Mehr Schatten als Licht - Carolin Schairer - E-Book

Mehr Schatten als Licht E-Book

Carolin Schairer

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Beschreibung

Die Journalistin Julia Resnitz soll über den Mord an Arian Tabor, einem ehemaligen rumänischen Turntrainer, berichten. Für die Polizei ist der Fall sonnnenklar: Täterin ist Anima Nicolescu, eine von Tabors Schülerinnen, die er damals sexuell missbraucht und misshandelt hatte. Doch je mehr Julia recherchiert, desto mehr Ungereimtheiten tauchen auf. Carolin Schairers neuer Krimi führt halb fiktiv, halb real in die dunkle Welt eines Spitzensports, in dem jugendliche Turnerinnen mit übelsten Methoden getrimmt wurden, weil sie das Große Geld bringen sollten.

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EPUB

Seitenzahl: 504

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Carolin Schairer

MEHR LICHT ALS SCHATTEN

Kriminalroman

ULRIKE HELMER VERLAG

 

ISBN (eBook) 978-3-89741-928-5

ISBN (Print) 978-3-89741-455-6

© 2021 eBook nach der Originalausgabe© 2021 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Roßdorf b. DarmstadtAlle Rechte vorbehaltenCovergestaltung: Atelier KatarinaS / NLunter Verwendung eines Fotos von © sportpoint / AdobeStock.de

Ulrike Helmer VerlagBlütenweg 29, 64380 Roßdorf b. DarmstadtE-Mail: [email protected]

www.ulrike-helmer-verlag.de

 

Köln, vor 15 Jahren …

»… mit Maß und Ziel. Im frühen Kindesalter soll Sport Spaß machen und nicht primär auf Leistung aus sein!«

FürseineWorteernteteSportfunktionärPaulKaspersdenApplausdesStudio-Publikums – großteilsSchülerinnen, StudierendeundRentner. DieAufzeichnungderFernsehshowZechhoffamMittwocherfolgtetraditionellamNachmittag. AusgestrahltwurdedannnachdemHauptabendkrimi. MitihremheutigenTitelZwischenDrillundTodschlosssichdieTalkshowdiesmaldemKrimisogarthematischdirektan.

ModeratorZechhoffließendiewohlklingendenSätzedesFunktionärskalt. MitdüsteremBlickwandteersichanseineZuschauer: »InChinawurdediezehnjährigeHuangFeiOpfereinesGewaltverbrechens. DiekleineKunstturnerinistvonihremTrainerimAffekterschlagenworden, weilsiesich, wieersagte, ›nichtbemühenwollte‹.«

DieKameraerfasstebetroffeneGesichter, währendZechhoffeineKunstpauseeinlegte. Dannfuhrerfort: »ChinesischeSportverbändehabenversucht, dasVerbrechenzuvertuschen. Dassdiesnichtgelang, isteinemdeutschenTV-Teamzuverdanken, dasaufEinladungderRegierungeineReportageüberdieMedaillenschmiedeinXintaodrehte. DerDrehwarbereitsbeendet, alsdiegellendenSchreievonHuangFeisTrainingsgenossinnendieJournalistenzurückindieTurnhallelockten.

DerVorfallsorgteinternationalfürEmpörungundschlägtseitherWellen. HerrKaspers, wassagenSiealsVorsitzenderdesDeutschenSportverbandsdazu?«

»VorkommnissewieinChinagibtesbeiunsnicht. Wirwissen: Werzufrühverheiztwird, brenntnichtmehr, wenneswirklichdarumgeht, Medaillenzugewinnen. UndKinderngehtesseltenumdasGewinnenvonMedaillen.«

DerbeleibteMannimAnzuglehntesichlächelndnachhintenaufdieCouch. AlsPressesprecherseinesVerbandeshatteereinenklarenAuftrag: denRufdesLeistungssports, insbesonderedesKunstturnens, zuverteidigen.

ZechhoffbetrachtetedenerfahrenenFunktionärauszusammengekniffenenAugen. DemwürdeergleichetwasFeuermachenundeinpaarunangenehmeFragenstellen. DassdieChinesenbeimNachwuchstrainingnichtzimperlichwaren, galtalshinlänglichbekannt, dochauchinderSportweltderSchweiz, ÖsterreichsundderBRDgabesdunkleFlecken. StofffürSkandale. Wiemanhörte, drohtenersteSponsorenbereitsabzuspringen …

ErstkamenaberdieanderenStudiogästeandieReihe – allesamtFrauen. GerlindeBürgler, eineSchweizerSportpsychologin, eröffnetedieDamenriegemitwissenschaftlichemInput: »ZahlreicheStudienzeigen, dassTalentundWillennichtreichen. EsgehtimGrundeumeinepositiveEinstellung, umFreude. Unddereuropäische, ja, ichwürdesogarbehaupten, dergesamteSpitzensportimwestlichenRaumbasiertgenaudarauf.«

DieMittvierzigerinunterstrichihrevehementenWortemiteinerenergischenHandbewegung, beidersiesichselbstdieBrillevonderNasestieß. SielandetelinksvonihraufdemSofa. HastigwurdesievonderBesitzerinwiederdortplatziert, wosiehingehörte.

Zechhoffverkrampftezunehmend. ErhattesicheinekontroverseDiskussionerhofft. ImVorgesprächhattedieBürglerkritischergeklungen. MöglicherweisewarsievorhinzulangeinKaspersEinflussfeldgeraten, erhattedenFunktionärununterbrochenaufsieeinredensehen.

Falls die Sendung weiterhin so harmonisch dahinplätscherte, würde er beim Sendeleiter und der Geschäftsführung antanzen und sich rechtfertigen müssen. Wieder einmal würden sie damit drohen, einen anderen auf seinen Platz zu setzen, der mehr Quote machte.

»KommenwirjetztzueinemkonkretenFallausdemdeutschenTrainingswesen. FrauHammerschmidt.«

ZechhoffwandtesichaneineblondeFrauimdunkelblauenKostüm. AufderLeinwandimHintergrundwurdedasBildeinesMädchensaufdemSchwebebalkeneingeblendet.

»IhreTochterLuisaistjetztzwölf, gewannBronzebeidenBayerischenJuniorenmeisterschaftenimKunstturnenundwarbeiinternationalenWettkämpfenvertreten. Nunaber, aufeinenSchlag, hatsiedasTrainingabgebrochen. Warum?«

»Dakamvielzusammen.« NicoleHammerschmidtsStimmeklangaufunangenehmeWeisenasal. »InsgesamthatihreTrainerinwohleinfachzuargDruckgemachtundistzuwenigaufihreSituationeingegangen. DieLuisakamindiePubertät, hatteeinenWachstumsschub, Figurprobleme, plötzlichwarendavieleSelbstzweifelund –«

»IhreTochtergabalsoeinevielversprechendeKarriereauf, weilderBayrischeLandesverbandundihreTrainerinzuvielDruckausgeübthaben.« ZechhoffschöpfteneueHoffnung. »DasstehtdurchausimWiderspruchzudem, wasunsHerrKaspersGlaubenmachenwollte.«

Zechhoffsah, dassKaspersbereitszueinemStatementansetzte, dochFrauHammerschmidtkamihmzuvor.

»Naja … eskamebenvielzusammen. KlarwardadieErwartung, dassesirgendwannnocheinenTitelgibt, undauchdieHoffnungaufOlympia … aberderLuisagingesebennichtgut, undvoreinemJahrließensichmeinMannundichscheiden. DashatdieLuisasehrmitgenommen.«

»NichtjedesKindeignetsichfürdenSpitzensport«, schalteteKasperssichmitruhigerStimmeein. »WiedieSchweizerKolleginschonsagte: EinfesterWille, EhrgeizundSpaßanderSachesindVoraussetzungenfüreineProfi-Karriere! NichtalleKinderbringendieseGrundlagenmit, undsotrenntsichgeradeindiesemsensiblenAlterdieSpreuvomWeizen.«

NicoleHammerschmidtzucktebeiSpreuundWeizenmerklichzusammen. Zechhofffühltesichgenervt. DieFrausaßoffensichtlichzumerstenMalvorderKameraundhatteihrKonzeptwohlinderMaskevergessen – indenUnterlagenhattegestanden, dieTrainerinhätteLuisagrobangefasstundsiesogarzumÜbengezwungen, alssieeinengrippalenInfekthatte. DaswarunschönunddaruminteressantfürdieÖffentlichkeit. Zechhoffnahmsichvor, dieMutterspäternocheinmaldaraufanzusprechen. JetztbrächteererstdierumänischeTurnerininsSpiel. SeitBeginnderSendungsaßdiejungeFrauaufderäußerenKantedesausladendenSofas, denOberkörperleichtnachvornegeneigt, dieHändesoengineinanderverschlungen, dassdieKnöchelweißhervortraten.

