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Der Brexit spaltet die britische Gesellschaft und ganz Europa – Coes klug-ironische Komödie zeigt, wie es dazu kommen konnte. Benjamin Trotter zieht in eine romantische Wassermühle in die Grafschaft Shropshire, ins Herz des ländlichen England, um seinen Roman, an dem er schon 30 Jahre arbeitet, zu beenden. Seine Nichte Sophie fühlt sich im multikulturellen London zu Hause, lebt aber nach der Heirat mit ihrem Mann in der Provinz und spürt ein zunehmendes Unbehagen; ist auch er so fremdenfeindlich wie seine Mutter? Doug, Journalist und Labour-Anhänger, schämt sich für sein luxuriöses Leben im reichen Chelsea, das sich kaum jemand noch leisten kann. In den vermeintlich idyllischen Midlands mit festen Werten und Traditionen kommt eine bizarre Sehnsucht nach Englishness auf, und eine tiefe Kluft zieht in diesem abgehängten Landesteil durch alle menschlichen Beziehungen. Ab wann lief alles schief? Dieser unterhaltsame und fein gesponnene Gesellschaftsroman blickt tief in die Seele des englischen Wesens.
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Seitenzahl: 681
Veröffentlichungsjahr: 2020
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JONATHAN COE
ROMAN
Aus dem Englischenvon Cathrine Hornung und Dieter Fuchs
Für Janine, Matilda und Madeline
Merrie England
Deep England
Old England
Anmerkungen des Autors
Anmerkungen der Übersetzer
Merrie England
„In den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts gewann der Begriff ‚Britisch‘ – und das damit einhergehende Selbstverständnis – allmählich an Spielraum. (…) Er bot Platz für Neuankömmlinge aus anderen Ländern und für Menschen wie mich, die seine Weite und Dehnbarkeit attraktiv fanden. Es gab nun einen staatsbürgerlichen Nationalismus, der wie ein altehrwürdiger Fluss friedlich dahinströmte, nachdem er seine gefährliche Kraft weit stromaufwärts verbraucht hatte.“
Ian Jack, The Guardian, 22. Oktober 2016
April 2010
Die Trauerfeier war vorüber. Nach und nach verließen die Gäste den Umtrunk. Benjamin beschloss, ebenfalls aufzubrechen.
„Dad?“, sagte er. „Ich denke, ich geh dann mal.“
„Gut“, sagte Colin. „Ich komm mit.“
Sie gingen zur Tür und schafften es nach draußen, ohne sich von jemandem zu verabschieden. Die Dorfstraße lag verlassen und still im fahlen Sonnenlicht.
„Vielleicht sollten wir nicht einfach so gehen“, sagte Benjamin und sah unschlüssig zum Pub zurück.
„Warum nicht? Ich habe mit allen geredet, mit denen ich reden wollte. Komm jetzt, bring mich zum Auto.“
Benjamin hielt seinem Vater den Arm hin, damit dieser sich leicht an ihm festhalten konnte. So war er besser auf den Beinen. Im Schneckentempo bewegten sie sich die Straße entlang zum Parkplatz des Pubs.
„Ich will jetzt nicht nach Hause“, sagte Colin. „Das wäre zu viel für mich, ohne sie. Nimm mich mit zu dir.“
„Na klar“, sagte Benjamin, obwohl ihm das überhaupt nicht behagte. Die Aussicht auf das, was er sich vorgenommen hatte – Alleinsein, Innehalten, ein kühles Glas Cider am alten schmiedeeisernen Tisch, dazu das Murmeln des Flusses, der auf seiner zeitlosen Bahn vorbeiplätscherte –, löste sich in Luft auf und verschwand im Nachmittagshimmel. Egal. Heute musste er sich um seinen Vater kümmern. „Möchtest du bei mir übernachten?“
„Ja“, sagte Colin, ohne sich zu bedanken. Das tat er mittlerweile kaum noch.
Es herrschte viel Verkehr, und die Fahrt zu Benjamins Haus dauerte fast eineinhalb Stunden. Sie fuhren durch das Herz von Mittelengland und folgten mehr oder weniger dem Lauf des Flusses Severn über Bridgnorth, Alveley, Quatt, Much Wenlock und Cressage, eine beschauliche, unspektakuläre Fahrt, bei der Tankstellen, Pubs und Gartenzentren die einzige Abwechslung bildeten, während braune Hinweisschilder dem gelangweilten Reisenden abseits der Route gelegene Verlockungen wie Tierparks, historische Sehenswürdigkeiten oder Botanische Gärten in Aussicht stellten. An jedem Ortseingang stand nicht nur ein Schild mit dem Namen des jeweiligen Dorfes, sondern auch eine blinkende Geschwindigkeitsanzeige, die Benjamin daran erinnerte, dass er zu schnell fuhr.
„Echt ein Alptraum, diese Radarkontrollen“, sagte Colin. „Bei jeder Gelegenheit wollen diese Arschgeigen einem noch mehr Geld abknöpfen.“
„Na ja, eher Unfälle verhindern“, erwiderte Benjamin.
Sein Vater grunzte abfällig.
Benjamin machte das Radio an, das wie immer auf BBC Three eingestellt war. Er hatte Glück: der langsame Satz von Faurés Klaviertrio. Die melancholischen, schlichten Konturen der Melodie waren nicht nur die passende Begleitung zu den Erinnerungen an seine Mutter, die ihm (und vermutlich auch Colin) heute durch den Kopf gingen, sondern schienen zudem in klanglicher Form sowohl die sanften Kurven der Straße, als auch die gedeckten Grüntöne der Landschaft widerzuspiegeln, durch die er und sein Vater fuhren. Dass diese Musik unverkennbar französisch war, spielte keine Rolle: Sie besaß etwas Verbindendes, war von einer gemeinschaftlichen Stimmung erfüllt. Benjamin fühlte sich in dieser Musik voll und ganz zu Hause.
„Mach doch das Gedudel aus“, sagte Colin. „Können wir nicht die Nachrichten hören?“
Benjamin wartete die letzten dreißig oder vierzig Sekunden des Satzes ab und schaltete dann auf BBC Four um. Dort lief die Nachrichtensendung PM, und sofort befanden sie sich in der vertrauten Welt des Gladiatorenkampfes zwischen Interviewer und Politiker. In einer Woche standen die Parlamentswahlen an. Colin würde wieder die Konservativen wählen, wie er das bei jeder britischen Wahl seit 1950 getan hatte, und Benjamin war (wie immer) noch unentschieden, außer dass er beschlossen hatte, überhaupt nicht zu wählen. Nichts von dem, was sie in den nächsten sieben Tagen im Radio hören würden, würde daran etwas ändern. Heute war die große Meldung, dass Premierminister Gordon Brown, der um seine Wiederwahl kämpfte, eine kritische Labour-Wählerin bei einer Wahlkampfveranstaltung als „borniert“ bezeichnet hatte, ohne zu merken, dass sein Mikro noch eingeschaltet war – ein Patzer, den die Medien nur allzu gern ausschlachteten.
„Der Premierminister hat sein wahres Ich gezeigt“, sagte ein konservativer Abgeordneter fröhlich. „Jeder, der diese berechtigten Ansichten äußert, ist in seinen Augen borniert. Und genau deshalb können wir in diesem Land auch keine ernsthafte Debatte über Einwanderung führen.“
„Aber ist es nicht so, dass auch Mr. Cameron, Ihr eigener Parteiführer, sich genauso ablehnend …“
Benjamin drehte das Radio kommentarlos ab. Eine Weile fuhren sie schweigend weiter.
„Sie konnte Politiker nicht ausstehen“, sagte Colin und legte damit einen verborgenen Gedankengang offen, ohne weiter erklären zu müssen, wer mit „sie“ gemeint war. Er sprach mit leiser Stimme, die voller Bedauern und unterdrückter Rührung war. „Für sie war einer schlimmer als der andere. Alles nur Betrüger und Lügner, quer durch die Bank. Falsche Spesenabrechnungen, Steuerhinterziehung, dazu ein halbes Dutzend anderer Pöstchen …“
Benjamin nickte, während er sich daran erinnerte, dass es in Wahrheit Colin gewesen war, der immerzu über die korrupten Politiker gewettert hatte, und nicht seine verstorbene Frau. Das war immer noch eines der wenigen Themen, bei denen dieser sonst so wortkarge Mann ins Reden kam, und vielleicht wäre es ja am besten, genau das jetzt zuzulassen, um ihn von schmerzvolleren Gedanken abzulenken. Aber Benjamin wollte das nicht. Heute hatten sie sich von seiner Mutter verabschiedet, und er war nicht bereit, die Würde dieses Anlasses durch eine Schimpftirade seines Vaters beschmutzen zu lassen.
„Was ich an Mum immer mochte“, sagte er, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, „war, dass sie bei solchen Sachen nicht bitter wurde. Wenn sie etwas nicht gut fand, wurde sie nicht wütend, sondern eher … traurig.“
„Ja, sie war eine gute Seele“, pflichtete Colin ihm bei. „Eine der besten.“ Er redete nicht weiter, aber nach ein paar Sekunden zog er ein ziemlich verdrecktes Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich damit langsam und sorgfältig die Augen ab.
„Das wird jetzt komisch für dich sein“, sagte Benjamin, „so ganz allein. Aber du schaffst das, da bin ich mir sicher.“
Colin starrte ins Leere. „Fünfundfünfzig Jahre waren wir zusammen …“
„Ich weiß, Dad. Das wird sicher hart. Aber Lois ist ja immer wieder in der Nähe. Und ich bin auch nicht weit weg. Also nicht so richtig.“
Sie fuhren weiter.
