Seelenmalerin - Ana Marna - E-Book

Seelenmalerin E-Book

Ana Marna

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Beschreibung

Das Wolfsrudel von Dark Moon Creek erlebt turbulente Zeiten, als die Malerin Hannah Riemann in der Nachbarschaft Urlaub macht. Als dann auch noch Wilderer auftauchen, geraten nicht nur die Wölfe in Gefahr. Auch Hannah wird Ziel der Jäger. Rudelführer Tucker O'Brian hat alle Hände voll zu tun, um sein Rudel und die anstrengende Nachbarin zu schützen. Doch auch Hannah trägt ein Geheimnis in sich, und zwar eines, das ihre ganze Familie in tödliche Gefahr bringt. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Die erste Regel lautet: Menschen, die von den Völkern erfahren, müssen sterben.

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Seitenzahl: 459

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Buchbeschreibung:

Das Wolfsrudel von Dark Moon Creek erlebt turbulente Zeiten, als die Malerin Hannah Riemann in der Nachbarschaft Urlaub macht. Als dann auch noch Wilderer auftauchen, geraten nicht nur die Wölfe in Gefahr. Auch Hannah wird Ziel der Jäger. Rudelführer Tucker O'Brian hat alle Hände voll zu tun, um sein Rudel und die anstrengende Nachbarin zu schützen. Doch auch Hannah trägt ein Geheimnis in sich, und zwar eines, das ihre ganze Familie in tödliche Gefahr bringt.

Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Die erste Regel lautet: Menschen, die von den Völkern erfahren, müssen sterben.

Bisher erschienen:

Fellträger

Aschenhaut

Seelenfresserin

Wächterin

Spurensucher

Über die Autorin:

Ana Marna studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund auch der Musik und dem Schreiben zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren entschloss sie sich, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen. "The Hidden Folks" ist ihre erste Real-Fantasyserie.

Seelenmalerin

The Hidden Folks

Von Ana Marna

Gewidmet meiner Freundin Sharon,

die mich immer wieder auf vielfältige Weise unterstützt.

1. Auflage, 2021

© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

[email protected]

www.ana-marna.de

www.facebook.com/ana.marna.92372

Inhaltsverzeichnis

Ein perfektes Ferienhaus4

Ein freundliches Dorf18

Eine erste Wanderung22

Eine miese Falle25

Die besten Schokomuffins der Welt33

Ein Bär, ein Baum und schlechte Laune41

Eine ungewöhnliche Jagd46

Eine vorbildliche Patientin75

Eine immobile Phase98

Inbesitznahmen118

Ein Verwandtschaftsding140

Ungebetene Besucher153

Crossrun extrem171

Kein schöner Tag184

Interessante Erkenntnisse197

Eine wundersame Heilung257

Bezahlung einer Schuld287

Ein Lockmittel298

Anhang316

Wie es weitergeht ...319

Nachwort335

Ein perfektes Ferienhaus

September 2019

Tag 1

Minnesota

Der Motor gab ein seltsames Geräusch von sich, als er den Geist aufgab. Hannah Riemann fluchte hemmungslos und ließ den Wagen zur Seite ausrollen, bis er am Straßenrand direkt neben einem dichten Gebüsch zum Stehen kam. Etwas entnervt versuchte sie, den Motor zu starten, aber dieser gab nur noch ein verzweifelt klingendes Leiern von sich, bevor er ganz erstarb.

„Herrgott, das darf doch wohl nicht wahr sein“, stöhnte sie und strich sich eine widerspenstige rotbraune Locke aus dem Gesicht. Dann griff sie zu der Karte auf dem Beifahrersitz und versuchte, sich zu orientieren. Klar war, sie befand sich mitten in einem Wald. Eigentlich müsste sie fast am Ziel sein. Laut Karte fehlten höchstens noch fünf Kilometer bis zu ihrem Ferienhaus. Aber eine solche Strecke, inmitten der Wildnis von Minnesota mit dem Gepäck für zwei Monate im Kofferraum, war ein Problem.

Sie blickte auf das Display ihres Smartphones.

Kein Empfang. Super!

Wieder sah sie auf die Karte. Immerhin war in etwa drei Kilometern Entfernung eine Siedlung eingezeichnet. Ob sie die noch vor Einbruch der Dunkelheit finden würde? Es war schon September und sie hatte höchstens drei Stunden Zeit, bis es Nacht wurde.

Sie seufzte und löste den Sicherheitsgurt. Es half nichts, sie benötigte Hilfe. Auf jeden Fall würde sie diesen Autovermieter zur Schnecke machen, wenn sie den Wagen zurückbrachte.

Entschlossen stieg sie aus und griff nach ihrem Rucksack. Immerhin hatte sie vorgesorgt für sogenannte Notfälle und das Wichtigste und Wertvollste in diesen Sack gepackt. Der Rest musste im Auto auf sie warten.

Sie verschloss den Wagen und warf sich den Rucksack um. Dann marschierte sie mit der Karte und einem Kompass bewaffnet los.

Sie genoss es sehr, endlich nicht mehr auf dem Autositz zu hocken. Stundenlanges Autofahren war noch nie ihr Ding gewesen. Bewegung war ihr sehr viel lieber. Und Wanderungen hatte sie schon immer geliebt.

Die Straße, die sie nun entlangschritt, war zwar ausgebaut, aber nicht besonders gut in Schuss. Anscheinend hatten die Bewohner der Siedlung keine große Lobby hinter sich, um Geld für eine Ausbesserung zu bekommen. Oder es scherte sie nicht, weil sie auf Besucher nicht scharf waren.

Sie lächelte vor sich hin und verfiel unwillkürlich ins Joggen. Dabei sog sie genussvoll die Waldluft durch die Nase.

Geschätzte zwei Kilometer später vernahm sie hinter sich Motorengeräusch.

Sofort blieb sie stehen und sah sich um. Dabei erhaschte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung und drehte schnell den Kopf. Ein dunkler grauer Schatten verschwand im Gehölz.

Sie starrte ihm hinterher. War das ein Hund gewesen? Wohl eher ein Wolf. Aber so groß?

Sie verdrängte das unwohle Gefühl, das in ihr hochstieg. Die Vorstellung, von einem Riesenwolf verfolgt worden zu sein, war nicht gerade beruhigend. Andererseits hatte er sich sofort aus dem Staub gemacht, als sie zu ihm hinsah. Aber vielleicht war das auch nur aufgrund des Autos geschehen, das in diesem Moment ins Sichtfeld kam.

Sie trat zur Seite und hob die Hand. Der Wagen kam kurz vor ihr zum Stehen.

Ein dunkelhaariger Mann lehnte sich aus dem Fenster und betrachtete sie interessiert.

„Ist das da hinten Ihr Auto?“, fragte er.

Sie nickte und verzog das Gesicht zu einem schrägen Grinsen.

„Gut geraten. Die Karre ist mir leider verreckt. Könnten Sie mich irgendwohin bringen, wo ich Hilfe bekomme? Hier in der Nähe soll ja eine Siedlung sein.“

„Sie meinen Dark Moon Creek?“

„Ich glaube ja, so genau konnte ich das auf der Karte nicht entziffern.“

„Sie sind Ausländerin.“

„Äh ja. Ich komme aus Deutschland und ich gebe zu, dass mein Englisch ziemlich eingerostet ist.“

Er grinste freundlich.

„Es reicht mehr als aus. Steigen Sie ein, ich bringe Sie ins Dorf. Vielleicht hat Theo Zeit, Ihre Kiste gleich zu reparieren.“

Sie kletterte ins Auto und betrachtete den Fahrer neugierig von der Seite. Er wirkte sympathisch. Vor allem seine grünen Augen gefielen ihr. Sie erinnerten sie an ihren Vater.

„Kommen Sie aus Dark Moon Creek?“

Er nickte und beschleunigte den Wagen.

„Ja, ich bin Ethan. Ethan Robinson. Sie haben Glück. Heute ist mein Einkaufstag. Normalerweise fährt hier niemand lang.“

„Glück im Unglück“, lächelte sie. „Vielen Dank jedenfalls. Mein Name ist übrigens Hannah Riemann.“

„Darf ich fragen, was Sie hierher verschlägt?“

„Klar, ich habe mir hier in der Nähe ein Ferienhaus gemietet und wollte die nächsten zwei Monate Ruhe und Wildnis genießen.“

Er sah sie mit einem zweifelnden Blick von der Seite an.

„Meinen Sie die Jackson-Hütte?“

„Vermutlich“, lächelte sie. „Zumindest heißt der Vermieter so.“

Er stieß ein unwilliges Brummen aus.

