Seelenjäger - Ana Marna - E-Book

Seelenjäger E-Book

Ana Marna

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Beschreibung

Rebellische Hexen, die sich mit Wölfen, Keltai und Wandlern verbünden, versetzen das Hexenvolk in Aufruhr. Alles deutet auf einen Krieg zwischen den Völkern hin. Keine leichte Ausgangssituation für die fahnenflüchtige Hexe Agnes Kerdar. Verzweifelt versucht sie, ihre Hexenschwestern davon zu überzeugen, dass die Gefahr für ihr Volk nicht von den verbündeten Völkern ausgeht, sondern von einer schwarzmagischen Wanderseele. Und diese hat nur eines im Sinn: die absolute Macht. Doch das Misstrauen der Hexen gegenüber ihren vermeintlichen Feinden ist groß. Und Agnes steht auf der Todesliste der Hexen weit oben. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen, Wandler und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe. Dieser Band ist eine Fortsetzung der Jagd nach der Dubhsaoil, welche im Band "Wandlerin" ihren Anfang nahm. Zum besseren Verständnis empfiehlt es sich, die vier vorherigen Bände zu lesen.

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Seitenzahl: 636

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buchbeschreibung:

Rebellische Hexen, die sich mit Wölfen, Keltai und Wandlern verbünden, versetzen das Hexenvolk in Aufruhr. Alles deutet auf einen Krieg zwischen den Völkern hin. Keine leichte Ausgangssituation für die fahnenflüchtige Hexe Agnes Kerdar. Verzweifelt versucht sie, ihre Hexenschwestern davon zu überzeugen, dass die Gefahr für ihr Volk nicht von den verbündeten Völkern ausgeht, sondern von einer schwarzmagischen Wanderseele. Und diese hat nur eines im Sinn: die absolute Macht. Doch das Misstrauen der Hexen gegenüber ihren vermeintlichen Feinden ist groß. Und Agnes steht auf der Todesliste der Hexen weit oben.

Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen, Wandler und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.

Dieser Band ist eine Fortsetzung der Jagd nach der Dubhsaoil, welche im Band „Wandlerin“ ihren Anfang nahm. Zum besseren Verständnis empfiehlt es sich, die vier vorherigen Bände zu lesen.

Bisher erschienen:

Fellträger

Aschenhaut

Seelenfresserin

Wächterin

Spurensucher

Seelenmalerin

Rebellen

Wandlerin

Schattenherz

Hexengrimm

Rabengeist

Über die Autorin:

Ana Marna wuchs im Ruhrpott auf und studierte später Biologie. Inzwischen lebt sie in Baden-Württemberg und fühlt sich dort pudelwohl. Als leidenschaftliche Leserin entwickelte sich früh ihre Begeisterung für Fantasy Romane. Das Schreiben begann sie schon in ihrer Kindheit, doch erst in den letzten Jahren beschloss sie, einige Erzählungen zu veröffentlichen. „The Hidden Folks“ ist ihre erste Urban-Fantasy Serie, die sie unter dem Pseudonym Ana Marna herausgibt.

Seelenjäger

The Hidden Folks

von

Ana Marna

Gewidmet allen Menschen, die über ihre Schatten springen

und ihre Vorurteile ablegen können.

1. Auflage, 2024

© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Kontaktadresse: Hummelshain Verlag, zu Hd. Peter Marx

Werdener Str. 28, 45219 Essen

[email protected]

www.ana-marna.de

Inhaltsverzeichnis

Was zuvor geschah ...

Ein Abriss mit Folgen

Besuch aus Minnesota

Neuigkeiten

Frauenklatsch

Reisevorbereitungen der besonderen Art

воспоминания

Zwei Leibwächter

Verlorene Seelen

Eine meditative Session

Unangenehme Gespräche

Hexenspuren

Diplomatie

Eine schwere Entscheidung

Ein Idol live

Business Class

Philadelphia

Männergespräche

Ein ungewöhnliches Hotel

Auf nach Texas

Ein überraschender Besucher

Richtungswechsel

Ein unerwarteter Anruf

Reisen durch Zeit und Raum

воспоминания

Die Nachfolge

Strafkolonne

Ein Ritt nach Osten

Entscheidungen

Ein Attentat

Die Hexenzentrale

Dubhsaoil

Ein Teufelsbraten

Wintersonnenwende

Diplomatenstatus

Nachwehen und Erkenntnisse

Doina

Bis in alle Ewigkeit

Erinnerung

Anhang

Wie es weitergeht ...

