Nacht über Eden - V.C. Andrews - E-Book

Nacht über Eden E-Book

V.C. Andrews

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Beschreibung

Heaven Leigh Casteel erlebt mit Logan Stonewall und den Kindern Annie und Luke wunderbare Jahre des Familienglücks. Dann geschieht das Schreckliche: Heaven und Logan kommen bei einem Autounfall ums Leben, Annie überlebt, ist aber an den Rollstuhl gefesselt; und dies ist erst der Anfang von Annies Leidensweg...

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Seitenzahl: 649

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über das Buch:

Heaven Leigh Casteel erlebt mit Logan Stonewall und den Kindern Annie und Luke wunderbare Jahre des Familienglücks. Dann geschieht das Schreckliche: Heaven und Logan kommen bei einem Autounfall ums Leben, Annie überlebt, ist aber an den Rollstuhl gefesselt; und dies ist erst der Anfang von Annies Leidensweg... 

Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel “Gates of Paradise”, Copyright © 1989 by the Vanda General Partnership1990 

Deutsche Erstausgabe: Copyright © 1990 Wilhelm Goldmann Verlag, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York.

Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin.

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-788-2

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Inhalt

Prolog

Erster Teil

1. Kapitel Familiengeheimnisse

2. Kapitel Geburtstagsgeschenke

3. Kapitel Schmerzliche Kreuzwege

4. Kapitel Tante Fannys Geburtstagsparty

5. Kapitel Der grösste Verlust

6. Kapitel Tony Tatterton

7. Kapitel Die Zeit der Dunkelheit

8. Kapitel Ärztliche Anordnungen

Zweiter Teil

9. Kapitel Über die Schwelle

10. Kapitel Das Zimmer meiner Mutter

11. Kapitel Drake

12. Kapitel Geister im Haus

13. Kapitel Der geheimnisvolle Mann

14. Kapitel Tonys Geständnis

15. Kapitel Ganz wie Mammi

16. Kapitel Gelähmt!

17. Kapitel Mrs. Broadfields Rache

18. Kapitel Rebellion

19. Kapitel Auf der anderen Seite des Irrgartens

20. Kapitel Flucht aus dem Gefängnis

21. Kapitel Heimkehr

22. Kapitel Segen und Fluch der Liebe

23. Kapit Das Geheimnis der kleinen Hütte

24. Kapitel Mein Prinz

PROLOG

Solange ich denken konnte, gab es nur einen Menschen, mit dem ich meine tiefsten Geheimnisse teilen konnte, und das war Luke Casteel Jr. Mir war es, als wäre ich nur wirklich lebendig, wenn er mich ansah, und tief in meinem Innersten wußte ich, daß er ebenso empfand, auch wenn er nie gewagt hätte, es mir zu sagen. Ich sehnte mich danach, meinen Blick für immer tief in seine dunklen, saphierblauen Augen zu senken und ihm zu sagen, was ich wirklich fühlte. Aber solche Worte waren verboten, denn er war mein Halbbruder.

Dennoch gab es einen Weg, wie ich ihn längere Zeit ansehen konnte, ohne daß wir befürchten mußten, einem Außenstehenden unser Geheimnis zu enthüllen: Ich malte ihn. Er stellte sich mir immer gerne als Modell zur Verfügung. Wenn die Staffelei zwischen uns stand, diente mir die Kunst als eine Art Fenster, und ich konnte sein wunderschön geformtes, braungebranntes Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der widerspenstigen, tiefschwarzen Haarsträhne, die ihm immer wieder in die Stirn fiel, nach Belieben betrachten.

Luke hatte das Haar meiner Tante Fanny geerbt, doch die dunkelblauen Augen und die gerade Nase hatte er von meinem Vater. Die Form seines Mundes und seines markanten, glattrasierten Kinns verriet Charakter. Auch mein Körperbau glich dem meines Vaters; die erstaunliche Ähnlichkeit zwischen den beiden überraschte mich immer wieder, wenn mir seine hohe, schlanke Gestalt entgegentrat. Diese Ähnlichkeit betrübte mich, denn sie erinnerte mich ständig daran, daß Luke nicht nur mein Halbbruder war, sondern daß er einem leidenschaftlichen Verhältnis zwischen meinem Vater und meiner Tante Fanny, der Schwester meiner Mutter, entstammte. Natürlich vermied man es in unserer Familie, über diesen Umstand zu sprechen. Er wurde einfach übergangen, und wir versuchten, einen Mantel des Schweigens darüber zu breiten, obwohl wir selbstverständlich wußten, daß die Leute in Winnerrow über uns redeten und klatschten. Denn wenn unsere Familie auch zu den angesehensten von Winnerrow gehörte, so war sie doch recht ungewöhnlich. Luke Jr. lebte bei seiner Mutter, die zweimal verheiratet gewesen war. Ihr erster Mann war wesentlich älter als sie gewesen und gestorben; der zweite war um einiges jünger als sie und hatte sich von ihr scheiden lassen.

Jedermann in Winnerrow erinnerte sich an die Verhandlung, in der entschieden werden sollte, ob die Vormundschaft über ihren Halbbruder Drake meiner Mutter oder Tante Fanny zugesprochen wurde. Ihr Vater Luke und seine zweite Frau Stacy waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Drake war damals erst fünf Jahre alt gewesen. Man hatte sich schließlich gütlich geeinigt: Meiner Mutter wurde die Vormundschaft zugesprochen, und Tante Fanny erhielt eine beträchtliche Geldsumme . . . Drake war es zuwider, wenn man in seiner Gegenwart von dieser Sache sprach; und in der Schule hatte er sich mehr als einmal geprügelt, weil ihn die anderen Jungen damit neckten, daß er »gekauft« worden sei. Nach Mutters Ansicht hatte Drake ohnehin das Wesen ihres Vaters geerbt. Er war hübsch, muskulös und sehr sportlich, heiter und zugleich entschlossen. Jetzt studierte er am Harvard Business College Betriebswirtschaft. Auch wenn er eigentlich mein Onkel war, sah ich in ihm eher einen Bruder. Mammi und Daddy hatten ihn stets wie ihren eigenen Sohn behandelt.

Fast jeder in Winnerrow kannte die Geschichte meiner Mutter und wußte, daß sie in den Willies geboren und aufgewachsen war, daß ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben war und daß sie eine schwere Jugend gehabt hatte. Später war sie fortgezogen und hatte eine Zeitlang bei den Tattertons, der reichen Familie ihrer Mutter, gelebt.

Damals wohnte sie in dem herrschaftlichen Haus der Tattertons, in Farthinggale Manor oder »Farthy«, wie sie es zumeist nannte, wenn ich sie einmal dazu bewegen konnte, über diese Zeit zu sprechen. Doch das geschah nicht sehr oft.

Aber Luke und ich sprachen darüber, sooft wir allein waren. Farthinggale Manor . . . In unserer Vorstellung war es ein verwunschenes Schloß, ein magischer Ort, der Tausende von Geheimnissen barg. Und immer noch wohnte der mysteriöse Tony Tatterton dort, jener Mann, der meine Urgroßmutter geheiratet hatte und das riesige Tatterton-Spielzeugimperium leitete, das heute nur noch lose mit unserer Spielzeugfabrik in den Willies verbunden war. Aus Gründen, die meine Mutter nicht preisgeben wollte, vermied sie jeden Kontakt mit ihm, obwohl er nie vergaß, uns allen Geburtstags- und Weihnachtskarten zu schicken. So lange ich mich erinnern konnte, hatte er mir zu jedem Geburtstag eine Puppe aus einem fremden Lande geschickt. Immerhin erlaubte meine Muter mir, sie zu behalten. Es waren wertvolle kleine chinesische Puppen mit langem, glattem, schwarzem Haar, Puppen aus Holland, Norwegen und Irland, die bunte Kostüme trugen und lebendige, strahlende Gesichter hatten.

Luke und ich wollten gerne mehr über Tony Tatterton und Farthy erfahren. Denn es gab so viele Fragen, auf die wir keine Antwort wußten. Was hatte meine Eltern bewogen, der glanzvollen Welt von Farthinggale Manor den Rücken zu kehren? Warum hatte meine Mutter unbedingt nach Winnerrow zurückkehren wollen, wo man hochmütig auf sie herabsah, weil sie eine Casteel aus den Willies war?

So viele Geheimnisse lauerten hinter den Schatten, die uns umgaben! Soweit ich zurückdenken konnte, hatte ich immer das Gefühl gehabt, daß es etwas gab, was ich wissen sollte – doch niemand sagte es mir, weder mein Vater noch meine Mutter, noch mein Onkel Drake.

Ich wünschte mir, ich könnte vor einer klaren, sauberen Leinwand sitzen und mit meinem Pinsel die Wahrheit auf die weiße Fläche zaubern. Vielleicht war dies der Grund, warum ich so leidenschaftlich gern malte.

ERSTER TEIL

1. KAPITEL FAMILIENGEHEIMNISSE

»O nein!« rief Drake, der plötzlich hinter mir stand. Ich war so in meine Malerei vertieft, daß ich ihn nicht hatte kommen hören. »Nicht schon wieder ein Bild von Farthinggale Manor mit Luke, der am Fenster steht und in die Wolken starrt!« Drake verdrehte die Augen.