„Sind Sie sicher, dass Sie wissen, worauf Sie sich da einlassen?“

„Warum?“

„Na ja. Die Hütte ist in keinem guten Zustand - und ziemlich einsam gelegen. Haben Sie Erfahrung mit dieser Gegend?“

„Nicht direkt“, gab Hannah zu. „Zumindest nicht mit den Wäldern hier. Ich war aber schon öfter im Norden und auch in Kanada.“

„Hm.“

Mehr sagte er nicht, aber sie sah ihm an, dass er skeptisch war. Sie ging nicht darauf ein. Er war nicht der Erste, der ihr Vorhaben in Frage stellte. Aber das hatte sie noch nie gestört.

Dark Moon Creek

Es dauerte nicht lange und Ethan bog in eine Seitenstraße ein. Hannah konnte kein Schild erkennen, das auf ein Dorf hinwies.

„Ich glaube, ich hab‘ wirklich Glück, dass Sie mich aufgelesen haben“, meinte sie. „Fehlt das Hinweisschild absichtlich?“

„Hm.“

Er ließ nicht erkennen, ob er bejahte oder verneinte. Hannah hakte nicht nach. Neugierig spähte sie nach vorne und tatsächlich. Nach wenigen Minuten konnte sie die ersten Häuser sehen.

Sie war angenehm überrascht. Dark Moon Creek war weniger als ein Dorf. Es bestand aus einer Ansammlung von Blockhäusern, die sich recht ungeordnet um drei großflächige Häuser gruppierten. Am Rand des Dorfes waren noch größere Gebäude, die offensichtlich als Lagerräume und Gerätehallen dienten.

Ethan Robinson lenkte den Wagen vor ein großes Haus, das anscheinend das Zentrum des Dorfes war.

„Willkommen in Dark Moon Creek“, brummte er. „Ich habe keine Ahnung, wo sich Theo gerade rumtreibt. Aber der Boss wird’s wissen.“

„Danke Ethan“, lächelte sie. „Und wo finde ich den Boss?“

Er zeigte zu dem zentralen Haus.

„Sein Büro ist dort. Viel Erfolg.“

Hannah stieg aus und sah dem Wagen nach, der zu dem nächstgelegenen Gebäude fuhr. Dann drehte sie sich um und betrachtete das Haus. Es war ebenfalls aus Holz und von allen das Größte. Vermutlich diente es auch als eine Art Versammlungsort.

Entschlossen steuerte sie auf die Eingangstür zu und trat in ein gemütlich aussehendes Foyer. Es war mit Sitzmöbeln und Bücherregalen ausgestattet. Eine weitere Tür führte in einen Korridor. Neugierig ging sie den Gang entlang und las die folgenden Türschilder: Versammlungsraum, Küche, Medienraum, Tucker O’Brian.

Sie blieb stehen und betrachtete amüsiert den Zettel, der neben dem Namensschild hing. Er war mit grob gezeichneten Knochen verziert und trug den Schriftzug: Lasst alle Hoffnung fahren.

Ohne weiter zu zögern, klopfte sie an die Holztür.

„Ja!“

Die Stimme klang tief und etwas kratzig, aber nicht unsympathisch. Sie drückte die Klinke herunter und betrat den Raum.

Hinter einem klobigen, wirklich hässlichen Schreibtisch saß ein großer bärtiger Mann, der sie aus grünschillernden Augen ansah. Etwas irritiert erinnerte sie sich, dass Ethan Robinson die gleiche Augenfarbe hatte. Ob die beiden verwandt waren?

„Was kann ich für Sie tun?“

„Bin ich hier richtig beim - äh - Boss?“

Ein kaum wahrnehmbares Lächeln deutete sich in seinem Gesicht an und er nickte.

„Fein. Mein Name ist Hannah Riemann. Einer Ihrer Leute war so freundlich, mich hierher mitzunehmen. Mein Leihwagen ist leider verreckt und ich suche jemanden, der ihn reparieren kann.“

„Hm, was verschlägt Sie denn in diese abgelegene Gegend?“

Hannah überlegte, ob die Frage wirklich freundlich gemeint war. Immerhin wurde sie ihr schon zum zweiten Mal gestellt.

„Ich mache hier Urlaub“, lächelte sie und ließ den „Boss“ dabei nicht aus den Augen. Aber seine Miene war absolut unleserlich.

„Hm, und wo genau?“

„Ich vermute mal, dass es die sogenannte Jackson-Hütte ist, da mein Vermieter so heißt. Die ist hier ja ganz in der Nähe. - Mister O’Brian, ich möchte wirklich nicht lästig sein, aber dummerweise habe ich von Automotoren keine Ahnung, und dieser verflixte Autoverleih hat mir offensichtlich Schrott angedreht. Ich brauche jemanden, der den Wagen repariert. Können Sie mir helfen?“

Der Angesprochene lehnte sich zurück und betrachtete sie von oben bis unten.

„Sie wollen alleine in der Jackson-Hütte wohnen?“

Auch ihm war die Skepsis anzuhören. Abgesehen davon ignorierte er ganz offensichtlich ihre Frage.

„Jaah“, entgegnete Hannah langsam und mit einem geduldigen Unterton. „Aber um dahin zu kommen, brauche ich leider dieses dumme Auto.“

Er lehnte sich wieder vor und stützte die Ellbogen auf dem Tisch ab.

„Sie wissen, dass die Hütte kein fließendes Wasser hat und nur einen halb verrotteten Stromgenerator?“

„Ich bin nicht sehr anspruchsvoll“, entgegnete sie freundlich. „Deswegen habe ich auch jede Menge Konserven im Kofferraum und mindestens ein Kilo Streichhölzer.“

Er schnaufte skeptisch, doch dann nickte er.

„Na gut.“

Er griff zu einem Telefon und drückte eine Taste.

„Theo? Trab mal an. Du wirst gebraucht.“

Dann erhob er sich.

„Kommen Sie.“

Ohne eine weitere Erklärung ging er um den Schreibtisch herum und zur Tür. Auf dem Weg dahin kam er an Hannah vorbei und legte seine Hand auf ihre Schulter.

Ehe sie sich‘s versah, wurde sie von ihm aus dem Raum geschoben. Er war beinahe einen Kopf größer als sie, was nicht besonders viel hieß, da sie selbst gerade mal eins sechzig maß, und besaß beeindruckend breite Schultern. Erst als sie den Dorfplatz betraten, ging Hannah auf, dass er sie mit einer solchen Selbstverständlichkeit vor sich hergeschoben hatte, dass sie nicht einmal auf die Idee gekommen war, Widerstand zu leisten. Nicht dass sie das Gefühl gehabt hatte, sich widersetzen zu müssen. Aber so etwas war ihr noch nie passiert.

Sie ließ sich ihre Irritation nicht anmerken, betrachtete O’Brian aber verstohlen von der Seite. Er war durchaus attraktiv. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig, also ein paar Jahre jünger als sie selbst, aber seine Ausstrahlung war - einschüchternd. Nicht unbedingt bedrohlich, doch sie konnte sich vorstellen, dass ihm nur wenige Menschen widersprachen.

Sie standen nur kurz vor dem Haus, als Theo im wahrsten Sinne angetrabt kam. Der blondhaarige Mann joggte um die Ecke eines Blockhauses und hielt vor ihnen.

„Was gibt’s, Boss?“

O’Brian nickte zu Hannah hinüber.

„Die Lady hier hat eine Autopanne. Schnapp dir Joseph und sieh zu, dass du die Karre zum Laufen bringst.“

Dann sah er zu Hannah.

„Geben Sie ihm den Autoschlüssel. Er bringt Ihnen später den Wagen zur Hütte.“

Hannah zögerte.

„Das ist nicht nötig. Ich kann ja mit ihm fahren, und ...“

Er schnitt ihr das Wort ab.

„Es kann länger dauern, bis der Wagen repariert ist. Und im Dunkeln verfehlen Sie die Jackson-Hütte leicht. Es ist sicherer, wenn ich Sie hinfahre. Wie gesagt, Theo bringt Ihnen den Wagen vorbei, sobald er läuft.“

Besagter Theo grinste Hannah an.

„Kein Problem, Ma’am. Morgen haben Sie die Kiste wieder.“

O’Brian knurrte unwillig.

„Nimm den Mund nicht so voll. - Kommen Sie, Mrs. Riemann. Ich bringe Sie gleich hin. Dann können Sie Ihr Ferienhaus noch im Hellen begutachten.“

Ihr entging nicht der sarkastische Unterton bei dem Wort „Ferienhaus“. Langsam kroch doch ein wenig Sorge in ihr hoch. Vor ihrem inneren Auge entstand schon das Bild einer halbverfallenen Bruchbude. Sie ließ sich nichts anmerken und nickte.

„Danke, das ist sehr freundlich.“

Kurze Zeit später saß sie neben Tucker O’Brian in einem Landrover, welcher schon bessere Zeiten gesehen hatte, und versuchte vergeblich, ein wenig zu entspannen. Die Nähe zu diesem Mann irritierte sie. Er war nicht unbedingt unfreundlich, aber sie spürte eine gewisse Ablehnung. Trotzdem half er ihr, und dafür war sie ihm dankbar.

