Rabengeist - Ana Marna - E-Book

Rabengeist E-Book

Ana Marna

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Beschreibung

Visionen und Alpträume bestimmen Sonja Seeghers Kindheit. Nach Jahren in der Psychiatrie findet sie einen Job als Tierpflegerin. Doch ihre prophetische Gabe bringt sie erneut in Schwierigkeiten. Als sie dann noch auf den Kolkraben Nox trifft, gerät sie in den Fokus der Hexen und der Keltai, einem vergessenen Kelten-Bund. Doch diese sind nicht die einzigen, die an ihr interessiert sind. Auch Hexenjäger sind auf der Suche nach Sonja. Und diese haben nur ein Ziel: den Tod aller Hexen. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.

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EPUB
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Seitenzahl: 524

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Buchbeschreibung:

Visionen und Alpträume bestimmen Sonja Seeghers Kindheit. Nach Jahren in der Psychiatrie findet sie einen Job als Tierpflegerin. Doch ihre prophetische Gabe bringt sie erneut in Schwierigkeiten. Als sie dann noch auf den Kolkraben Nox trifft, gerät sie in den Fokus der Hexen und der Keltai, einem vergessenen Kelten-Bund. Doch diese sind nicht die einzigen, die an ihr interessiert sind. Auch Hexenjäger sind auf der Suche nach Sonja. Und diese haben nur ein Ziel: den Tod aller Hexen.

Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.

Bisher erschienen:

Fellträger

Aschenhaut

Seelenfresserin

Wächterin

Spurensucher

Seelenmalerin

Rebellen

Wandlerin

Schattenherz

Hexengrimm

Über die Autorin:

Ana Marna studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich dem Schreiben zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science-Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren entschloss sie sich, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen und weiterzuführen.

Rabengeist

The Hidden Folks

Von Ana Marna

Gewidmet meinem Ehemann,

der die Pinsel seines Thaumaturgen im Midgard-Rollenspiel

sehr gerne eingesetzt hat.

1. Auflage, 2023

© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Kontaktadresse: Hummelshain Verlag, zu Hd. Peter Marx

Werdener Str. 28, 45219 Essen

[email protected]

www.ana-marna.de

www.facebook.com/ana.marna.92372

Inhaltsverzeichnis

Ein Vorstellungsgespräch5

Cон Сони9

Eine neue Stelle12

Ein feuchter Auftrag16

Ein unglaubliches Seminar20

Ein hilfreicher Friseur27

Familienfete32

Rabenvögel38

Herba Salutaris45

Ein neuer Jäger50

Ein Projekt und ein Unfall53

Observierung nach eigenen Regeln59

Cон Сони71

Enthüllungen73

Cон Сони77

Kneipengespräche81

Cон Сони86

Ein feuriger Club92

Cон Сони100

Ein neuer Job103

Dienstantritt113

Neues von Hexen und Co.128

Die Bibliothekarin132

Vogelflüsterin139

Sucht sie!144

Nox149

Ein Schlaganfall159

Ein gefiederter Mitbewohner164

Immer diese Stammbäume ...168

Rabengeplauder175

Der erste Auftrag179

Ein Flug durch die Nacht182

Verfolger188

Fänger195

Ein Verhör199

Zweifel203

Dreamteam wider Willen208

Ein gefiederter Bote218

Noch eine Entführung221

Eine reiche Familie227

Der Scheiterhaufen235

Feuer, Wasser und sehr viel Schlamm238

Kantinengespräche260

Entscheidungen274

Leben oder Tod287

Frage und Antworten296

Ein neues Team302

Erhellende Momente313

Road Bastards321

Echte Freunde336

Hexen, Kräuter und Spione349

Eine neue Berufung360

On the Road again369

Eine Schattenreise375

Ein Versprechen380

Anhang384

Wie es weitergeht ...392

Nachwort406

Ein Vorstellungsgespräch

Anfang Februar 2021

Eisenbach-Wildpark, Schwarzwald

Guten Tag Herr Müller, mein Name ist Sonja Seegher. Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, arbeite seit zwei Jahren als gelernte Tierpflegerin und würde mich freuen, wenn ich in Ihrem Wildpark arbeiten könnte. Zu meiner Person, nun ja, sie sehen ja selbst, dass ich keine Schönheit bin. Allerweltsgesicht, rotstichige Haare, ein paar Aknenarben und lästige Sommersprossen. Dazu bin ich zugegebenermaßen etwas moppelig. Das liegt daran, dass ich Sport hasse, aber Schokomuffins und Cupcakes liebe. Außerdem bin ich ein ziemlicher Freak. Vier Jahre meines Lebens habe ich in der geschlossenen Psychiatrie verbracht, Verdacht: Schizophrenie. Meine Eltern hätten mich am liebsten für unzurechnungsfähig erklärt, aber ich hatte Glück im Unglück, dass meine Ärzte sich nicht darauf einlassen wollten. Und vor allem, dass sie nicht bestechlich waren. Dafür bin ich jetzt enterbt, was mich nicht unglücklich macht. Inzwischen sorge ich für mich selbst und niemand weiß, dass ich tatsächlich ein bisschen verrückt bin. Schlechte Träume und so. Manchmal auch tagsüber, aber das habe ich mittlerweile im Griff. Warum ich trotzdem glaube, dass ich für diese Stelle die Richtige bin? Nun, ich liebe Tiere und kann sehr gut mit ihnen umgehen. Und meine Zeugnisse sprechen, glaube ich, für sich. Alles hervorragende Bewertungen.

Das und noch so vieles mehr könnte sie sagen. Aber natürlich würde sie das niemals tun.

Sonja saß nervös vor Siegfried Müller, dem Leiter des Eisenbach-Wildparks, und musste sich zwingen, nicht ihre Finger durchzukneten. Dies war schon ihr drittes Bewerbungsgespräch innerhalb von drei Wochen. Zwei Absagen hatte sie bereits einkassiert und so langsam gingen ihr die Optionen aus. Noch hatte sie genug Erspartes, um über die Runden zu kommen, wenn sie bescheiden blieb. Doch eine neue Anstellung würde vielleicht ihre Bauchschmerzen beenden, die sie seit einigen Wochen quälten. Allzu optimistisch war sie inzwischen nicht mehr. In Corona-Zeiten war es noch schwieriger als sonst, eine Anstellung zu erwischen. Vor allem, wenn es um Arbeit in einem Wildpark oder Zoo ging. Diese kämpften gerade um ihr Überleben. Keine Besucher, kein Geld. Eine einfache Rechnung. Trotzdem mussten die Tiere natürlich versorgt werden und das war Sonjas einzige Hoffnung.

Herr Müller schien ein sympathischer Mensch zu sein. Seine Nase war vielleicht etwas zu groß und beherrschte sein Gesicht, dazu kam eine Halbglatze, die er Gott sei Dank nicht kaschierte. Sonja hasste den Anblick von über die Seite gekämmten Haaren. Herr Müller trug seinen Haarkranz ordentlich kurz und nicht gefärbt. Seine Schläfen waren schon angegraut. Sie schätzte ihn auf Mitte fünfzig und er war nicht sehr groß, dafür aber etwas in die Breite gegangen. Was ihn nicht unattraktiv machte. Seine braunen Augen betrachteten sie freundlich, doch mit einer gewissen Skepsis.

Sie saßen weit genug auseinander, um auch ohne Schutzmasken miteinander zu sprechen. Das war überaus hilfreich, wenn man seinen Gesprächspartner kennenlernen wollte. Und das galt für beide Seiten.

Jetzt nickte Herr Müller ihr zu.

„Frau Seegher, es freut mich, dass Sie sich bei uns bewerben. Der Stellenausschreibung konnten Sie ja bereits entnehmen, dass wir auf der Suche nach erfahrenem Personal sind. Zwei Jahre Berufserfahrung sind da nicht besonders viel. Ich will Ihnen ehrlich sagen, dass ich bereits zwei Kandidaten im Auge habe, die schon mehrere Jahre als Tierpfleger arbeiten.“

Sonja schluckte. Genau das hatte sie befürchtet. Doch dann reckte sie entschlossen ihr Kinn. Es wurde Zeit, dass sie etwas Kampfgeist zeigte. Seit sie denken konnte, hatte sie verinnerlicht, dass sie besser so wenig wie möglich sprach. Jeder Satz konnte Unglück heraufbeschwören, sprich: unangenehme Stunden beim Psychiater oder gar in der psychiatrischen Klinik. Doch jetzt ging es um ihre Existenz.

„Mag sein, dass zwei Jahre nicht viel erscheinen, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich eine sehr gute Fachkraft bin. Wie Sie meinen Zeugnissen entnehmen können, habe ich sehr gute Bewertungen.“

Ihre Stimme klang leider nicht so fest, wie sie es sich gewünscht hätte, doch immerhin. Dafür, dass sie sonst nie die Stimme erhob, fand sie sich gar nicht so schlecht.

„Sie haben geschrieben, dass sie am liebsten mit Säugetieren, aber auch mit Fischen und Gliedertieren arbeiten. Wie sieht es mit Vögeln aus?“

Sonja biss sich unwillkürlich auf die Unterlippe. Das war der Knackpunkt.

„Eher nicht so gerne“, gestand sie dann. Ehrlichkeit war wichtig, das hatte sie sich zum Motto erhoben. Zumindest, wenn es um ihren Beruf ging. Und auch, wenn es ihr bereits zwei Absagen beschert hatte.

„Warum? Mögen Sie diese Klasse nicht?“

Sonja zögerte.

„Doch“, antwortete sie schließlich. „Eigentlich schon. Es ist nur ... es ist nur eine Vogelgruppe, die ich meide.“

Jetzt hatte sie offenkundig sein Interesse geweckt.

„Und welche?“

„Rabenvögel“, gestand sie.