Nachwort

Was zuvor geschah ...

Im Jahr 634 v. Chr. verschrieben fünf keltische Krieger ihr Leben und ihre Seele der Jagd nach einer schwarzmagischen Wanderseele, der Dubhsaoil. Diese tyrannisierte und beeinflusste alle Völker über zweitausend Jahre lang mit ihrer Schwarzmagie aus dem Verborgenen heraus. Nur die Keltai, Abkömmlinge einiger auserwählter Kelten, wissen noch von ihrer Existenz und der Gefahr, die von ihr ausgeht. Viele Male gelang es den Seelenjägern, die Dubhsaoil zu bannen, und ihre Seelen kehrten in die Schatten der Zwischenwelt zurück. Doch immer wieder wurde die Wanderseele befreit und konnte ihr unseliges Wirken fortsetzen. Die fünf Schattenseelen waren dazu verdammt, jedes Mal erneut aus der Zwischenwelt gerufen zu werden, und stets musste eine Hexe geopfert werden, um dies Jäger zu binden, ihnen Stärke im Kampf gegen das Böse zu verleihen.

Im Jahr 2006 banden sich die Schattenseelen erneut an eine junge Hexe. Infolgedessen kam es zu einer Reihe Ereignisse, die fünfzehn Jahre später eine Revolution im Hexenvolk auslösten, in welche auch die anderen Völker mit einbezogen wurden und in Unruhe versetzte.

Ein Abriss mit Folgen

Mai 2006

Frankreich, südlich von Orléans

Die Explosion zerriss die frühe Morgenstunde und ließ in einem Umkreis von fast einem Kilometer die Erde beben. Eine dichte Staubwolke erhob sich über der Baustelle und verhinderte die Sicht darauf. Die herumfliegenden Steine, Metallteile, Erdklumpen, Äste, ja sogar ein paar Bäume verrieten den ersten Ankömmlingen die Kraft der Explosion.

Reifen quietschten, Menschen duckten sich hinter Lenkrädern und Autositzen. Sie waren die ersten Bauarbeiter an diesem Morgen und alle waren froh, noch hinter schützendem Metall zu sitzen. Zwei Wagen wurden von Steinen getroffen, die tiefe Dellen hinterließen, und eine Windschutzscheibe splitterte in tausende von winzigen Stückchen, die zur Erleichterung der Insassen zusammenhielten und keinen weiteren Schaden anrichteten.

Nach dem ersten Schock wagten sich die Mutigsten aus dem Schutz ihres Wagens und betrachteten erschüttert das Gelände.

Der Staub senkte sich nur langsam und gab das Ausmaß der Verwüstung nach und nach zu erkennen. Dort, wo vorher die Anfänge einer Ausgrabung zu sehen gewesen waren, fehlte – alles.

Kein Bagger oder andere Schwergeräte, kein Toilettenwagen, keine Geländemarkierungen, keine Bauwagen. Stattdessen öffnete sich ein tiefer Krater in die Erde wie ein wütender Schlund. Drumherum: Verwüstung.

Nichts war heil geblieben, kein Baum, kein Strauch.

Dafür kam das Feuer. Rund um den Krater flackerten Flammen auf, fraßen in Windeseile alles Organische. Wuchsen mit Feuereifer und verhinderten erneut die Sicht auf den Unglücksort.

Niemand sah die Gestalten am Krater entlang huschen. Sie bewegten sich schnell. Lautlos und gezielt. Hoben leblose Körper vom Boden auf und trugen sie fort. Unbemerkt, denn der Qualm bewirkte, was die Explosion nicht vermocht hatte: Er trieb die Menschen zurück. Das Feuer weckte die Fluchtinstinkte, aber auch eine morbide Faszination. In vermeintlich sicherer Entfernung versammelten sich die Arbeiter. Immer mehr Menschen erreichten ihren Arbeitsplatz und doch herrschte eine beklemmende Stille. Nur das Fauchen der Flammen war allgegenwärtig.