Luke setzte sich rasch auf und strich eine Haarsträhne aus der Stirn. Immer wenn ihn etwas ärgerte oder aufregte, spielte er an seinem Haar herum. Ich wandte mich langsam zu Drake um und versuchte, ihn ebenso mißbilligend anzusehen, wie meine Englischlehrerin Miß Marbleton es tat, wenn sich jemand schlecht benahm oder eine unpassende Bemerkung machte. Doch Drake lachte spitzbübisch, und seine schwarzen Augen glänzten wie zwei funkelnde Edelsteine. Er konnte sich rasieren, so oft er wollte, immer lag auf seinen Wangen und seinem Kinn ein dunkler Schatten. Meine Mutter fuhr ihm oft liebevoll mit der Hand über die Wange und meinte, er solle die Stachelschweinborsten abrasieren.

»Drake«, sagte ich mit einem sanften Vorwurf in der Stimme.

»Nun, ist doch wahr, Annie, oder?« Drake war hartnäckig.

»Du hast jetzt schon mindestens ein halbes Dutzend Bilder gemalt, auf denen Luke durch den Park von Farthy spaziert. Dabei ist er niemals dort gewesen.« Er hob die Stimme, um uns daran zu erinnern, daß er selbst sehr wohl in Farthinggale Manor gewesen war. Ich wandte den Kopf zur Seite, wie es meine Mutter tat, wenn ihr plötzlich etwas einfiel. Sollte Drake etwa eifersüchtig sein, weil ich immer nur Luke bat, mir Modell zu sitzen? Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, Drake zu malen, denn er hatte nicht die Geduld, lange stillzusitzen.

»Meine Bilder von Farthy sind immer anders«, rief ich verletzt. »Wie könnte es auch anders sein? Ich richte mich nur nach meiner Phantasie und dem wenigen, was ich von Mammi und Daddy erfahren habe.«

»Du glaubst doch nicht, daß irgend jemand das bemerken würde?« warf Luke ein und sah von seinem Englischbuch auf. Drake grinste.

»Was hat der große Buddha gesagt?« Seine Augen funkelten boshaft. Er war immer glücklich, wenn er Luke mit einer spöttischen Bemerkung ärgern konnte.

»Drake, bitte, du verdirbst mir die Stimmung«, rief ich. »Ein Künstler muß den Augenblick einfangen und ihn festhalten wie einen kleinen Vogel . . . sanft und doch entschlossen.« Ich haßte es, wenn Luke und Drake sich stritten. Meine flehenden Blicke und Bitten waren erfolgreich. Drakes Gesicht wurde sanfter, seine Haltung entspannte sich. »Es tut mir leid. Ich dachte nur, ich könnte unseren Platon für einen Moment von hier entführen. Wir brauchen drüben in der Schule einen neunten Mann zum Baseballspielen«, fügte er hinzu.

Luke sah von seinem Englischbuch auf und schien völlig überrascht über diese Einladung. Seit Drake in diesem Frühjahr für die Semesterferien nach Hause gekommen war, hatte er fast die gesamte Zeit mit seinen älteren Freunden verbracht.

»Nun, ich . . .«, Luke sah mich an. »Ich muß für die Prüfung lernen, und ich dachte, während Annie mich malt . . .«

»Schon gut, Einstein«, unterbrach ihn Drake, und seine Stimme triefte vor Sarkasmus. »Weißt du, Bücher sind nicht alles im Leben«, fügte er altklug hinzu. »Es ist nämlich auch wichtig, daß man die Menschen kennt, daß sie einen mögen und respektieren. Das ist das Geheimnis des Erfolgs. Die Leute, die heute leitende Positionen innehaben, haben oft mehr auf dem Sportplatz als im Klassenzimmer gelernt«, meinte er belehrend und schwang dabei den schlanken Zeigefinger der rechten Hand in der Luft. Luke antwortete nicht. Er strich sich mit den Händen das Haar zurück und betrachtete Drake mit einem stoischen, durchdringenden Blick, den dieser nicht ertragen konnte. »Ach, ich weiß, ich verschwende nur meine Zeit.«

Damit wandte sich Drake wieder meinem Bild zu:

»Ich habe dir doch schon gesagt, daß Farthy grau und nicht blau ist«, wies er mich zurecht.

»Du warst doch erst fünf Jahre alt, als du dort gewohnt hast. Wie kannst du dir da so sicher sein?« warf Luke ein.

»So ein riesiges Haus vergißt man nicht«, sagte Drake und kräuselte die Lippen.

»Aber du hast auch gesagt, daß es draußen zwei Swimmingpools gäbe! Und Logan hat dir widersprochen und erzählt, daß einer draußen und einer im Haus ist«, fuhr Luke fort. Wenn es um Farthy ging, nahmen Luke und ich beide alles sehr genau und klammerten uns an jede Kleinigkeit, die wir erfahren hatten. Man hatte uns so wenig erzählt.

»Ach tatsächlich, Sherlock Holmes?« antwortete Drake, und seine Augen wurden schmal. Er ließ sich nicht gerne zurechtweisen, vor allem nicht von Luke. »Nun, ich habe nie behauptet, daß beide Schwimmbecken draußen waren; ich habe nur gesagt, daß es zwei gab. Du hörst eben nicht zu, wenn ich etwas sage. Es wundert mich, daß du in der Schule so gut bist. Wie machst du das nur?«

»Drake, bitte!« rief ich.

»Es stimmt doch, er hört nicht zu! Außer wenn du ihm etwas sagst«, fügte er hinzu und lächelte befriedigt, da er einen wunden Punkt getroffen zu haben glaubte. Luke errötete, und ein trauriger Blick aus seinen blauen Augen streifte mich.

Ich sah über ihn hinweg, hinüber zu den Willies, die im Licht der ersten Sonnenstrahlen glänzten. Der Wind trieb jetzt einen Wolkenfetzen vor sich her, der die Form einer Träne hatte. Plötzlich verspürte ich das Bedürfnis zu weinen. Es war nicht nur der Streit zwischen Luke und Drake, der mich bedrückte. Immer wieder überkam mich diese Melancholie wie eine dunkle Wolke, die sich vor die Sonne schob. Dann verspürte ich oft das Bedürfnis zu malen; denn wenn ich vor meiner Leinwand saß, schwand die Traurigkeit, und ein tiefer Frieden erfüllte mich. Auf der Leinwand erschuf ich die Welt meiner Träume und Wünsche. Ich konnte es für immer Frühling werden lassen oder einen strahlenden, wunderbaren Winter herbeizaubern. Ich fühlte mich, als hätte ich magische Kräfte; ich konnte in meinen Gedanken ein Bild heraufbeschwören und es dann auf der leeren Leinwand erstehen lassen. Während ich an meinem letzten Bild von Farthy gearbeitet hatte, hatte ich gespürt, wie mein Herz leichter und die Welt um mich herum immer heiterer geworden war, als sei ein dunkler Schatten, der auf meiner Seele gelastet hatte, gewichen. Jetzt, da Drake mir die Stimmung verdorben hatte, fühlte ich, wie mich erneut eine Welle der Trauer überspülte.

Plötzlich wurde mir bewußt, daß Luke und Drake mich anstarrten. Beide schienen bestürzt über mein betrübtes Gesicht. Hastig schluckte ich meine Tränen hinunter und lächelte ihnen durch den Schleier vor meinen Augen zu.

»Vielleicht ist jedes meiner Bilder von Farthinggale Manor anders, weil sich das Haus selbst verändert«, sagte ich schließlich mit leiser Stimme. Lukes Augen leuchteten freudig auf, und ein Lächeln spielte um seine weichen Lippen. Er wußte, was dieser Ton in meiner Stimme verhieß. Wir würden unser Märchenspiel spielen und unsere Phantasie unbekümmert schweifen lassen. Ohne Scheu würden wir Dinge sagen, die anderen siebzehn- oder achtzehnjährigen Teenagern kindisch vorkommen würden.

Aber dieses Spiel hatte noch eine andere Bedeutung für uns. Hier konnten wir Dinge aussprechen, die wir sonst nicht zu sagen gewagt hätten. Ich konnte seine Prinzessin sein und er mein Prinz. Indem wir uns hinter Phantasiegestalten verbargen, konnten wir zum Ausdruck bringen, was wir im Innersten unserer Herzen füreinander empfanden.

Drake schüttelte den Kopf. Auch er wußte, was nun kommen würde.

»O nein«, rief er, »ihr werdet doch nicht schon wieder anfangen.« Auf seinem Gesicht lag gespielte Verzweiflung.

»Vielleicht ist Farthy nur im Winter grau und düster und im Sommer hell, blau und freundlich«, begann ich und blickte zu dem strahlend blauen Himmel empor. Dann wandte ich meinen Blick Luke zu.

»Vielleicht ist es immer so, wie du es dir gerade wünschst«, sagte Luke und spann den Faden weiter. »Wenn ich mir wünsche, daß es aus Zucker und Ahornsirup besteht, dann wird es so sein.«

»Zucker und Ahornsirup?« feixte Drake.

»Und wenn ich will, daß es ein wunderbares Schloß ist, mit Hofmarschall, Hofdamen und einem traurigen Prinzen, der sich nach seiner Prinzessin sehnt, dann wird es so sein«, antwortete ich mit erhobener Stimme, um ihn zu übertönen.

»Darf ich der Prinz sein?«, fragte Luke rasch und stand auf. Unsere Blicke sanken ineinander, und mein Herz begann heftig zu pochen, als er auf mich zukam.