„Und warum ausgerechnet die?“

Wieder zögerte sie. Doch jetzt waren sie bei diesem Thema gelandet und vermutlich war die Chance auf diese Stelle gerade sowieso den Bach hinuntergegangen.

„Sie machen mir Angst. Schon immer.“

„Gab es da ein bestimmtes Ereignis?“

Sonja schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich kann mich zumindest nicht erinnern.“

Von ihren Träumen würde sie ihm nichts erzählen. Damit hatte sie nur allzu oft schlechte Erfahrungen gesammelt.

„Hm.“ Siegried Müller rieb sich nachdenklich das Kinn. „Immerhin sind Sie ehrlich, Frau Seegher. Also würden sie prinzipiell auch mit Vögeln arbeiten, wenn es sich nicht gerade um Raben handelt?“

Jetzt nickte sie.

„Ja, gerne sogar.“

Und das war nicht gelogen. Sie mochte Vögel. Und Vögel mochten sie. Auch gegen Raben hatte sie eigentlich nichts einzuwenden. Wenn nicht ihre Träume wären.

Sie plauderten noch eine Weile. Hauptsächlich über Sonjas bisherige Arbeitsstelle. Sonja fühlte sich dabei merkwürdig entspannt. Vielleicht lag es daran, dass sie sowieso nicht mit einer Zusage rechnete.

„Nun gut.“ Siegfried Müller erhob sich. „Ich werde Ihnen in ein paar Tagen Bescheid geben. Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute.“

Minuten später stand Sonja vor dem Eingang des Wildparks und überlegte, ob sie nicht doch ihre Taktik wechseln sollte. Vielleicht half es, wenn Sie einfach bei jedem Tierpark persönlich vorsprach, ohne dass es ein Stellengesuch gab. Aufgeben kam jedenfalls nicht in Frage. Den Triumph würde sie ihren Eltern nicht gönnen.

Cон Сони

Februar 2021

Abigail

„Hallo Abigail.“

Ich sehe mich überrascht um. Vor mir steht Lisbeth. Wie lange habe ich sie schon nicht mehr gesehen? Es müssen einige Monate her sein. Als Kriegerin war sie sicher viel unterwegs.

„Lisbeth, wie schön. Wie lange bleibst du?“

„Oh, das hängt von deiner Sichtweise ab.“

„Wie meinst du das?“

„Lass uns ein paar Schritte gehen.“

Lisbeth hakt sich bei mir ein. Ungewohnt vertraulich. So gut kennen wir uns eigentlich nicht. Sie ist viel unterwegs und ich, nun ja, als Lehrhexe verlasse ich das Hexenhaus eher selten. Nur ab und zu, wenn in anderen Hexenhäusern Unsicherheit über die Begabungen einiger Schülerinnen besteht. So wie heute.

Ich bin auf der Rückreise von Colorado. Die Zugfahrt war anstrengend, doch bis zu meinem Hexenhaus ist es nicht mehr weit. Es ist bereits nach Mitternacht und ich weiß jetzt schon, dass ich morgen früh sehr spät aufstehen werde. Ich habe einige Stunden Schlaf nachzuholen.

„Du hast eine interessante Gabe.“ Lisbeth zieht mich sanft aber bestimmt über die Straße, hinein in eine Gasse. „Ich habe gehört, dass du herausfinden kannst, was für Fähigkeiten in unseren Hexenschwestern liegen.“

Verwundert sehe ich sie an. Natürlich weiß sie das. Schon lange. Lisbeth war einige Monate in meinem Hexenhaus stationiert gewesen. Es wäre seltsam, wenn sie von meiner Gabe nichts wüsste.

„Was machst du hier?“, frage ich nach. „Wirst du wieder bei uns eingesetzt?“

Sie lächelt mich an.

„Würde dir das gefallen?“

Verwirrt halte ich inne. Meine Gabe warnt mich. Irgendetwas stimmt nicht. Will Lisbeth mich manipulieren? Beeinflussen? Es fühlt sich so an. Inzwischen stehen wir in einer abgelegenen Gasse. Bis auf das Licht einer Straßenlaterne am Anfang der kleinen Straße ist es dunkel. Was sollen wir hier? Doch als ich versuche, zurückzugehen, hält sie mich fest. Ihr Griff ist hart. Unangenehm. Erschrocken blinzele ich zu ihr hoch. Lisbeth ist beinahe einen Kopf größer als ich. Und ihr Lächeln gefällt mir nicht. Es wirkt spöttisch. Verächtlich.

„Was ...?“ Schmerz brennt sich durch meinen Kopf. Doch kein Laut verlässt meine Lippen. Es ist ein massives Brennen, das immer mehr wächst und meine Sinne durchzieht. Meinen Geist zerschneidet. In lauter kleine Segmente, die auseinandertreiben.

Meine Gedanken wirbeln panisch durcheinander. Der Schmerz ist nur in meinem Kopf. Und er wächst, wird immer massiver. Stiehlt mir mein Sein, Stück für Stück. Drängt mich nach außen. Vertreibt mich. Verstößt mich. Lässt mich schwinden.

Ich schwebe. In der Gasse. Und treibe nach oben.

Unter mir liegt Lisbeth am Boden, wie eine zusammengefallene Marionette. Aber ich stehe. Aufrecht. Und ich lächele.

Doch es ist nicht mein Lächeln. Es ist Lisbeths. Spöttisch. Verächtlich. Triumphierend.

Alles verblasst. Alles Sein. Es bleibt nur die Dunkelheit.

Und Verzweiflung.

Mit einem Keuchen fuhr Sonja hoch. Ihr Herz hämmerte heftig in ihrer Brust und der Nachklang von reißenden Kopfschmerzen schwand nur langsam. Sie blinzelte zu ihrem Wecker. Es war früher Morgen. Nicht dass sie verschlafen hätte. Noch hatte sie keine Stelle, die frühes Aufstehen erforderte.

Seufzend ließ sie sich zurückfallen und starrte gegen die Decke. Es war schon länger her, dass sie einen solchen Traum gehabt hatte. Real. Als wäre sie dabei gewesen. Als wäre sie selbst gestorben.

Schaudernd zog sie sich die Decke über den Kopf. Besser sie schlief noch eine Runde. Vielleicht ließen sich damit die Erinnerungen vertreiben.

Eine neue Stelle

Mitte Februar 2021

Eisenbach-Wildpark, Schwarzwald

Der Anruf erreichte Sonja eine Woche nach ihrem letzten Bewerbungsgespräch, als sie gerade ihr Mittagessen zubereitete. Spaghetti mit Tomatensauce. Billig und einfach, also genau das, was sie sich leisten konnte.

Die Nummer war ihr fremd, aber als sie das Gespräch annahm, drang eine bekannte Stimme an ihr Ohr.

„Hier Siegfried Müller. Der Leiter des Eisenbach-Wildparks.“

Sonjas Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich.

„Oh“, stotterte sie. „Das ... das freut mich. Ich hoffe, es geht Ihnen gut?“

Er lachte freundlich.

„Aber sicher doch, Frau Seegher. Und ich gebe die Frage gerne zurück. Wichtiger wäre jedoch: Sind Sie immer noch an einer Anstellung interessiert?“

„Ja ... ja natürlich!“

Sonjas Beine gaben nach und sie ließ sich auf dem Küchenstuhl nieder.

„Nun, dann freut es Sie vermutlich, dass ich mich entschlossen habe, Sie zur Probe einzustellen.“

„Das ... das ist ja fantastisch“, stammelte Sonja. „Wann kann ich denn anfangen?“

„Jederzeit. Und ich kann Ihnen zumindest für die ersten Wochen einen Schlafplatz im Hauptgebäude anbieten. Solange, bis Sie eine eigene Wohnung gefunden haben.“

Sonja konnte ihr Glück kaum fassen. Sollte es tatsächlich so einfach gehen? Oder gab es da doch einen Haken? Egal, sie würde es bald herausfinden.

Die Spaghetti waren vergessen.

Kaum war das Gespräch beendet, da sauste sie auch schon durch die kleine Wohnung und packte ihre Taschen. Sie besaß nicht viel. Reichtümer hatte sie in ihrem Beruf nicht ansammeln können und ihre Freizeitaktivitäten hielten sich in Grenzen. Ihre Kleidung bestand zum größten Teil aus Arbeitsklamotten: Jeans, T-Shirts und Sweatshirts. Da sie sich mit Freundschaften schwertat, ging sie selten aus. Schicke Klamotten waren da überflüssig. Einzig und allein Bücher hatten sich in den letzten Jahren angesammelt. Hauptsächlich Fachliteratur und Backbücher. Aber auch diese passten in zwei große Kartons.

Als sie drei Stunden später auf ihr Gepäck sah, überkam sie für einen Moment Trostlosigkeit. Ihr bisheriges Leben passte in genau zwei Koffer, eine Sporttasche, einen Rucksack und vier Kisten. Dazu kamen noch die Bettwäsche und mehrere Kissen, die sie in eine große Tüte gestopft hatte.

Das war sehr überschaubar.

Sie straffte sich und drängte ihre Traurigkeit zurück. Es hatte auch etwas Positives. Alles Belastende ihrer Kindheit war zurückgeblieben. Vermutlich hatten ihre Eltern ihre alten Besitztümer entsorgt. Doch sie vermisste nichts. Im Gegenteil.

Jetzt konnte sie guten Gewissens behaupten, dass sie sich alles selbst erarbeitet hatte. Ihren Beruf und ihren Besitz.

