Seelenfresserin - Ana Marna - E-Book

Seelenfresserin E-Book

Ana Marna

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Beschreibung

Seit Selina Serra denken kann, verbirgt sie ihre besondere Gabe. Doch dann tauchen im Waisenhaus unheimliche Frauen auf und sie muss um ihr Leben fürchten. Ausgerechnet ein Vampir verhilft ihr zur Flucht und führt sie in eine Welt ein, in der es nicht nur Hexen und Vampire gibt. Selina begibt sich auf die Suche nach den Ursprüngen ihrer Gabe und erfährt, dass nicht nur Hexen allen Grund haben, Selinas Magie zu fürchten. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Doch dann werden in den USA einige ihrer Kinder entführt und es kommt zu brutalen Todesfällen. Das Geheimnis der "Hidden Folks" droht aufzufliegen und es beginnt die verzweifelte Suche nach den Verrätern und deren Verbündeten.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ana Marna

Seelenfresserin

The Hidden Folks

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Sonntag, 1. April 1990

Montag, 16. Juni 1997

Sonntag, 21. Juni 1997

Dienstag, 15. Juni 1999

Sonntag, 19. Mai 2002

Montag, 20. Mai 2002

Mittwoch, 22. Mai 2002

Sonntag, 26. Mai 2002

Montag, 27. Mai 2002

Montag, 31. März 2008

Dienstag, 1. April 2008

Dienstag, 5. Juli 2011

Montag, 11. Juli bis 16. Juli 2011

Februar bis August 2012

Montag, 12. November, 2012

Freitag, 16. November 2012

Samstag, 17. November 2012

Sonntag, 18. November 2012

Montag, 19. November 2012 bis März 2013

Juni, 2013

Juli, 2013

November, 2013

Juli, 2014

Freitag, 20. März 2015

Samstag, 21. März 2015

Samstag, 11. April 2015

Montag, 13. April 2015

Dienstag, 14. April 2015

Mittwoch, 15. April 2015

Rückblick, Mai 2010

Donnerstag, 16. April 2015

Freitag, 17. April 2015

Montag, 20. April 2015

Sonntag, 3. Mai 2015

Anhang

Wie es weitergeht …

Nachwort

Impressum neobooks

Sonntag, 1. April 1990

Stuttgart, Deutschland

Langsam tastete sich das Bein vor. Das zweite folgte, dann das dritte, vierte, bis alle acht Gliederbeine sich vorsichtig über die weiche Haut schoben.

Sie war warm, so angenehm warm und attraktiv. Der Geruch war unwiderstehlich und lud sie geradezu ein, weiter zu klettern. Natürlich war sie nicht allein. Noch mehr Beine schoben sich heran. Ungewohnte Nähe von verwandten Seelen, doch das war nicht wichtig. Immer mehr Beine, immer mehr Körper scharrten sich um sie herum und erkundeten den warmen, weichen Leib, der sich in einem sanften Rhythmus hob und senkte.

Ein lautes Glucksen brachte ihre Haare zum Schwingen und ließ sie kurz verharren. Die Schallwellen waren stark, doch es ließ sich aushalten. Die Wärme war anziehender und der Duft immer noch unwiderstehlich.

Doch dann wurde es ungemütlich. Ein gellender Schrei zerriss die Luft und dann verrieten heftige Druckwellen drohende Gefahr.

Flucht! Und zwar schnellstens!

Alle stoben davon, in jede Himmelsrichtung, doch für manche war es zu spät. Grobe und brutale riesige Füße stampften auf zarte Körper und filigrane Gliederbeine und brachten Tod und Verderben.

Corinna Serra schrie und trampelte panisch auf den fliehenden kleinen Schatten herum. Der Anblick, der sich ihr bot, als sie das Kinderzimmer betreten hatte, trieb sie an den Rand eines Herzinfarkts.

In dem Kinderbett lag glücklich glucksend ihre kleine Tochter und streckte ihr fröhlich die zarten Babyarme entgegen. Dabei purzelten unzählige kleine Körper von ihr – Spinnen!

Zahllose Spinnen jeglicher Größe wimmelten über das Kinderbett und über den Babyleib, bedeckten jeden Zentimeter der zarten Haut. Das Gesicht war kaum zu sehen.

Corinna Serra schrie, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte. Sie packte das nächstbeste Kleidungsstück und begann panisch, auf das Grauen einzuschlagen. Als die Spinnen flohen, trampelte sie wie besessen auf den widerlichen Kreaturen herum.

Aus dem fröhlichen Glucksen der Kleinen wurde erst ein Weinen und dann ein schrilles Schreien.

Corinna eilte besorgt näher. Zu ihrer Erleichterung schien ihre Tochter unverletzt. Keine Bissspuren waren zu sehen und mittlerweile auch keine Spinne mehr.

„Alles ist gut, meine Kleine!“ Sie streckte die Arme aus, um ihr Kind aus dem Bett zu heben. „Selina, Kleines, alles ist jetzt wieder gut!“

Das Gebrüll schwoll an und ließ sie zögern. Irritiert betrachtete sie das Babygesicht. Das war kein Angst- oder Schmerzgeschrei mehr. Das war blanker Zorn. Die Babyaugen funkelten sie wütend an.

„Selina“, flüsterte sie erschrocken. „Was ist denn, Liebes? Diese kleinen Monster sind doch alle weg. Sie können dir nichts mehr tun!“

Doch Selina Serra brüllte weiter und ließ sich nicht beruhigen.

Erst Stunden später schlief sie aus lauter Erschöpfung ein.

Corinna Serra sah ihre Tochter nie wieder lächeln.

Montag, 16. Juni 1997

Stylianos-Stift, Stuttgart

„Soso, du bist also Selina Serra.“

Mathilde Löw, Heimleiterin des Stylianos-Stifts, betrachtete das kleine Mädchen, welches mit niedergeschlagenen Augen vor ihrem Tisch stand. Die schwarzen Haare hingen in dichten Locken bis zu den Hüften hinunter. Die Haut wies einen zarten Braunton auf, der auf eine südliche Abstammung hindeutete.

Selina war für eine Siebenjährige eher klein und zartgliedrig. Sie wirkte auf die Heimleiterin wie ein Püppchen, das beim nächsten Windhauch fortgeweht werden würde.

Mathilde Löw seufzte innerlich. Dieses Kind war dafür prädestiniert, ein beliebtes Opfer für so manchen Heimbewohner zu sein, da war sie sich bereits sicher.

„Selina“, fuhr sie mit sanfter Stimme fort. „Ich weiß, dass es schwer für dich ist. Die Mutter zu verlieren ist furchtbar und in einem Waisenheim zu landen macht es sicherlich nicht besser. Doch glaube mir, dass wir uns nach allen Kräften bemühen werden, dass es dir bald wieder besser geht. Zumindest wirst du nicht alleine sein und wir werden sehr gut für dich sorgen. Ich bin mir sicher, dass du hier schon bald nette Freundinnen finden wirst. Vorerst wirst du mit Lisa und Janina das Zimmer teilen. Sie werden dir alles zeigen und die Regeln unseres Hauses erklären. Hast du noch Fragen?“

Das Mädchen hob den Kopf und seine schwarzen Augen blickten die Heimleiterin ruhig an.

„Wann kann ich wieder gehen?“

Mathilde Löw holte tief Luft. Mit dieser direkten Frage hatte sie nicht gerechnet.