Er ergriff meine Hand; seine Finger waren warm und weich. Nun war sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt . . .

»Meine Prinzessin Annie«, flüsterte er. Mein Herz klopfte stürmisch. Gleich würde er mich küssen.

»Nicht so schnell, ihr Turteltäubchen«, mischte sich Drake plötzlich ein und humpelte mit gekrümmtem Rücken auf mich zu, als sei er alt und bucklig. »Ich bin Tony Tatterton«, raunte er mit drohender Stimme, »und ich komme, um Eure Prinzessin zu entführen, Sir Luke. Ich lebe im tiefsten, dunkelsten Teil des Schlosses Farthy, und sie wird mit mir kommen und für immer in meiner Welt gefangen sein. Sie wird die Prinzessin der Finsternis werden«, stieß er mit einem boshaften Lachen hervor.

Luke und ich starrten ihn an. Der überraschte Ausdruck auf unseren Gesichtern schien ihn zu verunsichern, und sein Körper straffte sich wieder. »Was für ein Blödsinn«, meinte er. »Jetzt habe ich mich selbst hinreißen lassen.« Er lachte.

»Es ist kein Blödsinn. Unsere Phantasien und Träume wecken unsere Kreativität. So hat es uns Miß Marbleton kürzlich in der Schule erklärt, nicht wahr, Luke?« Luke nickte nur. Er sah verärgert und tief verletzt aus.

»Sicher hat sie damit nicht gemeint, daß ihr Geschichten über Farthy erfinden sollt«, erwiderte Drake und grinste.

»Aber möchtest du nicht auch wissen, wie Farthy wirklich ist, Drake?« fragte ich.

Er zuckte die Achseln.

»Demnächst werde ich mir etwas Zeit nehmen und einfach vom College aus hinfahren. Es ist nicht weit von Boston«, fügte er beiläufig hinzu.

»Wirst du das wirklich tun?« Diese Vorstellung erfüllte mich mit Neid.

»Sicher, warum nicht?«

»Aber Mammi und Daddy hassen es, darüber zu sprechen«, erinnerte ich ihn. »Sie werden wütend sein, wenn sie es erfahren.«

»Dann sage ich es ihnen eben nicht«, sagte Drake. »Ich sage es nur dir. Es wird unser Geheimnis sein, Annie«, fügte er ein wenig spöttisch hinzu und sah Luke scharf an.

Luke und ich wechselten einen Blick. Drake begriff einfach nicht, warum Farthy so wichtig für uns war.

Wann immer ich Gelegenheit dazu hatte, betrachtete ich die Bilder von Mammis und Daddys wunderbarem Hochzeitsfest, das in Farthinggale Manor stattgefunden hatte. Auf den Fotos waren elegante Menschen zu sehen; die Männer trugen Smoking und die Frauen wunderbare Abendkleider. Und an den Tischen, die sich unter dem kalten Buffet bogen, eilten Diener mit Silbertabletts voller Champagnergläser vorbei.

Es gab auch ein Bild, das Mammi und Tony Tatterton beim Tanzen zeigte. Er sah so charmant aus wie ein Filmstar, und Mammi wirkte frisch und lebendig. Ihre kornblumenblauen Augen, jene Augen, die ich geerbt hatte, strahlten. Wenn ich dieses Bild betrachtete, fragte ich mich, was Tony Tatterton wohl so Schreckliches getan haben mochte. Wie bedrückend und geheimnisvoll das alles war! Und genau das war es, was mich zu diesen Bildern hinzog, als könnte ich ihnen ihr Geheimnis entlocken, wenn ich sie wieder und wieder betrachtete.

»Ob ich wohl je sehen werde, wie wunderbar und elegant es dort in Wirklichkeit ist?« meinte ich nachdenklich. »Wenn ich daran denke, daß du mit fünf Jahren dort warst, werde ich fast ein wenig eifersüchtig, Drake.«

»Das ist sechzehn Jahre her«, meinte Luke skeptisch.

»Er kann aber immer noch die Augen schließen und es sich vergegenwärtigen«, beharrte ich. »Wenn ich mir Farthy vorstelle, sehe ich nur ein Bild meiner Phantasie. Wenn Mammi nur mehr darüber erzählen würde! Und wenn ich hinfahren könnte . . . Wir bräuchten Tony Tatterton ja gar nicht zu beachten. Ich würde kein Wort mit ihm sprechen, falls sie es verbieten sollte. Aber immerhin könnten wir dort herumlaufen und . . .«

»Annie!«

Luke sprang auf, als meine Mutter um die Hausecke trat. Offensichtlich hatte sie unsere Unterhaltung mit angehört. Drake nickte, als habe er ihr plötzliches Erscheinen erwartet.

»Ja, Mammi?« Ich zog mich hinter meine Staffelei zurück. Sie sah Luke an, der rasch den Blick abwandte, und kam dann auf mich zu. Ich sah, daß sie es vermied, auf die Leinwand zu sehen.

»Annie«, sagte sie sanft, und in ihren Augen las ich eine tiefe Besorgnis, »hatte ich dich nicht gebeten, daß du dich und mich nicht mehr mit Gesprächen über Farthinggale quälst?«

»Ich habe sie gewarnt«, sagte Drake.

»Warum hörst du nicht auf deinen Onkel, mein Liebling? Er ist alt genug, um die Dinge zu begreifen.«

»Ja, Mutter.« Selbst wenn sie traurig war, sah sie wunderschön aus. Ihr Gesicht war rosig und so jung wie an dem Tag, an dem sie meinen Vater geheiratet hatte. Alle Leute, vor allem aber die Männer, die uns zusammen sahen, meinten immer: »Ihr beide seht eher wie Schwestern aus als wie Mutter und Tochter.«

»Ich habe dir doch gesagt, wie unerfreulich meine Erinnerungen an die Zeit in Farthinggale sind. Glaub mir, es ist kein Märchenschloß, und es gibt dort auch keine schönen jungen Prinzen, die darauf warten, dir zu Füßen zu fallen. Ihr beide solltet so etwas nicht spielen.«

»Ich habe alles getan, damit sie aufhören«, sagte Drake. »Andauernd spielen sie dieses alberne Märchenspiel!«

»Es ist nicht albern«, protestierte ich. »Jeder Mensch hat seine Phantasien.«

»Manchmal benehmen sie sich wie kleine Kinder«, beharrte Drake, »und Luke ermutigt sie auch noch.«

Luke erschrak und blickte meine Mutter schuldbewußt an. Ich wußte, wie wichtig ihre Zuneigung für ihn war. »Das tut er nicht«, rief ich. »Es ist ebensosehr meine Schuld.«

»Bitte, laßt uns nicht weiter auf dieses Thema eingehen«, bat meine Mutter. »Wenn ihr Märchen erfinden wollt, dann gibt es so viele andere wunderbare Dinge und Orte, über die ihr phantasieren könnt«, fügte sie hinzu, und ihre Stimme klang jetzt wieder fröhlich und unbekümmert. Sie lächelte Drake zu. »Du siehst in deinem Harvard-Sweater wirklich wie ein Collegestudent aus. Ich wette, du kannst es gar nicht erwarten, dorthin zurückzukehren«, meinte sie und wandte sich dann Luke zu: »Ich hoffe, du wirst das College ebenso aufregend finden wie Drake.«

»Bestimmt. Ich freue mich schon darauf.« Luke sah meine Mutter an und blickte rasch wieder auf mich. Solange ich denken konnte, war Luke in Gegenwart meiner Mutter immer ein wenig scheu gewesen. Er war ohnehin von Natur aus schüchtern, aber er fürchtete auch, daß sie ihn dabei ertappen könnte, wie er sie anschaute. Aus demselben Grund hatte er auch nie ein längeres Gespräch mit Daddy oder Mammi geführt, obwohl er beide sehr bewunderte.

»Es ist schön, daß du so gute Schulnoten hast, Luke«, sagte sie. Dann straffte sich ihr Körper, und sie warf den Kopf zurück. Die Frauen in der Stadt pflegten sich über ihren »Casteel-Hochmut« zu ereifern, aber ich wußte, daß die meisten nur eifersüchtig auf sie waren. Denn sie war nicht nur schön, sondern auch eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Jeder Mann in der Stadt bewunderte sie.

»Danke, Heaven«, antwortete Luke, während er sich verlegen das Haar aus der Stirn strich und so tat, als sei er in sein Buch vertieft. Doch ich wußte, wie sehr er sich über ihr Lob freute.

Dann sah er plötzlich auf seine Uhr.

»Oh, ich habe gar nicht gemerkt, wie spät es ist. Ich werde jetzt besser nach Hause gehen.«

»Ich dachte, du würdest heute abend mit uns essen«, protestierte ich, ehe er aufstehen konnte.

