Kämpferin - Ana Marna - E-Book

Kämpferin E-Book

Ana Marna

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Beschreibung

Es herrscht Krieg in der Ukraine. Die junge Wölfin Ulyana wird von ihrem Vater nach Deutschland in Sicherheit geschickt. Doch die Reise dorthin ist gefahrvoll und nicht nur feindliche Russen bedrohen ihr Leben. Nur knapp übersteht sie den Angriff eines unheimlichen Wolfs und landet wider Willen in den Händen des polnischen Wolfsrudels, das für seine Brutalität im Umgang mit Frauen bekannt ist. Flucht scheint unmöglich. Doch ihr Angreifer ist ihr auf den Fersen und hinterlässt eine blutige Spur. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.

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Seitenzahl: 557

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buchbeschreibung:

Es herrscht Krieg in der Ukraine. Die junge Wölfin Ulyana wird von ihrem Vater nach Deutschland in Sicherheit geschickt. Doch die Reise dorthin ist gefahrvoll und nicht nur feindliche Russen bedrohen ihr Leben. Nur knapp übersteht sie den Angriff eines unheimlichen Wolfs und landet wider Willen in den Händen des polnischen Wolfsrudels, das für seine Brutalität im Umgang mit Frauen bekannt ist. Doch ihr Angreifer ist ihr auf den Fersen und hinterlässt eine blutige Spur.

Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.

Bisher erschienen:

Fellträger

Aschenhaut

Seelenfresserin

Wächterin

Spurensucher

Seelenmalerin

Rebellen

Wandlerin

Schattenherz

Hexengrimm

Rabengeist

Seelenjäger

Hexenblut

Über die Autorin:

Ana Marna studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund dem Schreiben zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science-Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren entschloss sie sich, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen.

Kämpferin

The Hidden Folks

Band 14

Von

Ana Marna

Gewidmet allen Frauen,

die bereit sind,

für Gerechtigkeit und Frieden zu streiten.

1. Auflage, 2025

© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Kontaktadresse: Hummelshain Verlag, zu Hd. Peter Marx

Werdener Str. 28, 45219 Essen

[email protected]

www.ana-marna.de

www.facebook.com/ana.marna.92372

Inhaltsverzeichnis

Ulyana6

Tschechien, 180811

Gewalt und Tod14

Flucht22

Tschechien 183435

Monster41

Verfolgt46

Ein Vollstrecker57

Grenzgängerin62

Riemanns Rudel78

Eine Blutspur86

Hexenbesuch100

Zwischenwelt108

Keltai112

Die Forensikerin136

Die Befragung149

Spurensuche160

Schlimme Nachrichten171

Ein Angriff mit überraschenden Folgen175

Hausgemeinschaft190

Planung202

Helga212

Invasion219

Pläne und eine Katze252

Leitwölfe260

Revolte274

Überraschende Besucher286

Männergespräche303

Teamwork311

Vampirkuss325

Schwarze Hexenkünste338

Eine verzweifelte Seele345

Erste Verhandlungen356

Neuformierung367

Nachspann: Das Münchener Hexenhaus378

Anhang385

Wie es weitergeht...393

Nachwort403

The Hidden Folks404

Ulyana

Februar 2022

Derovo, Ukraine

Die Explosion war so laut, dass Ulyana sich reflexartig die Ohren zuhielt. Danach war sie außerstande, noch irgendeine Bewegung auszuführen.

Wie erstarrt und mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf das pure Grauen. Die Straße vor ihr war aufgerissen zu einem kleinen Krater, aus dem die Überreste einer Streubombe ragten. Daneben lag ein zerfetzter Körper, wo gerade noch eine Frau gelaufen war. In die umliegenden Häuserwände, Autos und die zwei knorrigen Bäume, die zu beiden Straßenseiten standen, hatten sich unzählige Metallsplitter gebohrt. Dazwischen hingen blutige Fetzen. Ein abgetrenntes Bein lag wie achtlos weggeworfen in dem schmalen Grünstreifen, der zwischen Straße und Gehweg verlief.

Ulyanas Verstand weigerte sich noch, das Gesehene als Realität einzustufen, als auch schon die ersten Anwohner herankamen. Unerschrocken, trotz der Gefahr einer weiteren Explosion. Erst als Ulyana an den Mundbewegungen sah, dass sich die Leute etwas zuriefen, begriff sie, dass sie taub war.

Nur dumpf drangen Geräusche an ihre zerfetzten Trommelfelle, die sich nur langsam wieder zusammenfügten.

Ein Mann trat mit besorgter Miene vor sie und sprach sie an. Erst nach langen Sekunden begriff sie, dass er sie nach ihrem Zustand fragte. Warum? Sie war doch bestimmt dreißig Meter entfernt gewesen.

Langsam blickte sie an sich herunter und verstand die Frage.

Ihre Kleidung war blutbesudelt. Kleine Fleischfetzen klebten daran und Metallsplitter hatten sich in ihrer Jacke verhakt. Jetzt erst kam der Schmerz. Brennend, an unzähligen Stellen.

Ulyana holte tief Luft und sah bewusst auf ihren Gesprächspartner. Vermied den Blick zu der Toten, die eigentlich nur noch aus Fleischklumpen bestand.

„Mir geht es gut“, krächzte sie. „Ich ... ich kann nur schlecht hören, aber es wird wieder besser.“

„Du blutest, Mädchen.“ Er war ehrlich besorgt. „Du solltest dich setzen, bis ein Rettungswagen kommt.“

„Das könnte dauern.“ Ein zweiter Mann trat dazu. Auch er wirkte sorgenvoll. „Die Scheiß-Russen blockieren mit ihrem Konvoi alle Zugänge. Außerdem habe ich gehört, dass sie einen der Rettungswagen abgeschossen haben. Alle tot.“

Mittlerweile hörte Ulyana gut genug, um den bitteren und hasserfüllten Unterton herauszuhören. Sie konnte ihn gut verstehen.

Seit Tagen war die Welt nicht mehr in Ordnung. Täglich hörte man von weiteren Opfern und grausigen Vorfällen.

Doch es zu sehen, hautnah zu spüren, hatte eine neue Qualität. Sie schluckte den sauren Geschmack hinunter, der sich nach oben drängte.

„Mir geht es gut“, versicherte sie erneut und bemühte sich um eine feste Stimme. „Ich gehe einfach nach Hause und lass mich da versorgen.“

„Du bist das Koval-Mädchen, nicht wahr?“ Der zweite Mann nickte dem anderen zu. „Ich kenne ihren Vater. Ein guter Mann. Er kennt sich mit Verwundungen aus. Wir sollten ihn fragen, ob er sich als Nothelfer zur Verfügung stellen will. Die letzten Rettungswagen haben für ihre Anfahrt ewig gebraucht.“

„Ich kann ihn fragen“, bot Ulyana an. „Er wird bestimmt helfen.“

Das war durchaus ernst gemeint. Andrej Koval war ein pflichtbewusster Mann, der sich vor keiner Herausforderung drückte. So kannte und liebte ihn Ulyana. Auch wenn das bedeutete, dass ihr Vater häufig wenig Zeit für sie hatte, da er sich für andere einsetzte. Es gab eine Phase, in der sie ihn dafür gehasst hatte, doch ihrer Mutter war es mit sehr viel Geduld gelungen, Ulyana klarzumachen, dass man niemanden für seine Hilfsbereitschaft anfeinden durfte. Erst recht nicht aus egoistischen Gründen.

Nun, diese Phase hatte sie überwunden und war seitdem stolz auf ihren Vater. Doch das war nicht der Grund, warum sie den Männern dieses Angebot machte. Vielmehr war sie bestrebt, möglichst schnell nach Hause zu gelangen, bevor die beiden Männer bemerkten, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung mit ihr war.

Sie schenkte beiden ein freundliches Lächeln und machte sich auf den Rückweg. Langsam und bedächtig, um keinen Verdacht zu erregen. Den geplanten Einkauf würde sie ein anderes Mal erledigen müssen.

Hinter ihr verklangen die wütenden Stimmen der Anwohner. Was auch immer die Russen mit ihrem Angriff bezweckt hatten, eines hatten sie nicht geschafft: die Ukrainer in Angst und Verzweiflung zu versetzen. Zumindest nicht auf Dauer. Auch in ihr selbst klang das erste Grauen ab. Zurück blieb nur der Zorn.

Die Wut auf die Menschen, die so rücksichtslos und grausam andere Menschen töteten.

Erst als sie die letzten Häuser von Derovo hinter sich ließ, beschleunigte sie ihre Schritte und fiel in einen Trab, der sie schnell nach Norden brachte.

*

„Du hast unfassbares Glück gehabt.“

Andrej Koval zog den letzten Splitter aus Ulyanas Oberschenkel und warf ihn mit einer zornigen Bewegung in den Abfalleimer. In diesem lagen jetzt genau fünfundvierzig blutige Metallteile. Ulyana hatte unbewusst mitgezählt und betrachtete die letzte Schnittwunde, die sich langsam schloss. Einige Teile hatte ihr Vater herausschneiden müssen, da die Haut darüber schon verheilt gewesen war. Eine äußerst unangenehme Prozedur, die Ulyana klaglos, aber mit vielen leise gemurmelten Flüchen über sich hatte ergehen lassen. Niemand wies sie zurecht. In manchen Situationen war Fluchen erlaubt.

