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Dr. Vogts Rachepläne
Mit zitternden Händen greift die junge Lernschwester Marie in den Schrank mit den meldepflichtigen Medikamenten, nimmt das Lorazepam an sich und lässt es in der Kitteltasche verschwinden. Es ist das letzte Mal, sagt sie sich dabei, und die Scham über ihren Diebstahl raubt ihr fast den Atem. Doch Marie ist zu schwach, um sich gegen ihre suchtkranke Mutter durchzusetzen und sich schlichtweg zu weigern, für sie die Tabletten zu stehlen. Dabei spürt sie, dass sich die unsichtbare Schlinge um ihren Hals immer mehr zuzieht - denn ihr Tun ist nicht unbemerkt geblieben, auch heute nicht: Als Marie davonhuschen will, steht ausgerechnet Dr. Vogt, dieser Teufel, hinter ihr, ein widerliches Grinsen im Gesicht! Marie ist klar, dass sie für sein Schweigen auch diesmal wieder "zahlen" muss ...
Doch Dr. Vogts Preis ist dieses Mal noch höher: Marie soll eine Falschaussage gegen die nette Notärztin Dr. Bergen machen, die Raphael Vogt aus irgendeinem Grund hasst. Ihre Aussage wird Andrea Bergen zerstören, das weiß Marie - aber sie hat keine andere Wahl ...
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Dr. Vogts Rachepläne
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: ASDF_MEDIA / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar
ISBN 9-783-7325-8373-7
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Dr. Vogts Rachepläne
Reanimation im Rettungswagen fehlgeschlagen.
Seit Minuten schon starre ich auf den Unfallbericht, doch das Häkchen, das ich gesetzt haben soll, will nicht verschwinden! Schon lange ist mir klar, dass eine perfide Intrige gegen mich im Gange ist – ersonnen von meinem Kollegen Dr. Raphael Vogt! Seit er den Patienten Tim Heitmann fälschlicherweise für tot erklärte und ich den fatalen Irrtum in letzter Sekunde entdeckte, verfolgt mich Vogt mit seinem Hass. Und er schreckt dabei offenbar vor nichts zurück. Mit dem gefälschten Bericht will er mir nun die Schuld an seiner Fehldiagnose in die Schuhe schieben – dabei habe ich Tim Heitmann erfolgreich wiederbelebt und lebend in Vogts Obhut gegeben! Irgendwie ist es diesem Teufel auch gelungen, Heitmanns Frau Rebecca auf seine Seite zu ziehen: Sie behauptet, die Fehlgeburt nach dem Unfall nur erlitten zu haben, weil ich sie noch im Rettungswagen über den Tod ihres Mannes informiert hätte! Aber das ist nicht wahr! Bis vor Kurzem fühlte ich mich durch die Kollegen unterstützt und getragen, doch inzwischen lese ich in vielen Augen Zweifel. Und seit Lernschwester Marie Rebeccas Aussage bestätigt hat, stehe ich völlig alleine da …
„Ich kann so nicht weitermachen“, stieß Tim Heitmann aufgewühlt hervor.
Ein scharfer Schmerz durchfuhr Theresa Holt. Das war der Moment, vor dem sie sich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Sie presste sich eine Hand aufs Herz.
„Willst du dich von mir trennen?“ Die Worte kamen nur schwer über ihre Lippen.
Fassungslos schaute er sie an, bevor er den Kopf schüttelte. „Natürlich nicht.“ Er kam zu ihr, nahm sie in die Arme. „Ich liebe dich und kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen. Aber ich kann diese Heimlichkeiten nicht mehr ertragen. Ich will mich endlich offen zu dir und unserer Liebe bekennen.“
Theresa schmiegte sich an ihn und hob den Kopf, um ihm ins Gesicht zu schauen. Sie stellte keine Fragen, sondern wartete, bis er weitersprach. „Rebecca hat es nicht verdient, dass ich sie hintergehe. Ich werde heute noch mit ihr reden und sie um die Scheidung bitten.“
Das waren genau die Worte, die Theresa schon so lange hören wollte und vor denen sie gleichzeitig Angst hatte.
