Wandlerin - Ana Marna - E-Book

Wandlerin E-Book

Ana Marna

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Beschreibung

Vor Jahren wurde Karina Wells brutalen Experimenten unterzogen, die schlafende Gene in ihr aktivierten. Seitdem befindet sie sich auf der Flucht und gilt als wandelnde Zeitbombe unter den geheimen Völkern. Denn Karinas Fähigkeiten sind außergewöhnlich und niemand weiß, welche Gaben noch in ihr geweckt wurden. Durch Zufall kommen die Wölfe auf ihre Spur und sie wird wieder zur Gejagten. Doch diesmal sind nicht nur Wölfe und Wandler hinter ihr her. Auch die Hexen sind an Karina interessiert. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Die erste Regel lautet: Menschen, die von den Völkern erfahren, müssen sterben.

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Seitenzahl: 597

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buchbeschreibung:

Vor Jahren wurde Karina Wells brutalen Experimenten unterzogen, die schlafende Gene in ihr aktivierten. Seitdem befindet sie sich auf der Flucht und gilt als wandelnde Zeitbombe unter den geheimen Völkern. Denn Karinas Fähigkeiten sind außergewöhnlich und niemand weiß, welche Gaben noch in ihr geweckt wurden. Durch Zufall kommen die Wölfe auf ihre Spur und sie wird wieder zur Gejagten. Doch diesmal sind nicht nur Wölfe und Wandler hinter ihr her. Auch die Hexen sind an Karina interessiert.

Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Die erste Regel lautet: Menschen, die von den Völkern erfahren, müssen sterben.

Bisher erschienen:

Fellträger

Aschenhaut

Seelenfresserin

Wächterin

Spurensucher

Seelenmalerin

Rebellen

Über die Autorin:

Ana Marna studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund dem Schreiben zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science-Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren entschloss sie sich, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen.

Wandlerin

The Hidden Folks

Von Ana Marna

Gewidmet meiner lieben Schwiegermutter.

Eine Frau, die ich sehr bewundere

für ihre Stärke, ihre Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit.

1. Auflage, 2022

© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

[email protected]

www.ana-marna.de

www.facebook.com/ana.marna.92372

Inhaltsverzeichnis

Prolog5

Eine unfreiwillige Rekrutierung16

Ein Zwangsurlaub24

On the Road33

Aufgeflogen45

Die Jagd wird eröffnet52

Erstkontakt der unangenehmen Art60

Shadow Riders67

Flucht78

Keine Freunde85

Ein Verbündeter90

Ein Mord99

Eine unerwartete Begegnung111

Voller Einsatz118

Ein erstes Wunden lecken129

Ein Führungswechsel136

Die Flucht geht weiter162

Ein Kaninchen170

Eine Treibjagd181

Das wandelnde Rätsel186

Ankunft191

Vorbereitungen197

Ein ernstes Gespräch203

Überzeugungsarbeit210

Eine unangenehme Befragung228

Eine Kriegerin239

Eine Hexe247

Ein Fluchtversuch257

Die nächste Jagd270

Schlechte Nachrichten272

Man lernt sich kennen297

Ein harter Ritt305

Konfrontation309

Chinesen und Russen330

Sorcière noire337

Eine Hinrichtung360

Ganz neue Perspektiven386

Ein neuer President393

Epilog411

Anhang413

Wie es weitergeht...420

Nachwort437

Prolog

Juni 2015

Rocky Mountains, Montana

Leises Stöhnen riss sie aus einem unruhigen Halbschlaf. Langsam richtete sie sich auf und versuchte, im schummrigen Licht etwas zu erkennen. Nur mühsam unterdrückte sie ein verzweifeltes Keuchen.

Sie war noch immer hier. Eingesperrt in diesem schrecklichen Käfig, umgeben von anderen Zwingern, in denen genauso geschundene Kreaturen hockten, wie sie selbst eine war.

Sie wusste nicht genau, wie lange man sie schon gefangen hielt, da das trübe Licht immer dasselbe war und die Zeit nur quälend langsam verstrich. Unterbrochen nur von unregelmäßigen Mahlzeiten und den Misshandlungen ihrer Bewacher.

Sie sah an ihrem nackten Körper hinunter, der übersät war mit Prellungen, Brandblasen und Schnitten.

Diesmal entfuhr ihr doch ein Keuchen.

Er hätte übersät sein müssen! Aber da war nichts! Keine Spuren der Misshandlungen. Ihre Haut war völlig makellos. Erst jetzt registrierte sie, dass sie auch keine Schmerzen verspürte.

Ihr Magen zog sich krampfartig zusammen. Das konnte nicht sein. So lange hatte sie nicht geschlafen. Das war hier in dieser Hölle gar nicht möglich. Wer beim Schlafen erwischt wurde, den rissen die „Wärter“ mit qualvollen Attacken wieder ins Bewusstsein.

Vorsichtig untersuchte sie sich, aber sie war tatsächlich völlig unverletzt. Sogar ihre verstauchten Knöchel, die noch vor wenigen Stunden schmerzhaft angeschwollen waren, wirkten geheilt.

„Herzlichen Glückwunsch, Kleine“, krächzte es von der Seite her.

Sie sah zum Nachbarkäfig, in dem ein nackter Mann hockte, der genauso ungewaschen und ungepflegt wirkte wie alle anderen Käfiginsassen. Lange Haare und ein wilder Bart klebten zottelig und verfilzt an seinem Kopf.

Eigentlich war er ein großer Mann. Sie konnte sich gut vorstellen, dass er sogar eine stattliche Erscheinung gewesen war. Doch im Moment wirkte er wie ein halbverhungerter Obdachloser mit flackernden irren Augen.

Er hatte schon so ausgesehen, als sie hier eingezogen war. Seinen Namen kannte sie nicht. Es war verboten zu reden. Wer sich daran nicht hielt – nun, ihre Bewacher hatten überzeugende Argumente.

Zum ersten Mal hörte sie ihn also reden und sah ihn überrascht an. Er verzog das Gesicht.

„Tut mir leid für dich. Du dürftest nicht hier sein. Niemand sollte das, aber du wirkst wie ein anständiges Mädchen.“

„Was passiert hier?“, wagte sie leise zu fragen.

Er grinste schräg. Doch die Grimasse wirkte verzweifelt.

„Nun, wir werden verbessert. Einer nach dem anderen. Wir sind die Monster der Zukunft. Bei mir hatten sie bisher ihre Schwierigkeiten, deswegen werde ich vermutlich bald den Abgang machen. Aber du – zumindest der erste Akt hat funktioniert.“

„Was passiert jetzt mit mir?“

Er schwieg kurz und schüttelte dann den Kopf.

„Das verrate ich dir besser nicht. Aber wenn du meinen Rat willst: Sieh zu, dass du von hier verschwindest. Und traue niemandem. Alle werden versuchen, dich entweder zu benutzen oder zu töten.“

„Warum?“ Sie flüsterte unwillkürlich.

„Weil du ab jetzt ein Monster bist, Süße.“

„Ah, noch ist es nicht so weit“, klang es aus dem Dunkeln und eine hochgewachsene Gestalt trat unter die trübe Glühbirne.

Er war schlank, wirkte noch jung und hatte eine gepflegte Erscheinung. Gutaussehend. Normalerweise sahen ihm mit Sicherheit die Frauen hinterher.

Sie hätte es vermutlich auch getan. Doch hier und jetzt empfand sie nur bleierne Furcht vor ihm. Seine blauen Augen schienen sie aufzuspießen.

„Komm her, meine Hübsche“, forderte er sie auf und trat ans Gitter.

Entsetzt spürte sie, wie sich ihr Körper aufrichtete und ohne zu zögern auf ihn zuging. Sie kam sich vor wie eine hilflose Marionette, gebannt von seinem Blick.

Sein Arm streckte sich durch die Gitterstreben und unbarmherzige Finger umschlossen ihren Hals, um sie nahe an sich heranzuziehen.

„Noch bist du kein Monster, Menschlein, aber heute Nacht wirst du eines werden. Ich bin schon sehr gespannt, wie du dich schlägst. Hast du Angst vor Schmerzen? Glaube mir, du fürchtest dich noch nicht genug.“

Er zog ihren Kopf brutal bis an die Stäbe, so dass ihr Gesicht schmerzhaft an das Metall gepresst wurde. Seine Lippen berührten sanft ihren Hals, dann ließ ein quälend stechender Schmerz sie unwillkürlich aufschreien.

Er hatte sich in ihrem Hals verbissen und trank in gierigen Zügen von ihrem Blut.

Panik ließ beinahe ihre Sinne schwinden. In was für einen Alptraum war sie hier nur geraten?

Es dauerte lange, bis er sie endlich losließ und sich die blutigen Lippen leckte.

Sie sank zu Boden und krümmte sich zitternd zusammen.

Metall kreischte auf.

„Komm!“

Ein Klatschen und ein lauter Schmerzschrei erklangen.

Vorsichtig wagte sie einen Blick zu ihrem Nachbarn.

Der stand offensichtlich ebenso gebannt wie sie vor diesem entsetzlichen Mann, das Gesicht schmerzerfüllt verzogen. Neben ihm befand sich ihr Bewacher, der seinen geliebten Metallprügel schwang und mit aller Gewalt in die Nieren des Gebannten schlug.

Ihr Nachbar stieß einen schmerzvollen Laut aus, der sie selbst wimmern ließ. Immer wieder knallte der Prügel in die Lendengegend. Haut platzte auf und Blut tropfte auf den Boden.

Es war unfassbar, dass der Gefolterte noch stand. Gehalten nur vom Blick eines Mannes.