Benjamin wohnte in einer umgebauten Mühle am Ufer des Severn, am Rand eines nordöstlich von Shrewsbury gelegenen Dorfes. Das Haus war nur über eine einspurige Straße zu erreichen, die von ausladenden alten Bäumen und dichten Hecken gesäumt war. Er war Anfang des Jahres an diesen unglaublich abgelegenen und einsamen Ort gezogen, nachdem der Verkauf seiner Zweizimmerwohnung im Londoner Stadtviertel Belsize Park den Erwerb ermöglicht und zudem noch genügend Kapital übrig gelassen hatte, um für die nächsten paar Jahre seinen bescheidenen Lebensstil zu finanzieren. Die Mühle war viel zu groß für einen alleinstehenden Mann, wobei er zum Zeitpunkt des Kaufes nicht alleinstehend gewesen war. Es gab vier Schlafzimmer, zwei Wohnzimmer, ein Esszimmer, eine weiträumige offene Küche mit einem AGA-Herd und ein Arbeitszimmer mit großen Bleiglasfenstern, die auf den Fluss hinausgingen. Bis jetzt hatte sich Benjamin hier nicht nur sehr wohlgefühlt, er konnte auch die anfänglichen Bedenken von Familie und Freunden zerstreuen, mit dem Umzug einen schrecklichen Fehler gemacht zu haben.
Das Haus besaß viele tückische Winkel und schmale, steile Treppen. Es war ein denkbar ungeeigneter Ort für seinen zweiundachtzigjährigen Vater. Trotzdem gelang es Benjamin, wenngleich unter Schwierigkeiten, ihn aus dem Auto zu befördern, die Treppe hinauf ins Wohnzimmer, über eine weitere Treppe – kürzer, aber mit einem fiesen rechtwinkligen Knick – in die Küche, durch die Hintertür und dann die Eisenstufen hinunter auf die Terrasse. Er holte ihm ein Kissen, schenkte ihm eine Dose Lagerbier ein, setzte sich zu ihm und machte sich schon auf eine schleppende Unterhaltung am Flussufer gefasst, als er ein Auto vorfahren hörte.
„Wer zum Teufel ist das?“
Colin, der nichts gehört hatte, sah ihn nur fragend an.
Benjamin sprang auf und ging eilig ins Wohnzimmer. Er öffnete das Fenster und sah hinunter auf den Vorplatz, wo Lois und ihre Tochter Sophie vor der Eingangstür standen und gerade klopfen wollten.
„Was macht ihr denn hier?“, fragte er.
„Ich versuche seit einer Stunde, dich zu erreichen“, sagte seine Schwester. „Warum hast du dein verdammtes Telefon ausgeschaltet?“
„Ich habe es ausgeschaltet, weil ich nicht wollte, dass es während der Trauerfeier klingelt“, sagte Benjamin.
„Wir haben uns schreckliche Sorgen gemacht.“
„Das war nicht nötig. Mir geht’s gut.“
„Warum bist du einfach so abgehauen?“
„Ich wollte dort weg.“
„Wo ist Dad?“
„Hier bei mir.“
„Hättest du uns ja sagen können.“
„Ich hab nicht dran gedacht.“
„Hast du dich von jemandem verabschiedet?“
„Nein.“
„Auch nicht von Doug?“
„Nein.“
„Er ist extra aus London gekommen.“
„Ich schick ihm eine SMS.“
Lois seufzte. Ihr Bruder regte sie manchmal ganz schön auf.
„Wie sieht’s aus: Lässt du uns rein und bietest uns wenigstens eine Tasse Tee an?“
„Okay.“
Er führte sie durchs Haus, und sie setzten sich zu Colin auf die Terrasse, während Benjamin in der Küche blieb, um eine Kanne Tee zu machen und für Sophie ein Glas Weißwein einzuschenken. Er trug die Getränke auf einem Tablett nach draußen, wobei er vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte und die Augen zusammenkniff, als ihn die Abendsonne blendete.
„Wirklich schön hier draußen, Ben“, sagte Lois.
„Du kannst hier sicher gut schreiben“, sagte Sophie. „Ich könnte hier ewig sitzen, dem Fluss zuhören und arbeiten.“
„Du weißt ja“, sagte Benjamin, „dass du jederzeit herkommen kannst. Deine Doktorarbeit wäre in Nullkommanichts fertig.“
Sophie lächelte. „Ist sie schon. Ich hab sie letzte Woche abgeschlossen.“
„Wow. Gratuliere.“
„Sie hat nie verstanden, was du an diesem Ort so toll findest“, sagte Colin. „Ich auch nicht. Mitten in der Pampa.“
Benjamin nahm den Kommentar zur Kenntnis, fand aber nicht, dass er eine Erwiderung verdiente, selbst wenn ihm eine eingefallen wäre.
„Ach, wisst ihr“, sagte er und setzte sich mit einem matten, aber umso zufriedeneren Seufzer endlich hin. Er wollte gerade seinen ersten Schluck Tee nehmen, als er ein weiteres Auto vorfahren hörte.
„Was zum Teufel …?“
Erneut schaute er vom Wohnzimmerfenster aus nach unten, und diesmal gehörte der Wagen Doug, der sich nach vorn beugte und den Hintern aus der Autotür streckte, während er vom Rücksitz eine Laptoptasche holte. Dann richtete er sich auf, und Benjamin stellte fest, dass aus diesem Blickwinkel etwas sichtbar wurde, was ihm bislang entgangen war: eine kahle Stelle an Dougs Hinterkopf. Er bekam doch tatsächlich eine Glatze. In einem Anflug von Rivalität verspürte Benjamin eine gewisse Genugtuung. Dann entdeckte ihn Doug und rief:
„Warum ist dein Handy aus?“
Ohne zu antworten, ging Benjamin nach unten, um die Tür aufzumachen.
„Hallo“, sagte er. „Lois und Sophie sind auch eben gekommen.“
„Warum bist du gegangen, ohne dich zu verabschieden?“
„Das ist ja wie der Anfang vom Kleinen Hobbit. Ein unerwartetes Fest.“
Doug schob ihn sanft zur Seite. „Schon gut, Bilbo“, sagte er. „Lässt du mich rein?“
Er lief eilig die Treppe hinauf, während Benjamin noch ganz verblüfft dastand, und steuerte direkt auf die Küche zu. Doug war erst einmal hier gewesen, schien sich aber sehr gut auszukennen. Als Benjamin ihn schließlich einholte, hatte er bereits seinen Laptop aus der Tasche geholt, am Küchentisch Platz genommen und angefangen zu tippen.
„Wie ist dein WLAN-Passwort?“, fragte er.
„Weiß ich nicht. Ich muss am Router nachsehen.“
„Aber bitte schnell, wenn’s geht!“ Als Benjamin im Wohnzimmer verschwand, um dieser Aufforderung nachzukommen, rief Doug ihm nach: „War übrigens ’ne schöne Rede.“
„Danke.“
„Na ja, nicht ‚Rede‘ – Eloge, oder wie man so was nennt. Hat einigen doch die Tränen in die Augen getrieben.“
„Das war ja auch irgendwie Sinn der Sache.“
„Sogar Paul war ganz gerührt.“
Benjamin, der gerade das Passwort abschrieb, erstarrte kurz, als der Name seines Bruders fiel. Dann ging er langsam zurück in die Küche und legte den Zettel neben Dougs Computer.
„Echt ein starkes Stück, da heute aufzutauchen.“
„Seine Mutter ist gestorben, Ben. Er hat das Recht, bei der Trauerfeier dabei zu sein.“
Ohne zu antworten, schnappte sich Benjamin ein Küchenhandtuch und fing an, ein paar Becher abzutrocknen.
„Hast du mit ihm geredet?“, fragte Doug.
„Ich rede seit sechs Jahren nicht mit ihm. Warum sollte ich das jetzt tun?“
„Jetzt ist er sowieso schon weg. Zurück nach Tokio. Der Flug ging von Heathrow um …“
Benjamin fuhr herum. Sein Gesicht war rot angelaufen. „Doug, das ist mir scheißegal. Ich will nichts von ihm hören, okay?“
„Klar. Kein Problem.“ Betreten machte sich Doug wieder ans Tippen.
„Danke übrigens, dass du heute gekommen bist“, sagte Benjamin versöhnlich. „Das weiß ich sehr zu schätzen. Dad war ganz gerührt.“
„Ihr habt euch echt einen beschissenen Tag ausgesucht“, knurrte Doug, ohne von seinem Bildschirm aufzusehen. „Seit vier Wochen folge ich Gordon bei seiner Wahlkampftour. Und was ist in dieser Zeit passiert? Scheiß gar nichts. Heute ist der Teufel los, und ich bin nicht mal vor Ort. Stattdessen hänge ich in so einem Krematorium in Redditch fest …“ Er haute weiter in die Tasten und schien sich der Grobheit seiner Worte gar nicht bewusst zu sein. „Jetzt muss ich bis 19 Uhr tausend Wörter liefern, und alles, was ich weiß, ist das, was ich im Radio gehört habe.“
Benjamin schaute ihm ein paar Sekunden lang halbherzig über die Schulter und sagte: „Na ja, ich lass dich dann mal machen.“ Es kam keine Antwort, deshalb entfernte er sich unauffällig und war schon fast bei der Terrassentür, als Doug, ohne aufzusehen, fragte: „Ist es okay, wenn ich heute Nacht hierbleibe?“
Fast schon erschrocken über die Frage zögerte Benjamin kurz und nickte dann.