„In dieser Entfernung hätte es dich durchaus übler erwischen, sogar töten können. Diese verdammten Streubomben sind echt das Allerletzte.“

„Ich dachte, diese Bomben sind verboten.“ Raisa streichelte Ulyanas Gesicht. „Du warst tapfer, meine Kleine.“

Ulyana lächelte ihr beruhigend zu. „Es war nicht allzu schlimm. Nur das Rausschneiden war unangenehm.“

„Verbote haben die Russen noch nie davon abgehalten, so einen verbrecherischen Mist einzusetzen“, schnaufte Andrej. „Menschenleben zählen bei denen nichts. Verbrannte Erde ist deren Taktik und mit Genozid kennen die sich bestens aus.“

Er stand auf und trug das Operationsbesteck zur Spüle, wo er es sorgsam reinigte.

„Geh dich waschen, Ulyana.“ Raisa zog sie hoch und gab ihr einen sanften Stoß Richtung Badezimmer.

„Deine Kleidung werde ich wohl entsorgen müssen.“ Sie seufzte. „Hoffen wir, dass die Versorgungswege schnell wieder frei werden. Du bist aus den meisten Winterklamotten rausgewachsen und ich fürchte, es wird noch sehr kalt werden.“

Später saßen sie gemeinsam am Tisch und sahen die Nachrichten. Bisher waren die Meldungen über den Vormarsch der Russen trotz der vorbeiziehenden russischen Konvois weit weg gewesen. Doch seit heute empfand Ulyana es anders. Und auch in den Augen ihrer Eltern las sie das Unwiderrufliche. Der Krieg hatte auch sie erreicht und erste Wunden geschlagen.

„Wirst du dich als Nothelfer melden?“

Ulyanas Frage ließ Andrejs Blick zu ihr wandern.

Er nickte kurz.

„Ja, natürlich. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“

Sie ahnte, was noch im Raum schwebte. Ihr Vater hatte ihr nie viel von seinen Erlebnissen in seiner alten Heimat Russland erzählt. Doch sie wusste, dass er nicht nur Sanitäter, sondern auch Soldat gewesen war.

Sie wagte nicht zu fragen, ob er sich der ukrainischen Armee anschließen würde. Der Gedanke, dass sie ihren Vater verlieren könnte, war einfach nur schrecklich.

Doch vermutlich würde dieser Schritt unvermeidlich sein.

Die Botschaft der Regierung an die Männer der Ukraine war unmissverständlich. Jeder war aufgefordert, für ihr Land zu kämpfen. Und auch, wenn ihr Vater wesentlich älter war, als in seinem Pass vermerkt, war er immer noch in einem äußerst fitten Zustand. Stärker und zäher als andere Männer in jüngerem Alter.

Wieder stieg der Hass in ihr hoch. Hass auf dieses Land, das die Leben ihrer Familie bedrohte. Ihr Vater bemerkte das natürlich. Seiner Nase entging keine Gefühlsregung.

Er sah sie mahnend an.

„Steigere dich nicht da rein, Ulyana. Hass erstickt alles andere und verhindert klares Denken. Und genau das werden wir in den nächsten Monaten benötigen.“

„Hast du schon einmal gesehen, wie ein Mensch explodiert ist?“, fragte sie bitter.

„Dies und noch schlimmeres. Sehr viel schlimmeres.“ Seine Augen blickten ernst. „Hoffen wir, dass du nicht noch einmal in so eine Situation gerätst.“

Tschechien, 1808

Rennen, rennen, rennen. Ein tolles Gefühl. Quer durch den Wald, gewagte Sprünge über umgefallene Bäume und niedrige Büsche. Nichts war in diesem Zustand wichtiger als das Gefühl der Freiheit. Kein lästiges Suchen nach Feuerholz oder essbaren Beeren und Wurzeln. Lediglich das geduldige Lauern vor einem Kaninchenbau, die Vorfreude auf die Beute, konnten dieses Gefühl übertreffen.

Doch heute hatte er seine Beute bereits geschlagen. Hielt sie fest in seiner kleinen Hand an den langen Ohren. Jetzt war es wichtig, nach Hause zu kommen, um seinen Fang stolz der Mutter zu präsentieren. Sie lobte nicht oft, doch wenn er Fleisch ins Haus brachte, tat sie es. Und immer durfte er sich als Erster ein Stück der Beute aussuchen. Eine Belohnung für seine erfolgreiche Jagd. Außerdem war morgen ein besonderer Tag. Sein sechster Geburtstag. Und er wusste, dass seine Mutter bereits alle Zutaten für einen Geburtstagskuchen zusammengetragen hatte. Sie hatte versucht, es zu verheimlichen, doch seine Nase war unbestechlich und gab ihm jede Zutat preis. Natürlich verriet er es nicht. Es sollte ja eine Überraschung sein. Und freuen tat er sich. Sein Geburtstag war der einzige Tag im Jahr, an dem es etwas Süßes gab.

Es war nicht mehr weit und seine Euphorie steigerte sich, doch dann wurde er langsamer. Seine Nase zuckte. Sondierte die Gerüche um sich herum, registrierte das Zwitschern der Vögel, das Eichhörnchen hoch oben im Geäst. Zwei Mäuse, die hintereinander davonhuschten, tief ins nächste Gebüsch, wo sie in ihrem Bau verschwanden. Doch da war auch der Geruch, der ihm Furcht einflößte.

Er war wieder da.

Aus dem Rennen wurde ein langsames Dahintrotten. Jegliche Eile war verflogen. Genauso wie die Vorfreude. Alles, was blieb, war Angst.

Die Hütte kam in Sicht. Sie war klein, das Dach halb verrottet und die Löcher in den Wänden notdürftig mit Holzlatten geflickt. Das hatte ihn nie gestört. Er kannte es nicht anders. Es war seine Heimstatt, der Ort, an dem er sich wohlfühlte. Zumindest wenn Er nicht da war.

Lautlos ließ er sich neben der Haustür auf dem Boden nieder, den toten Hasen immer noch in seinen kleinen Fäusten und den Kopf zwischen den Schultern eingezogen. Es half nicht, um die Geräusche auszublenden, die aus der Hütte drangen. Auch Ohren zuzuhalten nützte nie etwas, dafür war sein Gehör zu gut.

Noch schlechter war es, hineinzugehen und darum zu betteln, dass es aufhören sollte. Das endete unweigerlich mit Schmerzen.

Es dauerte immer lange. Doch heute schien es nicht aufzuhören. Das Wimmern, die Schreie, das Flehen und Betteln, es dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Dann brach es abrupt ab und eine nur zu bekannte Note kroch in seine Nase. Er kannte sie von der Jagd. Auch das Kaninchen trug sie. Doch zum ersten Mal drang sie aus der Hütte. Und das ließ ihn zittern.

Schwere Schritte durchquerten den Wohnraum zu ihm hin. Dann wurde die Tür aufgestoßen und Er trat hinaus. Mit einem satten Grinsen sah Er auf ihn hinunter, während Er seine Hose zurechtrückte.

„Hallo Junge. Ich sehe, du warst erfolgreich.“

Er bückte sich und zog den Hasen aus den kleinen Fäusten, die sich nur widerwillig lösten. Dann schlug Er seine Zähne in den toten Körper und riss mit einem Ruck ein Stück Fell heraus. Zorn stieg in ihm hoch. Das war seine Beute. Er durfte als Erster wählen. Ein zorniges Grollen entrang sich seiner schmalen Kehle. Es war bei weitem nicht so imposant wie das von Ihm, klang irgendwie jämmerlich. Doch es ließ sich nicht aufhalten. Unerwarteter Schmerz zuckte durch seine Muskeln. Erschütterte seinen gesamten Körper. Ließ ihn aufheulen und sich zusammenkrümmen.

Er lachte nur.

„Das wurde auch Zeit, Sohn. Ich hatte schon Zweifel, ob du wirklich von meinem Blut bist. Schätze, jetzt gehörst du mir. Aber ich sage dir gleich: Ich dulde keinen Widerspruch.“

Sie zogen los, kaum dass die Wandlung beendet war. Ungeachtet der Schmerzen, die seinen kleinen Körper durchzuckten und ungeachtet seiner unsicheren Schritte auf vier Pfoten. Was war er geworden? Ein Monster? Er wagte nur einen kurzen Blick zurück zur Hütte. Doch es roch nur nach Tod. Nicht mehr nach zu Hause.

Gewalt und Tod

März 2022

Derovo, Ukraine

Wie kommt man zur Schule, wenn vor der Stadt der Feind lagert?

In einer Stadt wie Derovo war das zu einem Problem geworden. Das Schulgebäude konnte nicht mehr genutzt werden, da es zur Hälfte zerstört worden war. Seitdem fand der Unterricht in einem Bunker im Stadtzentrum statt. Nicht, dass es für Ulyana damit einfacher gewesen wäre. Seit Derovo von den Russen belagert wurde, gestaltete sich der Schulweg als äußerst schwierig, wenn man außerhalb der Stadt lebte. Es gab Schleichwege, doch das Risiko, entdeckt zu werden, war groß. Zumal ständig irgendwo Explosionen zu hören waren, die einen dazu brachten, sich auf den Boden zu werfen. Zwar hielten sich die Russen noch im Osten vor der Stadt auf, doch es war nie auszuschließen, dass Spähtrupps auch um die gesamte Stadt herumschlichen.

Jeden Morgen informierte Ulyanas Vater sie über die bekannten Stellungen der Feinde. Dafür hing er die halbe Nacht am Funkgerät und anderen Informationskanälen. Diese gaben sie dann an die näheren Nachbarn weiter. Die kleineren Kinder blieben zuhause. Niemand wollte es riskieren, dass sie in russische Hände fielen. Den älteren Teenagern überließ man die Entscheidung, ob sie den Schulweg antraten oder nicht. Wer blieb, besuchte den Online-Unterricht.

