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»Ich werde Ihnen ein- oder zweimal pro Woche Blumen schicken«, schreibt der Verleger Henry-Louis Mermod aus Lausanne 1947 an Sidonie-Gabrielle Claudine Colette. »Mindestens ein Jahr lang. Wenn sie Ihnen gefallen, porträtieren Sie eine davon. Und dann machen wir ein kleines Buch daraus.« Die Vierundsiebzigjährige, wegen einer Hüftarthrose gezwungen, die Tage auf dem Diwan in ihrem Pariser Apartment zu verbringen, verfasst zweiundzwanzig kurze Texte: über die Rosen im Garten des Palais Royal, die sie vom Fenster aus sieht, die Lilien auf ihrem Kaminsims, eine bizarre Orchidee, die ihre Tochter mitbringt, und die historischen botanischen Stiche, die sie sammelt. Und sie nimmt die Blumen zum Anlass, über ihr langes und bewegtes Leben nachzudenken: die Glyzinie im elterlichen Garten im Burgund, ihre drei Ehemänner, die Blumenverkäufer im Paris der Nachkriegszeit und ihre eigenen Gärten in der Bretagne und in der Provence. Colettes Blumenessays gleichen einem bunten Strauß, sind Zeitbild, botanische Exkurse und literarische Aperçus zugleich.
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Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2026
Colette
Ein literarisches Herbarium
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Sofia Blind
Kampa
Sie ist nicht die Erste, ganz und gar nicht. Nochvor ihr bringt unser frösteliges Klima das Veilchen hervor, die Primeln zu Ostern, die Narzissen, das Erdbeer-Fingerkraut, das Leberblümchen und die gelbe Schwertlilie der Teichränder … Wir müssten übergeschnappt sein oder in den Tropen oder in der verrückten Provence, um zu hoffen, sie schon ab Januar aufblühen zu sehen.
Aber wir sind allesamt dermaßen berauscht von ihr, dass man die ROSE immer in Großbuchstaben schreiben müsste; insbesondere seit dem Krieg, in dem sie mit Gold aufgewogen wurde, genau wie Kalbsleber und Ananas. »Was kostet diese Rose?«, fragte damals schüchtern eine Dame und streckte den Kopf über die Schwelle des Blumengeschäfts. Noch bevor die Antwort kam, hielt sie sich die Hände über die Ohren: »Nein! Sagen Sie es mir nicht!«, und eilte davon. Der Laden war voll von diesen Rosen, die Lippen, Wangen, Brüste, Nabel und unbeschreiblich eisig überhauchtes Fleisch haben; Rosen, die per Flugzeug reisen, hochmütig auf ihren Stielen stehen und nach Pfirsich, nach Tee oder sogar nach Rose duften … Unerreichbare Rosen. Rose, wo finden deine einstigen Liebhaber jetzt Befriedigung? Wie alle gealterten oder entthronten Verehrer begnügen sie sich damit, dich zu besingen. Sie betrachten dich durch die Schaufensterscheibe. Sie seufzen, sie beschreiben dich in begehrlichen Worten, sie sprechen von deiner Form und deiner straff gewickelten, sterilen Blüte. Ich glaube, sie sehnen sich wie ich nach der seligen Zeit, in der du noch unvollkommen warst. Wir kauften dich so, wie Gott dich erschaffen hatte, hier ein wenig angefressen, dort ein wenig braun angelaufen, und es war an uns, dich zurechtzuschneiden, es sei denn, wir mochten dich lieber angefressen und braun, mitsamt einem Rosenkäfer, der sich in deiner Ohrmuschel versteckte. Du hattest zu viele Blätter, Knospen wie Radieschen, eine kleine Schnecke am Stiel und ebenso viele Stacheln wie eine widerborstige Jungfrau. Inzwischen entlaust und entdornt dich der Florist mit einer Pinzette und zupft alle Marienkäfer und Ameisen ab, genau wie zwei oder drei Reihen der äußeren Blütenblätter.
Du Schöne ohne Fehl und Tadel, ich mag dich lieber im Parc de Bagatelle oder im Rosengarten von L’Haÿ. Ich werde dich an einem dieser warmen, frischen Junitage besuchen, an denen dich die Windböen zerrupfen und uns den Glauben an deine verschwenderische Schönheit zurückgeben. Überflüssigerweise werde ich dort deine Namen lesen, die ich zum Glück sofort wieder vergesse. Was soll ich mit deinen Personalien anfangen, mit schmückenden Namen alter Generäle, großer Industrieller oder irgendeiner Madame Robinet? Nur für den Namen Herriot mache ich eine Ausnahme, weil der Präsident die Physiognomie – und das Wissen – eines guten Gärtners hat. Aber meine Verehrung erfindet bessere Namen für dich, meine Rose, die ich im Stillen Purpurrote Sünde nenne, Apriköschen, Schneeflocke, Fee, Schwarze Schönheit, dich, die du die Ehre eines überaus heidnischen Namens mit Würde trägst: Cuisse-de-nymphe-émue – Schenkel einer erregten Nymphe!