„Klar.“
Keiner der Gäste, die an diesem Abend auf seiner Terrasse saßen, würde es je erfahren, denn er hatte nicht vor, es irgendjemandem zu erzählen, aber Benjamin hatte dieses Haus gekauft, um eine Fantasievorstellung wahr werden zu lassen. Vor vielen Jahren, im Mai 1979 – als Großbritannien, genau wie jetzt, kurz vor einer wichtigen Parlamentswahl stand –, hatte er am Paradise Place in Birmingham in einem Pub namens The Grapevine gesessen und sich die Zukunft ausgemalt. Er hatte sich vorgestellt, dass Cicely Boyd, das Mädchen, in das er verliebt war, auch Jahrzehnte später noch seine Geliebte sein würde und sie beide – nachdem sie geheiratet hatten, auf die sechzig zugingen und die Kinder aus dem Haus waren – gemeinsam in einer umgebauten Mühle in Shropshire leben würden, wo Benjamin Musik komponierte, Cicely Gedichte schrieb und sie abends großartige Dinnerpartys für alle ihre Freunde schmissen. Wir werden Feste veranstalten, die keiner je vergisst, hatte er sich gesagt. Die Leute werden bei uns Abende verbringen, die zu wertvollen Erinnerungen werden. Natürlich war es ein bisschen anders gekommen. Nach jenem Tag hatte er Cicely jahrelang nicht mehr gesehen. Schließlich fanden sie sich wieder und lebten ein paar Jahre in London zusammen – Jahre, die … nun ja, in Wahrheit ziemlich schlimm waren, weil Cicely so krank und deshalb äußerst anstrengend war, und dann, in einem letzten Versuch, die Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen, in dem fast schon krankhaften Bemühen, die Vergangenheit zurückzuholen, indem er seine einstige Zukunftsvision in die Tat umsetzte, hatte Benjamin vorgeschlagen, die Wohnung zu verkaufen, mit einem Teil des Geldes die Mühle zu erwerben und den Rest darauf zu verwenden, dass Cicely für sechs Monate nach Westaustralien ging, wo es Gerüchten zufolge einen Arzt gab, der eine teure, dafür aber Wunder wirkende Heilmethode für Multiple Sklerose entwickelt hatte. Und drei Monate später, als die Mühle gekauft war und er anfing, sie zu renovieren und einzurichten, hatte ihm Cicely aus Australien eine E-Mail mit einer guten und einer schlechten Nachricht geschickt: Die gute war, dass ihr Zustand sich tatsächlich über die Maßen gebessert hatte, während die schlechte lautete, dass sie sich in den Arzt verliebt hatte und nicht nach England zurückkehren würde. Woraufhin sich Benjamin – zu seiner eigenen Überraschung – ein großes Glas Whisky eingeschenkt, es ausgetrunken, rund zwanzig Minuten lang wie ein Irrer am Rande des Selbstmords gelacht, dann die Wandleiste weitergestrichen und seither kaum mehr an Cicely gedacht hatte. Und so kam es, dass er jetzt, mit fünfzig, allein in einer riesigen umgebauten Mühle in Shropshire lebte und zu seinem Erstaunen feststellte, dass er noch nie so zufrieden gewesen war wie jetzt.
Er war froh, dass an diesem Abend Lois und Sophie da waren, auch wenn seine Schwester eher der Ärger hergetrieben hatte. Er wusste, dass die Gereiztheit seines Vaters nur die Melancholie überdeckte, in die er im Lauf der nächsten Stunden immer mehr versinken würde. Er konnte sich darauf verlassen, dass Lois und Sophie das richtige Gleichgewicht finden würden, das Gleichgewicht zwischen der Trauer über Sheilas Tod (nur sechs Wochen nach der Diagnose Leberkrebs) und dem Bemühen, fröhlichere Erinnerungen aus dem Familienleben wiederaufleben zu lassen: an die seltenen, aber denkwürdigen Feten, die in den 1970ern einfach aus dem Stand geschmissen wurden, mit Essen, Getränken und Klamotten bar jeder Beschreibung; an schreckliche Ferien in Nordwales, wo die Schafe traurig auf den Wiesen blökten und der Regen gnadenlos aufs Dach des Wohnwagens trommelte; an spannendere Urlaube in den 1980er-Jahren und an eine Reise nach Dänemark, die Colin und Sheila unternommen hatten, um alte Freunde zu besuchen, und bei der sie diesmal die kleine Sophie mitnahmen, ihr einziges, abgöttisch geliebtes Enkelkind. Sophie sprach über die Liebenswürdigkeit ihrer Großmutter, die sich immer gemerkt hatte, was ihre Enkelin am liebsten aß, immer Anteil an ihrem Leben genommen hatte, die Namen ihrer Freundinnen behalten und zu jeder die richtigen Fragen gestellt hatte und die bis zum Schluss so gewesen war, aber dann sah Colin wieder ganz verloren und elend aus, weswegen Benjamin in die Hände klatschte und sagte: „Okay, wie wär’s mit etwas Pasta?“, und in die Küche ging, um ein paar Penne zu kochen (es mussten Penne sein, weil sein Vater mit allem, was man um die Gabel wickelte, überfordert war), und eine hausgemachte Arrabbiata-Soße warm machte (er hatte gerade viel Zeit, um sich im Kochen zu üben), und als er das Essen dann hinaus auf die Terrasse brachte – die Luft wurde schon kühl und die Sonne ging unter –, versuchte er, seinen Vater zu einer anständigen Portion zu überreden, zumindest zu mehr als nur einem halben Teller, und er nahm etwas Pasta aus dem Topf, aber Colin meinte, das sei zu viel, und tat wieder etwas zurück, nur dass es jetzt nach zu wenig aussah, und sagte dann: „Ist das jetzt gut so?“, woraufhin er, um die Stimmung zu heben, hinzufügte: „Kein Penne mehr, kein Penne weniger“, was er für einen äußerst passenden Witz hielt, weil Jeffrey Archer, der Verfasser von Not a Penny more, not a Penny less, ein Lieblingsautor seines Vaters war, nur dass Colin den Witz offenbar nicht verstand, und dann wies Doug darauf hin, dass der Singular von „Penne“ doch anders lautete, oder nicht, also „Penna“ oder so, und damit war die Stimmung im Eimer, mit dem Ergebnis, dass alle schweigend aßen und zuhörten, wie der Fluss vorbeiströmte, der Wind in den Bäumen rauschte und Colin schlürfend mit seiner Pasta kämpfte.
„Ich bring ihn ins Bett“, flüsterte Lois so gegen neun, nachdem ihr Vater zwei Gläser Whisky getrunken hatte und auf seinem Stuhl schon fast eingenickt war. Sie war eine halbe Stunde weg, und in dieser Zeit ging Doug in die Küche, um nachzusehen, was die Redaktion an seinem Text verändert hatte, während Benjamin mit Sophie über ihre Doktorarbeit sprach, die sich mit bildlichen Darstellungen europäischer Autoren mit schwarzen Vorfahren im neunzehnten Jahrhundert befasste, ein Thema, über das er nicht viel wusste. Als Lois zurückkam, machte sie ein ernstes Gesicht.
„Er ist ganz schön alt geworden“, sagte sie. „Es wird ab jetzt nicht leicht mit ihm sein.“
„Was dachtest du, was er heute macht?“, fragte Benjamin. „Ein Rad schlagen?“
„Ich weiß, Ben. Aber sie waren fünfundfünfzig Jahre zusammen. In dieser Zeit hat er nie etwas selbstständig gemacht. Er hat sich seit einem halben Jahrhundert keine Mahlzeit mehr zubereitet.“
Benjamin wusste, was sie dachte. Dass er als Mann Mittel und Wege finden würde, um sich vor der Pflege ihres Vaters zu drücken.
„Ich werde hinfahren und nach ihm sehen“, versicherte er. „Zweimal die Woche, vielleicht sogar öfter. Ihm etwas kochen. Mit ihm einkaufen gehen.“
„Gut zu wissen. Danke. Ich werde auch sehen, was ich tun kann.“
„Na also. Wir kriegen das schon hin. Wobei …“, und bei der nächsten Bemerkung wusste er sehr wohl, dass er sich auf dünnes Eis begab, „… es natürlich einfacher wäre, wenn du öfter in Birmingham sein könntest.“
Lois schwieg.
„Bei deinem Mann“, fügte er erklärend hinzu.
Lois nahm gereizt einen Schluck kalten Kaffee. „Ich arbeite in York. Das weißt du, oder?“
„Schon. Aber vielleicht könntest du jedes Wochenende runterkommen. Anstatt immer nur jedes … dritte oder vierte?“
„Chris und ich leben seit Jahren so und kommen gut zurecht damit. Oder, Sophie?“
Anstatt Lois beizupflichten, sagte ihre Tochter nur: „Ich finde es eher schräg.“
„Oh, wie nett. Danke. Nicht alle Paare legen Wert darauf, Tag und Nacht zusammenzukleben. Ich hatte bislang auch nicht den Eindruck, dass du und dein aktueller Freund es mit dem Zusammenziehen wahnsinnig eilig habt.“
„Das liegt daran, dass wir uns getrennt haben.“
„Wie bitte? Wann?“
„Vor drei Tagen.“ Sophie stand auf. „Komm jetzt, Mum, wir müssen zurückfahren. Ich möchte vor dem Schlafengehen noch mit Dad reden, auch wenn du keinen Wert darauf legst. Ich erzähl’s dir im Auto.“
Benjamin begleitete die beiden vors Haus, gab seiner Schwester einen Abschiedskuss und nahm seine Nichte fest in den Arm.