Und es war ihr herzlich egal, wie ihre Eltern das sehen würden. In deren Augen war sie immer nur ein Störfaktor gewesen. Gesellschaftlich inakzeptabel, psychisch gestört, zu dumm für einen anständigen Beruf und teuer im Unterhalt. Die ganzen Ärzte, privaten Psychiater und Therapeuten, denen Sonja in ihrer Kindheit ausgesetzt gewesen war, hatten mit Sicherheit ein kleines Vermögen gekostet. Doch sie hatte nie darum gebeten. Im Gegenteil. Sie erinnerte sich nur an Angst, Verzweiflung und Einsamkeit. Eine Kindheit ohne Freunde. Eingesperrt in ihrem Elternhaus oder in einer Klinik. Dass sie von Privatlehrern unterrichtet wurde, verdankte sie wohl nur der gesetzlichen Schulpflicht. Wenn es nach ihren Eltern gegangen wäre, hätten sie das Geld lieber gespart. Dass sie mit vierzehn in eine Klinik eingewiesen wurde, war daher wohl als Glücksfall zu werten. Dort wurde ihr zumindest ein Realschulabschluss ermöglicht, den sie auch mit guten Noten bestand.

Mit achtzehn kam der komplette Bruch von ihrer Familie. Ihre Eltern wollten sie entmündigen. Wegschließen und vergessen. Doch Sonja war nicht unvorbereitet. Sie hatte die vier Jahre nicht nur für ihre Schulbildung genutzt, sondern auch dazu, ihre Therapeuten von sich zu überzeugen. Das war leichter gewesen, als sie zunächst gedacht hatte. Brav schluckte sie alle Medikamente, ließ es zu, dass ihre Träume von einem wattigen Gefühl abgelöst wurden. Die Nächte waren nicht erholsam und die Tage mit ihren unzähligen Gesprächen und Therapiestunden anstrengend. Doch es gelang ihr, Frau Dr. Schick und Herrn Dr. Hasel von sich zu überzeugen. Die beiden Ärzte weigerten sich, den Forderungen von Sonjas Eltern nachzugeben.

An ihrem achtzehnten Geburtstag wurde Sonja aus der Klinik entlassen. Sie kehrte nicht nach Hause zurück.

An dem Tag, an dem sie ihre Lehre zur Tierpflegerin antrat, erreichte sie der Brief eines Notars. In ihm war detailliert aufgelistet, was Sonja bisher an Kosten verursacht hatte. Sogar der Windelverbrauch in den ersten Jahren war aufgeführt. Es kam natürlich eine stattliche Summe zusammen, doch Sonja verspürte kein schlechtes Gewissen. Ihre Eltern hatten freiwillig ein Kind in die Welt gesetzt. Dass es Geld kosten würde, war ja nichts Überraschendes. Und ihre Eltern besaßen genug davon. Dass dieses Kind nicht ihren Vorstellungen entsprach, nun, das war ein natürliches Risiko, das alle Eltern eingingen.

Es überraschte sie nicht, zu lesen, dass ihre Eltern sie enterbten und jeden weiteren Kontakt zu ihr ablehnten. Außerdem drohten sie rechtliche Schritte gegen sie an, sollte sie sich jemals in der Öffentlichkeit zu ihren Eltern äußern.

Eine Forderung, der sie nur zu gerne nachkam. Im Rampenlicht zu stehen, wäre ihr sowieso unangenehm und vermutlich konnte sie sich glücklich schätzen, dass ihre Eltern ihr die zurückliegenden Ausgaben nicht in Rechnung stellten.

Tränen vergoss sie keine mehr. Die waren schon reichlich geflossen. Stattdessen betrat sie ihr neues Leben umso entschlossener.

Und morgen schon würde sie ein spannendes Kapitel aufschlagen. Bisher hatte sie in verschiedenen Tierheimen gearbeitet. Die neue Stelle in diesem Wildpark war ein langgehegter Traum, der jetzt endlich in Erfüllung ging.

Ein feuchter Auftrag

Februar 2021

Niedersächsische Elbtalaue

Weiße, bodenlange Gewänder mit spitzen Kapuzen, gehalten von geflochtenen Kordeln. Darunter schlammverkrustete Treckingschuhe.

War das ihr Ernst?!

Robin Vidar von Brigant lag fröstelnd im Schlamm, mit Blick auf den „Kultplatz“. Verdeckt wurde er von einigen Büschen, die rund um diesen Platz angepflanzt worden waren und offenbar als Sichtschutz dienen sollten.

Was die Pflanzer nicht bedacht hatten: Die Büsche bildeten ein prima Versteck für Beobachter. Nun, er würde sich sicher nicht beschweren. Eher über das Wetter.

Wer, beim heiligen Taranis, hielt mitten im Februar bei Nieselregen in knöcheltiefem Schlamm eine Anrufung ab? Waren diese Typen bescheuert? Oder besaßen sie eine Immunität gegenüber Grippeviren? Er tat es jedenfalls nicht. Ein Grund mehr, still in sich hineinzufluchen.

Seit einer halben Stunde lag er bäuchlings im Morast und spürte, wie seine Jacke nach und nach jeden Widerstand gegen die Nässe aufgab. Mittlerweile drängte der Schlamm sich durch seine Thermohose. Schlammpackung der unangenehmen Art.

Vidar stellte sein Nachtsichtgerät schärfer. Es war bereits neun Uhr abends und entsprechend dunkel.

Neumond. Natürlich.

Schon immer war eine solche Nacht beliebt für magische Rituale gewesen. Keine Sterne blitzten durch die Wolkendecke, nur ein paar Fackeln, die rundherum in den Schlamm gesteckt waren, spendeten Licht.

Gar nicht so einfach, mit dem Nachtsichtgerät den direkten Blick in die Flammen zu vermeiden. Aber Vidar besaß genügend Erfahrung und wusste, wie er sein Gerät einstellen musste.

Viel zu erkennen war trotzdem nicht. Zwölf weißgekleidete Gestalten standen im Kreis und intonierten Gesänge, die offenbar der irischen Sprache nahestanden. So genau konnte er das nicht ausmachen, da die Aussprache grauenhaft war. Er glaubte, die Worte Wind, Kälte und Gott herauszuhören. Das passte zumindest zu den Rufen am Anfang des Rituals. Wenn er es richtig verstand, wollten diese Druidenverschnitte einen Wettergott (welcher das sein sollte, hatte er leider nicht herausgehört) um wärmere Tage bitten. Offenbar hatte der Kälteeinbruch am Anfang des Monats bei diesen Herren keine Begeisterung ausgelöst. Warum sie sich deshalb bei diesem Wetter nach draußen quälten, war Vidar schleierhaft. Erfahrungsgemäß folgte auf Kälteeinbrüche immer wärmeres Wetter, und bisher war der Winter eher zu warm gewesen. Zudem hatte Frost auch seine Vorteile. Weniger Schädlinge zum Beispiel. Aber das schien diesen Kerlen nicht bewusst zu sein. Oder es war ihnen egal. Vielleicht mochten sie aber auch einfach keine Kälte.

Was für Idioten.

Vidar beschloss, seinen Posten zu verlassen. Bisher hatten diese selbsterklärten Druiden nichts getan, gesagt oder gezeigt, das in irgendeiner Weise auf echte Magie hinwies.

Fehlalarm also.

Während er sich leise zurückzog, überlegte er, ob das ein enttäuschendes oder ein zufriedenstellendes Ergebnis seiner Observierung war. Immerhin hatte er den „Druidenzirkel Elbtalaue e.V.“ zwei Wochen lang beobachtet und jedes Mitglied gründlich überprüft.

Seine Erkenntnis: Dieser Zirkel bestand aus zwölf Männern zwischen Mitte zwanzig und Mitte fünfzig, die es offenbar cool fanden, sich als Druiden auszugeben. Ihr „Druidenwissen“ entstammte jedenfalls keiner ernstzunehmenden Quelle, die Vidar bekannt war. Es war ein wirres Durcheinander von historischen Überlieferungen und neuzeitlichen „Erkenntnissen“, die in keinerlei Zusammenhang standen. Aber offenbar kam es bei den Dorfschönheiten gut an und Vidar kam zu dem Schluss, dass das auch der gewichtigste Grund war, warum sich der Zirkel vor einem Jahr gebildet hatte.

Durchnässt, unterkühlt und äußerst schlecht gelaunt joggte er durch die Aue, bis er zu seinem Wagen kam und sich hinters Steuer schwang. Sofort schaltete er die Heizung an und drehte sie auf Maximum. Dann gab er Gas. Anderthalb Stunden Fahrt lagen vor ihm. Das nächste Keltai-Haus war in Berlin und Vidar hatte nicht vor, auch nur eine Minute länger im Dunstkreis dieser Möchtegern-Druiden zu verbringen. Lieber kam er spät in Berlin an und genoss seinen Schlaf in vertrauter Umgebung.

Sein Bericht konnte noch bis zum nächsten Tag warten. Er würde knapp sein, zumindest die vorläufige Version. Die Einzelheiten würde Vidar später zusammenfassen. Diese Phase einer Observierung war ihm am meisten verhasst. Schriftkram lag ihm nicht. Lesen war okay, aber Berichte zu verfassen, hatte ihn schon immer angewidert. Vermutlich war er deswegen als Druwid gescheitert. Nun, und vielleicht an seinem geringen Talent. Immerhin reichte es aus, dass er sich mit einigen Runen selbst schützen konnte. Die hohe Kunst der Blutrunen war ihm verschlossen geblieben, doch für den Hausgebrauch als Observierer reichte es aus.

Trotzdem. Manchmal spürte er Frustration in sich aufsteigen, wenn er an seine Lehrzeit zurückdachte. Anfangs war er euphorisch und stolz an die Sache herangegangen. Hatte begierig den Ausführungen der Druwiden-Lehrer gelauscht. Doch irgendwann war er an einen Punkt gekommen, an dem klar wurde, dass andere Lehrlinge talentierter waren als er.

Akribischer, ehrgeiziger.

Natürlich war er nicht der Einzige, dem es so ging. Nur wenige Druwiden gelangten zu wahrer Meisterschaft. Alle anderen landeten in der Alchemie und widmeten sich der Erschaffung von Runenstäben und Schutzamuletten. Einige spezialisierten sich auf Kraftsteine, wieder andere vergruben sich in die theoretischen Wissenschaften. Suchten nach verlorengegangenem Wissen oder archivierten vorhandenes. Nichts davon konnte sich Vidar für sich vorstellen.