»FrauTheodorescu, SieselbsthabenIhreKindheitinDevaverbracht, demrumänischenTrainingslagerfürTurnerinnen, galtenalseinesderAushängeschilderundAnwärterinaufdieGoldmedailleinSydney2000.«

BisherhattediejungeFraunurzuBodengeschaut. Ihrhellbraunes, schulterlangesHaarwarihrwieeinVorhanginsGesichtgefallen. NunhobsiedenKopf. TrotzdesStudio-Make-upssahsieblassundkrankaus. DieWangenwareneingefallen, dieAugenlagentiefindenHöhlen. AuchderweitebeigePulli, densiezurJeanstrug, konnteesnichtverbergen: NataliaTheodo­res­culittanMagersucht – wohlderGrund, warumsievoneinemTagaufdenanderenausderSportweltverschwundenwar. MittlerweilewarsieknappzwanzigundsahauswieeinedürreFünfzehnjährige.

»InDevahattemankeineKindheitundschongarkeinenSpaß. DerDruckwarenorm, dasTrainingbestimmteunserLeben. AberohnediesenDruckundohnediesesTraininggibteskeineMedaillen. DasisteineeinfacheRechnung, undesistnichtehrlich, dassHerrKaspersdasunterdenTischfallenlässt!«

»Nun, FrauTheodorescu, dassinRumänienvielleichtetwashärtervorgegangenwird, willichnichtbestreiten. AberesgibtebenverschiedeneWegezumErfolg.« KasperswandtesichderSchweizerSportpsychologinzu, diebereitwilligdenStabübernahm.

»Soistes. AuchunsereTurnerinnentrainierenhartundstehengelegentlichunterDruck – allerdingsistdaseinintrinsischerDruck, alsoDruck, densiesichselbstmachen, weilsiegewinnenwollen. Undgenaudasindwirgefragt, alsFörderer, alsEltern, alsTrainer. DaarbeitenwirbeispielsweisemitMentalcoaches, mitspeziellausgebildetenPsychologinnen, diedenMädchenüberpsychischeHürdenhinweghelfen.«

Kaspersstrahlte. »DahörenSiees: MethodenwieinChinaoderRumäniensindhierundenkbar!«

DasSaalpublikumbelohnteKaspers’WorteerneutmitApplaus. DieBürglernicktebeflissenunddieHammerschmidtschienselbstnichtmehrgenauzuwissen, warumsieinderTalk­rundesaß. NataliaTheodorescusahihn, Zechhoff, einfachnuran. SiehatteausdrucksstarkeAugen. MiteinpaarKilomehraufdenRippenwäresiemitihremschmalen, gleichmäßigenAntlitzunddengeschwungenenAugenbrauenvermutlichrechthübschgewesen.

»WiehabenwirunsdasTrainingdesdeutschenNachwuchseskonkretvorzustellen?«, ergriffZechhoffmitBlickindieKamerawiederdasWort. »WiewerdenjungeMenschenmotiviert, umfürDeutschlandMedaillenzuholen? SehenwirhierzueinenFilmbeitrag. FolgenSieunseremTeamindieHalle.«

Kasperslächelteentspannt. Zechhoffkonntesichdenken, warum. AndemnuneingeblendetenKurzfilmhattederFunktionärmaßgeblichmitgewirkt. DerFilm, fürdendreiTagelangderTrainingsalltagdeskünftigenOlympiakadersaufgezeichnetwordenwar, zeigtefröhlicheundgesundejungeFrauen, dieerstamSchwebebalkenturnten, dannmiteinanderscherzendinderGarderobeüberJungs, Musikundallesandereplauderten, wasfürFünfzehn- bisAchtzehnjährigevonBedeutungwar. KeinDruck, keinStress, nurpositiveWortmeldungen.

AuchbeimTrainingderJüngerenhattedasKamerateamgedreht. Neun- undzehnjährigehoffnungsvolleTalenteamReck, manchenochmitPausbackenundgroßenKulleraugen, abergrazilenKörpern, andenensichersteMuskelpartienabzeichneten. SüßekleineMädchen, diedasZuschauerherzaufgehenließen. Mädchen, dieebenfallskichertenundlachten, aberdieihreTräumevorderReporterinmitkindlicherBegeisterungoffenlegten: alsTurnerinnenberühmtzuwerden.

DerneueTrainermachteseineSachegut. MitseinemdunklenHaarunddemgewinnendenLächelnaufdenLippenerwiesersichalsäußersttelegen. SeinDeutschwarnochlangenichtperfekt, aberdastatseinemcharismatischenAuftretenkeinenAbbruch.

»DaswaralsoeinEinblickindenTrainingsalltagdesdeutschenNachwuchsesimGeräteturnen – einigeTurnerinnenwerdenwirwohlnächstesJahrinAthenzusehenbekommen.«

ZechhoffhangeltesichbereitszurnächstenModerationskarte. ZwischenDrillundTod, vonwegen! – DieseSendungdrohteeinFiaskozuwerden. SeineQuotefielbestimmtindenKeller. Docherwarprofessionellgenug, dieseunangenehmeErkennt­niszuüberspielen. »BisherhabenwirvomSpitzensportgesprochen. NunzähltgeradeTurnenjaaberauchzumklassischenSportunterrichtan –«

»BleibenwirbeimTrainingdesdeutschenTurnkaders, wirsinddamitnochnichtfertig! DieserTrainer …«

NataliaTheodorescuwaraufgesprungen. IhreStimmeklangerstaunlichfest, dochZechhoffsah, dassihreHändezitterten. Dahalfauchnicht, dasssiesieerneutfestverknotete.

»FrauTheodorescu, Siehabendoch –«

»DieTrainingsmethodenwerdensichmitdiesemneuenTrainer schlagartig ändern! DennderMannindemFilmistArianTabor, under –«

»FrauTheodorescu …«, fielKaspersihrinsWort, undeinenMomentlangredetensiegleichzeitig, »… keinThema!«

»OffensichtlichgibteshierdochnocheinThema.« Zechhofffuhrenthusiastischdazwischen. »FrauTheodorescu, bittefahrenSiefort.«

»ArianTabor, dieserMann, derimFilmgezeigtwurde – trainiertefrüherdasrumänischeNachwuchsteam. Erwurdesus­pendiert! JetzttrainierterdiedeutschenJuniorinnen. Dassollnichtsein.«

ZurVerwunderungallererhobsiesichvom SofaundbegannihreJeansaufzuknöpfen.

»FrauTheodorescu«, warfZechhoffpflichtbewusstein, machteinnerlichjedocheinenLuftsprungüberdieunverhoffteWendung.

DieJeansrutschteandendünnen, abernochmuskulösenBeinennachuntenundgabdenBlickfreiaufeineprägnante, vomOberschenkelbiszumKniereichende, relativfrischaussehendeNarbe.

»ArianTabor, derMann, denSieindiesemFilmgesehenhaben, hatmichzumKrüppelgemacht«, ließdiemagereKindfraudasPublikumwissen. »ErhatmichbeimTrainingvomSchwebebalkengestoßenundmitdenFüßenaufmicheingetreten. DannhatermichandenHaarenüberdenBodengeschleiftundmiteinemStabaufmicheingeschlagen.«

SiezogihrenPulloverüberdenKopf. InschwarzerUnterwäschestandsienunimStudio. LangsamdrehtesiedenRückengenPublikum. EinentsetztesRaunengingdurchdieZuschauerbänke.

Zechhoffzucktezusammen, alserdieNarbenaufdemabgezehrtenRückenderExturnerinsah.

»Ja … tja, ähm … FrauTheodorescu …«

NunwarerdochtatsächlicheinpaarAugenblickelangkon­zept­los. GleichzeitigleuchtetenseineAugen. »DassindjaerschütterndeOffenbarungen. UndnatürlichauchschwereAnschuldigungen, fürdieeshoffentlichBeweisegibt.«

»VoneinerSuspendierunginRumänienistunseremVerbandnichtsbekannt«, schalteteKaspersichein. »HerrTaborgiltalseinerfolgreicherTrainermiteinwandfreiemLeumund, der –«

»Dernichtzögert, zuzuschlagen!«, schmetterteihmTheo­dorescuinsGesicht. SiewirktemiteinemMalkampfesbereit, zuallementschlossen. »IchkannIhnenFilmeliefern, dieTaborswahreTrainingsmethodenzeigen. UndesgibteineZeugin, diebeweisenkann, wasichgesagthabe … waspassiertistmitmir. Wasergemachthat.«

IhreStimmewurdegegenEndehindünner. ZechhoffsahinihrenAugenTränenglitzern. HastigzerrtesiesichwiederdenPulloverüberdenKopfundzogdieHoseüberdieHüften.

