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Das Château. In jedem Fenster goldener Schein.
Die Tanne. Hell erleuchtet im Lichterglanz.
Nicole. Im atemberaubenden Kleid.
Zamorra. Der Glückspilz, wie er sich leicht zu ihr hinabbeugt. Lippen berühren Lippen.
Das Bild zoomt auf.
Bill Fleming. Mit blondem Haar, weißer Haut und rot unterlaufenen Augen, die ihn voll des Hasses ansehen.
Zamorra erwachte ...
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Personenliste
Weihnachtliche Heimsuchung
Vorschau
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Wichtige Personen für diesen Roman sind:
Professor Zamorra deMontagne: der Meister des Übersinnlichen; furchtloser Kämpfer gegen die Ausgeburten der Hölle und Wissenschaftler für parapsychologische Phänomene
Nicole Duval: seine Sekretärin sowie Lebens- und Kampfgefährtin
Bill Fleming: Zamorras alter Jugendfreund (siehe PZ Band 1 bis Band 350). Er starb vor fast vier Jahrzehnten.
Sara Moon: Tochter Merlins und Dienerin des Wächters der Schicksalswaage
Gryf ap Llandrysgryf: achttausendjähriger Silbermond-Druide. Arbeitet für Sara Moon. Ist mit Nicole und Zamorra befreundet.
Stygia: Die Herrin der Hölle.
Luzifer: Schöpfer der Hölle, der Dämonen und ... der Menschen
Michael: Erzengel, der äonenlang durch Luzifers Betreiben in Ungnade gefallen war
Der Wächter der Schicksalswaage: Sorgt für das Gleichgewicht von Licht und Dunkelheit in diesem Teil des Multiversums
von Thilo Schwichtenberg
Wer besaß die Macht, Tote zurückzuholen? Oder war er etwa noch immer tot? War er ein Zombie?
Nein, Zombies dachten nicht so komplex. War er die Marionette eines Dämons? Nein, er konnte keine Manipulation feststellen.
Außerdem befand er sich innerhalb der magischen Schutzglocke des Châteaus. Er wäre längst wieder zu Staub zerfallen, wenn er auf schwarzmagischem Wege zurückgeholt worden wäre.
Er atmete tief durch und sprach laut: »Ich bin Bill. Bill Fleming. Ich war tot. Doch nun ... bin ich wieder zurück!«
Das Château. In jedem Fenster goldener Schein.
Die Tanne. Hell erleuchtet im Lichterglanz
Nicole. Im atemberaubenden Kleid.
Zamorra. Der Glückspilz, wie er sich leicht zu ihr hinabbeugt.
Lippen berühren Lippen.
Das Bild zoomt auf.
Bill Fleming. Mit blondem Haar, weißer Haut und rot unterlaufenden Augen, die voll des Hasses ihn ansehen.
Zamorra erwachte.
Irgendwie hatte er das Gefühl, nicht zum ersten Mal in letzter Zeit an seinen ältesten Freund zu denken.
Hastingues, Frankreich, ca. 30 Kilometer ostnordöstlich von Bayonne
Von wegen Klimawandel!
Elodie konnte sich nicht erinnern, ob sie je so viel Schnee gesehen hatte. In ihren neunzehn Lebensjahren ganz sicher nicht.
Vielleicht konnte sich Maman noch daran erinnern. Oder besser gleich Mémé!
Zugegeben. Es sah wunderschön aus. Wie eine wohlig-flauschige Decke lag der Schnee über der Landschaft. Die letzten Sonnenstrahlen überzogen die weiße Pracht mit einem goldenen Schein. Der Wald im Hintergrund war dick eingemummelt von der kalten Herrlichkeit.
Elodies Füße stapften durch den Schnee. Es knirschte und knarzte. Es war kalt. Aber es war eine reine und klare Luft. Und die hatte sie dringend nötig!
Deswegen war sie die drei Kilometer auch zu Fuß unterwegs. Sie hatte das Elternhaus im Ort bereits vor über einer halben Stunde verlassen und stiefelte nun neben der Ausfallstraße her in Richtung Industriegebiet. Kurz vor dem Abzweig zum Kloster Abbaye d'Arthous lag das Haus ihres Freundes Bastien auf der linken Seite im Wald.
Sie blieb stehen, verschnaufte.
Wie schön die Eiskristalle auf dem Acker glitzerten. Und doch waren sie scharfkantig und spitz.
Sollte sie mit der Tür ins Haus fallen? Sollte sie es ihm schonend beibringen?