Jackson Hütte, Minnesota

Als sie eine Viertelstunde später vor der Hütte stand, war sie doch erst einmal sprachlos.

Das romantische Ferienhäuschen, das ihr versprochen worden war, entpuppte sich als ein uraltes Blockhaus, das ganz offensichtlich dringend renovierungsbedürftig war. Die Fotos aus dem Internet mussten schon etliche Jahrzehnte alt sein. Der kleine Garten, der mal um das Häuschen angelegt worden war, konnte nur noch durch einen halbverrotteten Zaun erkannt werden. Alles war verwildert und der Hauseingang fast zugewachsen. Etwas weiter weg vom Haus stand ein kleines Holzhäuschen, das verdächtig nach Klohütte aussah.

Hannah ließ sich mal wieder nichts anmerken und setzte eine vergnügte Miene auf.

„Das sieht nach Abenteuer aus“, verkündete sie fröhlich und öffnete gespannt die Haustür.

Innen roch es muffig und durch die verdreckten Fenster drang nur wenig Licht herein. Sie stand in einem kleinen Wohnraum, in dem ein offener Kamin eingebaut war. Drei Türen führten in ein Schlafzimmer, eine Küche und ein kleines Badezimmer, in dem eine große Emaillewanne zum Baden und ein kleiner Tisch mit einem Waschbottich stand.

Also gab es tatsächlich kein fließendes Wasser.

Das Mobiliar war altmodisch und ungepflegt, die Küche genauso alt und verdreckt. Immerhin enthielt sie einen uralten Kühlschrank. Die Kochstelle war ein urururalter Holzofen.

„Der Generator steht nebenan im Schuppen“, erklang O’Brians Stimme in ihrem Rücken. „Ich seh‘ mal nach, ob ich ihn zum Laufen bringen kann.“

Er verschwand, bevor sie etwas erwidern konnte.

Als zehn Minuten später der Generator losknatterte, hatte Hannah bereits das Schlafzimmer inspiziert und die Matratze nach draußen geschleift. Dort bearbeitete sie das Polster mit einem dicken Stock, bis kein Staub mehr entfleuchte.

O’Brian kam aus dem kleinen Schuppen und beobachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie ließ den Stock sinken, als sie ihn bemerkte. Er kam umgehend zur Sache.

„Der Sprit für den Generator reicht höchstens für drei Tage. Sie kriegen welchen in Barnshire. Den Ort sollten Sie ja kennen. Außerdem empfehle ich Ihnen, die Türen und Fenster nachts abzuschließen.“

„Keine Sorge, das ist eine alte Gewohnheit von mir“, nickte Hannah und strahlte ihn mit ihrem naivsten Lächeln an, das sie sich ausdenken konnte. Sollte er doch glauben, dass sie ein dummes Stadtmädel war, das von Wildnis und dem Alleinsein keine Ahnung hatte.

Er sah sie mit gerunzelter Stirn an und wirkte irritiert. Schließlich nickte er.

„Ich werde Theo ein Funkgerät mitgeben, wenn er Ihren Wagen vorbeibringt.“

„Das ist wirklich nicht nötig, ich ...“

Ungehalten fiel er ihr ins Wort.

„Mrs. Riemann, Sie befinden sich in meinem Gebiet und ich habe keine Lust, irgendwann, irgendwo ihre verfaulten Überreste aufzusammeln und das dann erklären zu müssen. Sie werden das Funkgerät also annehmen und im Notfall gefälligst benutzen!“

Damit drehte er sich um und stapfte auf seinen Wagen zu. Hannah sah ihm grinsend hinterher. Er hatte es tatsächlich geschluckt! Dabei war sie nie eine besonders gute Schauspielerin gewesen.

Als er fortfuhr, sah sie, dass er ihr noch einen Blick zuwarf, und winkte mit ihrem breitesten Lächeln, was er finster ignorierte.

Sie drehte sich um und verlor ihre Fröhlichkeit wieder.

Grimmig musterte sie das Haus. Diesem Jackson würde sie gehörig auf die Finger klopfen. Genauso wie dem Autoverleiher. Eine solche Bruchbude als Ferienhaus zu vermieten war schlichtweg eine Frechheit. Doch jetzt war sie hier und würde das Beste aus der Situation machen. Auch wenn das einem gewissen O’Brian nicht gefiel!

Erst recht, weil es O’Brian nicht gefiel!

Sie spuckte in die Hände und machte sich ans Werk. Hinter dem Haus fand sie einen Brunnen, aus dem sie frisches Wasser schöpfen konnte. Der Holzeimer war zwar auch schon halb verfault, aber in ihrem Rucksack befand sich eine Kollektion von alten Plastiktüten. Während ihrer Reisen hatte sie diese immer wieder zu schätzen gelernt. Geschickt spannte sie eine in den Eimer. Putz- und Kochwasser war damit gesichert.

Hannah schrubbte und wienerte, bis es stockdunkel war. Immerhin fand sie noch ein paar alte Kerzen, so dass die Hütte bald in romantisches Kerzenlicht getaucht war. Zufrieden streckte sie sich auf einem der wackligen Holzstühle aus und betrachtete ihr Werk. Die Küche war halbwegs sauber, der Ofen und der Kühlschrank wieder benutzbar, und zumindest das Bett konnte sie beziehen. Die Matratze roch zwar muffig, aber für eine Nacht war das auszuhalten. Zudem hatte sie kein Problem damit, die folgenden Nächte in ihrem Schlafsack zu verbringen. Blieb nur noch zu hoffen, dass dieser Theo, der ihr übrigens sehr viel sympathischer erschien als Tucker O’Brian, ihr den Wagen schnell vorbeibrachte. Und das Funkgerät. Tatsächlich war sie froh darüber, dass O’Brian ihr eins aufdrängte. Ohne Handyempfang und Telefon war es sicher nicht ratsam, alleine hier zu hausen.

In dieser ersten Nacht schlief sie tief und fest.

Keine Sorgen störten ihren Schlaf.

Tag 2

Jackson-Hütte, Minnesota

Der Morgen war sonnig und versprach einen warmen Tag. Hannah wachte recht früh auf und gönnte sich ein üppiges Frühstück, bestehend aus einem Schokoriegel und heißem Wasser. Dann krempelte sie die Ärmel hoch und fuhr mit dem Hausputz fort.

Gegen Mittag kamen zwei Wagen herangefahren. Erleichtert erkannte sie ihren eigenen, der von Theo gesteuert wurde. In dem anderen saß ein junger Kerl, welcher neugierig zu ihr herüberstarrte, aber hinter dem Steuer sitzen blieb.

Theo sprang aus ihrem Auto und hob einen Karton vom Beifahrersitz. Grinsend kam er mit der Kiste unterm Arm auf sie zu.

„Hallo, Mrs. Riemann. Wie versprochen: Hier ist Ihr Auto. Das ist echt eine Schrottkarre. An Ihrer Stelle würde ich die austauschen.“

„Danke - äh Theo. Darf ich Sie so nennen?“

„Klar“, grinste er. Hannah reichte ihm lächelnd die Hand.

„Fein, ich bin Hannah.“

Sein Händedruck war kräftig und sein Grinsen wurde noch breiter. Er hielt ihre Hand fest.

„Wenn Sie noch etwas brauchen - ich bin allzeit bereit.“

Hannah blinzelte irritiert. Flirtete er etwa mit ihr?

„Oh, ich komme sicher auf Sie zurück“, versicherte sie ihm mit einem Augenaufschlag. Sofort trat er einen Schritt vor und zog sie näher an sich heran.

Hannah lachte auf und schubste ihn sanft zurück.

„Im Ernst, Theo? Sie sehen nicht so aus als ob Sie es nötig hätten, bei einer alten Schachtel wie mir zu landen. - Ist der Karton für mich?“

Er grinste verlegen und ließ ihre Hand los. In seinen Augen las sie Enttäuschung, aber er wirkte nicht verärgert.

„Äh - ja, sorry. Das ist das Funkgerät. Tucker hat gesagt, dass ich es Ihnen einrichten soll. Wo soll’s hin?“

„Hm, ich denke, in der Wohnstube findet sich ein Platz“, überlegte Hannah. „Kommen Sie.“

Theo brauchte nur zehn Minuten, dann hatte er das Funkgerät platziert und ihr die Funktionen erklärt. Da dies nicht ihr Erstkontakt mit einem solchen Gerät war, hatte sie keine Mühe, ihm zu folgen.

„Glauben Sie, dass Sie damit zurechtkommen?“, fragte er schließlich.

Hannah nickte zuversichtlich.