»HerrKaspers, wassagenSiezudiesemVorwurf?«

»Esliegtmirfern, MenschenaufgrundvonbloßenAnschuldigungenzuverurteilen.« PaulKaspershieltesoffenbarfürsinnvoll, sichindiesemPunktabzusichern. »SolltejedochnurderkleinsteBeweisauftauchen, dassFrauTheodorescusAnschuldigungendenTatsachenentsprechen, kannichIhnenjetztundhierversprechen: WerauchimmerunseredeutschenTurnerinnenzumErfolgführenwird, ArianTaborwirdesdannnichtsein!«

 

Wien, Mitte April

DieTagevordemMonatsersten sindimLebenstetsdieschwersten.

DiefettenBlockbuchstabenverschwammenvorArianTaborsAugen, jelängerersiebetrachtete. ErkanntedenSpruchaufdemvergilbtenPlakatsoauswendigwiedieGesichterundNamendermeistenGäste. AndiesemDonnerstagabendwardasalteBeislinWien-FünfhausbisaufdenletztenPlatzbesetzt. ZigarettenqualmfülltedenRaum. DasgesetzlicheRauchverbotinderGastronomiekümmertehierniemanden.

TaborhockteheuteamTresen, seinStammtischinderEckewarvonzweigrobschlächtigen, dunkelhaarigenMännernbesetzt. BeidetrankenabwechselndBierundSchnaps. DerKleinerehattezusätzlicheinenSchinken-Käse-Toastbestellt. DabeiwarTabordessenstarkerosteuropäischerAkzentaufgefallen. DieKerleinihrenBlaumännernarbeitetenvermutlichirgendwoamBau. BilligePfuscher – Schwarzarbeiter, dieimMännerwohnheimumdieEckeschliefenundimBeislihrenLohnversoffen.

EdizuTaborsLinkenumklammerteseinenKrugmitbeidenHänden. DerehemaligeTaxifahrerbeendeteabruptseinenMonologüberdieVorzügevonthailändischenProstituiertenundwandtesichseinemzweitenLieblingsthemazu.

»DesWeanisverluarn. KaanedreißigJoahrgibt’sdesmehr. UnsaEsterreich, unsaGultur … kaanevondeneVollverschleiatnundIslamisten … nurnodesWeanerHerz …« MisstrauischbeäugteEdieinendunkelhäutigenZeitungsverkäufer, derdasLokalbetratunddieAbendausgabenderBoulevardgazettenzumKaufanbot. DerLeidenswegChristi, lautetedieSchlagzeilederKrone. DazueinBilddesgefallenenJesusmiteinemKreuzimHintergrund.

»Doooo.« Edi deutete auf das Titelblatt. »Sogoar da Christus ist gstur’m …« Er untermalte seine Worte mit einer schwung­vollen Handbewegung. »Schaas Auslända … schaas Islamisten … Daaham statt Islam!«

DiefreiheitlichenParolenimRücken, verließderZeitungsverkäuferhastigdasLokal. Svetlana, dievollbusigeFrauhinterderTheke, verdrehtedieAugen.

»Edi, jetztkriegdichwiederein! Hm?«

Ihrrollendesrverriet, dassauchihresprachlichenWurzelnweiteröstlichlagen.

»Naaaaa … jetztschaasdinetan, Sveti, desisdochnixgegendi!«

»Trotzdem. Ichmagnicht, wenndusowassagst. Dagehtesjanichtnurummich. – WassolldennderAriandenken, wenndusoeinenBlödsinndaherredest! Deristjaauchnichtvonda, undtrotzdemsitztdujedenAbendhiermitihm!«

ArianrangsichzueinemdankbarenLächelndurch. ImGrundemeinteEdiauchnichtihn, sonderndieanderen. UndüberdiedachteTaborähnlich, behieltimGegensatzzuseinemösterreichischenSaufkumpanendieseMeinungaberlieberfürsich. Manwussteschließlichnie, werzuhörte. ErwolltekeinenÄrger. WedermitSvetlana, die, seitsiemiteinemSchwarzenvögelte, indieserHinsichtsowiesokeinenSpaßmehrverstand, nochmitdenzweiKerlendortdrübenanseinemStammtisch. SeitEdizustänkernangefangenhatte, spürteerderenbohrendeBlickeimRücken. SeinInstinktsagteihm, dassesbesserwar, zugehen.

Komm doch mit mir nach Tahiti … komm, lass uns leben im Sonnenschein. Im Hintergrund gab Hansi Hinterseer sein Bestes.

»AkloanerHitlermuasswiedaher! Siegheil! Hoppala!«

EdiwärefastvomBarhockergefallen. ErrülpsteundstütztesichnunmitbeidenHändenamTresenab.

KommwirverschwindenzumSonnenschein …

»Sveti … Nachschuuuub … seieinEngerl!«

»Na, Edi, dasreichtjetzt! FürheuteistSchluss! ZahldeinZeug, unddannverschwind! Morgenkannstwieder­kommen, wennesseinmuss.«

DasFunkelninSvetlanasAugenließkeinenZweifeldaran, dassesihrernstwar. DasschiennunauchEdizudämmern.

ErstandaufundfummelteinseinenHosentaschenherum. SchließlichkehrteerdasInnenfutternachaußen.

»IndieserHosekeinGeldundzuHausekeineandereHose«, erklärteeringespreiztemHochdeutsch. »Oschreim, bittschee«, fügteerdanninseinerOriginalmundarthinzu.

»Na, nixanschreiben! DubistehschonmiteinemHunderterimMinus!«

»Geh, Sveti …«

Ediklangjetztweinerlich.

»Na, nixSveti! Wenndunichtzahlst, holichdieKieberei!«

DiePolizeiwollteArianhierinseinemStammbeislnichtsehen. ErzückteseineGeldbörseundangelteausdemPackenGeldscheineeinenFünfzigerhervor. AlserihnaufdenTresenlegte, richtetensichseineNackenhaareauf.

Irgendetwasstimmtenicht. EslagandiesenMännern. SiestandenjetztnebenihmanderTheke. ErmiedihrenBlick, wussteaber, dasssieihnbeob­achteten. WashatteihreAufmerksamkeitgeweckt? SeinGeld? HastigließerdieGeldbörsewiederinderJackentascheverschwinden.

»Stimmtso«, wehrteerab, alsihmSvetlanadasRestgeldgebenwollte. »FürdenEdiundmich. Komm, Edi, wirgehen.«

ArianzogdenSaufkumpanenenergischmitsichnachdraußen. DiefrischeNachtluftließihnersteinmaldurchatmen. FürAprilwareswiederrechtkalt. DenfrühlingshaftenTemperaturenwareinneuerlicherWintereinbruchgefolgt.

»Daentlang, Edi … wogehstdudennhin? NochwohnstduinderGrimmgasse.«

EdiwareinpaarSchritteindieandereRichtunggetorkelt. AnderHauswandstützteersichab.

»Na … Iwuinonedhaam … Iwuinopudan.«

ArianTaborzogdiebuschigenAugenbrauennachoben. DieVorstellung, dassdieserKerlinseinemZustandnochansBumsendachte, obendreinohneeinenCentinderTasche, amüsierteihninsgeheim. DieasiatischenProstituierteninderÄußerenMaria­hilfer Straße, vondenenEdiimmersoschwärmte, würdensichumdenFreierganzsicherreißen!

Wenigeramüsantfanderdagegen, dassauchdiebeidenUnbekanntendasBeislverlassenhattenundauseinigerEntfernungzuihnenherüberschauten.

»Gut, wiedumeinst. Bismorgen.«

ArianhobdieHandzumGruß. DenBlicknachvornegerichtet, dieSchulterngestrafft, gingerzügigdieReindorfgassebergabwärts.

Haltungannehmen. KeineUnsicherheitzeigen.

DashatteerseinenMädchenimmergepredigt.

Langewaresher. DieZeitmitseinenMädchen. EinanderesLeben. ErschütteltedenKopf, umdenGedankenzuvertreiben. Ausundvorbei. FürihnundfürdieMädchen, ja, zumGlückauchfürdieMädchen. Esgingnichtan, dassnurseineKarrierezerstörtwordenwar. Wenn, dannhattenalleihrenPreiszuzahlen.

SeineschnellenSchrittehalltenindernächtlichenGassewider. DasunangenehmeGefühlimRückenwollteeinfachnichtverschwinden, docherwagtenichtzuschauen, obdieMännerihmfolgten.

UntenaufderbreitenSechshauserStraßewarenzumGlückmehrMenschenunterwegs. Türkische, arabischeundserbokroatischeGesprächsfetzendrangenanseineOhren. DieKebab-­BudenundTelefonshopswarennochoffen, dahermussteesnochvor22Uhrsein. SofrühwarerschonlangenichtmehrvomBeislnachHausegegangen.