Als ihn ein Krieger ansprach und zum Training einlud, war das der Wendepunkt in seiner Karriere. Vidar wechselte zu den Kriegern und schaffte es, diese Lehre zu beenden. Wenn auch nicht glorreich.

Immerhin reichte es, um als Springer zu arbeiten. Ständig auf Abruf und an wechselnden Orten.

Nun, diesen Auftrag hatte er mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossen. Er war nicht spannend gewesen und nicht besonders schwierig. Doch zumindest war Vidar nicht aufgeflogen und hatte auch sonst keinen Fehler gemacht.

Alles in allem müsste er also zufrieden mit sich sein.

War er aber nicht.

Nicht zum ersten Mal wünschte er sich ein wenig mehr Action. Schwierigere Aufgaben, die den anderen Keltai zeigten, dass er nützlich war und kein Loser.

Verbissen starrte er an den hektischen Scheibenwischern vorbei auf die nasse Landstraße, die sich vor ihm durch die Dunkelheit wand. Irgendwann würde er die Gelegenheit bekommen, sich zu beweisen.

Das musste einfach so sein.

Ein unglaubliches Seminar

Februar 2021

Hotel in Frankfurt am Main

„Hey, ich bin Steffen. Bin ich hier richtig beim fantastischen Seminar?“

Steffen Ruppert, seines Zeichens Fantasy-Fan und seit einigen Monaten auf der Suche nach ein wenig Abwechslung in seinem Leben, spähte an dem Mädchen vorbei, das im Eingang stand und offenbar als Einweiserin fungierte. Leider konnte er nicht viel erkennen, da der Seminar-Raum im Halbdunkel lag.

Zumindest die Atmosphäre stimmt, dachte er amüsiert.

„Hallo Steffen, ich bin Vanessa.“ Sie strahlte ihn aus himmelblauen Augen an, mehr konnte er durch ihre Gesichtsmaske leider nicht erkennen. „Hattest du dich angemeldet?“

Als er nickte, sah sie auf eine Liste.

„Steffen Ruppert?“

Wieder nickte er, was ihr Lächeln noch breiter werden ließ.

„Toll, dass du gekommen bist. Du kannst dir einen Platz aussuchen, noch sind nicht sehr viele Besucher da. Am besten möglichst weit vorne. Meister Hannes hat eine recht leise Stimme und das Mikro ist leider kaputt. Und wenn du sitzt, kannst du die Maske abnehmen.“

Vanessa trat einen kleinen Schritt zur Seite, so dass er sich an ihr vorbeischieben konnte. Allerdings nicht, ohne mit ihrem Körper in Kontakt zu kommen, was sie nicht zu stören schien. Im Gegenteil. Steffen hätte nicht gedacht, dass man ein Lächeln so deutlich hinter einer Schutzmaske erkennen konnte. Er empfand die Berührung nicht als unangenehm und ihr Vorbau versprach einiges. Nun, vielleicht würde sich ja nach dem Seminar etwas ergeben. Abgeneigt war er nicht. Es war schon länger her, dass er sich mit einer Frau vergnügt hatte.

Der Seminarraum war nicht besonders groß und auch nicht sonderlich gemütlich. Weiße Wände, ein Beamer, mehrere Stuhlreihen und vorne ein kleines Stehpult. Dahinter eine riesige Leinwand. An einer Wand war ein langer Tisch aufgebaut, auf dem Gläser, Tassen, Kaffee-Kannen, Cola und Wasser aufgereiht waren. Ein Körbchen stand bereit, daneben lag eine Preisliste.

Immerhin wurde etwas angeboten. Allerdings fand Steffen, dass bei dem Seminarpreis von fünfzig Euro ein kostenloses Getränk eine nette Geste gewesen wäre.

Auf den Stühlen lümmelten sich etwa zehn Personen herum. Ein schneller Blick ließ Steffen erkennen, dass er mit seinen dreißig Jahren der Älteste in diesem Raum war.

Langsam schritt er die Stuhlreihen ab und setzte sich an den Rand einer der hinteren Reihen. Er hatte ein gutes Gehör und fühlte sich wesentlich wohler, wenn er alle Anwesenden im Blick behalten konnte. Eine Marotte, die er seit Afghanistan pflegte und nicht ablegen konnte.

Mit verschränkten Armen beobachtete er die jungen Leute vor sich und fragte sich, was ihre Motivation war, hierher zu kommen. Bei ihm war es Langeweile und ein gewisses Interesse an Fantasy und Horrorgeschichten. Auf das Seminar war er zufällig gestoßen. Es versprach Aufklärung und Wissenswertes über magische Wesen und Monster dieser Zeit. Die Jugendlichen vor ihm wirkten weitestgehend normal, wenn man Gothics darunter einordnete. Kurz überlegte Steffen, ob er solche Kleidung auch in Afghanistan zu Gesicht bekommen hatte. Er konnte sich nicht erinnern. Aber er hatte nur selten in Großstädten zu tun gehabt, und auf dem Land wären solche Outfits undenkbar gewesen.

Zwei weitere Personen betraten den Raum. Ein Pärchen, das sich verlegen umsah und dann hastig in einer der vorderen Reihen Platz nahm. Auch sie waren höchstens Anfang zwanzig.

Kurz überlegte Steffen, ob er nicht doch fehl am Platz war. Doch dann zuckte er innerlich mit den Schultern. Egal. Er hatte so oder so nichts anderes zu tun. Sein Aushilfsjob an der Tankstelle beanspruchte maximal vier Tage in der Woche und an den restlichen drei Tagen hatte er frei. Bewerbungsgespräche standen gerade auch nicht an, was ihn mittlerweile mehr als wurmte. Es war frustrierend, dass er trotz seiner guten Zeugnisse keine Anstellung als KFZ-Mechaniker fand. Mittlerweile konnte er die Worte Corona, Kurzarbeit und Pandemie nicht mehr hören.

Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, die Bundeswehr zu verlassen. Allerdings war ihm die Gefahr zu groß, erneut in ein Krisengebiet geschickt zu werden. Er besaß genügend Alpträume, die ihn nachts beschäftigten. Auf neue konnte er gut und gerne verzichten.

Um Punkt zwanzig Uhr betrat ein etwa fünfzigjähriger Mann den Raum und steuerte auf das Rednerpult zu.

Er war von mittelgroßer Statur mit einem deutlichen Bauchansatz, Halbglatze und buschigen Augenbrauen. Als er sich dem Publikum zuwendete, sah Steffen in ein kantiges Gesicht, das durchaus freundlich wirkte.

Einundzwanzig Augenpaare sahen erwartungsvoll nach vorne.

„Ich grüße euch und bin erfreut, dass ihr den Weg hierher gefunden habt. Mein Name ist Hannes Beckert, und ich gehöre zum Führungszirkel des Venatoris-Ordens.“

Steffen erinnerte sich vage an diesen Namen. Er war im Impressum der Seminar-Seite aufgeführt gewesen.

„Falls ihr noch nichts von unserem Orden gehört haben solltet, möchte ich einen kurzen Abriss über unsere Geschichte geben. Der Orden existiert seit beinahe dreißig Jahren und hat sich der Jagd nach bösartigen Geschöpfen verschrieben, die heimlich unter uns leben und denen schon viele Menschen zum Opfer gefallen sind.“

Ach du heilige Sch... Steffen schloss für einen Moment die Augen. Wo war er denn jetzt gelandet?

„Ich weiß, dass jetzt die meisten von euch denken, dass ich ein Spinner bin, doch ich versichere euch, so wahr ich hier stehe, dies ist nicht der Fall.“

Hannes Beckerts eindringliche Stimme ließ Steffen wieder die Augen öffnen. Es half ja nichts. Das Geld war gezahlt. Jetzt konnte er nur hoffen, dass der Abend nicht allzu schlimm wurde.

Er wurde es nicht.

Steffen musste zugeben, dass Hannes Beckert es meisterhaft verstand, seine Zuhörer in Bann zu ziehen. Er berichtete von Hexen, Werwölfen, Vampiren und Dämonen, die angeblich existierten. Und all diesen Wesen war eines gemein: Sie töteten und schadeten Menschen. Beweise dafür gab es kaum. Nur einige Aufnahmen von Menschen mit gelb leuchtenden Augen, ein Bild von einer Frau, aus deren Fingern eine Flamme entsprang und die Photographie eines riesigen Wolfs. Dieser fiel durch ungewöhnlich langes Fell und ausgeprägte Krallen auf und sah mit leuchtend grünen Augen in die Kamera.

Hannes Beckert schwor, dass es sich um keine Fotomontagen handelte und seltsamerweise nahm ihm Steffen das sogar ab. Zumindest glaubte er, dass Beckert daran glaubte.

Zu Steffens Belustigung entspann sich nach dem Vortrag sogar eine Diskussion. Die jungen Leute waren offenbar angetan von dem Gehörten und sehr daran interessiert, wie man die jeweiligen dunklen Geschöpfe denn erkennen konnte.

Steffen hörte nur mit halbem Ohr zu und beobachtete lieber Hannes Beckert. Der Mann hatte etwas Faszinierendes an sich. Er glaubte fest an das, was er da von sich gab, das war offensichtlich, und er verstand es, die jungen Menschen zu begeistern. Am Ende trugen sich immerhin zwölf der Anwesenden in eine Liste ein und erklärten sich damit bereit, jede Information, die sie von übernatürlichen Wesen erhielten, an den Orden weiterzugeben.

„Hat es dir nicht gefallen?“

Steffen blickte zur Seite, direkt auf Vanessas Oberweite. Hastig sah er weiter nach oben. Ihre Augen wirkten etwas enttäuscht.

