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Maren kämpft allein: Ihr kleiner Bruder Peter ist schwer krank, die Medikamente kosten ein Vermögen. Um ihn zu versorgen, arbeitet sie nachts in der Bar "Halali". Dort begegnet sie Karl Gustav Baron von Strehlen - einem älteren, zurückhaltenden Mann, der ihre Würde erkennt und ihr ein neues Leben anbietet. Auf seinem Gut findet Peter Erholung, und Maren erlebt zum ersten Mal seit Langem Sicherheit, Geborgenheit - und eine stille Liebe. Sie heiratet den Baron. Doch das Glück ist nicht von Dauer: Peter verstirbt, und auch bald danach muss sich Maren von dem Baron verabschieden, der nach einer OP nicht mehr aus der Narkose aufwacht. Die junge Witwe steht wieder allein da. Als eine Freundin sie in ein verschneites Berghotel einlädt, ahnt sie nicht, wem sie dort begegnen wird: Harro von Strehlen, dem Neffen ihres verstorbenen Mannes, der junge Mann, dem sie das Erbe gestohlen hat ...
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Diese Augen lügen nicht
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Ein ungewöhnlicher Schicksalsroman
Von Eva Burger
Maren kämpft allein: Ihr kleiner Bruder Peter ist schwer krank, die Medikamente kosten ein Vermögen. Um ihn zu versorgen, arbeitet sie nachts in der Bar »Halali«. Dort begegnet sie Karl Gustav Baron von Strehlen – einem älteren, zurückhaltenden Mann, der ihre Würde erkennt und ihr ein neues Leben anbietet.
Auf seinem Gut findet Peter Erholung, und Maren erlebt zum ersten Mal seit Langem Sicherheit, Geborgenheit – und eine stille Liebe. Sie heiratet den Baron. Doch das Glück ist nicht von Dauer: Peter verstirbt, und auch bald danach muss sich Maren von dem Baron verabschieden, der nach einer OP nicht mehr aus der Narkose aufwacht. Die junge Witwe steht wieder allein da. Als eine Freundin sie in ein verschneites Berghotel einlädt, ahnt sie nicht, wem sie dort begegnen wird: Harro von Strehlen, dem Neffen ihres verstorbenen Mannes, der junge Mann, dem sie das Erbe gestohlen hat ...
Maren schlich auf Zehenspitzen an das Bett ihres Bruders und beugte sich zu ihm hinab. Er schlief! Tiefe, ruhige Atemzüge verrieten es ihr. Am liebsten hätte sie ihm über das immer etwas struppige, zerzauste Haar gestrichen, aber sie unterdrückte dieses Verlangen, denn sonst hätte sie den kleinen, tapferen Kerl vielleicht geweckt. So wandte sie sich müde um und verließ wieder auf Zehenspitzen den Raum.
Maren schlich auf Zehenspitzen an das Bett ihres Bruders und beugte sich zu ihm hinab. Er schlief! Tiefe, ruhige Atemzüge verrieten es ihr. Am liebsten hätte sie ihm über das immer etwas struppige, zerzauste Haar gestrichen, aber sie unterdrückte dieses Verlangen, denn sonst hätte sie den kleinen, tapferen Kerl vielleicht geweckt. So wandte sie sich müde um und verließ wieder auf Zehenspitzen den Raum.
Auf dem engen Flur atmete sie tief auf und warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Sie kam sich selbst immer so entsetzlich fremd vor, wenn sie abends zur Arbeit ging. Ihre nackten Schultern stießen sie ab, und ihre angemalten Lippen wirkten etwas aufdringlich. Maren presste sie unwillkürlich zusammen und hoffte, dass sie dadurch natürlicher wirkten. Dann seufzte sie und nahm den Mantel von der Garderobe. Sie setzte die Baskenmütze auf und verließ leise die Wohnung, um im nächsten Moment an der Nachbartür zu klingeln.
Frau Binder öffnete sofort, als habe sie bereits auf dieses Zeichen gewartet. Über das freundliche, gutmütige Altfrauengesicht glitt ein Lächeln.
