Notärztin Andrea Bergen 1392 - Daniela Sandow - E-Book

Notärztin Andrea Bergen 1392 E-Book

Daniela Sandow

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Beschreibung

Leben im Verborgenen

Mit angehaltenem Atem lauscht Saskia in die Dunkelheit. Jede Sekunde kann das Telefon schrillen und der Befehl kommen, dass sie und ihre kleine Tochter Emma wieder einmal bei Nacht und Nebel fliehen müssen. Jeder ihrer "Umzüge" in den vergangenen fünf Jahren ist von Angst und Tränen bestimmt gewesen. Jedes Mal haben sie alles von einem Moment zum nächsten zurücklassen müssen. Immer wieder ein Neuanfang. Eine neue Wohnung, eine neue Stelle in einem anderen Krankenhaus. Neue Nachbarn, neue Freundinnen für Emma - und die ständigen Ausflüchte, wenn ihnen Fragen gestellt werden. Doch Saskia spürt, dass sie dieses Leben nicht mehr weiterführen will, die Einsamkeit nicht länger ertragen kann. Diesmal möchte sie bleiben: in der schönen Stadt am Rhein, am Elisabeth-Krankenhaus ... und bei Markus?
Doch während Saskia ihren Träumen vom Glück nachhängt, ist die Gefahr schon greifbar nah: Ihr größter Feind Gregor Schilling ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, fest entschlossen, Saskia und ihr geliebtes Kind zu töten ...

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Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover

Impressum

Leben im Verborgenen

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: PeopleImages / iStockphoto

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-8961-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Leben im Verborgenen

Ausnahmezustand auf der Kinderstation! Seit die kleine Emma Nielsen bei uns im Elisabeth-Krankenhaus behandelt wird, steht das Haus unter polizeilicher Dauerbewachung. Denn Emma und ihre Mutter, die hübsche Krankenschwester Saskia, sind offenbar seit Saskias Aussage gegen den Schwerstkriminellen Gregor Schilling in einem Zeugenschutzprogramm! Seit fünf Jahren schon leben Saskia und Emma auf der Flucht: immer in der Gefahr, von heute auf morgen alles hinter sich lassen und woanders ganz neu anfangen zu müssen, wenn Schillings Kumpane sie aufgespürt haben. Doch ein Untertauchen ist im Augenblick nicht möglich, denn Emma ist sehr krank und braucht dringend medizinische Behandlung! Saskia ist mit ihrer Kraft am Ende. Die ständige Angst der letzten Jahre war einfach zu viel für sie …

Oh nein! Gerade habe ich erfahren, dass der Worst Case eingetreten ist: Schilling ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, und ihm ist es gelungen, die kleine Emma in seine Gewalt zu bekommen! Er droht, das Mädchen zu ermorden – es sei denn, Saskia liefert sich ihm freiwillig aus …

„Heute ist Freitag“, verkündete Franzi beim Frühstück. „Also gehe ich nicht in die Schule!“

Andrea, die von ihrer Tochter bereits am vergangenen Abend eingeweiht worden war, beobachtete ihren Mann und ihre Schwiegermutter amüsiert.

„Warum gehst du nicht in die Schule?“, fragte Oma Hilde.

„Ich streike!“ Franzi reckte angriffslustig den Kopf in die Höhe. „Für unser Klima. Alle aus meiner Klasse machen das. Und die meisten anderen aus der Schule auch.“

Werner schaute seine Frau hilflos an. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“

„Ich auch nicht“, gab Andrea ehrlich zu. „Ich halte nichts davon, dass unsere Tochter den Unterricht schwänzt, und finde es gleichzeitig gut, dass sie sich für den Klimaschutz einsetzt.“

„Und wenn die anderen Schüler aus ihrer Klasse mitmachen, macht es sowieso keinen Sinn, Franzi zum Schulbesuch zu zwingen.“ Hilde dachte wie immer praktisch. „Wenn alle Mitschüler streiken, findet ohnehin kein Unterricht statt.“

Franzi druckste herum, gab dann aber zu: „Die Lehrer machen auch für einen einzigen Schüler Unterricht.“

„Was sagen eure Lehrer überhaupt zu diesen Streiks?“, wollte Werner wissen.