„Toll, das mit der Doktorarbeit“, sagte er. „Das mit dem Freund weniger.“
„Ich werd’s überleben“, sagte Sophie mit einem matten Lächeln.
„Gib mir den Schlüssel“, sagte Lois. „Du hast drei Gläser Wein getrunken.“
„Stimmt ja gar nicht“, erwiderte Sophie, reichte ihn ihr aber trotzdem.
„Du fährst sowieso immer zu schnell“, sagte Lois. „Das war sicher ein Radargerät, das uns auf der Herfahrt geblitzt hat.“
„Ach was, Mum – das war nur die Sonne auf irgendeiner Windschutzscheibe.“
„Wie auch immer.“ Lois wandte sich ihrem Bruder zu. „Ich glaube, das war heute sehr würdig. Wirklich schön, deine Rede. Du kannst gut mit Worten umgehen.“
„Kunststück. So viel, wie ich geschrieben habe …“
Sie gab ihm einen Kuss. „Ich finde, du bist der beste unveröffentlichte Autor des Landes. Außer Konkurrenz.“
Noch eine Umarmung, dann schlugen sie die Autotüren zu, und Benjamin winkte in die Scheinwerfer, während der Wagen vorsichtig auf der Einfahrt zurücksetzte.
Es war gerade noch so warm, dass man das Wohnzimmerfenster auflassen konnte. Wenn das Wetter es erlaubte, machte Benjamin das gern: allein dasitzen, manchmal auch im Dunkeln, den Geräuschen der Nacht lauschen, dem Ruf eines Käuzchens, dem heiseren Bellen eines jagenden Fuchses, vor allem aber dem zeitlosen, unaufhörlichen Murmeln des Severn (der an dieser Stelle ein Neuankömmling in England war, nachdem er nur ein paar Meilen stromaufwärts die walisische Grenze passiert hatte). Aber heute war alles anders: Doug war da, auch wenn sie es beide nicht eilig hatten, ein Gespräch zu beginnen. Sie waren seit fast vierzig Jahren befreundet, und es gab nicht viel, was sie nicht voneinander wussten. Zumindest für Benjamin war es völlig ausreichend, einfach nur dazusitzen, jeder auf einer Seite des Kamins, ein Glas Laphroaig in der Hand, und die Gefühle, die der Tag aufgewühlt hatte, langsam zur Ruhe kommen und in Stille übergehen zu lassen.
Dann aber war er derjenige, der das Schweigen brach.
„Zufrieden mit deinem Text?“, fragte er.
Dougs Antwort war unerwartet bescheiden.
„Ist wohl ganz okay“, meinte er. „Ehrlich gesagt komme ich mir gerade ein bisschen wie ein Betrüger vor.“ Als Benjamin überrascht dreinschaute, richtete sich Doug in seinem Sessel auf und setzte zu einer Erklärung an. „Weißt du, ich glaube, dass wir hier am Scheideweg stehen. Labour ist erledigt. Davon bin ich fest überzeugt. Die Leute sind mittlerweile so sauer, und niemand weiß, was man dagegen tun kann. In den letzten Tagen war das bei Gordons Wahlkampf immer wieder zu hören. Die Wähler sehen diese Typen in der City, die vor zwei Jahren praktisch die Wirtschaft zerstört haben und dafür nie irgendwie belangt worden sind – keiner von ihnen ist in den Knast gewandert, und jetzt streichen alle wieder ihren Bonus ein, während die anderen den Gürtel enger schnallen sollen. Die Gehälter sind eingefroren. Die Leute haben keine sicheren Arbeitsplätze, keine Altersvorsorge, sie können sich keinen Familienurlaub leisten und ihr Auto nicht reparieren lassen. Vor ein paar Jahren haben sie sich noch wohlhabend gefühlt. Jetzt fühlen sie sich arm.“
Doug kam immer mehr in Fahrt. Benjamin wusste, wie sehr er es liebte, so zu reden, wie ihn auch jetzt noch, nach fünfundzwanzig Jahren als Journalist, nichts mehr begeisterte als das Hauen und Stechen in der britischen Politik.
Er konnte die Begeisterung des Freundes nicht nachvollziehen, ließ sich aber auf das Thema ein.
„Aber ich dachte, der Zorn richtet sich gegen die Tories“, sagte er pflichtschuldig. „Wegen dem Spesenskandal. Weil sich die Abgeordneten die Zweitwohnung in London finanzieren lassen wollten, und was weiß ich noch alles …“
„Die Leute machen beide Parteien dafür verantwortlich. Und was am traurigsten ist: Alle sind so zynisch geworden. ‚Was soll’s, einer ist so schlimm wie der andere …‘ Deshalb ist es ja auch immer so knapp ausgegangen – bis heute. Eine unbedachte Bemerkung wie die von Gordon kann das Zünglein an der Waage sein.“
„Glaubst du wirklich, dass das viel ändert? Das war doch nur ein Ausrutscher. Ein schwacher Moment.“
„Mehr braucht es heute nicht. So wacklig ist die ganze Sache geworden.“
„Aber für jemanden wie dich sind das doch gute Zeiten. So viel, worüber man schreiben kann.“
„Schon, aber ich … das ist mir alles so fremd, verstehst du? Dieser Groll, diese soziale Schieflage. Das spüre ich alles nicht. Ich bin nur Zuschauer. Ich lebe in diesem verdammten … Kokon. Ich wohne in einem Haus in Chelsea, das Millionen wert ist. Der Familie meiner Frau gehört die Hälfte der Counties um London herum. Ich weiß nicht, wovon ich rede. Und das macht sich in meinen Artikeln bemerkbar. Ist ja wohl klar.“
„Wie läuft’s eigentlich mit dir und Francesca?“, fragte Benjamin, der Doug früher um seine reiche und schöne Frau beneidet hatte, inzwischen aber niemanden mehr um irgendetwas beneidete.
„Ziemlich mies, um ehrlich zu sein“, sagte Doug und starrte düster vor sich hin. „Wir schlafen jetzt in getrennten Zimmern. Gut, dass wir so viele davon haben.“
„Was sagen die Kinder dazu? Stellen Sie irgendwelche Fragen?“
„Schwer zu sagen, was Ranulph denkt. Er ist viel zu sehr mit Minecraft-Spielen beschäftigt, um mit seinem Vater zu reden. Und was Corrie betrifft …“
Benjamin war schon öfter aufgefallen, dass Doug seine Tochter nie bei ihrem richtigen Namen nannte, also Coriander. Er hasste diesen Namen (den seine Frau ausgesucht hatte) noch mehr, als seine bemitleidenswerte zwölfjährige Trägerin das tat. Dementsprechend reagierte sie auch ausschließlich auf die Anrede „Corrie“. Wenn jemand den vollen Namen benutzte, erntete er nur einen glasigen Blick und Schweigen, als wäre eine unsichtbare Fremde angesprochen worden.
„Na ja“, fuhr Doug fort, „vielleicht besteht ja noch Hoffnung. Es kommt mir so vor, als würde sie mich, Fran und alles, wofür wir stehen, allmählich hassen, was ja eine gute Sache wäre. Ich tue mein Bestes, um sie darin zu bestärken.“ Er goss sich noch einen Whisky ein und sagte: „Vor ein paar Wochen bin ich mit ihr zum alten Longbridge-Werk gefahren. Habe ihr von ihrem Großvater erzählt und von dem, was er dort gemacht hat. Habe ihr erklärt, was ein Betriebsrat war. Ist ganz schön schwierig, einem Privatschulmädchen aus Chelsea die Gewerkschaftskämpfe der Siebzigerjahre begreiflich zu machen. Und viel ist von dem Laden ohnehin nicht mehr übrig.“
„Ich weiß“, sagte Benjamin. „Dad und ich fahren manchmal raus und sehen es uns an.“
Der Gedanke daran, dass vor vielen Jahren ihre beiden Väter auf den entgegengesetzten Seiten der großen Wasserscheide in der britischen Industrie gestanden hatten, ließ beide lächeln und weckte gemeinsame Erinnerungen, die im Falle Dougs in der Frage mündeten: „Und was ist mit dir? Ich muss sagen, du siehst gut aus. In einem Gemälde von John Constable zu leben ist offenbar genau dein Ding.“
„Schauen wir mal. Bin ja noch ganz am Anfang.“
„Aber die Sache mit Cicely … geht’s dir da wirklich gut mit?“
„Aber sicher. Mehr als gut.“ Er beugte sich vor. „Doug, ich war über dreißig Jahre in einer romantischen Obsession gefangen. Und die ist jetzt weg. Ich bin frei. Kannst du dir vorstellen, wie herrlich das ist?“
„Schon, aber was machst du jetzt mit dieser Freiheit? Du kannst doch nicht den ganzen Tag herumsitzen und Pasta-Soße zubereiten oder Gedichte über Kühe schreiben.“
„Also … Dad wird wohl ziemlich viel Hilfe brauchen. Ich denke mal, den Großteil werde ich übernehmen.“
„Aber die Fahrerei nach Rednal und zurück wirst du bestimmt bald satthaben.“
„Na ja … vielleicht könnte er hierher zu mir ziehen.“
„Im Ernst jetzt?“, fragte Doug, aber als Benjamin nicht antwortete und er außerdem feststellte, dass sein Whiskyglas schon wieder leer war, erhob er sich mühsam und sagte: „Ich glaub, ich geh schlafen. Muss früh raus, wenn ich um neun in London sein will.“
„Okay, Doug. Du kennst dich aus, oder? Ich bleib noch eine Weile hier. Damit sich das Ganze … irgendwie setzt.“
„Ich weiß. Ist echt hart, wenn einer von den Eltern stirbt. Was Härteres gibt es eigentlich gar nicht.“ Er legte Benjamin die Hand auf die Schulter und sagte ganz gefühlvoll: „Gute Nacht, alter Junge. Hast du gut gemacht heute.“
„Danke“, sagte Benjamin. Er griff kurz nach Dougs Hand, ohne jedoch „alter Junge“ hinzuzufügen. Das brachte er einfach nicht über sich.