Elodie lachte auf. Nein, keinesfalls schonend. Denn dann würde er es einfach überhören. Er würde weitermachen, ganz so, als ob nichts gewesen war.
Aber es war etwas gewesen! Es ging nicht mehr. Mit seiner Art, ständig alle Probleme wegzudrücken, auszusitzen, damit konnte sie einfach nicht mehr umgehen. Oh ja, er sah gut aus und war noch besser im Bett. Aber Sex war nicht alles. Elodie wollte verstanden und geliebt werden! Immerhin sollte eine Ehe mit ihr ein ganzes Leben halten.
Sie lachte auf. Mit ihm an ihrer Seite wäre es wohl wirklich für das ganze Leben. Aber es passte einfach nicht. Nicht mehr jedenfalls.
Mémé hatte so recht mit ihren Lebensweisheiten. »Die Liebe vergeht«, sprach sie stets mit erhobenem Zeigefinger, »aber das Fußnägelschneiden bleibt auf ewig bestehen.«
Doch ihre Großmutter hatte gut reden. Sie hatte die Liebe des Lebens gefunden. Und zwar über fünfzig Jahre lang. Nun zehrte sie von den Erinnerungen. »Schöne Tage, nicht weinen, dass sie vorüber, sondern freuen, dass sie gewesen.« Das war ebenso so ein Spruch von ihr.
Und deswegen war Elodie auch nicht traurig, dass sie gleich mit Bastien schlussmachen würde. Es war eine schöne Zeit mit ihm gewesen, die wollte sie nicht missen. Das war wirklich kein weggeworfenes Jahr.
Ihre Beziehung war halt nur nicht für die Ewigkeit gedacht.
Wie einfach das klang. Aber die Auseinandersetzung lag noch vor ihr.
Bastien würde einfach alles ignorieren. Sie wusste es!
Eine feine Nadel stach ihr in die Nasenspitze. Und nun auch in die Wange. Ja, es hatte wieder zu schneien begonnen. Die ganzen letzten Tage war das schon so gewesen.
Seltsam war allerdings, dass sich dieses Wetterphänomen nur auf diese Region bezog. Im Umkreis von dreißig Kilometern etwa lag der Schnee mittlerweile einen halben Meter hoch. Im Rest des Landes war er dafür umso spärlicher gesät.
Allerdings gab es Hunderte weitere dieser Wetterhotspots. Im Norden regnete es seit Tagen auf einem Flecken, im Süden gefror es ohne Schnee. Im Zentralmassiv schlugen die Blitze fast schon um die Wette ein, während die kleineren Flüsse oftmals zu schlammwälzenden Wasserraupen entartet waren. Im Osten, an der Grenze zu Deutschland, war es unnatürlich heiß, während es in der Bretagne tagelang hagelte.
Auch in anderen Regionen der Welt spielte das Wetter gerade verrückt. Dazu kamen jede Menge Erdbeben, Tsunamis und andere großflächige Überschwemmungen, Tornados, Hungersnöte, Epidemien und natürlich die unzähligen Kriege und Fehden.
Elodie zuckte mit der Schulter. Wenn sie es recht bedachte, kannte sie es mit ihren neunzehn Jahren gar nicht anders. Im Gegensatz zu ihren beiden weiblichen Antiquitäten.
Nun, zumindest Maman und Mémé freute die weiße Pracht sehr. Immerhin war bald Weihnachten. Und Weihnachten mit Schnee war immer etwas ganz Besonderes. Es gab die traditionelle Biskuitroulade, die als Weihnachtsbaumstamm verziert wurde, Nougat, Karamellbonbons, natürlich die »Dreizehn Desserts« aus der Provence und Apfelstrudel, den Großmutter bei ihrer Freundin aus Deutschland backen, schätzen und lieben gelernt hatte.
Dazu gab es ein paar Gläschen von Mémés selbstgebrannten Apfelschnaps. Oh ja, für die beiden älteren Damen war damit die Welt vollkommen in Ordnung.
Für Elodie sollte Weihnachten zum Befreiungsschlag werden. Sie wollte sich aus Bastiens öder Umklammerung befreien, wollte das neue Jahr als Single begrüßen. Wollte leben, vielleicht auch mal Ausschau halten. Denn jeder Topf fand bekanntlich einen Deckel. Oma war da sehr optimistisch.