„Also – das wird wohl noch einige Zeit dauern, Selina. Zunächst wirst du die Schule hinter dich bringen müssen. Du gehst doch gerne zur Schule, oder?“

„Nein. Schule ist langweilig.“

Wieder war die Heimleiterin überrascht. So viel Ehrlichkeit bekam sie selten zu hören.

„Nun, ab morgen wirst du auf eine andere Schule kommen. Vielleicht ist diese ja nicht so langweilig, wie deine alte“, lächelte sie. Das Lächeln wurde nicht erwidert. Selina Serras Gesicht zeigte weder Zweifel noch Zustimmung oder sonst irgendeine Regung. Sie schien einfach nur abzuwarten.

„Also gut, dann solltest du dir jetzt dein neues Zimmer ansehen.“

Mathilde Löw erhob sich. Bislang konnte sie dieses Kind überhaupt nicht einschätzen.

*

Selina sah sich stumm in ihrem zukünftigen Zimmer um. Es war klein und beinhaltete drei Betten, einen Tisch mit drei Stühlen und einen dreiteiligen Kleiderschrank. Zu jedem Bett gehörte ein kleines Schränkchen. Über zweien der Betten hingen Poster aus billigen Zeitschriften und die Bettwäsche wirkte benutzt. Das Dritte war frischbezogen und kalt.

Ihr Blick fiel auf die zwei Mädchen, die stumm auf den Stühlen hockten und sie anstarrten. Eines war etwa so alt wie sie und lächelte ihr zaghaft zu, die Heimleiterin nannte es Lisa. Das andere war etwa zwei Jahre älter und sein Blick wirkte ablehnend. Janina würde versuchen, ihr das Leben schwer zu machen, das erkannte Selina mit sicherem Gespür.

Kaum hatte die Heimleiterin das Zimmer verlassen, da ging es auch schon los.

Janina baute sich mit verschränkten Armen vor ihr auf.

„Selina ist ein dämlicher Name. Ich werde dich Nana nennen.“

„Ist gut, Jaja.“

Janinas Gesicht verfinsterte sich sofort und ihre Arme sanken mit geballten Fäusten nach unten.

„Wie war das?“

„Du kannst mich gerne Nana nennen. Dafür werde ich dich Jaja rufen. Das ist nur fair.“

Janinas Faust schoss vor. Aber Selina glitt zur Seite, so dass der Schlag ins Leere ging und das Mädchen nach vorne taumelte. Selina trat einfach einen weiteren Schritt von ihr weg und wartete ab. Eines hatte sie in ihrem kurzen Schulleben bereits gelernt. Konfrontationen klärte man am besten sofort. Lieber ein blaues Auge, als ständige Pöbeleien.

Lisa hatte sich in den hinteren Teil des Zimmers zurückgezogen. Mit großen Augen verfolgte sie die Auseinandersetzung.

Wütend ging Janina auf das schwarzhaarige Mädchen los. Diesmal wich Selina nicht aus. Sie war kleiner und offensichtlich schwächer, doch ihre Flinkheit war ein Vorteil.

Der Kampf war kurz, aber heftig. Selina verlor ein paar Haare und erhielt einige Kratzer im Gesicht, während Janina ein blaues Auge davontrug. Zum Schluss standen die beiden sich geduckt und wachsam gegenüber.

„Miststück“, fauchte Janina. Selina hob die Schultern.

„Lass mich einfach in Ruhe. Dann lass ich dich auch.“

Das blonde Mädchen presste wütend die Lippen zusammen und sah dann zu Lisa.

„Los, räum hier auf!“

Die Kleine zuckte zusammen und kam hastig angelaufen. Selina trat zu ihrem neuen Bett und warf den Rucksack darauf. Dann beobachtete sie, wie Lisa das Zimmer picobello aufräumte.

Janina zog sich ebenfalls zurück und schoss nur ab und zu finstere Blicke zu ihr hinüber. Der Kampf war nur unterbrochen, Waffenstillstand nicht in Sicht.

Sonntag, 21. Juni 1997

Stylianos-Stift, Stuttgart

Die schrillen Schreie gellten durchs Haus und ließen alle hochfahren.

Heimleiterin Löw rannte mit einem höchst ärgerlichen Gesichtsausdruck im Bademantel über den Gang und riss die Tür auf.

Janina sass auf ihrem Bett und schrie wie am Spieß.

Die Heimleiterin trat auf sie zu und umfasste ihre Schultern.

„Janina! Hör auf, was ist denn nun schon wieder?“

„Die Spinnen!“ In den blauen Kinderaugen las sie die nackte Panik. „Da waren überall Spinnen!“

Mathilde Löw sah unwillkürlich aufs Bett, doch nichts war zu sehen. Nur das geblümte Muster der Bettdecke.

„Jetzt beruhige dich, Janina.“ Sie schüttelte das Mädchen sanft. „Hier ist keine Spinne. Nicht eine einzige. Du hast wieder geträumt.“

„Hab ich nicht“, schluchzte das Mädchen. „Sie waren hier auf meinem Bett. Ganz viele. Bitte, Frau Löw, ich möchte hier nicht mehr schlafen. Nie wieder!“

Die Heimleiterin seufzte und sah zu den anderen beiden Mädchen. Lisa hatte sich ängstlich die Decke bis unter das Kinn gezogen. Selina lag völlig ruhig in ihrem Bett und zeigte überhaupt keine Regung. Wie immer.

Wieder sah sie zu Janina. Dies war schon die fünfte Nacht, in der das Mädchen mit ihren Schreien das gesamte Haus aufgeweckt hatte.

„Also gut“, meinte sie. „Morgen wechselst du das Zimmer. In Nummer Vier ist noch ein Bett frei.“

„Ich will hier nicht bleiben“, heulte Janina. „Ich will hier sofort raus!“

Es dauerte keine zehn Minuten, dann kehrte in Zimmer Zwei wieder Ruhe ein. Janina hatte den Raum gewechselt.

„Glaubst du, dass die Spinnen noch hier sind?“, flüsterte Lisa in die Dunkelheit hinein.

„Sie sind weg.“

„Also waren sie wirklich da?“

„Ja.“

„Werden sie wiederkommen?“

„Fürchtest du dich vor ihnen?“

„Ja.“ Lisas Antwort war leise, kaum mehr ein Hauch.

„Dann nicht.“

Lisa lag mit offenen Augen in ihrem Bett und überlegte, ob sie jetzt erleichtert oder besorgt sein sollte. Woher wusste dieses seltsame Mädchen, dass die Spinnen nicht wiederkehrten? Doch sie glaubte ihr. In Selinas Stimme hatte so viel Überzeugung gelegen, dass sie ihr einfach glauben musste.

Dienstag, 15. Juni 1999

Stylianos-Stift, Stuttgart

Selina beobachtete aus den Augenwinkeln ihre Tischnachbarn. Vierundzwanzig Kinder, so wie vier Erwachsene hockten an zwei langen Tischen und hielten die Hände zum Tischgebet gefaltet.

Selinas Gedanken waren nicht bei der Sache. Gebete hatten ihr noch nie gefallen. Sie erinnerte sich an die Versuche ihrer Mutter, sie abends zu einem Gutenacht-Gebet zu bringen, doch irgendwann hatte sie aufgegeben. Ihre Tochter verweigerte sich, indem sie einfach die Lippen zusammenpresste und die Hände offen auf die Bettdecke legte.