Als er allein im Wohnzimmer war, goss er sich noch etwas zu trinken ein und setzte sich auf den breiten, hölzernen Sims, der auf der Innenseite des Erkers verlief. Er machte das Fenster noch weiter auf und ließ die kühle Luft über sich hinwegströmen. Das Mühlrad war schon seit Jahrzehnten außer Betrieb, und das Wasser des Severn floss unbeirrt, ungehindert vorüber, ohne jede Aufregung und Hektik, in einem stetig dahinplätschernden Strom der Unbekümmertheit. Der Mond war aufgegangen, und gegen den erhellten grauen Nachthimmel sah Benjamin Fledermäuse herumschwirren. Plötzlich überkam ihn eine unbändige Trauer. Die Gedanken, die er den ganzen Tag über abgewehrt hatte – an den Tod seiner Mutter, ihr Leiden in den letzten Lebenswochen –, ließen sich nicht länger unterdrücken.
Ein Musikstück kam ihm in den Sinn und er wusste, dass er es jetzt anhören musste. Es war ein Song. Er ging zum Regal, wo sein iPod in der Dockingstation ruhte, nahm ihn heraus und scrollte die Liste der Interpreten durch. Als Letztes hatte er offenbar XTC gehört. Er scrollte zurück, vorbei an Wilson Pickett, Vaughan Williams, Van der Graaf Generator, Strawinsky, Steve Swallow, Steely Dan, Stackridge und Soft Machine, bis er den Namen fand, nach dem er gesucht hatte: Shirley Collins, die Folksängerin aus Sussex, deren Platten er seit den Achtzigerjahren sammelte. Er fand alles von ihr wunderbar, aber es gab einen Song, der in den letzten Wochen eine besondere Bedeutung angenommen hatte. Benjamin wählte ihn aus, tippte auf Play, und gerade als er den Erker wieder erreichte, sich setzte und hinaus auf den mondbeschienenen Fluss sah, drang Collins’ kräftige, ernste Stimme unbegleitet und mit viel Hall aus dem Lautsprecher und erfüllte den Raum mit einem der schaurigsten und melancholischsten Folksongs, die in England je geschrieben wurden.
Adieu to old England, adieu
And adieu to some hundreds of pounds
If the world had been ended when I had been young
My sorrows I’d never have known
Benjamin schloss die Augen und nahm noch einen Schluck aus seinem Glas. Was für ein Tag das gewesen war, wie viele Erinnerungen, Wiedersehen, schwierige Gespräche. Seine Ex-Frau Emily war bei der Trauerfeier gewesen, zusammen mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern und ihrem Mann Andrew. Aus Japan war sein Bruder gekommen, mit dem er nicht mehr redete: Er hatte es nicht einmal über sich gebracht, ihm in die Augen zu sehen, weder bei seiner Trauerrede, noch beim anschließenden Umtrunk. Onkel und Tanten waren angereist, vergessene Freunde sowie entfernte Cousins und Cousinen. Philip Chase war dagewesen, sein treuester Freund aus dem King-William’s-Gymnasium, außerdem war ganz überraschend Doug aufgetaucht, und dann hatte er noch eine elektronische Postkarte von Cicely aus Australien bekommen, was mehr war, als er von ihr erwartet hatte. Vor allem war Lois dagewesen, um ihm zur Seite zu stehen, Lois, deren Loyalität ihrem Bruder gegenüber unerschütterlich war, deren Augen vor Trauer trüb wurden, sobald sie sich unbeobachtet glaubte: Lois, deren achtundzwanzigjährige Ehe ihm ein absolutes Rätsel war und deren Mann, der, treu ergeben, den ganzen Tag keinen Schritt von ihrer Seite gewichen war, schon von Glück reden konnte, wenn sie ihm auch nur einen flüchtigen Blick schenkte …
Once I could drink of the best
The very best brandy and rum
Now I am glad of a cup of spring water
That flows from town to town
Die Melodie versetzte ihn in die Vergangenheit zurück, in die letzten zwei Wochen des Lebens seiner Mutter, als sie nicht mehr sprechen konnte, als sie, von Kissen gestützt, im Bett des alten Schlafzimmers lag und er bei ihr saß, oft über Stunden, in denen er anfangs redete und versuchte, lange Monologe zu halten, dann aber merkte, dass seine Fähigkeiten dazu nicht ausreichten, und stattdessen beschloss, eine Playlist mit Musik zu erstellen, die das Schweigen zwischen ihnen füllte. Er stellte also diese Playlist zusammen, die er im Zufallsmodus abspielte, und für den Rest ihrer gemeinsamen Zeit – den Rest von Sheilas Leben – sprach Benjamin kaum noch mit ihr, sondern saß am Bett und hielt ihre Hand, während sie Ravel, Vaughan Williams, Finzi oder Bach hörten, die beruhigendste Musik, die ihm einfiel, denn er wollte, dass ihr Leben mit etwas Schönem ausklang, und es gab mehr als fünfhundert Titel auf der Playlist, wobei dieser ganz lange nicht drankam, erst am beinahe letzten Tag …
Once I could eat of good bread
Good bread that was made of good wheat
Now I am glad with a hard mouldy crust
And glad that I’ve got it to eat
… Lois und ihr Vater waren auch im Haus, aber ihnen fehlte das Durchhaltevermögen, sie kamen ins Schlafzimmer und verließen es gleich wieder, sie mussten sich unten ständig irgendwie beschäftigen, Tee kochen, Lunch zubereiten, aber Benjamin hatte nie ein Problem mit dem Nichtstun gehabt, es gefiel ihm, einfach nur dazusitzen, genau wie es seiner Mutter gefiel, es gefiel ihnen beiden, einfach aus dem Fenster hinaus in den Himmel zu schauen, der an diesem Tag, das wusste er noch genau, unglaublich grau war, ein kräftiges, sattes Dunkelgrau, ein tief hängender Himmel, ein bedrückender Himmel, vielleicht auch nur typisch für diesen trostlosen April oder aber, wie er damals schon überlegt hatte, irgendwie der Wolke aus Vulkanasche geschuldet, die von Island über Europa zog, Schlagzeilen machte und quer über den Kontinent die Flugpläne über den Haufen warf, und während er den Himmel betrachtete und über die unnatürliche Dunkelheit mitten am Vormittag sinnierte, wählte der iPod-Algorithmus zufällig den Song von Shirley Collins aus, der die traurige Geschichte eines lange zurückliegenden Unglücks erzählte …
Once I could lie on a good bed
A good bed that was made of soft down
Now I am glad of a clot of clean straw
To keep meself from the cold ground
Jetzt, da Benjamin auf den Text achtete, vermutete er, dass dieser Song wohl aus dem achtzehnten oder frühen neunzehnten Jahrhundert stammen musste und vom Leid eines Gefangenen erzählte, der auf den Abtransport wartete, wobei ihm an diesem Abend keine Bilder von bröckelnden Kerkermauern oder rattenverseuchten Strohlagern durch den Kopf gingen: Stattdessen dachte er an das, was Doug ihm über die Wut gesagt hatte, der er in den letzten paar Wochen von Gordon Browns Wahlkampf begegnet war, über dieses brodelnde Gefühl von Benachteiligung, diesen Hass auf das finanzielle und politische Establishment, das die Leute ausgesaugt hatte und ungeschoren davongekommen war, diese stille Empörung der Mittelschicht, die sich an Behaglichkeit und Wohlstand gewöhnt hatte und jetzt merkte, dass ihr das alles entglitt: „Vor ein paar Jahren haben sie sich noch wohlhabend gefühlt. Jetzt fühlen sie sich arm.“
Once I could ride in me carriage
With servants to drive me along
Now I’m in prison, in prison so strong
Not knowing which way I can turn
… Ja, so konnte man diese Zeilen deuten: als zeitlose, die Jahrhunderte überdauernde Geschichte eines Verlusts, eines Verlusts von Privilegien, aber in Wirklichkeit kam alles, was dieser Song an Schönheit besaß, alles, was Benjamins Inneres berührte und sein Herz ergriff, allein von der Melodie, von dieser Abfolge der Noten, die so wahr und erhaben und irgendwie … zwingend erschien, eine jener Melodien, die man zum ersten Mal hört und schon ein Leben lang zu kennen glaubt, und das war vermutlich auch der Grund, dachte er, weshalb gerade als das Lied an jenem Vormittag sein Ende erreichte, als Shirley Collins die erste Strophe wiederholte, mit ihrer klangvollen, geheimnisvoll englischen Stimme, einer Stimme, die die Wörter durchdrang wie ein Sonnenstrahl das Wasser eines dunklen, an reifen Wein erinnernden Flusses, weshalb in dem Moment, als die erste Strophe wiederholt wurde, etwas Unfassbares geschah: Benjamins Mutter gab einen Laut von sich, den ersten Laut seit Tagen, nachdem alle schon geglaubt hatten, ihre Stimmbänder seien überflüssig geworden, aber nein, sie wollte etwas sagen, oder zumindest kam es Benjamin kurz so vor, doch dann ging ihm auf, dass das keine Worte waren, keine Sprache, dazu war die Stimme zu hoch, die Tonhöhe schwankte zu sehr, und obwohl das nicht zu den Tönen der Aufnahme passte, versuchte seine Mutter trotzdem zu singen, etwas in dem Lied hatte eine ferne Erinnerung wachgerufen, es hatte irgendeine ursprüngliche, instinktive Reaktion aus den Tiefen ihres sterbenden Körpers gelockt oder zu locken versucht, und als die letzte Strophe zu Ende war, liefen Benjamin beim Klang dieser anderen Stimme Schauer über den Rücken, dieser unglaublich dünnen, unglaublich schwachen Stimme, die seiner Mutter gehört haben musste (auch wenn er sich nicht erinnern konnte, sie je singen gehört zu haben, kein einziges Mal in all der Zeit, die sie zusammen verbracht hatten), die aber jetzt, in diesem Moment, von einer körperlosen Wesenheit im Raum zu kommen schien, einem Engel oder Geist, der die materielose Essenz erahnen ließ, zu der seine Mutter bald werden sollte …
Adieu to old England, adieu
And adieu to some hundreds of pounds
If the world had been ended when I had been young
My sorrows I’d never have known
Der Song war zu Ende. Stille legte sich über das Wohnzimmer, und draußen über dem Fluss hing die Dunkelheit.