Ein bizarrer Anblick, von dem sie wusste, dass er sie bis an ihr Lebensende verfolgen würde.

Das Ende kam plötzlich. Von einer Sekunde zur anderen hatte der Mann seine Zähne in den Hals ihres Nachbarn geschlagen. Nur lautes Schmatzen und das leise Röcheln des Sterbenden durchbrachen die ängstliche Stille, die den Raum beherrschte.

Sie erhaschte noch einen kurzen Blick in die verlöschenden Augen, bevor der tote Körper mit einem dumpfen Laut zu Boden fiel.

Tränen traten ihr in die Augen. So durfte niemand sterben.

Aber sie erhielt keine Zeit zu trauern.

Ihre Zelle wurde geöffnet und der blutige Metallprügel rammte sich schmerzhaft in ihre Seite.

„Steh auf, Missgeburt“, knurrte ihr Wärter.

Als sie panisch vor ihm davonkriechen wollte, packte er sie an den Haaren und riss sie hoch.

Diesmal waren sie zu zweit. Ihr Bewacher und ein weiterer, finster aussehender Kerl, der einen genauso irren Blick trug wie alle Männer, die sich um die Gefangenen kümmerten. Sie zerrten sie durch dunkle Gänge bis in einen kleinen Raum, in dem ein Metalltisch auf sie wartete.

Stählerne Ringe fixierten sie auf dem Tisch, dann trat wieder der gutaussehende Mann in ihr Blickfeld. Er musterte sie mit einem unergründlichen Lächeln, das ihr erneut tiefe Angst einjagte.

„Was ... was wollen Sie von mir?“, stammelte sie. „Wer sind Sie?“

„Ich bin dein Herr und Meister.“ Er hob eine Spritze und ließ einen Finger gegen das Glasgehäuse schnalzen. „Und du, Menschlein, trägst tatsächlich das Potenzial in dir, mein Meisterstück zu werden. Wenn du diese Nacht überlebst, wirst du mir dienen.“

„Das .... das werde ich ganz bestimmt nicht.“

Ihre Stimme brach beinahe vor Angst.

Er lachte leise und beugte sich über sie.

„Ganz bestimmt, Menschlein.“

Der Stich der Spritze tat weh, aber es ließ sich aushalten. Kein Vergleich zu den bisherigen Schlägen und Verletzungen, die man ihr zugefügt hatte. Doch es dauerte nicht lange und sie spürte, wie ein leichtes Brennen in ihren Adern einsetzte. Es rollte durch ihren ganzen Körper, erreichte jede ihrer Zellen und wurde immer stärker.

Panisch und beinahe blind vor Schmerzen riss sie an ihren Fesseln.

„Mach dir nicht allzu viele Sorgen“, drang die gefürchtete Stimme an ihr Ohr. „Ich konnte deine Regenerationsfähigkeit in dir wecken. Das wird dir helfen, diese Nacht zu überstehen.“ Er lachte leise. „Die Schmerzen wird es dir natürlich nicht nehmen, aber es heißt ja, dass man daran wachsen kann.“

Sie starb, das wusste sie einfach. Niemand konnte eine solche Pein überleben. Ihre Zellen standen in Brand, eine einzige Agonie der Schmerzen und der Zerstörung. Sie sah, wie ihre Haut schwarz wurde, verkohlte, und jede ihrer zuckenden Verrenkungen ließen Glut und Asche auffliegen.

Niemand konnte so etwas überstehen!

*

„Auf, Bestie, auf und zeig, ob du wieder hübsch bist!“

Der Elektroschocker brannte sich schmerzhaft in ihren Oberarm und sie schnellte auf die Beine. Mit einem Fauchen drehte sie sich ihrem Peiniger zu. Dieser lachte nur dreckig und trieb den Metallprügel gegen ihre Rippen.

Sie stolperte nach hinten und krachte scheppernd an das Metallgitter.

Diesmal war ihr Folterer nicht allein. Zwei weitere Männer standen vor ihr und betrachteten sie mit angewiderten Blicken.

Unwillkürlich sah sie an sich herunter. Sie war nicht besonders hübsch, das war ihr klar, aber warum ... Ihre hektischen Gedankengänge stockten und sie schnappte entsetzt nach Luft.

Ihre normalerweise blasse Haut flackerte in einem unsteten Farbmuster, durchzogen von roten und gelben Schlieren.

Ihr Blick fiel auf ihre Hände und sie hob sie ungläubig. Waren das Krallen? Genauso ihre Füße. Scharfe Krallen sprossen aus den einzelnen Zehengliedern und verwandelten sie in mörderisch aussehende Klauen. Dann bemerkte sie, wie ihre Zunge gegen die Zähne stieß. Spitze, scharfkantige Reißzähne.

Sie war ein Monster!

„Eine echte Schönheit“, spottete ihr Bewacher und spuckte angewidert vor ihr aus. „Der Meister wird begeistert sein.“

Er nickte einem der Männer zu. „Sag dem Meister, dass sie gesund und munter ist.“

Die drei zogen sich vorsichtig aus dem Käfig zurück und verschlossen ihn sorgfältig.

Sie registrierte das nur am Rande. Noch immer hing ihr Blick an den Klauen fest und pures Entsetzen machte sich in ihr breit. Was für ein Monster war sie geworden? Wie konnte das passieren? Ihr selbsternannter „Meister“ hatte gesagt, dass die Bestie in ihr gelegen habe, aber warum hatte sie nie etwas davon gespürt?

Sie sah hoch und blickte in die Nachbarzellen.

Ihre Mitgefangenen starrten ihr entgegen. In allen Augen las sie das Gleiche.

Furcht.

Ein verzweifelter Laut entrang sich ihren Lippen.

Was hatte man ihr angetan?!

*

Natürlich wollte sie fliehen. So wie vermutlich alle hier.

Doch wie sollte sie das anstellen? Er, der sie jetzt dazu zwang, ihn Meister zu nennen, hatte ihr verboten, die Gitterstäbe zu berühren. Und sein Wort war wie ein Gesetz.

Jedes Mal, wenn sie das Metall berührte, machte sich in ihr der Zwang breit, sich selbst zu verletzen. Inzwischen gelang es ihr zwar, zwischendurch ihre menschliche Gestalt anzunehmen, doch dieser Zwang löste sofort eine Wandlung aus und scharfe Krallen rissen in ihrem eigenen Fleisch, bis der Wärter sie mit seinem Elektroschocker in die Bewusstlosigkeit schickte.

Ihr Meister hatte sich darüber köstlich amüsiert und verkündet, dass sie es schon noch lernen würde, zu gehorchen.

Viermal hatte er sie aufgesucht, hatte sie begutachtet und ihr dann eine weitere Spritze verpasst. Das letzte Mal war vor zwei Tagen gewesen.

Gespürt hatte sie dieses Mal nichts. Keine Schmerzen, keine Veränderungen. Aber sie war sich nicht sicher, ob das gut war.

Ihr Bewacher war in den letzten Tagen besonders eklig gewesen. Ständig malträtierte er sie mit seinen Elektrostab und erklärte ihr kichernd, dass sie nun mal lernen müsse, sich schnell zu verwandeln.

Bisher gelang es ihr nur mit äußerster Konzentration, menschlich zu werden. Jeder Schmerz, jede Furcht ließ sie instinktiv zum Monster mutieren. Ihre Leidensgenossen mieden inzwischen jeden Blickkontakt. Und das war für sie das Schlimmste. Alle, ausnahmslos alle fürchteten sich vor ihr. Niemand sah in ihr den Menschen, der sie doch eigentlich war.

Doch sie war nicht die Einzige, die zu einem Monster mutierte.

Immer wieder wurden Männer aus ihren Käfigen gezerrt. Nur wenige kehrten zurück. Einige vegetierten still vor sich hin, andere verwandelten sich vor ihren Augen in fellbedeckte, wolfsähnliche Riesen, die knurrend und geifernd gegen die Metallgitter angingen, bis sie von den Elektroschockern gebändigt wurden. Einer der Männer blieb mitten in der Verwandlung stecken und wurde gnadenlos mit mehreren Kugeln niedergestreckt.

Sie verlor den Überblick, wie viele der geschundenen Kreaturen starben und wie viele von ihrem Meister in den Bann geschlagen wurden und ihm folgten.

Inzwischen hatte sie akzeptiert, dass ihr Meister so etwas wie ein Vampir war. Eine andere Bezeichnung fiel ihr einfach nicht ein. Dass er Blut trank, sprach ja schließlich dafür.

Doch viel mehr fürchtete sie sich vor seinem Bann. Dieser war so zwingend, dass man sich ihm nicht widersetzen konnte. Daher wunderte es sie nicht, dass die armen Kreaturen seinen Befehlen widerstandslos gehorchten.

Warum er sie selbst nicht dazu zwang, war ihr noch nicht klar. Der Bann funktionierte schließlich auch bei ihr, das hatte sie ja schmerzvoll erfahren.

Von ihrem Foltermeister hatte sie vor einigen Stunden gehört, dass der Meister gerade ein neues Spielzeug hatte und sich danach wieder voll und ganz ihr widmen würde. Anschließend hatte er sie gut gelaunt mit seinem Lieblingsgerät malträtiert und verspottet.

Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was dieser arme Mensch, der als „Spielzeug“ bezeichnet wurde, gerade durchmachen musste. Wenn sie doch nur helfen könnte! Aber da waren diese verfluchten Gitterstäbe und dieser ekelhafte Bewacher.