„Rebecca wird das nicht einfach so hinnehmen“, warnte Theresa.
„Ich mache es ihr leicht.“ Tim lächelte. „Sie kann alles behalten. Das Architekturbüro, das Haus. Du und ich, wir fangen ganz neu an. Was hältst du davon, wenn wir nach Bremen ziehen?“
Theresas Augen leuchteten auf. „Nach Hause!“, stieß sie sehnsüchtig hervor.
Tim lachte. „Ich wusste, dass dir die Idee gefällt.“
„Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen.“ Theresa schüttelte den Kopf. „Aber irgendwann wirst du es bereuen, dass du alles für mich aufgegeben hast, und dann hörst du auf, mich zu lieben.“
Tim umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen und schaute ihr tief in die Augen. „Das alles bedeutet mir nichts. Nur du bist mir wichtig. Ich werde heute mit Rebecca reden.“
***
„Halten Sie die Alte endlich richtig fest!“, fuhr Raphael Vogt die Schwesternschülerin an.
Marie zuckte erschrocken zusammen, ebenso wie Notärztin Andrea Bergen, die gerade den Behandlungsraum der Notfallstation verlassen wollte. Entsetzt schaute sie den neuen Kollegen an. Sie hatte die demente Patientin zusammen mit ihrem Team ins Elisabeth-Krankenhaus gebracht.
Ewald Miehlke und Jupp Diederichs, die beiden Sanitäter, hatten die Ambulanz bereits vor ein paar Minuten mit der Trage verlassen, auf der sie die Patientin eingeliefert hatten.
Marie, die im ersten Ausbildungsjahr war, versuchte, die Arme der alten Dame festzuhalten, aber es gelang ihr nicht.
Andrea ging zurück zur Behandlungsliege, auf der die alte Frau lag und sich mit Leibeskräften gegen die Untersuchung wehrte. Panik lag in den Augen der Patientin. Liebevoll streichelte Andrea Bergen ihr über die Hand. „Alles ist gut“, sagte sie behutsam. „Wir wollen Ihnen nur helfen.“
Raphael Vogt, der die Frau abhören wollte, schaute sie gereizt an. „Haben Sie nichts zu tun, Frau Kollegin?“
„Sie vergreifen sich im Ton!“, wies Andrea ihn scharf zurecht. Obwohl der Kollege noch nicht lange im Elisabeth-Krankenhaus arbeitete, war er der Notärztin bereits zutiefst unsympathisch.
„Dann lassen Sie mich einfach meine Arbeit machen“, erwiderte Dr. Vogt heftig.
Andrea Bergen warf einen mitfühlenden Blick auf die alte Frau, die am ganzen Körper zitterte. „Alles ist in Ordnung“, redete Andrea beruhigend auf sie ein. „Bitte glauben Sie mir: Wir wollen Ihnen nur helfen.“
Die Patientin schien tatsächlich etwa ruhiger zu werden, doch plötzlich hob sie die Hand und zeigte auf Raphael Vogt. „Das ist ein böser Mann“, sagte sie und stieß schrille Schreie aus.
Andrea Bergen war froh, dass Dr. Homberg, der Leiter der Notaufnahme, den Behandlungsraum betrat. Wahrscheinlich hatte er die Angstschreie der Patientin vernommen. „Gibt es Probleme?“, wollte er wissen.
„Brigitte Köhler, vierundsiebzig Jahre“, berichtete Andrea. „Sie lebt im Pflegeheim Marienberg und hatte einen Schwächeanfall. Wir haben ihr kreislaufstabilisierende Mittel injiziert. Die Patientin ist dement, daher gestaltet sich die Untersuchung etwas schwierig.“ Mit keinem Wort erwähnte sie das völlig unangemessene Verhalten des neuen Kollegen, aber Dr. Vogt schaute sie trotzdem aufgebracht an.
Andrea erwiderte den Blick gleichmütig und zog sich zurück, zumal sie die Patientin bei Dr. Homberg in den besten Händen wusste. Trotzdem blieb bei ihr ein schaler Nachgeschmack zurück, zusammen mit der düsteren Vorahnung, dass mit Dr. Vogt noch viel Ärger zu erwarten war.