Es war zu knapp gewesen, um sich nicht die furchtbarsten Szenarien auszumalen. Wäre die Explosion nur wenige Minuten später erfolgt, wären Menschen gestorben. Möglicherweise alle, die jetzt nach und nach ankamen.

„Jesses Maria“, murmelte einer der Bauarbeiter. „Ist hier eine Bombe eingeschlagen?“

Und sprach damit aus, was alle dachten.

Das Feuer kroch schnell näher und zwang die Beobachter wieder in ihre Autos. Während sie weiter auf Abstand fuhren, dröhnten ihnen die Sirenen der Rettungskräfte entgegen. Feuerwehr, Polizei und Ambulanz-Wagen kamen im Pulk angerast.

Kurzzeitig entstand ein Stau, bis sich alle Fahrzeuge durchsortiert hatten und der Weg für die Rettungskräfte freigemacht wurde. Manche der geflohenen Fahrzeuge wendeten und schlossen sich ihnen wieder an.

Neugierige, Spanner, Sensationshungrige. Es gab viele Bezeichnungen für sie in den kommenden Tagen. Keine war freundlich.

Die Rettungsarbeiten zogen sich länger als zwei Tage hin, denn das Feuer war ungewöhnlich hartnäckig. Vermutungen über Brandstiftung, Sabotage, sogar einen terroristischen Anschlag kursierten noch tagelang in den Medien. Doch alle Auswertungen verliefen ins Leere. Es gab keine Rückstände, die auf eine Bombe oder Brandbeschleuniger hinwiesen. Nur Trümmerteile der Baugeräte und Rückstände der üblichen Chemikalien und Baumaterialien.

Die Untersuchung des Kraters ergab lediglich, dass eine unterirdische Höhle existiert hatte. Wieder kamen Spekulationen auf. Vielleicht hatten Erdbewegungen die Höhle beschädigt und damit explosive Gase freigesetzt. Doch auch das war nicht nachzuweisen und niemand konnte sich das Feuer so richtig erklären. Nach zwei Monaten wurden die Untersuchungen abgeschlossen und das Gelände freigegeben. Immerhin war nur Sachschaden entstanden und kein Mensch verletzt oder gar getötet worden. Und, was letztendlich entscheidend war, Zeit kostet Geld. Und wenn es um die Erschließung eines Neubaugebiets geht, sehr viel Geld. Grund genug für die Baugesellschaft, die Ermittlungen so knapp wie möglich zu halten. Zumal der Baubeginn schon vor der Explosion ständig verschoben werden musste. Es gab hartnäckige Proteste gegen die Erschließung des Neubaugebietes.

Immerhin wurden erneut Experten zu Rate gezogen, die den Boden nach weiteren Unterhöhlungen oder anderen Schwachstellen untersuchen sollten. Es gab keine Beanstandungen und wie schon im Vorfeld wurden die letzten unermüdlichen Protestler ignoriert und die Arbeiten wieder aufgenommen.

Ein Jahr später standen die ersten Gebäude auf dem Gelände. Niemand sprach mehr von dem rätselhaften Unglück, denn niemand hatte Interesse daran, potenzielle Käufer zu verschrecken.

Es war, als hätte die Siedlung schon immer dort gestanden.

12. November 2021

Haupthaus der Keltai, bei München, Deutschland

„Es war unser Versagen.“ Karl Gael von Carnut, Oberster des Keltai-Rats seufzte und sah müde in die Runde. „Und auch, wenn es schon oft in der Vergangenheit geschah, so ist unsere Schuld an der Flucht der Dubhsaoil nicht geringer.“

Es war nicht das erste Mal, dass Flaith ein solches Schuldeingeständnis zu hören bekam. Doch meistens hatten die Räte jede Menge Gründe aufgezählt, warum sie die Dubhsaoil nicht an ihrer Flucht hindern konnten. Dass Gael diese Gründe nicht einmal erwähnte, rechnete Flaith ihm hoch an. Doch wenn er es richtig verstand, hatten die Keltai alles ins Feld geworfen, was ihnen möglich war, um die Katastrophe abzuwenden.

Aber es gab Grenzen. Und eine davon war nun mal, nicht erkannt zu werden, um Schadensbegrenzung zu leisten.

