Menschenkind - J. R. Ward - E-Book
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Menschenkind E-Book

J. R. Ward

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Beschreibung

BLACK DAGGER – die Mystery-Serie geht weiter!

Der Mensch und Ex-Cop Butch hat ausgerechnet an die Vampiraristokratin Marissa sein Herz verloren. Für sie – und aufgrund einer dunklen Prophezeiung – setzt er alles daran, selbst zum Vampir zu werden.

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Seitenzahl: 402

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Das Buch

Butch O’Neal, der knallharte Ex-Cop aus Caldwell, New York, hat sich ein neues Leben bei den Vampiren der Bruderschaft der BLACK DAGGER aufgebaut. Doch da er ein Mensch ist, versuchen die vampirischen Krieger, Butch aus ihren Kämpfen gegen die Gesellschaft der Lesser herauszuhalten. Dieser Umstand zerrt gewaltig an Butchs Nerven. Und noch schlimmer wird es für ihn, als er sich in die wunderschöne Vampirin Marissa verliebt. Sowohl ihr Bruder als auch die Mitglieder der Glymera, der Vampiraristokratie, setzen alles daran, Butch und Marissa von einander fernzuhalten. Doch als Butch von einem Lesser entführt und gefoltert wird und sein Leben am seidenen Faden hängt, lässt sich Marissa nicht länger davon abhalten, an die Seite des Mannes zu eilen, den sie liebt …

Die Autorin

J. R. Ward begann bereits während ihres Studiums mit dem Schreiben. Nach ihrem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACK DAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die amerikanischen Bestseller-Listen eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg der Serie als neuer Star der romantischen Mystery.

 

Besuchen Sie J. R. Ward unter: www.jrward.com

Inhaltsverzeichnis

Die AutorinWidmungDANKSAGUNGGLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMENKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Copyright

Gewidmet: Dir. Mann, du warst von Anfang an der Hammer, ehrlich. Aber dann kamst du mit deinem Schau mir in die Augen, Kleines … Ich liebe dich wie verrückt.

DANKSAGUNG

Mit unendlicher Dankbarkeit den Lesern der Black Dagger und ein Hoch auf die Cellies – auf welcher Couch sind wir jetzt?

 

Ich danke euch so sehr: Karen Solem, Kara Cesare, Claire Zion, Kara Welsh.

 

Dank an Cap’n Bunny alias Pink Beast und PythAngie the Pitbull Mod – im Ernst, Dorine und Angie, ihr kümmert euch so gut um mich.

 

Dank an die Viererbande: Ich knutsch euch zu Tode … knu-tsche euch zu To-de. Ich wüsste nicht, was ich ohne euch machen würde.

 

An DLB: Vergiss nicht, dass deine Mami dich lieb hat. Immer. An NTM: Was ich am meisten an du-weißt-schon-wo liebe … bist du. Ich habe so ein Glück, dich zu kennen.

Und wie immer heißen Dank an meinen Exekutivausschuss:

Sue Grafton, Dr. Jessica Andersen, Betsey Vaughan.

Und mit dem größten Respekt an die unvergleichliche Suzanne Brockmann.

GLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMEN

Bannung – Status, der einer Vampirin der Aristokratie auf Gesuch ihrer Familie durch den König auferlegt werden kann. Unterstellt die Vampirin der alleinigen Aufsicht ihres Hüters, üblicherweise der älteste Mann des Haushalts. Ihr Hüter besitzt damit das gesetzlich verbriefte Recht, sämtliche Aspekte ihres Lebens zu bestimmen und nach eigenem Gutdünken jeglichen Umgang zwischen ihr und der Außenwelt zu regulieren.

Die Bruderschaft der Black Dagger – Die Brüder des Schwarzen Dolches. Speziell ausgebildete Vampirkrieger, die ihre Spezies vor der Gesellschaft der Lesser beschützen. Infolge selektiver Züchtung innerhalb der Rasse besitzen die Brüder ungeheure physische und mentale Stärke sowie die Fähigkeit zur extrem raschen Heilung. Die meisten von ihnen sind keine leiblichen Geschwister; neue Anwärter werden von den anderen Brüdern vorgeschlagen und daraufhin in die Bruderschaft aufgenommen. Die Mitglieder der Bruderschaft sind Einzelgänger, aggressiv und verschlossen. Sie pflegen wenig Kontakt zu Menschen und anderen Vampiren, außer um Blut zu trinken. Viele Legenden ranken sich um diese Krieger, und sie werden von ihresgleichen mit höchster Ehrfurcht behandelt. Sie können getötet werden, aber nur durch sehr schwere Wunden wie zum Beispiel eine Kugel oder einen Messerstich ins Herz.

Blutsklave – Männlicher oder weiblicher Vampir, der unterworfen wurde, um das Blutbedürfnis eines anderen zu stillen. Die Haltung von Blutsklaven ist heute zwar nicht mehr üblich, aber nicht ungesetzlich.

Die Auserwählten – Vampirinnen, deren Aufgabe es ist, der Jungfrau der Schrift zu dienen. Sie werden als Angehörige der Aristokratie betrachtet, obwohl sie eher spirituell als weltlich orientiert sind. Normalerweise pflegen sie wenig bis gar keinen Kontakt zu männlichen Vampiren; auf Weisung der Jungfrau der Schrift können sie sich aber mit einem Krieger vereinigen, um den Fortbestand ihres Standes zu sichern. Sie besitzen die Fähigkeit zur Prophezeiung. In der Vergangenheit dienten sie alleinstehenden Brüdern zum Stillen ihres Blutbedürfnisses, aber diese Praxis wurde von den Brüdern aufgegeben.

Doggen – Angehörige (r) der Dienerklasse innerhalb der Vampirwelt. Doggen pflegen im Dienst an ihrer Herrschaft altertümliche, konservative Sitten und folgen einem formellen Bekleidungs- und Verhaltenskodex. Sie können tagsüber aus dem Haus gehen, altern aber relativ rasch. Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfhundert Jahren.

Gesellschaft der Lesser — Orden von Vampirjägern, der von Omega zum Zwecke der Auslöschung der Vampirspezies gegründet wurde.

Glymera - Das soziale Herzstück der Aristokratie, sozusagen die »oberen Zehntausend« unter den Vampiren.

Gruft – Heiliges Gewölbe der Bruderschaft der Black Dagger. Sowohl Ort für zeremonielle Handlungen wie auch Aufbewahrungsort für die erbeuteten Kanopen der Lesser. Hier werden unter anderem Aufnahmerituale, Begräbnisse und Disziplinarmaßnahmen gegen Brüder durchgeführt. Niemand außer Angehörigen der Bruderschaft, der Jungfrau der Schrift und Aspiranten hat Zutritt zur Gruft.

Hellren – Männlicher Vampir, der eine Partnerschaft mit einer Vampirin eingegangen ist. Männliche Vampire können mehr als eine Vampirin als Partnerin nehmen.

Hohe Familie – König und Königin der Vampire sowie all ihre Kinder.

Hüter – Vormund eines Vampirs oder einer Vampirin. Hüter können unterschiedlich viel Autorität besitzen, die größte Macht übt der Hüter einer gebannten Vampirin aus.

Jungfrau der Schrift – Mystische Macht, die dem König als Beraterin dient sowie die Vampirarchive hütet und Privilegien erteilt. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und besitzt umfangreiche Kräfte. Hatte die Befähigung zu einem einzigen Schöpfungsakt, den sie zur Erschaffung der Vampire nutzte.

Leahdyre – Eine mächtige und einflussreiche Person.