Mémé ... Sie hatte Elodie ihren Segen gegeben. »Kindchen, wenn du wirklich so fühlst, dass dich eure Beziehung einengt, dass du dich bei Bastien nicht mehr wohlfühlst, dann mach Schluss. Beende eure Beziehung. Das ist die ehrlichste Art, auch wenn du Bastien das Weihnachtsfest verdirbst. Er wird es verstehen. Ende nächsten Jahres vielleicht.«
Oh ja, Großmutter tickte wie sie selbst. Dahingehend war sie echt jung geblieben. Im Gegensatz zu Maman. »Elodie, eine Beziehung muss auch Krisen aushalten können.«
»Und deine Ehe mit Père? Die ist auch kaputt.«
»Das war etwas ganz anders.«
Nein, Maman war nicht die richtige Gesprächspartnerin für sie.
Der Schneefall hatte jetzt deutlich zugenommen. Auch die Dunkelheit setzte so ganz langsam ein. Nicht ganz freiwillig, wie Elodie bemerkte. Denn dunkle Wolken waren aufgezogen. Die brachten sicherlich noch mehr Ladungen vom Schnee. Vielleicht würde sie sich später von Maman abholen lassen.
Oder noch einmal bei Bastien übernachten.
Oh nein. Ganz sicher nicht!
Im nächsten Moment lag sie halb auf der Straße. Das einzige Auto seit Minuten hupte mehrmals, schlingerte etwas, fing sich wieder und rauschte abermals hupend von dannen.
Das war noch mal gut gegangen!
Was für eine doofe Idee, bei diesem Schnee zu Fuß zu gehen. Natürlich war unter dem Weiß hin und wieder Eis. Doch da musste sie jetzt durch.
Elodie rappelte sich wieder auf, klopfte den Schnee von der Kleidung und stapfte weiter. Bald kam der Abzweig zu Bastiens Haus. Davor und dahinter befand sich der Wald.
Heute war es hier mehr als dunkel, obwohl weiße Flocken herniedersanken.
Stimmt. Sie war noch nie zu Fuß hier entlanggelaufen.
Sie waren auch noch nie Händchen haltend aus dem Haus gelaufen.
Der fünfundzwanzigjährige Bastien bewohnte das kleine Haus allein. Auch sein Vater war eines Tages verschwunden. Die Mutter war vor drei Jahren zu ihrem neuen Freund nach Bayonne gezogen. Und so hatte er kurzfristig Haus und Auto erhalten.
Genau das war es, was Elodie angezogen hatte. Hier, in diesem Haus, konnte sie bereits die Ehe kosten. Bastien und sie waren frei von allen Erwachsenen. Im Sommer waren sie im ganzen Haus und im Garten nackt herumgelaufen und immer wieder mal übereinander hergefallen.
Erst später merkte sie, dass mehr aus Bastien nicht herauszuholen war.
Das Gewicht der weißen Pracht drückte auf die Äste. Hin und wieder knackte einer. Schon rauschte eine Ladung Schnee nach unten, stiebte Elodie ein.
Sogar die Bäume waren ihr hier also feindlich gesinnt.
Ein Vorzeichen? Sie lachte auf. Sie war doch gar nicht abergläubisch.
Schon kam das Haus in Sicht. Noch brannte kein Licht.
Wie ein grauer Klotz hockte es auf der Lichtung.
Elodie stoppte. Bastien hatte sicher bereits alle Weihnachtsgeschenke zusammen. Im Gegensatz zu ihr. Das war, fand die Neunzehnjährige, ein ganz klein wenig gemein. Immerhin wusste sie bereits mehr als er.
Der Gehweg war auch noch nicht gefegt. Bestimmt hockte ihr Freund, oder wohl besser Ex-Freund, vor der Spielekonsole und vergaß Tag und Nacht und Schnee.
Das Haus war bar jeglichem Weihnachtsschmucks. Sie hatte ihn mal gefragt, ob sie sich nicht ein wenig gemütlicher einrichten wollten.
Bastien hatte nur den Kopf geschüttelt. »Wozu? In einem Monat muss ich das alles eh wieder wegräumen. Warum also das ganze Zeug herausholen.«
Nun stand sie vor der Tür. Sie lauschte. Keine Geräusche drangen aus dem Inneren an ihr Ohr. Kalt und diffus lag der Klotz vor ihr. Auch im Sommer sah das Haus nicht besser aus, war es doch nur grau verputzt.
»Na denn.« Sie machte sich selbst Mut und klingelte.
Das dritte Klingeln verklang. Der elektronische Glockenschlag erinnerte Elodie ein wenig an Big Ben.
Und das in Frankreich!
