschnörkelte Konstruktion, die an Orangerien englischer Herrenhäuser erinnerte. Maries Großvater hatte es lange vor ihrer Geburt für Fanny gebaut, und ihre Großmutter hielt bis heute daran fest und pflanzte dort drin ihre Tomaten, auch wenn bereits einige kaputte Scheiben durch Folie ersetzt worden waren.
Marie schluckte gegen das Brennen in ihrer Kehle an. Fanny, Emil und sie hatten immer Kontakt gehabt. Aber sie hatte sich zu lange nicht um ihr Zuhause gekümmert. In diesem Haus standen jede Menge Instandsetzungsarbeiten an. Viel mehr als die Schönheitsreparaturen, von denen sie gehofft hatte, dass sie ausreichten.
Fanny hatte ihr das Nähen beigebracht, und Marie hatte sich schon zu der Zeit, als Emil noch ein Baby gewesen war, einen Etsy-Shop aufgebaut, in dem sie selbst genähte Babydecken verkauft hatte. Damals hatte sie sich mit ihren Verkäufen gerade so über Wasser halten können.
Als sie nach Waldkirch zurückgekehrt war, hatte sie kurz darüber nachgedacht, ob die Einnahmen aus diesem Job auch hier fürs Leben reichten und sie ihre Zeit hauptsächlich mit Fanny und Emil verbringen konnte. Aber das Haus verlangte ganz deutlich nach Aufmerksamkeit. Und mit ihrem mageren Sparkonto waren die Arbeiten nicht zu stemmen. Also würde sie den Job in der Praxis Dr. Thaler annehmen, auch wenn das das schrägste Vorstellungsgespräch gewesen war, das sie jemals geführt hatte. Und obwohl es ihr so riesige Angst machte, auf Mila zu treffen. Die Freundin der Frau, deren Leben Marie zerstört hatte.
*
Simon hatte sich den ganzen Tag über Gedanken gemacht. Es war richtig gewesen, Marie einzustellen. Aber Mila hatte nicht ganz unrecht: Sanna, Mats und er machten ihre Entscheidungen nicht von anderen abhängig, aber zumindest mussten sie Nikola davon erzählen. Sie waren seit so vielen Jahren befreundet, dass es nicht okay wäre, einfach so zu tun, als hätte sich nichts Entscheidendes verändert.
Simon hatte in ihre Freundesgruppe geschrieben und gefragt, wer am Abend Lust und Zeit auf ein Bier in der Alpenliebe hatte. Sanna und Mats hatten noch einen Termin und würden nachkommen. Mila hatte mit einem schnippischen Kommentar abgesagt, was Simon nicht weiter verwunderte, und Jonas hatte das Daumen-hoch-Emoji geschickt. Paulina war sowieso da, weil ihr die Kneipe gehörte, in der sie ihren Stammtisch abhielten. Von Nikola hatte er nichts gehört, aber sie war dafür bekannt, im Gegensatz zum Rest von ihnen nicht ständig auf ihr Handy zu starren. Simon konnte nur hoffen, dass sie noch auftauchen würde und er ihr die Neuigkeiten schonend beibringen konnte.
Jonas saß schon unter einem der bunt geringelten Sonnenschirme auf der Terrasse, die das Markenzeichen der Alpenliebe waren, und hob die Hand zum Gruß, als Simon den Marktplatz überquerte.
»Servus«, sagte er und erhob sich, als Simon den Tisch erreichte.
Sie schlugen sich in einer halben Umarmung gegenseitig auf den Rücken und setzten sich. »Gut, dass wenigstens du hier bist«, sagte Simon und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
»Ja, wir sind zu einem kläglichen Häufchen zusammengeschrumpft.« Jonas trank einen Schluck von seinem Bier. »Aber der Abend ist schön und das Bier kalt.«
»Hmm.« Simon drehte sich nach Paulina um, die bereits mit einem Bier in der Hand an ihren Tisch kam.
»Hab ich schon für dich gezapft, als ich dich über den Platz habe traben sehen«, erklärte sie und hielt Simon das Bier hin.
»Danke. Das brauch ich jetzt wirklich.« Simon griff nach dem Glas.