Hier im Heim würde sie das natürlich nicht tun. Nicht auffallen war wichtig, das hatte sie in den letzten zwei Jahren gelernt. Also faltete sie die Hände und hielt still. Ihr entgingen nie die anderen Augenpaare, die desinteressiert über den Tisch blickten. Gebete waren nicht nur ihr ein Gräuel. Doch sie vermied es, Blickkontakte herzustellen.

Es gab nur eine Person, der sie erlaubte in ihre Nähe zu kommen, und das war Lisa, ihre Zimmergenossin. Alle anderen waren unwichtig. Ein Jahr hatte es gedauert, bis die anderen Kinder dies begriffen hatten.

Selina Serra war keine Freundin. Sie war auch keine Feindin, solange man sie in Ruhe ließ. Sie verpfiff niemanden und hetzte niemanden auf. Sie ergriff keine Partei und hielt sich aus allem heraus. Manchmal schien es, als sei sie nicht existent. Nur wenn es um Lisa ging, stand sie da. Wachsam und präsent. Selbst Janina hatte gelernt, sich ihr gegenüber zurückzuhalten.

Die Erwachsenen waren noch einfacher zu händeln. Selina widersprach nicht. Sie redete überhaupt sehr wenig und wenn, dann nur leise und unaufgeregt. Nichts schien sie aus der Ruhe zu bringen und sie hielt sich immer am Rand der Wahrnehmung.

Die einzige Unruhe, die durch sie entstand, war vor etwa einem Jahr passiert. Ein Ehepaar wollte ein Mädchen adoptieren, und Selina war in die nähere Auswahl gekommen.

Stumm und mit gesenktem Kopf hatte sie vor dem großen Gesprächstisch im Büro der Heimleiterin gestanden. Das Ehepaar Danzig hatte ebenfalls dort gesessen und sie freundlich angelächelt. Sie erzählten ihr von ihrem großen Haus, dem schönen Garten, und dass sie viele Reisen unternahmen.

Selina lauschte schweigend und betrachtete die fahrigen Hände der Frau. Sie waren langgliedrig und gepflegt, doch sie wirkten unruhig. Beinahe hektisch.

Plötzlich schrie die Frau erschrocken auf und ihre Hände zuckten panisch zurück. Eine große Spinne lief quer über den Tisch, schnell und lautlos. Die Heimleiterin sprang erschrocken auf und der Mann griff nach einer Zeitschrift, die in der Mitte des Tisches lag.

Selina beobachtete Frau Danzig, wie sie mit ängstlichem und angewidertem Gesicht zurückwich. Als die Zeitschrift auf den Tisch knallte, hatte die Spinne bereits den Kurs gewechselt und fiel auf Selinas Seite über die Tischkante. Die Heimleiterin kam herumgelaufen und sah suchend auf den Boden. Doch das Tier war nicht mehr zu sehen.

„Wo ist sie hin?“

„Weg“, kam die ruhige Antwort von Selina, die sich nicht von der Stelle gerührt hatte.

Ruhe kehrte wieder ein. Nach einigem hin und her kam dann die Frage von Frau Danzig, auf die Selina ungeduldig gewartet hatte.

„Und Selina? Könntest du dir vorstellen, es mit uns zu versuchen?“

„Nein!“

Die Antwort kam ruhig und entschieden. Das Ehepaar Danzig starrte sie perplex an.

„Aber, - warum denn nicht“, fragte Frau Danzig fassungslos. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet.

Selinas schwarze Augen trafen die ihren.

„Ich mag Sie nicht.“

Die Frau schnappte nach Luft. Heimleiterin Löw sah sie ärgerlich an.

„Selina! Das war nicht sehr höflich!“

Das Mädchen blickte nun sie an.

„Aber es ist die Wahrheit.“

Mathilde Löw stieß einen lauten Seufzer aus.

„Mag sein, aber man kann so etwas auch netter sagen.“

Selina schwieg und wartete darauf, dass sie endlich hinausgeschickt wurde.

Als sie irgendwann im Korridor stand, schritt sie zügig nach draußen in den kleinen Innenhof. Dort sah sie sich wachsam um und bückte sich. Aus dem Hosenbein kletterte die Spinne und erklomm ihre ausgestreckte Hand.

Selina hob sie dicht an den Mund.

„Danke, Wahrheitsfinderin“, flüsterte sie dem Tier zu und setzte es hinter einer Mülltonne auf den Boden.

Seit dieser Episode war sie nicht mehr gefragt worden und das war ihr nur recht. Heimleiterin Löw hatte ihr eine Standpauke in Sachen Anstand gehalten, der sie natürlich aufmerksam zuhörte. Höflichkeit und Unehrlichkeit lagen gemeinsam in einer Grauzone, hatte sie den Worten entnommen, und beschlossen, dass sie diese Grauzone nicht mochte.

Besser, sie kam ohne sie aus.

Nun, ein Jahr später, hatte sich ihre Meinung diesbezüglich immer noch nicht geändert. Sie fand es schwierig, Höflichkeit von Unehrlichkeit zu unterscheiden, und blieb lieber bei der Wahrheit. Da diese aber häufig zu Ärger bei den Erwachsenen führte, versuchte sie, alle Situationen zu vermeiden, die Höflichkeit erforderten. Meistens gelang es ihr.

Doch das Tischgebet war ein unangenehmer Kompromiss. Es widerstrebte Selina, so zu tun, als wäre ihr das Gebet wichtig. Doch dieses Ritual war in den Hausregeln fest vorgeschrieben. Es anzuzweifeln, würde langwierige Diskussionen und möglicherweise auch Bestrafung nach sich führen – und viel zu viel Aufmerksamkeit auf sie lenken.

Nach dem Mittagessen zogen sich alle auf ihre Zimmer zurück.

Hausaufgabenzeit.

Selina liebte die Phase der Ruhe und Konzentration. Dies war die einzige Zeit im Haus, in der es wirklich still war. Danach kamen Hausarbeit und Gartenarbeit an die Reihe, und die Lautstärke schwoll üblicherweise deutlich an.

Selina beschwerte sich nicht. Die Aufgaben waren nicht schwer und altersgemäß verteilt. Meistens musste sie in der Küche helfen und ab und zu den Hof fegen oder ein Beet von Unkraut befreien. Die Arbeit an der frischen Luft gefiel ihr am besten, doch da sie nicht die Einzige war, kam sie nicht allzu häufig dran.

Heute musste sie den Hof fegen und das steigerte ihre Laune etwas. Doch als sie danach wieder ihr Zimmer betrat, fand sie Lisa zusammengerollt auf ihrem Bett liegen.

Das war ungewöhnlich.

Sie hockte sich auf ihr eigenes Bett und sah zu ihrer Zimmergenossin.

„Bist du krank?“

Nur ein kaum wahrnehmbares Beben erschütterte den schmalen Körper. Selina sah genauer hin. Lisa weinte.

Langsam stand sie auf und trat zu ihr hin. Sie legte eine Hand auf Lisas Arm.

„Was ist los?“

Lisa krümmte sich noch mehr in sich zusammen und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Kehle.

Selina setzte sich auf die Bettkante und wartete geduldig.

Es dauerte sehr lange, bis ein leises Flüstern an ihr Ohr drang.

„Er hat mir wehgetan.“

„Wer?“

„Arno.“

Der Name war nur gehaucht.

Selina runzelte die Stirn. Arno war der einzige männliche Betreuer in diesem Heim. Sie mochte ihn nicht besonders, hatte aber nur wenig mit ihm zu tun. Einmal hatte er sie lächelnd gefragt, ob sie ihm einen Gefallen tun wollte, und sie antwortete ihm mit Nein. Er war erst verdutzt, dann ärgerlich geworden, sprach sie dann aber nie mehr an.