»Bittescheen … einEuro … nureinEuro …«

ArianTaborwarmitdenGedankenzusehraufdiezweiMännerfokussiertgewesen, umdieGestaltimschwarzenUmhangwahrzunehmen, dieplötzlichauseinemHauseingangschossundihmihrenmagerenArmentgegenstreckte. Reflexartigstießersieweg.

DieGestaltgerietinsStraucheln. IhreKapuzerutschtenachunten. Taborerkanntenoch, dassessichumeineältereFrauhandelte. IhrMundwarfastzahnlos, ihrGesichtfaltig.

ZügigsetzteerseinenWegfort. ZuderSorge, oberverfolgtwurde, geselltesichjetzteinschlechtesGewissen. DiealteFraumochteimAlterseinerMuttersein, hättediesenochgelebt. ObendreinwarsievermutlicheineLandsmännin, diezumBettelnnachWiengeholtwordenwar. Wennsienichtsheimbrachte, drohtenSchläge. Erwusstegenau, wiedaslief, seitervoreinpaarJahreneinemKumpeleinenBusbesorgthatte, umdienächsteLadungbettelarmerRomaausBărbuleștinachWienzubringen.

NachdiesererstenTourhatteerbeschlossen, dassersichausdiesemschmutzigenGeschäftbesserheraushielt. UnterdenBettlernwarenAlteundKranke. StattausreichendEssengabesSchläge, undwereswagte, auchnureinenkleinenTeilderEinnahmenfürsichzubehalten, hattemitnochSchlimmeremzurechnen. DieJüngerenwurdenstehlengeschickt, dieälterenMädchenaufdenStrich.

HalbeKindernoch, kaumälteralsseineMädchendamals!

Daswiderteihnan.

ErwarkeinschlechterMensch. ErwarkeinSchläger. AuchwenndieWeltihnsogesehenhatte. ErhattesichdochimmergutumseineMädchengekümmert! Dassdazuauchgehörte, ihnenFlausenauszutreiben, lagaufderHand.

ZumGlückhattemanihnjetztvergessen. IhnunddieganzeunschöneAngelegenheit. ZumindestindiesemPunktwarRuheeingekehrt. Erhatteallesverloren, abermittlerweilezumindestwiederseineninnerenFrieden. Jetztmussteernurmehrdafürsorgen, dassesauchinandererHinsichtwiederbergaufging. ErstanderstganzamAnfang, aberwennweiterhinGeldfloss, würdeersichirgendwannseinenTraumvomHausanderSchwarzmeerküsteerfüllenkönnen.

Denn das Schicksal hatte es endlich gut mit ihm gemeint. Nie hatte er gedacht, ausgerechnet noch einmal von ihr zu hören. Und doch war es passiert. Sie hatte keine Ahnung, in welches Wespennest sie stieß.

Sie wollte ihn treffen, um die Wahrheit zu erfahren. Pah! Im Gegensatz zu ihm würde sie mit der Wahrheit ja nicht einmal etwas anzufangen wissen.

Er dagegen hatte bereits begonnen, seine Karten geschickt auszuspielen. Der, der ihn damals zum Schweigen gebracht hatte, war jetzt angreifbar, hatte viel zu verlieren. Das hatte ihm das Internet verraten.

Im Grunde spielte das Mädchen keine große Rolle. Aber als Drohmittel war sie Gold wert. Der Mann hatte sofort Geld lockergemacht, damit er, Tabor, sich um dieses Problem kümmerte. Er würde sie mit irgendeiner Geschichte abspeisen. Und er würde sich so lange bezahlen lassen, bis es für ihn hieß: Baba, Vienna!

AuchdaswarGerechtigkeit.

ArianTaborwarvordemmehrstöckigenAltbauangekommen, indemseinekleineWohnunglag. DenSchlüsselhatteerschoninderHand. AlserihninsSchlosssteckenwollte, bemerkteer, dassesgänzlichfehlte. StattdessenklafftenuneingroßesLochimHolz. DieHaustürewarunverschlossen.

VageerinnerteersichandasSchreibenderHausverwaltung: Schlossimmerwiederdefekt. Austauscherfolgtdemnächst.

Verdammt, warumausgerechnetjetztundheute!

HastigschlüpfteerinsInnere.

ImTreppenhausempfingihnderleichtmodrigeGeruchdesheruntergekommenenAltbaus. DenFingerbereitsamLichtschalter, verharrteernocheinenMomentinderDunkelheit. DasKlopfenseinesHerzensundseineigenerAtemwarendaseinzige, waserhörte. DochdannvernahmerdurchdiegeschlosseneTürdenWiderhallvonSchrittenaufdemAsphalt – Schritte, dieabruptvordemHausstoppten.

ArianTaborzögertenicht. ImDunklenhasteteerdiedreiStockwerkenachoben. KaumdasservorseinerWohnungstand, hörteeruntendasQuietschenderschwerenHaustüre.

TaborflüchteteinseineWohnungundsperrtevoninnenzweimalab. ZumerstenMalwarerüberdasumständlicheBalkenschloss, daseinängstlicherVormieterangebrachthatte, dankbar. NiemandwürdedieTüreaufbrechenkönnen, ohnezumindestvielLärmzumachen. DazumusstenihnseineVerfolgerersteinmalfinden. IneinemHausmitknappzwanzigParteienwardiesnichtsoeinfach.

Taboratmetetiefdurch.

OhneLichtzumachen, gingerzumKühlschrank. DiekalteBierdoseinseinerHandfühltesichaufseltsameWeiseberuhigendan. ErließsichdamitamTischnieder. NebenseinemBettwarderwackeligeHolzstuhl, denerirgendwannnebendenMülltonnenimErdgeschossgefundenhatte, dieeinzigeSitzgelegenheit. Fürihnreichteesaus. DasBierzischte, alserdenVerschlusslöste. OhnedieDoseanzuheben, saugteerdenherausquellendenSchaumvonderOberflächeab.

DasSchrillenseinerTürglockeließihnsoheftigzusammenzucken, dasserdieBierdoseumstieß. DerInhaltergosssichüberdieTischplatte, undtränktediealteSemmel, diezwischenderPackungmitdenSchmerztablettenunddemHandylag.

TaborfühltesichvorSchreckwiegelähmt. Alsodoch. DieMännerhattenesaufihnundseinGeldabgesehen!

DasssieindieWohnunggelangten, würdeervermutlichnichtverhindernkönnen, Balkenschlosshinoderher. Werwollte, kamimmeransZiel. EswarnureineFragevonZeit, AufwandundLärm.

UnwillkürlichfielseinBlickaufdasMobiltelefon. NormalerweiseriefenLeuteunterdiesenUmständenwohldiePolizei. Dochdasschiedfürihnaus. ZudemwarderAkkunichtaufgeladen.

Nun, kampfloswürdeersichnichtergeben. UnddasGeldsolltensieauchnichtsoeinfachhaben.

MitzittrigenFingernleerteerseineGeldbörse. GezieltsteuerteerdieZimmerpalmean. Einmickriges, unschönesGewächs, dasdielangenBlätterhängenließ. DieNachbarinvomzweitenStockhatteihmdasGrünzeugaufgedrängt. EinGeschenk … wieauchimmer, jetzterfüllteesseinenZweck. ErzogdiePlastiktüteausdemErdreichundstecktedieGeldscheinezudemPacken, denerschondortverwahrte.

DieTürglockewurdeerneutbetätigt, diesmalenergischer.

AufZehenspitzenschlichArianTabornäher. VordemKühlschrankhielterkurzinne.

ErhattekeinePistole, keinenSchlagstock, nichts. Daseinzige, wasihmzurAbwehrdienenkonnte, warenseinBesenunddaslangstieligeFischmesser, daserbeieinemseinerletztenJobshattemitgehenlassen. DenhölzernenGriffdesMessersfestumklammert, stellteersichvordieTür. Fallssieaufginge, würdeerzustechen.

DochdieTüröffnetesichnicht. StattdessenwurdenunSturmgeklingelt. DerdurchdringendeTon erfülltedasHaus.

ArianTaborwarteteab. NachdreißigSekundenpackteihndieWut.

»Inceteazaodata!«, brüllteerdurchdiegeschlosseneTürundverfieldamitautomatischinseineMuttersprache. Hörendlichauf! Ererschrakselbst, alsdasKlingelnwieaufBefehlverstummte.

Wasernichthörte, warensichentfernendeSchritte. ErriskierteeinenBlickdurchdenTürspion.

Sekundenverstrichen.

SeinHerzschlagsetzteeinpaarTakteaus, alsererkannte, werdortaufseinerTürschwellestand.

DieJahrehattenvielverändert. Nichtnurbeiihm.

WasdiePerson, diebeinahewieeinGeistauseineranderen, fernenWeltschien, hierwollte, warihmschleierhaft. Siehattensichnichtsmehrzusagen. Nochniezusagengehabt.