»Aber sicher, du solltest zum Abendessen bleiben, Luke.« Meine Mutter sah zärtlich zu Drake. »Es ist Drakes letzter Abend, bevor er zurück ins College geht«, sagte sie. »Meinst du, daß Fanny etwas dagegen hat?«

»Nein«, ein feines, leicht sarkastisches Lächeln spielte um Lukes Mund. »Sie kommt heute abend nicht nach Hause.«

»Dann ist ja alles in Ordnung«, sagte meine Mutter hastig. Wir alle wußten um Fannys Eskapaden mit jüngeren Männern und wie sehr Luke sich darüber grämte. »Ich werde ein Gedeck für dich auflegen lassen.«

Einen langen Augenblick ruhte ihr Blick auf meiner Leinwand. Auch ich betrachtete das Bild und blickte sie dann scheu an, um zu sehen, ob auf ihrem Gesicht Anerkennung oder Kritik zu lesen war. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, und ihr Blick war unverwandt in die Ferne gerichtet, als lausche sie einer Musik, die nur sie hörte . . .

»Es ist noch nicht fertig«, sagte ich hastig, denn ich fürchtete, daß sie irgend etwas Kritisches sagen könnte. Obwohl Daddy und sie meine Malerei von Anfang an immer unterstützt hatten, fühlte ich mich immer noch unsicher. Daddy hatte so wunderbare Künstler in seiner Fabrik; sie gehörten zu den talentiertesten Menschen des Landes. Er wußte, was wahre Kunst war.

»Warum malst du nicht ein Bild von den Willies, Annie?« Sie wandte sich um und zeigte auf die Berge. »Ich würde gerne etwas in dieser Art ins Eßzimmer hängen. Die Willies im Frühling mit ihren blühenden Bäumen und den singenden Vögeln! Deine Bilder sind so gut, wenn du dir beim Malen die Natur zum Vorbild nimmst.«

»O Mammi, meine Arbeiten sind aber noch nicht gut genug, um aufgehängt zu werden«, sagte ich und schüttelte den Kopf.

»Aber du hast Talent, Annie.« Ihre blauen Augen sahen liebevoll und ermutigend auf mich. »Es liegt dir im Blut«, flüsterte sie, als würde sie mir etwas Schlimmes anvertrauen.

»Ich weiß, Großvater hat wunderschöne Hasen und andere Waldtiere geschnitzt.«

»Ja.« Meine Mutter seufzte, und die Erinnerung ließ ein sanftes Lächeln über ihr Gesicht gleiten. »Ich sehe ihn noch vor mir, wie er vor der Hütte saß und stundenlang schnitzte, wie er ein formloses Holzstück in ein Waldtier verwandelte, das von Leben erfüllt schien. Es ist so wunderbar, wenn man künstlerisch begabt ist, Annie!«

»O Mammi, ich bin wirklich noch nicht gut genug«, meinte ich, »aber ich hoffe sehr, daß ich rasch Fortschritte machen werde.«

»Natürlich bist du gut, und natürlich wünschst du dir auch nichts sehnlicher, als eine richtige Malerin zu sein – eben wegen . . . wegen deiner künstlerischen Veranlagung.« Sie hielt einen Augenblick inne, als hätte sie mir gerade ein großes Geheimnis offenbart. Dann lächelte sie und küßte mich auf die Wange.

»Komm mit mir, Drake«, sagte sie, »ich möchte einige Sachen mit dir besprechen, ehe ich es vergesse und du wieder auf dem College bist.«

Drake kam zuerst zu mir herüber und betrachtete mein Bild.

»Ich habe vorhin nur Spaß gemacht, Annie. Es ist sehr gut«, sagte er fast flüsternd, damit ihn meine Mutter nicht hörte. »Ich verstehe deinen Wunsch, größere und aufregendere Orte als Winnerrow kennenzulernen. Irgendwann wirst du dieses Nest verlassen«, sagte er und wandte sich dabei halb zu Luke um. »Du wirst nicht immer nur in deiner Phantasie anderswo sein.«

Mit diesen Worten ging er zu meiner Mutter hinüber. Sie schob ihren Arm unter seinen, und sie gingen auf den Vordereingang von Hasbrouck House zu. Eine Bemerkung von Drake ließ sie laut auflachen. Ich wußte, daß er einen besonderen Platz in ihrem Herzen einnahm, weil er sie so sehr an ihren Vater erinnerte. Sie ging gerne Arm in Arm mit ihm durch die Straßen von Winnerrow.

Manchmal sah ich, wie Lukes Blick sehnsüchtig auf ihnen ruhte. Dann verstand ich, wie sehr er sich eine richtige, intakte Familie wünschte. Dies war einer der Gründe, warum er so gerne zu uns herüberkam, auch wenn er nur still dasaß und uns beobachtete. Hier gab es einen Vater und eine Mutter, wie er sie sich gewünscht hätte.

Ich spürte, daß Lukes Blick auf mir lag, und wandte mich um. Sein Gesicht war bekümmert, so als könne er meine Gedanken lesen und wüßte, wie traurig ich manchmal war – trotz des Reichtums, der uns umgab. Von Zeit zu Zeit beneidete ich die Familien, die ärmer waren als wir, denn ihr Leben schien so viel einfacher als unseres . . . Auf ihrer Vergangenheit lastete kein Geheimnis; sie hatten keine Verwandten, derer sie sich schämen mußten, keine Halbbrüder, keine Halbonkel. Nicht daß ich irgend jemanden in der Familie hätte missen mögen; ich liebte sie alle. Selbst Tante Fanny liebte ich. Es war, als wären wir alle Opfer ein und desselben Fluchs, der auf unserem Geschlecht lastete.

»Willst du weitermalen, Annie?« fragte Luke, und seine blauen Augen glänzten hoffnungsvoll.

»Hast du es nicht satt?«

»Nein. Und du?« fragte er.

»Ich werde das Malen nie leid, vor allem nicht, wenn ich dich male«, erwiderte ich.

2. KAPITEL GEBURTSTAGSGESCHENKE

Lukes und mein achtzehnter Geburtstag war ein ganz besonderer Tag für uns beide. Meine Eltern kamen an diesem Morgen in mein Zimmer, um mich zu wecken. Daddy hatte mir ein goldenes Medaillon gekauft, das ein Bild von ihm und Mammi enthielt. Es hing an einer vierundzwanzigkarätigen Goldkette und glänzte mehr als jedes andere Schmuckstück, das ich je gesehen hatte. Er legte die Kette um meinen Hals, küßte und drückte mich so fest an sich, daß mir beinahe die Luft wegblieb. Dann sah er meinen überraschten Blick.

»Ich kann nichts dafür«, flüsterte er. »Du bist jetzt eine junge Dame, und ich habe Angst, mein kleines Mädchen zu verlieren.«

»O Daddy, ich werde immer dein kleines Mädchen sein«, rief ich.

Er küßte mich wieder und hielt mich fest an sich gedrückt, bis Mammi sich räusperte.

»Ich habe hier etwas, das Annie jetzt bekommen soll«, verkündete sie. Ich traute meinen Augen kaum, denn das, was sie in den Händen hielt, bedeutete ihr mehr als die kostbarsten Juwelen, die sie besaß. Und nun wollte sie es mir schenken! Ich dachte an die Tage zurück, als ich ein kleines Mädchen gewesen war und noch nicht zur Schule ging. Jeden Morgen saßen wir in ihrem Schlafzimmer an ihrem Toilettentisch, und sie bürstete mir das Haar. Und dabei hörten wir jene wunderschöne Melodie von Chopin . . . Ein verträumter Ausdruck trat in ihre Augen, und um ihre schönen Lippen spielte ein kleines Lächeln.

Neben uns, auf einem niedrigen Tisch, stand ein kleines Häuschen, das ich Mammis Puppenhaus nannte, wenngleich es kein wirkliches Puppenhaus war. Es war eines der wenigen Tatterton-Spielzeuge, das wir bei uns zu Hause hatten: eine Spielzeughütte mit einem Irrgarten aus Hecken davor. Ich durfte es nicht berühren, aber manchmal hob sie das Dach hoch und ließ mich hineinsehen. Im Inneren befanden sich zwei Personen, ein Mann und ein junges Mädchen. Der Mann lag auf dem Boden ausgestreckt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Sein Blick war auf das junge Mädchen gerichtet, das aufmerksam dem zu lauschen schien, was er sagte.

»Was erzählt er ihr, Mammi?«

»Er erzählt ihr eine Geschichte.«

»Was für eine Geschichte, Mammi?«

»Oh, eine Geschichte von einer wunderbaren Welt, in der sich die Menschen immer geborgen und behütet fühlen, eine Welt, in der es nur Freundlichkeit und Schönheit gibt.«

»Wo ist diese Welt, Mammi?«

»Eine Zeitlang war sie in dieser Hütte.«

»Kann ich auch in diese Welt gehen, Mammi?«

»O mein Liebling, das hoffe ich!«

»Warst du einmal in dieser Welt, Mammi?«

Sie sah mich an. Ihre leuchtenden Augen waren blauer als der Himmel, und das strahlende Lächeln, das auf ihren Lippen lag, ließ ihr Gesicht noch sanfter und schöner erscheinen. Sie sah nun selbst aus wie ein kleines Mädchen.

»O ja, Annie, ich war dort – einmal.«

»Und warum bist du weggegangen, Mammi?«

»Warum?« Sie sah sich suchend um, als hoffte sie die Antwort auf einem Stück Papier zu finden, das sie irgendwo hatte liegen lassen. Dann wandte sie ihren Blick wieder mir zu, und in ihren Augen glitzerten Tränen. »Weil, Annie . . . weil es zu schön war, um es zu ertragen.«

Natürlich hatte ich sie damals nicht verstanden, und ich wußte auch heute noch nicht, was sie damit gemeint hatte. Wie konnte etwas zu schön sein, um es zu ertragen?