„Es war ... interessant“, gab er vorsichtig zur Antwort. „Ich nehme an, du gehörst auch zu diesem Orden?“

„Oh ja.“ Ihr Nicken war bemerkenswert enthusiastisch. „Noch gehöre ich zu den Relatores, doch Meister Hannes hat angedeutet, dass ich bald zum Aspirantis aufsteigen werde.“

„Hm, hilf mir auf die Sprünge. Was war Relatores und was Aspirantis?“

„Relatores sind für die Informationsbeschaffung zuständig. Aspirantes sind Anwärter, die in den Orden aufgenommen werden möchten und dienen als Ansprechpartner für die Relatores.“

Sprich, die kleine Maus vor ihm hatte noch gar nichts zu melden. Er fand sie trotzdem süß. Ungefragt plapperte sie weiter.

„Wenn man als Aspirantis gute Arbeit leistet, darf man dem Orden beitreten und wird zum Militaris, einem Kämpfer gegen das Böse.“

„Und diesen Status hat Meister Hannes?“

„Oh nein. Meister Hannes gehört zum obersten Zirkel, den Conscii, den Eingeweihten.“

„Und wie viele Eingeweihte gibt es?“

„Diese Information erhalten nur Mitglieder des Ordens“, erklang eine dunklere Stimme.

Steffen wechselte die Blickrichtung. Hannes Beckert hatte sich offenbar von seiner neuen Fangruppe gelöst und stand nun vor ihm. Langsam erhob sich Steffen. Es kam ihm seltsam vor, sitzen zu bleiben und zu dem Älteren hochzusehen.

„Sie sind der Ex-Militär.“

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Steffen war überrascht. Als er den Fragebogen über seine Person ausgefüllt hatte, war er nicht davon ausgegangen, dass jemand diesen tatsächlich studieren würde. Er nickte knapp.

„Zeitsoldat?“

Wieder nickte er.

„Und wo stationiert?“

„Afghanistan.“

Hannes Beckert verzog mitfühlend das Gesicht.

„Ein unangenehmer Aufenthalt nehme ich an.“

„Es war wichtig. Wir haben viele Leben retten können.“

„Und einige verloren, vermute ich.“

„Zu viele.“

„Jedes verlorene Leben ist eines zu viel“, nickte Beckert. „Warum sind Sie hier?“

Steffen beschloss, bei der Wahrheit zu bleiben. „Langeweile. Und ich bin Fan von Fantasygeschichten. Ehrlich gesagt dachte ich, das hier wäre eher eine Art ... Fantasy-Fan-Veranstaltung.“

Hannes Beckert lachte leise und Steffen beschloss, den Mann zu mögen. Er wirkte ehrlich und direkt.

„Nun, im weitesten Sinne ist es das ja auch. Sie glauben nicht an übernatürliche Kräfte?“

Steffen zögerte, hob dann aber die Schultern.

„Das kann ich so nicht sagen. Es gibt mit Sicherheit einiges, was man mit der heutigen Wissenschaft nicht erklären kann. Aber Hexerei? Oder Wandelwesen? Es klingt spannend, aber nicht wirklich glaubwürdig.“

„Das hat Übernatürliches so an sich“, nickte Beckert. „Daher ist es ja so schwer, diesen Biestern auf die Schliche zu kommen. Sie besitzen unfaire Kräfte und hinterlassen kaum Zeugen.“

Steffen blinzelte.

„Was meinen Sie mit kaum?“

„Nun, es kommt selten vor, doch manchmal werden sie doch beobachtet. Ich kenne zumindest zwei Personen, die Zeuge wurden und zu ihrem Glück unbemerkt blieben. Eine beobachtete eine Hexe, wie sie vor ihren Augen verschwand. Und eine andere Person wurde Zeuge eines Vampirangriffs.“

Man sah Steffen wohl seine Skepsis an, denn Hannes Beckert lachte, wurde dann aber wieder ernst.

„Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen diese Leute vorstellen.“

Er sah zu Vanessa.

„Meine Liebe, würdest du bitte nachsehen, ob alle Gäste ordnungsgemäß verabschiedet wurden? Und danach kontrolliere bitte, ob irgendwas vergessen wurde.“

Vanessa zog einen Schmollmund. Man sah ihr an, dass sie liebend gerne zugehört hätte. Doch dann eilte sie zur Tür.

„Vanessa zählt zu unseren größten Fans“, lächelte Hannes Beckert. „Leider ist sie nicht besonders helle, aber sie bemüht sich und ist überaus nützlich.“

Steffen überlegte, ob er das jetzt als abwertend einstufen sollte. Er teilte zwar Beckerts Einschätzung, hätte aber niemals so etwas geäußert. Erst recht keinem Fremden gegenüber. Was die Frage aufwarf, warum dieser Mann ihn überhaupt angesprochen hatte.

„Was wollen Sie von mir?“

„Ist das nicht offensichtlich? Ich möchte Sie von unserem Orden überzeugen.“

„Und warum ausgerechnet mich? Sie haben doch heute Abend eine Menge Fans gefunden.“

Beckert seufzte.

„Ja, die Kids sind immer sehr schnell zu begeistern. Und sie sind auch ausgesprochen nützlich, wenn es um die Jagd nach Informationen geht. Doch für die Jagd nach den echten Monstern brauchen wir Soldaten. Männer – und Frauen natürlich – die wissen, wie man kämpft und sich gegen starke Gegner behaupten kann.“

Steffen hätte beinahe gelacht, doch Beckerts Gesichtsausdruck ließ ihn seine Erheiterung hinunterschlucken.

„Es ist Ihnen wirklich ernst damit.“

Beckert nickte knapp.

„Sehr ernst. Haben Sie an diesem Wochenende noch etwas vor? Nein? Dann bitte ich Sie um einen weiteren Abend. Ich möchte Ihnen einige meiner Mitstreiter vorstellen. Ganz unverbindlich. Niemand wird Sie zu irgendetwas zwingen. Aber bitte hören Sie uns zu.“

Steffen nickte langsam. Er glaubte keine Sekunde, dass Beckerts Freunde ihn wirklich überzeugen würden, doch interessant konnte es werden. Er war gespannt, was das für Leute waren, die so fest an Monster glaubten.

Ein hilfreicher Friseur

Februar 2021

Eisenbach, Tannenwalden, Schwarzwald

Es war bestimmt blanker Zufall, dass Sonja am gleichen Tag, an dem sie den Arbeitsvertrag in Herrn Müllers Büro unterzeichnete, ein Zimmer fand. Vielleicht.

Über Zufälle weigerte sie sich seit Jahren, nachzudenken.

Jedenfalls entschloss sie sich nach der Vertragsunterzeichnung spontan, zum Friseur zu gehen. Sparen war jetzt nicht mehr ganz so wichtig und es war lange her, dass sie für ihre Haare Geld ausgegeben hatte. Daher betrat sie in guter Stimmung den erstbesten Friseursalon, an dem sie in Eisenbach vorbeifuhr.

Kevin war ein freundlicher junger Mann, etwa so alt wie sie, mit blonden Locken, die schon beinahe an Afrolook erinnerten.

Das war nicht ganz Sonjas Geschmack, aber seine blauen Augen blitzten sie über der Gesichtsmaske gutgelaunt an und er fragte sie auf eine so unaufdringliche und lustige Art aus, dass sie ihm unmöglich böse sein konnte. Sie fanden sofort einen Draht zueinander und kamen ins Gespräch.

Als Kevin hörte, dass sie Tierpflegerin war und demnächst im Eisenbach-Wildpark anfangen würde, war er begeistert.

„Und wo wohnst du?“, war seine nächste Frage, während er mit den Händen durch ihre kurzen Haare fuhr und kritisch beäugte.

Sonja hob die Schultern.

„Erst mal im Park. In einem Gästezimmer. Aber das geht natürlich nur übergangsweise.“

„Hm, und was schwebt dir vor?“ Seine Schere beseitigte ein paar herausstehende Zipfel.

„Ich bin anspruchslos“, bekannte Sonja freimütig. „Ein Zimmer würde mir reichen. Möbel besitze ich sowieso keine und vermutlich werde ich die meiste Zeit im Park verbringen. Das sieht gut aus, was du da machst.“

Sie lächelte ihn zaghaft im Spiegel an, was man allerdings nur ihren Augenfältchen ansah. Zu ihrer Überraschung zwinkerte er ihr zu. Das war sie nicht gewohnt. Normalerweise wurde sie von Männern ignoriert. Vielleicht lag es ja an ihrer guten Laune.

„Danke, aber ehrlich gesagt sind deine Haare keine Herausforderung. Willst du sie wirklich nicht wachsen lassen? Schulterlang würde dir bestimmt gutstehen.“

„Ich mag es kurz und praktisch“, gestand Sonja. „Außerdem spart es mir das ständige Zurückbinden bei der Arbeit. Glaub mir, es macht keinen Spaß, Futterreste aus Haarsträhnen rauszuziehen, oder diverse Krallen aus den Haaren zu wickeln, während ein panisches Tier noch dranhängt.“

Er lachte vergnügt auf.

„Dem Argument kann ich natürlich nichts entgegenstellen. Also gut. Dann bleibt es bei kurz, stufig und pflegeleicht.“

Er entfernte den Umhang und Sonja rutschte vom Stuhl.

An der Kasse gab sie reichlich Trinkgeld. Der kleine Laden wirkte nicht so, als würde er viel Geld einbringen. Kein weiterer Kunde war in Sichtweite. Als sie sich zum Gehen anschickte, hielt Kevin sie zurück.

„Warte. Wegen einer Wohnung. Ich wohne in einer WG ganz in der Nähe. Im Moment sind wir zu dritt, aber ein Zimmer steht noch frei. Sein Bewohner ist vor einer Woche ausgezogen und bis jetzt haben wir niemand Passenden gefunden. Wenn du willst, kannst du dich ja mal vorstellen.“

Nein, Sonja wollte nicht über Zufälle nachdenken. Aber sie erkannte eine gute Gelegenheit, wenn sie sich ihr bot, und ergriff sie üblicherweise. Das hatte sie schon oft in die richtige Richtung geführt.