»Ich dachte es mir doch gleich, dass Sie es sind, Fräulein Heidenbusch«, sagte sie. »Kommen Sie doch einen Augenblick herein.«
Maren schüttelte den Kopf. »Das kann ich leider nicht, Frau Binder. Ich muss los, sonst komme ich zu spät und verliere vielleicht sogar meine Arbeit. Das könnte ich mir nicht erlauben.«
»Ich weiß«, sagte Frau Binder.
»Ich wollte nur noch einmal an Peter erinnern. Jetzt schläft er zwar ruhig, aber man weiß ja nie, wie lange.«
Maren sah die Nachbarin mit ihren großen, ausdrucksvollen blauen Augen flehend an.
Die winkte beruhigend ab. »Aber ich sehe doch von Zeit zu Zeit nach Peter, Fräulein Heidenbusch, das wissen Sie doch. Außerdem ist Peter so verständig, dass man vernünftig mit ihm reden kann. Wir haben miteinander vereinbart, dass er an die Wand Klopfzeichen gibt, wenn er mich braucht.«
»Dann werden Sie unter Umständen ja wach, wenn Sie bereits im Bett liegen und schlafen!« Maren war ein bisschen erschrocken.
»Aber ich bitte Sie, das macht doch nichts. Eine alte Frau wie ich braucht nicht mehr so viel Schlaf. So wie ich Peter kenne, wird er ja auch nicht gleich klopfen, wenn er einmal wach wird. Aber es könnte ja sein, dass er sich schlecht fühlt und Medizin braucht, dann bin ich zur Stelle«, schloss sie.
Maren saß ein Schluchzen hinten im Hals.
»Sie sind so gut und hilfsbereit! Und ich kann Ihnen dafür nur ein ›Dankeschön‹ sagen«, gestand sie bekümmert.
»Darüber machen Sie sich nur keine Sorgen, Fräulein Heidenbusch. Wenn nicht mal wir uns gegenseitig helfen würden, wäre es schlecht um die Menschheit bestellt.«
»So denkt leider nicht jeder«, sagte Maren leise. Jetzt warf sie noch einen schnellen Blick auf ihre Armbanduhr. »Ich muss gehen. Auf Wiedersehen und vielen Dank! Den Schlüssel haben Sie ja«, vergewisserte sich Maren dann noch einmal.
»Aber ja, der hängt am Bord«, beruhigte Frau Binder sie.
Da huschte Maren fort. Die Nachbarin sah ihr sinnend nach und ging dann zu ihrem Mann ins Wohnzimmer.
***
Maren hatte inzwischen die Innenstadt erreicht. Der Name der Nachtbar stand mit leuchtenden Buchstaben über dem Eingang: »Halali-Bar«.
Maren seufzte. Sie nickte dem Portier zu und benutzte dann den Lieferanteneingang, wie es sich für die Angestellten der stadtbekannten und teuren Bar gehörte.
Sie hängte ihren Mantel in einem Hinterzimmer an die Garderobe und lächelte bitter. Ihr fiel immer wieder der Gegensatz zwischen dem exklusiven, schillernden Gastraum und dem winzigen Zimmer für die Angestellten auf, das wirklich schäbig war. Die Tapeten müssten längst erneuert und der Bezug der Stühle gewechselt werden. Aber dafür gab der Besitzer kein Geld aus.
»Guten Abend!« Ihre Kollegin Suzette kam. Suzette war immer gut gelaunt. Sie hielt es für ein großes Glück, hier in der ersten Bar am Platze arbeiten zu dürfen. Sie gab sich den Gästen gegenüber gern als Französin aus, obwohl sie mit Spreewasser getauft worden war.
»Guten Abend«, grüßte Maren.
Suzette lachte schon wieder wie ein Zwitschervogel. »Du machst ja schon wieder so ein ernstes Gesicht! Du musst dich unbedingt noch mehr schminken, sonst bekommst du Ärger mit dem Chef.«
Maren zuckte unwillkürlich heftig zusammen.
»Schäfchen, was hast du nur dagegen, deine Vorzüge ein bisschen mehr als gewöhnlich herauszustreichen? Und du hast Schönheit zu bieten.« Suzette seufzte. »Ich wollte, ich hätte deine herrlichen großen blauen Augen, dein seidiges Blondhaar und deinen pfirsichfarbenen Teint, ganz abgesehen von deiner Figur.«
Maren war verlegen und winkte ab.