***
Schwesternschülerin Marie Jansen hasste Dr. Vogt. Seit er im Elisabeth-Krankenhaus arbeitete, fiel es ihr noch schwerer, ihren täglichen Dienst anzutreten.
Heute war wieder so ein Tag gewesen, an dem Dr. Vogt sich von einer besonders unangenehmen Seite gezeigt hatte. Als sie vor einem knappen Jahr ihre Ausbildung angefangen hatte, war sie von den Mitschülerinnen vor allem vor Dr. Anger gewarnt worden. Mittlerweile wusste sie, dass Raphael Vogt weitaus boshafter und intriganter war als der Oberarzt der Chirurgie. Doch Helmut Anger war trotz aller menschlichen Schwächen ein hervorragender Chirurg, während Raphael Vogt kein besonders guter Arzt war.
Zumindest schloss Marie das aus dem Gerede seiner Kollegen. Sie hielt sich selbst in medizinischen Dingen für viel zu unerfahren, um das beurteilen zu können. Aber Dr. Vogt war kein netter Mensch. Sie hatte Angst vor ihm, und er schien das zu spüren.
Endlich Feierabend! Doch statt Erleichterung empfand Marie auf dem Heimweg nur die übliche Beklemmung, die sie seit vielen Jahren kannte. Die Angst vor dem Nachhausekommen begleitete sie schon seit ihrer Kindheit.
Es war still, als sie die Wohnungstür aufschloss. Ein gutes Zeichen?
Marie wusste es nicht. „Mama!“, rief sie leise, erhielt aber keine Antwort. Sie spürte den harten Schlag ihres Herzens, als sie das Wohnzimmer betrat, und dann starrte sie auf das Bild, vor dem sie sich so gefürchtet hatte.
Ihre Mutter Claudia lag auf dem Sofa, den Mund weit offen. Ihre rechte Hand umklammerte den Hals einer Wodkaflasche, in der sich nur noch ein winziger Rest befand. Zwischen Mittel- und Zeigefinger der linken Hand hielt sie eine Zigarette, die längst völlig abgebrannt war.
Die vielen Brandlöcher im Sofa zeigten, dass ihr die brennende Zigarette schon mehrfach aus der Hand gefallen war, wenn sie betrunken auf dem Sofa eingeschlafen war.
So oft hatte Marie sich mit der Angst gequält, dass dadurch ein Feuer entfacht wurde und ihre Mutter dabei ums Leben kommen könnte. Und manchmal, in besonders dunklen Stunden, hatte sie sich gewünscht, dass so etwas tatsächlich passierte und sie für immer von ihrer Angst befreit wurde.
Hinterher schämte sie sich für diese Gedanken und redete sich selbst ein, es wäre doch alles nicht so schlimm. Sie musste nur Geduld haben und ihrer Mutter zur Seite stehen. Irgendwann würde sie mit dem Trinken aufhören.
Marie wusste, dass sie sich selbst etwas vormachte, ebenso wie ihre Mutter, wenn die ihr versicherte, dass es definitiv der letzte Rückfall gewesen war und sie jetzt endlich dem Alkohol abschwören würde.
Obwohl Marie wusste, dass ihre Mutter zu betrunken war, um aufzuwachen, ging sie ganz leise und vorsichtig vor, als sie Claudia die Zigarette und die Flasche aus den Händen nahm und sie anschließend zudeckte.
Als sie anschließend in die Küche ging, bot sich ihr ein Bild, das ihr nicht neu war. Ihre Mutter hatte offensichtlich versucht, etwas zu kochen. Auf dem Herd qualmte es aus einem leeren Topf. Wahrscheinlich hatte Claudia Wasser aufgesetzt, das inzwischen vollständig verkocht war.
Eine halb leere Reispackung lag auf dem Tisch. Der Fußboden war übersät mit Reiskörnern. Marie sah deutlich vor sich, wie ihre Mutter mit der Verpackung gekämpft hatte. Wenn sie genug Alkohol getrunken hatte, war sie unbeholfen wie ein kleines Kind.