„Was hat er getan?“

„Er – er hat mich angefasst. Da unten. Und mit seinem Mund. Und – und dann hat er sein Ding in mich gesteckt. Es hat so wehgetan.“

Stockend, und von vielen Schluchzern unterbrochen, erzählte Lisa, was ihr an diesem Nachmittag widerfahren war.

In Selinas Innerem wurde es immer kälter.

Auch mit neun Jahren wusste sie, was ihrer Freundin angetan worden war. Sexualität war ein offenes Thema unter den Heimkindern. Und dass es Erwachsene gab, die Kindern damit Gewalt antaten, war auch ihr zu Ohren gekommen. Einmal im Jahr wurde es von den Betreuerinnen thematisiert. Meistens kommentierten die Kinder diese Belehrungen mit Kichern und blöden Witzen, doch Selina hatte den Ernst, der dahinter stand, verstanden. Und jetzt, wo sie die bebenden Schultern ihrer kleinen Freundin sah, kroch Zorn in ihr hoch. Das würde sie nicht zulassen. Nicht noch einmal!

Sanft legte sie die Hand auf Lisas Stirn.

„Er wird es nicht wieder tun“, versprach sie leise und zog sich dann zurück. Sie musste nachdenken. Wie konnte sie Arno dazu zwingen, Lisa in Ruhe zu lassen, ohne ihre Freundin in Schwierigkeit zu bringen? Wenn sie die Heimleiterin darauf ansprach, würde Lisa mit Sicherheit ausgefragt werden, und das war nicht akzeptabel. Arno war noch nie auffällig geworden, und die Gefahr, dass man sie zu einer Lügnerin abstempelte, war groß. Nein, in diesem Fall musste sie sich eingestehen, dass die Wahrheit wenig hilfreich war. Arno musste verschwinden, ohne dass ein Zusammenhang mit Lisa hergestellt wurde. Doch zunächst wollte sie sicher sein. Sicher, dass Arno wirklich eine Gefahr für Lisa und andere Mädchen war.

Sie legte sich auf ihr Bett und schloss die Lider. Sie brauchte Informationen, und da gab es für sie nur eine Möglichkeit. Freundliche, hilfsbereite Augen.

*

Arno Stadtfeld seufzte genüsslich, während seine Hand über die zarten Pobacken strich, die sich vor ihm aufreckten. Langsam glitt sein Finger in die schmale rosa Spalte.

„Gefällt dir das, meine Süße?“

„Ja!“

Die Antwort war leise und zittrig, und ein Beben erschütterte die schmalen Oberschenkel. Arno beugte sich vor und tauchte seine Zunge tief in das süße Nass.

„Mir auch“, seufzte er und öffnete langsam seine Hose. „Glaub mir, es wird noch viel schöner für uns beide. Und wenn du brav bist, verspreche ich dir ein riesiges Eis mit allem, was dazu gehört.“

Er schob sich über den zuckenden kleinen Körper und versenkte sich tief in ihn. Die gedämpften Schreie nahm er kaum wahr. Sie waren Lustgewinn und steigerten seine Euphorie nur noch. Wieder und wieder stieß er vor und trieb sich in eine Ekstase, die so berauschend und beglückend war. Seine Hände strichen über die glatte nackte Haut, die sich unter ihm wand und zuckte. Dies war Glückseligkeit und Droge in einem.

Kleine aufmerksame Augen glitten die Wand entlang. Sinneshaare waren aufgestellt und registrierten jede Erschütterung, jede Schallwelle, jede Bewegung. Kleine Körper, die durch Schatten huschten und jede Deckung nutzten. Lautlos und unbemerkt. Sie erkundeten das Zimmer, und erst, als sie das tränennasse Kindergesicht registriert hatten, verschwanden sie wieder.

Arno Stadtfeld schloss zufrieden seine Hose und tätschelte ein weiteres Mal den nackten Kinderpo.

„Brave kleine Janina“, lächelte er. „Du hast dir dein Eis wirklich verdient. Aber vergiss unsere Abmachung nicht. Kein Wort zu irgendjemand. Du weißt, was sonst passiert!“

Janina nickte hastig und griff nach ihrer Hose, doch Arno hielt ihre Hand fest.

„Moment, meine Kleine. Lass mich noch einmal etwas Nachspeise genießen.“

Wieder beugte er sich vor und spreizte ihre Beine weit auseinander.

Janina schloss die Augen und stellte sich vor, dass sie weit, weit weg war. Weit weg von diesem Zimmer, von diesem Mann und dieser feuchten, gierigen Zunge, die tief zwischen ihren Beinen leckte und sie auszusaugen schien.

Nichts konnte schlimmer sein. Nicht einmal Spinnen.

*

Es war weit nach Mitternacht, als Arno Stadtfeld die Augen aufschlug. Irgendetwas hatte ihn aufgeweckt, doch kein Lärm war zu hören. Schläfrig lauschte er nach der Störquelle, bis er registrierte, dass es kein Geräusch war, das ihn geweckt hatte. Ein ungewohntes Kribbeln war auf seiner Haut.

Huschende Bewegungen, die er nicht sah, nur spürte.

Gänsehaut überzog seinen Körper und langsam tastete er nach der Nachttischlampe. Als das Licht aufglomm, fiel sein Blick auf seinen Arm und er erstarrte. Dunkle, krabbelnde Körper mit langen gliedrigen Beinen klammerten sich an ihm fest und färbten den Arm schwarz. Mit einem entsetzten Schrei fuhr er hoch und sah, dass der Albtraum noch weitaus schlimmer war. Sein Bett war dunkel von einer bewegten Masse. Kleine wimmelnde Körper bedeckten nicht nur die Bettdecke, sondern krabbelten an seinem Leib herum.

Spinnen, erkannte er, hunderte, ja tausende von Spinnen in allen Größen kletterten an ihm hoch. Wieder stieß er einen Schrei aus, der aber sofort erstickt wurde. Nacktes Entsetzen packte ihn, als sein Mund sich füllte. Chitinige, kratzige, winzige Klauen hakten sich in der Mundschleimhaut fest und drängten sich nach innen, tief in den Rachen.

Arno Stadtfeld röchelte in Todespanik. Ein flammender Schmerz durchfuhr seine Brust und ließ den Atem stocken. Wimmernde Laute drangen aus seinem Mund und die Hände fuhren hoch, schlugen panisch um sich. Dann senkte sich die Dunkelheit vor seine Augen und er sackte in sich zusammen.

Die schwarze Flut an Spinnenleibern zog sich zurück und verteilte sich, drängte durch jede Ritze und jeden Spalt nach draußen. Keine Minute später war nichts mehr von ihnen zu sehen. Nur Arno Stadtfeld lag mit weit aufgerissen Augen und geöffnetem Mund zusammengesunken auf seinem Bett.

Sie fanden ihn am frühen Vormittag, und der eilends herbeigerufene Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.

„Verdacht auf Herzinfarkt“ schrieb der Arzt in sein Formular und niemand zweifelte es an. Arno Stadtfeld war mit zweiundfünfzig Jahren zwar nicht alt, doch sein Beruf war anstrengend. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen forderte einem Erzieher so einiges ab, das wusste jeder. Keiner hielt es für nötig, näher hinzusehen und so fand auch niemand die chitinigen Leiber in seinem Hals, die es nicht mehr nach draußen geschafft hatten.