In ihrem ganzen Leben hatte sie noch niemanden gehasst, doch sie war sich sicher, dass ihre Gefühle für diesen brutalen und sadistischen Kerl dem Hass ziemlich nahekamen.

Sie hatte zwangsläufig viel Zeit nachzudenken und sich in den letzten Tagen zu dem Entschluss durchgerungen, diesem Menschen den Tod zu wünschen. Vielleicht hatte er ebenso Schlimmes durchgemacht wie sie oder ihre Mitgefangenen. Vielleicht hatte er allen Grund, so brutal und herzlos zu sein. Doch in seinen Augen las sie jedes Mal, wie er diese Macht genoss. Die Macht, andere zu quälen, sie unter Kontrolle zu halten. Und er würde niemals damit aufhören, davon war sie mittlerweile überzeugt.

Als er an diesem Abend den Raum betrat, grinste er wie so häufig selbstgefällig in die Runde.

„Ah, der Meister ist heute gut gelaunt. Bald hat er wieder Zeit, sich mit euch zu beschäftigen.“

Er trat zu ihrem Käfig und zwinkerte ihr zu.

„Er will dich wieder testen. Das wird bestimmt ein Riesenspaß für dich.“

Sie schwieg. Das war im Moment die beste Strategie. Es würde sie zwar nicht vor Misshandlungen schützen, doch zumindest seine Reaktion weniger eskalieren lassen. Er mochte es, wenn man sich hilflos gab.

Doch dieses Mal kam er nicht dazu, ihr weh zu tun.

Lautes Heulen und Gebrüll drang durch die offene Tür aus dem Gang zu ihnen herein. Der Bewacher fuhr herum und wirkte mit einem Mal gar nicht mehr so fröhlich.

Fluchend eilte er nach draußen. Sie lauschte und war sich ziemlich sicher, dass die lauten Schreie auf einen Kampf hindeuteten.

War das ihre Rettung? Sie blickte auf ihre Hände, die gerade menschlich aussahen. Würde sie ihr Monster geheim halten können? Wohl kaum. Wer auch immer siegte, keiner würde ihr freundlich gesinnt sein.

Die plötzliche Veränderung in ihr war fast gar nicht spürbar, doch in letzter Zeit hatte sie ihren Körper und ihre Empfindung so gut kennengelernt wie noch nie. Atemlos lauschte sie in sich hinein. Konnte es sein? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

Entschlossen trat sie vor und ihre Finger legten sich um die dicken Stahlstangen.

Nichts passierte.

Kein Drang, sich zu verletzen. Keine Wandlung.

Hoffnung durchflutete sie. Der Bann war verschwunden. Warum auch immer. Und dies war vermutlich die einzige Chance zur Flucht, die sie je haben würde.

Die Wandlung setzte übergangslos ein und sie spannte die Muskeln an. Sie war stark. Stärker als jeder hier im Raum, das hatte ihr Meister inzwischen herausgefunden. Nicht umsonst waren ihre Wächter immer zu dritt, wenn sie den Käfig betraten. Aber reichte es, um diese Stäbe zu verbiegen?

Ihre Muskeln spannten sich an und sie biss entschlossen die Zähne zusammen.

Es war knapp. Verzweifelt spürte sie, wie die Stäbe kurz davor waren, nachzugeben, doch der letzte Schub fehlte noch. Ihre Muskeln schrien vor Schmerz, aber sie gab nicht nach. Verzweiflung, Angst schwappten in ihr hoch.

Sie musste es schaffen!

Mit einem Mal flutete neue Energie durch sie hindurch und die Stäbe verbogen sich. Knirschend lösten sie sich aus den oberen Verankerungen und schafften Platz für ihren Körper.

Ohne zu zögern, quetschte sie sich durch die Gitterstäbe und sah zu ihren Mitgefangenen. Die betrachteten sie aus weit aufgerissenen Augen.

In diesem Moment stürzte ihr Bewacher in den Raum, Panik im Blick. Erst als er kurz vor ihr stand bemerkte er, dass sie frei vor ihm stand. Instinktiv streckte er seinen Stab aus, aber diesmal wischte sie ihn mit einer nachlässigen Bewegung zur Seite.

Auch in ihr machte sich der Instinkt breit.

Sie wollte leben! Und dieser Sadist stand ihr im Weg.

Mit einem Fauchen sprang sie ihn an und verbiss sich in seiner Kehle. Gurgelnde Schreie drangen aus seinem Mund und verstummten dann. Sie ließ den reglosen Körper fallen und sah wieder in die Runde.

Ausnahmslos alle drängten sich eng an die hinteren Gitterstäbe.

Sie trat an einen der Käfige heran und deutete auf die Stäbe. Der Gefangene schüttelte heftig den Kopf.

„Komm mir nicht zu nahe!“, krächzte er.

„Ich will helfen“, versicherte sie und versuchte, ihrer Stimme einen beruhigenden Klang zu geben. Doch ihr Anblick war offenbar nicht vertrauenerweckend genug. Sie schmeckte Blut und Gewebe an ihren Lippen und von ihren Klauen tropfte es dunkelrot auf den Boden.

„Verschwinde“, zischte er. „So wie sich das anhört, werden wir gleich gerettet.“

Wieder erklangen Schreie. Die Zeit lief ihr davon.

„Ich wünsche euch Glück“, flüsterte sie und rannte los, den Gang entlang, fort von den Schreien.

Sie gelangte in einen großen Raum, der offenbar als Lagerraum diente. Instinktiv griff sie nach einem dicken Mantel und Stiefeln, die auf einem Haufen vor einem Regal lagen. Gehortete Habseligkeiten der verlorenen Seelen in dieser Hölle, erkannte sie schaudernd. Eine weitere Tür führte in einen schmalen Gang, der schnurgerade durch nackten Fels getrieben war und vor einer dicken Stahltür endete.

Wieder flackerte Verzweiflung in ihr hoch, die sofort von Zorn überschwemmt wurde. Sie würde hier nicht sterben!

Ihre Krallen bohrten sich in das Metall, und sie riss und zerrte mit all ihrem Zorn und ihrer Kraft, bis die Tür mit einem Kreischen aus dem Stein brach und scheppernd zur Seite fiel. Dann starrte sie nach draußen in eine tiefdunkle Nacht. Nur weit oben konnte sie im Sternenlicht die düsteren Gipfel einer Gebirgskette ausmachen. Ein scharfer Wind schlug ihr entgegen und es roch nach kaltem Fels und Schnee. Wo war sie?

Ihre feinen Sinne nahmen Geräusche wahr, die ihr verrieten, dass man ihr auf den Fersen war. Kurz schwappten Trauer und Schuldgefühle in ihr hoch. Sie hatte einen Menschen getötet und ihre Mitgefangenen wehrlos zurückgelassen.

Auch wenn der eine gehofft hatte, gerettet zu werden, sicher war das nicht.

Entschlossen trat sie nach draußen. Wo auch immer sie jetzt war, sie würde sich nicht fangen lassen!

Eine unfreiwillige Rekrutierung

November 2020

Dark Moon Creek, Minnesota

Bernart Dierolf langweilte sich.

Und das war noch nie gut gewesen, das wusste er selbst. Nicht gut für ihn, eben weil er sich langweilte, und zwangsläufig auch nicht gut für seine Umwelt, da er in einer solchen Stimmung nach Abwechslung suchte und das meistens zu Ärger führte.

In seiner derzeitigen Lage war das eher lästig.

Seit einem Jahr wohnte er jetzt in der ehemaligen Jackson-Hütte, die ihren Namen irgendwie nicht loswerden wollte, obwohl sie inzwischen seiner Tochter Hannah O’Brian, gebürtige Riemann, gehörte.

Der Name und auch die Dauer seines Aufenthalts störten ihn nicht weiter. Er sah diesen Ort eh nur als Durchgangsstation an. Rudelführer Tucker O’Brian hatte ihm deutlich gesagt, dass er ihn erst ziehen lassen würde, wenn er davon überzeugt war, dass Bernart Dierolf keinen Ärger mehr machen würde. Aber natürlich war allen klar, dass er nur blieb, weil er es selbst so wollte. Dass er es eine Zeitlang sogar genossen hatte, sich nicht mehr vor anderen Wölfen verstecken zu müssen, würde er natürlich niemandem verraten. Es war zwar ärgerlich, dass er vom alten Kontinent verbannt worden war, doch dafür lebte er und hatte die Chance, noch viele Jahre mit Hannah zu verbringen. Und mit Tucker O’Brian. Leider.

Dierolf schnaufte unmutig und hob das Gesicht zur Sonne. Er hockte auf einer Holzbank vor dem Haus, während er seine düsteren Gedanken sortierte. Dies war sein Lieblingsplatz. Er hatte die Bank selbst zusammengebaut und an die sonnenreichste Stelle vor der Hütte gestellt. Im Laufe des Jahres war sie jeden Monat mit dem Sonnenstand gewandert. Und jetzt im November musste man jede Minute davon ausnutzen.

Der Gedanke an O’Brian war da eher störend.

Er mochte den Mann. Keine Frage. Und das lag nicht nur daran, dass Tucker O’Brian seine Tochter geheiratet hatte und jetzt sein verdammter Schwiegersohn war. Ehrlich gesagt gab es wohl kaum einen besseren Ehemann für die temperamentvolle Hannah. O’Brian war ein knurriger, besserwisserischer und kompromissloser Bastard und würde Hannah niemals fallen lassen, davon war Dierolf fest überzeugt. Allerdings wurmte es ihn gewaltig, dass dieser Jungspund einen Hauch dominanter war als er selbst und ihn das auch immer wieder spüren ließ. Normalerweise hätte er sich schon längst verkrümelt und diesen Kontinent erkundet, doch da war eben noch Hannah.