„Du sagtest, ihr habt alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um zu verhindern, dass dieses Neubaugebiet ausgewiesen wurde.“

„Das ist richtig.“ Es war Ratsmitglied Kirrin, der antwortete. Thomas Kirrin von Brigant war ein humorloser Mittfünfziger und Sicherheitschef der Keltai. Einer der jüngeren Ratsmitglieder und, so wie es sich für Flaith darstellte, äußerst kompetent. „Wir haben alle politischen Möglichkeiten ausgeschöpft und auch diverse Protestbewegungen unterstützt. Das Gelände käuflich zu erwerben war uns nicht möglich und hätte uns zu viel Aufmerksamkeit eingebracht.“

„Die einzige Maßnahme, die wir nicht ergriffen haben, war die Beseitigung der verantwortlichen Bauträger.“ Peter Fear von Trevet verzog das Gesicht. „Wir haben lange diskutiert, aber im Endeffekt wäre es Mord gewesen und vermutlich wäre es nicht bei einem geblieben.“

Flaith zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Heutzutage sind die meisten Bauträger Gesellschaften, sprich, es ist nicht nur eine Person verantwortlich. Und in unserem Fall standen wir einem der größten Bauträger Europas gegenüber. Da fließt eine Menge Geld und sie haben diverse politische Verbindungen. Unsere Ressourcen reichen dafür leider nicht aus.“ Fear seufzte. „Immerhin haben wir es geschafft, dass die Dubhsaoil nicht noch vor Ort eine Seele in die Schatten schicken konnte. Wir entschlossen uns, die Banne selbst zu lösen, bevor die Bauarbeiter das taten, und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass niemand in der Nähe war, an den die Wanderseele sich hängen konnte. Es ist uns knapp gelungen, da die Arbeiten in zwei Schichten ausgeführt wurden und wir nur ein Zeitfenster von wenigen Stunden hatten.“

„Dass wir es dennoch geschafft haben, verdanken wir nur dem mutigen Einsatz unserer Druwiden.“ Kirrin ballte finster die Fäuste. „Sie haben die Schutzkreise so lange aufrechterhalten, bis wir sicher sein konnten, dass niemand gefährdet war. Dann beschworen sie die Erdkräfte und lösten die Explosion aus. Die Krieger haben nur noch die Überreste ihrer Leichen bergen können, bevor die Rettungskräfte eintrafen.“

Fünf tote Druwiden.

Ein herber Verlust für ihr Volk. Druwiden waren ein seltenes Gut. Nicht viele Keltai zeigten eine Begabung für die erdverhaftete Druwidenmagie. Und die Ausbildung zu einem Druwiden nahm viele Jahre in Anspruch. Als Flaith noch jung gewesen war, endete die Lehrzeit nach zwanzig oder gar dreißig Jahren und man galt erst dann als vollwertiger Druwid. Er selbst hatte nicht ganz so lange gelernt, doch dafür war es ihm gelungen, auch zum vollwertigen Krieger, letztendlich zu einem geachteten Anführer einer Kampftruppe zu werden. Damals eine Besonderheit bei den Keltai. Es war ein seltsamer Gedanke, dass er selbst Auslöser für eine neue Tradition geworden war. Seit der Schattenkult der Keltai die Dubhsaoil jagte, nutzte er kleinere Krieger-Teams, denen immer ein Druwid vorstand. Letzterer war nicht zwingend auch Kämpfer, doch solche Doppelbegabungen wurden gefördert. Und da die Lernmethodik mit den Jahrhunderten effizienter wurde, waren schon lange keine dreißig Jahre mehr nötig, um einen effektiven Druwiden auszubilden.

Flaith sah in die Runde. Alle elf Ratsmitglieder waren an dem großen Ratstisch versammelt, Krieger und Druwiden. Und in allen Gesichtern las er dieselbe Trauer.

Fünfzehn Jahre lag das Unglück zurück und doch war der Verlust noch präsent. Auch Flaiths Vertraute, der Krieger Manas und Darin, Druwid und Sohn von Gael, die rechts und links neben ihm saßen, wirkten betroffen. Dabei waren sie Kinder gewesen, als die Dubhsaoil ihr Gefängnis verlassen hatte. An diesem unglückseligen Tag starben Helden. So viele Keltai waren schon im Kampf gegen die schwarze Seele gefallen und jeder Name wog schwer. Keiner wurde vergessen und jeder Einzelne in das Buch der Toten aufgenommen.