Lesser – Ein seiner Seele beraubter Mensch, der als Mitglied der Gesellschaft der Lesser Jagd auf Vampire macht, um sie auszurotten. Die Lesser müssen durch einen Stich in die Brust getötet werden. Sie altern nicht, essen und trinken nicht und sind impotent. Im Laufe der Jahre verlieren ihre Haare, Haut und Iris ihre Pigmentierung, bis sie blond, bleich und weißäugig sind. Sie riechen nach Talkum. Aufgenommen in die Gesellschaft werden sie durch Omega. Daraufhin erhalten sie ihre Kanope, ein Keramikgefäß, in dem sie ihr aus der Brust entferntes Herz aufbewahren.

Lheage – Respektsbezeichnung einer sexuell devoten Person gegenüber einem dominanten Partner.

Lielan – Ein Kosewort, frei übersetzt in etwa »mein Liebstes«.

Mahmen – Mutter. Dient sowohl als Bezeichnung als auch als Anrede und Kosewort.

Mhis – Die Verhüllung eines Ortes oder einer Gegend; die Schaffung einer Illusion.

Nalla – Kosewort. In etwa »Geliebte«.

Novizin – Eine Jungfrau.

Omega – Unheilvolle mystische Gestalt, die sich aus Groll gegen die Jungfrau der Schrift die Ausrottung der Vampire zum Ziel gesetzt hat. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und hat weitreichende Kräfte, wenn auch nicht die Kraft zur Schöpfung.

Phearsom – Begriff, der sich auf die Funktionstüchtigkeit der männlichen Geschlechtsorgane bezieht. Wörtlich übersetzt etwa: »würdig, in eine Frau einzudringen«.

Princeps – Höchste Stufe der Vampiraristokratie, untergeben nur den Mitgliedern der Hohen Familie und den Auserwählten der Jungfrau der Schrift. Dieser Titel wird vererbt; er kann nicht verliehen werden.

Pyrokant – Bezeichnet die entscheidende Schwachstelle eines Individuums, sozusagen seine Achillesverse. Diese Schwachstelle kann innerlich sein, wie zum Beispiel eine Sucht, oder äußerlich, wie ein geliebter Mensch.

Rythos – Rituelle Prozedur, um verlorene Ehre wiederherzustellen. Der Rythos wird von dem Vampir gewährt, der einen anderen beleidigt hat. Wird er angenommen, wählt der Gekränkte eine Waffe und tritt damit dem unbewaffneten Beleidiger entgegen.

Schleier — Jenseitige Sphäre, in der die Toten wieder mit ihrer Familie und ihren Freunden zusammentreffen und die Ewigkeit verbringen.

Shellan – Vampirin, die eine Partnerschaft mit einem Vampir eingegangen ist. Vampirinnen nehmen sich in der Regel nicht mehr als einen Partner, da gebundene männliche Vampire ein ausgeprägtes Revierverhalten zeigen.

Symphath – Eigene Spezies innerhalb der Vampirrasse, deren Merkmale die Fähigkeit und das Verlangen sind, Gefühle in anderen zu manipulieren (zum Zwecke eines Energieaustauschs). Historisch wurden die Symphathen oft mit Misstrauen betrachtet und in bestimmten Epochen auch von den Vampiren gejagt. Sind heute nahezu ausgestorben.

Tahlly — Kosewort. Entspricht in etwa »Süße«.

Transition – Entscheidender Moment im Leben eines Vampirs, wenn er oder sie ins Erwachsenenleben eintritt. Ab diesem Punkt müssen sie das Blut des jeweils anderen Geschlechts trinken, um zu überleben, und vertragen kein Sonnenlicht mehr. Findet normalerweise mit etwa Mitte zwanzig statt. Manche Vampire überleben ihre Transition nicht, vor allem männliche Vampire. Vor ihrer Transition sind Vampire von schwächlicher Konstitution und sexuell unreif und desinteressiert. Außerdem können sie sich noch nicht dematerialisieren.

Triebigkeit — Fruchtbare Phase einer Vampirin. Üblicherweise dauert sie zwei Tage und wird von heftigem sexuellem Verlangen begleitet. Zum ersten Mal tritt sie etwa fünf Jahre nach der Transition eines weiblichen Vampirs auf, danach im Abstand von etwa zehn Jahren. Alle männlichen Vampire reagieren bis zu einem gewissen Grad auf eine triebige Vampirin, deshalb ist dies eine gefährliche Zeit. Zwischen konkurrierenden männlichen Vampiren können Konflikte und Kämpfe ausbrechen, besonders wenn die Vampirin keinen Partner hat.

Vampir – Angehöriger einer gesonderten Spezies neben dem Homo sapiens. Vampire sind darauf angewiesen, das Blut des jeweils anderen Geschlechts zu trinken. Menschliches Blut kann ihnen zwar auch das Überleben sichern, aber die daraus gewonnene Kraft hält nicht lange vor. Nach ihrer Transition, die üblicherweise etwa mit Mitte zwanzig stattfindet, dürfen sie sich nicht mehr dem Sonnenlicht aussetzen und müssen sich in regelmäßigen Abständen aus der Vene ernähren. Entgegen einer weitverbreiteten Annahme können Vampire Menschen nicht durch einen Biss oder eine Blutübertragung »verwandeln«; in seltenen Fällen aber können sich die beiden Spezies zusammen fortpflanzen. Vampire können sich nach Belieben dematerialisieren, dazu müssen sie aber ganz ruhig werden und sich konzentrieren; außerdem dürfen sie nichts Schweres bei sich tragen. Sie können Menschen ihre Erinnerung nehmen, allerdings nur, solange diese Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert sind. Manche Vampire können auch Gedanken lesen. Die Lebenserwartung liegt bei über eintausend Jahren, in manchen Fällen auch höher.

Vergeltung – Akt tödlicher Rache, typischerweise ausgeführt von einem Mann im Dienste seiner Liebe.

Wanderer – Ein Verstorbener, der aus dem Schleier zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Wanderern wird großer Respekt entgegengebracht und sie werden für das, was sie durchmachen mussten, verehrt.

Zwiestreit – Konflikt zwischen zwei männlichen Vampiren, die Rivalen um die Gunst einer Vampirin sind.

1

»Weißt du, wovon ich träume, Süßer?«

Butch O’Neal setzte seinen Scotch ab und betrachtete die Blondine, die ihn angesprochen hatte. Hier im VIP-Bereich des ZeroSum war sie in ihren weißen Lacklederstrapsen schon eine heiße Nummer. Eine Kreuzung aus Barbie und Barbarella. Das Sortiment des Reverend war immer vom Feinsten, aber vielleicht war sie auch Model für FHM oder Maxim.

Sie legte ihre Hände auf den Marmortisch und beugte sich zu ihm vor. Ihre Brüste waren perfekt, das Beste, was man für Geld kaufen konnte. Und ihr Lächeln war strahlend, ein Versprechen auf kommende Freuden, für die man Kniepolster benutzt. Ob nun für Geld oder nicht, das war eine Frau, die ausreichend zu schlucken bekam und das auch gut fand.

»Na, was ist, Süßer?«, übertönte sie die hämmernden Techno-Beats. »Willst du meinen Traum nicht in Erfüllung gehen lassen?«

Er verzog leicht die Lippen. Keine Frage, sie würde heute Nacht jemanden glücklich machen. Vermutlich eine ganze Busladung voller Glückspilze. Aber er würde nicht in dem Doppeldecker mitfahren.

»Sorry, du musst dir einen anderen Prinzen suchen.«

Ihr völliger Mangel an Reaktion klärte die Frage nach ihrem Berufsstand. Mit einem leeren Lächeln schwebte sie zum nächsten Tisch und zog dort die gleiche Nummer ab.

Butch legte den Kopf in den Nacken und saugte den letzten Rest Lagavulin aus seinem Glas. Ohne weitere Verzögerung winkte er einer Kellnerin. Sie kam gar nicht an seinen Tisch, sondern nickte nur und machte sich direkt auf die Socken, um Nachschub zu beschaffen.