Suzette lachte wieder. »Jetzt machst du wieder Augen, als wenn dir irgendein Kavalier ein Kompliment macht. Weißt du, zuerst habe ich gedacht, das sei deine Masche – das Blümchen Rühr-mich-nicht-an, weißt du. Aber allmählich glaube ich fast, das ist echt!«
Was hätte Maren darauf antworten sollen? Sie lächelte nur hilflos.
»Aber ich gebe dir einen guten Rat!« Jetzt flüsterte Suzette und beugte ihren Kopf vor. »Übertreibe deine Distanz nicht, der Umsatz leidet darunter, und dann wird der Alte stocksauer. Am fünfzehnten wird dann der Erste für dich sein.«
»Meinst du?«, murmelte Maren erschrocken. »Dabei gebe ich mir ehrlich Mühe, jeden Kunden freundlich zu bedienen.«
»Das genügt nicht, etwas entgegenkommender müssen wir schon sein. Himmel, du musst doch auch an deinen Verdienst denken. Verdient der Alte gut, ist es dein Schaden auch nicht, denn wir arbeiten schließlich auf Prozente.«
»Ich kann nicht zu jedem Mann zuvorkommend sein«, rang sich Maren ab.
»Ick schätze fast, det stimmt«, sagte Suzette plötzlich im echten berlinerischen Dialekt. »Aber der Chef hat dich eingestellt, weil du im Gegensatz zu uns ein anderer Typ bist. Er versprach sich garantiert dadurch eine Umsatzsteigerung. Wenn du ihn aber immer enttäuschst ... Versuche es noch mehr als sonst, schwer ist es doch nicht. Die Männer, die zu uns kommen, sind doch durchweg alle sehr nett, viele lustig, andere wollen sich bei uns aussprechen, für die sind wir halt so etwas wie Ersatzmütter. Nimm sie, wie sie sind, und du kommst bestimmt gut zurecht.«
Maren dachte an Peter, an seine teuren Medikamente und an die geplante Reise mit ihm. Sie wollte, sie könnte das Leben so leicht wie Suzette nehmen. Für die gab es sichtlich keine Probleme.
Und sie musste ihren Job behalten, so verzweifelt sie sich auch innerlich dagegen wehrte! Wie sollte sie sonst Peter gerecht werden? Wo konnte sie sonst noch so viel verdienen wie hier? Sie hatte ja schließlich keinen Beruf erlernt, und für eine ungelernte Arbeiterin wurden keine hohen Löhne gezahlt.
Suzette hängte ihren eleganten Pelzmantel an die schäbige Garderobe.
»Schick – nicht?«, sagte sie und strich liebevoll über das weiche Fell.
»Ja, sehr schön.«
»Sonst ziehe ich ihn ja nicht zur Arbeit an, aber heute erwarte ich den Herrn, der ihn mir geschenkt hat. Da muss ich das gute Stück tragen.«
»Du hast dir diesen Mantel schenken lassen?«, fragte Maren fassungslos.
Über Suzettes stark geschminktes Gesicht lief ein ärgerlicher Zug.
»Sollte ich abwehren, als er unbedingt für mich eine stattliche Summe ausspucken wollte?«
Maren senkte den Kopf. Suzette verstand sie nicht und würde sie niemals verstehen, das begriff sie in diesem Moment. Es wäre auch zwecklos, ihr ihre moralischen Grundsätze auseinanderzusetzen.
»Komm, sonst knurrt der Alte«, sagte Suzette unfreundlicher als sonst. Maren nickte.
Bald standen beide Mädchen hinter dem großen Bartresen. Die ersten Gäste kamen. Jonny, der Mixer, scherzte mit der rothaarigen Ellen. Maren sah, dass die schwarzhaarige Mia bei einem Gast ihren bewährten Augenaufschlag anwandte. Sie selbst hatte wie meistens die wenigsten Kunden. Als ihr diese Tatsache bewusst wurde, lief es ihr heiß und kalt über den Rücken.