Im Lauf der Jahrhunderte waren es immer mehr Bände geworden. Anfangs hatte Flaith die Namen der Toten noch aufzählen können, doch es waren zu viele eigene Leben und noch viel mehr Namen gewesen. Irgendwann hatte er es aufgegeben. Die schiere Menge der Toten wog schwer auf seiner Seele. Denn im Endeffekt zeigte sie, dass er und seine Seelenbrüder versagten.

Immer und immer wieder.

Anscheinend sah man ihm seine Gedanken an, denn Gael blickte ihm ernst in die Augen.

„Zweifele nicht an dir und deinen Brüdern. Ohne eure Existenz wäre das Elend noch sehr viel größer und die Dubhsaoil noch sehr viel mächtiger und tödlicher. Dass ihr sie schon so oft bannen konntet, hat uns Zeit geschenkt. Zeit und neue Möglichkeiten, die Wanderseele endgültig zu vernichten. Ich sehe es als ein positives Zeichen an, dass ihr bereits kurz nach der Flucht der Dubhsaoil euer neues Herz gefunden habt.“

Es war Oswin Eburacon von Carnut, der heftig nickte, während seine nervösen Finger auf der Tischplatte herumtrommelten.

„So ist es, wir haben bereits eine Woche nach dem Desaster eure veränderten Schwingungen wahrnehmen können. Ihr habt Dajana noch vor ihrem dritten Geburtstag gefunden und euch schon in der folgenden Samhain-Nacht festgelegt. Das war ungewöhnlich schnell.“

Sein jüngerer Kollege Drausus nickte bestätigend. Er und Eburacon waren die obersten Seelenrufer und Hüter der Schatten. Eine ehrenvolle und anstrengende Aufgabe. Die Schatten der Zwischenwelt waren schwer zu durchschauen und jede Reise gefährlich. Flaith wusste inzwischen, dass es zurzeit nur zwei weitere Seelenrufer gab. Diese Gabe war auch unter den Druwiden selten zu finden. Und doch war sie so wichtig. Seelenrufer waren der einzige Kontakt zu ihm und seinen Brüdern in der Zwischenwelt. Dort wo sie unzählige Jahre verharrten, um gerufen zu werden, wenn die Dubhsaoil ihre Fesseln zerbrach. Seelenrufer wussten, wann die Schattenseelen sich an ein Herz banden und das Ritual einleiteten. Und sie stimmten sich so auf die Schattenseelen ein, dass sie sie beobachten konnten.

Jetzt lächelte Drausus beinahe entschuldigend.

„Wir waren alle überrascht, dass es so schnell geschah, und wir haben viele Tage diskutiert, ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen war. Immerhin mussten wir viele Jahre warten, bis Dajana alt genug war.“

„Doch letztendlich denken wir, dass es gut war“, ergänzte Eburacon. „Sowohl Dajana als auch ihr konntet euch über diesen langen Zeitraum aufeinander einstimmen. Vermutlich hat sie die Verbindung deshalb so gut angenommen.“

Flaith spürte eine satte Zufriedenheit in sich aufsteigen.

Dajana. Sein Herz war bei seinen Brüdern in ihren Räumlichkeiten und offenbar bestens versorgt. Das verrieten ihm ihre heftigen, atemlosen Gefühle. Doch trotz all ihrer Ablenkung war sie immer noch mit seinen Sinnen verbunden und konnte die Diskussion daher verfolgen. Das war tatsächlich eine beachtliche Leistung, da ihre endgültige Verbindung nicht einmal einen Monat her war. Dies sprach für Eburacons Theorie.

Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich euch nicht gespürt habe, meldete sich sein Herz. Nur einmal, bei meiner Flucht aus dem Hexenhaus, da habt ihr mich allein gelassen. Es war furchtbar, obwohl ich mich doch vor euch gefürchtet habe.

Das wissen wir, antwortete Flaith sanft. Aber es war nötig. Unser Volk musste wissen, wo es dich finden konnte. Auch wenn Samhain nahe war, benötigten wir unsere ganze Kraft, um die Seelenrufer zu kontaktieren.