Marie schaltete den Herd aus und schob den Topf zur Seite. Er war so heiß geworden, dass sie ihn nur mit einem Geschirrtuch anfassen konnte. Anschließend kehrte sie die Reiskörner auf und wappnete sich innerlich. Das, was sie heute erlebte, war harmlos im Vergleich zu dem, was in den nächsten Tagen folgen würde. Es war erst der Beginn einer neuen Alkoholphase, während der sich ihre Mutter mehr und mehr gehen lassen würde.
„Ich kann nicht mehr“, flüsterte Marie. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen, stützte die Ellbogen auf den Tisch und verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Tränen der Verzweiflung traten ihr in die Augen.
Ich gehe, dachte sie. Soll sie doch zusehen, wie sie klarkommt!
Wie so oft stellte Marie sich auch jetzt wieder vor, wie sie ihre Reisetasche packen und die Wohnung für immer verlassen würde. Vielleicht bekam sie ein Zimmer im Schwesternwohnheim. Oder sie fand einen Platz in einer WG. Alles war besser als das, was in den nächsten Wochen auf sie wartete.
Ich könnte die Stadt auch gleich ganz verlassen, überlegte sie. Einfach zum Bahnhof gehen und in den erstbesten Zug steigen, egal, wohin er fuhr. Sich treiben lassen, die Welt entdecken …
„Marie!“, durchdrang die lallende Stimme der Mutter ihre Gedanken. „Marie, bist du da?“
Marie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stand auf und ging ins Wohnzimmer. Sie versuchte erst gar nicht, zu lächeln und damit zu verbergen, wie es in ihr aussah. Es spielte sowieso keine Rolle, denn die Mutter nahm es nicht wahr. Alles, was Claudia im Moment interessierte, war alkoholischer Nachschub.
Sie hatte sich aufgesetzt, schwankte hin und her, während sie sich eine Zigarette anzündete. „Schnaps!“, verlangte sie, als Marie in der Tür stand.
„Mama, bitte nicht!“
„Hol mir Schnaps!“, befahl Claudia und versuchte, sich zu erheben. Schwerfällig fiel sie zurück aufs Sofa.
„Hol dir deinen verdammten Schnaps doch selbst“, entgegnete Marie aufgebracht. Sie drehte sich um, griff im Vorbeilaufen nach ihrer Handtasche und rannte aus der Wohnung. Laut ließ sie die Tür hinter sich zufallen – und dann hielt sie inne, erstaunt und erschrocken über sich selbst.
Sie hatte es getan! Zum ersten Mal hatte sie ihre Mutter allein gelassen. Es war nicht ganz so, wie sie es sich in ihren Träumen vorgestellt hatte, wenn sie mit ihrer Reisetasche die Wohnung für immer verließ. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt machen sollte; sie hatte kein Ziel, aber auch kein Geld, um irgendwohin zu fahren. Trotzdem war es ihr unmöglich, jetzt in die Wohnung und zu ihrer betrunkenen Mutter zurückzukehren. Und so lief sie die Treppe hinunter, verließ das Mehrfamilienhaus und setzte ziellos einen Fuß vor den anderen.
***
„Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger!“
Rebecca starrte ihre Gynäkologin entsetzt an.
Das Lächeln auf Dr. Bertrams Gesicht schwand. „Offensichtlich freuen Sie sich nicht darüber“, stellte die Ärztin fest.
Rebecca schüttelte den Kopf. „Ein Kind ist in meiner Lebensplanung nicht vorgesehen.“
Die Stimme der Ärztin wurde merklich kühler. „Ich verstehe.“ Ihr Gesichtsausdruck verriet etwas anderes. „In dem Fall wäre es sinnvoll gewesen, entsprechende Vorkehrungen zu treffen.“
Rebecca ärgerte sich maßlos über die Belehrung durch die Ärztin. „Ich nehme die Pille“, erwiderte sie scharf. „Die Sie mir übrigens selbst verschrieben haben.“
Dr. Bertram warf einen kurzen Blick auf ihren Monitor, bevor sie nickte. „Offensichtlich ist da etwas schiefgegangen. Vielleicht haben Sie einmal eine Einnahme vergessen. Manchmal wird die Wirkung auch durch eine Krankheit herabgesetzt.“ Die Ärztin lächelte angedeutet. „Jedenfalls bestätigt sich in Ihrem Fall, dass es kein Verhütungsmittel gibt, das hundertprozentig sicher ist.“
Rebecca Heitmann gestand sich die Möglichkeit ein, dass sie tatsächlich eine Einnahme vergessen hatte. Außerdem hatte sie sich auch nicht immer an den exakten Zeitplan gehalten. Wozu auch? Tim und sie hatten kaum noch Sex miteinander gehabt. Monatelang hatte er sie nicht angerührt, und ihr war das recht gewesen.