Franzi zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, die finden das gut. Jedenfalls die netten Lehrer. Nur der Kowalski regt sich darüber auf, aber erstens ist das ja auch kein netter Lehrer, und zweitens habe ich bei dem freitags keinen Unterricht.“

„Herr Kowalski!“, verbesserte Andrea schmunzelnd.

„Herr Kowalski.“ Franzi nickte, zog aber gleichzeitig eine Grimasse. „Durch das ‚Herr’ wird er auch nicht netter.“

„Du magst ihn doch nur deshalb nicht, weil er Mathe unterrichtet“, zog Werner sie auf.

„Das auch“, gab Franzi zu. „Ich mag ihn aber vor allem deshalb nicht, weil er immer so rumbrüllt, wenn wir etwas nicht verstanden haben.“

„Das ist wirklich nicht nett“, stimmte Andrea ihr zu. Sie ahnte, dass ihre Tochter davon besonders betroffen war, da Mathematik nicht unbedingt Franzis Lieblingsfach war. Obwohl sie sich nichts anmerken ließ, ärgerte sie sich auch über den Lehrer. So ein Verhalten half den Schülern nicht und erzeugte eher Angst vor dem Schulfach. Als studierter Pädagoge müsste Herr Kowalski das eigentlich wissen.

„Soll ich einmal mit ihm reden?“ Fragend schaute sie ihre Tochter an.

Franzi schüttelte den Kopf. „Nicht nötig.“ Das Mädchen grinste spitzbübisch. „Als er mich das letzte Mal angeschrien hat, habe ich ihm ganz ruhig und freundlich gesagt, dass ich ihn viel besser verstehen würde, wenn er in normaler Lautstärke mit mir spricht. Seitdem brüllt er mich nicht mehr an.“

„Ich bewundere deinen Mut“, bemerkte Andrea anerkennend. „In deinem Alter hatte ich auch so einen Lehrer. Ich hatte viel zu große Angst vor ihm, um ihm so etwas zu sagen. Und besonders stolz bin ich, weil du es ihm ruhig und freundlich erklärt hast.“

„Das finde ich auch“, stimmte Werner ihr zu. „Ich hatte auch so einen Lehrer, und ich hätte nie so viel Mut aufgebracht wie du.“ Werner machte eine kurze Pause, bevor er auf das ursprüngliche Thema zurückkam. „Und ich bin auch sehr stolz, dass du dich für die Umwelt und das Klima einsetzen willst. Doch ich bin nicht damit einverstanden, wenn du dauerhaft freitags die Schule schwänzt.“

„Aber heute.“ Franzi schmiegte den Kopf an Werners Oberarm und schaute ihn bittend an. „Heute kommt doch sogar das Fernsehen, um uns beim Streiken zu filmen.“

Andrea und Hilde warfen sich einen belustigen Blick zu.

„Darum geht es dir also“, sagte Hilde. „Du willst ins Fernsehen.“

Mit empörtem Gesichtsausdruck setzte Franzi sich wieder kerzengerade hin. „Nein!“, sagte sie entschieden, besann sich jedoch. „Ja“, gab sie kleinlaut zu. „Aber ich will wirklich auch etwas für unser Klima tun. Wenn wir Kinder das nicht machen, kümmert sich doch keiner darum.“

„So ganz unrecht hat sie da nicht“, stimmte Hilde ihrer Enkelin zu. „Leider!“

„Ich darf also streiken?“

Diesmal waren es Andrea und Werner, die sich anschauten, bevor sie gleichzeitig nickten. „Heute darfst du“, sagte Andrea.

„Aber wenn deine Klasse regelmäßig am Freitag streiken will, müssen wir noch einmal darüber reden“, fügte Werner hinzu.