Also strahlte sie Kevin an.

„Gerne. Wann soll ich vorbeikommen?“

Er schob ihr einen Zettel zu.

„Hier ist die Adresse und darunter steht meine Telefonnummer. Ruf mich heute Abend an. Bis dahin habe ich das mit den beiden anderen abgeklärt.“

Mit einem leicht euphorischen Gefühl verließ Sonja den kleinen Friseursalon. Den Zettel hielt sie fest umklammert. In ihr lag kein Zweifel. Sie wusste, dass sie eine Wohnung gefunden hatte.

Ihr Bauchgefühl hatte sie noch nie betrogen.

Schon am nächsten Abend fuhr sie mit ihrem alten Dacia Dokker nach Tannenwalden, einem Dorf mitten im Schwarzwald. Mit Hilfe von Google Maps hatte Sonja schon herausgefunden, dass es für sie recht günstig gelegen war. Es befand sich etwa nordwestlich von Eisenbach und nur eine halbe Stunde Fahrzeit vom Wildpark entfernt. Im Winter konnte das zwar anstrengender werden, doch Sonja war zuversichtlich, dass sie mit ihren Allwetterreifen keine Probleme haben würde. Notfalls müsste sie eben Schneeketten aufziehen.

Die Wohngemeinschaft war in einem Mehrfamilienhaus untergebracht. Im Erdgeschoss lebte ein älteres Ehepaar, im ersten Stock war die WG einquartiert und unter dem Dach wohnte eine einzelstehende Frau. Zumindest deutete der Name neben der Klingel darauf hin.

Als Sonja die Wohnung betrat, wurde sie bereits erwartet. Kevin stellte ihr kurz seine beiden Mitbewohner vor, Stephan und Anita. Dann führte er sie auch schon herum.

Neben den Einzelzimmern gab es ein größeres Wohnzimmer, eine Küche und ein Gemeinschaftsbad. Im Keller des Wohnhauses war ein Raum für Fahrräder und eine Waschküche untergebracht. Außerdem Verschläge für die einzelnen Etagen des Hauses, also insgesamt drei, die durch Gitterzäune voneinander getrennt waren.

Nun, das freie Zimmer war zwar klein, aber mit einem Grundmobiliar ausgestattet: Bett, Kleiderschrank, Tisch und Stuhl. Dazu ein kleines Regal, das ausreichend Platz für ihre Bücher bot.

Es war perfekt. Sonja stand darin und konnte ihr Glück kaum fassen.

Dann kam der entscheidende Teil. Alle trafen sich erneut im Wohnzimmer und es begann das erste Beschnuppern.

Die Atmosphäre war ungezwungen und sie hockten gemütlich auf einer etwas speckigen Sitzgruppe, die um einen niedrigen Wohnzimmertisch gestellt war.

Zu Sonjas Erleichterung waren die Fragen an sie von harmloser Natur. Die WG-Bewohner wollten etwas über ihre Arbeit wissen, wo sie herkam und wie lange sie wohnen bleiben wollte. Dann entspann sich ein lockeres Gespräch, in dem auch Sonja mehr über die drei erfuhr.

Von Kevin wusste sie ja schon einiges, erfuhr nun aber, dass der kleine Friseursalon tatsächlich ihm alleine gehörte. Das alte Haus, in dem der Salon lag, hatte er von einer Tante geerbt, so dass er zumindest keine Pacht aufbringen musste. Die darüber liegende Wohnung hatte er weitervermietet, so dass auch dadurch Geld hereinkam.

Stephan war Informatiker und bekannte freimütig, dass er sein Zimmer so gut wie nie verließ. Einkäufe und Putzaktionen überließ er seinen Mitbewohnern. Dafür war er bereit, einen deutlich größeren Anteil an Miete zu zahlen. Er wirkte nicht sehr kommunikativ, und an den sozialen Aspekten einer Wohngemeinschaft schien er wenig Interesse zu haben. Schublade Nerd also, doch das war okay. Immerhin war er nicht ungepflegt, wenn man von seiner schlabbrigen Jogginghose mal absah. Kevin verriet ihr später, dass er Stephan regelmäßig dazu zwang, sich von ihm die Haare scheren zu lassen. Über die Bartstoppeln sah er indes großzügig hinweg.

Anita dagegen war ähnlich unkompliziert wie Kevin. Ihr fröhliches Lachen erhellte sofort die Atmosphäre. Sie riet Sonja schon in den ersten Minuten, Stephan einfach zu ignorieren und von Kevin besser die Finger zu lassen, da dieser ständig die Frauen wechselte und gar nicht in der Lage sei, eine feste Bindung einzugehen. Besagter Kevin grinste sie daraufhin an und meinte, dass sie nicht viel besser sei, da sie ständig auf irgendwelchen obskuren Partys herumhängen würde und da mit Sicherheit nicht die keusche Jungfrau spielte.

Die Kabbelei schien nicht neu und eher neckend, was Sonja gefiel. Anita war Krankenschwester und arbeitete in einem größeren Pflegeheim in der Nähe von Eisenbach, das laut Anita vor allem von wohlhabenden Rentnern genutzt wurde. Sie gab freimütig zu, dass die meisten ihrer Patienten ein dünkelhaftes Benehmen zur Schau stellten und den Mitarbeitern des Hauses nur allzu gern immer wieder zeigten, wo ihr Platz im Klassensystem war. Nämlich unten.

Doch Anita steckte das offenbar locker weg. Ihr war wichtig, dass die Bezahlung stimmte und die Pflegeleitung hinter ihr stand. Beides war gegeben und Anita somit zufrieden. Dass sie den Berufsfrust mit Partys abbaute, konnte Sonja sogar verstehen. Anita war ein offener Mensch, der den Kontakt mit vielen Menschen genoss. Eigentlich das komplette Gegenteil von Sonja. Vielleicht mochten sie sich deshalb von Anfang an.

Zwei Stunden später waren sich alle einig.

Sonja würde einziehen. Und das schon am nächsten Tag.

Familienfete

März 2021

Keltai-Haus, nahe Nürnberg

Familienfeiern hatte Vidar schon immer als anstrengend empfunden. In seiner Kindheit nicht, klar. Da hatte auch noch niemand etwas von ihm erwartet. Keltai-Häuser waren für Kinder ein Paradies und jeder Besuch ein Abenteuer. Es gab so viele Räume zu erkunden, und ständig traf man auf beeindruckende Krieger und geheimnisvolle Druwiden. Offiziell wusste man natürlich nichts von den Aufgaben der Keltai, doch das regte die kindliche Phantasie erst recht an und Vidar war davon nicht ausgenommen. Vor allem, da sein Onkel, Thomas Kirrin von Brigant, ebenfalls ein Krieger war. Vidar sah ihn immer nur mit ernster Miene herumlaufen und Onkel Kirrin schien wichtig zu sein. Doch spannender waren erstmal die Druwiden. Was sie taten, beziehungsweise was für magische Gaben sie in sich trugen, wusste er damals natürlich nicht. So etwas erfuhren nur Eingeweihte. Männer, die sich mit einem Blutschwur den Zielen der Keltai verpflichteten. Doch Gerüchte gab es reichlich und heizten die Neugierde und Faszination nur noch mehr an.

Als er selbst diesen Schwur ablegte, veränderte sich alles.

Von einem Tag zum anderen waren die Erwartungen an ihn groß. Die Messlatte lag hoch. Zwar hatte er sich anfangs den Druwiden verschrieben, ein Novum in seinem Stammbaum, doch in seiner Familie war Ehrgeiz geradezu verpflichtend und damit Thema einer jeden Feier. Alle erwarteten, dass er die Lehre mit Bestnoten beendete. Nun, das hatte wohl nicht geklappt. Ein weiteres Klatsch-Thema für Familienfeiern.

Vidars engste Familie wohnte in einer Vierzimmerwohnung mitten in Nürnberg. Hier war er zur Schule gegangen, hatte seine ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht und alle Freiheiten genossen, die dem Spross einer gutsituierten Familie vergönnt waren. Geschwister besaß er nicht, was immer wieder von der Verwandtschaft aufgegriffen wurde. Üblich waren zwei oder drei Kinder. Gerne mehr. Doch Vidars Mutter hatte schon früh beschlossen, dass ihr ein Kind genug Arbeit machte und sie selbst besser in ihrem Beruf aufgehoben war. Sein Vater hatte ihrem Wunsch nachgegeben. Vermutlich war er es einfach leid, mit seiner Frau darüber zu streiten. Denn das konnte Vidars Mutter sehr gut. Ein Grund für die Verwandtschaft, nur hinter ihrem Rücken über ihren Kindermangel zu lästern.

Vidar hatte Geschwister nie vermisst. Er besaß genügend Freunde und auch Cousins und Cousinen, mit denen er spielen konnte. Vor allem auf den häufigen Familienfesten.

Diese wurden traditionell im Keltai-Haus durchgeführt. Hier war ausreichend Platz und man konnte auf das Hauspersonal zurückgreifen. Wenn alle engeren Verwandten zusammenfanden, kamen manchmal über hundert Personen zusammen. Meistens waren es aber um die fünfzig.

Heute waren nur dreißig Abkömmlinge des Hauses von Brigant anwesend, um den achtzehnten Geburtstag eines Cousins zu feiern. Alle trafen mit Gesichtsmaske ein und unterzogen sich bereitwillig einem Selbsttest, bevor sie das Haus betraten und die Masken fielen. Auch die Keltai nahmen die derzeitige Pandemie ernst.