Der Chef tauchte auf. Er hatte seine Augen überall, das wusste Maren aus Erfahrung. Jetzt blieben seine Blicke an ihr haften. Maren lächelte den bereits halbbetrunkenen Mann, der vor ihr auf dem Hocker saß, an. Wie verkrampft ihr Lächeln allerdings wirkte, das ahnte sie nicht. Sie merkte auch nicht, dass ein älterer Herr, der mit einem guten Bekannten in unmittelbarer Nähe des Bartresens saß, sie bereits seit geraumer Zeit beobachtete.
Sein Bekannter sah es. »Interessiert dich die kühle Blonde?«, fragte er und zwinkerte ihm zu.
»Interessieren?«, sagte Karl Gustav von Strehlen langgedehnt. »Das ist wohl nicht der richtige Ausdruck. Ich meine, sie fühlt sich nicht recht wohl in ihrer Haut.«
Hermann von Bühlen lachte belustigt. »Du bist doch wohl nicht mehr achtzehn, um noch Illusionen zu haben? Die Mädchen hinter der Theke hier haben es alle faustdick hinter den Ohren und sind allesamt einem Abenteuer nicht abgeneigt. Der Einsatz muss sich nur lohnen«, schloss er zynisch.
Als er sah, dass sein ehemaliger Studienfreund ihm nicht glaubte und leicht lächelte, schüttelte er den Kopf.
»Man merkt, wie naiv du bist, Karl Gustav. Du sitzt abgeschirmt von allen Gefahren der Großstadt auf deinem Rittergut und kennst diese raffinierten Frauen nur vom Hörensagen.«
»Meine Menschenkenntnis müsste mich dieses Mal total verlassen haben, wenn die schöne Blonde zu diesen Frauen gehören sollte«, sagte er.
Hermann von Bühlen lachte nun laut.
»Lieber Karl Gustav, du warst nie verheiratet – das stimmt, aber du hast mit deinen fast sechzig Jahren sicher deine Erfahrungen gesammelt. Ich kann es nicht glauben, dass du eines der Mädchen hinter der Bartheke für rein und unschuldig hältst.«
Noch bevor ihn Baron von Strehlen daran hindern konnte, hatte er plötzlich seine Brieftasche gezückt, einen Fünfhundert-Mark-Schein durchgerissen und eine Hälfte davon der Bedienung gegeben.
»Bringen Sie ihn bitte der kühlen Blonden. Wir erwarten sie an unserem Tisch, dort kann sie sich die zweite Hälfte abholen«, sagte er spöttisch.
Die langbeinige Serviererin im Minikleidchen verstand sofort, nahm den Schein und sah ihn sehnsüchtig an.
»Sehr wohl, mein Herr«, sagte sie und verschwand.
»Wie konntest du nur!« Baron von Strehlens Stimme bebte vor Empörung.
Hermann von Bühlen grinste nur. »Ich hatte dir einen netten Abend versprochen, da wir uns nach so langen Jahren endlich einmal wiedergesehen haben. Nun, ich tue nur alles, um mein Versprechen zu halten«, schloss er.
Wie abgestoßen Karl Gustav von Strehlen war, verbarg er so gut er konnte.
Er hoffte aus ganzem Herzen, dass das schöne blonde Geschöpf, das einen so guten Eindruck auf ihn gemacht hatte, die Einladung ausschlagen würde.
»Wollen wir vielleicht auch einmal ein Tänzchen wagen?«, fragte Bühlen nun ermunternd. Auf der hellerleuchteten Tanzfläche drehten sich viele eng aneinandergeschmiegte Paare.
»Wir sind keine jungen Spunde mehr, Hermann.«
»Ha, ha, die Jahre zählen nicht und unsere Herzen sind doch noch jung.« Baron von Strehlen sah skeptisch auf den fülligen Bauch des ehemaligen Studienkollegen.
»Aber unser Haar ist ergraut und die Falten im Gesicht sind nicht mehr fortzuleugnen. Außerdem kann ich diese modernen Tänze nicht.«
In dem Moment kam die Serviererin an den Tisch zurück. Sie war verlegen und schob Bühlen verstohlen die Hälfte des Geldscheines zu.«
»Maren weigert sich ... Ich – ich soll Ihnen hiermit den Schein zurückgeben«, sagte sie stockend.