Unter meinem Fenster, zwischen Pfützen, badenden Tauben, modisch im Stil des Schauspielers Bressant frisiertem Rasen, zu Kugeln geschnittenem Hibiskus und Indischem Blumenrohr, stehen alte, reich blühende Rosenstöcke, die Kriege und Frost überlebt haben. Noch nie haben sie es versäumt, zu blühen, erneut zu blühen und vor dem November noch einmal zu blühen. Sie entwaffnen selbst die Kinder des ersten Arrondissements, die für ihre Wildheit berüchtigt sind. Eine der Rosen trägt durch eine einzigartige Veredlung Blüten, die teils gelb, teils rot sind. Ein anderer Busch, dicht gefüllt und schwefelgelb, überfordert jede Stütze mit seiner Üppigkeit. Eine Üppigkeit … Wie soll ich sie in Worte fassen? Wie könnte man diese Rosen am Palais Royal, diese alten und wunderbaren Rosenbüsche, so schildern, dass ihre Beschreibung den Genfer Parc des Eaux-Vives, dessen Rosarium ich in seiner ganzen Pracht bewundert habe, neidisch machen würde? Ihr langstieligen Rosen mit euren dicht geschlossenen, eiförmigen Knospen, die sich unerwartet öffnen, zum Leben erweckt vom gefangenen Regenbogen eines Springbrunnens mitten in Paris – ich suche nach einem Vergleich, nach jenem Garten Eden, in dem man ebenbürtige Blüten pflücken könnte … Ich glaube, ich habe ihn gefunden. Ihr seid beinahe ebenso schön wie die Rosenkaskaden, die sich über das winzige Beet des Schrankenwärters ergießen, ein Gärtnerhaus überwuchern oder das Wandspalier eines Landgasthofs bedecken, hier und da und anderswo – überall dort, wo sie zeigen dürfen, wie das Zusammentreffen von Juni, Zufall und schönem Wetter, die Einsamkeit eines jungen Mädchens oder die mit einer wohlwollenden Gartenschere bewaffnete Hand eines verträumten alten Mannes uns zum Staunen bringen können …
O Lilien, wie ihr voll Unbefangenheit.
Was ich über sie schreibe, schreibe ich aus Pflichtgefühl und per Maschine. Wo immer eine Lilie zu sehen ist, oder mehrere, wird sich unweigerlich eine Stimme aus der Gruppe erheben, die mit literarischer Inbrunst Mallarmé zitiert:
O Lilien, wie ihr voll Unbefangenheit.
Heute bin ich allein; meine Tochter hat mir eine Lilie mitgebracht und dagelassen, und so habe ich es nicht versäumt zu rufen: »O Lilien! Wie ihr …« Aber mein Herz war nicht wirklich dabei. Die Intonation stimmte nicht. Ich war mir selbst so peinlich, wie wenn ich beim Anprobieren des federgeschmückten Huts oder der Ohrringe einer Freundin die konsternierten Gesichter ringsum bemerke. Ich beschließe, noch einen Versuch zu machen, und setze etwas weiter vorn an, um einen besseren Einstieg zu finden:
… allein und stolz, in der Antike Licht die Glieder,
o Lilien, wie ihr voll Unbefangenheit.
Versteifen wir uns nicht darauf. Um ein Gedicht zu ehren, dessen Ruhm Claude Debussy mit seiner Musik festigte, bräuchte es mehr Kunst, mehr Liebe – Pardon an Mallarmé-Kenner wie Henri Mondor! –, als ich aufzubringen in der Lage bin.
Ich bin schon so lange da, dass mich bestimmte Details meines uralten Lebens erheitern. Als der Nachmittag eines Fauns in der besseren Gesellschaft teils auf Ablehnung, teils auf begeisterte Zustimmung stieß, hatte ich schon die Zeit erlebt, in der Jules Lemaître – in der Revue bleue, glaube ich – dem Publikum das kleine Gedicht von Paul Verlaine »erklärte« (sic):
Ein Hälmchen Stroh im Stall, so strahlt der Hoffnung Schein …
Ich habe nicht vergessen, dass Lemaître, der spätere Autor der Komödie La Massière, mit dieser unerwarteten Übersetzungsaufgabe riskierte, eher belächelt als verstanden und eher verspottet als belächelt zu werden. Schrieb er Mallarmé ebenso viel Gewicht zu? Darüber ist nichts zu mir gedrungen. Mir ist nur ein Gerücht über das heidnische Trio zu Ohren gekommen, ein diskreter Skandal zu L’après-midi d’un faune: Die Kritiker betonten, dass die wollüstigen Vergnügungen des Ziegenfüßigen und der beiden Nymphen in einer Gruppe mit ungerader Mitgliederzahl stattfanden …
Den Dichter selbst habe ich nie kennengelernt; sein angenehmes, vornehm wirkendes bärtiges Gesicht ist knapp an mir vorbeigegangen. Auch Erik Satie habe ich nie gesehen, der einen meiner Ehemänner in hohem Bogen hinauswarf – ebenso wenig wie Maupassant, der nach einer »Bamboula«-Mahlzeit darauf bestand, in die Marne zu springen, und trotz seines vollen Bauches nicht ertrank. Barbey d’Aurevilly, dieses arrogante, schuppige Relikt, habe ich ebenfalls nie getroffen … Allerdings hatte ich das Vergnügen, mehrere Jahre lang wenn nicht ihre Freundin, so doch ihre Zeitgenossin zu sein: schlicht diejenige, die sie von ferne wahrnahm. Kein Schriftstück ist mir so viel wert wie die hartnäckigen Erinnerungen an ein menschliches Gesicht, an seine Farbe, den Einschnitt der Pupille, den Strahlenkranz der Iris, die nackte oder behaarte Stirn, den Mund mit seinen fortgesetzten Verfallserscheinungen, einen Mund, der das eigene Gedicht nur ungeschickt ausspricht, aber genau aus einem solchen Mund hätte ich gerne gehört:
O Lilien, wie ihr voll Unbefangenheit …