Häufig war es nicht anders möglich. Doch an diesem Tag war es ruhig. Keine Explosionen, kein Dröhnen von Raketen. Ulyana entschloss sich, das Risiko einzugehen. Sie vermisste ihre Freundinnen, den geregelten Schulbetrieb. Und Lernen war ihr wichtig. Zu ihrer Freude war auch Jelina entschlossen, in die Stadt zu gehen. Jelina wohnte nur einen Kilometer entfernt und war, seit Ulyana denken konnte, ihre beste Freundin. Obwohl sie beide blond und etwa gleichgroß waren, würde sie niemand für Schwestern halten.

Jelina trug ihre langen Haare meistens offen und war von kurviger Gestalt, mit langen attraktiven Beinen, die sie gerne mit enganliegenden Jeans betonte. In ihrem hübschen Gesicht blitzten blaue Augen hellwach und mit Schalk beseelt.

Dagegen wirkte Ulyana eher ernst. Meistens flocht sie ihre Haare zu einem langen Zopf. Auch sie war schlank, doch bei weitem nicht so mit weiblichen Kurven gesegnet wie ihre Freundin. Muskeln und Sehnen verliehen ihr ein eher jungenhaftes Aussehen. Sie versteckte es mit locker sitzenden Jeans und schlabbrigen T-Shirts. Oder gefütterten Jacken, wenn es zu kalt war. So wie heute.

Sie trafen sich an der üblichen Stelle. Etwa einen Kilometer vor der Stadt im Wald. Auf einem der ausgetretenen Wildwechsel. Angespannt spähten sie auf die vor ihnen liegenden Felder. Inzwischen wussten sie, wo sie vor feindlichen Blicken sicher waren und wo sie vorsichtig sein mussten. Drohnen waren immer ein unkalkulierbares Risiko, doch es gab auf diesem Weg genügend Deckung. Abgesehen davon hatte Ulyanas gutes Gehör sie bisher immer rechtzeitig gewarnt, wenn diese Fluggeräte in ihre Nähe kamen.

Es war noch sehr früh am Morgen und dunkel. Ulyanas scharfe Augen registrierten trotzdem jede Bewegung. Alles schien frei von Soldaten zu sein. Sie nickte Jelina zu und die Mädchen setzten sich in Bewegung. Zügig und still huschten sie über die Felder, nutzten jede Deckung und lauschten auf verdächtige Geräusche. Ein Wolkenbruch überraschte sie und innerhalb von Sekunden war ihre Kleidung komplett durchweicht. Ulyana fröstelte. Es war empfindlich kalt und nasse Klamotten konnten sehr schnell unangenehme Folgen nach sich ziehen.

Jelina sah das offenbar genauso.

„Lass uns zur Scheune gehen“, schlug sie leise vor. „Da können wir den Regen abwarten und vielleicht trockenes Heu zum Abreiben finden.“

„Es ist ein Risiko“, wandte Ulyana ein. „Wir wissen nicht, wer dort noch Schutz sucht.“

„Yana!“ Jelina schnaufte. „Bei dem Wetter ist niemand unterwegs. Und die Scheune ist so zerfallen, dass da keiner freiwillig reingeht.“

Das war zwar richtig, aber ein mulmiges Gefühl blieb. Besorgt sah Ulyana Richtung Stadt, doch dann folgte sie ihrer Freundin. Diese allein zu lassen, kam auf keinen Fall in Frage.

Die alte Scheune ragte düster vor ihnen auf. Ulyana wusste, dass es nur eine kleine Stelle gab, an der es trocken sein würde. Das Dach existierte nur noch zur Hälfte und diese war löchrig wie ein Schweizer Käse. Misstrauisch sog sie die Luft durch die Nase und lauschte. Alles war ruhig.

Jelina hastete zum Tor und drückte es nach innen einen Spalt auf. Ulyana zwängte sich hinter ihr hinein.

Der Geruch nach Männerschweiß, Waffen und Testosteron ließ sie sofort erstarren.

„Jelina!“, rief sie warnend, aber es war zu spät.

Jelinas Schrei ließ sie vorspringen, doch sie kam nicht weit. Harte Männerhände packten sie und drückten sie nach unten. Etwas Metallisches bohrte sich in ihr Genick. Ein Waffenlauf.

„Wen haben wir denn da?“ Russische Worte, die sie entsetzt erstarren ließen.

„Frischfleisch. Wie zuvorkommend.“

Sie wurde auf den Rücken gedreht und sah eine Gestalt über sich aufragen. Zwei weitere knieten neben ihr nieder und fixierten sie am Boden.

„Nein! Bitte nicht!“ Jelinas verzweifelte Schreie ließen Ulyana gegen die Männer ankämpfen. Aber sie war in einer ungünstigen Position und die Männer wesentlich schwerer als sie.

„Fesselt sie. Eine nach der anderen, das macht mehr Spaß.“ Der stehende Soldat grinste böse auf sie hinunter und ging dann in Richtung Jelina.

Ulyana wurde zu einem Stützbalken gezerrt und dort mit einem Seil fixiert. Einer der Männer tätschelte ihr grinsend die Wange. Er roch nach Waffenöl und Zigarettenqualm. Und so, als hätte er sich seit Wochen nicht gewaschen.

„Von hier hast du eine gute Aussicht, Schätzchen.“

Ulyana schnappte mit gebleckten Zähnen nach ihm und verbiss sich in seiner Hand. Er fluchte und schlug ihr die geballte Faust ins Gesicht. Greller Schmerz schoss durch ihre Nase und sie spürte, wie das Blut an ihrem Kiefer entlanglief und nach unten tropfte. Benommen schüttelte sie den Kopf. Jelinas Schreie ließen sie wieder hochsehen. Jemand hatte inzwischen eine Gaslampe entzündet, so dass die Scheune ausreichend erhellt wurde, um das Grauen sichtbar zu machen.

Ulyana zählte sechs Männer. Die russischen Uniformen wirkten zerrissen und dreckig, waren jedoch unverkennbar. Genauso wie die Waffen, die griffbereit herumlagen. Die Soldaten hatten sich um Jelina geschart. Zwei hielten das sich wehrende Mädchen am Boden fest, während einer ihr mit einem Messer die Kleider vom Leib schnitt. Seine Kumpanen feuerten ihn lautstark an. Jelina gelang es, ihrem Bedränger in den Schritt zu treten, und er wich zusammengekrümmt und mit lauten Flüchen zurück. Ein anderer nahm seinen Platz ein und trat auf das wehrlose Mädchen ein, bis es nur noch ein Wimmern von sich gab.

Ulyana war sprachlos über diese Brutalität. Entsetzen, aber auch brodelnder Hass stieg in ihr hoch, während sie zusah, wie sich die Männer einer nach dem anderen an ihrer Freundin vergingen. Sie spürte nicht, wie sie ihre Handgelenke blutig scheuerte, derweil sie gegen ihre Fesseln ankämpfte. Das Entsetzen verblasste, die Wut nahm überhand, bis die Instinkte sich freie Bahn schafften. Es war nicht das erste Mal, dass sich Ulyana wandelte, doch noch nie war es aus Wut und Hass heraus geschehen. Ulyana sah im wahrsten Sinne rot. Der Anblick von Jelinas Blut und der metallische Geruch sprachen Sinne an, die nur noch ein Ziel hatten: Zerrissenes Fleisch, zerbissene Knochen und Tod.

Ulyana ließ ihr Monster frei.

In Sekundenschnelle verschoben sich Knochen, Muskeln und Organe. Fell spross und ihr Körper verformte sich. Es tat weh, doch das war nicht wichtig. Ihre neugebildeten Pfoten glitten aus den Fesseln, spreizten sich mit ihren Krallen.

Ulyana fiel auf ihre vier Beine und zögerte keine Sekunde.

Es gab keine Fairness an diesem Ort. Nicht für Vergewaltiger und Mörder. Erst als der erste Soldat mit aufgerissener Kehle zu Boden fiel, bemerkten die anderen, wer da unter ihnen wütete.

Panikgeruch erfüllte die Scheune, was Ulyana noch mehr anstachelte. Sie erwischte eine Oberschenkelarterie und als Nächstes einen Kiefer, den sie mit aller Kraft herausriss. Schmerzgebrüll und Schüsse erklangen. Ulyana ignorierte all das, ebenso den plötzlichen Schmerz in ihrer Seite. Der Mann, der auf sie geschossen hatte, ging als Nächster zu Boden und verlor einen Arm. Ein weiterer Schuss ließ Ulyana zur Seite torkeln, doch sie fing sich wieder und verbiss sich in einem Hals. Dem Letzten sprang sie auf den Rücken, während er zum Scheunentor rannte, und schlug die Zähne in seinen Nacken. Er brach sofort zusammen.

Zitternd stand Ulyana über ihm und sah sich um.

Die drei Überlebenden wälzten sich schreiend am Boden und tränkten diesen mit ihrem Blut.

Ulyana bleckte die Zähne, doch dann fiel ihr Blick auf Jelinas leblosen Körper und sie sprang zu ihm. Ein Heulen stieg in ihrer Kehle auf, als sie in die gebrochenen blauen Augen sah. Kein Glanz lag mehr darin. Kein Schalk. Nur Schmerz und Tod.