Baron von Strehlen frohlockte innerlich. Diese Niederlage gönnte er Bühlen von Herzen. Bühlen dagegen war fassungslos.
»Das – das ist ja – die Höhe!« Als die Serviererin noch immer am Tisch stand, schob er ihr barsch einen Zehn-Mark-Schein zu.
Da strahlte sie, knickste und verschwand.
»Ich wette, das war nur ein Trick«, ereiferte sich Bühlen danach. »Das schöne Kind will sicher noch mehr herausschlagen. Ich habe es ja gewusst, sie ist eine von den ganz Raffinierten, sie spielt nur die Unnahbare!«
»Hermann!«, beschwor Baron von Strehlen den ehemaligen Studienkollegen. Sein unfeines Benehmen stieß ihn ab. Aber Hermann von Bühlen hatte schon zu viel und zu hastig getrunken, um sich noch an Einzelheiten seiner guten Kinderstube zu erinnern.
Er stand etwas schwankend auf. »Ich bringe sie an den Tisch!«, sagte er und stampfte davon.
Karl Gustav von Strehlen sah ihm fassungslos nach. Er wusste, dass die langjährige Bekanntschaft mit Bühlen vom heutigen Tage an beendet sein würde. Schon erwog er, das Lokal zu verlassen, als ihm einfiel, dass er noch nicht bezahlt hatte. Außerdem sah er den breiten Rücken Bühlens jetzt vor dem Bartresen. Bühlen war im Begriff, einen der roten Lederhocker zu erklimmen, was ihm jetzt auch gelang.
Baron von Strehlen zögerte noch einen Moment, dann bewegte er sich auch in Richtung Bartresen. Irgendwie fühlte er sich für Bühlens Benehmen mitverantwortlich. Er war es schließlich gewesen, der Bühlen erst auf das so bildschöne und sauber wirkende Mädchen aufmerksam gemacht hatte. Nun wollte er versuchen, Bühlen wieder an den Tisch zurückzubringen, damit er nicht noch mehr aus der Rolle fiel.
Aber es war zu spät. Er kam gerade hinzu, als Bühlen lautstark sagte: »Befinde ich mich hier in einem Kloster oder in einer Bar, mein liebes Kind?«
Er sah, wie hilflos die Blonde plötzlich aussah, wie verzweifelt sie um sich sah, um von irgendeiner Seite Hilfe zu erwarten. Aber sie kam nicht.
An der Bar herrschte Hochbetrieb, ihre Kolleginnen waren allesamt mit ihren eigenen Gästen beschäftigt.
»Bitte – ich flehe Sie an«, hörte Baron Strehlen das blonde Geschöpf sagen. Noch mehr als ihre Worte beeindruckte den Baron der verzweifelte Ausdruck auf ihrem Gesicht.
Plötzlich stand ein schlanker, geschmeidiger Herr im Frack an Bühlens Seite.
»Ich bin der Besitzer des Lokals. Haben Sie irgendwelche Beschwerden?«, fragte er zuvorkommend.
Die Gäste waren jetzt aufmerksam geworden. Die Gespräche rechts und links verstummten. Alle starrten auf Bühlen, der protzig auf seinem Barhocker saß, und auf Maren, die trotz der Schminke schneeweiß im Gesicht war.
»Hermann, ich bitte dich«, griff Baron Strehlen ein. So peinlich ihm die Situation war, wollte er Schlimmeres verhüten.
»Ach, lass mich, ich bin ein zahlender Gast – ein gut zahlender Gast«, betonte er, »und ich kann verlangen, dass ich hier auch gut behandelt werde.«
»Selbstverständlich, mein Herr«, pflichtete der Besitzer ihm sofort bei. »Maren, schenke uns bitte einen Drink ein«, wandte er sich mit öliger Stimme an Maren. »Was darf ich Ihnen spendieren?«, wollte er dann von Bühlen wissen.
»Cognac, aber französischen!« Seine Stimme gehorchte ihm jetzt nicht mehr so recht.
In Marens Kopf wirbelte alles durcheinander.