Aber ich dachte damals nicht weiter darüber nach. Ich wollte die kleinen Möbel und das Geschirr sehen. Alles war so vollkommen! Ich hatte alles anfassen wollen, aber sie hatte es mir verboten, da die Gegenstände zu empfindlich waren.

Und jetzt schenkte sie es mir! Ich sah hinüber zu Daddy. Seine Augen waren schmal geworden, während er auf die Hütte starrte. In seinem Blick stand etwas sehr Seltsames.

»Nein, Mammi! Ich weiß, wieviel es dir bedeutet«, protestierte ich.

»Aber du bedeutest mir doch noch viel mehr, mein Liebling«, erwiderte Mammi und überreichte mir die Hütte. Ich ergriff sie vorsichtig mit beiden Händen und stellte sie auf meinen Nachttisch, damit sie in Sicherheit wäre.

»O danke! Ich werde sie immer in Ehren halten«, versicherte ich. Ich war überglücklich, denn mit dieser Hütte verbanden sich für mich Träume und Sehnsüchte, von denen meine Mutter nichts wußte. Immer wenn ich den Mann und die Frau betrachtet hatte, hatte ich an Luke und mich gedacht. Gemeinsam würden wir weglaufen und dann glücklich zusammen in einer solchen Hütte leben . . .

»Gern geschehen, mein Liebling.«

Meine Eltern standen vor mir und lächelten mich an. Sie sahen beide so jung und glücklich aus. Welch ein wunderbarer Morgen, dachte ich. Ich wünschte, daß mein achtzehnter Geburtstag nie zu Ende gehen würde. Mein ganzes Leben sollte ein einziger glücklicher langer Tag sein, an dem alle in einer heiteren, fröhlichen Stimmung waren.

Nachdem meine Eltern das Zimmer verlassen hatten, duschte ich und verbrachte lange Zeit vor meinem Wandschrank, um mir zu überlegen, was ich an einem so wichtigen Tag anziehen sollte. Schließlich entschied ich mich für einen pinkfarbenen Angorapullover und einen weißen Seidenrock, denn diese Kleidung ähnelte der, die das junge Mädchen in der Hütte trug.

Ich kämmte mein Haar und steckte es an beiden Seiten zurück; dann legte ich einen Hauch pinkfarbenen Lippenstift auf. Zufrieden mit mir selbst lief ich aus meinem Zimmer und die Treppe hinab, die mit einem weichen blauen Teppich ausgelegt war. Der Tag war von strahlend goldenem Sonnenschein erfüllt, als würde die ganze Welt meinen Geburtstag feiern. Selbst die Blätter und die langen dünnen Zweige, die sich an dem Weidenbaum vor den Frontfenstern wiegten, schienen von Licht durchflutet.

Am Fuß der Treppe hielt ich inne, denn im ganzen Haus herrschte Stille. Ich sah auch die Hausangestellten nicht wie gewohnt hin- und hereilen und das Frühstück im Eßzimmer zu richten. »Hallo, wo seid ihr alle?«

Ich ging ins Eßzimmer. Der Frühstückstisch war gedeckt, aber es war niemand zu sehen. Ich sah in den beiden Wohnzimmern und im Arbeitszimmer nach, aber nirgendwo war eine Menschenseele zu entdecken. Drake, der nur wegen meines Geburtstags am Vorabend vom College nach Hause gekommen war, war offenbar noch gar nicht auf.

»Mammi? Daddy? Drake?«

Ich ging in die Küche. Der Kaffee lief durch die Maschine, das Rührei war geschlagen und bereit für die Pfanne, im Toaster steckten Brotscheiben, die darauf warteten, geröstet zu werden – aber es war niemand in der Küche. Wo waren Roland Star, unser Koch, und Mrs. Avery, unsere Haushälterin? Auch Gerald Wilson, unser Butler, der sich gewöhnlich in der Eingangshalle aufhielt, war verschwunden.

»Was geht hier vor?« Ich lächelte verwirrt und aufgeregt. Schließlich ging ich zur Eingangstür, öffnete sie und sah hinaus.

Dort standen sie alle: meine Mutter, mein Vater, Drake, die Angestellten und etwas abseits auch Luke, alle mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht.

»Was ist hier los«, fragte ich und trat hinaus. »Warum seid ihr . . .«

Und dann sah ich es. Offensichtlich hatte mein Vater in der Nacht zuvor dieses brandneue leuchtend blaue Mercedes-Cabriolet in die Auffahrt gebracht. Sie hatten es mit zwei breiten pinkfarbenen Bändern umwickelt. Noch ehe ich irgend etwas sagen konnte, riefen sie alle im Chor: »Herzlichen Glückwunsch!« Als ich dann um den Wagen herumging und auf dem Nummernschild meinen Namen las, spürte ich plötzlich einen Kloß im Hals.

»Herzlichen Glückwunsch, Annie, mein Liebling«, sagte meine Mutter. »Mögest du noch viele, viele schöne Geburtstage verleben.«

»Ich glaube, das ist unmöglich«, rief ich, »wie könnte ich je glücklicher sein als heute? Vielen Dank euch allen!«

Ich küßte Daddy und umarmte Drake.«

»Ich weiß nicht, wie es euch ergeht«, verkündete mein Vater, »aber ich bin am Verhungern und am Verdursten zugleich.«

Alle lachten, und die Hausangestellten traten auf mich zu, um mich zu küssen und mir zu gratulieren. dann gingen sie wieder an ihre Arbeit. Nur Luke blieb etwas hinter den anderen zurück. Ich wußte, daß er sich immer ein wenig als Außenseiter fühlte.«

»Komm, Luke,« rief meine Mutter, als sie sah, daß er unbeweglich stehen blieb. »Logan und ich haben uns auch für dich etwas Besonderes ausgedacht.«

»Danke, Heaven.«

Meine Mutter sah zuerst Luke und dann mich an und ging schließlich mit den anderen ins Haus. Luke rührte sich nicht vom Fleck.

»Komm doch, du Dummkopf«, sagte ich, »heute ist unser Ehrentag.«

Er nickte.

»Was für ein traumhafter Wagen.«

»Gleich nach dem Frühstück werden wir eine Probefahrt machen, okay?«

»Natürlich«, antwortete er, aber er sah bedrückt aus. »Heaven hat auch meine Mutter eingeladen, aber sie hat einen Kater von gestern. Ich weiß nicht, ob sie kommt«, erklärte er.

»O Luke, es tut mir so leid!« Ich ergriff seine Hand. »Wir wollen uns heute durch nichts den Tag verderben lassen, und sollte es doch irgend etwas Unerfreuliches geben, werden wir sofort zum Pavillon gehen.«

Luke mußte lächeln. Als wir klein waren, hatten wir viel Zeit dort verbracht. Der Pavillon war ein magischer Ort für uns, ein Ort, an dem wir unserer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Ohne daß wir es vereinbart oder ausgesprochen hätten, wußten wir beide, daß wir, wann immer wir etwas Besonderes tun oder besprechen wollten, zu dem Pavillon gehen würden.

Wenn wir die drei Stufen hinaufstiegen, hatten wir das Gefühl, die Realität hinter uns zu lassen. Es war ein großer Pavillon, und rundherum war am Geländer eine Bank angebracht. Meine Eltern hatten es weiß und hellgrün streichen lassen. An den Deckenbalken hingen in Abständen kleine Lampen, so daß man ihn nachts beleuchten konnte – was ihn in unseren Augen natürlich noch viel geheimnisvoller erscheinen ließ. Wir waren eigentlich die einzigen, die sich dort aufhielten. Ich konnte mich nicht daran erinnern, daß mein Vater je dort gewesen wäre. Und auch Drake hatte noch nie das Bedürfnis verspürt, dort zu sitzen. Er verbrachte seine Zeit selbst an warmen Sommertagen lieber in seinem Arbeitszimmer. Nur manchmal, wenn ich gerne hingehen wollte und er nichts anders zu tun hatte, machte er eine Ausnahme. Aber dann beklagte er sich die ganze Zeit über das Ungeziefer und die harten hölzernen Sitzbänke.

»Wir müssen sowieso zum Pavillon gehen«, sagte Luke. »Ich habe etwas für dich.«

»Ich für dich auch. Siehst du, es wird ein wunderbarer Tag werden. Herzlichen Glückwunsch.«

»Herzlichen Glückwunsch, Annie«

»Gut, aber laß uns jetzt erst etwas essen, ich komme um vor Hunger. All diese Aufregung macht Appetit.«

Er lachte, und wir liefen zurück zum Hasbrouck House.

Was seine Mutter betraf, so hatte Luke sich getäuscht. Tante Fanny kam wie üblich gerade in dem Moment hereingerauscht, als wir uns bereits alle hingesetzt hatten, um mit dem Frühstück anzufangen.

»Sieht euch ähnlich, daß ihr nicht auf mich wartet«, erklärte sie und stemmte dabei die Hände in die Hüften. Sie trug einen breitkrempigen, schwarzen Satinhut mit einem hellgrünen Band, unter dem ihr Haar hochgesteckt war. Was ihren Kater anging, so hatte Luke anscheinend recht gehabt, denn sie behielt auch im Haus ihre Sonnenbrille auf. Tante Fanny trug oft ausgefallene Kleidung, vor allem, wenn sie uns besuchte. Ich nahm an, daß sie damit nur meine Mutter eifersüchtig machen wollte, doch Mammi schenkte Fannys Aufmachung nie besondere Beachtung. Heute trug sie einen kurzen Rock und eine Jacke aus dunkelgrünem Leder und dazu eine grelle pinkfarbene Bluse. Mit ihren bunten Farben erinnerte sie an einen geschmückten Weihnachtsbaum.