„Es ist zwar ein altes Modell, aber das passt ja zur Einrichtung.“ Sie lächelte ihn an. „Vielen Dank, Theo. Wenn Sie zufällig mal vorbeikommen, lade ich Sie gerne zu einem Kaffee ein.“

Wieder grinste er breit.

„Das kann passieren. Bleiben Sie länger?“

„Ich habe für zwei Monate gebucht.“

„Ha, dann hat Ethan also doch richtig gehört. - Wie gesagt, wenn Sie wieder Hilfe brauchen, melden Sie sich einfach.“

Er wandte sich zum Gehen. Bevor er das Haus verließ, sah er sich noch einmal um und zwinkerte ihr zu.

„Eine alte Schachtel sind Sie aber sicher nicht. Und mein Motto ist: Allzeit bereit.“

Sie lachte und griff zu einem muffigen Kissen. Er wich dem Flugobjekt geschickt aus und verschwand mit einem sympathischen Grinsen auf den Lippen.

*

„Zwei Monate? Soll das ein Witz sein?“

Tucker O’Brian starrte Theo an. Der hob die Schultern.

„Das hat sie Ethan gestern auch schon gesagt. Wird also stimmen.“

O’Brian fluchte und ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen, was dieser mit einem lauten Knirschen kommentierte.

„Auch das noch“, stöhnte er. „Eines Tages werde ich diesen Jackson in Einzelteile zerlegen. Was denkt der Kerl sich eigentlich dabei, diese Bruchbude zu vermieten?“

Theo grinste.

„Vermutlich will er dich bloß ärgern.“

„Und das gelingt ihm auch noch“, knurrte Tucker O’Brian. „Verdammt, wie werden wir dieses Weib wieder los?“

Theo hob die Schultern.

„Ich finde sie eigentlich ganz nett. Sie hat zumindest Humor.“

O’Brian runzelte die Stirn und starrte ihn an. Theo hob sofort die Hände.

„Ich hab’s probiert, aber sie nicht angefasst, Ehrenwort.“

„Und wie hat sie reagiert?“

„Äh - ich glaub‘, sie hat mich ausgelacht. Ganz sicher bin ich mir nicht.“ Er grinste. „Aber sie hat mich auf einen Kaffee eingeladen. Was nicht ist, kann ja noch werden.“

Tucker O’Brian stöhnte auf.

„Wolf, du lässt die Pfoten von ihr, klar? Überleg dir lieber, wie wir sie loswerden. Ich will kein neugieriges Weibsbild in unserer Nähe haben! Wer weiß, wo die überall herumschnüffelt.“

„Sollen wir sie überwachen?“

„Ich bitte darum! Ja!!“

„Und wenn sie Hilfe braucht?“

O’Brian starrte ihn finster an.

„Ich will hier keinen Unfall, keine Verletzte und erst recht keine Tote. Das gibt nur Ärger.“

„Alles klar, Boss. Ich geb den Jungs Bescheid.“

Theo wandte sich zum Gehen.

„Theo!“

Er sah zu O’Brian und zog automatisch den Kopf ein, als er in Tuckers Augen sah.

„Du lässt die Pfoten von ihr!“

„Äh - geht klar.“

Mit diesen Worten hastete er eilig nach draußen.

*

Hannah brauchte nicht allzu lange, bis sie ihr Gepäck aus dem Wagen geladen und in der Hütte verstaut hatte. In dem Schuppen mit dem Generator fand sie diverse rostige Werkzeuge und eine Axt. Diese war immerhin noch so scharf, dass sie ein wenig Holz in Stücke hacken konnte. Zwar war es mehr Reisig als richtige Holzscheite, aber für eine gekochte Mahlzeit würde das wohl reichen.

Eine Stunde später saß sie zufrieden vor dem Haus und löffelte von einem alten Porzellanteller ihre erste Bohnensuppe aus der Dose. Dabei ließ sie den Blick umherstreifen und genoss das dunkle Grün um sich herum.

Die Hütte lag mitten im Wald auf einer winzigen Lichtung. Nur wenige Meter von ihr entfernt standen schon die ersten Bäume und entsprechend schattig war es wohl meistens. Aber jetzt zur Mittagszeit saß sie in der Sonne und fühlte sich pudelwohl.

In Gedanken ging sie durch, was sie alles besorgen musste. Es kam einiges zusammen und wahrscheinlich fiel ihr im Laufe des Tages noch mehr ein. Also würde sie erst morgen früh in die Stadt fahren und den heutigen Tag für Aufräumen und Reparaturen nutzen. Vielleicht war ja auch ein kleiner Rundgang in der näheren Umgebung drin.

Ein freundliches Dorf

Tag 3

Barnshire, Minnesota

Am nächsten Tag fuhr sie schon früh in die Stadt und versorgte sich mit allem, was nötig erschien. Sie fand sogar einen Menschen, der ihr die Axt schliff.

Anschließend führte sie zwei Telefongespräche. Eines mit ihrem Autoverleiher und ein zweites mit ihrem Vermieter.

Beide Telefonate empfand sie als äußerst befriedigend. Sie konnte ihr Auto bei einem der ortsansässigen Autovertreter austauschen und ihr Vermieter war mit einem deutlichen Preisnachlass einverstanden.

Zur Feier des Tages gönnte sie sich ein Mittagessen in einem kleineren Pub und kam dabei mit dem Wirt ins Gespräch. Dieser war natürlich neugierig, was sie hierher verschlagen hatte. Als sie ihm erzählte, dass sie in der Jackson-Hütte wohnte, lachte er.

„Das wird Tucker aber nicht gefallen.“

„Sie meinen Tucker O’Brian?“

„Genau.“

„Warum? Was hat er für ein Problem?“

„Nun ja, die Hütte ist der einzige Fleck in seinem Umfeld, der nicht zu Dark Moon Creek gehört. Er will ihn seit Jahren Jackson abkaufen, aber der weigert sich.“

Der Wirt grinste.

„Die zwei können sich auf den Tod nicht ausstehen. Warum, weiß ich leider nicht. Ich vermute mal, dass Jackson die Hütte nur an Sie vermietet hat, um Tucker zu ärgern.“

„Oh je“, seufzte Hannah. „Bin ich jetzt zum Gegenstand eines Sandkasten-Krieges geworden?“

„Keine Sorge. Tucker ist zwar launisch, aber fair. Er wird nicht zulassen, dass Ihnen etwas passiert.“

„Seine Leute nennen ihn Boss.“

„Das ist er auch. Er ist der Chef von Dark Moon Creek. Ich nehme an, Sie haben ihn schon kennengelernt?“

„Allerdings.“

„Na, dann wissen Sie ja, was ich meine. Wenn Sie Hilfe brauchen, kommen Sie an ihm nicht vorbei. Aber er wird sie Ihnen auch geben. Da können Sie sich drauf verlassen.“

„Er wirkte nicht sehr freundlich.“

Wieder grinste er.

„Er ist nie freundlich. Aber glauben Sie mir: Wenn er wirklich sauer ist, dann gehen alle in Deckung. Das kommt aber, glaube ich, selten vor.“

Dark Moon Creek

Als Hannah zurückfuhr, hatte sie viel Stoff zum Nachdenken gesammelt. Doch sie hatte ja auch noch einige Wochen Zeit.

Sie fuhr direkt nach Dark Moon Creek und hielt noch vor den ersten Häusern. Dann stieg sie aus und schlenderte los.

Es dauerte nicht lange, da traf sie auf eine ältere Frau.

„Entschuldigen Sie“, sprach sie die Frau an. „Ich bin auf der Suche nach Theo. Können Sie mir sagen, wo ich ihn finde?“

Die Frau betrachtete sie von oben bis unten.

„Sie sind die Ausländerin aus der Jackson-Hütte?“

Hannah lächelte freundlich.

„Stimmt. Das spricht sich wohl schnell rum.“

„Was wollen Sie von Theo?“

Hannah ignorierte das Misstrauen, das ihr da entgegensprang, und behielt ihr freundliches Lächeln bei.

„Oh, ich wollte mich nur bei ihm bedanken. Er hat mir immerhin den Wagen repariert.“

„Normalerweise ist er im Geräteschuppen.“

Die Frau zeigte zu einem der größeren Lagerschuppen. „Ansonsten müssen Sie Tucker fragen.“

Hannah sah zu den Schuppen hinüber und stutzte.

„Ist das da ein Wolf?“, staunte sie. Neben dem Gebäude stand ein kleiner dunkelgrauer Vierbeiner, der aufmerksam zu ihr herüber spähte. Sie hatte schon viele Wölfe gesehen, von nahem und von weitem und die Silhouette kam einem Wolf verdammt nahe.