Sie genossen es, nach langen Jahren der Trennung wieder zusammen zu sein. Und er konnte ihr noch eine Menge beibringen, was frau besser wissen sollte, wenn sie einen Rudelführer als Ehemann hatte. Wölfe tickten in manchen Dingen eben doch anders als Menschen. Und die ersten, die das zu spüren bekamen, waren normalerweise ihre menschlichen Frauen.

Zu seiner Erheiterung schien Hannah den Rudelführer allerdings bestens im Griff zu haben. Dafür war sie eben doch zu sehr seine Tochter.

Er grinste zufrieden vor sich hin und überlegte, wie er O’Brian als Nächstes ärgern konnte. Ob er den Kids beibringen sollte, wie man auch eine Wolfsnase austrickste? Die kleinen Biester waren immer wieder bemüht, ihren Anführer mit dummen Sprüchen und Bildern zu ärgern, ohne dabei erwischt zu werden, scheiterten aber regelmäßig. Kinderspiele, doch sehr unterhaltsam für alle Dorfbewohner. O’Brian spielte mit. Er erwischte jeden, aber seine Strafen fielen immer milde aus und zeugten von erzieherischer Konsequenz.

Dierolf musste zugeben, dass er selbst mit Sicherheit nicht so viel Geduld gezeigt hätte. Aber er war ja auch kein Rudelführer. Eigentlich auch kein echtes Rudelmitglied. Nur ein geduldetes. Die meisten akzeptierten ihn und einige der Dorfbewohner halfen ihm, wenn es nötig war. Lediglich zu Theo und Ethan hatte sich so etwas wie eine Freundschaft entwickelt.

Theo war ein junger Wolf mit einer Leidenschaft für Automotoren. Seit einiger Zeit bastelten sie miteinander an einer alten Harley herum, die Dierolf auf einem Schrottplatz aufgetan hatte. Das schweißte zusammen.

Ethan, Koch und Verwalter der Siedlung, hatte ihn anfangs erst misstrauisch begutachtet, dann aber gegrinst und ihm auf die Schulter geschlagen.

„Freut mich, Wolf. Ich hab das Gefühl, du wirst unsere Langeweile vertreiben. Kannst du kochen? Ich will ein paar deutsche Rezepte ausprobieren, aber Hannah war da bisher eher keine Hilfe.“

Bernart Dierolf hatte gegrinst und genickt. Dass seine Tochter miserable kochte, war kein Geheimnis. Er selbst kochte ganz passabel und so hatten die Männer schnell einen Draht zueinandergefunden.

Aber mehr Freundschaften ließ er nicht zu. Er wartete lieber ab.

Seine Ohren zuckten und er lauschte konzentriert in die Höhe. War das ein Hubschrauber? Er flog Richtung Dark Moon Creek. Vermutlich wieder Besuch aus der Ranger-Zentrale. Ab und zu kam dieser Kriegerwolf Mort Byers vorbei, um seine Frau zu besuchen. Vor einigen Monaten war er Vater von einem strammen Jungen geworden, der alle Anzeichen in sich trug, ein genauso beeindruckender Krieger zu werden wie sein Vater. Seitdem kam Byers öfters, als es den Bewohnern von Dark Moon Creek vermutlich recht war. Ein Grund mehr, heute nicht ins Dorf zu laufen. Kriegerwölfe waren anstrengend und Mort war dazu noch ein Kaliber für sich. Dierolf hatte nicht schlecht gestaunt, als er diesem Wolf das erste Mal begegnet war. Im Laufe seines langen Lebens hatte er schon viele Fellträger getroffen. Mort Byers war mit Abstand der Größte, und das Aggressionspotenzial des Kriegers ließ jedes Mal Dierolfs Instinkte aufjaulen. Keine Frage, von diesem Ranger hielt er sich besser fern.

Und Byers Partner, dieser Henry, war noch spezieller.

Henry Graves. Er hatte den Namen schon einmal vor vielen Jahrzehnten gehört. In Europa. Das war noch zu Zeiten gewesen, als man ihn selbst nicht gejagt hatte.

Ein Blick hatte ihm genügt. Henry Graves war der zweitdominanteste Wolf, dem er je begegnet war. Und das hieß schon was. Er selbst war schließlich weit herumgekommen. Und die Intelligenz, die in den grünen Augen stand, war ihm Warnung genug. Niemals würde er diesen Krieger unterschätzen, das nahm er sich fest vor.

Noch besser, er lief ihm gar nicht mehr über den Weg.

Er schloss die Augen und überlegte, welches der Kids das meiste Potenzial hatte, O’Brian so richtig zu nerven.

Ein Automotor riss ihn aus seinen Überlegungen. Den Motor kannte er. Er hatte ihn schon oft mit Theo repariert.

Langsam stand er auf und sah dem Wagen angespannt entgegen. Es kam selten jemand vorbei. Und wenn, dann waren es meistens Hannah oder ihr nervender Ehemann. Selbst die Besuche von Theo und Ethan konnte er an einer Hand abzählen.

Der Wagen hielt kurz vor ihm. Theo saß am Steuer und grinste ihn schief an. Er wirkte nervös, was Dierolf nicht wunderte, als eine weitere Person auf der Beifahrerseite ausstieg.

Bernart Dierolf murmelte einen leisen Fluch. Von allen Wölfen auf dem Planeten musste er ausgerechnet diesem über den Weg laufen! Aber wenn er ehrlich war, war das nur eine Frage der Zeit gewesen.

Schweigend wartete er ab. Theo wendete den Wagen und gab mehr Gas, als nötig war. Dierolf konnte es ihm nicht verdenken. Am liebsten hätte er auch Fersengeld gegeben. Aber das ließ sein Stolz nicht zu.

Niemand würde ihn jemals von hinten sehen, auch nicht Chief Kale Bryan, Kriegerwolf und Anführer der Minnesota-Rangers.

„Hallo Bernart, lange nicht gesehen.“

Dierolf vermied es, in die stechenden Augen zu sehen. Er hatte vor einigen Jahrzehnten ein halbes Jahr mit Bryan in der französischen Fremdenlegion verbracht und bereits am ersten Tag hatte der Krieger klargestellt, dass er Widerspruch nicht duldete. Bis heute hatte Bernart keinen Wolf getroffen, der dominanter war als Kale Bryan. Dummerweise hatte dieser in jener früheren Zeit rangmäßig auch noch deutlich höher als Bernart gestanden und damit gab es keine Chance, seinen Anweisungen zu entgehen. Und Bryan war schon damals ein harter Knochen gewesen. Dierolf hatte unter ihm Blut und Wasser geschwitzt und ihn permanent verflucht.

„Von mir aus hätte es länger sein können“, knurrte Dierolf seine Antwort und starrte auf den breiten Brustkorb, der sich vor ihm aufgebaut hatte.

Bryan lachte leise mit einem spöttischen Unterton.

„Hast du ernsthaft geglaubt, dass du mir entgehst? O’Brian hat dich erstaunlich lange ruhig gehalten, aber wir wissen beide, dass das kein Dauerzustand ist.“

„Was willst du?“

„Dich!“

Das war eine deutliche Ansage. Dierolf ballte die Fäuste.

„Verdammt, Bryan, ich bin kein ...“

„Es gibt keine Alternative, Bernart.“

Der Chief klang beinahe sanft, aber Dierolf wusste, dass das täuschte. An diesem Kriegerwolf war nicht eine Zelle weich.

„Du wirst für mich arbeiten. Punkt. Alles andere lasse ich nicht gelten, und jeder Rudelführer hier in den Staaten wird bei diesem Thema hinter mir stehen. Dafür hast du bereits zu viel Ärger angezettelt.“

Dierolf schluckte hart. Dass ihn seine Vergangenheit irgendwann einholen würde, war ihm immer klar gewesen, aber dass er ausgerechnet bei Bryan landen musste ...

Das war echt nicht fair!

„Fuck, Bryan, ich könnte ...“

„Nein, kannst du nicht! Pack deine Sachen, du kommst gleich mit.“

Einem Kale Bryan widersprach man einfach nicht.

Dierolf stieß einen deftigen Fluch aus und wirbelte herum.

Wütend stapfte er in seine Hütte. Ein Rucksack war schnell gepackt. Viel besaß er ohnehin nicht. Um den Rest würde sich hoffentlich seine Tochter kümmern.

„Kann ich mich wenigstens von Hannah verabschieden?“, fragte er, als er wieder nach draußen trat.

Chief Bryan erwartete ihn mit verschränkten Armen. Er nickte knapp, drehte sich um und lief los. Dierolf entglitt ein weiterer Fluch und rannte hinterher.

Es war lange her, dass er mit Kriegerwölfen gelaufen war, und damals war er in deutlich besserer Form gewesen. Aber seinen Willen besaß er noch und der hielt ihn knapp hinter Bryan, auch wenn er wusste, dass er das am nächsten Tag mit Sicherheit bereuen würde. Überanstrengte Muskeln schmerzten bestialisch.

*

Dies war das erste Mal, dass Dierolf eine Zentrale von Kriegerwölfen betrat. In Europa war er zwar mit Kriegern gelaufen, doch das Hauptquartier der Europe Security hatte er nicht von innen gesehen. Chief Martinak hatte ihm noch nie richtig vertraut.

Und Chief Bryan? Der leitete die Minnesota-Ranger seit einigen Jahrzehnten und wie zu hören war, hatte er die Krieger sehr gut im Griff. Was Dierolf nicht wunderte, aber ziemlich wurmte.