Ihr Tod wurde betrauert, doch sie waren gerne gefolgt.

Mathilde Löw und ihre Kolleginnen trauerten ihrem freundlichen Kollegen noch lange nach. Die Botschaft in den Augen einiger Mädchen entging ihnen. Diese glitzerten erleichtert, und in den nächsten Wochen wirkten sie gelöster und entspannter als sonst.

Sonntag, 19. Mai 2002

Bornefeld, nahe Stuttgart

Das Insektarium der kleinen Stadt Bornefeld war groß und gut besucht. Überall standen neugierige Menschen herum, flitzten Kinder hin und her und stießen begeisterte Schreie aus. Manche Gesichter blickten fasziniert, viele eher angeekelt. Doch die wenigsten Besucher schienen uninteressiert zu sein.

Vor einigen Glasscheiben standen kaum Leute. Andere wiederum waren belagert, und man musste schon rücksichtslos sein, um etwas sehen zu können.

Selina blieb vor jedem Fenster stehen. Seit zwei Stunden wanderten sie und die anderen Heimkinder durch die Räume.

Es war Sonntag und Ausflugstag.

Normalerweise mochte Selina diese Tage nicht, doch das Insektarium gefiel ihr. Zumindest teilweise. Was sie traurig machte, waren die Glasscheiben.

Eingesperrt zu sein für den Rest eines kurzen Lebens kam ihr unfair vor. Immerhin wusste sie inzwischen mehr über Biologie und das Verhalten von Tieren. Mit zwölf Jahren war sie in der Lage, sich durch die entsprechende Literatur zu arbeiten, und so war ihr bekannt, dass Insekten und andere Gliedertiere nicht unbedingt den Bedarf an Freiraum hatten wie zum Beispiel Säugetiere. Doch sie waren abhängig und es gab keinerlei Abwechslung. Keine Herausforderung, kein echtes Leben.

Immerhin musste hier niemand hungern, und so beschloss Selina, die Gefangenen einzeln zu würdigen. Sie versuchte, jedem einen Blick zu gönnen, und tatsächlich kamen ihr die kleinen Bewohner entgegen. Sie musste nie lange warten oder suchen. Im Gegenteil. Chitinige Glieder schoben sich in ihre Richtung und zeigten sich in all ihrer Pracht und Farbe.

Die Spinnen hob sie sich für den Schluss auf. Sie bewunderte ihre Vielfalt und grazilen Bewegungen, wenn sie hinter den Blättern hervorlugten oder aus ihren Höhlen krabbelten, um an der Scheibe zu verharren. Es fiel ihr schwer, ihnen nicht die Hand entgegen zu strecken. Körperkontakt war unmöglich und sie wollte nicht unnötig auffallen.

Eine Durchsage ließ sie aufhorchen. Es sollte eine Demonstration stattfinden, in einem der Nebenräume. Das Thema: Spinnen.

Neugierig suchte sie den Raum. Er war nicht weit entfernt und sie hatte Glück. Als eine der Ersten fand sie einen der vorderen Plätze und wartete gespannt auf das Geschehen.

Ein junger Mann trat herein und stellte sich als Biologe vor. Auf einem Rollwagen schob er mehrere Plastikboxen vor sich her.

Und dann lächelte Selina zum ersten Mal seit sehr langer Zeit.

Der Biologe öffnete eine der Boxen und hob vorsichtig eine riesige Spinne heraus. Ein Raunen ging durch die Menge, als er das Tier auf einem der Tische absetzte, wo es ruhig hocken blieb.

Selina erfuhr nichts Neues, was die Spinne anging. Dass es sich um eine Vogelspinne handelte, war deutlich und selbst die Art hatte sie schon in vielen Büchern abgebildet gesehen. Es handelte sich um die mexikanische Rotknie-Spinne Brachypelma smithi. Sie war nicht aggressiv, doch durch ihre Größe sehr beeindruckend. Noch viel mehr gefiel es Selina, dass zum ersten Mal kein Glas zwischen ihr und einem solchen Tier war. Gespannt beugte sie sich vor und die Spinne drehte sich sofort in ihre Richtung.

Der Mann bemerkte diese Reaktion nicht, sondern erzählte ruhig etwas über die Lebensweise der Tiere. Dann sah er auffordernd in die Runde.

„Gibt es jemanden, der sich traut, sie auf die Hand zu nehmen?“

Wieder ging ein Raunen durch die Menge.

Tatsächlich streckte ein größerer Junge den Arm in die Höhe und drängte sich auch gleich nach vorne. Der Biologe setzte ihm langsam die Spinne auf die Hand. Diese blieb ruhig sitzen, nachdem sie sich wieder in Richtung Selina gedreht hatte.

Der Junge sah triumphierend zu seinen Freunden, die sofort laut klatschten und dumme Kommentare von sich gaben.

Schließlich nahm der Biologe die Spinne wieder an sich und sah noch einmal in die Runde.

„Noch jemand?“

Selina konnte nicht anders. Dies war eine Gelegenheit, die sich ihr so schnell nicht wieder bieten würde. Sie stand auf und ging ruhigen Schrittes auf den Mann zu. Kaum hatte sie die Hand in Höhe der Spinne, da machte diese einen Satz und landete sicher auf ihrer Handfläche. Sofort kletterte sie den Arm entlang bis auf Selinas Schulter, wo sie hocken blieb und ihre Taster nach oben stellte.

Selina drehte den Kopf und ignorierte die erschrockenen Schreie. Lächelnd hob sie die Hand und berührte die vorderen Taster.

„Hallo, meine Hübsche“, sagte sie leise.

Der Biologe starrte sie fassungslos an. Noch nie war seine Spinne so schnell einen Kinderarm entlang geklettert. Eigentlich blieb sie immer auf den fremden Händen sitzen.

Doch die Reaktion dieses Mädchens war noch viel seltsamer. Keine Panik, nicht der Hauch von Angst ging von ihr aus. Im Gegenteil, sie wirkte beglückt und zufrieden.

„Ich nehme sie dir wohl besser von der Schulter“, stieß er leise heraus und hob langsam seine Hand.

„Nicht nötig.“

Selina ergriff vorsichtig den Spinnenkörper, um ihn dem Mann auf die Handfläche zu setzen.

„Danke“, meinte sie dann und verließ den Raum. Die Blicke, die ihr folgten, störten sie nicht weiter. In ihr blühten Glück und Zufriedenheit. Sie hatte die Gelegenheit genutzt und konnte nun wieder warten.

Die letzten Minuten verbrachte sie natürlich in der Nähe der Spinnen. Still stand sie etwas abseits im Schatten einer Zimmerpalme und beobachtete die Besucher.

Eine Gruppe Jugendlicher lärmte vor den Scheiben der Vogelspinnen. Selina erkannte unter ihnen den Jungen, der vor ihr die Spinne berührt hatte. Seine prahlerischen Worte drangen laut und aufdringlich zu ihr herüber.

In Selina stieg leichter Ärger auf. Was, bitte schön, war denn so Besonderes daran, eine Spinne anzufassen? Sie waren harmlos und die Allermeisten auch friedlich. Als er dann auch noch die flache Hand gegen eine der Scheiben schlug, reichte es ihr.

Sein erschrockener Schrei ließ sämtliche Köpfe in seine Richtung schnellen. Er war zurückgesprungen und starrte auf die Scheibe, an der eine riesige Vogelspinne klebte. Wieder ertönten Schreie und die ganze Gruppe der Jugendliche wich von den Fenstern zurück. Klatsch, klatsch, klatsch. Immer mehr der großen Tiere sprangen gegen die Scheiben und drohten in die Richtung der Jugendlichen.