„Äh nein, natürlich nicht“, versicherte die Frau schnell. „Das ist ein Hund. Wir haben hier viele davon. Außerdem meiden Wölfe Siedlungen, wussten Sie das nicht?“

Hannah war sich zwar sicher, dass das so nicht stimmte, aber sie verzichtete auf Widerspruch und hob nur die Schultern. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf am helllichten Tag in einem Dorf herumstromerte, tendierte eindeutig gegen Null. Außerdem war das Tier sowieso inzwischen verschwunden.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe“, lächelte Hannah und stiefelte in die angedeutete Richtung.

Theo stand tatsächlich vor der geöffneten Motorhaube eines Jeeps. Als er sie sah, grinste er breit.

„Hey Hannah, alles in Ordnung?“

„Alles bestens. Ich wollte mich nur noch einmal bedanken, und da Sie mir eher der Typ für Bier sind, habe ich eine Kiste für Sie im Kofferraum.“

Jetzt lachte er begeistert.

„Na, das höre ich gerne.“ Er wischte sich die Hände an einem schmuddeligen Lappen ab. „Da nehme ich doch dankend an.“

Er folgte ihr zu ihrem neuen Wagen und betrachtete ihn kritisch.

„Na, zumindest sieht er nicht ganz so katastrophal aus“, urteilte er. „Soll ich ihn noch einmal überprüfen?“

„Ich glaub, das wird nicht nötig sein. Eigentlich brauch ich das Ding ja nur zum Einkaufen.“

Sie öffnete den Kofferraum, damit Theo die Bierkiste herauswuchten konnte. Etwas verblüfft sah sie, dass er die schwere Kiste völlig locker mit einer Hand heraushob.

„Donnerwetter“, meinte sie. „Machen Sie Hanteltraining?“

Er grinste selbstgefällig.

„Ne, ich bin von Natur aus kräftig. Vielen Dank jedenfalls.“

„Ich würde mich auch gerne bei Ethan Robinson bedanken.“

„Lassen Sie’s gut sein, Hannah. Wir teilen uns die Kiste, da wird er zufrieden sein. Aber Sie müssen sich nicht jedes Mal mit sowas bedanken. Wir helfen gerne.“

„Ich werd’s mir merken.“

Er nickte in Richtung des Wagens.

„Großeinkauf?“

„Nur das Allernötigste“, lächelte sie. „Was man als Frau halt so braucht: Sprit und Werkzeuge. Putzmittel und Bettwäsche.“

„Na, dann mal viel Spaß im Sternehotel.“

„Werde ich haben.“

Sie zwinkerte ihm zu und schwang sich auf den Fahrersitz.

*

Theo sah ihr feixend hinterher. Er wusste, dass Tucker wieder einen Anfall bekam, wenn er hiervon erfuhr. Diese Frau brachte jetzt schon Leben ins triste Dorfleben. Das würden interessante Wochen werden, da war er sich sicher.

Eine erste Wanderung

Tag 4

Nördliche Wälder, Minnesota

Hannah stand auf der hochgelegenen Felsformation und blickte über die Bäume hinweg nach Norden. Vor ihren Augen erstreckte sich Wald über Wald in einer hügeligen Landschaft.

Beglückt lachte sie auf. Ihr Atem ging noch etwas schwer vom Klettern, aber die Aussicht war es wert. Zufrieden langte sie an ihren Rücken und zog die Wasserflasche aus der Seitentasche des Rucksacks. Sie war jetzt drei Stunden unterwegs, aber der Rückweg würde wohl kürzer werden. Bergab und geradlinig sparte Zeit.

Zeit, die sie jetzt für etwas anderes nutzen konnte.

Auf einem Felsbrocken, der genau in der Sonne lag, fand sie die richtige Sitzposition und zog aus dem Rucksack einen Skizzenblock und Stifte heraus. Dann vertiefte sie sich in die Landschaft und fing an zu zeichnen.

Immer wieder schweiften ihre Augen umher und suchten nach neuen Details, nach Farbeindrücken, die sie in sich einsaugte. Zwei Stunden lang kratzten ihre Stifte über das Papier, bis sie sich schließlich erhob und streckte. Es brauchte nur wenige Handgriffe, dann war sie wieder abmarschbereit.

Gut gelaunt trat sie den Rückweg an.

Sie sah ihren Begleiter nicht wirklich. Er war wie ein Schatten, der lautlos durch das Unterholz glitt. Mal vor ihr, mal an ihrer Seite, mal auch hinter ihr.

Hannah nahm nur manchmal aus den Augenwinkeln eine schnelle Bewegung wahr. Aber sie hatte schon recht früh auf ihrer Wanderung das Gefühl gehabt, nicht allein zu sein. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte keinen eindeutigen Blick auf ihren Verfolger erhaschen.

Es beunruhigte sie nicht sonderlich. Ein Mensch war es nicht, eher ein großes, geschicktes Tier. Doch welches Tier besaß eine solche Ausdauer, einen Menschen zu verfolgen? Und vor allem, was war seine Motivation? Nach den ersten zwei Stunden war sie sich sicher, dass ihr wohl keine Gefahr drohte. Sonst wäre sie schon längst angegriffen worden. Möglichkeiten dazu hatte es zahlreiche gegeben. Also ignorierte sie ihren Begleiter und tat, als wüsste sie von nichts. Vielleicht hatte sie ja doch irgendwann Glück und konnte ihn erspähen.

Doch es gelang ihr nicht. Als sie die Jackson-Hütte erreichte, warf sie einen schnellen Blick nach hinten, doch da waren nur Bäume und Unterholz.

Okay, sie hatte Geduld. Falls dieses Tier sie in den nächsten Tagen wieder begleitete, würde sich bestimmt eine Gelegenheit ergeben.

Dark Moon Creek

„Sie hat was gemacht?“

„Stundenlang auf einem Stein gesessen und gezeichnet.“

„Mehr nicht?“

„Ne, aber zumindest schien sie zu wissen, wo es lang ging. Ob sie genau zu dem Punkt wollte, weiß ich nicht, aber den Rückweg hat sie problemlos gefunden.“

„Also doch kein Stadtblümchen?“

Theo hob die Schultern.

„Den Kompass konnte sie zumindest bedienen und Ausdauer scheint sie auch zu haben. Sie war ganz schön flott auf den Beinen.“

„Hat sie dich gesehen?“

Theo zögerte. Tucker O’Brian runzelte die Stirn, wartete aber ab.

„Ich glaub nicht“, meinte Theo schließlich. „Ein paar Mal hat sie in meine Richtung gesehen, aber sie hat nicht einmal Angst gehabt oder sonst irgendwelche Aufregung gezeigt.“

„Dann sorg dafür, dass das auch so bleibt. Mit wem wechselst du dich ab?“

„Mit Cody, Cain und Eden. Cain und Eden teilen sich heute die Nachtwache. Und Cody übernimmt den morgigen Tag.“

„Nimm Joseph und William noch mit dazu. Ich will nicht, dass ihr zu lange daran gebunden seid. Verdammt, als hätten wir nicht noch anderes zu tun.“

Theo grinste breit.

„Keine Sorge, das machen wir doch gerne.“

„Kann ich mir denken“, knurrte Tucker. „Aber den ganzen Tag im Wald herumzuturnen, zählt als Freizeitvergnügen. Ihr bekommt keine Arbeitsstunden erlassen, nur damit das klar ist.“

„Also Tucker, das ist aber ...“

O’Brian warf ihm einen Blick zu, der Theo sofort die Augen senken ließ.

„Äh ... in Ordnung. Ich geb das dann mal so weiter.“

Eine miese Falle

Tag 12

Nördliche Wälder, Minnesota

Fast zwei Wochen waren seit Hannahs Ankunft vergangen, und sie fühlte sich mittlerweile pudelwohl in der Hütte. Auf ihrem zweiten Ausflug in die Stadt hatte sie weitere Gerätschaften erworben, die ihr das Leben angenehmer gestalteten, hauptsächlich für die Küche. Außerdem hatte sie sich zwei warme Decken besorgt, da die Nächte langsam schon kühler wurden.

Bereits nach wenigen Tagen fand sie ihren Rhythmus. Morgens erledigte sie die Hausarbeit und wanderte dann los. Das Wetter hatte bisher mitgespielt, so dass sie ausreichend Gelegenheit fand, ihren Skizzenblock zu füllen. Auf jeder ihrer Wanderungen hatte sie das Gefühl, nicht allein zu sein, doch immer noch konnte sie keinen richtigen Blick auf das geheimnisvolle Tier werfen.

An diesem Tag war sie ehrlich gespannt, ob sich das heute ändern würde. Wie immer schloss sie morgens die Hütte hinter sich ab und lief mit dem Rucksack auf dem Rücken los.

Doch anders als sonst blieb sie neben dem Wagen stehen und stieg ein. Ohne zu zögern, startete sie und fuhr los.

Eine halbe Stunde später bremste sie auf einem Seitenweg und parkte den Wagen so, dass er gut gesehen werden konnte, aber niemanden behindern würde. Dann wanderte sie los.