Benjamin weinte, erst leise, dann mit kurzen, schweren Schluchzern, die seinen Körper erschütterten, in den Rippen schmerzten und die wenig beanspruchten Muskeln seines fleischigen Bauches qualvoll verkrampften.
Als der Anfall vorüber war, blieb er noch eine Weile am Fenster sitzen und versuchte sich zum Schlafengehen durchzuringen. Sollte er noch einmal nach seinem Vater sehen? Der Whisky und der emotionale Aufruhr dieses Tages hatten ihn vermutlich in einen tiefen Schlaf versetzt. Aber Benjamin wusste auch, dass sein Vater für gewöhnlich schlecht schlief: Das war schon seit Monaten oder sogar Jahren so und nicht erst seit der Krankheit seiner Frau. Er schien in einem Zustand stetigen, auf kleiner Flamme köchelnden Ärgers zu leben, der ihm tagsüber ebenso zu schaffen machte wie nachts. Was er heute zu Benjamin über die Geschwindigkeitskontrollen gesagt hatte – „Bei jeder Gelegenheit wollen diese Arschgeigen einem noch mehr Geld abknöpfen“ –, war typisch. Colin hätte vermutlich nicht erklären können, wen er mit „sie“ meinte, aber er spürte eine arrogante, bevormundende Präsenz und lehnte sie entschieden ab. Es war exakt so, wie Doug es formuliert hatte: „Die Leute sind sauer, richtig sauer“, auch wenn sie gar nicht genau sagen konnten, warum oder auf wen.
Als Benjamin schließlich das Fenster zumachte, sah er ein letztes Mal auf den Fluss hinaus. Bildete er sich das ein, oder stand er heute Abend etwas höher als sonst und floss auch ein bisschen schneller? Beim Kauf der Mühle hatten ihn viele Leute gefragt, ob er sich der Gefahr eines Hochwassers bewusst sei. Benjamin hatte das recht überheblich abgetan, aber diese Fragen hatten dennoch Zweifel in ihm gesät. Eigentlich wollte er den Fluss als Freund betrachten: als gutmütigen Gefährten, dessen Verhalten er einschätzen konnte und in dessen Gesellschaft er sich wohlfühlte. Machte er sich etwas vor? Angenommen, der Fluss würde seine ruhigen und berechenbaren Gewohnheiten ablegen; angenommen, er würde ohne ersichtlichen Grund mit einem Mal wütend werden. Wie würde sich diese Wut äußern?
Oktober 2010
Sophie hatte über die Jahre eine Reihe amouröser Enttäuschungen erlitten. Ihre erste richtige Beziehung, die mit Philip Chases Sohn Patrick, hatte die Universität nicht überlebt. In ihrem Magisterjahr in Bristol hatte sie Sohan kennengelernt, den Mann, den sie für ihren Seelengefährten hielt, einen gut aussehenden Anglistik-Studenten srilankischer Herkunft. Aber er war schwul. Dann war da Jason gewesen, der sich genau wie sie am Courtauld-College auf den PhD vorbereitete. Aber er hatte sie mit seiner Tutorin betrogen, und sein Nachfolger Bernard war so mit seiner Doktorarbeit über Sisleys Notizbücher beschäftigt gewesen, dass sie die Beziehung still und leise beendete, ohne dass er es überhaupt bemerkte. In Anbetracht ihrer Erfahrungen mit intellektuellen Boyfriends hatte Sophie jetzt beschlossen: Wenn sie wieder jemanden suchen würde (und sie hatte es nicht sonderlich eilig), dann würde sie ihre Netze außerhalb der akademischen Welt auswerfen.
Unterdessen hatte sie aber auch Glück gehabt: Am Ende des Sommertrimesters hatte ihr eine Kollegin von der Universität Birmingham eine E-Mail geschickt und sie aufgefordert, sich dort auf eine Dozentur zu bewerben, die auf zwei Jahre befristet war. Sie bewarb sich, sie bekam die Stelle, und im August 2010 räumte sie ihr Zimmer in Muswell Hill und beförderte sich selbst mitsamt ihren Besitztümern über die M40 zurück in die Stadt, in der sie zur Welt gekommen war. Und da sie keine bessere Alternative hatte, zog sie fürs Erste bei ihrem Vater ein.
Christopher Potter wohnte zu der Zeit im Stadtteil Hall Green, in einer Straße mit viel Grün, die diagonal von der Stratford Road abzweigte und dennoch so wirkte, als wäre sie weit weg von deren konstantem Verkehrsstrom in nördlicher wie südlicher Richtung. Es war eine Doppelhaushälfte, und obwohl er sie sich eigentlich mit seiner Frau teilte, bewohnte er sie im Grunde genommen allein. Viele Jahre lang hatte die Familie in York gelebt, wo Lois Bibliothekarin an der Universität war und Christopher als Anwalt für Personenschaden arbeitete. Im Frühjahr 2008, als ihre einzige Tochter in London wohnte und es mit der Gesundheit von Christophers Mutter ebenso bergab ging wie mit der von Lois’ Eltern, hatte er vorgeschlagen, sie sollten doch wieder nach Birmingham ziehen. Lois hatte zugestimmt – dankbar, wie es schien. Christopher hatte um eine Versetzung in die Midlands-Niederlassung seiner Kanzlei angesucht und sie auch bekommen. Sie hatten ihr Haus verkauft und dafür dieses neue erworben. Und dann, in allerletzter Minute, hatte Lois etwas höchst Erstaunliches verkündet: Sie wolle ihren Job nicht aufgeben, sie finde keineswegs, dass ihre Eltern sie in unmittelbarer Nähe brauchten, und sie könne den Gedanken nicht ertragen, in die Stadt zurückzukehren, in der vor über dreißig Jahren ihr Leben durch eine persönliche Tragödie aus der Bahn geworfen worden war, die sie bis heute verfolgte. Sie werde in York bleiben, und von jetzt an würden sie sich eben nur am Wochenende sehen.
Christopher hatte das so würdevoll wie möglich hingenommen, allerdings in der (nie explizit geäußerten) Annahme, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein würde. Aber er war nicht glücklich damit, er lebte nicht gern allein, deshalb freute er sich riesig, als Sophie von ihrem neuen Job erzählte und fragte, ob sie eine Zeit lang bei ihm wohnen könne.
Sophie fand es hingegen merkwürdig und fast schon unheimlich, wieder zu Hause bei ihrem Vater zu sein. Sie war siebenundzwanzig, und es gehörte nicht zu ihrem Lebensplan, in diesem Alter noch bei einem Elternteil zu wohnen. Sie hatte rasch Gefallen gefunden an der dicht bevölkerten, improvisierten und irgendwie selbstzufriedenen Weltoffenheit Londons und rechnete nicht damit, etwas Vergleichbares auch in Birmingham anzutreffen. Christopher war umgänglich und unkompliziert, aber im Haus herrschte eine bedrückende Stille. Schon bald nutzte sie jede Gelegenheit, um von dort wegzukommen, und sei es auch nur für ein oder zwei Tage; wenn sich eine Fahrt nach London ergab, war sie sogar doppelt dankbar.