Ihre Hand, die die Flasche hielt, zitterte, und vor ihren Augen tanzten dunkle Kreise. Wenn nur nicht der Chef dazugekommen wäre! Sie hatte einen schnellen Blick von ihm aufgefangen – er hatte ihr nichts Gutes verheißen!
Sie vergoss zu allem Übel auch noch den kostbaren Cognac, weil ihre Hand ja so zitterte. Natürlich quittierte der Chef auch diese Tatsache mit einem heftigen Stirnrunzeln.
Endlich standen die gefüllten Gläser auf dem Tresen. Die Gespräche flammten wieder auf, das Interesse der übrigen Gäste an dem Disput erlosch.
»Eine Stärkung meines Hauses für Sie, mein Herr«, sagte der Chef liebenswürdig.
»Die Blonde soll mittrinken – auf meine Rechnung selbstverständlich«, sagte Bühlen.
»Gut, Maren, schenke dir ein Glas ein!«, befahl der Chef. Maren konnte nicht anders, sie musste gehorchen. Sie konnte auch nicht wie sonst die Flasche mit dem Tee nehmen.
»Diese Maren hat mich mehr als unfreundlich behandelt«, beharrte der angetrunkene Bühlen erneut.
Natürlich hörte Maren die Beschwerde, die er an den Chef weitergab, und sie erinnerte sich an Suzettes Warnung. Sie ahnte plötzlich mit grausamer Gewissheit, dass der Chef dem Gast glauben würde, was immer sie selbst zu ihrer Entschuldigung vorbringen würde. Und sie ahnte ferner die daraus resultierende Konsequenz des Chefs.
»Ich werde Ihnen Genugtuung verschaffen«, beschwichtigte der Chef den sich erneut erregenden Bühlen. »Maren, kommen Sie sofort in mein Arbeitszimmer«, wandte er sich dann an Maren. Der Ausdruck in seinen Augen verhieß nichts Gutes.
Baron von Strehlen sah in dem schönen Mädchengesicht sekundenlang nackte Verzweiflung. Der Chef nickte Bühlen zu und ging weiter. Aber Baron von Strehlen verstellte ihm den Weg.
»Darf ich etwas richtigstellen«, sagte er kurz und bestimmt.
Der Chef war überrascht. Er hatte wohl angenommen, damit sei die leidige Angelegenheit endlich aus der Welt geschafft worden.
»Selbstverständlich, mein Herr«, sagte er jedoch liebenswürdig. »Wollen wir in mein Privatzimmer gehen?«
»Was ich Ihnen zu sagen habe, dauert nicht lange. Ich schäme mich für meinen Bekannten, mit dem ich zusammen hergekommen bin. Er hat sich unmöglich benommen, das blonde Mädchen dagegen hat sich nichts zuschulden kommen lassen«, sagte er fest und bestimmt.
Der Chef verbarg seine Überraschung. Nicht, dass diese Aussage etwas in seiner Einstellung Maren gegenüber geändert hätte, aber er wunderte sich über den sehr eleganten älteren Herrn. Dabei überlegte er, dass dieser sich entweder spontan in die blonde Maren verliebt haben musste oder er war ein Moralapostel, wie man sie heute nur noch selten fand.
»Ich danke Ihnen für diese Aufklärung«, sagte er dennoch sehr höflich.
»Bitte, aber die war ich dem Mädchen Maren schuldig.« Baron Strehlen setzte sich erleichtert wieder auf seinen Platz zurück. Nun hielt ihn nichts mehr hier.
Er sah, wie Bühlen jetzt offenbar die Bekanntschaft einer Rothaarigen, ein wenig gewöhnlich wirkenden Schönen, gemacht hatte. Beide saßen nebeneinander. Baron von Strehlen beobachtete, dass Bühlen nun gar vertraulich seinen Arm um deren Schultern legte.
Da winkte er der Serviererin und zahlte die Zeche. Er gab ein ansehnliches Trinkgeld, sodass das Mädchen glücklich lächelte.
»Falls mein Bekannter an den Tisch zurückkommt und nach mir fragt, sagen Sie ihm doch bitte, ich sei müde und bereits in mein Hotel gefahren«, trug er dem Mädchen auf.
»Selbstverständlich, mein Herr«, erwiderte es eifrig.