Der Stress mit dem Neubauprojekt am Rhein, der Ärger mit den selbst ernannten Umweltschützern, der letztendlich auch immer öfter zu Auseinandersetzungen zwischen Tim und ihr geführt hatte, war viel zu anstrengend gewesen, um zärtliche Gefühle aufkommen zu lassen.
Es ärgerte Rebecca ganz besonders, dass Tim sich auf die Seite der Umweltschützer stellte und deren Meinung teilte, dass das Areal nicht durch den Bau eines Hochhauses zerstört werden sollte.
Nur einmal hatten sie in den letzten Monaten miteinander geschlafen, aber auch das war schon mindestens acht Wochen her. Rebecca konnte sich genau an den Abend erinnern. Das lag vor allem daran, dass sie nicht so viel getrunken hatte wie Tim.
An dem Abend hatte sie vermutet, dass er so viel trank, weil ihm der Grund des Festes nicht gefiel. Ihr Gastgeber, der Bauherr des Hochhauses auf dem Rheingrundstück, hatte den Prozess gegen die Naturschützer gewonnen.
Eigentlich hatte Tim sie überhaupt nicht zu der Party begleiten wollen, weil er der Meinung war, dass das Gerichtsurteil kein Anlass für eine Feier war. Rebecca hatte ganze Überzeugungsarbeit leisten müssen, um ihn zu überreden.
Er hatte sie schließlich begleitet, hatte den ganzen Abend dumpf brütend in einer Ecke gesessen und getrunken. Als Rebecca ihn wütend angezischt hatte, er solle sich doch endlich zusammenreißen, hatte er nur mürrisch geantwortet, dass er auf das alles schon lange keine Lust mehr habe. Auf die riesigen Bauprojekte, auf solche Feiern … und ganz besonders nicht auf sie.
Die Erinnerung war immer noch so schneidend, wie der Augenblick selbst es gewesen war, in dem er das zu ihr gesagt hatte. Sie hatte all das erreicht, was sie sich schon während des Architekturstudiums gewünscht hatte, und sie konnte auch gut damit leben, dass Tim und sie sich während der beruflichen Erfolge auseinandergelebt hatten.
Bisher hatte Rebecca geglaubt, dass er ähnlich dachte, doch an diesem Abend war ihr seine tiefe Unzufriedenheit zum ersten Mal richtig bewusst geworden. Es hatte ihr Angst gemacht. Wenn er sie verließ, würde das alles zerstören, was sie sich bisher aufgebaut hatten. Das durfte niemals passieren, und so hatte sie in dieser Nacht alles darangesetzt, ihren Mann zu verführen.
„Frau Heitmann?“
Rebecca hatte sich völlig in ihren Gedanken verloren. Als die Ärztin sie ansprach, atmete sie tief durch und konzentrierte sich ausschließlich auf die Gegenwart. „Ich will das Kind nicht“, sagte sie hart.
Die Ärztin nickte, als hätte sie damit bereits gerechnet. „Eine Schwangerschaftsunterbrechung kann nur bis zur zwölften Woche durchgeführt werden, und vorher sind einige gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Sie müssen sich also schnell entscheiden.“
„Ich habe mich bereits entschieden“, stellte Rebecca klar.
„Und Ihr Mann …“, begann die Ärztin, doch Rebecca fiel ihr ins Wort:
„Wir sind uns einig“, log sie. „Wir wollen beide keine Kinder.“