Doch Paulina zog es zurück. »Zuerst erzählst du mir, was heute in der Praxis los war.« Sie hob die Augenbrauen so weit, dass sie unter ihrem schwarzen Pony verschwanden. »Mila ist vorhin gerade stinksauer an mir vorbeigerauscht und hat Wörter vor sich hingemurmelt, die man in einem Popsong mit pausenlosem Piepen überblenden müsste.«
Simon seufzte. »Wir hatten eine Auseinandersetzung, das stimmt.« Er wies auf einen der freien Plätze am Tisch. »Willst du dich kurz setzen?« Paulina und Mila wohnten in einer WG über der Alpenliebe. Wenn er jetzt nicht erzählte, was los war, würde Mila es später mit Sicherheit tun. Und dann wirklich mit ganz anderen Worten, temperamentvoll wie Mila sein konnte.
Paulina ließ den Blick über die Gäste schweifen, die auf der Terrasse saßen, und gab dann einer ihrer Bedienungen ein Zeichen, bevor sie sich setzte und Simons Bier in seine Richtung schob. »Ich bin gespannt«, sagte sie.
»Und ich erst.« Jonas legte seine Unterarme auf den Tisch und beugte sich aufmerksam vor. Es war ein offenes Geheimnis, dass ihn alles interessierte, was Mila betraf.
»Wir haben endlich eine neue Arzthelferin eingestellt«, begann Simon.
»Halleluja!«, unterbrach Paulina ihn mit einem Jubelruf. »Das wurde ja auch höchste Zeit. Aber eigentlich müsste Mila sich darüber ziemlich freuen.«
»Ja.« Simon kratzte sich unbehaglich am Hinterkopf. Die Entscheidung, Marie einzustellen, war das eine. Seinen Freunden davon zu erzählen … »Es ist die Brunner Marie.«
Einen Moment lang herrschte Stille am Tisch. Dann blinzelte Jonas. Paulina griff nach Simons Bierglas, trank einen Schluck und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
»Hmm«, machte sie dann.
»Was hmm?« Simon hatte keine Ahnung, was der Laut bedeutete.
»Ich bin überrascht. Das ist alles«, erwiderte sie im gleichen Moment, in dem Jonas fragte: »Weiß Nikola das schon?«
Simon schüttelte den Kopf. »Ich wollte es hier erzählen, aber sie hat sich noch nicht gemeldet. Allerdings bin ich mir sicher, dass Mila keine Sekunde zögert, es ihr brühwarm zu erzählen.«
»Was du ihr nicht verübeln kannst. Sie ist Nikolas beste Freundin und war all die Jahre immer für sie da. Natürlich wird sie ihr erzählen, wenn eine Frau, die so eng mit ihrer Vergangenheit verwoben ist wie Marie, in eurer Praxis anfängt.«
Simon bemerkte, dass Paulina nicht sagte, dass Marie daran schuld war, dass Nikola im Rollstuhl saß. »Ich hätte es ihr einfach lieber selbst gesagt.«
»Das wird wohl nicht passieren.« Jetzt hatte sich auch Jonas von seiner Überraschung erholt. »Nikola hat mir erzählt, dass sie heute noch ein paar späte Termine am Olympiastützpunkt in Oberstdorf hat. Und danach ist sie zum Essen verabredet.«
»Ach was?« Paulina grinste. »Sag nicht, dass schon wieder der Name Max gefallen ist.«
»Oh doch.« Jonas grinste ebenfalls und lehnte sich wieder zurück, zufrieden, dass er derjenige war, der den Tratsch und Klatsch als Erster verbreitet hatte.
»Welcher Max?« Simon runzelte die Stirn. Er war sich sicher, diesen Namen noch nie in Verbindung mit Nikola gehört zu haben. Nikola hatte Sportmanagement und soziale Arbeit studiert. Eine schräge Kombination, die es ihr aber jetzt ermöglichte, junge Sportler in ihrer Karriere zu unterstützen und zu fördern. Sie ging völlig auf in ihrem Job und verbrachte abgesehen davon viel Zeit mit ihrem Rollstuhlbasketball-Team. Von einem Max hatte Simon jedenfalls noch nie was gehört.
Paulina wackelte mit den Augenbrauen. »Sie verrät keine Details, aber dieser Name rutscht ihr in letzter Zeit öfter raus, ohne dass sie sich dessen bewusst ist.«
»Und dann grinst sie immer so«, ergänzte Jonas.