Die Zentrale lag mitten im Wald, im Norden Minnesotas. Etwa vierzig Meilen von Dark Moon Creek entfernt. Nur eine befahrbare Straße führte hierher. Dafür war rund um die Anlage ein umzäunter, schwer gesicherter Bereich angelegt, der Platz für mehrere Transporthubschrauber bot. Und dort waren sie gelandet.

Das Gebäude war wirklich eindrucksvoll. Oberirdisch befanden sich die Fahrzeughalle und diverse Lagerräume, die vollgestopft mit Fahrzeugen, Maschinen und Kisten waren. Mit einem Fahrstuhl fuhren sie nach unten. Die wichtigsten Räumlichkeiten waren unterirdisch angelegt. Dierolf zählte sechs Untergeschosse.

Zunächst ging es in Bryans Büro.

Vor dessen Tür stand ein großer Schreibtisch, an dem eine äußerst attraktive Kriegerwölfin saß, die ihn interessiert musterte.

„Gib Morgan Bescheid, Betty“, befahl Bryan im Vorbeigehen. „Wir haben ein neues Mitglied.“

Dierolf verzog unwillkürlich das Gesicht, was ein äußerst gehässiges Lächeln in der Miene der Wölfin erscheinen ließ.

„Aber mit Vergnügen, Boss“, säuselte sie und griff nach einem Hörer.

Morgan war ein typischer Krieger: Riesig, breit, Finsterblick. Ein echter Sonnenschein also. Aber daran würde Dierolf sich wohl gewöhnen müssen. Er hatte noch keinen Krieger getroffen, der eine herzliche Art in sich trug.

Stoisch ließ Dierolf Morgans Musterung über sich ergehen.

„Du weißt, dass ich deine Entscheidungen selten in Frage stelle, Boss, aber bist du sicher, dass ein Regelbrecher hier reinpasst?“

Bryan hob fragend die Augenbrauen und nickte dann auffordernd zu Dierolf.

„Erzähl deinem zukünftigen Ausbilder, welche Regeln du gebrochen hast.“

Dierolf schnaufte ärgerlich. „Nur, dass ich meine Familie nicht in ein Rudel gesperrt habe. Alles andere ist erstunken und erlogen.“

„Wölfe lügen nicht“, wandte Morgan ein.

„Habe ich gerade die Unwahrheit gesagt?“, kam sofort die Gegenfrage. Morgan runzelte die Stirn. Die Antwort war klar. Dierolf hatte die Wahrheit ausgesprochen. Wölfe konnten das problemlos erkennen.

„Geh davon aus, dass der Ex-Rudelführer aus Deutschland, Albin Bolender, eine Menge Zeit investiert hat, um Bernart Dierolf schlecht dastehen zu lassen. Beinahe hätte es geklappt“, erklärte Bryan. „Abgesehen davon ist es die einzige Möglichkeit, unseren Wolf hier im Auge zu behalten.“

Er schenkte Dierolf ein wölfisches Grinsen.

„Und zufällig weiß ich in etwa, was für Potenziale in ihm schlummern. Er mag nicht die körperlichen Fähigkeiten eines Kriegers haben, aber allein sein sturer Dickschädel wird ihn mithalten lassen.“

Morgan zuckte die Schultern. „Wie du meinst. Also Komplett-Ausbildung?“

„Die Grundkenntnisse hat er. Ich schätze, ein wenig Auffrischung und Fitnesstraining werden erst einmal reichen.“

Dierolf verkniff sich ein Aufatmen. Noch wusste er nicht, was Auffrischung und Fitness bei nordamerikanischen Kriegerwölfen bedeutete.

Er sollte es schnell herausfinden.

Nachdem er seine kleine Wohnung im dritten Untergeschoss bezogen hatte, orderte Morgan ihn auch schon in die Trainingsebene.

Und Dierolf erfuhr, dass seine derzeitige Fitness bei Weitem nicht ausreichte, um diesen Krieger zufrieden zu stellen.

Unter den Augen einiger anderer Ranger wurde er dermaßen zusammengefaltet, dass er abends wie tot ins Bett fiel und den kommenden Tagen nur mit einem ganz miesen Gefühl entgegensah.

Zum ersten Mal verfluchte er seine Entscheidung, Europa den Rücken zuzukehren. Möglicherweise wäre eine Hinrichtung besser gewesen. Andererseits, er ballte die Fäuste, dann hätte er auch keine Zeit mehr mit Hannah verbringen können und sein Tod hätte sehr viel Leid in ihr geweckt.

Nein, er hatte sich entschieden und würde den Mist hier durchstehen.

In einem hatte Bryan recht. Er trug in sich den Willen zu überleben. Egal in welcher Situation. Und so ein paar verdammte Kriegerwölfe würden ihm das nicht ausreden!

Am nächsten Morgen stand ein grimmig blickender Wolf vor Morgan. Und er gab alles.

Abends nickte der Trainer ihm anerkennend zu.

„Ich revidiere meine Meinung. Der Boss hat wohl recht. Du bist ein Kämpfer. Morgen wirst du beim Training der Jungs mitmachen. Mal sehen, wie lange du durchhältst.“

Dierolf biss die Zähne zusammen.

Und wie er durchhalten würde!

Ein Zwangsurlaub

Ende Juni, 2021

Dornbach nahe Nürnberg, Deutschland

„Das ist jetzt ein schlechter Witz! Oder?“

Tiger starrte seinen President ungläubig an.

Big Man, National President des Road Bastards OMC, lümmelte sich lässig hinter dem riesigen Schreibtisch auf einem äußerst breiten Sessel und grinste ihn gehässig an.

„Mein Sohn, ich scherze nie, das solltest du doch wissen.“

„Ich bin nicht dein Sohn“, knurrte Tiger, obwohl Big Man in all den Jahren, die sie sich kannten, für ihn wohl zu einer etwas verqueren Art von Ersatzvater geworden war. Sie verband keine leibliche Verwandtschaft, aber in den letzten Jahren hatte Big Man ihn oft um seine Meinung gefragt und protegiert. Dazu kamen immer kniffligere Aufgaben und Einsätze, die nie ungefährlich waren. Es schien so, als würde der President der Road Bastards ihn testen wollen. Wofür auch immer. Aber vor allem lagen sie auf der gleichen Wellenlänge. Manchmal hatte Tiger sogar den Eindruck, dass sie sich nur ansehen mussten, um zu wissen, was im Kopf des anderen vor sich ging.

Tiger betrachtete sein Gegenüber aufmerksam. Der President war in den letzten Jahren sichtlich gealtert. Klar, übermäßiger Alkohol, hemmungsloser Konsum von Junk-Food und ungebremster Sex mit jungen, willigen Biker-Fangirls hinterließen ihre Spuren, obwohl Big Man behauptete, das würde ihn jung halten. Er war deutlich massiger und langsamer als früher, auch wenn er immer noch wie ein Dampfhammer zuschlagen konnte. Sein rechter Haken war in der Bikerszene legendär.

Doch Tiger ließ sich nicht so leicht täuschen.

Sein Boss wurde alt. Seine Bewegungen, sein körperlicher Zustand, alles deutete darauf hin. Trotzdem loderte immer noch das aggressive Feuer in ihm, das die Road Bastards zusammenhielt.

Tiger wollte gar nicht darüber nachdenken, was passierte, wenn Big Man einmal nicht mehr sein würde. Der alte Teufel war der intelligenteste Stratege, den er je kennengelernt hatte. Big Man hatte nur knapp zehn Jahre gebraucht, um aus einem Haufen lockerer Motorradclubs einen eingeschworenen Verein zu machen, der sich über die Gesetze der üblichen Bevölkerung kaputtlachte und nach eigenen Regeln lebte. Zugegeben, nicht gerade gesetzeskonforme Regeln, aber das störte niemanden in ihren Reihen. Im Gegenteil. Tiger mochte es, den Gesetzeshütern eine lange Nase zu drehen, und ihnen immer einen Schritt voraus zu sein.

Etwas, das er mit Big Man teilte.

Deswegen glaubte er tatsächlich, sich verhört zu haben.

„Ich soll Deutschland verlassen? Fuck, Boss, das ist echt ein schlechter Scherz.“

„Sorry, Junge, aber es muss sein. Gestern stand die geballte Staatsmacht vor meiner Tür und wollte wissen, wo du dich aufhältst. Angeblich hast du vor drei Wochen den Sohn eines Staatsanwaltes ins Koma geprügelt. Es gibt einen Zeugen und einen äußerst angepissten Vater, der Blut sehen will.“

Tiger stöhnte leise, konnte aber nicht verhindern, dass ein breites Grinsen über sein Gesicht zog. An den Knaben erinnerte sich immer noch gerne. Dieser Großkotz hatte doch tatsächlich die Dämlichkeit besessen, ihn einen kriminellen Wichser zu nennen, der mit Sicherheit bald im Knast landen würde. Möglicherweise würde dieser Milchbubi recht behalten. Aber für den Ausdruck in seinen Augen, als Tiger ihm die Faust ins Gesicht gepflanzt hatte, wäre es das auf jeden Fall wert.

Big Man seufzte auf seine typisch theatralische Art.

„Tiger, ich will ja nicht behaupten, dass ich dich nicht verstehe. Vermutlich hätte ich dem Kerl den Schädel eingeschlagen und die Kosten für die lebenserhaltenden Maßnahmen würden die Krankenkassen deutlich weniger belasten, aber ich will meinen besten Mann nicht im Knast haben. Es wird etwas Zeit brauchen, bis wir die Situation bereinigt haben, und bis dahin wirst du den Kopf einziehen und von der Bildfläche verschwinden. Das ist übrigens ein Befehl!“

Tiger stieß ein unwilliges Schnaufen aus, auch wenn er das Kompliment durchaus verstanden hatte.