Vor den fassungslosen Augen der Besucher zeigten sich sämtliche Bewohner der kleinen Glasbehälter.

Eine Wand von Spinnen schien sich vor ihnen aufzubauen.

Erste Handys blitzten auf, doch nur Sekunden später waren sämtliche Spinnen wieder verschwunden.

Selina zog sich zufrieden zurück. Das Grinsen war den Jungs vergangen. Vermutlich würden sie sich so schnell nicht mehr an ein Spinnenterrarium herantrauen, und das war auch besser so.

Montag, 20. Mai 2002

Sucherzentrale, Frankfurt am Main

„Hast du den Artikel schon gesehen?“

Cäcilia Hardenberger drehte den Monitor, um ihn ihrer Nachbarin zu zeigen. Melina Frey überflog den kleinen Artikel, und betrachtete dann mit gerunzelter Stirn das dazugehörige Foto.

Riesenspinnen greifen Besucher an

Das klang reißerisch, doch das Bild war beeindruckend. Es war unscharf, eindeutig ein hektisches Handyfoto, doch dass unzählige Spinnen an den Terrarienscheiben klebten, war deutlich zu erkennen.

„Wow“, meinte sie. „Sowas habe ich noch nie gesehen. Und auch noch nie davon gehört. Irgendwas muss sie aufgescheucht haben.“

„Meinst du, es ist was Unnatürliches?“

Melina hob die Achseln.

„Keine Ahnung. Wir sollten es Oberhexe Ohly hinlegen. Die kann dann ja entscheiden.“

Zwei Stunden später begutachtete Elvira Ohly das Bild und den kurzen Text dazu. In ihrem Bauch fing es an zu kribbeln, und das war nie ein gutes Zeichen. Sie brauchte mehr Informationen. Also beauftragte sie die beiden Mädchen mit einer intensiveren Recherche zu diesem Thema.

Mittwoch, 22. Mai 2002

Hexenzentrale, München

Zwei Tage später betrachtete Amalie Ahrendt, Vollstreckerin der siebten Stufe, die ausgebreiteten Bilder, die vor ihr lagen, und holte tief Luft. Etwa zwanzig Aufnahmen hatten die Sucherinnen im Internet gefunden. Die Zeitstempel verrieten, dass die Spinnen-Show innerhalb von zehn Sekunden abgelaufen war. Zehn Sekunden, in denen etwa vierzig Vogelspinnen nahezu synchron an die Scheiben sprangen und dann wie auf Kommando verschwanden. Das war keineswegs natürlich.

Spinnen! Ausgerechnet!

In ihrem Bauch bildete sich ein unangenehmer Knoten. Sicher, es konnte sich um einfache Tierbeherrschung handeln. Doch um so viele Spinnen gleichzeitig zu kontrollieren, gehörte einiges mehr als das. Sie waren Einzelwesen und zeigten kein Schwarm- oder Kollektivverhalten. Amalie Ahrendt kannte niemanden, der dazu in der Lage gewesen wäre. Aber, korrigierte sie sich, sie hatte zumindest schon einmal davon gehört. Doch diese Geschichte wurde von vielen in den Bereich der Legenden geschoben. Eine Gruselgeschichte, um kleine Hexenmädchen zu unterhalten.

Wie auch immer, sie würden dem Vorfall nachgehen müssen. Wer diese Spinnen kontrollierte, konnte gefährlich sein.

Entschlossen griff sie zum Telefon. Sie durfte keine Zeit verschwenden.

Sonntag, 26. Mai 2002

Hexenzentrale, München

Die Suche begann. Gezielt wurde nach allen Personen gefahndet, die sich zum Zeitpunkt der Spinnenattacke im Insektarium aufgehalten hatten.

Die Liste war lang, doch sie konnte schnell verkürzt werden. Nur eine begrenzte Zahl von Personen hatte sich in der Nähe der Spinnen aufgehalten, und männliche Besucher konnten von vorneherein ausgeschlossen werden. Nur Frauen verfügten über Hexenmagie. Das war schon immer so gewesen, und es gab keinen Grund anzunehmen, dass es diesmal anders war.

Übrig blieben etwa vierzig weibliche Personen unterschiedlichen Alters.

Die Hexen nutzen jedes Bild, das sie aus dem Netz laden konnten, und besorgten sich ebenfalls die Aufnahmen der Überwachungskameras, die im gesamten Insektarium verteilt waren, um die Besucher zu kontrollieren.

Geduldig selektierten fleißige Augen und Hände die Hinweise. Schließlich landeten die Ergebnisse wieder bei Amalie Ahrendt. Ihre Assistentin Nadin Hofstetter hatte das wichtigste Material auf einem großen Tisch ausgebreitet.

„Also folgendes wissen wir. An diesem Tag waren einundvierzig weibliche Personen in der Nähe der Spinnen, als das Phänomen auftrat. Fünfundzwanzig Personen konnten wir schon ausschließen. Allein ihr Gesichtsausdruck auf den Bildern zeigt deutlich Schrecken, Angst oder Überraschung. Bleiben also noch sechzehn Verdächtige. Wir haben ihre Namen, und auch schon Sucherinnen ausgeschickt, um sie zu überprüfen. Allerdings gibt es zwei Auffälligkeiten, die mich vermuten lassen, dass wir zumindest die erwachsenen Frauen ausschließen können. Zum einen haben wir die Aussage eines Angestellten. Er berichtete von einem Mädchen, welches kurz zuvor bei einer Spinnen-Demonstration aufgefallen ist.“

Sie legte ein Aufnahmegerät auf den Tisch und startete es. Eine Männerstimme schallte durch den Raum.

„Wissen Sie, ich mache ja schon länger solche Demonstrationen, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Meine alte Dame, also die Spinne, ist schon einiges gewöhnt und bewegt sich normalerweise nie, wenn ich sie auf eine Hand setze. Doch bei diesem Mädchen war sie so schnell, wie schon lange nicht mehr. Sie sprang ihr zack auf die Hand und rannte ihren Arm hoch bis zur Schulter. Es sah beinahe so aus, als würde sie die Kleine begrüßen.“

„Und wie hat das Mädchen reagiert?“

Amalie erkannte die fragende Frauenstimme nicht, aber das war auch nicht wichtig. Interessanter war die Antwort.

„Total cool. Sie hat sogar gelächelt. Kein Zucken, keine Angst, – absolut cool. Und dann hat sie sich lässig meine Dame gegriffen und mir zurückgegeben. Ehrlich, sowas habe ich noch nie gesehen.“

„Können Sie das Mädchen beschreiben?“

„Hm, na ja, sie war vielleicht zehn oder elf. Vielleicht auch etwas älter. So genau kann man das heute ja nicht mehr sagen. Lange dunkle Haare – glaub ich jedenfalls. Ehrlich gesagt habe ich mehr auf meine Dame geachtet. Und dann war sie auch schon verschwunden. – Ach ja, bedankt hat sie sich. Sehr höflich. Das kennt man von den Kindern heutzutage auch nicht mehr.“

Nadin stoppte die Aufnahme.