Nun, das war das Erbe von Bastiens Mutter. Er hatte den Klingelton noch nicht ausgetauscht. Denn das kostete Kraft und Mühe und Überlegungen. Und das war nicht gerade seine Stärke.
Endlich ein Lichtschein im oberen Türfenster.
Er war zumindest zu Hause!
»Hi.«
Bastien lächelte schief. Sein schwarzhaariger Wuschelkopf hatte heute sicherlich noch keinen Kamm gesehen. Und wie seine blauen Augen leuchteten ...
Innerlich stöhnte die junge Frau genussvoll auf.
Fall nicht darauf rein!, schalt sich Elodie sogleich. Heute war anders. Heute machte sie Schluss.
Bastien war schon wieder ins Wohnzimmer geschlurft. Seine blassgrüne Trainingshose war sicherlich zwei Nummern zu groß. Auch das Shirt schlotterte um seinen schlanken Körper. Ja, wenn man ihn so sah, mochte man ihn für einen Nerd halten. Doch unter der schlabbrigen Hülle steckte ein atemberaubendes Kraftpaket, das mochte man gar nicht für möglich halten.
»Nimm dir Chips und setz dich.«
Schon plumpste der junge Mann wieder in seinen Lieblingssessel und ergriff die Spielekonsole.
»Bastien. Wir müssen reden.«
Nun klopfte Elodie das Herz bis zum Hals.
»Hm?«
»Reden. Und dazu musst du mich ansehen.«
»Hat das nicht Zeit bis nachher. Ich bin grad so schön im Fluss.«
»Nein. Hat es nicht.«
Die junge Frau war stehen geblieben und fixierte ihren Noch-Freund.
Wenn der allerdings jetzt das T-Shirt hochzog und sie unschuldig anlächelte – dann, dann-
Doch er tat nichts dergleichen.
Langsam ging ihr sein Verhalten auf die Nerven. Obwohl, es war wie immer. Wenn sie ihm jetzt unters Shirt fuhr ...
»Bastien, ich möchte, dass wir von nun an getrennte Wege gehen.«
»Hm? Hast du dir schon Chips genommen?«
Genau das hatte sie erwartet! Er zeigte keine Regung. Er ignorierte das Gesagte vollkommen!
»Hast du mich verstanden? Ich möchte Schluss machen. Ich möchte unsere Beziehung beenden.«
»Und warum?«
»Na darum. Sieh dich doch an. Probleme gibt es für dich nicht. Dir ist nur die Spielekonsole wichtig.«
Endlich sah er sie an. Lächelte treuherzig und zog das Shirt nach oben.
»Besser?«
»Ich bin keine Sex-Maschine. Ich erwarte auch Liebe von dir.«
»Dann hol dir Chips und setzte dich. Du kannst gleich spielen. Und im Übrigen, ich habe doch schon alle Weihnachtsgeschenke.«
Das war so was von klar.
Bastien seufzte. »Hast du einen Neuen?«
»Ich? Nein! Was soll überhaupt die Frage.«
»Und warum willst du dann Schluss machen?«
»Weil zwischen uns beiden rein gar nichts passt. Bis auf den Sex.«
»Ich finde Sex cool.«
»Ist er ja auch.«
Bastien schob unmerklich die Trainingshose nach unten.
Nicht hinschauen!
»Wir haben nicht wirklich viele Gemeinsamkeiten. Ich möchte ausgehen, in den Urlaub fliegen, ich möchte tolle Sachen erleben.«
»Das kannst du doch. Habe ich dich schon mal daran gehindert?«
»Was? Nein. Hast du nicht.«
»Na also.«
Elodie rang fast schon ohnmächtig die Hände. »Eine Beziehung bedeutet für mich Gemeinsamkeit. Gemeinsam durch das Leben zu gehen. Auch mal das zu machen, was der Partner gern möchte.«
»Ich möchte zocken.«
»Ja, aber ich nicht.«
»Ich denke, du möchtest Gemeinsamkeiten?«
Bastien sah nicht einmal auf. Sein Blick war stur auf den Bildschirm gerichtet.
Er schlug sie mit ihren eigenen Waffen! Aber war es denn ein Wunder? Er war ja auch sechs Jahre älter als sie! Er wusste schon mehr vom Leben.
»Kannst du mich nicht ansehen?«
Das war ein Fehler! Diese blauen Augen, dieser Wuschelkopf. Dieser perfekte Sixpack, und die Trainingshose war auch schon unnatürlich ausgebeult.
Der konnte doch jetzt nicht an Sex denken?! Jetzt, wo sie Schluss machen wollte.