„Super!“ Franzi sprang auf und wollte aus dem Zimmer laufen. An der Tür drehte sie sich jedoch noch einmal um. „Und heute Abend müsst ihr alle pünktlich zu Hause sein, damit wir uns meine Klasse zusammen im Fernsehen angucken können.“

„Das werden wir ganz bestimmt nicht verpassen!“, versprach Andrea.

***

Nicola Walter hastete über den Marktplatz, zwängte sich durch die Jugendlichen und Kinder, die sich an diesem Freitag dort versammelt hatten und ihre Transparente hochhielten.

Fridays for future, stand darauf. Stoppt den Klimawandel jetzt! Wir schwänzen nicht, wir kämpfen!

Am Rande des Marktplatzes stand das Kamerateam eines Regionalsenders. Sie interviewten Schüler und Passanten.

„Niemals auffallen! Keine öffentlichen Auftritte oder Fotos!“ Eriks Worte hallten in ihr nach, und so machte sie einen großen Bogen um die Fernsehleute. In Gedanken war sie jedoch bei ihrem kranken Kind, und deshalb bekam sie nicht mit, dass die Kamera über den gesamten Marktplatz schwenkte und auch sie kurz erfasste.

Agnes, eine der Erzieherinnen der Kita-Gruppe ihrer Tochter, hatte Nicola angerufen und sie gebeten, Emma abzuholen. Offensichtlich hatte die Kleine Fieber.

Das Mädchen lag auf der Ruheliege des Krankenzimmers und streckte beide Hände nach ihr aus, als Nicola ins Zimmer kam. Ihr kleines Gesichtchen glühte, und Nicola sah, dass ihr Kind geweint hatte.

„Was hast du, mein Schatz?“ Nicola nahm ihre Tochter in die Arme.

„Sie fiebert ein wenig.“ Agnes' Stimme klang beruhigend. „Das kommt bei Kindern in Emmas Alter öfter vor. Am Montag ist bestimmt alles wieder gut.“

Nicola nickte. Die Temperatur bei Kindern erhöhte sich schon bei kleinen Gesundheitsstörungen. Eine Schutzreaktion des Körpers, der damit seine Abwehrkräfte mobilisierte. Als Krankenschwester wusste sie das, als Mutter war sie trotz dieses Wissens besorgt.

„Mir ist warm, Mama“, jammerte Emma. „Kaufst du mir ein Eis?“

Agnes lachte und legte eine Hand auf Emmas Stirn. „Offensichtlich geht es dir besser. Du glühst auch nicht mehr so.“ Sie nickte Nicola zu. „Ein Eis ist vielleicht genau die richtige Medizin.“

Auch Nicola konnte jetzt wieder lachen. „Einverstanden“, stimmte sie zu und zog ihrer Kleinen den Mantel an, den Agnes bereits zurechtgelegt hatte.

„Gute Besserung!“ Die Erzieherin drückte das Kind kurz an sich. „Bis Montag.“

Emma hatte es plötzlich sehr eilig. Die Aussicht auf ein Eis schien sie zu mobilisieren. Sie hüpfte von der Liege und zappelte ungeduldig, als ihre Mutter ihr den Mantel zuknöpfte.

Nicola beobachtete ihre Tochter den ganzen Tag aufmerksam, aber die Kleine aß ihr Eis mit Appetit, und nachmittags beschäftigte sie sich stundenlang mit dem Spielzeugzoo, den Erik ihr geschenkt hatte. Als sie sich zum Abendessen Spaghetti wünschte, war Nicola vollends beruhigt.

Sie hatte Emma gerade ins Bett gebracht, da rief Erik an. „Ist alles in Ordnung?“ Seine Stimme klang nüchtern und geschäftsmäßig. So wie jede Woche, wenn er sich telefonisch meldete.

„Ja“, erwiderte sie ebenso sachlich.

„Gib Bescheid, wenn etwas ist.“ Auch das sagte er jede Woche.

„Okay!“

Damit war ihr kurzes Gespräch beendet, und um sie herum war nichts als Stille und Einsamkeit. Manchmal quälte Nicola der Gedanke, dass sich daran nie wieder in ihrem Leben etwas ändern würde.