SeineNeugiersiegte. ErlegtedasFischmesserzurückaufdenKühlschrank. DannöffneteerdieWohnungstür.

 

Autobahn A1 zwischen Raststation Steinhäusl und Wien, Karfreitag

Es war kein guter Tag gewesen. Die Hälfte der Arztpraxen hatte am Karfreitag, der in Österreich nur für Protestanten gesetzlicher Feiertag war, geschlossen. Die anderen waren überlaufen.

AndiKnotthattesichmitseinerTasche, aufderdasLogodesPharmakonzernsprangte, tapferindiewartendeScharhustender, niesenderundjammernderPatientengeworfen, umletztendlichdanndochvonderAssistentinabgewiesenzuwerden. DieÄrztehattenwederZeitnochLustaufGesprächezumx-tenDiabetes­medikament, nochdazueinteures, dasvondenKassennurnachumfangreicherBegründungdurchdenverschreibendenArztgezahltwurde.

KnottkonntedieÄrzteverstehen. WarumsichMehrarbeitantun, wennesgünstigereAlternativengab? Diewirktenvielleichtnichtganzsogut, aberdenHbA1C-Wertsenktensieallemal.

SorückteerebenTagfürTagausundversuchte, indenKöp­fenderÄrzteInformationenzuverankern, diesieentwederlängstkanntenodergarnichterstinteressierten. ÄrztemusterdurfteernurnochingeringenMengenabgeben; Kongresseinladungenwarenrar. WennKnottdaknallhartBilanzzog, fragteersichernsthaft, wiesoesüberhauptnochÄrztegab, diePharmareferentenempfingen. ErkonnteihnenimGrundefastnichtsbieten.

SeineArbeitwarfrustrierend. PharmareferentwarnieseinTraumjobgewesen, wirklichnicht. EinFreundhatteihmdazugeraten, alsernacheinemabgebrochenemLehramtstudiumeinenJobsuchte. InzwischenverdienteerdeutlichbesseralsseinedamaligenKommilitonen, diesichtäglichmiteinerHordePubertierenderherumschlagenmussten, undfuhreinensportlichenAudiA3alsDienstwagen. WennerabendsjedochaufderCouchseinesZwei-Zimmer-Appartementsim3. BezirksaßundmitdemfirmeneigeneniPadimInternetsurfte, empfandereineinnereLeere, dieihmAngstmachte. Wiesolltedasweitergehen? Erwarschließlicherstvierzig, hattealsonochüberzwanzigJahrebiszurPension!

WährendKnottdieWestautobahnvonSt. PölteninRichtungWienfuhr, vorbeiamKnotenSteinhäusl, dachteerandaskommendeWochenende. Ostern. AmKarsamstagwarendieKidsbeiseinerEx. AmOstersonntagspieltensienocheinmalFamilie, denKidszuliebe. UndamOstermontagfuhrerdannnachGrazzuseinenEltern, umsichdortwenigstenskurzblickenzulassen. DerKidswegenhatteerauchdaraufverzichtet, andiesemmühsamenKarfreitagUrlaubzunehmen. ErbrauchteseinefreienTagejanoch, umimWechseldienstmitderExdieSchulferienzuüberbrücken.

Eigentlich ist das mit den Ferien seit der Scheidung sogar leichter als zuvor, dachte Knott, während er einen Kleinwagen mit ungarischem Kennzeichen überholte. Immerhin konnten sie sich die Betreuung ohne gemeinsamen Familienurlaub besser aufteilen.

AndererseitswarihmerstseitdemvergangenenSommer – demerstennachderScheidung – bewusstgeworden, dassMallorcamitzweilebhaftenachtjährigenZwillingstöchternallenfallseineOrtsveränderungbrachte, aberdieBezeichnungUrlaubnichtverdiente. NichteinmaleinBieranderStrandbarhatteertrinkenkönnen, ohne –

Wumms!

MitvollerWuchtprallteetwasvonobenaufdieKühlerhaube. AutomatischtratKnottdieBremsedurch – undverlorvollendsdieKontrolleüberdenWagen. DasAutoschlingerte, drehtesichumdieeigeneAchse, wurdeaufderanderenSeitederFahrbahnvonderLeitplankegestoppt. HintersichhörteKnottdasGeräuschquietschenderReifenundeinenweiterenheftigenKnall. BlechaufBlech.

Dannwaresschlagartigstill. Knott, dernochimmerdasSteuerumklammerthielt, schlossdieAugen … erlebte …!

»Hej, Sie … gehtesIhnengut? SindSieverletzt?«

EinManninseinemAlter, inAnorakundJeans, klopfteandieSeitenscheibe. Knottließsieherunter. SeineFingerzitterten.

»Weißnicht …« Erwarselbstüberrascht, wiedünnseineStimmeklang. IrritiertdrehteerdenKopfzurSeite. DieBeifahrerseitewareingebeult. DurchdieWindschutzscheibezogsicheintieferRiss. AlserseinenrechtenArmhob, stellteererleichtertfest, dassdieBewegungnichtwehtat.

DieSichtaufseinenUnterkörperwurdeihmvomAirbagversperrt. SeineBeinefühltensichintaktan. Soweiterdasfeststellenkonnte, warihmtatsächlichnichtspassiert.

»Ichdenke, ichbinokay.«

MitderHilfedesMannesschälteersichausseinemzerbeultenAuto. SeineKniezittertensostark, dassersichaufderdeformiertenKühlerhaubeabstützenmusste.

»Mensch, Mensch, SiehattenwirklichGlückimUnglück«, fuhrderMannfort, derderAussprachenachausDeutschlandstammenmusste. »Gut, dassheutewenigVerkehrist, sonstwärenwirallenichtsoglimpflichdavongekommen. BeidenUngarndahättenichtvielgefehlt …« ErwiesmitdemKinninRichtungdesKleinwagens, dessenHecknunimInnenraumsaß. EinSprinter, derdichthinterdemAutogewesenseinmusste, hattewohlnichtmehrrechtzeitigbremsenkönnenundwarebenfallsaufhalbeLängezusammengequetscht. SeinezweiInsassen, einMannundeineFrau, hocktenvordemGefährtaufdemblanken, nassenAsphalt. EineandereFrau – offenbardieFahrerindesBMW, derrechtsamPannenstreifenabgestelltwordenwar – kümmertesichumdiebeidenundriefwinkendherüber.

»KeineSorge, diesindnichtschwerverletzt, soweitichdasaufdenerstenBlickbeurteilenkann.«

ZweiLKWsblockiertenmiteingeschalteterWarnblinkanlageinzwischenbeideSpuren. AnderUnfallstellekamdamitvorerstniemandvorbei. Staubautesichauf. EinerderLKW-Fahrerstiegausundsahsichkurzum, dannsetzteersichzielstrebiginRichtungeinesdunklenBündelsinBewegung, dasineinigemAbstandmittenaufderFahrbahnlag.

»Hej, lassdaslieber!«, riefderDeutscheihmzu. DerLKW-­Fahrerhieltkurzinne, setztedannaberseinenWegfort.

»Ah, verdammt! Warumhörtdernicht? – Dasistdieeinzige, dieeshierwirklichschlimmerwischthat; fürdiekönnenwirechtnichtsmehrtun! AllerdingshatsiedieseKatastrophehierauchausgelöst.«

DerLKW-FahrerhattedasBündelnunerreicht. Erbücktesich, richtetesichwiederauf, bekreuzigtesich.

InzwischennähertensichauchdieerstenimStauStehendenderUnfallstelle. EinpaarhieltenMobiltelefoneinderHandundfilmten.

ÜbelkeitstieginKnottauf. Ihmwurdesoschwindlig, dassersichgegenseinAutolehnenmusste. ErstjetztfielihmdasBlutaufderKühlerhaubeauf.

»Was … wasisteigentlichpassiert?«

»Ja, habenSieesdennnichtgesehen?« DerDeutscheschienvölligüberrascht. »EineFrauistvonderBrückeaufdieFahrbahngesprungen, direktvorIhrenWagen.«

AutomatischsahKnottzurBrücke. EineGestalt – nichtallzugroßundmiteinerBaseballkappeaufdemKopf – standamGeländerundsahhinabaufdieUnfallstelle. DurchdieLamellendesBrückengittersnahmereinenkleinenschwarzenSchattenwahr, vermutlicheinHund.

Herrgott, warumhattedieserSpaziergängernichteinpaarMinutenfrühervorbeikommenkönnen! VielleichthätteerdieFraunochzurückhaltenkönnen!

»Hej, Sieda, rührenSiedieTotenichtan! Siemachensichstrafbar!«

DerharscheTon, denderDeutschenunanschlug, lenkteKnottsAufmerksamkeit zurück aufdieSzenerieumihnherum.