Es war fast drei Uhr morgens, der Rest des Dreigespanns würde also in einer halben Stunde auflaufen. Vishous und Rhage waren unterwegs, um Lesser zu jagen, die seelenlosen Bastarde, die ihre Art vernichten wollten. Doch wahrscheinlich würden die beiden Vampire enttäuscht hier landen. Der geheime Krieg zwischen ihrer Spezies und der Gesellschaft der Lesser war den ganzen Januar und Februar über eher stockend geführt worden, denn nur wenige Vampirjäger ließen sich blicken. Das war eine gute Nachricht für die Zivilbevölkerung, gab der Bruderschaft aber Grund zur Sorge.

»Hallo, Bulle.« Die tiefe Männerstimme ertönte direkt hinter Butchs Kopf.

Butch lächelte. Bei dem Geräusch musste er immer an nächtlichen Nebel denken; die Sorte, die eine tödliche Gefahr verhüllt. Gut, dass er etwas für die dunkle Seite übrighatte.

»N’Abend, Reverend«, gab er zurück, ohne sich umzudrehen.

»Ich wusste, du würdest sie wegschicken.«

»Kannst du Gedanken lesen?«

»Manchmal.«

Butch warf einen Blick über die Schulter. Der Reverend stand in lässiger Pose im Schatten, die Amethystaugen leuchtend, der Iro auf seinem Kopf kurz rasiert. Sein schwarzer Anzug war großartig: Valentino. Butch besaß genau den gleichen.

Wobei das gute Stück im Fall des Reverend von seinem eigenen Geld gekauft worden war. Der Reverend, alias Rehvenge, alias Bruder von Zs Shellan Bella, war der Eigentümer des ZeroSum und verdiente an allem, was hier über beziehungsweise unter dem Ladentisch ging, mit. Bei all der Verderbtheit, die in diesem Klub zum Verkauf stand, war sein Sparschwein sicher am Ende jeder langen Nacht bis zum Bersten gefüllt.

»Nee, die war nichts für dich.« Jetzt setzte sich der Reverend neben ihn und glättete die perfekt geknotete Versace-Krawatte. »Und ich weiß auch, warum du Nein gesagt hast.«

»Ach ja?«

»Du magst keine Blonden.«

Nicht mehr, genauer gesagt. »Vielleicht hat sie mir einfach nicht gefallen.«

»Ich weiß, was du willst.«

Als Butchs frischer Scotch eintraf, befasste er sich sofort intensiv mit dem Inhalt seines Glases. »So, so, weißt du das.«

»Das ist mein Job. Vertrau mir.«

»Nichts für ungut, aber in der Sache lieber nicht.«

»Ich sag dir mal was, Bulle.« Der Reverend beugte sich ganz nah zu ihm, und der Mann roch fantastisch. Cool Water von Davidoff war eben einfach immer wieder gut. »Ich helfe dir trotzdem.«

Butch schlug ihm auf die massige Schulter. »Ich interessiere mich nur für Barkeeper, Kumpel. Von barmherzigen Samaritern bekomme ich Ausschlag.«

»Manchmal wirkt einfach nur das Gegenteil.«

»Dann haben wir aber verdammtes Pech.« Butch deutete mit dem Kopf auf die halb nackte Menge, die sich zugedröhnt auf der Tanzfläche wand. »Hier sehen alle gleich aus.«

Komisch, während seiner Jahre bei der Polizei von Caldwell war Butch das ZeroSum immer ein Rätsel gewesen. Jeder wusste, dass es eine Sex- und Drogenhölle war. Aber niemand war in der Lage gewesen, genügend Verdachtsmomente auf den Tisch zu legen, um endlich einen Durchsuchungsbefehl zu bekommen – obwohl man an jedem beliebigen Abend hier reinmarschieren und Dutzende von Gesetzesverstößen beobachten konnte. Meistens gleich zwei auf einmal.

Doch seit Butch sich mit der Bruderschaft herumtrieb, wusste er warum. Der Reverend hatte einiges in der Trickkiste, wenn es darum ging, die menschliche Wahrnehmung von Ereignissen und Umständen zu verändern. Als Vampir konnte er das Kurzzeitgedächtnis jedes Menschen löschen, Überwachungskameras manipulieren und sich nach Lust und Laune dematerialisieren. Der Typ und sein Laden waren ein bewegliches Ziel, das sich nie bewegte.

»Sag mal«, begann Butch, »wie hast du es eigentlich geschafft, deine kleine Nebenbeschäftigung hier vor deiner Aristokratenfamilie geheim zu halten?«

Der Reverend lächelte leicht, sodass nur die Spitzen seiner Fänge zu sehen waren. »Sag mal, wie hat es ein Mensch geschafft, so dicke mit der Bruderschaft zu werden?«

Nachdenklich tippte Butch an sein Glas. »Manchmal geht das Schicksal bescheuerte Wege.«

»Wie wahr, Mensch. Wie wahr.« Als Butchs Handy klingelte, stand der Reverend auf. »Ich schicke dir was rüber, Kumpel.«

»Wenn es kein Scotch ist, will ich es nicht haben.«

»Du wirst schon sehen.«

»Glaube ich nicht.« Butch klappte sein Handy auf. »Was ist los, V? Wo seid ihr?«

Vishous keuchte wie ein Rennpferd, im Hintergrund heulte der Wind: die Symphonie einer Verfolgungsjagd. »Scheiße, Bulle. Wir haben Probleme.«

Sofort wurde bei Butch sämtliches Adrenalin auf einmal ausgeschüttet. »Wo seid ihr?«

»In einem Vorort. Die verdammten Lesser haben angefangen, Zivilisten in ihren Häusern zu jagen.«

Butch sprang auf. »Ich bin schon unterwegs …«

»Nichts da. Du bleibst, wo du bist. Ich hab nur angerufen, damit du nicht glaubst, wir wären tot oder so, wenn wir nicht auftauchen. Bis später.«

Die Verbindung war weg.

Butch ließ sich wieder auf seinen Platz sinken. Vom Nachbartisch dröhnte lautes, fröhliches Lachen herüber, irgendein toller Witz, der alle zum Prusten brachte.

Butch starrte in sein Glas. Vor sechs Monaten hatte er nichts im Leben gehabt. Keine Frau. Keine Familie, der er nahestand. Kein vernünftiges Zuhause. Und sein Job bei der Mordkommission hatte ihn aufgefressen. Dann war er wegen Polizeibrutalität an die Luft gesetzt worden und hatte sich in Folge einiger wirklich absonderlicher Ereignisse der Bruderschaft angeschlossen. Hatte die eine und einzige Frau kennengelernt, die ihm je den Atem verschlagen hatte. Und außerdem hatte er seinen Klamottenstil vollkommen umgekrempelt.

Zumindest der letzte Punkt war positiv zu bewerten.

Eine Zeit lang hatten diese Veränderungen die Realität verschleiert, aber nach und nach war ihm aufgefallen, dass er trotz aller äußerer Unterschiede im Prinzip genau da stand, wo er seit jeher gestanden hatte: Er war auch nicht besser dran als damals, als er noch in seinem alten Leben dahinvegetierte. Er gehörte immer noch nirgends dazu, fühlte sich stets außen vor, drückte sich die Nase an der Scheibe platt.

Während er seinen Scotch leerte. dachte er an Marissa und stellte sich ihr hüftlanges blondes Haar vor. Ihre blasse Haut. Ihre hellblauen Augen. Ihre Fänge.

Der Reverend hatte recht – keine Blonden für ihn. Mit einer Hellhaarigen könnte er nie im Leben intim werden.

Ach, was sollte dieser Haarfarbenblödsinn. Keine Frau in diesem Klub oder auf dem ganzen Planeten konnte Marissa das Wasser reichen. Sie war rein wie ein Kristall, sie brach das Licht, verbesserte das Leben um sich her, leuchtete durch ihre Anmut.

Mist. Er war ja so ein Trottel.