Vidar kam nur, weil seine Mutter darauf bestanden hatte. Eine Ausrede hatte er leider nicht gefunden. Beruflich genoss er gerade ein paar freie Tage. Pech für ihn, Glück für seine Mutter. Also gab er ihrem Drängen nach und hoffte, dass er diesmal nicht zum Gesprächsthema mutieren würde. Leider hatte er die Besucherliste vorher nicht zu Gesicht bekommen. Er war daher auf alles vorbereitet. Auf Klatsch und Tratsch.

Und auf Thomas Kirrin von Brigant.

Vidar sah seinen Onkel sofort. Dessen große muskulöse Gestalt ragte unübersehbar aus einem Pulk von Männern heraus. Wo auch immer Onkel Kirrin seinen Fuß hinsetzte, wurde er sofort angesprochen. Es gab stets Wichtiges zu bereden. Vor allem mit einem Ratsmitglied. Denn das war Kirrin von Brigant. Einer von elf Männern, die den Hohen Rat bildeten. Männer, die die Geschicke der Keltai mitbestimmten. Es gab keine größere Ehre und keine größere Verantwortung in ihrem Volk.

Vidars Augen suchten und fanden seine Mutter und er setzte sich in Bewegung.

Alba von Brigant war eine schlanke, mittelgroße Frau, die sich vor allem durch ihr energisches Durchsetzungsvermögen hervortat. Sie war keine Schönheit, doch ihr Ehemann Glen war ihr trotzdem verfallen. Ihn sah Vidar nicht. Vermutlich war sein Vater in der Nähe von Onkel Kirrin zu finden.

„Vidar, Schatz!“ Seine Mutter breitete die Arme aus und zog ihn an sich. „Du bist dünn geworden. Arbeitest du zu viel?“

Da diese Frage jedes Mal kam, verzichtete Vidar auf eine Antwort. Zumal er schon immer eher der sehnige Typ war. Das hatte er von seiner Mutter, genauso wie das unspektakuläre Aussehen. Er würde niemals die beeindruckende Statur seines Onkels erreichen. Das lag einfach nicht in seinen Genen.

In den Augen seiner Verwandten sah das natürlich anders aus. Krieger waren groß, muskulös und stark. Vidar war all das nicht, ergo trainierte er nicht genug. Er hatte es aufgegeben, sich dafür zu rechtfertigen, auch wenn er es besser wusste. Er trainierte genauso hart und lange wie seine Kollegen. Sonst hätte er niemals seine Ausbildung beenden können.

Immerhin verurteilte seine Mutter ihn nicht. Dafür war sie viel zu pragmatisch.

„Hast du Rion schon gratuliert?“

„Nein, Mutter, ich bin gerade erst angekommen. Muss ich irgendwas beachten?“

Sie kicherte vergnügt, was nicht oft vorkam.

„Keine Angst, diesmal sind alle abgelenkt. Sie hacken auf Glens Bruder Neal herum, weil dieser Kirrin schlecht gemacht hat.“

Vidar verzog das Gesicht. Über Onkel Kirrin zu lästern war ein großer taktischer Fehler. Der Mann genoss als Ratsmitglied Heldenstatus.

„Neal war schon immer ein Idiot“, murmelte er.

Alba grinste zustimmend.

„Stimmt, aber das sag besser nicht laut. Sonst erwählen sie sich ein neues Opfer.“

Nämlich ihn, was leider viel zu oft vorkam.

Alba stieß ihm den Ellbogen in die Rippen und zeigte hinter ihn.

„Da vorne steht Rion. Wenn du ihm gratuliert hast, komm zurück und erzähl mir von deinem letzten Auftrag.“

Das würde er natürlich nicht tun, was seine Mutter nur allzu gut wusste. Aufträge waren geheim und wurden niemals an Nichteingeweihte weitergetratscht. Aber es war ein altes Spiel zwischen ihnen, was beiden Spaß machte.

Sein Cousin wurde von einigen Altersgenossen umstellt. Keiner von ihnen würde jemals zu den Eingeweihten zählen, auch Rion nicht, was zumindest dessen Vater Neal ungemein fuchste. Vermutlich lästerte Neal deshalb über Kirrin. Andererseits hatten sich die beiden Brüder noch nie besonders nahegestanden.

Vidar konzentrierte sich auf Rion. Er mochte den Jungen. Zwar besaß er kein Talent zum Krieger, geschweige denn zum Druwiden, doch anscheinend behauptete er sich gut in der Lehre. Neal hatte ihn bei einem der Keltai-Geschäfte, der Sicherheitsfirma „SafetyFirst“ untergebracht, vermutlich mit Hilfe von Vidars Vater. Dieser arbeitete dort als Koordinator und musste öfters dafür herhalten, junge, aufstrebende Brigant-Sprösslinge in Arbeit zu bringen. Niemand beschwerte sich darüber. Im Gegenteil. Es war gerne gesehen, wenn Familienmitglieder in die Keltai-Unternehmen einstiegen. Egal von welchem Stamm.

Rion nahm Vidars Glückwünsche pflichtbewusst entgegen, doch es war nicht schwer zu erkennen, dass er lieber mit seinen Freunden redete.

Vidar war nicht beleidigt. Er war siebzehn Jahre älter und seine Interessen lagen vermutlich auf einem anderen Planeten. Nach einem kurzen Wortwechsel kehrte er zu seiner Mutter zurück.

Wollte er zumindest, doch er kam nicht weit. Ausgerechnet Ratsmitglied Thomas Kirrin von Brigant schob sich ihm mit seinem imposanten Körper in den Weg.

„Vidar!“

Er stoppte und erwiderte den Blick seines Onkels mit möglichst viel Gleichmut.

„Onkel.“

Wie du mir so ich dir. Knapp konnte er auch.

Kirrin von Brigant zuckte mit keiner Miene.

„Ich habe deinen letzten Bericht gelesen.“

Das hatte Vidar beinahe befürchtet. Er verkniff sich einen Kommentar und wartete einfach ab. Ratsmitglied Kirrin fuhr auch schon unbeirrt fort.

„Er war kurz und an deiner Ausdrucksweise wirst du wohl noch feilen müssen.“

Vermutlich zielte sein Onkel auf die Ausdrücke „Idioten“ und „Möchtegerndruiden“ hin. Vidar hatte sich nicht verkneifen können, sie zu benutzen. Es linderte ein wenig die Frustration über zwei langweilige Wochen. Vielleicht hatte er aber auch seinen Onkel provozieren wollen. Er vermutete schon lange, dass dieser seine Arbeit kontrollierte, auch wenn das eigentlich nicht sein Job war. Manchmal war es eben ein Nachteil, mit einem Helden verwandt zu sein.

Da sein Onkel offenbar eine Antwort erwartete, hob Vidar mit gleichmütiger Miene die Schultern.

„Dafür war er ehrlich.“

„Das ist ja wohl eine Selbstverständlichkeit.“ In Onkel Kirrins blitzte Ärger auf. „Ich kann dich unmöglich weiterempfehlen, wenn du deine Aufgaben nicht ernst nimmst.“

Vidar presste die Lippen zusammen.

„Ich nehme meine Aufgaben durchaus ernst, Onkel.“ Er war froh, dass man seinen Zorn nicht heraushören konnte. „Bisher gab es nie Beschwerden. Im Übrigen erwarte ich nicht, dass du mich weiterempfiehlst.“

Und das war sein völliger Ernst. Bisher hatte er sich alles mit eigener Kraft erkämpft. Im wahrsten Sinne. Auf die Protektion seines Onkels verzichtete er gerne. Dessen Ansprüchen würde er sowieso nie genügen. Leider sah Onkel Kirrin das anders.

„Du bist mein Neffe“, knurrte der Krieger. „Es ist meine Pflicht, mich um dich zu kümmern, und das solltest du langsam respektieren. Genauso, wie es deine Pflicht ist, dein Bestes zu geben.“

„Das tue ich!“

„Ich bezweifle es. Aber du bist wie deine Mutter. Stur wie ein Maulesel. Ich kann nur hoffen, dass du bald begreifst, was es wirklich bedeutet, ein Keltai-Krieger zu sein.“

Sprachs, drehte sich um und strebte ohne ein weiteres Wort einem nächsten Gesprächspartner zu.

Vidar sah seinem Onkel hinterher und kämpfte um seine Fassung. Unterstellte Kirrin ihm tatsächlich, ein schlechter Krieger zu sein? Wieder brandete Frustration in ihm hoch. Er war nicht der einzige Krieger, der als Springer arbeitete und entsprechend hin- und hergeschoben wurde. Aber er war vermutlich der Einzige, der sich ständig Kritik eines Ratsmitglieds anhören musste.

Grollend setzte er seinen Weg fort. Hoffentlich schaffte es seine Mutter, seine Laune wieder zu retten. Ansonsten würde das für ihn eine sehr kurze Familienfete sein.

Rabenvögel

März 2021

Eisenbach-Wildpark, Schwarzwald

„Sonja, der Boss will dich sprechen.“

Katie winkte ihr aufgeregt zu. Sonja ließ die Mistgabel sinken und sah hoch. Sie mochte ihre Kollegin. Diese war ein durchweg positiver Mensch und mit viel Humor gesegnet. In den drei Wochen, in denen Sonja jetzt hier arbeitete, hatte sie Katie noch nie schlecht gelaunt erlebt.

„Ich komme sofort“, rief sie zurück. Ein schwerer Kopf stieß in ihren Rücken und ließ sie nach vorne taumeln. Katie lachte auf, während Sonja sich herumdrehte und dem Wisent mit dem Finger drohte.

„Klaus, das lässt du schön bleiben! Ich habe jetzt keine Zeit für deinen Unsinn.“

Der junge Bulle schnaufte und schnüffelte an ihrer Hosentasche. Sonja schob ihn sanft zurück.