EinjungesPärchenhatteoffenbargeradeversucht, dieliegendeFrausozudrehen, dassmanihrGesichtsehenkonnte. Nunzuckteeserschrockenzusammenundwandtesichab. DieLustzufilmenwardenbeidenvergangen.

WievonselbstsetztensichKnottsFüßeinBewegung. DasZitterninseinenKnienließnach, sobalderdieerstenSchrittezurückgelegthatte. DieletztenMeterliefersogar, bahntesicheinenWegdurchdieSchaulustigenundstandschließlichvorderamBodenliegendenFrau.

SielagaufderSeite, dasrechteBeinmerkwürdigabgewinkelt. AusihremKopfrannBlut, dasihrdunklesHaarbereitsaneinigenStellendurchtränkthatte. VomGesichtwarnichtmehrvielübrig, trotzdemnahmeran, dasseseinehübscheFraugewesenseinmusste. DerschwarzeWollmantelgabihreschlankeFigurfrei. IhreFingernägelwarendunkelrotlackiert. SietrugeinenEhering. EineKettemiteinemMedaillonlagumihrengroteskverrenktenHals. DersilberneAnhängerwaraufgesprungenundzeigtedasBildeineskleinen, blondenJungen, derfröhlichindieKameralachte.

KnottstarrtewiehypnotisiertaufdasFoto.

Die Frau, die auf sein Auto gefallen war, hatte einen Mann und ein Kind. Eine Familie. Und nun war sie tot.

Schuldgefühlstieginihmauf. SiewaraufseinAutogefallen. EinemirrationalenBedürfnisfolgend, grifferwiezumTrostnachihrerHand. Siefühltesicherstaunlichwarman; wärmeralsseineeigene. JemandfotografierteihnunddieTote. ErkonntedasKlickenderHandykameradeutlichhören. Daswurdealleszuviel. Jetztundüberhaupt.

Ohnezuwissen, wasihndazubewog, zogeranderKettemitdemMedaillon. Siewargerissen; dasSchmuckstückließsichmühelosabnehmen. Erbemerkte, dassjemandfilmte, wieeresinseinerJackentascheverschwindenließ, schenktedemaberkeineweitereBeachtung. Ihmwarvielzuübelundschwindlig. Erwollteweg, sichverkriechen. MitgesenktemKopfschlicherzurückzumWagenundverkrochsichdarin. AusderFernewarjetztdaslauterwerdendeMartinshornzuhören.

DochselbstalserrundeineStundespätervonSanitäternversorgtwurde, fühlteersichnochschrecklich. DieAussicht, indieleereWohnungzurückzukehrenundniemandenzuhaben, mitdemerhättesprechenkönnen, machteihnfertig. WährenddieInfusionmitdemBeruhigungsmittellangsamvonderPlastikflascheinKnottsBlutkreislaufübergingundihnallmählichschläfrigmachte, wurdeihmbewusst, dasserdieFrausogarverstand.

Selbstwennsiesichnurhalbsoeinsamgefühlthattewieer, konnteerihreEntscheidungnachvollziehen.

 

Seattle, April

Der Traum platzte beim letzten Klavierton, der in Claire Austins berühmtem Ballettstudio in der Belmont Avenue verhallte. Eines der vier Mädchen im weißen Tutu, die eben zu Tschaikowskys Schwanensee getanzt hatten, schwankte bei der Abschlusspose und musste sich kurz abstützen.

CorinaSavagepressteihreschmalenLippenaufeinander. DasMädchen, dasjetztaufeinZeichenderTanzlehrerinmithängendemKopfdenSaalverließ, warihreTochterVeronica. CorinaselbsthattenieBallettgetanzt, docheineshattesieindenvergangenenzweiMinutenerkannt: AusVerowürdekeinePrimaBallerinawerden.

NeunJahreAusbildungumsonst. NeunJahre, indenensiedasKinddreimaldieWochezumUnterrichtgebracht, gehofftundgebangthatte, wenneinVortanzenanstand, neunJahre, indenensieverschlisseneSpitzenschuhegegenneueausgetauschtundVerozumErfolgangetriebenhatte. Undnun, daihreTochterindieersehnteJuniorProfessionalClass, kurzJPC,aufgenommenwerdensollte, warallesaus. WeilVerowohlplötzlichdasGleichgewichtabhandengekommenwar. Weil –

»Ms. Savage … habenSieeinenkurzenMomentfürmich?«

ClaireAustin, mitfastfünfzigimmernochvongrazilerStatur, schnittihrdenWegzumAusgangab.

»Veronicawargroßartig.« ClairesahsieausihrenwasserblauenAugenmitBestimmtheitan. »DasPasdeQuatreforderteineganzeMengevondenMädchen. SiekönnenstolzaufIhreTochtersein.«

CorinaversuchteeinLächeln. Esmisslang, weshalbsiesicherstgarnichtdieMühegab, aufClairesunangebrachtenEuphemismuseinzusteigen.

»AbersiewirdnichtindieJPCaufgenommen«, nahmsievoraus, wasdieStudienleiterinihrohnehingleichmitteilenwürde.

»Nein, daswirdsienicht.« ClaireAustinsAugenwarennochimmeraufsiegerichtet.

CorinafühltesichunterdiesemBlickunwohl. IhrMake-upsaßperfekt, darankonnteesnichtliegen. ErstvoreinerhalbenStundehattesiedenLidstrichaufderToilettenachgezogenunddasLipglossaufgefrischt.

»Odersagenwirso: SiewirdesimMomentnicht. VielleichtnächstesJahr, vielleichtinzweiJahren. MädchenindiesemAltersindineinerschwierigenPhase. Manchereifenschneller, manchebrauchenmehrZeit. Veronicaist –«

»InzweiJahren!«, fuhrCorinadazwischen. DieBlickederanderenMütterflogenzuihr. CorinasandteeinentschuldigendesLächelnindieRunde, ehesiesichmitgedämpfter, betontfreundlicherStimmewiederderBallettmeisterinzuwandte.

»InzweiJahren, liebeMs. Austin, istVeronicafastfünfzehn. WennsiedaerstinderJPCanfängt, istaneineKarrierewohlkaummehrzudenken!«

»Ms. Savage.« ClaireAustinsSchulternsankenleichtnachunten. »Worumgehtesdenn? VeronicaistseitJahrenmeineSchülerin. Siekannsichgutbewegen, hat – oderzumindesthatte –SpaßanderSache. EsfehltihreinfachanKonzentration, vielleichtauchetwasanEhrgeizundKörpergefühl. NehmenSieihrdochnichtdieFreudeamTanzen, indemSiesiezuetwaszwingen, fürdassienichtgeschaffenist!«

CorinamusstesichinErinnerungrufen, wersiewar: RobertSavagesFrau. DieGattindesMannes, derindiesemJahrmöglicherweiseGouverneurvonWashingtonStatewerdenwürde. ClaireAustininGegenwartvondreiDamen, vondenensiezweiausdemGolfclubkannte, niederzuschreien, warwederihreArtnochpassteeszujenemAuftreten, dasvoneinerSavageindiesenMonatenerwartetwurde. Dennoch, siekonntedieseGeringschätzungundMissachtungihrerPersonnichtaufsichsitzenlassen. ClaireAustinhatteoffenbarvergessen, wensiehiervorsichhatte.

Nichtdafürgeschaffen! EsfehltanKonzentrationundEhrgeiz!

CorinaerlebtedieSituationwieeinDéjà-vu. DieGeschichteschiensichzuwiederholen. SiehattesichinihrSchicksalgefügt – fügenmüssen. DochjetztwarsieerwachsenundRobertSavagesFrau.

SierichtetesichzuihrervollenKörpergrößevon1,65Meternauf. AlsKindundJugendlichehattesieinihremspeziellenUmfeldimmerzudenGrößtengehört; seitsieindenUSAlebte, zähltesiezumDurchschnitt. ClaireAustinüberragtesieimmernochumeinigeZentimeter.

»AnKonzentrationundEhrgeizfehltesinunsererFamilienie«, zischtesieleise. »IchselbstwarinVeronicasAlterEuropa­meisterin, wennichSiedaranerinnerndarf! MeineTochterhatdieselbenVoraussetzungen, körperlichundpsychisch! Siekanntrainieren, undsiewirdtrainieren. WennnichtbeiIhnen, dannwoanders! DassZielenichterreichtwerden, kommtinunsererFamilienichtvor. VerstehenSiedas?« SieneigtesichzuderschlankenFrau, dienochimmerihrenBlickmitunerschütterlicherRuheaufsiegerichtethatte. »VerstehenSiedas?«, wiederholtesie, undderscharfeTonihrerStimmedurchschnittdieLuft. »Es. Kommt. Nicht. Vor!«

DamitmachtesieaufdemAbsatzkehrtundverließhocherhobenenHauptesdasStudio, dieBlickederFrauenimRücken.