Aber es war einfach so wunderbar mit ihnen beiden gewesen. In der kurzen Zeit, als sie sich von ihm angezogen zu fühlen schien, hatte er gehofft, sie könnten zusammen etwas aufbauen. Doch dann war sie urplötzlich von der Bildfläche verschwunden. Was selbstverständlich nur ein Beweis für ihre Intelligenz war. Er hatte einer Frau nicht viel zu bieten, und das lag nicht allein daran, dass er nur ein Mensch war.

Im Dunstkreis der Bruderschaft trat er auf der Stelle: An ihrer Seite kämpfen konnte er nicht, weil er war, was er war; in die Welt der Menschen zurückkehren konnte er ebenfalls nicht, weil er zu viel wusste. Und der einzige Weg aus dieser gottverdammten Position heraus war der Abtransport in einem Sarg.

Sprich: Er war ein echter Jackpot für jede Partnervermittlungsagentur!

Mit einem weiteren Ausbruch von Lustig-lustig-tralalalala ließ die Gruppe am Nebentisch eine neue Salve lautstarker Lacher los, und Butch schielte zu ihnen herüber. Im Zentrum der Party stand ein kleiner blonder Kerl im geschniegelten Anzug. Er sah aus wie fünfzehn, war aber seit einem Monat Stammgast im VIP-Bereich und warf mit Geld um sich, als wäre es Konfetti.

Ganz offensichtlich machte der Bursche seine physischen Defizite durch den Einsatz seiner Brieftasche wett. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Geld nicht stinkt.

Butch leerte seinen Lagavulin, winkte der Kellnerin und musterte dann den Boden seines Whiskyglases. Scheiße. Nach vier Doppelten spürte er noch immer nichts, was ihm eindeutig zeigte, wie gut sich seine Toleranzschwelle entwickelte. Er war eindeutig in die Profiliga des Alkoholismus aufgestiegen. Das hier war kein Amateurkram mehr.

Und als auch diese Erkenntnis ihm nicht weiter zu schaffen machte, wurde ihm klar, dass er endgültig nicht mehr auf der Stelle trat. Jetzt ging es steil bergab.

Er hatte heute ja wirklich mal wieder blendende Laune.

»Der Reverend meinte, du bräuchtest etwas Zuspruch.«

Butch machte sich nicht die Mühe aufzublicken. »Nein, danke.«

»Warum schaust du mich nicht erst mal an?«

»Sag deinem Boss, ich weiß seine …« Butch hob den Kopf und hielt die Klappe.

Er erkannte die Frau sofort; wobei die Sicherheitschefin des ZeroSum auch nicht leicht zu vergessen war. Gut einen Meter achtzig groß. Pechschwarze Haare mit einem Männerschnitt. Augen von dem Dunkelgrau eines Gewehrlaufs. In dem ärmellosen Feinrippshirt sah man, dass sie den Oberkörper eines Spitzensportlers hatte, nur Muskeln, kein Gramm Fett. Ihre Ausstrahlung verriet deutlich, dass sie Knochen brechen und Spaß dabei haben konnte, und gedankenverloren betrachtete Butch ihre Hände. Lange Finger. Kräftig. Von der Sorte, die richtig Schaden anrichten konnten.

Zum Teufel auch … es würde ihm gefallen, wenn man ihm wehtäte. Heute Nacht würde er zur Abwechslung gerne mal äußerlichen Schmerz empfinden.

Jetzt lächelte die Frau ein wenig, als könnte sie seine Gedanken lesen, und dabei erhaschte er einen Blick auf ihre Fänge. Aha … sie war also keine menschliche Frau. Sie war eine Vampirin.

Der Reverend hatte recht gehabt, der alte Bastard. Mit ihr würde es hinhauen, weil sie das absolute Gegenteil von Marissa war. Und weil sie für die Art von anonymem Sex stand, die Butch sein gesamtes Erwachsenenleben über gehabt hatte. Und weil sie genau die Sorte Schmerz verkörperte, nach der er sich unbewusst sehnte.

Als er die Hand unter das Jackett seines Ralph Lauren Black Label-Anzugs steckte, schüttelte sie den Kopf. »Ich arbeite nicht für Bares. Niemals. Betrachte es als Gefallen für einen Freund.«

»Ich kenne dich gar nicht.«

»Ich spreche auch nicht von dir.«

Butch sah ihr über die Schulter und entdeckte Rehvenge. Der Vampir lächelte ihm selbstzufrieden zu, dann verschwand er in seinem Büro.

»Er ist ein sehr guter Freund von mir«, murmelte sie.

»Ach ja? Wie heißt du denn?«

»Das spielt keine Rolle.« Sie hielt ihm die Hand hin. »Komm schon, Butch alias Brian, Nachname O’Neal. Komm mit mir. Vergiss für ein Weilchen, warum auch immer du einen Whisky nach dem anderen in dich reinkippst. Ich verspreche dir, die ganze Selbstzerstörung wird noch immer auf dich warten, wenn du zurückkommst.«

O Mann, es begeisterte ihn wirklich nicht besonders, wie gut sie ihn durchschaute. »Sag mir doch erst mal, wie du heißt.«

»Heute Nacht darfst du mich Sympathy nennen. Wie wäre das?«

Er musterte sie vom Scheitel bis zu den Stiefeln. Sie trug eine schwarze Lederhose. Wer hätte das gedacht. »Du hast nicht zufällig zwei Köpfe, Sympathy?«

Sie musste lachen, ein tiefer, satter Ton. »Nein, und ich bin auch keine Transe. Dein Geschlecht ist nicht das Einzige, das stark sein kann.«

Er blickte in ihre stahlgrauen Augen. Sah dann zu den Toilettenräumen. Gott … das alles war so vertraut. Ein Quickie mit einer Fremden, ein bedeutungsloser Zusammenprall zweier Körper. Das war das tägliche Brot seines Sexlebens gewesen, solange er denken konnte – nur, dass er sich nicht erinnern konnte, jemals diese krankhafte Verzweiflung dabei verspürt zu haben.

Egal. Wollte er wirklich enthaltsam bleiben, bis ihn die Leberzirrhose dahinraffte? Nur, weil eine Frau, die er gar nicht verdiente, ihn nicht haben wollte?

Er warf einen Blick auf seine Hose. Sein Fleisch war willig. Zumindest in der Hinsicht passte alles.

Butch erhob sich, die Brust so kalt wie winterlicher Asphalt. »Gehen wir.«

 

Mit einem traumhaften Geigentremolo wechselte das Orchester zu einem Walzer über, und Marissa beobachtete, wie die glanzvolle Menge sich im Ballsaal zusammenfand. Um sie herum gingen Männer und Frauen aufeinander zu, verschränkten die Hände, pressten ihre Körper aneinander, sahen einander in die Augen. Dutzende unterschiedlicher Variationen des Bindungsduftes vermischten sich zu einem üppigen Aroma.

Sie atmete durch den Mund ein, um nicht zu viel davon riechen zu müssen.

Flucht war allerdings zwecklos, denn so lief es nun mal. Die Aristokratie mochte stolz auf ihre Etikette und ihre Umgangsformen sein, doch die Glymera unterlag trotz allem den biologischen Realitäten ihrer Spezies: Wenn ein Vampir sich an eine Vampirin band, war seinem Besitzanspruch ein ganz bestimmter Duft eigen. Nahm eine Vampirin den Partner an, dann trug sie diesen dunklen Geruch mit Stolz auf der Haut.

Oder zumindest ging Marissa davon aus, dass es Stolz war.

Von den einhundertfünfundzwanzig Vampiren im Ballsaal ihres Bruders war sie die einzige Frau ohne Partner. Es gab eine Reihe von unverheirateten Männern, aber keiner davon würde sie jemals um einen Tanz bitten. Lieber setzten sie den Walzer aus oder führten ihre Schwestern und Mütter auf die Tanzfläche, als sich ihr auch nur zu nähern.