Nikola war verliebt? Oder fühlte sich zumindest zu einem Mann hingezogen? »Das freut mich für sie«, sagte Simon ehrlich. Der schreckliche Unfall kurz vor ihrem Abi und die Umstände, die dazu geführt hatten, hatten aus Nikola eine vorsichtige, manchmal sogar misstrauische Frau werden lassen, die ziemlich gut auf ihr Herz achtgab.
»Du musst dir keine Sorgen um Nikola machen«, holte Paulina ihn aus seinen Gedanken. »Sie wird mit den Neuigkeiten gut umgehen. Da bin ich mir sicher.«
Jonas brummte zustimmend. »Besser als Mila auf jeden Fall. Sie vergisst leider immer nur ziemlich schlecht.«
Simon nickte. Er konnte nur hoffen. Dass Nikola ihnen nicht übel nahm, dass sie Marie eingestellt hatten. Und dass Mila ihrer neuen Mitarbeiterin das Leben nicht zur Hölle machen würde, aus lauter Loyalität zu ihrer besten Freundin.
Bergdoktor – McDreamy – Direktleitung
Mats: Was ist das eigentlich für ein Problem, das Mila mit Marie hat?
Mats: Hab ich irgendwas verpasst?🤷🏻
Simon: 🙄 Lange Geschichte.
Mats: 🍻?
Simon: 👍🏻Nach der Arbeit bei mir.
Die Gedanken an das merkwürdige Vorstellungsgespräch hatten Marie nicht losgelassen. Doch als der alte Wasserboiler angefangen hatte, dubiose Klopfgeräusche von sich zu geben, kaum dass sie sich nach dem Abendessen unter die Dusche gestellt hatte, hatte das ihre Entscheidung nur noch verfestigt. Sie würde Geld verdienen, bevor dieses Ding seinen Geist aufgab – auch wenn sie sich damit freiwillig auf einen Spießrutenlauf einließ. Sie konnte das ertragen, redete sie sich gut zu, als sie die Formulare ausfüllte, die Sanna ihr mitgegeben hatte, und den Arbeitsvertrag unterschrieb. Die Frage war nur, warum taten sich die Thalers das an?
Die Gedanken begleiteten sie in den nächsten Tag, als sie vor ihrem Kleiderschrank stand und überlegte, was sie anziehen sollte. Sanna hatte ihr keine Kleiderordnung genannt, und offenbar gab es kein einheitliches Praxis-Outfit. Während Sanna und Mats weiße Klamotten und Arztkittel getragen hatten, war Simons Kasack dunkelblau und mit bunten Smileys bedruckt gewesen. Mila und Aloisa hatte sie gar nicht gesehen, weshalb sie nicht wusste, was die Angestellten trugen. Sie entschied sich schließlich für Jeans, Kasack und Turnschuhe. Alles in Weiß, so wie an ihrer alten Arbeitsstelle. Wenn die Kleiderordnung in Waldkirch anders war, konnte sie sich ja immer noch umziehen.
Sie setzte sich zu Fanny und Emil an den Frühstückstisch, schaffte es aber nicht, ihren nervösen Magen mit etwas anderem als Kaffee zu füllen, während sie ihrem Sohn dabei zusah, wie er dick Apfelbutter auf einer frisch gebackenen Brotscheibe verteilte und abbiss. Unruhig trommelte sie mit den Fingern auf dem Tisch, bis es Zeit war, zu ihrem ersten Arbeitstag aufzubrechen.
Das Wartezimmer war bereits voller Patienten, als sie die Praxis kurze Zeit später betrat. Alle starrten sie an. Und alle rümpften die Nase. In dem Moment, in dem die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, herrschte eine ohrenbetäubende Stille – nur um im nächsten Moment von Gemurmel abgelöst zu werden.
Marie blieb stehen, die Hand noch immer auf der Türklinke. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie konnte die leisen Unterhaltungen zwar nicht verstehen, aber sie wusste auch so, dass es sich dabei um sie drehte. Schließlich durchbohrten sie nach wie vor alle mit ihren Blicken, und sie konnte Wortfetzen wie »traut sich was«, »nach all den Jahren«, »sieht genauso aus wie ihre Mutter« oder »sollte sich was schämen« aus dem Gemurmel heraushören.