»Wir haben uns mit fast einer halben Stunde Verspätung an den Tisch gesetzt, Fanny«, sagte meine Mutter.

»Ach, sag bloß?« Schwungvoll legte sie ihren Hut ab und seufzte gekränkt. Dann kam sie auf mich zu und überreichte mir einen in Geschenkpapier gewickelten Karton. »Herzlichen Glückwunsch, Annie, mein Liebes.«

»Danke, Tante Fanny.« Ich nahm das Paket entgegen und trat zur Seite, so daß ich es auspacken konnte, ohne den Tisch in Unordnung zu bringen. Daddy saß mit versteinertem Gesicht da, den Kopf auf die gefalteten Hände gestützt. Luke starrte auf den Tisch und schüttelte den Kopf. Von uns allen mochte Drake Tante Fanny am meisten. Ich nehme an, sie wußte das, denn sie sah ihn immer an und zwinkerte ihm zu, als bestünde zwischen ihnen ein geheimes Einverständnis. Ihr Geschenk war ein handgeschnitzter Schmuckkasten aus Elfenbein mit einer eingebauten Spieluhr, die das Lied »Memories« aus dem Musical »Cats« spielte, wenn man den Deckel öffnete. Mammi warf einen bewundernden Blick darauf.

»Es ist wunderschön, Fanny. Wo hast du das entdeckt?«

»Ich wollte was, was es nicht in Winnerrow gibt, Heavenly. Habe ’nen Freund von mir nach New York geschickt, extra für deine Annie.«

»O danke, Tante Fanny.«

Ich küßte sie, und sie strahlte.

»Lukes Geschenk is zu Hause. Is zu groß, um es rumzuschleppen. Hab ihm ’nen eigenen Farbfernseher geschenkt.«

»O wie schön, Luke« sagte Mammi, doch Luke schüttelte nur sanft den Kopf. Er sah nicht viel fern, sondern las lieber.

»Wäre besser, ihr wärt ’n paar Monate nacheinander geboren«, sagte Tante Fanny uns setzte sich an den Tisch. »Das würde es einfacher machen.« Sie lachte schallend. »Nun, auf was wartet ihr denn noch? Wenn das hier ein Frühstück sein soll, könnten wir ja mal anfangen. Hab seit gestern morgen nichts mehr gegessen«, fügte sie hinzu und lachte wieder. Trotz Tante Fannys Possen und der lauten Kommentare, die sie zu allem und jedem abgab, war das Frühstück sehr gemütlich. Dieser Geburtstag war der schönste und wunderbarste meines ganzen bisherigen Lebens. Es war wirklich ein einzigartiger Tag, der von Musik, Lachen und Sonnenschein erfüllt war, ein Tag, für den ich mehrere Seiten in meinem Tagebuch brauchen würde. Und ich konnte es kaum erwarten, daß Luke mir für ein Bild, das ich »Porträt zum achtzehnten Geburtstag« nennen würde, Modell saß.

Alle gaben mir das Gefühl, eine Prinzessin zu sein. Selbst die Hausangestellten hatten Geschenke für mich gekauft. Doch dann geschah noch etwas ganz Besonderes.

Ehe ich Luke zu einer Spritztour in meinem neuen Auto einladen konnte, nahm mich meine Mutter beiseite und bat mich, mit ihr in den ersten Stock zu kommen. Wir gingen in das Schlafzimmer meiner Eltern. Es war ein riesiger Raum, in dem ein großes Doppelbett mit handgeschnitztem Kopfteil stand.

Über dem Bett hing ein Gemälde, eines der wenigen Dinge, die meine Mutter aus Farthinggale Manor mitgenommen hatte. Und weil ich wußte, daß es aus Farthinggale Manor kam, hatte es mich immer wieder fasziniert. Es zeigte eine Hütte in den Willies, vor der zwei alte Leute in Schaukelstühlen saßen.

Meine Mutter hatte das Zimmer, seit sie in Hasbrouck House eingezogen war, einige Male umgestaltet und neu eingerichtet. Jetzt hingen elegante blaue Satinvorhänge mit goldenen Streifen vor den Fenstern. Die Wände waren mit hellblauer Samttapete bespannt, und der dazu passende hellblaue Teppich war so dick und weich, daß ich darauf am liebsten barfuß lief.

Zwei jüngere Angestellte der Fabrik waren dazu abgestellt worden, nach Maß Nachtschränke und Kleiderschränke zu schreinern. Der Toilettetisch meiner Mutter zog sich fast über die gesamte Länge der rechten Wand, die ganz von einem Spiegel bedeckt war. Jetzt ging sie zu ihrem Toilettetisch und öffnete die mittlere Schublade.

»Ich habe hier noch etwas, das ich dir schenken möchte«, erklärte sie, »jetzt, da du achtzehn Jahre alt bist. Natürlich wirst du es nur zu besonderen Anlässen tragen, aber trotzdem möchte ich es dir schon heute geben.«

Sie griff in die Schublade und holte eine längliche schwarze Schmuckschatulle hervor. Ich wußte, daß sie darin ihre wertvollste Halskette mit den dazugehörenden Ohrringen verwahrte.

»O Mammi!« Mein Mund blieb vor Staunen offen stehen, als ich begriff, was sie vorhatte.

Sie öffnete die Schatulle und hielt sie mir entgegen. Wir starrten beide wie verzaubert auf die glitzernden Diamanten. Ich bemerkte, daß der Anblick Erinnerungen in meiner Mutter weckte . . . Wie sehr wünschte ich, daß diese Schmuckstücke, wenn ich sie tragen durfte, alle Geheimnisse unserer Vergangenheit, all die Erinnerungen meiner Mutter, all die Weisheit, die sie aus ihren freudigen und schmerzlichen Erfahrungen gezogen hatte, an mich weitergeben würden.

»Sie gehörten meiner Großmutter Jillian, die wie eine Königin lebte.«

»Und die nicht wollte, daß du sie Großmutter nennst«, flüsterte ich. Ich erinnerte mich daran, da dies eines der wenigen Dinge war, die sie mir von ihrem Leben in Farthinggale Manor erzählt hatte.

»Genau«, lächelte sie. »Sie war sehr sehr eitel und wollte, daß ihre Schönheit und Jugend ewig währten. Kostbare Kleidung und Juwelen gehörten zu den Dingen, die sie über alles liebte. Natürlich«, fuhr meine Mutter mit demselben sanften Lächeln auf den Lippen fort, »hatte sie ein Verjüngungsprogramm für ihr Gesicht, fuhr ständig zu Badekuren und kaufte alle möglichen geheimnisvollen Tinkturen. Wann immer sie nach draußen ging, trug sie breitkrempige Hüte, denn sie fürchtete, daß sie durch die Sonne Falten bekommen könnte. Ihre Haut ist auch tatsächlich glatt geblieben«, fügte sie hinzu.

Ich hielt den Atem an, denn so ausführlich hatte sie noch nie über meine Urgroßmutter gesprochen, und ich wollte nicht, daß sie zu erzählen aufhörte. »Auch wenn sie zwanzig Jahre älter war als Tony, es fiel denen, die es nicht wußten, gar nicht auf. Sie verbrachte Stunden an ihrem Toilettetisch.«

Sie machte eine Pause und schien für einen Augenblick ganz in ihren Erinnerungen versunken.

»Wie dem auch sei«, sagte sie schließlich, »diesen Schmuck habe ich geerbt, und ich möchte, daß du ihn jetzt bekommst.«

»Er ist so schön! Ich werde kaum wagen, ihn zu tragen.«

»Du solltest keine Angst haben, schöne Dinge zu tragen und zu besitzen, Annie. Es gab einmal eine Zeit, da hat so etwas auch mir Angst gemacht. Ich fühlte mich schuldig, so viel zu besitzen, wenn ich daran dachte, wie arm meine Familie und ich in den Willies gewesen waren.« In ihren blauen Augen lag plötzlich eine unbeirrbare Entschlossenheit. »Aber ich habe schnell gelernt, daß die Reichen nicht mehr wert sind als die Armen, wenn es darum geht, die wertvollsten und schönsten Dinge zu genießen, die dieses Leben zu bieten hat. Glaube nie, daß du besser bist als die anderen, weil du in einer privilegierten Umgebung aufgewachsen bist«, fuhr sie mit einer Heftigkeit fort, die verriet, daß sie an ihre eigenen schmerzvollen Erfahrungen dachte. »Die Reichen werden oft von ebenso niederen Motiven getrieben wie die Ausgestoßenen und die Armen. Vielleicht sogar noch mehr als die Armen«, fügte sie hinzu, »Denn sie haben mehr Muße, sich in ihre Verrücktheiten zu verrennen.«

»Hast du das in Farthinggale gelernt?« fragte ich behutsam und hoffte, daß sie mir heute endlich all die dunklen Geheimnisse enthüllen würde.