Nein, sie war wie immer unerwünscht, und als ein Paar direkt vor ihr vorbeiwirbelte, war sie so höflich, zu Boden zu blicken. Sie wollte ja nicht, dass die beiden sich gegenseitig über die Füße stolperten, nur weil sie krampfhaft ihrem Blick auswichen.

Ihre Haut zog sich zusammen, und sie war sich nicht sicher, warum ihr heute Nacht ihr Status als Ausgestoßene besonders belastend vorkam. Du meine Güte, seit vierhundert Jahren hatte ihr kein Angehöriger der Glymera mehr in die Augen gesehen, daran war sie längst gewöhnt: Zuerst war sie die ungeliebte Shellan des Blinden Königs gewesen. Jetzt war sie die ehemalige ungeliebte Shellan, die zugunsten seiner angebeteten Mischlingskönigin abserviert worden war.

Vielleicht war sie einfach nur erschöpft davon, nie dazuzugehören.

Mit zitternden Händen und schmalen Lippen hob sie den schweren Rock ihres Kleides leicht an und schritt auf die prächtige Flügeltür des Ballsaals zu. Die Rettung lag gleich draußen in der Halle, und sie schob mit einem Stoßgebet die Tür zum Damensalon auf. Die Luft, die ihr entgegenströmte, roch nach Freesien und Parfüm, und in den Armen ihrer unsichtbaren Liebkosung lag … nur Stille.

Der Jungfrau der Schrift sei gedankt.

Ihre Anspannung ließ etwas nach, als sie eintrat und sich umsah. Diesen speziellen Toilettenraum im Haus ihres Bruders hatte sie schon immer als eine Art üppiges Umkleidezimmer für Debütantinnen betrachtet. Im leuchtenden Stil der russischen Zarenzeit eingerichtet, bot der blutrote Sitz-und Schminkbereich zehn zusammenpassende Frisiertische, jeder davon mit allem ausgestattet, was eine Vampirin zur Verschönerung ihres Erscheinungsbildes nur benötigen konnte. Am anderen Ende des Salons lagen die separaten Waschräume, jeder davon nach dem Vorbild eines anderen Fabergé-Eis aus der umfangreichen Sammlung ihres Bruders gestaltet.

Vollendet weiblich. Vollendet schön.

Hier inmitten all der Pracht wollte sie am liebsten laut schreien.

Doch sie biss sich nur auf die Lippe und beugte sich vor, um ihre Frisur in einem der Spiegel zu überprüfen. Das schwere blonde Haar, das ihr offen bis zur Hüfte reichte, war kunstfertig hochgesteckt. Selbst nach mehreren Stunden saß noch alles perfekt, sogar die Perlenschnur, die ihr Doggen eingearbeitet hatte, war noch an Ort und Stelle.

Andererseits hatte das Herumstehen am Rande der Tanzfläche ihre Marie-Antoinette-Toilette auch nicht gerade besonders in Anspruch genommen.

Allerdings war ihr Halsschmuck schon wieder verrutscht. Sie zupfte das doppelreihige Perlenhalsband gerade, sodass die davon herabtropfende dreiundzwanzig Millimeter messende Tahitiperle wieder direkt ihr Dekolleté betonte.

Das taubengraue Abendkleid stammte von Balmain; sie hatte es in den 1940ern in Manhattan gekauft. Kette, Ohrringe und Armband waren von Tiffany, wie üblich: Als ihr Vater Ende des neunzehnten Jahrhunderts den großen Louis Comfort entdeckt hatte, wurde seine Familie umgehend zu einer treuen Kundschaft und war es bis heute geblieben.

Was doch auch das Markenzeichen der Aristokratie war, oder nicht? Beständigkeit und Niveau in allen Dingen; Veränderungen und Fehler waren unbedingt mit deutlicher Missbilligung zu quittieren.

Sie stellte sich gerade hin und ging rückwärts, bis sie sich ganz im Spiegel sehen konnte. Das Bild, das sie sah, war paradox: Ihre Erscheinung war makellos, eine überirdische Schönheit, die mehr gestaltet denn geboren schien. Sie war groß und schlank, ihre Konturen grazil, ihr Gesicht einfach betörend, das Zusammenspiel von Lippen und Augen und Wangen und Nase vollkommen. Ihre Haut war wie Alabaster. Die Augen silberblau. Das Blut in ihren Venen gehörte zum reinsten der gesamten Spezies.

Und doch stand sie nun hier. Die Verlassene. Die übrig Gebliebene. Die ungeliebte, schadhafte alte Jungfer, die nicht einmal ein reinrassiger Krieger wie Wrath sexuell hatte ertragen können, nicht ein einziges Mal, und sei es nur, um sie endlich aus ihrem Zustand als Novizin zu erlösen. Und dank seiner Zurückweisung war sie noch immer ungebunden, obwohl sie endlos lange mit Wrath zusammen gewesen war. Denn man musste genommen werden, um als jemandes Shellan zu gelten.

Die Trennung war überraschend gekommen und gleichzeitig überhaupt keine Überraschung gewesen. Für niemanden. Trotz Wraths öffentlicher Erklärung, sie habe ihn verlassen, kannte die Glymera die Wahrheit. Jahrhundertelang war sie unberührt geblieben, hatte nie seinen Bindungsduft getragen, nie einen Tag allein mit ihm verbracht. Um es auf den Punkt zu bringen: Keine Frau hätte Wrath jemals freiwillig verlassen. Er war der Blinde König, der letzte reinrassige Vampir der Welt, ein großer Krieger und Mitglied der Bruderschaft der Black Dagger. Es gab keinen Vampir, der über ihm stand.

Und welche Schlussfolgerung zog die Aristokratie daraus? Mit ihr musste etwas nicht stimmen, etwas, das sehr wahrscheinlich unter ihren Kleidern verborgen war. Und der Defekt war vermutlich sexueller Natur. Warum sonst sollte ein Vollblutkrieger keinen erotischen Drang ihr gegenüber verspüren?

Sie holte tief Luft. Dann noch einmal. Und noch einmal.

Der Duft frischer Schnittblumen stieg ihr in die Nase, süß schwoll er an, wurde dichter, verdrängte die Luft … bis sie nur noch dieses Aroma in den Lungen hatte. Ihre Kehle schien zugeschnürt, als wollte sie die Attacke abwehren. Sie zerrte an ihrer Kette. Eng … sie war so eng an ihrem Hals. Und schwer … wie Hände, die sie würgten … Sie öffnete den Mund, um zu atmen, aber das half nicht. Ihre Lungen waren verstopft vom Blumengestank, ummantelt davon … sie erstickte, ertrank, obwohl sie nicht im Wasser war …

Auf wackeligen Beinen schwankte sie zur Tür, doch sie konnte den tanzenden Paaren einfach nicht gegenübertreten, diesen Leuten, die sich selbst darüber definierten, dass sie Marissa geächtet hatten. Nein, sie durfte sich ihnen nicht zeigen … sie würden ihr ansehen, wie verstört sie war. Sie würden merken, wie schwer das für sie war. Und dann würden sie sie noch stärker verachten.

Ihr Blick wanderte im Raum herum, schnellte über jeden Gegenstand, prallte von den Spiegeln ab. Panisch versuchte sie zu … was machte sie nur? Wohin konnte sie … gehen, Schlafzimmer, oben … Sie musste … o Gott … sie bekam keine Luft. Sie würde hier sterben, genau hier und jetzt, und zwar daran, dass ihre Kehle sich zusammenzog, als würde sie gewürgt.

Havers … ihr Bruder … sie musste ihn rufen. Er war Arzt … Er würde kommen und ihr helfen – doch dann wäre sein Geburtstag ruiniert. Ruiniert … ihretwegen. Alles ihretwegen ruiniert … Es war alles ihre Schuld … alles. Die ganze Schande war ihre Schuld. Der Jungfrau sei Dank waren ihre Eltern lange tot und hatten nicht miterlebt … was sie war …

Übergeben. Sie müsste sich definitiv übergeben.