An diesem Tag lief sie wieder auf unbekanntem Gebiet und musste sich neu orientieren, aber das war ja auch ihre Absicht gewesen.

Mit wachen Sinnen durchquerte sie den Wald. Und zum ersten Mal fühlte sie sich tatsächlich allein.

Sie grinste zufrieden in sich hinein. Offensichtlich hatte ihr Verfolger nicht mit diesem Schachzug gerechnet. Sie war gespannt, ob er sie aufspüren würde.

Sie war etwa eine Stunde unterwegs, als sie aufhorchte. Ein seltsames Geräusch drang an ihr Ohr. Gespannt lauschte sie. Da war es wieder. Es klang wie ein Winseln. Fast wie Weinen.

Vorsichtig folgte sie dem Geräusch und je näher sie ihm kam, umso sicherer war sie sich, dass da offensichtlich jemand in Not war.

Sie fand einen Wildwechsel und folgte ihm, bis sie die Quelle des Winselns erreicht hatte.

Vor ihr auf dem Pfad lag ein Wolf. Er sah ihr entgegen und fletschte die Zähne, doch sie hatte den Eindruck, dass das eher aus Angst geschah. Es fehlte der entschlossene Ausdruck in seinen Augen.

Hannah blieb stehen und betrachtete ihn. Eine Hinterpfote hing in einer riesigen Schlagfalle und sah gar nicht gut aus. Das gezackte Eisen hatte sich tief in die Knochen gebohrt, so dass die weißen Knochensplitter durch die blutige Haut stachen.

Hannah war ehrlich erschüttert. Diese Verletzung war mit Sicherheit äußerst schmerzhaft. Kein Wunder, dass er so außer sich war. Zorn machte sich in ihr breit. Wer stellte solch grausame Fallen auf? Welcher Unmensch tat denn so etwas?

Vorsichtig trat sie näher. Sie war sich sicher, dass das Tier noch sehr jung war. Der Wolf war klein und dunkelgrau. Sein Fell wirkte eher plüschig und war ungewöhnlich lang.

Jetzt, wo sie ihn aus der Nähe betrachtete, war sie sich doch nicht mehr so sicher, ob vor ihr ein Wolf lag. Die Pfoten wirkten anders. Die Krallen waren deutlich länger und sahen gefährlich aus. Der Rest stimmte allerdings. Die Augenfarbe war - grün.

Hannah stutzte erst, doch dann schüttelte sie den Kopf. Wie kam sie dazu, die Augenfarbe eines Wolfes mit der von Theo oder Tucker O’Brian zu vergleichen?

Sie trat noch einen Schritt näher und hockte sich dann hin.

„Schsch“, machte sie und fuhr mit leiser Stimme fort. „Ich will dir helfen. Aber dafür solltest du dich erst einmal beruhigen.“

Der Wolf (oder Hund?) winselte wieder und verdrehte die Augen. Aber zu ihrer Überraschung stellte er das Zähnefletschen ein. Trotzdem wartete sie kurz ab, bevor sie sich weiter näherte. Er ließ sie nicht aus den Augen, machte aber keine Anstalten, nach ihr zu schnappen. Wahrscheinlich war er vor Schmerz viel zu erschöpft dafür.

Hannah bewegte sich äußerst langsam, als sie den Rucksack ablegte und ihre Jacke auszog. Sie griff nach einem kräftigen Ast und betrachtete die Schlagfalle. Wenn sie diese aufhebeln wollte, benötigte sie viel Kraft. Außerdem würde das mit Sicherheit dem Wolf noch mehr Schmerzen zufügen. Die Gefahr, von ihm gebissen zu werden, war daher hoch.

Also musste sie tricksen.

Wieder griff sie in den Rucksack und zog eine Mullbinde hervor. Dabei kommentierte sie mit leiser Stimme jeden ihrer Handgriffe. Offensichtlich schien ihn das zu beruhigen.

Also doch ein Hund?

„Ich glaube, ich hab dich schon einmal gesehen.“

Ihre Stimme war wie ein leiser murmelnder Bach.

„In Dark Moon Creek. Ich hab dich tatsächlich für einen Wolf gehalten. Aber du scheinst Menschen zu kennen und das kommt bei deinen wilden Verwandten wohl eher selten vor. Ich werde dir jetzt die Schnauze zubinden. Leider muss ich dir wehtun, um diese verdammte Falle loszuwerden. Da heißt es jetzt die Zähne zusammenbeißen und bitte nicht mich.“

Er ließ sie tatsächlich an sich heran und mit einer geschickten Bewegung streifte sie ihm die Mullbinde als Schlaufe übers Maul und zog sie sofort zusammen. Wieder winselte das Tier. Sanft legte Hannah die Hand auf seine Schulter. Das Fell war wirklich wundervoll weich.

„Du bist ein hübscher Kerl“, murmelte sie. „Hoffen wir mal, dass wir deine Pfote wieder hinkriegen.“

Jetzt, wo zumindest die spitzen Zähne sicher verpackt waren, arbeitete sie zügiger. Wieder griff sie in den Rucksack und zog ein großes Messer heraus.

„Weißt du, das Ding hat mir ein Ranger in Kanada geschenkt mit der Auflage, es immer dabei zu haben. Jetzt weiß ich endlich warum“, lächelte sie. „Er hat zwar sicherlich anderes im Sinn gehabt, aber letztendlich ist ein Messer auch nur ein Werkzeug.“

Dann widmete sie sich der Schlagfalle. Mit aller Kraft hebelte sie mit Hilfe des Messers und des dicken Astes die Falle auf. Der Wolf/Hund stieß ein hohes Wimmern aus, das ihr durch und durch ging. Irgendwie gelang es ihr, den Schlaghebel so zu verkeilen, dass sie die Pfote vorsichtig herausheben konnte. Das Winseln verstummte schlagartig. Ein Blick auf seinen Kopf zeigt ihr, dass der arme Kerl ohnmächtig geworden war.

Mit einem leisen Fluch kickte sie die Schlagfalle zur Seite, die sofort wieder zuschlug.

Der Anblick der verletzten Pfote zerriss ihr schier das Herz. Dass das Tier jemals wieder richtig laufen würde, konnte sie sich kaum vorstellen. So vorsichtig wie es ihr möglich war, umwickelte sie die blutige Pfote mit Mull und ihrem Halstuch. Dann packte sie den Rucksack und griff nach der Falle. Vielleicht konnte jemand herausfinden, wem dieses Ding gehörte. Das Tellereisen war schwer, aber die Mühe nahm sie gern auf sich, wenn damit ein Wilderer gefasst werden konnte.

Sie hängte es an ihren Rucksack und schwang diesen auf den Rücken. Dann bückte sie sich und hob das verletzte Tier vorsichtig auf ihre Arme. Sie war ehrlich froh, dass es ein Jungtier war. Schätzungsweise trug sie gerade circa dreißig Kilogramm Lebendgewicht auf den Armen. Das würde ein anstrengender Rückweg werden.

Sie brauchte etwa drei Stunden, bis sie ihren Wagen erreichte. Immer wieder hielt sie an, um ihren schmerzenden Armen eine Pause zu gönnen. Zwischendurch war der Wolfshund (Hannah hatte sich auf diesen Kompromiss geeinigt) wach geworden und hatte zu zappeln angefangen, bis sie ihn anfauchte.

„Halt still! Mir macht das auch keinen Spaß, aber laufen kannst du nicht und liegenlassen kann ich dich ja wohl auch nicht. Reiß dich also zusammen!“

Der Wolfshund zuckte bei ihrem Tonfall zusammen und erschlaffte. Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass sie automatisch ihren Kinder-Zusammenstauch-Ton angenommen hatte. Bei ihrem Nachwuchs hatte der immer Wunder bewirkt. Offensichtlich war das auch der richtige Tonfall für Teenager-Hunde.

Der Anblick ihres Wagens war eine echte Erlösung.

Schnaufend schob sie das Tier auf den breiten Beifahrersitz. Dann hockte sie sich erschöpft hinters Steuer.

Als sie den Wagen startete, nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Ihr Kopf fuhr automatisch herum und sie erstarrte.

Verblüfft betrachtete sie das Tier, das neben einem Baum stand und sie mit heraushängender Zunge anstarrte.

Das war eindeutig ein Wolf. Da war sie sich sicher. Verdammt groß, verdammt kräftig und verdammt beeindruckend. So nahe war sie noch keinem gekommen, und als sie in seine grünen Augen blickte, war sie sich sicher, dass das auch gut so war.

„Aha“, meinte sie nur und trat das Gaspedal durch.

Dark Moon Creek

Eine halbe Stunde später fuhr sie in Dark Moon Creek ein und hielt den Wagen vor dem Zentralgebäude an. Als sie ausstieg, sah sie Theo angelaufen kommen. Er wirkte überrascht.