Ich weiß. Die Erinnerung an Angst und Entsetzen, an grenzenlose Einsamkeit verschwand und wich ungewohntem Ernst. Verlasst mich nie mehr. Ich könnte es nicht ertragen.

Ein Versprechen, das er nicht geben konnte, so gerne er es getan hätte.

Das wusste auch sein Herz. Nichts war gewiss während der Jagd nach der Dubhsaoil.

Flaith verlagerte seine Konzentration wieder auf den Rat. Schließlich war er es gewesen, der ihn zusammengerufen hatte. Bisher hatte er sich nur mit den notwendigsten Informationen auseinandergesetzt, um dieses Zeitalter zu verstehen. Jetzt fand er langsam Zeit, um wichtiges Wissen für die Jagd zusammenzutragen. Und es hatte sich immer bewährt, auch in der Vergangenheit zu wühlen. Zum Beispiel, wie es dazu gekommen war, dass die Dubhsaoil ihrem Bann entfliehen konnte.

Flaith konnte sich noch sehr genau an den zurückliegenden Kampf gegen die Schwarzhexe erinnern. Es war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gewesen und hatte viele Keltai das Leben gekostet, bis es den Druwiden gelungen war, die Bannkreise zu aktivieren, die die Wanderseele tief in der Erde verankerten. Da, wo Druwidenmagie ihre Kraft am stärksten entfaltete.

Flaith und seine Brüder hatten die Hexe während der ganzen Zeit fixiert und ihrer schwarzen Magie getrotzt. Es war die Hölle gewesen. Die flächendeckenden Blutrunen auf ihren Körpern schützten sie vor vielen Zaubern und Verletzungen, doch nicht vor allem. Und erst recht nicht vor der schwarzen Magie einer jahrtausendealten Seele. Die Schmerzen waren echt und nur die Existenz ihres gemeinsamen Herzens bewahrte sie vor einem qualvollen Ende. Erst als die Banne hielten, zerstückelten sie den zuckenden Körper und verbrannten ihn danach zu Asche. Die verbliebenen Knochen zerschlugen sie und Flaith sammelte Asche und Knochenmehl in einer kleinen Urne. Diese wurde später in alle Winde verstreut, denn niemand durfte Zugriff auf die Überreste einer Schwarzhexe erhalten.

Als sie die Bannstätte verließen, waren sie verloren.

Die Dubhsaoil war gebannt, doch der Preis hoch. All ihre Qualen und Verletzungen hatten Spuren hinterlassen. Nicht nur an ihnen. Vor allem bei ihrem Herzen.

Das war es, was sie immer und immer wieder fürchteten.

Am Ende eines Kampfes verloren sie ihr Herz. Ihr Liebe.

Es blieb nur noch das Warten auf die ewige Schwärze der Schatten.

Ihr habt mir erzählt, dass nicht alle Herzen daran zerbrachen, flüsterte es in ihm.

Nein, nicht alle. Doch auch sie waren nicht mehr dieselben wie vorher.

Natürlich nicht. Alle Geschöpfe verändern sich im Laufe ihres Lebens. Und das liegt oftmals an schlimmen Erlebnissen und tragischen Wendungen.

Ein Lächeln zuckte über Flaiths Gesicht. Seit wann ist unser kleines Herz weise und nicht naseweis?

Ich lerne dazu. Das klang beinahe würdevoll, was allerdings durch den mitschwingenden Schalk in den Hintergrund rückte. Und ich bin fest entschlossen, euch zu behalten. Ihr seid das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte, und das werde ich nicht aufgeben. Nicht für so eine dumme, alte, scheußliche Hexe. Ihr werdet sie töten und ihre Seele vernichten. Und danach gehört ihr mir.

Das klingt nach einem guten Plan, lächelte Flaith.

Klar, der ist ja auch von mir.

Es war ein schönes Gefühl, ihre Zufriedenheit in sich zu spüren.

Flaith verdrängte jeglichen Zweifel und nickte Gael zu.

Es war Zeit, in die Offensive zu gehen.

Besuch aus Minnesota

23. November 2021

Spinnenfarm, Texas

Die Ankunft von Hannah O’Brian war – eindrucksvoll.