Erneut sah sie zu den zuckenden Soldaten. Der Kieferlose hatte sich zu einem Gewehr gerobbt und hob es gerade an. Es gelang ihm nicht mehr, einen Schuss abzugeben. Mit einem Satz sprang die Wölfin auf seinen Bauch und riss ihm die Kehle heraus. Ihre grünen Augen fixierten hasserfüllt die verbliebenen Soldaten, die sich verzweifelt bemühten, ihre Blutungen zu stoppen.

Ein hoffnungsloses Unterfangen. Doch das Monster verspürte kein Mitleid. Nichts war mehr da. Nur noch eine tiefe Traurigkeit.

Ulyana zog sich zurück zu dem Stützbalken, bei dem ihre zerrissenen Kleider lagen. Sie zwang sich zur Wandlung. Zitternd, nackt und blutüberströmt sank sie an dem Balken zu Boden und tastete nach ihrem Handy.

„Papa?“ Ihre Stimme klang kratzig. Leblos. „Kannst du zur alten Scheune kommen? Jelina ... Jelina ist tot. Und ... und ich habe etwas schreckliches getan.“

Ulyanas Zeitempfinden verlor sich in den fürchterlichen Bildern, die vor ihrem inneren Auge vorbeizogen. Erst die sanfte Stimme ihres Vaters ließ sie zu sich kommen.

„Papa?“ Sie sah zu ihm hoch und dann flossen die ersten Tränen. Er hockte sich vor ihr nieder und küsste ihre Stirn. Dann sah er sich mit grimmiger Miene um. Langsam erhob er sich und trat zu den verletzten Soldaten. Der Armlose lag inzwischen still, doch der letzte umklammerte immer noch sein Bein. Andrej Koval beugte sich zu ihm hinunter, packte ihn am Hemd und zerrte ihn hoch. Der Verletzte sah mit glasigen Augen zu ihm hoch.

„Monster, sie ist ein Monster“, krächzte er.

Koval hob nur die Augenbrauen und sah kurz zu seiner Tochter. Dann schüttelte er den Kopf.

„Ulyana ist mein Kind und kein Monster. Die Monster seid ihr. Vergewaltiger und Mörder unschuldiger Kinder.“ Er spuckte dem Soldaten ins Gesicht. „Sie hatte jedes Recht, euch zu richten.“

Ulyana sah das Messer erst, als er es entschlossen dem Soldaten durch die Kehle zog.

Sie verspürte kein Entsetzen mehr. Nur noch Erschöpfung.

Ihr Vater kehrte zu ihr zurück und griff nach einem Rucksack, den er neben ihr abgestellt hatte.

„Wir müssen uns beeilen.“ Er klang ruhig und entschlossen, während er Wechselkleidung für sie hervorzog. „Es wird schon hell und wir müssen hier verschwinden, bevor die Soldaten vermisst werden.“

„Jelina ...“

„Wir nehmen sie mit. Sie wird ein anständiges Begräbnis bekommen.“

Während sie sich die Kleidung überzog, sah sie zu, wie ihr Vater fachmännisch kleine Sprengkörper verteilte. Kurz überlegte sie, wo er diese wohl herhatte, doch dann schob sie die Frage von sich. Es interessierte sie nicht weiter. Was immer ihr Vater vorhatte, es würde das Richtige sein. Davon war sie fest überzeugt.

Als sie vollständig bekleidet war, berührte sie vorsichtig ihre Nase. Diese war immer noch krumm, doch der Schmerz war verschwunden. Eine Verletzung, die sie wohl für immer tragen würde, wenn sie die Nase nicht noch einmal brechen wollte. Es berührte sie nicht.

Andrej trat neben sie. In den Armen trug er Jelinas schlaffen Körper. In der Luft lag Benzingeruch. Brandbeschleuniger. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie er diesen verteilt hatte.

„Komm, um deine Verletzungen kümmern wir uns später.“

Sie folgte ihm nach draußen. Leise huschten sie zurück Richtung Wald. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, doch es war immer noch nasskalt und Nebel kroch über die Felder. Das konnte ihnen nur recht sein. Am Waldrand blieben sie stehen und sahen zurück. Andrejs Arm hob sich und Ulyana sah den Fernzünder in seiner Hand. Sekunden später erschütterten mehrere Explosionen die Umgebung und Flammen schlugen beinahe sofort in der Dunkelheit empor.

„Niemand wird herausfinden, was dort geschehen ist“, sagte ihr Vater leise. „Es gibt andere Probleme, um die man sich kümmern muss. Wenn jemand fragt, ich kam rechtzeitig hinzu, um dich zu retten. Ich war Soldat. Niemand wird anzweifeln, dass ich diese Bestien getötet habe.“

Raisa erwartete sie bereits und zwang Ulyana sofort unter die Dusche. Jelina wurde vorsichtig auf dem Küchentisch aufgebahrt.

Als Ulyana die Küche betrat, waren ihre Eltern dabei, das tote Mädchen zu waschen und anschließend neu anzukleiden.

„Wir werden ihre Eltern bald benachrichtigen. Doch zunächst möchte ich, dass du mir alles genau erzählst.“

Andrej wies auf einen Küchenstuhl und sie sank gehorsam darauf nieder. Stockend berichtete sie von den zurückliegenden Stunden, während Raisa sanft Jelinas Haare bürstete.

„Ich hätte sie wittern müssen.“ Verzweifelt sah Ulyana zu ihrem Vater hoch, als ihre Erzählung endete.

Andrej legte beruhigend eine Hand auf ihre Schulter.

„Der Wind stand falsch und der Regen hat die Gerüche verwaschen. Du hattest keine Chance.“

„Ich habe getötet. Ich habe Menschen umgebracht.“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.

„Du bist ein Wolf. Wölfe töten. Wenn es sein muss. Und du hattest jeden Grund dazu.“

Er hockte sich vor ihr nieder und sah ihr ernst in die Augen.

„Wir sind im Krieg, Ulyana. Menschen sterben. Jeden Tag. Sei dankbar, dass du Fähigkeiten zum Überleben in dir trägst. Das ist nicht jedem vergönnt. Hättest du diese Männer am Leben gelassen, hättest du Jelinas Schicksal geteilt. Niemand wird dich dafür verurteilen. Dennoch muss niemand wissen, was passiert ist.“

„Niemand darf von uns Wölfen wissen“, flüsterte Ulyana.

„Niemand“, bestätigte ihr Vater. „Niemand, der nicht zu den geheimen Völkern gehört.“

„Oder zur Familie“, ergänzte sie leise und sah zu ihrer Mutter, die sie traurig anlächelte.

Flucht

März/April 2022

Ukraine

Die Beerdigung von Jelina kam Ulyana im Nachhinein unwirklich vor. Es flossen viele Tränen, doch nicht nur an Jelinas Grab. Die letzten russischen Angriffe hatten weitere Todesopfer gefordert und es gab mehrere frische Gräber, an denen noch Trauernde verharrten. Ulyana nahm alles wie aus weiter Ferne auf. In den letzten zwei Tagen war sie kaum zur Ruhe gekommen. Immer wieder blitzten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Bilder von Jelinas zerschlagenem Gesicht und ihren toten Augen. Bilder von ausgerissenen Körperteilen und Ströme von Blut. Und dennoch wollte sie nicht wahrhaben, dass ihre beste Freundin niemals wieder lachen würde. Jelina sie nie mehr foppen und spontan umarmen würde.

Zum ersten Mal nach langer Zeit schlief sie zwischen ihren Eltern und versuchte, ein wenig Trost in ihrer Nähe zu finden. Die Alpträume verschwanden dadurch nicht.

Im Alltag bewirkte Jelinas Tod einen spontanen Stopp des normalen Schulbetriebs. Niemand war mehr gewillt, seine Kinder diesem Risiko auszusetzen. Online-Unterricht war angesagt.

Am Tag nach der Beerdigung beschloss Andrej, dass für Trauer keine Zeit mehr war.

„Wir sind im Krieg.“ Sie saßen zu dritt am Tisch und Andrej blickte ernst auf seine Tochter. „Niemand ist sicher vor Tod und Gewalt. Wir können das einfach so hinnehmen, oder wir bereiten uns darauf vor.“

Ulyana schluckte schwer. Sie ahnte, worauf ihr Vater hinauswollte. Opfer oder Kämpferin. Sie musste sich entscheiden, was sie sein wollte.

„Heute beginnen wir wieder mit deinem Waffentraining. Und wir werden deine Kampffähigkeiten auffrischen. Das haben wir viel zu lange schleifen lassen.“

Was sollte sie dagegen einwenden? Er hatte ja recht. Denn eines wusste Ulyana. Sie wollte kein Opfer sein. Und sie wollte fähig sein, ihre Familie und ihre Freunde zu schützen. Das Versagen bei Jelina saß viel zu tief. Nie wieder wollte sie jemanden verlieren, der ihr nahestand. Nicht, wenn sie es irgendwie verhindern konnte.

Das Kampf-Training war ihr nicht fremd. Ihr Vater Andrej hatte sie darin angeleitet, seit sie sechs Jahre alt war. Doch im letzten Jahr hatte sie sich mehr auf die Schule konzentriert. Sie ahnte, dass sich Andrej Vorwürfe machte, dass er nicht schon bei Kriegsbeginn ihr Training wieder aufgenommen hatte. Doch der Krieg hatte so vieles verändert und forderte jeden Tag neue Kräfte und Umstellungen, dass an Routine nicht zu denken gewesen war. Ulyana ballte die Fäuste und nickte entschlossen.

Was auch immer ihr Vater von ihr verlangte. Sie würde mitziehen.