Am Donnerstag, den 21. Oktober, verließ sie den Uni-Campus um Punkt 15 Uhr. Sie war bester Stimmung: Ihr Seminar über die russischen Romantiker hatte Anklang gefunden. Sie war schon jetzt sehr beliebt bei den Studenten. Wie gewohnt war sie mit dem Auto zur Uni gekommen. Ihr Großvater Colin, der mittlerweile so schlecht sah, dass er nicht mehr fahren konnte, hatte ihr seinen mitgenommenen Toyota Yaris geschenkt. (Die Zeit, in der er aus patriotischer Pflicht britische Autos kaufte, war längst vorbei.) Sie hatte eine Fahrkarte für den Nachmittagszug nach London gekauft und aus Sparsamkeit die langsamere, billigere Route gewählt, die durch die Chiltern Hills führte und am Marylebone-Bahnhof endete. Zunächst musste sie aber zum Bahnhof von Solihull gelangen und das Auto dort parken. Sie hatte sich auf eine ruhige und entspannte Fahrt über die Hauptverkehrsadern eingestellt, denn erfreulicherweise kam man hier – anders als in der Hauptstadt – mit dem eigenen Auto ebenso problemlos voran wie mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber sie hatte nicht mit dem hohen Verkehrsaufkommen gerechnet, weshalb sie nach rund einer halben Stunde befürchtete, sie könnte womöglich ihren Zug verpassen. Als sie schließlich auf der Streetsbrook Road war, drückte sie aufs Gas, sodass der Wagen 37 Meilen pro Stunde erreichte. Es war eine Dreißigerzone, und sie wurde von einem Radargerät geblitzt.
Als sie in Marylebone aus dem Zug ausstieg, hatte sie noch genügend Zeit, um den mit Sohan vereinbarten Treffpunkt zu Fuß zu erreichen. Sie überquerte die Marylebone Road zum Gloucester Place und ging durch die halb leeren Seitenstraßen mit ihren hohen, cremefarbenen Georgianischen Häusern, bis sie die Marylebone High Street erreichte. Hier war mehr los, und sie musste sich mal schneller, mal langsamer durch das frühabendliche Menschengewirr schlängeln. Beim Klang der unterschiedlichen Sprachen fiel ihr eine Situation vor ein paar Jahren ein, als Benjamin noch in London gewohnt hatte. Colin und Sheila waren gekommen, um ihn zu besuchen, und gemeinsam mit ihrem Onkel und den Großeltern war sie zum Essen in ein italienisches Lokal am Piccadilly Circus gegangen. „Ich glaube, ich habe unterwegs kein einziges Wort Englisch gehört“, hatte Colin gesagt, und ihr war klargeworden, dass das, worüber er sich beschwerte, genau das war, was sie an dieser Stadt am meisten mochte. An diesem Abend hatte sie bereits Französisch, Italienisch, Deutsch, Polnisch, Urdu, Bengali und ein paar andere, ihr unbekannte Sprachen vernommen. Es machte ihr nichts aus, dass sie kaum die Hälfte dessen verstand, was die Leute redeten; das Stimmen-Babel trug zu der leichten Verwirrung bei, die sie so sehr liebte: Es fügte sich nahtlos in den ständigen Lärm der Stadt und das bunte Kaleidoskop aus Ampeln, Scheinwerfern, Bremslichtern, Straßenlaternen und Schaufenstern; in das Bewusstsein, dass sich die Wege von Millionen einzelner Existenzen einen Moment lang kreuzten, ohne dass diese Menschen je etwas voneinander erfahren würden. Sie schwelgte auch dann noch in diesen Eindrücken, als sie den Schritt beschleunigte, auf dem Handy-Display die Zeit prüfte und schon Angst hatte, sie würde das Universitätsgebäude wohl ein paar Minuten zu spät erreichen.
Sohan erwartete sie bereits an einem Tisch in der Robson-Fisher-Bar, einer schwach beleuchteten Enklave, in der vornehmlich Postgraduierte und Lehrkräfte verkehrten. Vor ihm standen zwei Gläser Prosecco. Er schob Sophie eines hin.
„Oh je“, sagte er. „Du siehst blass und kränklich aus. Liegt wohl am Klima da oben im Norden.“
„Birmingham ist nicht der Norden“, sagte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Trink einfach“, sagte er. „Wie lange hast du so was nicht mehr gehabt?“
Sophie nahm einen großen Schluck. „Dieses Zeug gibt es auch dort, wo ich lebe. So etwa seit … 2006. Sind die Stars schon da?“
„Keine Ahnung. Wenn, dann sind sie im Aufenthaltsbereich hinter der Bühne.“
„Solltest du nicht auch dort sein?“
„Später. Es eilt nicht.“
Sohan hatte Sophie eingeladen – zur moralischen Unterstützung vor allem –, damit sie sehen konnte, wie er eine Podiumsdiskussion mit zwei Schriftstellern moderierte, einem englischen und einem französischen.
Der Engländer, Lionel Hampshire, war eine kleine Berühmtheit – zumindest in literarischen Kreisen. Vor zwanzig Jahren hatte er einen Roman veröffentlicht, der den Man-Booker-Preis gewonnen und ihn bekannt gemacht hatte: Die Otter-Dämmerung, ein schmales Bändchen, halb Memoir, halb fiktionale Prosa, das irgendwie den Nerv der Zeit getroffen hatte. Auch wenn nichts, was er seither geschrieben hatte, ähnlich erfolgreich gewesen war (sein jüngstes Buch, ein bizarrer Exkurs in die feministische Science-Fiction namens Fallopia, war von den Kritikern verrissen worden), schien ihn das nicht sonderlich zu stören: Der Ruhm, den der junge Preisträger erworben hatte, reichte aus, um ihm eine anhaltend lukrative Karriere zu bescheren, und bis heute verhielt er sich so, als könnte er sich mit Fug und Recht auf seinen Lorbeeren ausruhen.
Der französische Autor – Philippe Aldebert sein Name – war hingegen ein unbeschriebenes Blatt.
„Wer ist das?“, fragte Sophie.
„Keine Sorge, ich hab mich informiert“, sagte Sohan. „Zu Hause offenbar eine ganz große Nummer. Prix Goncourt, Prix Femina. Er hat zwölf Romane geschrieben, von denen hierzulande nur ein paar wenige erschienen sind – du weißt ja, wie die Briten sind: Sie mögen es nicht, wenn irgendwelche Ausländer rüber in die Nation von Dickens und Shakespeare kommen und ihnen sagen, wie man’s richtig macht.“
„Bist du nervös wegen der Moderation?“, fragte Sophie.
Die Veranstaltung war vom Romanistik- und Anglistik-Seminar gemeinsam organisiert worden. Sohan war eines der jüngsten Mitglieder des Letzteren, nur ein einfacher Dozent, aber dadurch, dass er bereits für den New Statesman und das Times Literary Supplement schrieb, war er geradezu prädestiniert für einen solchen Anlass, der sich an die breite Öffentlichkeit ebenso richtete wie an Lehrkräfte und Studenten.
„Ein bisschen“, gab er zu und erhob sein Glas. „Das hier ist mein drittes.“
„Den Titel verstehe ich nicht ganz“, sagte Sophie und sah auf den Flyer, der zwischen ihnen auf dem Tisch lag. Danach war das Thema, über das heute diskutiert werden sollte, „Fiktionalisierung des Lebens – Leben in der Fiktion“. „Was ist damit gemeint?“
„Woher soll ich das wissen? Wir haben hier zwei Autoren, die nichts miteinander gemein haben außer ihrer kolossalen Meinung von sich selbst. Irgendeinen Titel musste ich ja finden. Beide schreiben fiktional. Beide schreiben über das ‚Leben‘ – oder zumindest über ihre Version davon. Mit so einem Titel mache ich jedenfalls nichts falsch.“
„Wohl kaum …“
„Hör mal, die Sache wird so bis neun gehen, deshalb habe ich für halb zehn einen Tisch reserviert. Nur für uns zwei.“
„Musst du denn nicht mit den anderen essen gehen?“
„Ich lass mir eine Ausrede einfallen. Du bist diejenige, die ich treffen will. Ist ja schon ewig her. Und du siehst so blass aus!“
Der Hörsaal war fast voll: Das Publikum bestand aus fast zweihundert Leuten. Ein paar Studenten waren gekommen, aber die meisten der geduldig und erwartungsvoll dreinschauenden Gesichter, die Sophie ringsumher erblickte, gehörten zu Menschen in ihren Fünfzigern oder darüber. Von ihrem Platz in einer der obersten Reihen aus blickte sie über ein Meer aus weißen Haaren und kahlen Hinterköpfen hinweg auf die Bühne. Vier Leute waren dort platziert: Sohan, die beiden erlauchten Autoren sowie ein Dozent des Romanistik-Seminars, der Monsieur Aldeberts Antworten für die Zuhörer ins Englische übersetzen und ihm Sohans Fragen auf Französisch ins Ohr flüstern sollte. Der Moderator und der Dolmetscher sahen angespannt aus; die beiden Autoren strahlten zuversichtlich ins Publikum. Nach einer nicht enden wollenden Einführung durch den stellvertretenden Rektor ging es zur Sache.
Ob es an den Unterbrechungen durch den Übersetzer lag oder an Sohans Nervosität – jedenfalls kam die Diskussion nur holprig in Gang. Die Fragen an die beiden Autoren waren lang und weitläufig, während die Antworten eher Monologen glichen, ohne dass sich, wie Sohan gehofft hatte, ein intimes und flüssiges Gespräch ergab. Nach etwa fünfzehn Minuten – Lionel Hampshire erging sich gerade in kühnen Verallgemeinerungen über den Unterschied zwischen der französischen und der britischen Einstellung zur Literatur – war zu sehen, wie Sohan sich hinter sein Blatt mit Notizen verkroch und es offenbar panisch durchforstete. Wenige Sekunden später spürte Sophie ihr Handy vibrieren und stellte fest, dass er ihr tatsächlich eine SMS geschickt hatte.
Hilfe ich hab keine Fragen mehr was jetzt?
Sie sah kurz nach links und nach rechts, aber in den benachbarten Sitzen hatte anscheinend niemand mitbekommen, wer die SMS geschickt hatte oder dass sie überhaupt eingegangen war. Nach kurzem Nachdenken schrieb sie zurück:
Frag PA ob er nicht findet dass Franzosen Bücher ernster nehmen.