„Hannah, - was machen Sie denn hier?“

„Oh, ich hab da unterwegs jemanden gefunden, der, glaube ich, hierher gehört“, lächelte sie und öffnete die Beifahrertür. Sein Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig, als er den zusammengerollten Wolfshund sah.

„Verdammt“, stieß er heraus.

„Was ist hier los?“

Tucker O’Brians breite Gestalt schob sich ins Sichtfeld.

„Hannah hat Peter - äh Peters Hund gefunden.“

Theo ließ O’Brian vorbei. Dieser stieß einen unterdrückten Fluch aus, als er das blutige Halstuch an der Pfote sah. Er warf einen grimmigen Blick zu Hannah.

„Was ist passiert?“

Hannah griff wieder in den Wagen und zog die Schlagfalle heraus. Mit einem Scheppern ließ sie das Eisen vor seine Füße fallen.

„Das da“, meinte sie nur. „Ich hab ihn etwa dreißig Kilometer von hier in dem Ding gefunden. Gott sei Dank ist er ja ein verständiges Kerlchen, so dass ich ihn da raushebeln konnte. Ich hoffe, er nimmt es mir nicht allzu übel, dass ich ihm die Schnauze zugebunden habe. Aber ich mag es nicht so gerne, gebissen zu werden.“

Tucker gab Theo einen Wink, der sofort das verletzte Tier auf die Arme hob und forttrug. Hannah sah ihm nach. Nur am Rand nahm sie wahr, dass eine Frau aufgeregt auf Theo zu rannte und heftig auf ihn einredete, als Tucker O’Brians Gestalt sich auch schon in ihr Sichtfeld schob.

„Was hatten Sie in dieser abgelegenen Gegend zu suchen?“

Hannah sah ihm unerschrocken ins grimmige Gesicht.

„Ich habe nichts gesucht, Mr. O’Brian, sondern war wandern. Deswegen bin ich ja hier. Aber keine Sorge, ich will Ihre Dorfidylle nicht weiter stören. Bestellen Sie Ihrem Peter einen schönen Gruß. Ich hoffe, dass die Pfote von seinem Hund wieder heil wird. Die sieht echt nicht gut aus. Und da Sie ja offensichtlich hier in der Gegend ein Problem mit Wilderern haben, sollte er seinen Hund vielleicht doch nicht so frei herumlaufen lassen. Zumal der ja sowas von einem Wolf an sich hat, dass man sich da schnell vertun kann.“

Sie setzte ein fröhliches Grinsen auf, dachte ‚Arschloch‘ und stieg ins Auto.

*

Tucker O’Brian blickte ihr düster hinterher. Dann sah er sich um. Inzwischen hatten sich einige Dorfbewohner bei ihnen eingefunden, die Hannahs Sätze mit großen Augen verfolgt hatten und vorsichtig Abstand zu ihm hielten.

„Wer war heute dran, dieses Weibsbild zu beschatten?“, grollte er.

„Äh, ich glaube William“, murmelte jemand in seiner Nähe.

„Und wo zum Teufel steckt er?“

Niemand antwortete. Tucker fluchte.

„Cain!“

Sein Gebrüll scholl bis in den hintersten Dorfwinkel. Sekunden später kam der Gerufene angerannt. Bevor er etwas sagen konnte, blaffte Tucker ihn an.

„Du übernimmst für den Rest des Tages diese Riemann, und zwar dalli. Falls William dir über den Weg läuft: Er soll sich bei mir melden! Und zwar sofort! Cody! Du kriegst raus, wem diese verfluchte Falle gehört. Ich will wissen, wer hier durch unsere Wälder kriecht.“

„Geht klar, Boss!“

Besagter Cody griff nach dem Eisen und trug es fort.

William erschien eine Stunde später in Tuckers Büro. Er war schweißüberströmt und wirkte völlig fertig. Schweratmend stand er vor O’Brian und wagte es nicht, den Kopf zu heben.

Tucker verschränkte die Arme.

„Also? Was war da los?“

William schluckte nervös.

„Ich - also dieses Miststück hat mich echt gelinkt. Sie hat so getan, als wolle sie loslaufen, und dann springt sie einfach ins Auto und gibt Gas. Ich bin zwar hinterher, aber sie war echt zu schnell. Als ich dann endlich den Wagen gefunden hab‘, kam sie mir mit dem Welpen auf den Armen entgegen. Keine Ahnung, wie lange sie schon mit ihm unterwegs war.“

„Sonst hast du nichts gesehen? Gerochen?“

William schüttelte den Kopf.

„Leider nicht. - Äh - Boss.“

Er hielt den Kopf noch immer gesenkt.

„Ich ... sie hat mich gesehen. Ich war schon ziemlich fertig und konnte nicht rechtzeitig abtauchen.“

O’Brian starrte ihn an. William brauchte nicht hochzusehen. Er roch bereits, dass sein Gegenüber kurz vor einer Explosion stand. Aber Tucker beherrschte sich.

„Wie hat sie reagiert?“

„Äh ... ziemlich cool. Sie hat mich angesehen, ‚Aha‘, gesagt und dann Gas gegeben.“

„Aha?“

„Ja, sowas in der Art.“

Tucker ließ sich auf seinen Schreibtisch sinken.

„Verdammt. Also hat sie euch doch bemerkt.“

William hob die Schultern.

„Sie hat sich bisher nie was anmerken lassen und wir waren echt vorsichtig. - Soll ich wieder zur Hütte?“

„Nein, ich habe Cain losgeschickt. Du schnappst dir Ethan und fährst zu der Stelle, an der du sie aufgespürt hast. Sucht den Ort, wo es den Welpen erwischt hat, und untersucht ihn auf Spuren. Ich will wissen, wer dieses Ding gelegt hat.“

William nickte und verschwand erleichtert. Das befürchtete Donnerwetter war ausgeblieben. Trotzdem war es wohl ratsam, Tucker O’Brian erst einmal aus dem Weg zu gehen.

Die besten Schokomuffins der Welt

Tag 14

Jackson-Hütte, Minnesota

Zwei Tage später fuhr ein Wagen vor Hannahs Tür.

Neugierig trat sie nach draußen. Das Wetter war regnerisch, daher hatte sie sich entschlossen, nicht wandern zu gehen und stattdessen zu backen und zu kochen. Entsprechend war sie auch angezogen: Jogginghose, ein altes verkleckertes T-Shirt und ein breites Stirnband, mit dem sie sich die rotbraunen Locken aus dem Gesicht gebunden hatte.

Gespannt sah sie ihren Besuchern entgegen.

Aus dem Wagen kletterte Tucker O’Brian und hinter ihm ein schlaksiger Junge, den sie auf gerade mal fünfzehn Jahre schätzte. Er hatte blonde zottelige Haare, ein etwas verpickeltes Gesicht und wirkte eingeschüchtert. Kaum wagte er es, ihr ins Angesicht zu blicken.

„Hallo“, lächelte Hannah und ignorierte O’Brians unfreundliche Miene. „Was verschafft mir die Ehre?“

„Das ist Peter“, meinte Tucker nur und verschränkte die Arme. Der Junge schielte zu ihm hin und schluckte. Vorsichtig blickte er dann doch zu ihr hoch.

„Guten Tag, Mrs. Riemann“, murmelte er. Hannah betrachtete ihn aufmerksam. Seine grünen Augen waren hübsch, blickten aber ängstlich und unsicher.

„Hallo Peter“, lächelte sie. „Freut mich, dich kennen zu lernen. Geht es deinem Freund besser?“

„Freund? Äh ... ja ... vielen Dank. Vielen Dank, dass Sie ihm geholfen haben.“

Jetzt, wo er die ersten Worte herausgebracht, hatte, fiel ihm das Reden offenbar leichter und er wagte ein zaghaftes Lächeln. Hannah konnte sich gerade noch zurückhalten, ihn in die Arme zu nehmen. Dieser schüchterne Junge weckte alle Mutterinstinkte in ihr. Aber von einer wildfremden Frau umarmt zu werden, war bestimmt nicht das, was ein Fünfzehnjähriger als cool bezeichnen würde. Also hielt sie sich zurück.

„Das freut mich. Aber du hast ihn gut erzogen. Die meisten Hunde hätten sich in der Situation sicherlich nicht von einem wildfremden Menschen anfassen lassen.“

„Äh - ja, danke“, murmelte er.

„Möchtest du reinkommen?“

Der Junge schielte wieder zu O’Brian, der immer noch mit verschränkten Armen neben ihm stand.

„Ich ... ich weiß nicht ...“

„Dafür ist keine Zeit, er wollte sich nur bedanken“, funkte O’Brian dazwischen.

„Mag ja sein.“ Hannah sah ihm unbeeindruckt in die Augen. „Aber wenn Sie zu tun haben, können Sie ruhig fahren. Ich bringe Peter gerne wieder zurück.“

Sie sah erneut zu dem Jungen.