„Du weißt, dass ich viel von dir halte, Tiger“, fuhr Big Man fort. „Ehrlich gesagt, denke ich, dass du der Einzige in unserem Verein bist, der in der Lage ist, die ganze Scheiße hier zu überblicken.“

Innerlich stimmte Tiger ihm natürlich zu, trotzdem wandte er ein: „Da sind noch Sliver und Balboa ...“

Jetzt schnaufte Big Man empört.

„Das ist nicht dein Ernst. Balboa ist ein hervorragender Kämpfer, klar, aber dumm wie Bohnenstroh. Und Sliver ist zwar schlau, aber nicht hart genug.“

„Sie sind beide Presidents und bei ihren Leuten beliebt“, konterte Tiger.

„Was nicht für die Chapter spricht“, knurrte Big Man. „Aber egal, das ist heute nicht unser Thema. Du wirst Deutschland verlassen! Keine Sorge, wir verbinden das Ärgerliche mit dem Nützlichen. Ich schlage die guten alten Vereinigten Staaten vor. Da gibt es ein paar Outlaws, mit denen ich gerne den Kontakt intensivieren möchte.“

Er listete einige Biker-Clubs auf. Von den meisten hatte Tiger noch nie etwas gehört. Die, die er kannte, weckten jedoch sein Interesse. In dem Punkt hatte Big Man recht. Eine Annäherung konnte geschäftlich durchaus von Vorteil sein.

„Und wie stellst du dir das vor? Soll ich als Lonesome Rider über die Highways brettern und in Bikerhintern kriechen?“

„Besprich das mit deinen Jungs. Im Moment ist es, bis auf deine Anklage, recht ruhig hier. Die anderen MCs haben anscheinend begriffen, dass sie uns besser keinen Ärger machen.“

Tiger musste spontan grinsen. Dass ihre Konkurrenz stillhielt, war wohl hauptsächlich ihm und seinen Nomads zu verdanken. Ihm und dem politischen Geschick von Big Man.

„Grins nicht so selbstgefällig.“ Big Mans Stimme riss ihn aus seiner Erinnerung. „Verpiss dich und sieh zu, dass deine Anwesenheit in Germany in kürzester Zeit endet.“

Tiger murmelte einen leisen Fluch und verließ den Raum.

„Und bring mir gefälligst ein Souvenir mit“, klang es hinter ihm her.

„Du mich auch“, knurrte er zurück und stiefelte die Treppe hinunter in den Hauptraum.

Der Laden war rappelvoll. Überall flegelten Kuttenträger herum, viele mit einem aufgedonnerten Girl in den Armen. Tiger ignorierte das schamlose Treiben um sich herum und steuerte auf einen Ecktisch zu, an dem seine Männer hockten.

Das Nomad-Chapter.

Mit ihm zusammen sieben Mann stark und immer unterwegs. Es gab wohl kaum einen Fleck in Deutschland, den sie noch nicht angesteuert hatten, kein Clubhaus, das sie nicht kannten. Zumindest was die Häuser ihrer Verbündeten anging.

Ein Leben auf der Straße, das anstrengend aber auch aufregend war. Sie hatten es sich ausgesucht und liebten es genau so. Und es schweißte sie zusammen. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Runners grüne Augen fixierten ihn als erste, aber das war nichts Neues. Dieser verfluchte Bastard hatte zweifellos die schärfsten Sinne von allen hier im Raum.

„Tja, Nomads“, knurrte er und ließ sich auf einen freien Stuhl fallen. „Wir haben da ein Problem. Obwohl, eigentlich habe nur ich eines.“

Damit besaß er die geballte Aufmerksamkeit der sechs Nomads.

„Die Bullen suchen nach mir, wegen diesem Großmaul von vor drei Wochen.“

„Dem Milchbubi?“, fragte Lincoln nach. Er war erst Mitte zwanzig, also im etwa gleichen Alter wie der Staatsanwaltssohn. Ihn würde man allerdings nicht als Milchbubi bezeichnen. Seine große und breite Figur unterstrich nur seine grimmige Miene.

Tiger nickte und griff nach der halbvollen Flasche Bier vor seiner Nase.

„Yep, irgendjemand hat sich als Zeuge zur Verfügung gestellt. Der Pres will, dass ich in die Staaten gehe und da Sight Seeing betreibe. Ich soll ihm ein Souvenir mitbringen.“

Er setzte die Flasche an und leerte sie in einem Zug.

Sie starrten ihn sprachlos an. Schließlich brach Flash das Schweigen.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst. Und was ist mit uns? Sollen wir hier auf dich warten und Däumchen drehen?“

Er war der Jüngste in der Truppe und erst seit zwei Jahren dabei. Als Tiger ihn das erste Mal zu Gesicht bekommen hatte, konnte er ihn nicht ernst nehmen. Flash war einfach viel zu hübsch. Sein freundliches Gesicht wurde von blonden Locken umrahmt und machte ihn noch jünger, als er eigentlich war. Es gab kein Biker Girl, das ihm widerstehen konnte, das war von vorneherein klar gewesen. Doch Tiger hatte schnell bemerkt, dass in dem Kleinen eine Menge mehr steckte, als es den Anschein hatte.

Flash war nicht besonders groß und nicht so breit gebaut wie der Rest ihrer Truppe, doch er war ungemein wendig und schnell. Dazu kam, dass er schlau war. Tiger hatte begeistert zugesehen, wie der vermeintlich leicht zu besiegende Junge einen seiner Gegner erst verbal fertig machte und dann mit wenigen gezielten Tritten und Schlägen auf die Bretter schickte. Seitdem war Flash dabei. Tiger hatte es noch keine Sekunde bereut. Auf den Jungen war Verlass und er war Biker mit Leib und Seele. Im Moment wirkte er deutlich angepisst.

Und da war er nicht alleine.

Alle sahen Tiger an, als hätte er den Verstand verloren.

Er stieß einen theatralischen Seufzer à la Big Man aus, auch wenn er sich über die Reaktion seiner Männer freute.

„Jungs, ihr werdet es überleben. Sucht euch einen netten MC mit hübschen Girls und vögelt euch meinetwegen das Hirn raus. Mit etwas Glück bin ich nur ein paar Wochen weg.“

Der Ausdruck in ihren Augen war wirklich bemerkenswert. Wenn Blicke töten könnten, wäre er wohl umgefallen.

„Wer hat dir in dein verdammtes Gehirn geschissen?“, grollte Ork, der eindeutig hässlichste Mann in ihrer Truppe. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir dich alleine Urlaub machen lassen, und wir hängen hier rum und langweilen uns!?“

Tiger grinste süffisant.

„Also als Langeweile würde ich das nicht bezeichnen. Ihr habt die Aussicht auf unzählige Stunden heißen Sex mit willigen Bikermuschis. Ich hingegen werde stundenlang mit meiner Harley dem Sonnenuntergang entgegenfahren, Staub schlucken, jede Nacht in einem anderen MC abhängen, nur fremde Gesichter vor mir haben und Englisch quatschen müssen.“

„Fuck“, murmelte Liberty. „Das ist sowas von unfair.“

Er war der Mechaniker in ihrer Truppe und Tiger wusste zufällig, dass Liberty schon immer davon geträumt hatte, eine Tour über die endlosen Highways der USA zu machen.

„Hat Big Man gesagt, dass du alleine fahren musst?“

Klar, dass die Frage von Flash kam. Der Knabe erkannte immer sofort, wo er nachhaken musste.

Tiger grinste ihn an.

„Nein. Er hat gesagt, dass ich mit euch darüber reden soll.“

Ork schnaufte verächtlich, während die anderen ihn empört ansahen. Nur Runner verschränkte die Arme und wirkte besorgt. Tiger ahnte warum, aber das musste warten. Zunächst wollte er seine Männer in Spur bringen.

„Es ist ein Arbeitseinsatz. Wir sollen Kontakte auffrischen und neue knüpfen.“

In allen Gesichtern las er jetzt Zufriedenheit und in sich selbst spürte er die beruhigende Bestätigung, dass er sich auf seine Männer verlassen konnte. Keiner würde zurückbleiben. Sie gehörten nun einmal zusammen.

Entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten nahm Tiger für die kommende Nacht kein Mädchen mit in sein Zimmer. Wie er erwartet hatte, klopfte es spät am Abend.

Runner trat wortlos ein und warf sich auf einen der wackligen Stühle. Die Gästezimmer des MCs waren nur mit dem Notdürftigsten ausgestattet. Stabiles Mobiliar gab es selten.

„Das wird Probleme geben“, verkündete er.

Tiger hob die Hände in einer unschuldigen Geste.