»Ja nun. Also, ich denke, dass wir zwei nicht zueinander passen. Ich stecke voller Lebensmut und du sitzt am liebsten auf der Couch.«
»Ich gehe ins Fitnessstudio.«
»Aber ohne mich.«
»Kannst ja mitkommen. Ich hätte nichts dagegen.«
»Bin jetzt ich plötzlich die Böse?«
Er zuckte mit der Schulter. »Scheint so.«
Wie hatte sie es nur so lange mit ihm ausgehalten?
Nun gut, so ein Gespräch hatte sie noch nie in ihrem Leben geführt.
Bei ihm war es vielleicht schon Routine.
»Also. Ich gehe jetzt und komme nicht wieder. Keine Anrufe mehr, keine Besuche. Ich brauche meinen Freiraum.«
»Du sprichst immer nur von dir.«
»Dann sprich doch auch mal von dir. Wie hättest du denn gern unsere Beziehung?«
»Ich fand sie bis heute gut.«
»Ich packe meine Sachen. Danach gehe ich.«
Sie stapfte nach oben, in ihr Zimmer, und packte alles in den Koffer. Wie gut, dass sie den nicht hatte herbringen müssen. Jetzt würde sie sich auf jeden Fall von Maman abholen lassen. Wenn denn die Straßen noch frei waren.
Egal.
Unten hörte sie es in der Küche klappern.
Na wenigstens zeigte er jetzt eine Reaktion. Wenn Bastien unausgeglichen war, dann wusch er das dreckige Geschirr in der Spüle ab und stellte es nicht in den Geschirrspüler.
Also war sie ihm doch nicht ganz so egal, wie er tat.
Nun gut. Noch war sie hier oben. Sie gab ihm diese letzte Chance. Vielleicht kam er ja gleich hoch und wollte doch ernsthaft reden.
Wollte er anscheinend nicht.
Fast schon wütend, buckelte Elodie den Koffer die Treppen nach unten. Sie zog Anorak, Schal, Mütze, Schuhe und Handschuhe betont langsam wieder an und öffnete die Haustür.
»Ich gehe jetzt!«, rief sie in Richtung Küche.
Bastien ließ sich nicht blicken.
Gut. Oder auch nicht. Wütend zog Elodie den Koffer nach draußen. Er besaß zwei kleine Rollen die sofort im Schnee versanken.
Trotzdem. Weiter!, spornte sie sich an. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Gut zwanzig Meter war sie schon gekommen, da drehte sie sich noch einmal um.
Bastien stand unschlüssig im Türrahmen.
Ihre Blicke kreuzten sich. Elodie wartete einen Augenblick. Doch von ihm kam keine Regung mehr.
»Dann eben nicht.«
»Der Carcolh soll dich erwischen.«
Bastien hatte die Worte leise, aber sehr deutlich ausgesprochen.
Elodie blieb stehen, drehte sich abermals um.
»Was hast du gesagt?«
»Der Carcolh soll dich erwischen.«
Bastien drehte sich um und verschloss leise die Tür. Schon ging das Licht aus, und Elodie stand im dunklen Tann.
»Pass lieber auf, dass er dich nicht erwischt«, rief sie ihm patzig hinterher. »Vielleicht steht dein Haus auf seiner Höhle.«
Das leichte Erdbeben kam überraschend. Doch weder wiederholte es sich, noch öffnete Bastien die Tür und fragte nach, ob mit ihr alles in Ordnung war.
»Natürlich ist alles in Ordnung«, machte sie sich selbst Mut. »Ich bin seit heute wieder Single. Ich kann tun und lassen, was ich will. Der Carcolh.«
Sie lachte auf. Aber so ein klein wenig blieb ihr das Lachen doch im Halse stecken.
Der Carcolh! Wieso kam Bastien gerade jetzt mit der Bestie an? Sicher, die Spukgestalt gehörte zu diesem Landstrich wie der Glöckner zu Notre Dame. Aber was sollte das jetzt?
Der Carcolh soll dich holen.
Hätte er gerufen: »Ich will dich nie wieder sehen.« Oder »Du bist mir egal.«
Aber so? Das war durchaus als Mordauftrag zu verstehen. Als wenn er ihr einen Todesboten, einen Todesfluch hinterherschickte.
Sie war ihm also nicht egal?
Oder hatte er sie die ganze Zeit über nur für die eigene Befriedigung gebraucht?
Elodie fröstelte plötzlich.
War es nicht ein paar Grad kälter geworden?
Vielleicht sollte sie den Koffer öffnen und noch eine Jacke überziehen?