Ihr Fluchtinstinkt setzte mit aller Macht ein. Sie musste hier weg. Musste fort von dem Menschen, die sie so verurteilten. Ihr nie eine Chance geben würden. Ihre Hand drückte bereits zitternd die Klinke herunter, als sie eine Berührung an ihrem Bein spürte. Sie blickte hinunter – und in vier Hundeaugen. Ein brauner Labrador und etwas Kleines, Weißes, das aussah wie ein Wattebällchen auf Pfoten, schmiegten sich von rechts und links an ihre Beine und sahen flehend zu ihr auf. So als könnten sie die nächsten zehn Sekunden nicht überleben, wenn sie sie nicht sofort streichelte oder ihnen ein Leckerli zusteckte.
»Die beiden haben gute Antennen«, sagte eine Stimme leise neben ihr, als Marie sich herunterbeugte, um die beiden zwischen den Ohren zu kraulen.
Langsam richtete sie sich wieder auf. Aloisa war an ihrer Seite aufgetaucht und legte mit einer sanften Bewegung die Hand über Maries, die die Türklinke umklammert hielt. »Ich verstehe dein Bedürfnis, so schnell wie möglich das Weite zu suchen«, sagte sie leise. Ihr Blick wirkte offen – und vor allem ehrlich. »Aber damit wirst du dir nicht gerecht. Wenn du dich der Vergangenheit – und diesen Tratschtanten – nicht stellst, wirst du dich irgendwann selbst hassen.« Sie senkte die Stimme noch ein wenig weiter und beugte sich vor, damit Marie sie verstehen konnte. »Fanny braucht dich. Sie ist so glücklich, seit du wieder da bist. Du bist es euch beiden schuldig, die Schultern zurückzuziehen und das Kinn zu heben. Lass dich nicht von der Vergangenheit fertigmachen.« Sie beugte sich hinunter, um dem Labrador den Kopf zu tätscheln. »Jetzt komm mit, damit ich dir deinen neuen Arbeitsplatz zeigen kann.«
Marie schluckte. Ihr Fluchtmodus hatte tatsächlich ein wenig nachgelassen. Als sie aufsah, waren die meisten Patienten bereits wieder in ihre Klatschzeitungen oder Handys versunken. Ein paar neugierige und ein paar abweisende Blicke folgten ihr allerdings, als sie hinter Aloisa und den Hunden zum Empfangstresen ging. Mila Abendroth war nicht hier, wahrscheinlich befand sie sich gerade in einem der drei Behandlungszimmer und assistierte einem der Ärzte. Die Begegnung mit ihr würde abermals zu einer Herausforderung werden. Aber vielleicht war es ihr vergönnt, all den Hass, der ihr in Waldkirch entgegenschlug, nur häppchenweise verdauen zu müssen.
Für ein paar Stunden lief ihr erster Tag überraschenderweise normal ab. Aloisa wies sie in die Praxissoftware ein, die die Gleiche war wie an ihrer letzten Arbeitsstelle. Das würde schon einmal vieles erleichtern. Sie machte ein paar Blutentnahmen, bereitete Urinproben für den Versand vor und half Sanna, eine Aircast-Schiene bei einer Touristin anzulegen, die sich beim Wandern einen Bänderriss zugezogen hatte.
Natürlich war sie sich der Blicke bewusst, die ihr auf Schritt und Tritt folgten, sobald sie eines der Behandlungszimmer verließ oder aus dem kleinen Labor kam, das zur Praxis gehörte. Mila bekam sie allerdings die ganze Zeit nicht zu Gesicht.
»Marie?« Sie drehte sich um, als sie Mats’ Stimme hinter sich hörte. »Könntest du bitte ein EKG vorbereiten?«
»Freilich.«
Mats lächelte sie aufmunternd an, als wollte er ihr sagen, dass er es am Anfang mit den Waldkirchern auch nicht leicht gehabt hatte. »Danke. Die Patientin wartet bereits im Funktionsraum.«
Marie erhob sich vom Empfang und schloss die Tür des Raumes hinter sich, in dem nicht nur EKG- und Ultraschalluntersuchungen vorgenommen wurden, sondern sogar kleinere Operationen durchgeführt werden konnten. »Griaß Ihne«, sagte sie höflich zu der Frau, die mit dem Rücken zu ihr auf der Kante der Untersuchungsliege hockte. »Ich bin hier, um …« Die Worte blieben ihr im Hals stecken, als die Frau den Kopf zu ihr umwandte – und dann entsetzt aufsprang.