Die Hände zitternd, die Knie weich wie Pudding stürzte sie in eine der Toiletten und schloss sich ein. Im Vorbeilaufen stellte sie das Wasser an, um ihr Keuchen zu übertönen, falls jemand hereinkommen sollte. Dann fiel sie auf die Knie und beugte sich über die Schüssel.

Sie würgte und röchelte, ihre Kehle kämpfte sich durch die Krämpfe, doch nichts als heiße Luft kam aus ihrem Magen. Ihr brach der Schweiß auf der Stirn, unter den Achseln und zwischen den Brüsten aus. Alles drehte sich. Gedanken ans Sterben, einsam und ohne Hilfe, an den Geburtstag ihres Bruders, den sie ruinieren würde, an den Abscheu der anderen vor einer wie ihr schwirrten wie Bienen … Bienen in ihrem Kopf herum, summten, stachen … brachten Tod … Gedanken wie Bienen …

Marissa begann zu weinen – nicht, weil sie dachte, sie würde sterben, sondern weil sie wusste, dass es nicht so war.

Mein Gott, ihre Panikattacken in den vergangenen Monaten waren brutal gewesen, ihre Ängste verfolgten sie auf Schritt und Tritt, ohne je zu ermüden. Und jedes Mal, wenn sie einen Zusammenbruch erlitt, war die Erfahrung eine neuerliche und grausige Offenbarung.

Den Kopf in die Hand gestützt, schluchzte sie heiser, Tränen rannen ihr über das Gesicht und verfingen sich in den Perlen und Diamanten an ihrem Hals. Sie war so allein. Eingesperrt in einem wunderschönen, reichen, vornehmen Albtraum, wo die schwarzen Männer Fräcke und Smokings trugen und die Krähen auf Schwingen aus Satin und Seide herabschwebten, um ihr die Augen auszupicken.

Sie holte tief Luft, versuchte, die Kontrolle über ihre Atmung zurückzugewinnen. Ruhig … ganz ruhig. Alles ist gut. Du hast das schon einmal erlebt.

Nach einer Weile schaute sie in die Toilette. Die Schüssel war aus massivem Gold und unter ihren Tränen kräuselte sich das Wasser, als schiene Sonnenlicht hinein. Unvermittelt wurde ihr bewusst, dass die Fliesen unter ihren Knien hart waren. Und dass ihr Korsett ihr in die Rippen stach. Und dass ihre Haut klamm war.

Sie hob den Kopf und blickte sich um. Na, sieh mal einer an. Sie hatte sich ausgerechnet ihre Lieblingstoilette für ihren Kollaps ausgesucht, die mit dem Maiglöckchenmotiv. Sie sah sich umgeben von zartrosa Wänden mit handgemalten hellgrünen Ranken und kleinen weißen Blümchen. Fußboden und Waschbecken waren aus rosa Marmor mit cremefarbener Maserung. Die Wandleuchter waren golden.

Sehr hübsch. Der perfekte Hintergrund für eine Panikattacke, also wirklich. Andererseits konnte man Angst heutzutage ja zu allem tragen. Das neue Schwarz.

Marissa erhob sich vom Boden, stellte das Wasser ab und ließ sich auf den kleinen, mit Seide bezogenen Stuhl in der Ecke sinken. Ihr Kleid bauschte sich um sie herum wie ein Tier, das alle viere von sich streckt, nun, da das Drama vorüber war.

Sie betrachtete sich im Spiegel. Ihr Gesicht war fleckig, die Nase rot. Das Make-up war ruiniert. Ihre Haare völlig zerzaust.

So nämlich sah sie von innen aus; kein Wunder, dass die Glymera sie verachtete. Irgendwie wussten alle, dass dies ihr wahres Gesicht war.

Gott … vielleicht hatte Butch sie deshalb nicht gewollt …

Ach, Blödsinn. An ihn zu denken war nun wirklich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Sie musste sich erst mal wieder zusammenreißen und dann in ihr Zimmer flüchten. Schon richtig, sich zu verstecken war wenig reizvoll, aber das war sie selbst ja auch nicht.

Gerade, als sie ihre Haare in Ordnung bringen wollte, hörte sie die Außentür des Salons aufgehen, die Kammermusik wurde lauter, dann wieder gedämpfter, als die Tür sich wieder schloss.

Na toll. Jetzt saß sie in der Falle. Aber vielleicht war es ja nur eine Frau, dann müsste sie sich keine Sorgen machen, irgendwelche Gespräche zu belauschen.

»Ich kann nicht fassen, dass ich mir den Schal bekleckert habe, Sanima.«

Okay, jetzt war sie nicht nur ein Feigling, sondern auch die Lauscherin an der Wand.

»Man sieht es kaum«, entgegnete die Angesprochene, Sanima. »Trotzdem danke ich der Jungfrau, dass du es bemerkt hast, bevor es jemand anderem auffallen konnte. Komm, wir tupfen es mit Wasser ab.«

Marissa schüttelte sich, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Mach dir keine Sorgen um die, kümmere dich einfach nur um dein Haar. Und wisch dir um Himmels willen diese Wimperntusche ab. Du siehst aus wie ein Waschbär. Sie nahm einen Waschlappen und befeuchtete ihn leise, während die beiden Frauen in die kleine Kabine gegenüber gingen. Offenbar ließen sie die Tür offen stehen – ihre Stimmen waren klar und deutlich zu hören.

»Aber wenn es doch jemand gesehen hat?«

»Sch-sch … jetzt zieh den Schal erst mal aus – o mein Gott.« Man hörte ein kurzes Auflachen. »Dein Hals.«

Die Stimme der jüngeren Frau senkte sich zu einem begeisterten Flüstern herab. »Das war Marlus. Seit unserer Hochzeit letzten Monat ist er …«

Jetzt lachten sie gemeinsam.

»Kommt er oft während des Tages zu dir?« Sanimas geheimnistuerischer Tonfall klang entzückt.

»O ja. Als er sagte, er wolle eine Verbindungstür zwischen unseren Schlafzimmern, wusste ich zuerst nicht, warum. Jetzt weiß ich es. Er ist … unersättlich. Und er … er will sich nicht nur nähren.«

Marissa verharrte regungslos mit dem Waschlappen unter dem Auge. Nur einmal hatte sie die Begierde eines Mannes nach ihr erlebt. Ein Kuss, nur ein einziger … und diese Erinnerung bewahrte sie sorgfältig. Sie würde als Jungfrau begraben werden, und dieses kurze Aufeinandertreffen zweier Münder war alles an Sexualität, was sie jemals erleben würde.

Butch O’Neal. Butch hatte sie so geküsst wie – Schluss jetzt.

Sie wandte sich ihrer anderen Gesichtshälfte zu.

»Frischverheiratet, wie wunderbar. Obwohl du diese Stellen niemanden sehen lassen solltest. Deine ganze Haut ist wund.«

»Deshalb bin ich doch hierher gerannt. Was, wenn jemand mich aufforderte, doch den Schal abzunehmen, weil ich Wein darüber vergossen habe?« Das wurde mit der Art von Entsetzen in der Stimme geflüstert, die normalerweise für Missgeschicke mit großen Messern reserviert ist.

Wobei Marissa nur zu gut verstehen konnte, warum man vermeiden wollte, die Aufmerksamkeit der Glymera auf sich zu ziehen.

Sie warf den Waschlappen beiseite und widmete sich ihrem Haar … und gab es schließlich auf, die Gedanken an Butch zu verdrängen.

Wie gerne sie seine Zahnabdrücke vor den Augen der Glymera verborgen hätte. Wie gerne sie unter ihrer gesitteten Kleidung das köstliche Geheimnis gewahrt hätte, dass ihr Körper seinen gekostet hatte. Und wie gerne sie den Duft seiner Bindung an sie auf der Haut getragen hätte, ihn noch durch ein perfekt passendes Parfüm betont hätte, wie andere Vampirinnen es taten.