*

»Mum. Tut mir leid. Ehrlich.«

VeronicalümmelteaufderRückbankdesSUV, denCorinagekonntdurchdenFeierabendverkehrsteuerte.

CorinawarfeinenkurzenBlickindenRückspiegel. VeronicahatteausihremRucksackeineTrinkschokoladegeholtundstochertemitdemStrohhalmaufderPackung.

»BistdudesWahnsinns? – NichthierimAuto!«, fuhrsieihreTochteran. »DeinVaterflipptaus, wennFleckenaufdenRücksitzkommen!«

»Menno! IchhabHunger.« DieZwölfjährige, diemitihrenlangenblondenLockenundderStupsnaseihrjüngeresAbziehbildwar, schnitteineGrimasse. »IchhabseitheuteMittagnichtsmehrgegessen!«

»Kannnichtbehaupten, dassesdirschadenwürde«, erwiderteCorinabissig. DasGesprächmitClaireAustinwühltesienochimmerauf. »Siehdichan. IndenvergangenenpaarWochenhastdumindestenszweiKilozugelegt!«

»Mirdochegal!«, kameszurück, undCorinawurdewiedereinmalbewusst, dasssichihreGemeinsamkeitennuraufdasÄußerebezogen. Charakterlichwarensiegrundverschieden. AnVeronicasStellewäresieschuldbewusstgewesen. Untröstlich, versagtzuhaben. VollerSchamundSelbsthass. DassihreTochterdiemieseDarbietungbereitswiedervergessenzuhabenschien, ärgertesie.

MöglicherweiseliegtesandiesemLand, versuchtesiesichselbsteineErklärungzurechtzulegen, mitdersiebesserlebenkonntealsmitderErkenntnis, beiVeronicasErziehungversagtzuhaben.

InihrenerstenJahreninAmerikahatteallesandiesemLandsiefasziniert: dieungeahntenMöglichkeiten. DasAngebotanKonsumgüternundkulturellenHöhepunkten.

Mittlerweilewarsieernüchtert. DerÜberflussanMöglichkeitenbrachteauchSchattenseitenmitsich. Reichtummachteträgeundbequem.

»Mum, beiderAmpelmusstdurechtsabbiegen, dasist –«

»Ja, ichhabedasnichtvergessen!«

DassVeronicasichausgerechneteinebesteFreundinaussuchenmusste, dieindiesemengenViertelvonSeattlehausteunddieTheodoreRooseveltPrivateSchoolnuraufgrundeinesStipendiumsbesuchenkonnte, warCorinaeinDornimAuge.

WieüblichgabesentlangderHäuserzeilekeinenfreienParkplatz. AlsosetzteCorinadenBlinkerundhieltmittenaufderrechtenFahrbahn.

»Beeildich«, wiessieihreTochteran. »DulässtdirvonNaomidieAufgabengebenundkommstgleichwiederrunter. IchgebedirmaximalfünfMinuten. Danachbinichweg, unddufährstmitdemBusnachHause. Oderwieauchimmer. Dasistmirdannegal.«

Waresnicht, undVeronicawusstedas. DerspöttischeBlick, mitdemdasMädchensiebedachte, ehesiedieAutotürhintersichzuwarf, sprachBände. HinterCorinasWagenbeganneinHupkonzert. Ihrbliebnichtsanderesübrig, alsanzufahren.

AlssiezumzweitenMalumdenBlockfuhr, warihrdasGlückgewogen, esgabnuneinefreieLücke. Corinaparkteeinundwartete.

AuchohneBlickaufdieUhrwusstesie, dassdiefünfMinutenlängstverstrichenwaren. Nichtdasssieandereserwartethätte … ResigniertkramtesiedasHandyausihrerHandtasche. RoberthatteeineNachrichtgeschickt, umsieandasAbendessenbeidenWellingtonszuerinnern. AlsobsiejeeinenTerminvergessenhätte! DerUnternehmerWilliamWellingtongehörtezudenwichtigstenUnterstützernimWahlkampfihresMannesumdasAmtdesGouverneurs, genausowiediedreianderenHerren, diealsGästegeladenwordenwaren. EserwartetesieeinlangweiligerAbend, andemsichdieMännernachdemAbendessenmiteinerZigarrezumPolitisierenzurückziehenundsiebeidenEhefrauenundeinerFlascheGinzurücklassenwürden – nichtderersteAbenddieserArtindenvierzehnJahren, indenensiemittlerweileanRobertsSeitestand. SiekannteihreRolleundmusstenichtdaranerinnertwerden.

DieAussichtaufheftigeDebattenließsievoneinerpatzigenErwiderungabsehen. LetztendlichzogsiejadochimmerdenKürzeren. RobertwarMeisterdarin, ihrrhetorischsozuzusetzen, dasssiehinterhernichteinmalmehrwusste, wofürsieanfangseingetretenwar.

CorinabegannimInternetzusurfen. DieTageszeitungenausihrerfrüherenHeimatboteneinewillkommeneAbwechslung, umdieWartezeitzuüberbrücken. AusPolitikhattesiesichseitjehernichtsgemacht, siescrolltegleichzudenunterhaltsamerenNachrichten. KlatschundTratsch. Scheidung, Drama, Krankheit. DieNamenderrumänischenPromissagtenihrlängstnichtsmehr. Zulangewarsieschonfort. TrotzdemwarendieseBerichteaufihreArtaufschlussreich. Einerseitszeigtensie, wiesehrsichLandundLeuteinzwischenvondersozialistischenDiktaturentfernthatten. Andererseits, dassesnocheinlangerWegseinwürde, bisdasLandwestlicheStandardsverinnerlichthatte. UnddamitwarennichtprimärEinkaufszentrenundleistungsstarkeAutosgemeint.

IhrBlickbliebaneinemFotohängen. DerMannmitdemgraumeliertenHaarunddemdunklenTeintkamihrbekanntvor. DocherstalssiedieÜberschriftlas, wusstesie, umwenessichhandelte.

Ex-Olympia-TrainerinWienermordet.

WiebetäubtstarrtesieaufihrDisplay. SievergrößertedasFoto. SeineHaarprachtwarsoüppigwieehundje, diebuschigenAugenbrauen, dieweitauseinanderstehendenAugen, derDrei-Tage-Bart – soweithattesichTaborindenfastzweiJahrzehnten, indenensiemittlerweilegetrennteWegegingen, kaumverändert. DochderathletischgebauteMannwirkteaufgedunsen, seinGesichtschwammig. UnterdenAugenhingenschwereTränensäcke. Faltenmachtenzusätzlichdeutlich, dassdieZeitnichtspurlosanihmvorübergegangenwar. EinemarkanteVertiefunghattesichoberhalbderNaseindieStirngefressen.

CorinaüberflogdenArtikel. Taborwarerstochenworden. DieTatwaffewarauchabgebildet: einFiletiermesser. SiebenmalwaresihmindenUnterleibgerammtworden.

PassiertwarderMordinderNachtvonGründonnerstagaufKarfreitag. MitarbeitereinerPutzfirmahattendieLeicheentdeckt, weilihnendieangelehnteWohnungstüraufgefallenwar. DiepolizeilichenErmittlungenliefen. MittlerweilewaresMittwoch. InzwischenhattensiedenoderdieTäterwohllängstgefasst.

EinenMomentlangstandCorinadasGesichtdesjüngerenArianTaborvorAugen.

Foartebine, hörtesieihnsagen. Gutgemacht. EinLob, dasihmseltenüberdieLippengekommenwar. Sieselbsthatteesnureinmalzuhörenbekommen, amTag, alssiedieEuropameisterschaftderJuniorinnengewann. Danachniewieder.

StattdessenhattesieseineHändezuspürenbekommen. Hände, dieaufihrerWangeroteFleckenhinterließen, weilsieamStufenbarrenpatzte. Hände, dieaufihremGesäßlagen, wennsieamSchwebebalkenturnte. Hände, diesichzwischenihreBeineschobenunterdemVorwand, ihreHaltungzukorrigieren. UndjetztwarderMannmitdenflinkenHändenalsotot … ObRobertbereitsdavonwusste?

»Schnellerging’snicht!«

VeronicahattedieAutotüraufgerissen, rutschteaufdieRückbankundschmisseineroteMappenebensich.

»Muuuuum … willstdunichtendlichfahren?«

CorinaließihrSmartphoneinderHandtascheverschwindenundlenktedasAutoausderParklücke.

»NächstesMallässtdudirnichtsovielZeit«, wiessieihreTochterzurecht, hauptsächlichdeshalb, umsichselbstaufandereGedankenzubringen. »KönntihreureMatheübungennichtonlineaustauschen?«

VonderRückbankerklangeingequältesSeufzen.