»Frau Riedinger«, brachte Marie heraus. Die Worte klangen wie ein Krächzen, als sie den harten, kalten Blick ihrer ehemaligen Schulbibliothekarin auf sich spürte.
»Du …« Die Frau schnappte empört nach Luft. Dann glitt ihr Blick zum EKG. »Du wirst mich nicht anfassen, du dreckiges Gör.«
Marie schluckte und griff nach der Patientenakte, die Mats auf den Tisch gelegt hatte, und blätterte sie durch, in der Hoffnung, dass ihr ein paar Extrasekunden helfen würden, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Genau vor diesen Momenten hatte sie sich gefürchtet. Sie hatte gehofft, dass noch ein wenig Zeit vergehen würde, bis sie sich mit den Bösartigsten ihrer Nachbarn auseinandersetzen müssen würde.
Sie atmete einmal tief ein und wieder aus. Was hatte Aloisa gesagt? Wegrennen half nichts. Früher oder später wäre sie mit diesen Leuten so oder so konfrontiert worden. Dabei hasste Frau Riedinger sie nicht einmal für das, was mit Nikola passiert war. Ihre Abneigung ging viel tiefer und hielt schon viel länger an. Sie reichte bis in die Zeit zurück, in der Marie noch ein kleines Mädchen gewesen war und ihre Mutter eine Affäre mit dem Mann der Bibliothekarin gehabt hatte, deren Ehe daraufhin zerbrochen war. Nichts, wofür Marie etwas konnte. Aber Sippenhaft war für Frau Riedinger schon immer ein probates Mittel gewesen, ihre Wut zu kanalisieren.
»Ihnen wird nichts anderes übrig bleiben«, sagte Marie und sah ihrem Gegenüber fest in die Augen. »Diese Praxis arbeitet am Rande ihrer Kapazität. Sie sind mit Herzbeschwerden hergekommen. Es wird nicht möglich sein, Ihre Extrawünsche zu berücksichtigen. Im Moment gibt es für Sie genau zwei Möglichkeiten: Sie lassen mich diese Untersuchung vorbereiten, wobei Sie mich so sehr hassen können, wie Sie wollen. Nur während das EKG geschrieben wird, sollten Sie versuchen, sich ein wenig zu beruhigen. Oder Sie gehen einfach wieder und probieren es im Krankenhaus in Oberstdorf oder bei einem Kardiologen in Kempten.« Marie lächelte sie herausfordernd an. »Wir wissen beide, wie gut die Chancen stehen, schnell behandelt zu werden. Also«, sie hob ihr Kinn noch ein Stück, »vielleicht schaffen Sie es ja, Ihren alten Groll lange genug zur Seite zu schieben, damit ich diese Untersuchung vorbereiten kann. Entgegen dem, was Sie von mir persönlich halten, bin ich in meinem Job sehr gut.«
Frau Riedinger hatte kein Wort gesprochen. Sie sagte auch jetzt nichts und starrte Marie stattdessen feindselig an. Aber sie schien ihre Optionen abzuwägen. Die Zeit dehnte sich zwischen ihnen in einer unangenehmen Blase. Doch schließlich ließ sich Frau Riedinger wieder auf die Untersuchungsliege sinken und bedachte Marie mit einer unwirschen Handbewegung. »Mach schon, Mädchen. Ich habe nicht ewig Zeit.«
»Freilich.« Marie stieß die Luft aus, die sie angehalten hatte. »Würden Sie bitte Ihren Oberkörper frei machen?«
Hinter ihnen erklang ein leises Klopfen, und im nächsten Moment wurde die Tür aufgezogen, und Simon betrat in einem Kasack den Raum, der über und über mit kleinen Hunden bedruckt war. »Hallo, Frau Riedinger«, sagte er und schenkte ihr ein charmantes Lächeln. »Ich habe gehört, dass Sie bei uns sind und wollte mich kurz erkundigen, wie es Ihnen geht.«
»Nicht besonders gut, sonst wäre ich ja nicht hier«, brummte die Frau, schaffte es aber nicht, ihren feindseligen Blick ihm gegenüber aufrechtzuerhalten.
»Bei uns sind Sie in guten Händen«, fuhr er fort, und Marie merkte, dass er in ihre Richtung sah. Sie hob den Blick und schüttelte leicht den Kopf, um ihm zu signalisieren, dass sie alles im Griff hatte.