„Sorry, aber nicht meine Entscheidung. Wenn Big Man hustet, führt man besser seine Anweisungen aus.“

„Du wirst es Wulf melden müssen, und der wird es an Chief Martinak weiterleiten.“

Tiger hob die Schultern. „Und? Wo ist das Problem? Du wirst dabei sein. Ork auch. Wir sind eine Einheit und das wissen deine Leute.“

Runner verdrehte die Augen. „Verdammt, Tiger, es geht darum, dass die USA-Wölfe nicht eingeweiht sind. Lediglich O’Brian und Bryan wissen, dass du und Ork von der Existenz der Wölfe Kenntnis haben.“

„Nun ja“, grinste Tiger. „Das macht das Ganze doch umso spannender. Du weißt, dass wir bisher den Mund gehalten haben. Und ich zumindest habe nicht vor, das zu ändern. Und Ork würde sich eher die Zunge abbeißen, als dich in die Pfanne zu hauen. Also was soll das Problem sein?“

„Das Problem ist, dass es drüben deutlich mehr Wölfe gibt als hier.“

„Mag sein, aber soweit ich das verstanden habe, verteilt sich das. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf welche treffen, ist daher eher gering.“

„Du kennst meine Meinung zu Wahrscheinlichkeiten“, grollte Runner. „Ich hätte zum Beispiel nie geglaubt, dass Martinak dich und Ork am Leben lässt. Die Wahrscheinlichkeit tendierte gegen Null. Trotzdem sitzt du noch hier.“

„Ich habe eben ein einnehmendes Wesen“, grinste Tiger.

Runner schnaubte nur.

Natürlich wusste Tiger, dass sein Bruder recht hatte. Inzwischen war er bereits einige Male vom Chief der Europe Security kontaktiert worden. Dieser Mann war ein knallharter Vertreter seiner Art und ihm war durchaus bewusst, dass er diesem riesigen Wolf körperlich unterlegen war, obwohl er selbst mit seinen beinahe zwei Metern Körpergröße kein Zwerg war.

Kriegerwölfe waren nun mal eine Hausnummer für sich.

Es quälte ihn mehr, als er gedacht hätte, dass er Big Man nichts von seinen neuen Bekannten erzählen durfte. Seit er und Ork vor einem Jahr erfahren hatten, dass sein bester Mann ein Werwolf war, plagte ihn das schlechte Gewissen, nichts verraten zu dürfen. Doch Martinaks Drohung war unmissverständlich gewesen. Erwähnte Tiger diese Tatsache, würde Bikerblut fließen, und ihm war nur zu bewusst, dass auch seine kampferprobten Männer keine Chance gegen ein Rudel Kriegerwölfe hatten.

Also hielt er den Mund und nahm möglichst unauffällig Aufträge von Martinak entgegen. Meistens handelte es sich um Angelegenheiten, die Ork, Runner und er selbst problemlos allein ausführen konnten. Das Erkunden diverser Örtlichkeiten, das Überbringen von Informationen oder Päckchen und einmal auch das Einschüchtern eines kriminellen Kerls, der offenbar an einen Wolf Drogen vertickt hatte. Nichts Aufregendes also, und bisher hatte er den Rest seiner Truppe heraushalten können. Doch ihm war bewusst, dass sich das jederzeit ändern konnte.

„Ich werde die beiden informieren“, lenkte er ein. „Aber Tatsache ist, dass ich Big Man nicht davon abbringen kann. Also werde ich den Schwanz einziehen und in die Staaten reisen. Auch wenn mich das ankotzt.“

Runner nickte. Er wirkte beruhigter. „Glaub nicht, dass ich das nicht nachvollziehen kann. Aber ich denke, wenn du zuerst mit Wulf redest, hast du gute Karten, dass er dir mit Martinak helfen wird. Er mag dich irgendwie, obwohl er unsere Geschäfte zum Kotzen findet.“

Tiger grinste breit. „Nun ja, er selbst ist ja auch kein Sonnenschein. Immerhin hat er den vorherigen Rudelführer beinahe umgelegt.“

„Das war nach Rudelgesetzen sein Recht“, knurrte Runner. „Und es wurde verdammt nochmal Zeit, dass jemand dem Treiben von Bolender ein Ende gesetzt hat. Dieser Mistkerl war eine Schande für alle Wölfe.“

„Mag sein, ich habe ihn nie kennengelernt. Aber dein Wulf hat definitiv Eier in der Hose. Allerdings hat er noch zu viele Skrupel.“

„Er wird mit dir persönlich reden wollen.“

„Von mir aus, aber abreisen werden wir. Egal, was deine Leute davon halten.“

Runner sah ihn zornig an. „Ich gehöre zu dir, das weißt du, Tiger.“

Tigers Hand landete hart auf seiner Schulter. „Du bist mein bester Mann, Runner, und mein Bruder. Das weiß ich sehr genau. Wir haben uns nicht nur einmal gegenseitig den Arsch gerettet und ich will verdammt sein, wenn ich dir jemals misstraue.“

Runner nickte zufrieden. „Gut. Das wollte ich hören. Ich sage Wulf Bescheid, dass wir morgen vorbeikommen.“

Davor würden sie sich wohl nicht drücken können, das war Tiger inzwischen klar. Aber es änderte nichts an der Tatsache, dass er in die USA reisen würde.

Egal, was die Wölfe dazu sagten.

On the Road

Anfang Juli 2021

New York City, New York

Es kam selten vor, dass Bernart Dierolf einen Hafen betrat. Freiwillig eher nicht. Erst recht nicht, wenn es sich um den Hafenbereich von New York handelte.

Doch Bryans Anweisungen waren deutlich gewesen, und so postierte er sich mit mürrischem Gesicht am frühen Vormittag an dem ausgemachten Treffpunkt. Die Gerüche und der Lärm, die zu ihm herüberwehten, ließen seine Laune nicht gerade steigen.

Einzig die Aussicht, dass er New York nicht lange ertragen musste, ließ seine Stimmung nicht komplett abstürzen. Zudem war er, wenn er ehrlich war, mehr als gespannt, was die kommenden Wochen auf ihn zukommen würde.

Er betrachtete die Harley zwischen seinen Beinen und konnte sich ein selbstzufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Theo und er hatten die Road King in mühevoller Arbeit restauriert, und jetzt strahlte sie in neuem, bronzefarbenem Glanz. Sie hatten es sogar geschafft, diesem Baby ein paar PS mehr unter die Haube zu pflanzen. Es hatte Monate gedauert, und Dierolf hatte jede freie Zeit dafür genutzt. Jetzt konnte er mit Recht behaupten, dass es sich gelohnt hatte.

Es war schon länger her, dass er mit einem Bike durch die Gegend gefahren war, aber er hatte diese Zeit noch sehr positiv in Erinnerung. Somit war die Aussicht, die nächsten Wochen auf der Straße zu verbringen, gar nicht mal so übel. Zumal er überhaupt nichts dagegen hatte, seine neue Heimat zu erkunden.

Von daher musste er Bryan für diesen Job sogar dankbar sein. Was er natürlich niemals zugeben würde.

Gespannt blickte er wieder Richtung Hafen. Es war etwa ein Jahr her, dass er Mitglieder der Road Bastards kennengelernt hatte. Damals halfen die drei seinem Enkel Wulf Riemann bei der Rettung einiger Rudelfrauen. Beinahe hätten sie dafür mit ihrem Leben bezahlt, doch O’Brians, Wulfs und seine eigene Fürsprache, und nicht zuletzt Bryans Argumente, hatten Chief Martinak dazu bewogen, die drei Outlaws nicht hinzurichten.

Seitdem hatte er nichts mehr von ihnen gehört. Bryan hielt sich mit Informationen über die Road Bastards sehr zurück. Umso neugieriger war Dierolf, was die Biker von seiner Kindermädchenrolle halten würden. Vermutlich nicht viel, aber Bryan hatte unmissverständlich klar gemacht, dass er nicht bereit war, die Nomads unbeobachtet zu lassen. Immerhin wussten zwei ihrer Mitglieder über Wölfe Bescheid, was eigentlich ein eklatanter Regelbruch war. Runner als alleiniger Aufpasser war wohl nicht vertrauenswürdig genug. Zumindest würden das alle anderen Rudelführer so sehen, da war sich Dierolf sicher. Wölfe wie Runner, die sich keinem echten Rudel anschlossen, wurden per se mit Misstrauen beäugt. Wenn es sich dann auch noch um Outlaws handelte, konnten sie erst recht nicht damit rechnen, dass man ihnen vertraute. Dierolf sah diese Situation sehr viel entspannter. Er kannte Runner nicht, aber der Bursche war seinem Anführer treu ergeben und hätte um das Leben seiner Bikerbrüder gekämpft, das hatte man ihm damals angesehen. So jemand verdiente Respekt, zumal er trotzdem bereit war, Wulfs Rudel zu unterstützen.

Dierolf wusste nicht, was Martinak mit dem Nomad-Anführer ausgehandelt hatte, aber dass der Chief die Biker nicht unbeobachtet ließ, davon konnte man wohl ausgehen. Und so, wie er Martinak kannte, würde dieser mit Sicherheit versuchen, aus einer solchen Verbindung auch Nutzen zu ziehen.

Ein ganz bestimmter Sound ließ ihn aufmerken und dem Geräusch entgegensehen.

Zwischen den Autos bewegten sich sieben Biker im Pulk auf ihn zu. Dierolf verschränkte demonstrativ die Arme und sah ihnen entgegen. Er nutzte die Zeit, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Alle Nomads trugen Lederhose, T-Shirt und ihre Club-Kutte, dazu schwere Bikerstiefel und die unterschiedlichsten Helme. Tiger, der President, fuhr vorneweg, direkt hinter ihm Runner und Rusty, der Vize-President. Ihnen folgten Ork, Flash, Lincoln und Liberty. Die Gesichter hatte er sich schon im Vorfeld eingeprägt. Orks hässliche Visage kannte er bereits, aber die anderen Männer waren ihm noch fremd. Er war ehrlich gespannt, wie er sich mit ihnen vertragen würde.

Die Nomads bremsten direkt vor ihm, ohne sich um den nachfolgenden Verkehr zu scheren. Wildes Gehupe und lautes Fluchen war die Folge, was die Biker überhaupt nicht zur Kenntnis nahmen.