Vier Wochen später erhielt die Familie Koval ungewöhnlichen Besuch. Es war gegen Abend und in der Ferne hallten noch die Geräusche von Explosionen nach. Alltägliche Akustik, die Ulyana mittlerweile ausblendete. Sie stand mit ihrer Mutter in der Küche und bereitete das Abendessen vor, als ihre Sinne anschlugen. Fünf Personen näherten sich ihrem kleinen Haus. Auch ihr Vater war sich dessen bewusst. Er befand sich hinter dem Haus und reparierte einen Schuppen. Ulyana hörte, wie er die Werkzeuge ablegte und das Gebäude umrundete.

Ulyana trat zur Haustür und ergriff das Gewehr, das neben der Garderobe abgestellt war.

„Fünf Personen“, informierte sie ihre Mutter leise und entsicherte die Waffe. „Setz dich am besten unter den Tisch.“

Raisa gehorchte ohne Widerspruch. Auch sie wusste, dass sie die verletzlichste Person in dieser Familie war.

Ulyana spähte durch das kleine Sichtfenster der Haustür nach draußen. Gerade trat ihr Vater ins Blickfeld. Kurz darauf auch die Besucher. Fünf Männer in militärisch anmutender Bekleidung. Erleichtert erkannte sie einen der Ankömmlinge. Er leitete die örtliche Polizeistation. Trotzdem ließ sie die Tür geschlossen. Die Stimmen drangen nur leise an ihr Ohr, doch sie hörte, dass es sich um die üblichen Begrüßungsfloskeln handelte.

Schließlich wandten sich alle dem Haus zu. Ulyana trat schnell in die Küche zurück und gab ihrer Mutter das Zeichen zur Entwarnung. Als die Besucher hereintraten, standen die beiden Frauen bereits wieder am Tisch und widmeten sich dem Abendessen. Die Waffe war hinter einem Vorhang verborgen.

„Wir haben Gäste“, vermeldete Andrej. „Yana, besorg was zu trinken. Raisa, können wir unsere Gäste mit Essen versorgen?“

Seine Frau lächelte den Männern zu. „Selbstverständlich. Es dauert aber noch einen Moment.“

Ulyana eilte in die Vorratskammer und kehrte mit einer Flasche Horilka und mehreren Flaschen Bier zurück. Die Männer hatten sich inzwischen in den Wohnraum verzogen und hockten um den niedrigen Couchtisch herum. Es war kaum zu übersehen, dass die fünf Besucher schwer bewaffnet waren. Ihre Maschinenpistolen hatten sie neben sich abgelegt, doch die Pistolen und Messer hingen noch griffbereit in ihren Holstern.

Mit einer Handbewegung schickte Andrej seine Tochter wieder hinaus, doch Ulyana war neugierig genug, um an der geschlossenen Wohnzimmertür zu verharren.

Ihr Wolfsgehör hatte kein Problem damit, das Gespräch zu verfolgen. Raisa tadelte sie nicht dafür, sondern widmete sich ganz dem Abendessen.

Was Ulyana zu hören bekam, gefiel ihr ganz und gar nicht.

„Andrej, du ahnst vielleicht schon, warum wir hier sind.“

Ein kurzer Moment der Stille, dann fuhr der Sprecher fort. „Du hast dich in den letzten Monaten mehr als bewährt. Hast geholfen, wo du nur konntest.“

„Das hat jeder hier getan“, antwortete Andrej ruhig.

„Nun, die meisten zumindest. Aber du weißt, dass wir immer noch auf jeden angewiesen sind, der den Kampf gegen das blutrünstige Gesindel unterstützt. Du hast offensichtlich militärische Erfahrungen und die können wir gerade gut gebrauchen.“

„Ihr wollt, dass ich an die Front gehe?“

Der Sprecher seufzte. „Kein normaler Mensch will das, doch wir befinden uns im Krieg und müssen unser Land, unsere Familien schützen. Da zählt jeder Mann.“

Wieder Schweigen.

„Andrej, du weißt, was auf dem Spiel steht. Und du weißt auch, dass wir dich zwingen könnten. Was wir nicht wollen.“

„Micha.“ Andrej klang völlig ruhig. „Willst du mir drohen? Warum? Ich habe mich noch nicht geäußert.“

„Niemand will dir drohen, Andrej. Im Gegenteil, wir bieten dir an zu beweisen, dass du auf der richtigen Seite stehst.“

„Natürlich.“ Jetzt klang ihr Vater sarkastisch. „Weil mein Vater ein Russe war, stehe ich jetzt unter Generalverdacht. Dass ich seit vielen Jahren hier lebe und unser Dorf und meine Nachbarn unterstütze, fällt da wohl nicht ins Gewicht. Und dass meine Tochter zweimal beinahe von Russen getötet wurde, ist vermutlich ein russischer Irrtum gewesen.“

„Niemand von uns hier wirft dir vor, mit den russischen Verbrechern zu sympathisieren. Und dein Engagement wird dir hoch angerechnet. Dein Sarkasmus ist daher völlig fehl am Platz. Aber die Belagerung unserer Stadt ist noch nicht vorbei und es steht zu befürchten, dass die russischen Bastarde bald eine Übernahme starten. Mir ist zu Ohren gekommen, dass du auch in strategischer Kriegsführung ausgebildet bist. Wir brauchen dich. Dringend. Abgesehen davon raten wir allen, die außerhalb der Stadt leben, die Häuser zu verlassen und ins Stadtinnere zu ziehen. Der Belagerungsring wird immer enger und wir können einzelne Häuser nicht mehr schützen.“

„Und wo sollen diese Familien unterkommen?“

„Einen Teil können wir unterbringen. Es gibt noch leerstehende Häuser und Familien, die bereit sind, Zimmer zu vergeben. Aber wir raten allen Frauen, Kindern und alten Leuten, nach Westen abzuwandern. Weg von der Front, hin zu Verwandten oder Freunden.“

Ulyana schluckte schwer. Die Vorstellung, ihre Heimat zu verlassen, gefiel ihr überhaupt nicht. Erst recht nicht, wenn ihr Vater im Kriegsgebiet verbleiben würde. Nur am Rand verfolgte sie das weitere Gespräch. Das Schlimme war, dass sie bereits wusste, wie sich ihr Vater entscheiden würde.

Er hatte niemals einen Hehl daraus gemacht, dass er alles tun würde, um die Russen zurückzuwerfen und seine Familie zu schützen. Doch was würde aus ihrer Mutter und ihr werden?

„Ich möchte, dass ihr nach Westen geht.“

Sie saßen am späten Abend am Küchentisch und die Stimmung war schwermütig. Die Gäste hatten sich nach dem Abendessen verabschiedet und waren weitergezogen. Vielleicht zur nächsten Familie, um dort nach weiteren Kämpfern zu suchen.

„Du wirst kämpfen, nicht wahr?“ Raisas Stimme war leise und Traurigkeit schwang darin mit.

„Ich muss es tun, kokhana.“ Andrej legte seine Hand auf die ihre und streichelte sie. „Micha hat recht. Wenn ich mich heraushalte, mache ich mich schuldig. Jedes Menschenleben, dass ich retten kann, ist wichtig. Aber wenn ihr hierbleibt, werde ich mich nicht auf meine Aufgabe konzentrieren können. Ich muss euch in Sicherheit wissen.“

Raisa seufzte schwer. „Niemand ist in diesem Land sicher. Die Russen schicken ihre Raketen auch an die Grenze nach Polen hin. Und die Fluchtkonvois nach Westen werden auch angegriffen.“

„Ich weiß, doch die Gefahr hier ist deutlich größer.“

„Und wohin sollen wir gehen?“, mischte sich Ulyana ein. „Wir haben keine Freunde oder Verwandte im Westen.“

„Ich habe eine Großtante in Deutschland.“ Raisa rieb sich müde durch das Gesicht. „In den letzten Jahren hatten wir zwar kaum Kontakt, doch sie war immer interessiert daran, wie es uns geht. Vielleicht können wir dort unterkommen.“

Andrej nickte zustimmend. „Deutschland ist gut. Und selbst, wenn deine Tante keinen Platz für euch hat, könntet ihr euch an das Deutschland-Rudel wenden. Von dem derzeitigen Rudelführer habe ich nur Gutes vernommen.“

„Ich werde morgen meine Tante anrufen. Und du kannst ja mit dem Rudel Kontakt aufnehmen.“

Ulyana war überrascht, dass Raisa Andrejs Forderung so rasch akzeptierte. Normalerweise bestand sie darauf, an der Seite ihres Mannes zu bleiben. Doch dann sah sie den Blick ihrer Mutter auf sich ruhen und begriff: Es war wegen ihr.