»Ja«, murmelte sie. Ich wartete atemlos darauf, daß sie mir mehr erzählen würde, aber dann schlug in ihr irgendeine Tür zu, und sie tauchte plötzlich wieder aus dem Strudel der Erinnerungen auf. Ihre Augen wurden noch größer und strahlender, als würde sie gerade aus einer Hypnose erwachen. »Aber laß uns nicht über so unangenehme Dinge reden. Nicht ausgerechnet an diesem Tag, mein Liebling. Sie beugte sich zu mir herüber und küßte mich auf die Wange; dann legte sie das Diamantkollier und die Ohrringe in meine Hände. »Es ist Zeit, daß ich sie an dich weitergebe. Natürlich könnte es sein, daß ich dich von Zeit zu Zeit bitte, sie mir zu borgen.«

Wir lachten beide, und sie nahm mich in den Arm.

»Ich bringe sie nur rasch in mein Zimmer, und dann gehe ich nach unten«, sagte ich, als ich mich aus ihrer Umarmung löste. »Ich möchte mit Luke eine Probefahrt in meinem neuen Auto machen.«

»Vergiß Drake nicht. Er freut sich darauf, Annie.« Mutter lag immer sehr an meiner Verbundenheit mit Drake.

»Aber es gibt doch nur zwei Sitze«, rief ich bestürzt aus. Ich würde zwischen den beiden wählen müssen und in Gefahr laufen, dabei die Gefühle eines der beiden zu verletzen.

»Drake ist extra wegen deines Geburtstags den weiten Weg vom College hierhergekommen, Annie. Er hat diese Anstrengung für dich auf sich genommen. Luke ist immer hier, und du verbringst ohnehin zuviel Zeit mit ihm. Mir ist aufgefallen, daß du schon seit Monaten keine Verabredung mehr hattest. Die anderen Jungen in der Stadt fühlen sich mittlerweile sicher entmutigt.«

»Die Jungen in meiner Klasse sind dumm und unreif. Alles, was sie interessiert, ist, irgendwo hinzugehen und sich zu betrinken, um so ihre Männlichkeit zu beweisen. Mit Luke kann ich wenigstens ein intelligentes Gespräch führen«, wandte ich ein und bemerkte, daß ich fast weinte.

»Trotzdem, Annie«, sagte sie und schlug die Augen nieder, »es ist nicht gesund.« Ihre Worte prasselten auf mich nieder wie kalte Regentropfen, denn ich wußte, daß sie recht hatte. Ich nickte und versuchte, das Zittern in meiner Stimme zu verbergen.

»Er tut mir leid.«

»Ich weiß, aber bald wird er auch aufs College gehen und sein eigenes Leben beginnen, und du wirst durch Europa reisen und andere Leute kennenlernen. Außerdem hat seine Mutter genug Geld für ihn, er ist sehr intelligent, und er wird bei der Schulabschlußfeier die Rede halten. Es gibt keinen Grund, Luke zu bemitleiden. Außerdem«, sagte meine Mutter lächelnd, »würde er sich dagegen wehren, wenn er es wüßte.«

»O bitte, erzähl ihm nie, daß ich das gesagt habe.«

»So etwas würde ich nie tun, Annie. Glaubst du etwa, ich wüßte nicht, was er in all diesen Jahren durchgemacht hat? Darum bewundere ich ihn auch, weil er es trotzdem so weit gebracht hat«, schloß sie und strich über mein Haar. »So, nun geh und bring deine Diamanten weg. Und dann lädst du Drake zu einer Probefahrt ein und anschließend Luke. Heute darf es keine Tränen geben. Ich verbiete es. Ich würde sogar bis zum Bürgermeister von Winnerrow gehen und eine einstweilige Verfügung dagegen erwirken«, sagte sie und lachte. Trotz meines Kummers lächelte ich. »Ich danke dir, daß du so wundervoll zu mir bist«, sagte ich.

»Ich könnte gar nicht anders sein, mein Liebling, dazu liebe ich dich zu sehr.«

Sie küßte mich noch einmal, und dann eilte ich davon, um die Diamanten in meinem Schmuckkasten zu verwahren. Als ich nach unten kam, waren mein Vater, Luke und Drake in eine ernsthafte Diskussion über Wirtschaftsprobleme vertieft. Sie stritten über das Handelsdefizit und die Notwendigkeit von Schutzverordnungen. Ich hörte einen Moment lang zu und bewunderte Luke, wie er seine Meinung gegen die beiden anderen verteidigte. Dann unterbrach ich sie und verkündete, daß nun die Probefahrten in meinem neuen Mercedes beginnen würden.

»Laßt uns nach dem Alter gehen«, sagte ich diplomatisch.

»Zuerst Daddy, dann Drake, dann Luke. Dreimal die Hauptstraße hinauf und hinab.«

Daddy lachte.

»Kannst du dir vorstellen, was die Leute sagen werden? Sie werden glauben, daß du nur unseren Reichtum zu Schau stellen willst.«

»Was man hat, das kann man auch zeigen«, warf Drake ein. »Ich sehe nicht ein, warum man sich wegen seines Reichtums schämen sollte. Das ist falscher Liberalismus.«

»Ich spreche doch nur von einer Spazierfahrt«, protestierte ich. Plötzlich wandten sich alle drei zu mir um und brachen in schallendes Gelächter aus, als sie den Ausdruck auf meinem Gesicht sahen. »Männer«, sagte ich und wandte mich ab.

»O Annie«, sagte Daddy schnell, kam zu mir und legte den Arm um mich. »Es ist nur, weil du so niedlich bist, wenn du dich ärgerst. Jetzt komm und laß uns sehen, ob dieser Wagen überhaupt die ganze Aufregung wert ist.«

Ich machte mit jedem von ihnen eine Fahrt. Drake bestand darauf, daß ich vor der Imbißstube anhielt, damit er kurz ein paar von seinen alten Freunden begrüßten konnte; aber eigentlich ging es ihm nur darum, sich mit dem Wagen zu zeigen. Als Drake und ich zurückkamen, saß Luke im Pavillon und las eine Illustrierte. Drake beschloß, eine Aufgabe, die er für das College zu machen hatte, jetzt zu erledigen, damit er abends mit uns zum Essen gehen könnte.

»Ich komme sofort zurück«, rief ich Luke zu und lief ins Haus und die Treppe hinauf, um sein Geschenk aus meinem Zimmer zu holen. Mammi und Daddy sahen überrascht auf, als ich durch das Wohnzimmer stürmte.

»Langsam«, rief mein Vater, »sonst bist du achtzig, noch ehe du fünfzig wirst.« Ich hörte ihn über seinen Witz lachen, während ich die Haustür schloß und mit klopfendem Herzen hinüber zum Pavillon rannte. Aufgeregt lief ich die Stufen hinauf und ließ mich neben Luke fallen.

»Herzlichen Glückwunsch«, rief ich und streckte ihm die Hand entgegen. Er betrachtete das kleine Päckchen einen Augenblick lang, ehe er es aus meiner ausgestreckten Hand nahm.

»Das könnten Schlüssel für einen zweiten Mercedes sein« mutmaßte er. Er öffnete die Verpackung und hob den Deckel des kleinen Kästchens, in dem ein breiter Ring aus Rotgold mit einem schwarzen Onyx lag. »Donnerwetter!«

»Sieh dir mal die Rückseite an.«

Er drehte ihn, um die winzige eingravierte Inschrift lesen zu können.

»In Liebe, deine Schwester Annie.«

Es war das erstemal, daß einer von uns beiden schriftlich unsere wahre verwandtschaftliche Beziehung zum Ausdruck gebracht hatte. Die Rührung ließ Tränen in Lukes Augen aufsteigen, die er zurückdrängte, denn es schien ihm unmännlich zu weinen, selbst wenn es aus Freude geschah. Ich sah, wie er versuchte, seine Gefühle zu meistern.

»Steck ihn dir an«, sagte ich schnell. Er schob ihn auf den Finger und hob die Hand ins Sonnenlicht. Wie der Stein glänzte!

»Er ist wunderbar. Woher wußtest du, daß ich diesen Stein liebe?«

»Ich habe mich daran erinnert, daß du das einmal gesagt hast, als wir gemeinsam eine Illustrierte angeschaut haben.«

»Du bist unglaublich.« Er starrte auf den Ring und fuhr mit der Spitze des rechten Zeigefingers immer wieder darüber. Dann sah er rasch zu mir herüber, und seine Augen glänzten schelmisch. Er langte hinter seinen Rücken und zog eine flache, dünne Schachtel hervor, die in Geschenkpapier gewickelt war. Zuerst las ich die Karte:

»Die Jahre mögen vergehen, und die Zeit mag uns wie der magische Irrgarten, von dem wir geträumt haben, voneinander trennen. Doch zweifle nie an meiner Fähigkeit, das Rätsel zu lösen und Dich zu finden, wo immer Du auch sein magst.

Herzlichen Glückwunsch,

Luke.«

»O Luke, allein diese Worte sind schon ein Geschenk. Sie sind für mich mehr wert als mein neues Auto.«

Sein Lächeln wirkte leicht angestrengt.

»Öffne die Schachtel.«

Meine Finger zitterten, als ich versuchte, das Papier vorsichtig zu entfernen. Ich wollte es aufheben; ich wollte jeden Augenblick und alles, was mit diesem wunderbaren Tag zusammenhing, verwahren.