Sohans Antwort – ein Daumen-hoch-Emoji – kam sofort, und ein paar Sekunden später, als Lionel Hampshires Redefluss allmählich nachließ, hörte man, wie er zu Monsieur Aldebert sagte:
„Mich würde interessieren, wie Sie das sehen: Wir Briten glauben ja, dass Schriftstellern in Frankreich mehr Respekt entgegengebracht wird als bei uns – oder ist das nur ein Klischee?“
Nachdem ihm der Übersetzer die Frage ins Ohr geflüstert hatte, schürzte Monsieur Aldebert die Lippen und dachte scharf nach. „Les stéréotypes peuvent nous apprendre beaucoup de choses“, gab er schließlich zur Antwort.
„Klischees können sehr vielsagend sein“, übersetzte der Übersetzer.
„Qu’est-ce qu’un stéréotype, après tout, si ce n’est une remarque profonde dont la vérité essentielle s’est émoussée à force de répétition?“
„Was ist denn eigentlich ein Klischee anderes als eine grundlegende Erkenntnis, deren essenzielle Wahrheit durch die Wiederholung abgestumpft wurde?“
„Si les Français vénèrent la littérature davantage que les Britanniques, c’est peut-être seulement le reflet de leur snobisme viscéral qui place l’art élitiste au-dessus de formes plus populaires.“
„Wenn die Franzosen die Literatur mehr schätzen als die Briten, dann ist das nur Ausdruck ihres generellen Snobismus, der eine elitäre Kunst über andere, populärere Formen stellt.“
„Les Français sont des gens intolérants, toujours prêts à critiquer les autres. Contrairement aux Britanniques, me semble-t-il.“
„Die Franzosen sind intolerant und kritisieren an anderen ständig herum. Anders als die Briten, wie mir scheint.“
„Was bewegt Sie zu dieser Aussage?“, fragte Sohan.
„Qu’est-ce qui vous fait dire ça?“, flüsterte der Übersetzer.
„Eh bien, observons le monde politique. Chez nous, le Front National est soutenu par environ 25 pour cent des Français.“
„Na ja, betrachten wir mal die Politik. Unser Front National wird von fünfundzwanzig Prozent der Franzosen unterstützt.“
„En France, quand on regarde les Britanniques, on est frappé de constater que contrairement à d’autres pays européens, vous êtes épargnés par ce phénomène, le phénomène du parti populaire d’extrême droite.“
„Wir in Frankreich beobachten genau, was in Großbritannien geschieht, und sind beeindruckt, dass es hier – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern – dieses Phänomen nicht gibt, also eine populäre rechtsradikale Partei.“
„Vous avez le UKIP, bien sûr, mais d’après ce que je comprends, c’est un parti qui cible un seul problème et qui n’est pas pris au sérieux en tant que force politique.“
„Natürlich haben Sie die UKIP, aber soweit ich sehe, ist das eine Ein-Thema-Partei, die als politische Kraft nicht wirklich ernst zu nehmen ist.“
Sohan wartete darauf, dass er das weiter ausführte, aber als das nicht geschah, wandte er sich an Lionel Hampshire und fragte ihn fast schon verzweifelt:
„Möchten Sie dazu vielleicht etwas sagen?“
„Nun ja“, sagte der bedeutende Romancier, „ich bin bei diesen groben Verallgemeinerungen eines Nationalcharakters eher vorsichtig. Aber ich denke, Philippe hat hier etwas Wichtiges angesprochen. Ich bin kein unhinterfragt patriotischer Mensch. Weit davon entfernt. Aber es gibt im Wesen der Engländer etwas, das ich sehr bewundere, und Philippe hat es klar benannt – damit meine ich unsere Liebe zum Maßhalten. Oder wenn Sie so wollen, unsere maßlose Liebe zum Maßhalten.“ (Dieses Wortspiel ploppte in die andächtige Stille des Hörsaals und löste eine Welle der Heiterkeit aus.) „Vom Politischen her sind wir ein pragmatisches Volk. Extreme Links- oder Rechtspositionen sprechen uns nicht an. Und wir sind im Grunde unseres Herzens auch tolerant. Deshalb hat das multikulturelle Experiment in Großbritannien auch weitgehend geklappt, von ein paar Ausrutschern einmal abgesehen. Ich bin nicht so vermessen, uns mit den Franzosen vergleichen zu wollen, aber was mich betrifft, sind das die Dinge, die ich an den Briten am meisten bewundere: unser Maßhalten und unsere Toleranz.“
„Was für ein selbstverliebter Haufen Schwachsinn“, sagte Sohan. Nur sagte er es leider nicht auf der Bühne.
„Findest du wirklich?“, fragte Sophie.
Sie saßen im Restaurant Gilbert Scott an der St. Pancras Station und sezierten die Veranstaltung. Das Restaurant war teuer, aber sie hatten beschlossen, dass ihre Treffen, die ja inzwischen so rar gesät waren, immer als besonderer Anlass behandelt werden sollten. Sophie hatte ein Risotto mit grünen Erbsen bestellt, und Sohan experimentierte mit einer Garnelen-Kaninchenpastete, die sich als vorzüglich erwies.
„Diese Leute wissen überhaupt nicht, wovon sie reden“, fuhr er fort. „Diese sogenannte ‚Toleranz‘ … Tagtäglich begegnet man Leuten, die alles andere als tolerant sind, ob das jemand ist, der einen im Geschäft bedient, oder jemand, an dem man auf der Straße vorbeigeht. Sie sagen vielleicht nichts Aggressives, aber man sieht es in ihren Augen und an ihrem ganzen Verhalten dir gegenüber. Und sie wollen etwas sagen. Oh ja, sie wollen eines dieser verbotenen Wörter auf dich anwenden oder dir einfach sagen, du sollst dich in dein eigenes Land verpissen – wo immer das für sie auch sein mag –, aber sie wissen, dass sie das nicht dürfen. Sie wissen, dass es verboten ist. Also hassen sie nicht nur dich, sondern auch sie – wer immer die auch sind –, diese gesichtslosen Menschen, die irgendwo über sie zu Gericht sitzen und festlegen, was sie laut sagen dürfen und was nicht.“
Sophie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Sie hatte Sohan noch nie so freimütig und verbittert über dieses Thema sprechen hören.
„In Birmingham“, sagte sie zögerlich, „scheinen die Leute das hinzukriegen … Ich meine, es gibt eine Menge Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, und …“
„Klar siehst du das so“, meinte Sohan einfach. Aber er hatte sich auf dieses Dinner gefreut und wollte die Stimmung nicht verderben, deshalb wechselte er das Thema, indem er sein iPhone nahm, ein Foto auf Facebook suchte und es ihr hinhielt. „Übrigens – was denkst du?“
Sophie betrachtete das Gesicht eines wächsern wirkenden Jungen, der mit versteinerter Miene hinter seinem zugemüllten Schreibtisch hervor in die Kamera glotzte.
„Wer ist das?“
„Einer meiner Postgrad-Studenten.“
„Was ist mit ihm?“
„Er ist Single.“ Sophie sah ihn perplex an.
„Na ja, du suchst doch jemanden, oder?“
„Nicht wirklich“, sagte sie. „Und geht’s eigentlich noch? Der sieht ja aus wie Harry Potter mit Magersucht.“
„Reizend“, sagte Sohan, während er bei Google Images bereits ein anderes Foto aufrief. „Okay, wie findest du den?“
Sophie nahm ihm erneut das Gerät ab und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen das mittelalte, frustrierte Gesicht auf dem Display.
„Wer ist das jetzt?“
„Einer meiner Kollegen.“
Sie sah genauer hin. „Nicht mehr der Jüngste, oder?“
„Ich weiß nicht, wie alt er ist. Ich weiß nur, dass er seit neunzehn Jahren seine Doktorarbeit schreibt und noch immer nicht fertig ist.“
Sophie sah noch genauer hin. „Sind das Schuppen?“
„Wahrscheinlich nur Staub auf dem Display. Komm schon, mit dem Typ hab ich mir letztes Jahr das Büro geteilt. Er ist klasse. Okay, es gab ein paar … Probleme mit der Körperhygiene, aber –“
Sophie gab ihm sein Telefon zurück. „Danke, aber: nein danke. Keine Akademiker mehr. Ich habe genug von dicken Brillengläsern und Hängeschultern. Mein nächster Freund wird ein Adonis.“
Sohan lachte ungläubig. „Ein Adonis?“
„Groß, schwarzhaarig und gut aussehend. Mit einem anständigen Job.“
„Wo willst du denn so jemanden finden, etwa dort oben?“
„Dort oben?“, wiederholte Sophie, wobei ihre Augen amüsiert funkelten.
„Ist doch oben, oder?“
„Für dich ist alles ‚oben‘. Alles nördlich von Clapham.“
„Okay, meine Weltsicht ist londonzentriert. Ist nun mal so. Ich bin hier geboren, es ist meine Stadt, und es ist der einzige Ort, an dem ich je leben werde. Bristol war eine vorübergehende Verirrung.“
„Komm mich in Birmingham besuchen. Das wird dir die Augen öffnen.“
„Okay, mach ich. Aber sag mir erst, wie dort die Männer sind.“
„Natürlich so wie überall sonst.“
„Echt? Ich dachte, die Männer aus den Midlands seien kleiner.“
„Kleiner? Wer hat dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?“