Doch nichts davon würde jemals geschehen. Zum einen banden sich Menschen nicht auf diese Art und Weise, soweit sie gehört hatte. Und selbst wenn – bei ihrer letzten Begegnung hatte Butch O’Neal sie einfach stehen gelassen, also hatte er kein Interesse mehr an ihr. Wahrscheinlich hatte er von ihrem Defekt gehört. Da er der Bruderschaft nahestand, wusste er zweifellos mittlerweile alles Mögliche über sie.

»Ist da jemand drin?«, fragte Sanima scharf.

Marissa unterdrückte einen Fluch, sie musste wohl gerade laut geseufzt haben. Sie gab es auf, ihre Haare oder ihr Gesicht in Ordnung bringen zu wollen, und öffnete die Tür. Als sie heraustrat, senkten beide Frauen den Blick, was in diesem Augenblick ausnahmsweise eine gute Sache war. Ihr Haar sah aus wie ein Vogelnest.

»Sorgt euch nicht. Ich werde nichts verraten«, murmelte sie. Denn Sex besprach man niemals an einem öffentlichen Ort. Eigentlich auch nicht an einem privaten.

Die beiden verneigten sich pflichtgetreu, erwiderten aber nichts, während Marissa hinausging.

Sobald sie aus dem Damensalon trat, spürte sie noch mehr Blicke, die sich von ihr abwandten … besonders die der unverheirateten Männer mit ihren Zigarren hinten in der Ecke.

Gerade als sie dem Ball den Rücken zudrehte, fing sie Havers’ Blick durch die Menge auf. Er nickte und lächelte traurig, als wüsste er, dass sie keine Sekunde länger bleiben konnte.

Mein über alles geliebter Bruder, dachte sie. Er hatte sie immer unterstützt, hatte nie den Anschein erweckt, sich für sie zu schämen. Allein schon ihrer gemeinsamen Eltern wegen hätte sie ihn geliebt; doch seiner Loyalität wegen betete sie ihn an.

Mit einem letzten Blick auf die Glymera in all ihrer Pracht verschwand sie auf ihr Zimmer. Sie duschte rasch, zog sich dann ein schlichteres, bodenlanges Kleid und Schuhe mit flachen Absätzen an und stieg die Hintertreppe hinunter.

Unberührt und ungeliebt, damit konnte sie leben. Wenn das das Schicksal war, dass die Jungfrau der Schrift ihr zugedacht hatte, dann sei es so. Es gab schlechtere Leben zu führen; und in Anbetracht all dessen, was sie besaß, zu beklagen, was ihr fehlte, wäre eintönig und selbstsüchtig.

Womit sie jedoch nicht umgehen konnte, war, nutzlos zu sein. Sie dankte der Jungfrau, dass sie ihren festen Platz im Rat der Princeps innehatte und dass ihr der Sitz kraft ihrer Blutlinie garantiert war. Doch darüber hinaus gab es noch einen anderen Weg, die Welt zum Besseren zu gestalten.

2

Butch verließ das ZeroSum um drei Uhr fünfundvierzig, und obwohl der Escalade hinter dem Gebäude geparkt war, ging er in die entgegengesetzte Richtung. Er brauchte Luft. Du lieber Himmel … er brauchte Luft.

Mitte März war immer noch Winter hier im Norden des Bundesstaates New York, und die Nacht war kühlhauskalt. Sein Atem kondensierte zu kleinen weißen Wölkchen und wehte ihm über die Schulter. Die Kälte und die Einsamkeit taten ihm gut: Ihm war immer noch zu heiß und zu eng, obwohl er das verschwitzte Gedränge des Klubs hinter sich gelassen hatte.

Seine Ferragamos schlugen hart auf das Pflaster der Trade Street, die Absätze zermalmten das Salz und den Sand auf dem kleinen Betonstreifen zwischen den schmutzigen Schneehaufen. Im Hintergrund wummerte gedämpft die Musik aus den anderen Bars der Straße, obwohl bald Zapfenstreich sein würde.

Als er beim McGrinder’s ankam, schlug er den Kragen hoch und beschleunigte seinen Schritt. Diese Bluesbar mied er, weil die Jungs von der Polizeitruppe dort gern saßen und er sie nicht treffen wollte. Soweit seine ehemaligen Kollegen vom Caldwell Police Department informiert waren, hatte er sich einfach auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub gemacht, und das konnten sie von ihm aus auch gern weiter glauben.

Nebenan lag das Screamer’s, aus dem Hardcore-Rap donnerte, der das gesamte Gebäude in einen einzigen Subwoofer verwandelte. Als er ans andere Ende der Kneipe gelangte, blieb er stehen und ließ den Blick über die kleine Gasse schweifen, die seitlich an dem Laden vorbeiführte.

Hier hatte alles angefangen. Der Startschuss für seinen bizarren Trip in die Vampirwelt war im vergangenen Juli genau hier gegeben worden, mit seinen Ermittlungen zur Explosion einer Autobombe: ein in die Luft gesprengter BMW. Ein Mann war zu Asche verbrannt. Keinerlei Beweismaterial war übrig geblieben, außer ein paar Wurfsternen. Der Anschlag war extrem professionell ausgeführt worden – die Sorte Attentat, die eine Botschaft enthält. Und kurz danach waren die Leichen der Prostituierten hier in der Gegend aufgetaucht. Aufgeschlitzte Kehlen. Vollgeknallt mit Heroin. Noch mehr asiatische Kampfsportwaffen im Umkreis.

Er und sein Partner José de la Cruz waren davon ausgegangen, dass die Sprengladung Teil einer Revierfehde zwischen Zuhältern gewesen war und die toten Frauen aus Rache ermordet worden waren. Aber schon bald hatte er die Hintergründe erfahren. Darius, ein Mitglied der Bruderschaft der Black Dagger, war von den Feinden der Vampire getötet worden, von den Lessern. Und die Morde an den Prostituierten gehörten zur Strategie der Gesellschaft der Lesser, um zivile Vampire zu kidnappen und zu verhören.

Mann, damals hätte er niemals auch nur in Betracht gezogen, dass es Vampire überhaupt gab. Erst recht nicht, dass sie 90 000 Dollar teure BMWs fuhren. Oder so raffinierte Feinde hatten.

Butch fand genau die Stelle, an der der 650i damals hochgegangen war. Immer noch konnte man einen schwarzen Rußstreifen von der Hitze der Bombe an dem Gebäude erkennen. Er legte die Fingerspitzen auf die kalten Ziegel.

Hier hatte alles angefangen.

Jetzt fuhr ihm ein Windstoß unter den Mantel, hob den edlen Kaschmirstoff hoch, drang zu dem schicken Anzug darunter vor. Er ließ die Hand sinken und betrachtete seine Aufmachung. Der Überzieher war von Missoni, ungefähr fünf Riesen wert. Der Ralph-Lauren-Anzug drei Riesen. Die Schuhe gab es für geschenkte Siebenhundert. Die Manschettenknöpfe von Cartier hingegen bewegten sich im fünfstelligen Bereich. Die Uhr von Patek Philippe kostete fünfundzwanzig Riesen.

Die beiden Vierzig-Millimeter-Glocks unter seinen Achseln kosteten je zweitausend.

Das bedeutete, er hatte … Hölle, ungefähr 44000 Dollar an Klamotten und Waffen am Leib. Und das war nur die Spitze des Eisbergs. In seinem Zimmer auf dem Anwesen hatte er zwei komplette Schränke voll von dem Zeug. Nichts davon hatte er selbst gekauft. Für alles hatte die Bruderschaft geblecht.