Tiger schob das Visier seines Jet-Helms hoch und grinste Dierolf an.

„Du bist Dierolf. Ich glaube, wir hatten schon das Vergnügen.“

Bernart nickte und grinste zurück.

„Yep. Wenn auch nur kurz, aber das wird sich ja jetzt ändern.“

In den Augen des Bikers las Dierolf, dass diesem diese Situation überhaupt nicht passte. Es würde vermutlich länger dauern, bis er das Vertrauen von Tiger gewinnen konnte.

Wie schon vor einem Jahr war er von der Größe und der Präsenz des Outlaws beeindruckt. Tiger hatte die Statur eines Kriegerwolfes und mindestens die gleiche aggressive und furchteinflößende Ausstrahlung.

Dierolf vermutete, dass er es selbst mit seinen Werwolfkräften schwer gegen Tiger hätte, falls es jemals zu einem Kampf kommen würde. Aber er hatte nicht vor, einen solchen Zusammenstoß zu provozieren.

Sein Blick glitt zu Runner, der ihn mit verkniffener Miene ansah. Dierolf war sich nicht sicher, wie viel der Wolf von ihm wusste und wie er zu ihm stand. Immerhin hatte er das Deutschland-Rudel einige Jahrzehnte gemieden und war in Europa als Regelbrecher und Unruhestifter verschrien. Nun, auch das würde er wohl bald herausfinden.

Die anderen Bastards betrachteten ihn mit Skepsis, aber auch mit einer Portion Neugierde. Lediglich Ork schenkte ihm ein hässliches Grinsen.

Tiger drehte sich zu seinen Leuten um.

„Jungs, das hier ist Dierolf. Er ist im Good Old Germany ein paar Leuten auf die Zehen getreten und hat sich spontan entschlossen auszuwandern. Er wird uns auf unserer Tour begleiten.“ Er nickte Richtung Dierolfs Harley. „Niedlich. Frisch gekauft?“

Dierolf bleckte reflexartig die Zähne.

„Frisch repariert, Bastard. Hat mich ‘ne Menge Zeit gekostet.“

Seine Hand strich liebevoll über den Tank, ohne dass er dem Blick des Bikers auswich. Daher entging ihm die Überraschung nicht, die in Tigers Augen aufflackerte.

Der President nickte anerkennend. „Hat sich wohl gelohnt. Na dann, du kannst dich hinten dranhängen.“

Dierolf fügte sich ohne Widerspruch. Tiger hatte das Sagen, das musste er wohl oder übel akzeptieren, und da er selbst maximal den Status eines Hangarounds besaß, konnte er sich wohl darauf einstellen „Mädchen“ für alles zu spielen.

Also reihte er sich ein und folgte den Nomads durch New York. Ein leises Grinsen überzog sein Gesicht, während er unter dem Gedröhn der schweren Motorräder durch die Straßen fuhr. Auch wenn sie mit acht Personen keine besonders große Gruppe waren, erregten sie Aufmerksamkeit. Er selbst war sicher nicht der Auslöser. Mit seiner Jeans und der stinknormalen Lederjacke wirkte er wohl eher wie ein normaler Biker. Die Nomads waren da ein ganz anderes Kapitel. Kuttenträger wurden immer misstrauisch beäugt und das Colour der Road Bastards war nicht gerade unauffällig. Auf dem Rücken prangte groß ein blutroter Totenkopf, der von gelben Flammen umzüngelt wurde. Darüber stand fett die Aufschrift „Road Bastards“, rechts darunter MC und unter dem Logo „Nomad, Germany“. Jeder der sieben Biker trug zusätzlich eine Menge unterschiedlicher Patches auf der Vorderseite. Eines war ihnen allen gemeinsam: das Onepercenter-Logo. Dierolf wusste inzwischen, dass dieses Patch von Bikern verwendet wurde, die sich nicht um die Regeln und Gesetze anderer scherten, sondern nach ihrem eigenen Codex lebten. Hier in den Staaten wurde dieses Patch nur bei echten Outlaws toleriert. Nun, soweit er informiert war, stand es den Road Bastards durchaus zu. Wieweit ihre kriminellen Aktivitäten gingen, konnte er nur erahnen. Ob er mehr erfahren würde, wagte er zu bezweifeln. Clubinterna wurden nicht an Außenstehende weitergegeben. Aber das störte ihn nicht weiter. Seine Aufgabe war es, zufällige Kontakte mit Wölfen möglichst ohne Stress und Aufmerksamkeit über die Bühne gehen zu lassen. Am besten so, dass es die uneingeweihten Mitglieder der Nomads mitbekamen!

Sie verließen New York noch am gleichen Tag, was Dierolf sehr entgegenkam. Offenbar hatte Tiger schon ein Ziel vor Augen. Lediglich ein kurzer Tankstopp hielt sie noch auf. Dann fuhren sie gen Westen, direkt nach Pennsylvania hinein.

Bloomsburg, Pennsylvania

Als sie am Abend Tigers erstes Ziel erreichten, war Dierolf mehr als froh, dass er sein Gesäß schon auf der Tour von Minnesota nach New York „eingeritten“ hatte. Trotzdem war er steif, während er sich von seinem Bike schwang.

Sie waren zu Gast bei den Crazy Eagles, Pennsylvania. Das Clubhaus des MCs lag am Stadtrand von Bloomsburg, einer Kleinstadt im Osten des Bundesstaates. Es war eine alte Fabrikhalle, die von einem stabilen Metallzaun geschützt wurde. Nur ein größeres Tor erlaubte den Zutritt und dieses wurde von zwei finster blickenden Rockern gesichert.

Dierolf registrierte die fette Bewaffnung der beiden mit leichtem Unbehagen, ließ sich aber nichts anmerken. Auch bei diesen Männern war das Onepercenter-Patch nicht zu übersehen.

Offenbar waren sie angemeldet, da Tiger nur wenige Sätze benötigte, bis man sie einließ und sie ihre Maschinen vor dem Gebäude zu den anderen Bikes stellen konnten.

Instinktiv öffnete Dierolf all seine Sinne, um etwaige Bedrohungen zu registrieren, was er aber sofort bereute, sobald sie das Clubhaus betraten. Ungefiltert strömten die vielfältigsten Gerüche auf ihn ein: Adrenalin, Testosteron, Sexualhormone und intensiver Schweiß bildeten lediglich die Spitze davon. Nur mit Mühe verhinderte er ein gestresstes Knurren. Ein bekannter Geruch ließ ihn kurz zur Seite blicken. Runner stand neben ihm und grinste ihn an.

„Keine Sorge“, spottete der Wolf leise. „Man gewöhnt sich schnell dran. Schon mal mit ‘nem MC gefahren?“

„Nein“, knurrte Dierolf missmutig. „Normalerweise hab ich‘s nicht so mit Gruppendynamik.“

Runner lachte leise. „Na, dann viel Spaß.“

Dierolf unterdrückte einen Fluch. Das würde mit Sicherheit anstrengend werden.

Sie blieben zwei Tage bei den Crazy Eagles.

Dierolf teilte sein Zimmer mit Ork, was eine weitere Herausforderung war. Das Aussehen des Nomads störte ihn dabei weniger. Ork trug seinem Namen tatsächlich Ehre. Er war etwa so groß wie Tiger, also eher ein Riese, und genauso breit. Der Bizeps seiner Arme war gewaltig und wurde durch breitflächige Tattoos, die sich über den kompletten Oberkörper zogen, noch besser in Szene gesetzt. Sein Gesicht war dagegen ein anderes Kapitel. Es war mit fetten Narbenwülsten überzogen, die nur von einem wilden Zottelbart verdeckt wurden. Seine Glatze war genauso gezeichnet und Dierolf fragte sich nicht nur einmal, was diesen Mann so verunstaltet hatte. Der Blick des Bikers zeugte allerdings von wacher Intelligenz. Die hellblauen Augen waren ununterbrochen in Bewegung und schienen die Umgebung abzuscannen.

Dierolf mochte ihn. Ork war zweifellos ein Außenseiter in der normalen Gesellschaft und für solche Leute hatte er schon immer Sympathien gehegt. Dass der Biker bei den Outlaws eine Familie gefunden hatte, war vermutlich unvermeidlich gewesen. Hier strandeten viele gescheiterte und verstoßene Existenzen.

Wie gesagt, das störte Dierolf nicht weiter. Sein Problem war das gemeinsame Bett. Dierolf selbst war eher der zähe, asketische Typ, also schlank. Ork dagegen entsprach mehr einem Panzerschrank und entsprechend beanspruchte sein Körper den Platz auf der Matratze.

Das Doppelbett war zwar breit, trotzdem wurde Dierolf an die Bettkante gedrängt und sah sich mehrmals in der Nacht gezwungen, den Biker mit aller Kraft zur Seite zu schieben. Ork grunzte dabei lediglich und sah keine Veranlassung, aufzuwachen.

Nach der ersten Nacht knurrte Dierolf ihn leicht übermüdet von der Seite an.

„Brauchst du immer ein Ehebett oder geht es auch mit weniger Ausdehnung?“

Ork schnaufte amüsiert, während er sich überraschend sorgfältig den Zottelbart durchkämmte – was nicht besonders viel nützte.

„Ich nutze das, was da ist“, kam die erhellende Antwort nach einiger Zeit.

Diesmal schnaufte Dierolf, beschloss aber, nicht auf diesem „Problem“ herumzureiten. Mit etwas Glück bekam er beim nächsten Mal einen anderen Zimmerpartner und bisher hatte sich Ork ihm gegenüber korrekt verhalten.