„Mehr war über das Mädchen nicht zu erfahren. Wir haben daraufhin alle Aufnahmen gecheckt. Aber man könnte ja sagen – es ist wie verhext.“ Sie verzog das Gesicht. „Wir haben keine Aufnahme gefunden, von der wir mit Sicherheit sagen können, dass sie von ihr ist. Lange dunkle Haare laufen viele herum und ausgerechnet im Spinnenbereich waren keine direkt zu sehen.“

„Was meinst du mit direkt?“

„Das hier.“

Sie schob ein Bild zu ihrer Chefin.

Amalie betrachtete es mit gerunzelter Stirn. Es waren einige Personen zu sehen, aber kein Kind. Doch dann sah sie, was Nadin meinte. Neben einer großen Palme stand halbverdeckt eine verschwommene Gestalt. Sie schien nicht groß zu sein, und die Silhouette deutete auf lange Haare hin.

„Wir haben mehrere solcher Bilder, aber auf keinem ist die Kleine zu erkennen. Sie ist entweder nur verschwommen oder mit abgewendetem Gesicht zu sehen.“

Amalie blickte nachdenklich auf das Foto. Der Knoten in ihrem Bauch wurde dichter.

„Ein Schattenkind“, murmelte sie. Nadin blinzelte irritiert.

„Was meinen Sie damit, Vollstreckerin?“

„Etwas, von dem ich hoffe, dass es nicht so ist.“

Amalie Ahrendt sah wieder auf.

„Also suchen wir ein Kind im Alter von zehn bis zwölf. Ihr habt eine Liste der anwesenden Mädchen?“

„Ja, und leider sind etwa hundertsechsundvierzig davon dunkelhaarig. Von denen haben dreiundneunzig lange Haare. Wir haben schon angefangen, sie zu überprüfen.“

„Zeig mir die Liste“, forderte Amalie und blickte kurz darauf über die Namen. Konzentriert las sie alle Angaben. Irgendwann stutzte sie und tippte mit dem Finger auf eine Adresse.

„Dort will ich sofort jemanden haben. Wir beide gehen auch hin.“

Nadin sah neugierig auf die Liste.

„Ein Waisenhaus?“ Sie nickte langsam. „Ich glaube, ich verstehe. Eine solch starke Magie bleibt in Familien nicht lange unentdeckt. In einem Haus mit vielen Kindern schon eher. Wie viele Sucherinnen soll ich anfordern?“

Amalie schürzte unbewusst die Lippen.

„Vier“, meinte sie schließlich. „Und sechs Kriegerinnen.“

Nadin Hofstetter blinzelte überrascht.

So viele Frauen für ein kleines Mädchen?

Aber die Vollstreckerin wirkte ungewohnt besorgt. Also sagte sie nichts und verließ eilig den Raum. Sie war ehrlich gespannt, was diese Suche ergeben würde. Eine Cogniti zu jagen, war immer eine ungewisse Sache. Niemand wusste, wie die Fähigkeiten einer wilden Hexe aussahen und wie stark sie war. Kinder waren normalerweise harmlos und unwissend. Sie verrieten sich nur durch Kleinigkeiten. Erwachsene Hexen konnten ihre Fähigkeiten aber durchaus gesteigert haben. Manche waren überaus gefährlich und nur schwer zu finden. Doch ein zehnjähriges Mädchen?

Nadin Hofstetter konnte sich nicht erinnern, dass jemals zehn Hexen ausgesendet worden waren, um ein Hexenmädchen zu finden.

Montag, 27. Mai 2002

Stylianos-Stift, Stuttgart

Selina hockte konzentriert am Tisch und arbeitete sich durch den Stapel an Übungsaufgaben. Mathematik gehörte nicht unbedingt zu ihrem Lieblingsfach, doch zumindest hatte sie den Eindruck, dass man es mit Logik und Fleiß bewältigen konnte. Also war sie bereit, Zeit dafür zu investieren.

Inzwischen wusste sie, was sie als Erwachsene tun wollte. Die Begegnung mit dem Biologen hatte ihr gezeigt, wie sie ihre Wünsche und Sehnsüchte befriedigen konnten. Sie würde Biologin werden. Diese durften mit Spinnen arbeiten und das war, was sie wollte. Also benötigte sie ein Abitur. Zwar hatte man sie auf die Realschule geschickt, doch dies war kein echtes Hindernis. Mit Fleiß und Konzentration würde sie es schaffen, davon war sie überzeugt.

Die Tür wurde ungewohnt heftig aufgestoßen, und Lisa stürmte herein. Sie war inzwischen nicht mehr ganz so klein und schüchtern. Tatsächlich überragte sie Selina um einige Zentimeter.

„Selina“, rief sie atemlos. „Stell dir vor, hier ist auf einmal richtig was los.“

Selina sah unwillig hoch.

„Was?“, fragte sie kurz angebunden.

„Da sind so seltsame Frauen. Sie kamen auf einmal zur Tür rein und haben sich Frau Löw gegriffen. Erika hat ein paar Worte aufgeschnappt. Die suchen offensichtlich ein Mädchen zur Ausbildung und wollen jetzt alle von uns interviewen, ob eine von uns zu ihnen passt.“

Selina schüttelte unwillig den Kopf.

„Ich will keine Ausbildung. Ich werde Biologin.“

Lisa lächelte.

„Ich weiß, das sagst du schon seit ein paar Tagen. Aber ist doch egal. Vielleicht ist die Ausbildung ja spannend.“

Der Lautsprecher im Gang klang auf.

„Alle Kinder versammeln sich bitte sofort im Aufenthaltsraum. Es gibt keine Entschuldigung für ein Fernbleiben.“

Die Stimme von Heimleiterin Löw klang ungewohnt steif, doch das fiel offenbar nur Selina auf. Lisa klatschte freudig in die Hände.

„Es geht los“, strahlte sie. Selina betrachtete sie mit einem gewissen Mitleid. Sie wusste, wie sehr sich Lisa wünschte, dieses Haus zu verlassen.

„Ich wünsch dir Glück“, sagte sie leise.

Lisa lächelte dankbar zurück.

„Danke, Selina. Du bist meine allerbeste Freundin. Ich weiß, dass du das wirklich ehrlich meinst.“

Selina stand nur unwillig von ihren Aufgaben auf. Doch die Anordnung war leider unmissverständlich. Also folgte sie Lisa in den Aufenthaltsraum, wo sich bereits die meisten Kinder versammelt hatten. Aufgeregtes Getuschel klang durch den Raum.

Selina hielt wie immer den Kopf gesenkt und beobachtete ihre Umgebung aus den Augenwinkeln. Zwei fremde Frauen standen an den beiden Zugangstüren und betrachteten jedes Mädchen genau.

Selina schrumpfte innerlich. Diese Blicke gefielen ihr gar nicht. In ihr wurde es still. Wie schon so oft leerte sie ihr Inneres und suchte nach dem Gefühl des nicht Vorhandenseins.

Tatsächlich glitt der Blick der Frauen über sie hinweg und Selina trat unauffällig zur Seite in eine Nische. Hier war sie den direkten Blicken entzogen und konnte selbst beobachten.

Je länger sie die Frauen betrachtete, desto unheimlicher wirkten sie auf Selina. Sie hatten einen seltsam suchenden Blick. Keines der anderen Kinder schien dies zu bemerken, doch auch sie wichen den fremden Augen unbewusst aus.

Das erste Mädchen wurde aufgerufen. Unbehaglich registrierte Selina, dass es Janina war. Sie konnte nur hoffen, dass dieses Mädchen nichts preisgab, was sie in Schwierigkeiten bringen würde.