„Natürlich nur, wenn es dir recht ist. Aber ich kann dir verraten, dass heute mein Backtag ist. Einige Schokomuffins sind schon fertig und ich schwanke noch, welche ich als Nächstes in Angriff nehme. Zitrone oder Karamell. Du könntest mir bei der Entscheidung behilflich sein.“

In den grünen Augen leuchtete es interessiert auf, aber bevor er antworten konnte, legte Tucker ihm die Hand auf die Schulter.

„Vielleicht ein anderes Mal.“ Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu. „Einen schönen Tag noch, Mrs. Riemann.“

Sie konnte die Enttäuschung in den Jungenaugen deutlich lesen und schluckte den aufsteigenden Ärger hinunter.

„Schade, aber du kannst jederzeit vorbeikommen, Peter.“

„Danke, Mrs. Riemann“, murmelte er und ließ sich von O’Brian davon schieben. Als die beiden den Wagen erreicht hatten, rief Hannah:

„Einen Moment noch. Peter, komm doch bitte noch einmal kurz zurück.“

Sie konnte sehen, wie O’Brian die Stirn runzelte, aber er nickte dem Jungen zu und der rannte sofort herbei.

Hannah zwinkerte ihm zu.

„Komm schnell rein, ich hab da was für dich.“

Unsicher folgte er ihr in die Hütte und ließ seinen Blick neugierig kreisen.

„Das sieht klasse aus“, staunte er. Hannah lächelte.

„Findest du? Hast du die Hütte vorher schon mal betreten?“

Er nickte.

„Ja, wir kommen manchmal her, um, na ja ... also ...“

Sein Stottern ließ sie auflachen.

„Schon in Ordnung, du brauchst dich für nichts zu entschuldigen. Hier.“

Sie griff nach einer Plastiktüte und stopfte sie mit einem riesigen Berg Muffins voll, den sie ihm dann entgegenhielt.

„Ich weiß doch, dass Jungs in deinem Alter auf sowas stehen. Mein Wulf war regelrecht süchtig danach.“

Er starrte erst sie und dann die Tüte an.

„Ihr ... Ihr Wulf?“

Sie grinste vergnügt.

„Ja, mein Sohn. Er heißt Wulf. Ist doch witzig, oder? Dein Hund sieht aus wie ein Wolf und mein Sohn heißt so. Jetzt aber raus mit Dir. Ich will schließlich nicht, dass O’Brian dir das Fell über die Ohren zieht.“

Er wurde deutlich blasser und griff schnell nach der Tüte.

„Vielen Dank. Ich ... ich bin sicher, die werden toll schmecken.“

Hastig eilte er nach draußen.

Hannah folgte ihm langsam zur Tür und beobachtete, wie er zu Tucker O’Brian in den Wagen stieg, der sofort wendete und losfuhr. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Augen mit denen von O’Brian.

‚Blödmann‘, formulierte sie lautlos mit den Lippen und hoffte für einen Moment, dass er das auch sah.

*

„Tucker?“

„Hm.“

„Wusstest du, dass sie einen Sohn hat? Er heißt Wulf.“

Tucker O’Brian hätte fast auf die Bremse getreten. Seine Stirn legte sich in konzentrierte Falten.

„Bist du dir sicher?“

„Sie hat es mir gerade erzählt. Als sie mir die Muffins gab.“

Peter langte in die Tüte und fischte ein Gebäckstück heraus. Im Auto breitete sich bereits ein betörender Geruch nach Schokolade und Kuchen aus. Der Junge biss neugierig hinein.

„Wow, die sind echt lecker“, staunte er und schob sich den Muffin komplett in den Mund. Dann hielt er die Tüte Tucker hin. Der schnaufte nur.

„Die musst du probieren“, drängte Peter. Seine Schüchternheit war komplett verflogen. „So gute hat Ethan noch nicht hinbekommen.“

Tucker verzog das Gesicht.

„Das solltest du ihm aber nicht sagen.“

Peter feixte vergnügt.

„Keine Sorge, ich gebe ihm einfach einen zu essen. Dann weiß er es selbst.“

Jetzt musste auch O’Brian grinsen. Er langte in die Tüte und gab Sekunden später dem Jungen recht. Wie zum Geier hatte die Frau das mit diesem kümmerlichen Holzofen hinbekommen?

„Kann ich sie nicht tatsächlich mal besuchen?“, bat Peter. „Sie scheint echt nett zu sein.“

Tucker verlor sein Grinsen wieder.

„Du weißt selbst, dass das keine gute Idee ist.“

„Ich hab mich schon viel besser im Griff“, beteuerte der Junge. „Und ich bin ja nicht doof. Sie wird bestimmt nichts merken. Aber vielleicht kann ich ihr ja das Rezept abluchsen.“

„In den nächsten Tagen hast du keine Zeit dafür.“

Peter machte ein schuldbewusstes Gesicht.

„Schon klar, ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Und ich will mich ja auch nicht vor der Arbeit drücken. Aber Ethan sagt, dass sie noch einige Wochen hier ist, und ...“

„Peter!“ In O’Brians Stimme schwang ein warnender Unterton mit. „Du wirst keinesfalls das Dorf verlassen, ohne jemandem Bescheid zu geben. Und wenn du diese Frau besuchen willst, wirst du mich vorher fragen. Klar?“

„Klar, Boss“, murmelte der Junge und griff nach dem nächsten Muffin.

Jetzt bremste O’Brian doch und wandte seine volle Aufmerksamkeit dem Knaben zu.

„Junge“, grollte er. „Ich sage das nicht, um dich zu ärgern! Da draußen laufen zurzeit irgendwelche Arschlöcher rum, die Schlagfallen aufstellen. Das hast du ja schon selbst bemerkt. Ich habe keine Lust irgendein Kid da draußen zu verlieren. Also herrscht Ausgangssperre für euch, bis wir die Kerle erwischt haben!“

Peter hob die Schultern.

„Ich weiß, Tucker, tut mir leid“, murmelte er. „Aber es ist echt öde, die ganze Zeit im Dorf rumzuhängen.“

„Na, die Langeweile kann ich dir austreiben“, versetzte Tucker grimmig und gab wieder Gas. „Gib mir nochmal so einen Kuchen.“

Als sie Dark Moon Creek erreichten, waren von den Muffins gerade noch zwei übrig.

„Ich bin mal gespannt, was Ethan zu denen sagt“, grinste Peter und sprang davon. Tucker sah ihm nachdenklich hinterher.

Er wusste, dass es schwer sein würde, die Kids aus den Wäldern herauszuhalten. Sie waren es gewöhnt, sich dort unbeschwert auszutoben und rebellisch und selbstbewusst genug, sich seinen Anweisungen zu widersetzen.

Er konnte nur hoffen, dass sie diese Wilderer so schnell wie möglich fanden, bevor es erneut Verletzte oder gar Tote gab.

Tag 16

Jackson-Hütte, Minnesota

Hannah staunte nicht schlecht, als zwei Tage später wieder Besuch erschien. Diesmal war es Ethan.

Verlegen stand er vor ihrer Tür.

„Hallo, Mrs. Riemann.“

„Hallo Ethan, ich heiße Hannah. Was kann ich für Sie tun?“

„Äh, ja Hannah, also, es ist mir ausgesprochen peinlich.“

„Dann kommen Sie besser rein“, lächelte sie. „Das muss ja nicht die ganze Welt zu Ohren kriegen.“

Er folgte ihr ins Haus und sah sich staunend um.

„Donnerwetter“, meinte er. „Der Junge hat recht. Sie haben den Schuppen echt gemütlich hingekriegt.“

„Sie meinen Peter?“ Sie feixte. „Ehrlich, das sieht nach mehr aus, als es ist. Putzen kann manchmal Wunder wirken. Und wenn die Fenster erst einmal sauber sind, ist alles schon sehr viel heller und freundlicher. Kann ich Ihnen was anbieten? Kaffee? Tee? Bier?“

Er grinste erfreut.

„Ein Bier wär prima.“

Sie langte in den Kühlschrank und reichte ihm eine Dose. Dann wies sie zum Küchentisch. Als sie saßen, stützte sie das Kinn auf die Hände und sah ihn gespannt an.

„Also, was ist Ihnen peinlich?“

Er nahm einen großen Schluck und betrachtete den Holzofen skeptisch.

„Wie haben Sie diese verdammten Muffins gebacken?“

Hannah fing an zu lachen.

„Hat er Ihnen etwa einen gegeben?“

Er nickte grimmig.

„Allerdings. Und zwar mit der Auflage, dass er meine erst wieder essen will, wenn die so gut schmecken wie Hannahs!“

Sie wollte sich ausschütten vor Lachen, hielt sich aber gerade noch zurück.

„Sind sie Bäcker?“, fragte sie lieber. Er schüttelte den Kopf.