„Später, jetzt habe ich ein anderes Date. Aber keine Sorge. Wenn ich mir heute Abend deinen Huf ansehe, habe ich bestimmt was Schmackhaftes dabei.“

Sie eilte aus dem Gehege und verschloss sorgfältig das Tor. Dann joggte sie den Weg entlang, der zum Hauptgebäude führte. Sie passierte noch andere Umzäunungen und Käfige. Die meisten dienten als Quarantäne- und Krankenzone für diverse tierische Patienten. Der gesunde Tierbestand verteilte sich auf dem vierhundert Hektar großen Gelände. Es waren über hundert verschiedene Arten vertreten, in der Hauptsache einheimische Tiere. Bisher hatte sie beinahe alle Bereiche kennengelernt und sie war begeistert über den Zustand der Anlage. Diese war gepflegt und ansprechend gestaltet. Und die tierischen Einwohner hatten viel Platz.

Sonjas Arbeitsplan war straff, aber fair. Herr Müller hatte ihr drei Monate zugestanden, in denen sie sich in alle Bereiche einarbeiten sollte. Sie galt als Springerin, die überall eingesetzt werden konnte. Das war zwar anstrengend, aber auch abwechslungsreich. Bis jetzt gefiel es ihr ausnehmend gut. Die Belegschaft war überwiegend freundlich, das Betriebsklima entsprechend angenehm. Auch zu dem Tierarzt hatte sie schon ein gutes Verhältnis gefunden. Dr. Bäcker, der sich ihr gleich als Hans vorgestellt hatte, war jung, dynamisch und voller Begeisterung für seinen Beruf. Sie mochte ihn auf Anhieb. Dass er verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern war, wunderte sie nicht. Und seine Bindung erleichterte es ihr, mit ihm auszukommen. Vergebene Männer brachten einen nicht in Stress. Zumindest war damit von vorneherein klar, dass sie niemals eine Beziehung haben würden. Was aber auch irgendwie schade war. Sie fand diesen Mann sehr attraktiv und liebenswert. Nun, dass die guten Männer meistens vergeben waren, hatte sie schon öfters akzeptieren müssen.

Sonja brauchte nur wenige Minuten, um sich umzuziehen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man nicht in Arbeitsklamotten vor den Chef trat. Erst recht nicht, wenn Tiermist an einem klebte.

Als sie sein Büro betrat, telefonierte Siegfried Müller gerade, winkte ihr aber zu, sich zu setzen. Keine Minute später legte er auf und wandte sich ihr zu.

„Hallo Sonja, schön, dass es so schnell geklappt hat. Sie sind bei den Huftieren eingesetzt, nicht wahr?“

Sie nickte.

„Hm, das ist gut. Allerdings habe ich gerade ein Problem. Zwei unserer Pfleger sind ausgefallen. Corona hat sie erwischt und sie müssen für einige Zeit in Quarantäne. Das heißt, dass wir die Einsatzpläne umändern müssen.“ Er räusperte sich. „Sie haben gesagt, dass Sie prinzipiell nichts gegen Vögel haben.“

Sonja nickte, auch wenn sie ein flaues Gefühl im Magen verspürte.

„Gut, denn ich brauche Sie dort. Sowohl bei den Greifvögeln, als auch bei den Singvögeln.“

Sie schluckte nervös. Raben fielen unter Singvögel.

Herr Müller lächelte ihr beruhigend zu.

„Keine Sorge, ich habe noch im Kopf, dass Rabenvögel nicht zu ihren Lieblingen zählen. Aber vielleicht ist das ja auch eine Gelegenheit, diese kleinen Biester kennenzulernen. Ich verlange nicht, dass Sie die Volieren betreten müssen, aber vielleicht können Sie ja ab und zu eine kleine Stippvisite einplanen.“

Sonja atmete tief durch. Es war ein faires Angebot, das musste sie zugeben. Und ihr war klar, dass sie sich dem nicht verweigern konnte. Und es war ja tatsächlich eine Gelegenheit, ihre Ängste in den Griff zu bekommen. Also nickte sie.

„Wunderbar.“ Siegfried Müller strahlte sie an. „Dann bekommen Sie ab morgen einen neuen Einsatzplan.“

Vögel waren im Eisenbach-Wildpark vielfältig vertreten. Es gab einen Enten- und Schwanenteich, eine Fasanerie, einen kleinen Exotenbereich mit Papageien, die inzwischen auch in Deutschland Fuß gefasst hatten, und einen weitläufigen Hühnerstall mit entsprechendem Auslauf, der von Besuchern betreten werden konnte. Das Kernstück bildete die Greifvogelanlage mit dem angrenzenden Singvogelbereich. In zahlreichen Volieren wurde die heimische Vogelwelt gezeigt und Herr Müller hatte ihr verraten, dass sein Ehrgeiz in der Vollständigkeit lag. Ob es ihm je gelingen würde, die heimische Vogelwelt vollzählig zu zeigen, war eher fraglich, aber er schien auf einem guten Weg zu sein. Zumindest die Eulen waren komplett vertreten, so wie einige Singvogelfamilien. Bei den Greifvögeln fehlte es noch an einer Handvoll Arten, doch Sonja hatte schon mitbekommen, dass in den kommenden Wochen ein Seeadlerpärchen einziehen würde. Entsprechend intensiv wurde momentan an einem größeren Weiher gearbeitet, der auch für die Rohrweihen freigegeben werden sollte.

Die Leitung über das Federvieh oblag Brigitte.

Brigitte war eine breitgebaute, große Frau mittleren Alters, mit Kurzhaarschnitt, tiefer Stimme und energischem Auftreten. Wenn sie eine Anweisung gab, war diese nicht zu überhören. Vermutlich hätte sie einen prima Feldwebel abgegeben.

Ihr zur Seite standen Lasse, Greifvogelexperte und ausgebildeter Falkner, Regina, eine erfahrene Tierpflegerin, sowie Tine und Silke, zwei Auszubildende.

Bisher hatte Sonja nicht viel mit ihnen zu tun gehabt, doch das änderte sich nun zwangsläufig. Regina war diejenige, die sie herumführte und auf Besonderheiten aufmerksam machte.

Ausgerechnet vor den Rabenvögeln blieb sie stehen.

Sonja vermied es, zu den Tieren zu sehen. Aber Regina war gnadenlos.

„Siegfried hat uns natürlich gesagt, was dein Problem ist“, lächelte sie. „Wir werden dich zu nichts zwingen, aber es wäre gut, wenn du zumindest in der Lage wärst, notfalls einzuspringen.“

Sonja nickte automatisch, obwohl sie gerade am liebsten davongelaufen wäre. Aber dann hätte sie den Job auch gleich hinschmeißen können. Und das wollte sie nicht. Auf keinen Fall.

Zögernd wendete sie den Kopf und sah zu den Volieren.

Es gab insgesamt zehn Stück davon, in denen die verschiedenen Arten untergebracht waren. Dohlen, Häher, Krähen, Elstern und Raben. Das war eine erstaunliche Anzahl, zumal es von jeder Art mehrere Exemplare gab. Lediglich die Kolkraben waren nur mit zwei Individuen vertreten. Sie wirkten alt und starrten sie aus ihren schwarzen Augen an.

Kohlschwarze Augen, ein aufgerissener Schnabel, der den Blick in einen roten Schlund freigab, ein Schrei, ein brennender Schmerz.

Sonja stand wie erstarrt. Kaum bekam sie mit, dass Regina noch immer mit ihr redete. Nur mühsam schüttelte sie die Bilder von sich ab. Es war schon länger her, dass sie tagsüber von ihnen überrascht wurde.

„..., dass du Tine beim Säubern einer der Volieren hier hilfst. Vielleicht mit dem von Mona und Hugo?“

Mona und Hugo? Schnell sah sie zu Regina, die sie erwartungsvoll anlächelte.

„Ähm, du meinst die beiden?“

Sie deutete zaghaft in Richtung der Kolkraben.

„Genau. Unser altes Ehepaar ist wirklich friedlich. Und wenn du es mit den beiden schaffst, ist das doch ein guter Einstieg.“

Wie sollte sie da widersprechen?

Warum noch mal wollte sie unbedingt in diesem Wildpark arbeiten?

Während Sonja mit Eimer, Rechen, Schaufel und Besen bewaffnet hinter Tine in die Voliere stapfte, listete sie gedanklich alle positiven Gründe auf.

Sie war niemandem böse. Nicht ihren Kollegen und erst recht nicht Herrn Müller. Vermutlich musste sie ihnen allen sogar dankbar sein, dass sie quasi in eine Konfrontationstherapie geschickt wurde.

Doch leicht war es trotzdem nicht. Kalter Schweiß bildete sich auf ihrem Rücken und auf ihrer Stirn. Es waren nicht einmal die Raben selbst, vor denen sie sich fürchtete. Aber sie tauchten so oft in ihren Träumen auf, und immer begleitet von schlimmen Bildern, dass sie nur eine schwarzgefiederte Gestalt sehen musste, um beinahe in Panik zu verfallen.

Konzentriert begann sie, den Käfig auszufegen. Dabei vermied sie jeglichen Blick in die Richtung der beiden Vögel. Tine übernahm das Säubern der Futterschale und des kleinen steinernen Wassertrogs. Dabei plauderte das Mädchen munter mit den Raben und erzählte ihnen von ihrem letzten Ausflug auf die Teufelsmühle, einem beliebten Ausflugsziel im Schwarzwald. Vielleicht war es auch, um Sonja ein wenig abzulenken.

Plötzlich verstummte das Geplapper. Nach einem Moment der Stille meinte Tine:

„Das ist echt irre. Sowas habe ich noch nie gesehen.“

„Was denn?“ Sonja wandte automatisch den Kopf in ihre Richtung. Tine ließ den Blick zwischen ihr und den Vögeln hin und her schweifen.

„Die beiden lassen dich keine Sekunde aus den Augen. Seit du in ihr Sichtfeld getreten bist.“

Sonja schluckte nervös. Dann räusperte sich.

„Na ja“, begann sie. „Ich bin ihnen fremd. Und Rabenvögel beobachten ihre Umgebung immer sehr genau.“