***

„Ich weiß, wo sie ist!“ Gregor Schilling schaute kurz zur Tür, aber die beiden Justizangestellten unterhielten sich leise miteinander und achteten nicht auf ihn und seinen Anwalt.

Dieter Barsch verzog keine Miene. „Soll ich mich darum kümmern?“

In Gregors Augen loderte es gefährlich auf. „Das erledige ich selbst.“

Diesmal zog sein Anwalt eine Augenbraue hoch. „Hast du vergessen, wo du dich befindest?“

„Nicht eine verdammte Sekunde!“ Unbeherrscht schlug Gregor mit der Faust auf den Tisch, der zwischen ihm und seinem Anwalt stand. Er schaltete sofort um, als er bemerkte, dass die beiden Justizbeamten ihr Gespräch unterbrachen und zu ihm herüberschauten. Er lachte laut und sagte zu Dieter: „Guter Witz!“

Einer der beiden Männer runzelte die Stirn, doch Gregors Anwalt reagierte schnell und richtig, obwohl er den Beamten den Rücken zuwandte und deren Reaktion nicht gesehen hatte. Laut stimmte er in Gregors Lachen ein.

Die beiden Männer an der Tür des Besucherraums setzten ihre Unterhaltung fort.

„Seit fünf Jahren bin ich in diesem verdammten Knast“, sagte Gregor leise. In seiner Stimme lag unterdrückter Hass, während er es gleichzeitig schaffte zu lächeln. „Und seit fünf Jahren warte ich darauf, dass meine Leute sie finden.“ Das erzwungene Lächeln veränderte sich, wirkte jetzt triumphierend. „Sie wird dafür bezahlen. Und ich will ihr dabei ins Gesicht schauen, ich will die Angst in ihren Augen sehen …“

„Noch einmal“, fiel Dieter Barsch ihm ins Wort. „Du wirst auf deine Rache noch ein paar Jahre warten müssen.“

„Ich habe beschlossen, hier auszuchecken.“ Gregor freute sich über das verblüffte Gesicht seines Anwalts. „Ich habe auch schon einen Plan.“

„Und dazu brauchst du meine Hilfe?“

Gregor nickte. „Außerdem muss jemand Saskia überwachen, damit sie nicht wieder untertaucht, bevor ich hier raus bin. Ich habe einen Plan.“

Dieter Barsch hörte ihm aufmerksam zu. Notizen machte er nicht, aber Gregor konnte sich auch so sicher sein, dass sein Anwalt sich jedes Wort und jeden Namen merkte.

Dieter Barsch war kein Anwalt, der das Gesetz vertrat. Er beugte es zugunsten seiner Mandanten, so weit es ihm möglich war. In Gregors Fall hatte er aber selbst das nicht mehr geschafft, weil es bei seinem Prozess eine Kronzeugin gegeben hatte, die in allen Punkten gegen ihn ausgesagt hatte.

„Du kannst dich auf mich verlassen“, sagte Dieter Barsch, nachdem Gregor ihm seinen Plan erläutert hatte.

„Das weiß ich!“ Gregor Schilling erhob sich und verabschiedete sich mit einem Händedruck. Danach ließ er sich in seine Zelle zurückführen.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen auf dem Weg dorthin. Nicht mehr lange, dachte er. Es war vor allem der Gedanke an seine geplante Rache gewesen, der ihm das Leben hinter Gittern erträglich gemacht hatte. Die Vorstellung, wie er Saskia eines Tages gegenüberstehen und sie für all das bezahlen lassen wollte, was sie ihm angetan hatte.

Noch nie zuvor in den vergangenen Jahren hatte er so kurz vor seinem Ziel gestanden. Ein paar Mal hatten seine Leute etwas über sie herausgefunden, doch dann war sie wieder verschwunden. Irgendwo im Nichts …

Aber diesmal würde sie dazu keine Gelegenheit erhalten, das hatte er sich geschworen.

Ganz ruhig setzte er sich auf seine Pritsche, als die Zellentür hinter ihm geschlossen wurde. Lange musste er die Gefangenschaft nicht mehr aushalten, bald war er frei!