*

Amalie Ahrendt, Vollstreckerin der siebten Stufe, wartete gespannt auf das erste Mädchen. Sie warf einen Blick auf die Heimleiterin. Diese saß mit abwesendem Gesichtsausdruck auf einem Stuhl. Hinter ihr hatte sich eine Sucherin aufgebaut und hielt ihren Verstand unter Kontrolle. Die Heimleiterin würde sich später an nichts Reales mehr erinnern können, nur daran, dass man ihre Mädchen wegen einer Ausbildung befragt hatte.

Janina trat neugierig herein. Etwas verwundert sah sie zur Heimleiterin, die nicht bei der Sache zu sein schien. Das kam selten vor, so dass es sofort auffiel, doch schnell konzentrierte sie sich auf die großgewachsene Frau, die sich vor dem Tisch aufgebaut hatte, und sie mit einem intensiven Blick musterte.

„Hallo, Janina. Wie geht es dir?“

„Gut“, murmelte Janina.

„Hat es dir im Insektarium gefallen?“

„Nein, nicht besonders.“

„Warum?“

„Ich mag keine Insekten und so’n Zeug.“

Amalie Ahrendt seufzte innerlich. Ihre Sinne und ihre Magie verrieten ihr zuverlässig, dass dieses Kind nicht log. Janina war eindeutig nicht die Gesuchte. Doch möglicherweise konnte sie Hinweise geben.

Sie trat vor und legte eine Hand auf Janinas Stirn. Das Mädchen erwiderte mit weit geöffneten Augen ihren Blick und wirkte mit einem Mal so abwesend wie die Heimleiterin.

„Janina, was ist das Schlimmste, was dir hier passiert ist?“

Das Mädchen zögerte. Ein sicheres Zeichen, dass es nicht nur ein Ereignis gab.

„Seine Zunge und seine Hände. Und sein Ding. Es tat weh“, flüsterte Janina schließlich.

Das war nicht das, was Amalie erwartet hatte, doch es löste in ihr sofort kochenden Zorn aus.

Diese Worte konnte sie sehr wohl einordnen.

„Wer hat dir das angetan?“

„Arno“, kam die leise Antwort.

„Wo ist Arno jetzt?“

„Er ist tot.“

Diesmal lächelte das Mädchen abwesend. Amalie holte tief Luft und sah zur Heimleiterin.

„Wer war Arno?“

„Ein Erzieher.“

Mathilde Löw antwortete ohne jegliches Zeichen einer Gemütserregung.

„Wie ist er gestorben?“

„Der Arzt sagte, an einem Herzinfarkt.“

„Wusstest du von der Kinderschändung?“

„Nein.“

Die Vollstreckerin blickte wieder auf das Kind.

„Was war dein zweitschlimmstes Erlebnis?“

Dieses Mal zögerte sie nicht.

„Spinnen.“

Diesmal zuckten alle Hexen im Raum zusammen.

„Erzähl mir davon“, forderte Amalie, und Janina berichtete mit gleichmütiger Stimme von ihren nächtlichen Träumen vor ein paar Jahren.

„Weißt du, wer in diesem Haus Spinnen mag?“

„Nein, niemand. Niemand mag Spinnen.“

Amalie überlegte. Anscheinend war dieses Kind ahnungslos. Immer noch brodelte in ihr der Zorn über die Kinderschändung. Doch das musste warten. Sie hatte das drängende Gefühl sich beeilen zu müssen.

*

Als Janina den Saal wieder betrat, beobachtete Selina sie sehr genau. Ihre alte Feindin wirkte verwirrt und orientierungslos. Doch sie traute sich nicht aus ihrer Nische heraus, um Janina zu befragen. Die Augen der suchenden Frauen waren immer noch unentwegt im Einsatz. Aber sie musste wissen, was im Büro der Heimleiterin passierte!

Wie in Zeitlupe schob sie sich weiter in die Ecke, wo die Durchreiche zur Küche war. Die Klappe war zum Glück nur halbgeschlossen. Dadurch war die Öffnung zwar äußerst schmal, doch Selina kannte ihren Körper. Hochschieben war zu laut, also musste sie sich schlank machen.

Lautlos zog sie sich hoch und glitt durch den Spalt in die Küche. Dort sah sie sich wachsam um. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass draußen weitere Frauen standen. Also konnte sie das Gebäude nicht unbemerkt verlassen. Doch sie brauchte ein Versteck. Eines, das nicht so schnell gefunden werden konnte. Fünf Jahre in diesem Haus hatten ihr jeden Schlupfwinkel offenbart, und keiner würde wirklich genügen. Doch sie hatte keine Wahl.

Leise schlich sie in den Korridor und eilte zur hintersten Kellertreppe, die in den Vorratskeller führte. Wie der Wind flog sie über die Treppe hinunter. In die Schatten. In den tiefsten und dunkelsten Winkel, den das Haus zu bieten hatte.

Dort kauerte sie sich hinter einem Regal nieder und schloss die Augen. Es war vielleicht gefährlich und noch nie hatte sie ihre kleinen Freundinnen bewusst einer Gefahr ausgesetzt. Der Tod von einigen im Rachen dieses furchtbaren Mannes war nicht geplant gewesen und hatte sie für viele Tage trauern lassen. Jetzt noch spürte sie die Schuldgefühle in sich. Doch sie musste unbedingt wissen, ob sie in Gefahr war. Ihre Freundinnen würden das verstehen.

*

Amalie Ahrendt war frustriert.

Inzwischen hatte sie fast alle Mädchen befragt, und auch diese hatten ihr keine Hinweise geben können. Nur dass der Kinderschänder offensichtlich drei weitere Kinder gequält hatte.

Wieder betrat ein Mädchen das Zimmer. Es war schlank und ausgesprochen hübsch mit dunkelbraunen langen Locken.

„Wie heißt du?“

„Lisa.“

Amalie wiederholte ihre Fragen und war nicht froh zu hören, dass Lisa ebenfalls geschändet worden war. Doch als sie nachfragte, wie oft der Mann sich an der Kleinen vergriffen hatte, erfuhr sie, dass es nur einmal gewesen war.

„Warum hat er es nicht öfter getan?“

„Ich weiß nicht. Selina sagte, dass er es nie wieder tun wird. Und dann ist er gestorben.“

Amalie durchfuhr es eiskalt und sie warf einen Blick auf die Namensliste. Noch drei Mädchen standen dort zur Befragung. Eines davon war Selina Serra.

„Deine Freundin, Selina, mag sie Spinnen?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Weißt du von Janinas Spinnenträumen?“

„Das waren keine Träume“, lächelte Lisa mit entrücktem Blick. „Selina sagt, sie waren da.“

Mehr brauchte Amalie Ahrendt nicht zu wissen.

„Du kannst gehen, Lisa.“

Kaum hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, da räusperte sich eine der Frauen.

„Vollstreckerin!“ Ihre Stimme klang angestrengt. „Etwas stimmt hier nicht. Irgendetwas ist in diesem Raum. Etwas Fremdes, und es scheint überall zu sein.“

Amalie Ahrendt schloss die Augen und nickte langsam.

Ja, sie spürte es jetzt auch. Man konnte es kaum wahrnehmen, aber es lag fein und federleicht in der Luft. Das war keine Hexenmagie. Jedenfalls keine, die sie kannte. Doch irgendetwas Magisches war am Werk.

„Zeig sie uns“, verlangte sie.

Die Sucherin hob die Augen und murmelte einige Worte, während ihre Arme einen großen Bogen beschrieben.