Das Papier hatte eine cremefarbene Schachtel verhüllt. Ich öffnete den Deckel und sah zunächst Seidenpapier. Als ich es zur Seite schob, fiel mein Blick auf einen Bronzestich, auf dem ein großes Haus zu sehen war. Darunter waren die Worte »Farthinggale Manor, unser magisches Schloß, in Liebe, Luke.« eingraviert.

Ich sah ihn verwirrt an. Er beugte sich vor und ergriff meine Hände, während er es mir erklärte:

»Eines Tages, als ich in einem alten Koffer meiner Mutter auf dem Dachboden stöberte, stieß ich auf einen Zeitungsausschnitt, den sie aufgehoben hatte. Es war die Seite mit der Rubrik »Vermischtes«, und dort war ein Artikel über den Hochzeitsempfang deiner Eltern abgedruckt. Es gab auch ein Foto von den Gästen der Party, und im Hintergrund konnte man deutlich Farthinggale Manor sehen. Ich habe es zu einem Fotografen gebracht, der das Haus herausfotografiert hat, und dann habe ich danach diesen Bronzestich anfertigen lassen. Das alles war gar nicht einfach!«

»O Luke!« Meine Finger fuhren über das Relief des Stichs.

»So wirst du, wo immer du auch sein magst, nie unser Märchenspiel vergessen«, sagte er liebevoll.

»Nie!«

»Natürlich«, sagte er und lehnte sich hastig zurück, denn ihm war aufgefallen, wie nahe sich unsere Gesichter gekommen waren, »zeigt das Bild das Haus, wie es vor Jahren war. Wer weiß, wie es heute aussieht.«

»Es ist ein wunderbares Geschenk«, rief ich aus, »denn es hat eine besondere Bedeutung für uns. Nur du konntest auf so eine Idee kommen! Ich werde es vor meiner Mutter verstecken müssen. Du weißt ja, wie sie reagiert, wenn wir von Farthy sprechen.«

»Oh, darum wollte ich dich auch gerade bitten. Ich will ihr nicht noch mehr Anlaß dazu geben, mich nicht zu mögen.«

»Aber sie mag dich doch, Luke. Du solltest nur hören, wie sie über dich spricht. Sie ist sehr stolz auf dich, wirklich!« rief ich.

»Wirklich?«

Ich sah, wie wichtig es für ihn war.

»Ja, ganz bestimmt. Sie redet dauernd davon, daß du die Abschlußrede für unsere Klasse halten wirst. Sie findet es wunderbar, wie du alle Schwierigkeiten gemeistert und dich an die Spitze gesetzt hast.«

Er nickte gedankenvoll.

»Es ist vielleicht schwieriger, die höchsten Berge zu erklimmen, Annie«, sagte er, »aber die Aussicht, die man von dort oben hat, lohnt die Anstrengung. Strebe nach den höchsten Gipfeln, das war immer mein Wahlspruch.« Er blickte mich an. Aber der Berg, der sich zwischen uns erhob, war zu hoch . . .

»Komm jetzt«, sagte ich und sammelte das Geschenkpapier, die Karte und den Stich ein. »Es ist Zeit für eine Probefahrt in meinem neuen Auto.«

Ich ergriff seine Hand und lief über den Rasen zum Auto hinüber. Später brachte ich dann mein Geschenk in mein Zimmer und legte es zu meinen ganz persönlichen Sachen. Abends, ehe wir zum Essen gingen, kam Drake zu mir herauf und fragte, was Luke mir geschenkt habe. Er wußte, daß wir seit unserem zwölften Geburtstag immer Geschenke ausgetauscht hatten. Ich zeigte ihm den Stich erst, nachdem er mir versprochen hatte, meiner Mutter nichts davon zu erzählen.

»Das Haus sieht nicht so aus«, sagte er, als ich die Schachtel öffnete, »zumindest habe ich es nicht so in Erinnerung.«

»Es muß aber so sein, Drake. Er hat ein Bild gefunden und es zu einem Fotografen gebracht.«

»Ich weiß nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Magisches Schloß. Dieser Ort beschäftigt dich noch immer sehr, stimmt’s?«

»Ja Drake, ich kann es nicht ändern.«

Er nickte. Seine Augen waren schmal und sein Blick gedankenverloren. Ich legte das Geschenk weg, und wir gingen zu meinen Eltern, um zu meinem Geburtstagsessen aufzubrechen. Aber abends, ehe ich zu Bett ging, holte ich es wieder hervor und betrachtete es. Dabei fragte ich mich, ob Drake nicht recht hatte, sich über unser Märchenspiel lustig zu machen. Würde ich wirklich jemals einen so wunderbaren, magischen Ort finden? Ich bezweifelte es.

Einige Tage später bekam ich einen Brief von Drake. Er schrieb mir oft, um mir von seinem Leben im College zu erzählen oder mir einen Rat zu geben. Auch wenn er mich bisweilen tyrannisierte oder grausam zu Luke war, vermißte ich doch seine Klugheit, seinen Humor und sein Großer-Bruder-Gehabe. Daher freute ich mich immer sehr über seine Briefe und Anrufe. Gewöhnlich berichtete er von den Collegestudentinnen, den Studentenvereinigungen und seinen Erlebnissen in Harvard. Er erzählte von dem Bild des Ruderteams der Meisterschaftsklasse, auf dem er auch meinen Onkel Keith, Drakes Stiefbruder, einen Mann von dem wir alle nicht viel hörten und sahen, entdeckt hatte. Ich war also nicht überrascht, einen Brief von ihm zu bekommen; was mich aber erstaunte, war der Umfang.

Ich streckte mich auf meiner gestreiften Bettdecke aus und öffnete Drakes Brief.

Liebe Annie,

Ich habe Neuigkeiten für Dich, die Dich interessieren werden. Auch für mich war es sehr aufregend, aber versuche bitte, sie vor Heaven geheimzuhalten.

Nach Deinem wunderbaren Geburtstagsfest habe ich den ganzen Rückweg über die Faszination von Farthinggale Manor nachgedacht und über die Art, wie Luke und Du es Euch von klein auf als etwas Phantastisches vorgestellt habt. Ich kam zu dem Schluß, daß der einzige Grund für Euer albernes Benehmen darin liegt, daß Ihr, ebenso wie ich, kaum etwas darüber oder über den mysteriösen Tony Tatterton, meinen Stiefgroßonkel und Deinen Stiefurgroßvater, wißt. So habe ich etwas getan, worüber sich Heaven sicher sehr aufregen würde, aber es schien mir der einzig gangbare Weg zu sein.

Annie, ich habe einen Brief an Tony Tatterton geschrieben, mich vorgestellt und angefragt, ob ich ihn besuchen könnte. Er konnte ihn erst wenige Minuten zuvor erhalten haben, als ich einen Anruf von einem Mann mit einer sehr vornehm klingenden Stimme bekam, der mich nach Farthinggale Manor einlud. Der Mann war Tony Tatterton, und ich habe seine Einladung angenommen.

Ja, Annie, ich bin gerade aus Deinem magischen Königreich zurückgekommen und habe Dir einige traurige, ja tragische und doch faszinierende Neuigkeiten mitzuteilen.

Zuerst muß ich sagen, daß es wirklich ein sehr großer Besitz ist. Und auch das schmiedeeiserne Tor ist da. Oh, es ist nicht ganz so riesig, wie Ihr beide es Euch immer vorgestellt habt, aber doch recht groß.

Aber das ist auch das einzige, was an Euren Phantastereien stimmt. Glaub mir, ich sage das nicht, weil ich mich oft über Luke und Dich lustig gemacht habe, wenn Ihr behauptet habt, Farthinggale sei ein magisches Schloß. Jetzt hat es absolut nichts Magisches mehr, sondern nur etwas Tragisches.

Die großen Türen quietschten, als sie geöffnet wurden. Ein Butler, alt wie Methusalem, begrüßte mich, und ich betrat das Haus. Die Eingangshalle erschien mir ebenso riesig wie die Turnhalle des Gymnasiums von Winnerrow, aber sie war nur spärlich erleuchtet, und überall waren die Vorhänge zugezogen, so daß ich fröstelte.

Die hohe Marmortreppe weckte einige Kindheitserinnerungen in mir. Der Butler führte mich zu einem Büro auf der rechten Seite der Halle, und dort traf ich unseren Tony Tatterton. Er saß hinter einem großen Mahagonischreibtisch, auf dem nur eine einzige kleine Lampe brannte, um den Raum zu erhellen. Im Schatten des dunklen Zimmers wirkte er ganz verloren, doch als er mich erblickte, stand er schnell auf und befahl dem Butler, die Vorhänge zu öffnen.

Auch wenn er absolut nicht meiner Vorstellung von einem Multimillionär entsprach, wirkte er warmherzig und intelligent auf mich. Er hat sich sehr für meine Karriere interessiert, und als er hörte, daß ich Wirtschaftswissenschaften studiere, hat er mir sofort die Möglichkeit angeboten, in seinem Unternehmen zu arbeiten. Kannst Du Dir das vorstellen?

Natürlich ging es bei unserer Unterhaltung vor allem um Deine Mutter und um Dich. Er wollte alles über Euch erfahren. Am Ende war ich ziemlich traurig, denn er wirkte so verlassen und einsam in dem riesigen Haus, so begierig nach allem, was ich ihm über die Familie erzählen konnte.