Anders konnte Agnes Kerdar es nicht beschreiben.

Als ehemalige Assistentin einer Hexen-Vollstreckerin hatte sie vieles gesehen und erlebt. Und eine beachtliche Anzahl an interessanten Hexen und Menschen kennengelernt. Letztere anscheinend nicht gut genug, denn auf Hannah O’Brian war Agnes definitiv nicht vorbereitet.

Nun, vermutlich lag es auch daran, dass sie völlig falsche Vorstellungen von einer Seelenmalerin in sich trug. Dies war zwar einerseits entschuldbar, da sie erst seit einigen Tagen wusste, dass es Seelenmalerei gab, doch sie hätte sich denken müssen, dass dies nur eine Facette dieser Frau sein konnte.

Die Malerin war klein, schlank, aber nicht dünn. Eher sportlich drahtig. Ihre rotbraunen Locken wippten eigenwillig um ein fröhliches Gesicht und die Kleidung wirkte eher alternativ angehaucht. Jeans, Parka und derbe Wanderschuhe. Alles in braungrünen Farbtönen. Wäre Agnes dieser Frau auf der Straße begenet, hätte sie in ihr vermutlich eine ganz normale Person gesehen, die gerne draußen unterwegs war.

Und damit hätte Agnes weit daneben gelegen. Immerhin war Hannah O’Brian die Frau eines Werwolfs, präziser, eines Rudelführers. Dazu Tochter eines in Hexenkreisen verrufenen Wolfes, Mutter eines Sohnes, der ebenfalls ein Wolfsrudel anführte und dann auch noch die Schwiegermutter des gruseligsten Werwolfs überhaupt: Cathal Loganach. Jäger und Vollstrecker der Minnesota-Rangers.

Letzterer stand breitbeinig, mit stoischem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen vor der Veranda und versperrte mit seinem breiten Rücken Agnes die Sicht. Wie meistens steckten seine muskulösen Beine in Jeans und eine abgewetzte Militärjacke zeigte Ausbuchtungen, die auf eine Menge Waffen hindeuteten. Agnes vermutete, dass dieser Krieger selbst im Bett schwerbewaffnet schlief. Sie würde wohl nie erfahren, ob das stimmte. Nicht nur sie hielt nach Möglichkeit Abstand zu dem Vollstrecker.

Hannah O’Brian ließ sich von Cathals Haltung nicht beeindrucken. Lachend sprang sie ihm entgegen und fiel dem Riesen um den Hals, was diesen keinen Millimeter wanken ließ.

Hinter Hannah wuchtete ihr genervt aussehender Ehemann Tucker O’Brian etliche Koffer aus dem Rover, von denen Agnes wusste, dass zumindest ein Gepäckstück Eigentum von Dr. Valea Noack war, einer weiteren Mitbewohnerin der Spinnenfarm. Die Ärztin hatte bei ihrer spontanen Abreise aus Europa vor etwa zwei Wochen ihr Gepäck zurücklassen müssen. Ein Grund mehr für Hannah O’Brian, die Spinnenfarm zu besuchen.

Agnes fand es erstaunlich, wie viele Koffer und Taschen in dieses Fahrzeug hineingepasst hatten.

Tucker O’Brian war nicht übermäßig groß, aber breitgebaut. Seine braunen Haare waren kurzgeschnitten und sein Gesicht wurde vor allem von seinem Vollbart dominiert. Er war nicht das, was man als gutaussehend bezeichnen würde, doch die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit spürte Agnes über die Distanz hinweg. Dieser Mann war niemand, den man übersehen konnte. Und vermutlich auch niemand, den man übersehen durfte. Selbst neben dem Vollstrecker wirkte er autoritär und das fand Agnes beachtlich. Obwohl sie nun schon zwei Wochen auf der Spinnenfarm verbrachte, empfand sie den wortkargen Kriegerwolf immer noch als gruselig und einschüchternd.

Agnes verlagerte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Hannah O’Brian. Diese hatte sich mittlerweile von dem Kriegerwolf gelöst und sah grinsend zu ihm hoch. Sie schien überhaupt keine Scheu vor dem riesigen Kerl zu haben. In ihren Augen blitzten eher Schalk und Begeisterung.