„Ich möchte aber hierbleiben“, wandte sie rasch ein. „Ich kann auch kämpfen. Und die haben gesagt, dass sie jeden gebrauchen können.“

„Du bist noch ein halbes Kind“, wehrte Raisa erschrocken ab. „Und noch dazu weit davon entfernt, eine richtige Soldatin zu sein.“

„Ich kann mehr als die meisten Zivilisten, die sich an die Front melden“, beharrte Ulyana. „Und ich ...“

„Still!“ Andrej klang ungewohnt hart. „Du wirst gehen. Auch wenn du eine Ausbildung an der Waffe hast, werde ich es nicht zulassen, dass du in Kampfhandlungen verwickelt wirst. Der Krieg besteht nicht aus fairen Kämpfen. Es ist ein blutiges und rücksichtsloses Schlachten auf beiden Seiten. Und nicht immer schützen einen die eigenen Fähigkeiten davor, einfach abgeschossen oder verstümmelt zu werden. Außerdem bist du eine Wölfin. Auch wenn du deine Wandlung im Griff hast, kann der Stress dich in eine hineinzwingen. Das hast du selbst vor kurzem erfahren, nicht wahr? Und was denkst du, was deine Kriegskameraden mit dir anstellen, wenn sie herausfinden, dass ein Wolf in dir schlummert? Dass es Werwölfe tatsächlich gibt? Es würde nicht nur dein Leben beenden, sondern auch viele andere Wölfe das Leben kosten.“

„Und was ist mit dir?“ Ulyana schob trotzig ihr Kinn vor. „Du bist auch ein Wolf. Dir kann das gleiche passieren.“

Andrej lächelte sanft, doch in seinen Augen las sie Entschlossenheit. „Im Gegensatz zu dir habe ich bereits Erfahrungen in diversen Schlachten gesammelt und weiß, dass ich meinen Wolf beherrsche. Kleine voyin, ich bin mir sicher, dass dein Kampftraining nicht umsonst war. Du wirst es auf deiner Reise nach Westen sicherlich gebrauchen können.“

Er sah wieder zu Raisa. „Meidet auf jeden Fall das Polen-Rudel. Der Rudelführer Wojslaw Karpowicz ist ein echtes Arschloch. Und Frauen werden nicht gut behandelt. Wenn ihr einmal in seinen Händen seid, wird er euch nicht mehr hergeben und ich wäre gezwungen, seinem Rudel beizutreten, um euch zu behalten.“

Ulyana schluckte nervös. Den Namen Karpowicz hörte sie nicht zum ersten Mal. Ihr Vater hatte ihr schon immer jegliche Information über die bekannten Rudel zukommen lassen. Und die Polenwölfe waren berüchtigt für ihre konservative und frauenverachtende Haltung. Das Polenrudel war zwar nicht kriminell, wie zum Beispiel das Petersburger Rudel, doch es war sehr viel gewaltbereiter als die westlicheren Rudel. Andrej hatte ihr erklärt, dass dies alles auf historischen Gegebenheiten beruhte. Polen war schon immer ein zerrissenes Land gewesen und kämpfte ständig gegen wechselnde Invasoren. Kein leichter Stand für ein Wolfsrudel, das versteckt leben musste. In Andrejs Augen allerdings kein Grund, deswegen Frauen zu drangsalieren. Ulyana wusste, dass ihr Vater vor den russischen Wolfsrudeln mehr oder weniger geflohen war, da er Raisa den dortigen Rudelstrukturen nicht aussetzen wollte. Seitdem lebte er mit seiner Familie in Raisas ukrainischer Heimat. Ungebunden und fern von jeder Rudeldynamik. Für Ulyana nichts Besonderes, schließlich kannte sie es nicht anders. Doch für Wölfe war das ungewöhnlich. Sie waren Rudelwesen und brauchten ein enges soziales Gefüge. Bisher hatte Ulyanas Familie dafür genügt. Doch wenn sie fortgingen ... Ulyana biss die Zähne zusammen. Alles, was sie benötigte, war die Sicherheit, dass es ihrer Mutter gut ging. Wolfsrudel konnten ihr gestohlen bleiben. Doch das war nichts, was sie ihrem Vater gestehen würde. Wie auch immer, sie würde seinen Anweisungen Folge leisten. Bisher hatte sie sich immer auf ihn verlassen können. Warum sollte sie seine Einschätzungen daher in Frage stellen? Auch wenn es ihr nicht gefiel.

Die Evakuierung der Familien erfolgte bereits eine Woche später. Der Fluchtkorridor war angeblich von den Russen genehmigt worden, doch niemand glaubte ernsthaft daran, dass sie sich an die Absprachen halten würden. Dafür waren schon zu oft Konvois beschossen worden.

Ulyana saß mit ihrer Mutter in einem klapprigen Linienbus, der beunruhigende Einschusslöcher aufwies. Unbewusst tastete sie nach der Pistole in ihrer Manteltasche. Seit Kriegsbeginn war es keine Schwierigkeit, diverse Schusswaffen zu erwerben. Jedem war es gestattet, sich damit zu versorgen. Eine Begleiterscheinung des Krieges, die Ulyana sehr entgegenkam. Zumal sie eine recht gute Schützin war. Dennoch, die Vorstellung, auf andere Menschen zu schießen, kam ihr immer noch surreal vor. Seltsam, dass sie keine Schuldgefühle mehr in sich verspürte, wenn sie an ihren Kampf gegen die russischen Vergewaltiger zurückdachte. Dieser war sehr viel blutiger abgelaufen, als wenn sie damals eine Pistole eingesetzt hätte. Sie schob diese Gedanken von sich und spähte aus dem Fenster. Die letzten Mitreisenden begaben sich in den Bus. Ein altes Ehepaar, das auf die Hilfe der anderen angewiesen war, um die Stufen hinaufzuklettern. So wie alle Flüchtlinge hatten sie nur wenig Gepäck bei sich und trugen dafür mehrere Schichten Kleidung um sich herum, was sie unförmig wirken ließ und sie in den Bewegungen sichtlich behinderte. Lästig, aber nötig. Noch immer waren die Temperaturen nicht angenehm und die Nächte empfindlich kalt.

Ulyana erspähte ihren Vater, der neben zwei ukrainischen Soldaten stand und sich mit ihnen unterhielt, während sein Blick an ihrem Bus klebte. Das Herz wurde ihr schwer und sie umklammerte Raisas Hand. Es gab keine Garantie, dass sie ihren Vater jemals wiedersehen würde. Alles konnte geschehen und im Krieg war das meistens nichts Gutes.

„Wir werden es schaffen“, flüsterte Raisa ihr ins Ohr. „Du bist stark, genau wie dein Vater. Und sobald diese russischen Monster zurückgeschlagen sind, werden wir zurückkommen.“

Der Busmotor dröhnte auf und sie setzten sich in Bewegung. Erst als Andrej zu einem winzigen Punkt in der Ferne geworden war, blickte Ulyana nach vorne. Die Worte ihrer Mutter waren tapfer, doch sie verringerten nicht Ulyanas Sorge. Nichts an dieser Flucht kam ihr richtig vor. Höchstens, dass ihre Mutter in Sicherheit gebracht wurde. Doch selbst das fühlte sich falsch an. Und in den Gesichtern ihrer Mitreisenden las sie die gleiche Besorgnis. Obwohl die Gegend noch bekannt war, fühlten sie sich entwurzelt. Vertrieben aus ihrer Heimat. Schutzlos auf einer langen gefährlichen Reise.

Einen Tag lang kroch der Konvoi, bestehend aus drei Linien-Bussen und vier Transportern, über zerbombte Straßen und verwüstete Dörfer. Immer wieder hielten sie an, um weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Der Platz wurde eng, die Luft immer dünner und der Gestank für Ulyana beinahe unerträglich. Sie war noch nie ein Fan von größeren Menschenansammlungen gewesen. Die Reizüberflutung war immer unangenehm, doch im Bus noch schlimmer als sonst. Und an Schlaf war kaum zu denken.

Am späten Nachmittag riss ein lautes Krachen Ulyana aus dem Halbschlaf. Panische Schreie klangen auf und ein vertrautes Rattern versetzte nicht nur Ulyana in Alarmbereitschaft.

„Alle runter“, brüllte es von vorne. „Die Scheißkerle schießen auf uns.“

Ulyana gehorchte sofort und zog ihre Mutter mit sich nach unten. Zu ihrem Entsetzen sackte Raisas Körper schwer neben ihr zusammen. Blaue Augen blickten leblos nach oben. Ein blutiges Rinnsal schlängelte sich von der Stirn über Raisas Wangen, ihre Lippen und dann zu Boden. Ulyana starrte auf das Einschussloch in Raisas Stirn.

„Mama“, flüsterte sie heiser. „Mama, sag doch was.“

Sie wusste im gleichen Moment, dass es ein Reflex war, darum zu bitten. Ein unerfüllbarer Wunsch. Die Wucht der Erkenntnis raubte ihr den Atem. Danach glühte nur noch Wut in ihr auf. Das vertraute Ziehen in ihren Gliedmaßen ließ sie nach Luft schnappen. Gleichzeitig nahm sie ihre Umgebung wieder wahr. Um sie herum tobte das Chaos. Das Rattern von Maschinengewehren, zersplitternde Autoscheiben und panische Schreie zerschnitten die Luft und es roch nach Angst, Blut und Schießpulver. Eine Explosion erschütterte den Bus. Die Detonation kam von einem der anderen Busse, erkannte Ulyana. Sie musste hier raus! Die nächste Explosion konnte ihren Bus treffen. Sie warf einen letzten Blick auf ihre Mutter und verdrängte jegliches Gefühl. Wenn sie überleben wollte, musste sie ihre Trauer verschieben. Sie griff nach ihrem Rucksack, den sie im Fußraum abgestellt hatte, und zog ihn über. Dann krabbelte sie ungeachtet der Glasscherben und der leblosen Körper um sie herum auf den Ausgang zu.

Offenbar war der Fahrer zur gleichen Erkenntnis wie sie gekommen, denn mit einem Zischen öffnete sich die Tür, während wieder von vorne Anweisungen gebrüllt wurden.

Vor Ulyana drängten sich die ersten Leute nach draußen, doch dann stockte das Gedränge.

„Sie schießen auf uns“, brüllte es von der Tür her.