***

Elena Weiß biss die Zähne zusammen, als sie sah, dass Robert am Fenster stand und schon wieder zum Nachbarhaus starrte. Seit vor ein paar Tagen die neuen Nachbarn dort eingezogen waren, ertappte sie ihn immer wieder dabei.

Lautlos schlich sie sich an ihn heran. Als sie direkt hinter ihm stand, fragte sie scharf: „Was gibt es denn da zu schauen?“

Erschrocken fuhr er herum. „Nichts“, behauptete er, doch da hatte Elena bereits an ihm vorbei gesehen, dass die Nachbarin, nur mit BH und Höschen bekleidet, am Fenster stand.

Schamlos, diese Person! Sie musste doch damit rechnen, dass sie beobachtet wurde. Wieso hatte sie keine Gardinen vor den Fenstern?

Plötzlich schien die Frau zu spüren, dass sie angestarrt wurde. Sie hob den Kopf und blickte direkt in Elenas Gesicht. Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, das eher ironisch als freundlich wirkte. Sie winkte.

Robert, der inzwischen auch wieder zu der Nachbarin hinüberschaute, lächelte ebenfalls und erwiderte den Gruß.

Heftig stieß Elena ihm in die Seite. „Lass das!“, fauchte sie.

„Was soll das?“ Ärgerlich sah er sie an. „Ich bin doch nur freundlich.“

„Du bist weitaus mehr als das“, gab sie heftig zurück. Einmal hatte er sie betrogen, ein zweites Mal würde sie das nicht hinnehmen.

Sie hatte ihm das klar und deutlich gesagt, aber es sah ganz so aus, als hätte er das bereits vergessen, obwohl diese unerfreuliche Angelegenheit erst zwei Jahre zurücklag. Die neue Nachbarin gefiel ihm, das erkannte Elena deutlich an seinem Blick. Wann hatte er sie eigentlich das letzte Mal so angesehen?

Elena konnte sich nicht daran erinnern.

Aufgebracht drehte sie sich um und verließ das Schlafzimmer. Robert folgte ihr nicht.

Als sie an der Treppe stand, wandte sie sich noch einmal um und sah durch die offene Tür, dass er immer noch am Fenster stand und jetzt auch wieder nach drüben starrte.

„Robert!“, rief sie scharf und befehlend und wollte dabei gleichzeitig die erste Stufe nach unten betreten.

Vielleicht war es der Ärger auf ihren Mann oder die augenblickliche Unachtsamkeit. Möglicherweise war es aber auch eine Kombination aus beidem, dass sie danebentrat. In dem verzweifelten Versuch, Halt zu finden, ruderte sie wild mit den Armen. Dann stieß sie einen lauten Schrei aus und stürzte nach unten.

„Robert!“, jammerte sie hilflos, bevor sie das Bewusstsein verlor.

***

Ganz plötzlich hatte sich das Wetter geändert. Es war zwar kühl und windig gewesen, doch als sie den Einsatzbefehl erhielten, hatte sich die Wetterlage extrem verschlechtert. Der Sturm war so heftig, dass er sogar den schweren Rettungswagen durchschüttelte. Hagel prasselte auf das Dach und die Windschutzscheibe. Obwohl Jupp Diederichs, der Fahrer des Krankenwagens, die Scheibenwischer auf die höchste Stufe eingestellt hatte, war die Straße kaum zu erkennen.

Er beugte sich leicht vor und starrte angestrengt nach vorn. In regelmäßigen Abständen spiegelte sich der Schein des Blaulichts auf der Straße, untermalt vom auf- und abschwellenden Ton des Martinshorns. „Mistwetter!“, fluchte Jupp leise.

„Wir sind gleich da“, sagte der Rettungsassistent Ewald Miehlke. Er kannte sich in diesem Stadtviertel gut aus.

Notärztin Andrea Bergen, die zwischen den beiden Männern saß, wusste, dass er ganz in der Nähe wohnte.

„Die nächste Straße musst du rechts abbiegen“, sagte Ewald jetzt. „Das ist die Chlodwigstraße.“