»Mum. Duhörstmirniezu. Erstens, esgehtumGeo. ZweitensistdasdietopografischeKartedes StaatesWashington, indiewirdiewichtigstenStädteeintragensollen. Unddiemussichmorgenabgeben!«

AlsCorinanichtserwiderte, setzteVeronicapatzighinzu: »Fallsduweißt, waseinetopografischeKarteist.«

»Hauptsache, duweißtes, FräuleinSchlaumeier.«

CorinasandteeinenmahnendenBlickdurchdenRückspiegelnachhinten, währendsieindieStadtautobahnauffuhr. Tatsächlichwarsiesichnichtganzsicher, wieeinetopografischeKarteaussah, dochwastatdaszurSache? – BisherhattesienochimmergutvonAnachBgefunden.

TrotzdemsaßdieBemerkungwieeinbohrenderStachel. EinStachelvonvielen, undfürdiemeistenwarnichtVeronicaverantwortlich. Wiedereinmalmusstesiefeststellen, dassdieTochterihremVaterimmerähnlicherwurde.

»Ichwünschte, duhättestfürsVortanzengenausovieleVorbereitungengetroffenwiefürdeineGeoaufgaben.« GanzaufsichsitzenlassenkonntesiedieHäme, wasihreSchulbildungbetraf, nicht. »DannwärstdujetztinderJPCundnichtweiterinderTanzgruppemitdenAnfängerinnen! DeinAuftrittheutewareineSchande. Ichhabemichseltensofürdichgeschämt!«

»Dannschämdichhalt!« MitverschränktenArmensaßVeronicaaufderRückbank, dieUnterlippetrotzignachvornegeschoben. »Esginghaltnichtbesser. IchhabkeinenBockaufdiesesGehopsezuMusik, dienormalerweisenurOmashören!«

»Duwolltestdas, wennichdicherinnerndarf! ›Mama, bitte, bittelassmichinsBallett‹, hastdugesagt!« CorinaimitiertedieKinderstimmeperfekt.

»Dawarichvier, Mum! Mirmacht’seinfachkeinenSpaßmehr.«

»UmSpaßgehtesnicht, gingesnochnie!« CorinakonnteihreWutnichtmehrverbergen. MitderrechtenHandschlugsieaufdasLenkrad. »AlsichindeinemAlterwar –«

»HastdustundenlangindereiskaltenTurnhalleFlickflacksgeschlagenundamReckgeturnt, bisdirdieHautvondenHandflächenhing, weildudieÜbungnichtnurviermal, sonderngleichsechsmalgemachthast … ichkann’snichtmehrhören, Mum! Ichbinnichtwiedu! LassmichdocheinfachinRuhedamit, okay?«

AnfangshatteVeronicanichtminderwütendgeklungenalsCorinaselbst. JetztstandstilleVerzweiflunginihrenAugen.

»Warumwillstdumichnichtverstehen!« Corinafühltesich, alswürdesiegegendieWandreden. »IchwillnurdeinBestes! Wassolldennspäterausdirwerden? WillstduimWalmartanderKassesitzenoderbeiTacoBellTortillasbefüllen?«

»Quatsch. Natürlichnicht! IchwerdeAnwältin. OderTierärztin. OderProfessorin. Oder –«

»Anwältin! Dassichnichtlache.« DavonwarCorinaallerdingsweitentfernt. »DasistnichtwieinAllyMcBeal! InderRealitätsitztduvonfrühbisspätimBüroundkannstfrohsein, wenndumaleinenSonntagohnedeinNotebookverbringendarfst. Wennesdasist, wasduwillst, bitte! – UndalsTierärztinseheichdichschongarnicht. DuhastdichnochnichtmalumdeinenGoldhamstergekümmert!«

»AllyMc… wer?« VeronicarunzeltedieStirn. »Egal. Weißtduwas? WenndasallessoshittyBerufesind, dannmacheichesebenwieduundheiratemitneunzehneinenreichenMann! – ­Tataaa, Problemgelöst!«

»Duspinnstdoch.«

CorinahattedieAutobahnverlassenundlenktedenSUVamGreenLakevorbei. UmdieseJahreszeitdrehtendieerstenPaddle-­SurferundSegelbooteihreRunden. DerStammsitzderSavageslagamNordostufer – einederwenigenaltenVilleninmittenvonneuerenEinfamilienhäusern.

RobertstieggeradeausseinemMercedes, alssieindieEinfahrtbog. Alsersiekommensah, öffneteerihrperFernbedienungdasGaragentor.

VeronicasprangausdemWagen, kaumdasssiedenZündschlüsselabgezogenhatte.

»Daddy, Daddy!«

Sie fiel ihm in die Arme, als wäre er nicht drei Tage auf Dienst­reise, sondern eine halbe Ewigkeit fortgewesen.

Corina, dienunauchausdemAutoausgestiegenwar, betrachteteihrenMannundihrKind, diesichindenArmenlagenwieeinLiebespaar. Eigentlichbrauchtendiebeidensienicht.

»Na, Schatz, allesokay?«

RobertsintensivesitalienischesRasierwassernahmihrfastdenAtem, alsersienunzurBegrüßungansichzogundeinenleichtenKussgab.

»Mumhatsichwiedertotalaufgeregt, weildasVortanzennichtsolief«, ließihnVeronicaanihrerStellewissen. »AußerdemwolltesiemichnichtzuNaomibringen, damitichdieHausaufgabenabholenkann.«

»Dasstimmtdochgarnicht«, setzteCorinaan, dochRoberttätscheltebereitsihreWange.

»Cory-Schatz, steigeredichdanichtsorein. Undwasheißtdas: DuwolltestsienichtzuNaomibringen? IrgendwiemusssiejaanihrenUnterrichtsstoffkommen, wenndusiezweiStundenvorSchulschlussabziehst, damitsiebravihrePirouettendreht!«

»Ich …«, setztesieerneutzueinerRechtfertigungan, dochRobertsAufmerksamkeitgaltlängstwiederseinerTochter. ErzogeinekleineweißePapiertüteausseinerAnzugjackeundentnahmdarauseineKettemitsilbernemAnhänger.

»Schau, meinSchatz. DaddyhatdiretwasausSanFranciscomitgebracht – echtenIndianerschmuck.«

VeronicaspranginihremgeblümtenRockvorihmaufundabundwurdefürwenigeAugenblickewiederzumsüßenkleinenMädchen. LiebevollschoberdasHaarzurSeiteundlegteihrdasSchmuckstückumdenHals. DannwandteersichanCorina.

»Miristkalt, sperreendlichdieHaustürauf. DuhastknappeineinhalbStunden, umdichfertigzumachen.« RobertstellteseinenAktenkoffernebenderGarderobeabundschlüpfteausseinemleichtenMantel. »Siehzu, dassdupünktlichbist.«

Erzwinkerteihrzu, dannverschwandermitseinemTrolleyunddemAktenkofferinRichtungArbeitszimmer.

»IchgehzuOmaundOpa!«

VeronicaranntedurchdieschwereFlügeltüre, diesichlinksvomEingangbefand, injenenTraktdesHauses, denCorinasSchwiegerelternbewohnten.

»Oh … Verzeihung, Madame. IchwarimKellerundhabeIhreAnkunftnichtbemerkt.«

Consuela, diemexikanischeHaushaltshilfe, unterstrichihrakzentreichesEnglischmiteinemschuldbewusstenGesicht.

Corinawinktemüdeab.

»Hauptsache, duweißtnoch, dasswirheuteAbendaußerHaussindunddufürVeronica –«

»Istschonallesvorbereitet. Fajitasconpollo. DiekleineSeñoritaundichwerdeneinenwunderbarenAbendhaben, Ma­dame!«

NichteinmalihreHausangestellteließsieausreden!

»Gut. AberumspätestenshalbzehnmussVeronicainsBett.«

»Natürlich, Madame.«

Corinaschauteskeptisch. Consuelawarzweiundzwanzig – zehnJahreälteralsihreTochter. Nichtseltensahsiediebeidenmiteinanderherumalbern. Wieauchimmer. EinBlickaufdieUhrsagteihr, dasssiesichbeeilenmusste.

»Ichverlassemichaufdich«, sagtesiedahernur, ehesiedenWeginsobereStockwerkantrat. IndieserMinutefühltesiesichverlassenerdennje.

*

»Also … nachdem es mit der JPC nicht klappen will, war’s das jetzt wohl mit deinen Ballettambitionen.«

Corina, diegeradedabeigewesenwar, sichihrHaaraufzustecken, hieltinderBewegunginne. RobertwarinsZimmergekommen. ErhatteseinengrauenAnzuggegeneinenschwarzengetauschtundtrugnuneineandereKrawatte. Offensichtlichwarerschonabfahrbereit.

»ZwanzigMinutenhabeichnoch.«

»Ichhabenichtsgesagt.« RobertließsichaufderKanteihresBettesnieder. SieschliefenseitJahrengetrennt, ursprünglichwegenseinesSchnarchens. »