Ulyana biss die Zähne zusammen. Sich einfach abknallen zu lassen kam nicht in Frage. Auf keinen Fall. Sie fixierte eines der zerschossenen Fenster und spannte die Muskeln an. Dann sprang sie hoch und hechtete nach draußen. Für einen Moment schoss es ihr durch den Kopf, dass dies vermutlich die beste Hechtrolle war, die sie in ihrem bisherigen Leben ausgeführt war. Die Landung war tief und hart, doch der Rucksack pufferte sie etwas ab. Der Schwung ließ sie weiterrollen bis in den Straßengraben hinein. Sie wartete nicht ab, sondern rannte geduckt den Graben entlang an zwei brennenden Bussen vorbei. Sie vermied es, die Leichen anzusehen, die überall verteilt waren. Zerschossene Körper, einzelne Gliedmaßen. Mit zusammengebissenen Zähnen übersprang sie einen kleinen Kinderkörper, an dem nur noch rudimentäre Reste eines Kopfes hingen. Erst jetzt registrierte sie die russischen Fahrzeuge zu beiden Seiten der Straße und die Soldaten, die immer noch in Richtung der Fliehenden schossen. Ein scharfer Schmerz in ihrem Arm ließ sie nach vorne stolpern. Sie ignorierte es und krabbelte weiter, den Graben weiterhin als Deckung nutzend. Vor ihr gewahrte sie andere Flüchtende, die den Graben ebenfalls nutzten. Schnell wagte sie einen Blick aus der Versenkung heraus. Die russischen Fahrzeuge auf ihrer Seite standen verborgen an einem Waldrand. Ein idealer Hinterhalt. Wieder biss Ulyana die Zähne zusammen. Ihre einzige Chance war der Wald. Wenn sie den erreicht, konnte sie sich in Sicherheit bringen. Sie war eine schnelle und ausdauernde Läuferin und die Soldaten würden sich vermutlich nicht um eine einzelne Flüchtende kümmern. So hoffte sie jedenfalls.

Sie fixierte die Lücke zwischen zwei Fahrzeugen und beobachtete die Soldaten. Diese rückten jetzt auf den Konvoi vor und der Dauerbeschuss klang ab. Nur noch vereinzelt knallte es und Ulyana wusste, dass wieder Menschenleben beendet wurden. Galle stieg in ihr hoch und sie drängte sie mühsam zurück. Langsam schlängelte sie sich den Graben hoch in ein Gebüsch hinein. Atemlos blieb sie liegen. Rechts und links von ihr stapften die Soldaten an ihr vorbei. Für einen Moment zögerte sie, doch dann gab sie sich einen Ruck. Vor ihr war kein Russe zu sehen. Dies war vermutlich die beste Gelegenheit, die sie bekommen konnte. Sie sprang auf die Füße und rannte los. Kurz bevor sie die gepanzerten Fahrzeuge passierte, klangen russische Flüche auf. Sekunden später ratterte wieder ein Gewehr los und Ulyana spürte um sich herum den Flugwind der Kugeln. Wieder ein scharfer Schmerz in ihrem Arm. Dann einer in ihrer Schulter und kurz danach in ihrer Hüfte. Sie ignorierte das unsägliche Brennen und tauchte in den Schatten des Waldes ein. Sofort änderte sie die Fluchtrichtung, ohne ihr Tempo zu mindern. Ihre Füße trommelten auf dem Waldboden, während sie über Büsche sprang und über halbverrottete Baumstämme. Inzwischen war es so dunkel, dass kaum noch Licht durch die Baumkronen drang. Es reichte für ihre Nachtsicht aus, so dass sie ungehindert weiterrennen konnte. Ein wenig drosselte sie das Tempo, doch sie war fest entschlossen, so viele Kilometer wie nur möglich zwischen sich und den Konvoi zu bringen. Ulyana verlor jedes Zeitempfinden, bis ihre Beine nachgaben und sie mit einem Ächzen zu Boden krachte. Langsam drehte sie sich auf den Rücken und starrte in die Dunkelheit über ihr. Ihr Atem ging rasselnd und die Schmerzen in ihren Gliedmaßen waren einem tauben Gefühl gewichen. Die Heilung setzte ein. Durch die Bewegung waren die Wunden immer wieder aufgebrochen, doch jetzt würde sie unweigerlich die Kugeln in ihrem Körper einschließen.

Mit einem verzweifelten Stöhnen setzte sich Ulyana auf und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie hatte die Wahl, diese Heilung zuzulassen und mit den Kugeln im Körper weiterzuleben oder sie jetzt und sofort herauszuholen. Eine Vorstellung, die sie entsetzte. Doch mit ziemlicher Sicherheit würde es noch unangenehmer sein, wenn die Kugeln nachträglich entfernt würden. Musste das überhaupt sein? Andererseits hatte ihr Vater eine sehr klare Meinung dazu geäußert.

„Jeder Fremdkörper begleitet dich den Rest deines Lebens. Und das kann lange dauern. Der Schmerz vergeht, doch Fremdkörper bleiben. Ich für meinen Teil mag es nicht, wenn ich unnützes Metall mit mir herumtrage. Aber das muss jeder für sich entscheiden.“

Ulyana neigte dazu, ihrem Vater zuzustimmen. Auch wenn das hieß, sich selbst zu schneiden. Sie zog ihr Handy hervor und warf einen Blick auf das Display. Erstens kein Empfang und zweitens nur noch zwei Prozent Akku. Hervorragend. Damit schwand auch der letzte Zweifel daran, dass sie auf sich allein gestellt war.

Sie zog sich den Rucksack vom Rücken und kramte das Notfallset heraus. Etwas, was sie in jeder Tasche verstaut hatten. Zurecht, wie sich jetzt erwies. In der Hauptsache enthielt es Verbandsmaterial, Wundklammern, Pinzette, Skalpell, Schere und Pflaster. Dazu noch einen Desinfektionsspray und Schmerzmittel. Letztere waren für ihre Mom gedacht gewesen. Bei Wölfen hielten sie nie lange an und waren eher nutzlos. Etwas, was die folgende Prozedur noch weitaus unangenehmer machen würde.

Eine kurze Inspektion ihrer Wunden ergab, dass die Hüfte nur einen Streifschuss erhalten hatte und ignoriert werden konnte. Die Kugel in der Schulter würde sie nicht ohne Hilfe herausholen können, daher konzentrierte sie sich auf die beiden Schusswunden an ihrem linken Arm.

Später konnte Ulyana beim besten Willen nicht mehr sagen, wie sie die Prozedur durchgestanden hatte. Das Skalpell war scharf und glitt problemlos durch ihr Fleisch. Doch der Schmerz trieb ihr den Schweiß aus allen Poren. Mehrfach musste sie absetzen, um der Übelkeit Herr zu werden, die sich in ihrem Bauch ausbreitete und ihr die Säure durch die Speiseröhre hochtrieb. Doch irgendwann lagen zwei blutige Kugeln vor ihr im Laub und sie lehnte sich mit geschlossenen Augen an den Baum. Sie war mehr als dankbar, ein Wolf zu sein. Die schnelle Regeneration würde eine Infektion verhindern und sie würde ihre Flucht fortsetzen können. Doch zunächst siegte die Erschöpfung. Sie rollte sich im Laub zusammen und wickelte eine Rettungsdecke um sich. Ebenfalls ein wertvolles Equipment in ihrem Rucksack. Dann sank sie in einen unruhigen Schlummer.

Tschechien 1834

Reißende Zähne in weichem Fleisch. Das Geräusch war unverkennbar und Auslöser für viele Reflexe: Magenknurren, erhöhter Speichelfluss, der Drang zu töten, zu reißen, zu schlucken. Erhöhter Puls und angespannte Sinne. Der Geruch nach Blut und frischem Fleisch verstärkte alles noch. Zumal die letzte anständige Mahlzeit schon einen Tag zurücklag. Nicht lange genug für beißenden Hunger, doch ausreichend, um einen Wolf in Alarmbereitschaft zu setzen.

Langsam bewegte er sich vorwärts. Witternd nach potenziellen Gefahren. Doch vor ihm war nur eine. Der Jäger.

Vorsichtig umrundete er den Tatort, die Kreise immer enger ziehend. Eine alte, zerfallene Hütte, die dennoch noch frische Gerüche der Bewohner verströmte. Seine Nase registrierte den Geruch eines Menschen. Seine Ohren vernahmen das leise Wimmern in der Hütte. Eine Frau. Verletzt. Schwer, wenn er die Menge des Blutes richtig einschätzte. Der Jäger kam in sein Sichtfeld. Ein riesiger grauer Wolf mit weißer Schnauze. Grünschimmernde Augen und ungewöhnlich lange, kräftige Krallen. Diese rissen unbarmherzig das Fleisch von den Knochen der Beute.

Ein Kind, registrierte er. Ein Knabe, vielleicht sechs Jahre alt oder älter. Hier in diesen Breitengraden ließ der Hunger viele Kinder langsamer wachsen. Auch dieser Junge wirkte dünner, als es gesund war. Doch seine Reise ins Leben war endgültig beendet.

Der Wolf hob den Kopf, fixierte ihn mit blutigen Lefzen und diesem gierigen Blick, den er so hassen gelernt hatte. Dann wandelte er sich.

Karel Pavlík war ein riesiger, ungeschlachter Mann mit breiten Schultern und ausgeprägter Muskulatur, was in seinem unbekleideten Zustand nicht zu übersehen war. Blutige Streifen und Flecken bedeckten seinen Körper, ebenso den zotteligen Vollbart und zeugten von seiner grausigen Mahlzeit.

„Es ist noch was übrig“, grinste er jetzt. „Friss dich ruhig satt.“

Er wischte sich mit einer nachlässigen Bewegung durch den blutigen Bart. „Ich hole mir jetzt den spaßigen Nachtisch.“

Mit diesen Worten wandte er sich der Hütte zu und stieß die Tür krachend auf. Das Wimmern wurde lauter.