Scheiße … er trug Klamotten, die ihm nicht gehörten. Lebte in einem Haus und aß Lebensmittel und saß vor einem Plasmafernseher – und nichts davon war seins. Trank Scotch, den er nicht selbst bezahlte. Fuhr eine Spitzenkarre, die nicht sein Eigentum war. Und was tat er dafür? Nicht gerade viel. Jedes Mal, wenn es ernst wurde, hielten ihn die Brüder am Spielfeldrand.

Schritte ertönten am anderen Ende der Gasse, hämmernd, donnernd, immer näher kommend. Und es waren viele.

Butch drückte sich in den Schatten, knöpfte blitzschnell seinen Mantel und seine Anzugjacke auf, sodass er freien Zugang zu seinen Knarren hätte, falls es nötig würde. Er hatte nicht die Absicht, sich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen; aber er war auch nicht der Typ, der sich vornehm zurückhielt, wenn ein Unschuldiger in Bedrängnis war.

Offenbar war der Bulle in ihm noch nicht ganz tot.

Da die Seitenstraße nur zu einer Seite hin offen war, würden die Sprinter auf jeden Fall an ihm vorbeikommen. Um einem eventuellen Kreuzfeuer zu entgehen, drängte er sich dicht an einen Müllcontainer und wartete ab.

Ein junger Kerl schoss vorbei, Entsetzen im Blick, der ganze Körper zuckend vor Panik. Und dann … wer hätte das gedacht: die beiden Schlägertypen, die ihm am Hintern klebten, hatten helle Haare. Groß wie Kleiderschränke. Rochen nach Talkum.

Lesser. Auf der Jagd nach Vampiren.

Butch umfasste eine seiner Glocks, drückte gleichzeitig die Kurzwahl von Vs Handy und nahm die Verfolgung auf. Im Laufen hörte er die Mailbox anspringen, also schob er sich das Telefon wieder in die Tasche.

Als er am Schauplatz ankam, standen die drei am Ende der Gasse, und es sah nicht gut aus. Jetzt, da die Jäger den Vampir in die Ecke gedrängt hatten, bewegten sie sich träge, kamen näher, wichen wieder zurück, lächelnd, spielerisch. Der junge Mann zitterte. Seine Augen waren so weit aufgerissen, dass das Weiße im Dunkeln leuchtete.

Butch legte die Waffe an. »Hallo, Blondchen, wie wär’s, wenn ihr mir eure Hände zeigt?«

Die Lesser drehten ihm die Köpfe zu. Mann, das war, wie von Scheinwerfern festgenagelt zu werden, vorausgesetzt, man war ein Reh, und das Gerät, das auf einen zukam, ein Zwölftonner. Diese untoten Dreckskerle waren pure Kraftpakete, ergänzt mit eiskalter Logik – eine gemeine Kombination, besonders in doppelter Ausführung.

»Das hier geht dich nichts an«, sagte der Linke.

»Das sagt mein Mitbewohner auch immer, aber weißt du, ich hab’s nicht so mit Befehlen.«

Eins musste man den Lessern lassen: schlau waren sie. Der eine behielt ihn im Blick. Der andere ging auf den Vampir zu, der aussah, als wäre er viel zu verängstigt, um sich dematerialisieren zu können.

Das hier kann sich jederzeit zu einer Geiselnahme entwickeln, dachte Butch.

»Warum verpisst du dich nicht einfach?«, sagte der rechte Kerl. »Wäre besser für dich.«

»Kann schon sein. Aber schlechter für ihn.« Butch deutete mit dem Kopf auf den Vampir.

Eine eisige Brise wirbelte durch die Gasse, scheuchte verwaiste Zeitungsseiten und leere Plastiktüten auf. Butchs Nase juckte, und er schüttelte den Kopf. Er hasste diesen Geruch.

»Was ich schon immer mal wissen wollte«, sagte er, »die Sache mit dem Talkum – wie ertragt ihr Lesser das eigentlich? «

Die blassen Augen des Jägers musterten ihn von oben bis unten, als würde er nicht kapieren, warum der Kerl da vor ihm überhaupt dieses Wort kannte. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Der eine Lesser schnappte sich den Vampir und zerrte ihn sich an die Brust. Sag ich doch, Geiselnahme. Im selben Moment stürzte sich der andere blitzschnell auf Butch.

So leicht ließ sich Butch allerdings nicht aus der Fassung bringen. Ruhig zielte er und schoss dem miesen Drecksack in die Brust. Ein gespenstisches Heulen drang aus der Kehle des Lessers, und er schlug auf den Boden auf wie ein Sandsack, völlig bewegungsunfähig.

Was nicht die normale Reaktion dieser Untoten war, wenn sie eine Kugel verpasst bekamen. Normalerweise schüttelten sie so etwas einfach ab, aber Butch benutzte dank der Bruderschaft Spezialmunition.

»Was zum Henker«, raunte der Jäger, der noch auf den Beinen war.

»Überraschung, Schwanzlutscher. Ich hab hier ganz besonderes Blei.«

Der Lesser fing sich wieder und zerrte den Vampir mit einem Arm um die Taille hoch, um ihn als Schutzschild vor sich zu halten.

Butch zielte auf die beiden. Verdammt noch mal. Keine freie Bahn. »Lass ihn gehen.«

Ein Pistolenlauf tauchte unter der Achsel der Geisel auf.

Butch machte einen Hechtsprung in einen Hauseingang, als die erste Kugel vom Asphalt abprallte. Gerade, als er in Deckung gehen wollte, raste ihm eine zweite durch den Oberschenkel.

Scheeeeiiiße, das tat weh. Sein Bein fühlte sich an, als würde ein rot glühender Zimmermannsnagel tief ins Fleisch gebohrt, und die Nische, in die er sich drückte, bot ungefähr so viel Schutz wie ein Laternenpfahl. Zudem suchte sich der Lesser bereits eine bessere Schussposition.

Butch griff sich eine leere Bierdose und schleuderte sie über die Straße. Als der Kopf des Lesser um die Schulter seines Opfers herumschnellte, um das Geräusch zu orten, feuerte Butch vier präzise Schüsse in einem Halbkreis um die beiden herum ab.

Der Vampir geriet in Panik, genau wie erwartet, und war dadurch schwer festzuhalten. Als er dem Griff des Jägers entkam, schoss Butch dem Lesser eine Kugel in die Schulter, die ihn ins Taumeln brachte. Er landete mit dem Gesicht zuerst auf dem Asphalt.

Super Schuss, aber der Untote bewegte sich noch, mit Sicherheit wäre er in ein oder zwei Minuten wieder auf den Füßen. Diese Spezialmunition war gut, aber die Wirkung hielt nicht ewig an, und es war eindeutig besser, die Brust zu treffen als einen Arm.

Und das war noch nicht alles. Mehr Probleme waren schon im Anmarsch.

Nun, da der Vampir frei war, hatte er angefangen zu schreien.

Butch humpelte zu ihm, fluchend vor Schmerz. Du meine Güte, dieser Bursche machte genug Krach, um eine ganze Polizeimannschaft auf den Plan zu rufen – und zwar aus New York.

Mit hartem Blick baute sich Butch unmittelbar vor dem Jungen auf. »Du musst jetzt aufhören zu schreien, okay? Hör mir zu. Du darfst nicht schreien.« Der Vampir stotterte, dann bekam er plötzlich keinen Ton mehr heraus, als wäre seinem Kehlkopfmotor der Sprit ausgegangen. »Sehr gut. Du musst jetzt zwei Dinge tun. Erstens musst du dich beruhigen, sodass du dich dematerialisieren kannst. Verstehst du mich? Amte langsam und tief – genau. So ist es brav. Und ich möchte, dass du dir die Augen zuhältst. Mach schon, zuhalten.«

»Woher weiß ich …«

»Von Reden habe ich nichts gesagt. Schließ die Augen und halte sie dir zu. Und atme weiter. Alles wird gut, vorausgesetzt, du schaffst es, aus dieser Straße zu verschwinden.«