Er sah auf die blutigen Überreste des kleinen Jungen und atmete tief durch. Verdrängte die aufsteigende Gier. Sein Hunger war nicht echt, bestand nur aus Reflexen. Es war nicht notwendig, ein Kind zu fressen. War es nie.

Mit einem frustrierten Knurren bückte er sich und schob den kleinen Körper in sich zusammen, bevor er ihn in seine Arme hob und die Lichtung verließ. Er würde bestraft werden, das war klar. Doch Schläge und Tritte berührten ihn schon lange nicht mehr. Genauso, wie der Anblick von Tod und Gewalt. Oft genug hatte er beides selbst verursacht.

Doch Kinder waren seine Grenze. Niemals würde er sie töten oder gar fressen. Verzweifelte Schmerzensschreie aus der Hütte drangen an sein Ohr und ließen ihn schneller laufen, bis er den kleinen Flusslauf erreichte und ins Wasser watete.

Sanft ließ er den toten Leib in die Fluten gleiten. Fischfutter, Lebensspender für andere. Aber wichtiger noch: kein Futter mehr für Karel. Er sah dem Körper hinterher, bis dieser hinter einer Biegung außer Sicht geriet.

Im Stillen sprach er das einzige Gebet, das er kannte. Ein Geschenk seiner Mutter und eine ferne Erinnerung an eine nicht glückliche, doch zumindest friedlichere Kindheit. Eine Zeit ohne blutiges Töten, brutale Vergewaltigungen und Raubmorde. Karel war ein gnadenloser Lehrer gewesen. Auch jetzt noch duldete er keinen Widerspruch. Erwartete absoluten Gehorsam. Strafte brutal und bei Nichtigkeiten.

Langsam wandte er sich der Hütte zu. Hoffte, dass Karel sein grausiges Werk beendet hatte und nicht verlangte, dass er seinem Beispiel folgte.

Es war nicht so, dass er Frauen nicht mochte. Sexuelle Befriedigung gefiel ihm. Doch seine erste Vergewaltigung hatte ihm Alpträume beschert. Ihn nachts hochschrecken lassen mit dem Bild seiner schreienden Mutter vor Augen. Zwei weitere Vergewaltigungen später widersetzte er sich zum ersten Mal. Jede der unvermeidlichen Bestrafungen ließ ihn klüger werden. Inzwischen war er ein Meister darin, diese Situationen zu meiden. Rechtzeitig von der Bildfläche zu verschwinden. Nur selten gab er in dieser Hinsicht Karel Anlass zu einem Wutausbruch. Er hoffte, dass er auch diesmal spät genug war.

Auf der Lichtung herrschte Stille und er atmete erleichtert durch. Doch dann erstarrte er.

Immer noch lag der Tod in der Luft. Blut, Gewalt, Schmerz, Entsetzen. Solche Gerüche hielten sich lange. Aber auch Wut. Doch nicht Karels Zorn. Den kannte er nur zu gut.

Sie waren nicht allein.

Wolf.

Und die Stille verriet nichts Gutes. Genauso wie die zerborstene Hüttentür. Für einen Moment erwog er, die Flucht zu ergreifen. Doch wo sollte er hin? Es gab niemanden für ihn. Niemanden außer Karel.

Eine Gestalt erschien in der Tür, füllte sie komplett aus, bevor sie langsam auf die Lichtung trat.

Etwas beunruhigt registrierte er die Größe des Fremden. Dieser war mit Sicherheit an die zwei Meter groß und sogar noch breiter als Karel. Schwarze, kurzgeschnittene Haare und ein glattrasiertes Kinn wirkten zivilisiert, doch die flackernden grünen Augen und die zusammengepressten Kiefermuskeln zeugten von ungebärdigem Zorn, der in Wellen von diesem Mann ausstrahlte.

Ihre Blicke trafen sich. Kurz, dann senkte er instinktiv den Kopf.

Karel war nicht mehr. Das stand unverrückbar fest. Ein Grund zur Freude? Vielleicht. Doch was hieß das jetzt für ihn? Einsame Streifzüge durch die Wälder? Oder stand er seinem Tod gegenüber?

Wollte er das akzeptieren? Auf keinen Fall. Was auch immer geschehen mochte, gegen den Tod würde er kämpfen.

Beinahe trotzig hob er den Kopf und betrachtete den Wolf vor sich. Mied vorsichtshalber diesen stechenden Blick.

„Du bist der Sohn!“

Das war wohl nicht schwer zu erraten. Karel und er trugen die gleichen Gerüche an sich. Stallgeruch hatte es sein Vater mal lachend beschrieben.

„Wo ist das Kind?“

„Im Fluss.“

Der Wolf legte den Kopf schräg und faltete die Arme vor seiner Brust.

„Hast du ihn gefressen?“

„Ich töte keine Kinder“, grollte er und konnte seine Empörung nicht aus der Stimme heraushalten.

„Aber du vergewaltigst Frauen und hast zugelassen, dass dein Vater zum Schlächter wird.“

Er presste die Kiefer zusammen. „Er ist ... war mein Vater. Ein Sohn gehorcht. Aber Frauen vergewaltige ich nicht. Nicht mehr.“ Die Korrektur war nötig, auch wenn es schwerfiel.

„Und dennoch bist du ein Killer. Wie dein Vater.“

Was sollte er darauf antworten? Es war die Wahrheit. Also schwieg er.

„In den Dörfern kursieren schon seit Monaten Gerüchte von dem furchterregenden Jäger und seinem gewalttätigen Sohn. Und ebenso wurden Schauermärchen über zwei riesige Wölfe herumerzählt, die wahllos Menschen niedermetzelten. Das ist nicht akzeptabel und verstößt gegen all unsere Gesetze.“

Er blinzelte irritiert. „Was für Gesetze?“

Der Fremde hob die Augenbrauen. „Du kennst sie nicht?“

„Ich bin Jäger. Ich kenne die Gesetze der Wälder. Ich weiß, wie man seine Beute aufspürt und erlegt. Das ist alles.“

„Hm.“ Der grüne Blick wurde noch stechender, als wolle er ihn filetieren. „Wie ist dein Name?“

Er musste tatsächlich einen Moment nachdenken. Es war lange her, dass er seinen Namen gehört hatte. Für Karel war er immer nur Junge oder Sohn gewesen.

„Denis.“ Es klang beinahe wie eine Frage, also setzte er entschlossen nach. „Denis Pavlík.“

„Denis Pavlík“, wiederholte der Fremde langsam. „Ich bin losgezogen, um zwei Wölfe zu töten. Dein Vater ist gerichtet. Seine Schuld war nur allzu offensichtlich. Was könnte es für einen Grund geben, dich am Leben zu lassen?“

Denis schluckte schwer. Gab es einen solchen Grund? War er so viel anders als Karel?

„Ich habe getötet und vergewaltigt. Ich war Karel ein gehorsamer Sohn. Ich ... weiß keinen Grund.“

„Hm. Gehorsam?“ Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Wolfs. „Also solltest du den Jungen zum Fluss bringen?“

Der Riese trat näher, so dicht, dass Denis zu ihm aufsehen musste. Nicht viel, doch höher als bei Karel. Es fühlte sich bedrohlich an und seine Nackenhaare stellten sich unwillkürlich auf. Es war schwer, ein Knurren zu unterdrücken, doch all seine Sinne sagten ihm: Eine Konfrontation mit diesem Wolf würde er nicht überleben.

„Ich habe ihn nicht aufgehalten. Nie.“ Ein Umstand, von dem er schon immer gewusst hatte, dass es falsch war. Doch anfangs hatte er keine Wahl, hätte sich nie gegen seinen Vater durchsetzen können. Später hielten ihn Resignation und Feigheit davon ab. Die Scham darüber hatte er erfolgreich verdrängt. Jetzt kam sie hoch. Mit voller Wucht und unerbittlich.

„Hättest du ihn gefressen, wärst du jetzt ein toter Wolf“, grollte es von oben herab. Denis bemerkte erschrocken, dass sein Kinn auf die Brust gesunken war, und riss es entschlossen hoch. Niemals durfte man Schwäche zeigen. Das hatte ihm Karel immer wieder eingebläut. Auf schmerzhafte Weise.

„Du wirst viel lernen müssen, Denis Pavlík. Neue Regeln und Anstand. Weitere Verfehlungen toleriere ich nicht. Und eine Regel gilt unumstößlich: Mein Wort gilt. Es gibt keine Ausnahme. Nicht für dich.“

Wieder blinzelte Denis irritiert. Was bedeutete das? Die Frage stand wohl deutlich in seinem Gesicht geschrieben, denn der Wolf grinste ihn spöttisch an.

„Du gehörst jetzt mir, Denis Pavlík. Und mein erster Befehl lautet: Verbrenn die Hütte. Und sorg dafür, dass kein Waldbrand entsteht.“

Es dauerte lange Sekunden, bis die Bedeutung dieser Worte in Denis Gehirn umgesetzt worden waren. Und genauso lange benötigte er, um sich zu entscheiden.

Er wollte leben. Und ohne Karel konnte es eigentlich nur besser werden. Auch wenn dieser Wolf ihm eine Heidenangst einjagte. Langsam schritt er auf die Hütte zu. Kurz davor drehte er sich um.

„Wer bist du?“

Die Frage fand er berechtigt.

Der Wolf grinste böse.

„Ab jetzt dein Boss.“

Monster

April 2022

Ukraine