Diese Frau war ein Energiebündel der Extraklasse. Keine Frage, eine Malerin hatte sich Agnes definitiv anders vorgestellt.

Ruhiger. Verträumter. Vielleicht etwas verdreht, wie es bei Künstlern manchmal vorkam. In weiten, wehenden Kleidern im Hippie-Stil.

„Cathal.“ Hannahs Altstimme war genauso energiegeladen wie ihr Auftreten. „Erinnerst du dich daran, dass du mir versprochen hast, Lilly glücklich zu machen?“

Agnes konnte die Miene des Kriegers nicht erkennen, aber sie glaubte, eine kurze Verkrampfung seiner Schulterpartie zu sehen. War das etwa – Furcht? Das konnte sie sich nun doch nicht vorstellen. Andererseits ...

Hannah O’Brian hatte inzwischen die Fäuste in ihre Taille gestemmt und einen herausfordernden Blick aufgesetzt.

„Ich habe gestern mit Lilly telefoniert und erfahren, dass du seit geschlagenen zwei Monaten nicht bei ihr aufgetaucht bist.“

Der Vollstrecker gab keinen Mucks von sich. Vermutlich, weil seine Schwiegermutter ihm auch keine Chance dafür ließ, denn sie fuhr fort: „Ich will Enkelkinder! Viele! Und zwar möglichst flott. Sieh zu, dass das passiert, ansonsten sehe ich mich gezwungen, mich einzumischen.“

Das Grollen, das aus der Brust des Kriegers rollte, ließ Agnes sämtliche Nackenhaare sträuben, doch Hannah O’Brian blieb ungerührt. Dafür scholl auf einmal Tucker O’Brians Stimme über den Platz.

„Benimm dich, Krieger! Und Hannah! Du lässt den Mann in Ruhe! Und wer, zum Geier, hilft mir mit diesem Gepäck?“

Der Vollstrecker setzte sich kommentarlos in Bewegung. Agnes hatte das Gefühl, dass dies eher ein Fluchtverhalten war. Hannah O’Brian dagegen richtete grinsend ihren Blick auf Agnes. Diese brauchte einige Sekunden, bis sie sich so weit gefasst hatte, dass sie ein diplomatisch neutrales Lächeln aufgesetzt hatte.

Zu spät, wie sie feststellen musste.

Hannahs Grinsen wurde noch breiter.

„Lass mich raten, du bist Agnes Kerdar. Ich hab schon einiges von dir gehört. Und inzwischen bin ich durchaus gewillt, dich näher kennenzulernen.“

Agnes holte tief Luft. Hannah O’Brians Vertraulichkeit überraschte sie. Und erleichterte sie gleichzeitig.

„Ähm ja. Danke. Ich muss zugeben, dass ich auch auf dich neugierig bin.“

Die beiden Wölfe näherten sich mit dem Gepäck und Agnes wies zum Hauseingang.

„Komm rein. Ich zeige dir dein Zimmer.“

„Ist Dr. Noack nicht da?“

„Doch, aber sie hat gerade ein Online-Seminar.“

„Hu, mit wem?“

Agnes hob die Schultern.

„Ich glaube, sie hält es im Auftrag des forensischen Instituts ab, für das sie früher gearbeitet hat.“

Hannah verzog das Gesicht zu einer widerwilligen Grimasse.

„Oh ha, dann geht es vermutlich um Leichen, Blut und so was.“ Sie schüttelte sich. „Das ist nichts für mich.“

Sie durchquerten das große Wohnzimmer, welches mittlerweile mit unzähligen Sitzgelegenheiten vollgestopft war. Nur eine schmale Gasse von der Haustür zur Treppe war frei geblieben. Hinter ihnen fluchte Tucker O’Brian, da die Gepäckstücke ständig gegen Möbel stießen. Cathal blieb wie immer still. Agnes hatte schon überlegt, was wohl dabei herauskommen würde, wenn man die Anzahl seiner Wörter am Tag statistisch erfassen würde. Dieser Wolf war die personifizierte Schweigsamkeit.

In einer Ecke des Raumes hockten zwei Keltai und beobachteten die Prozession mit offensichtlichem Vergnügen.

„Gibt es einen Grund für dieses Chaos hier?“, knurrte der Rudelführer in Agnes Rücken.

„Es wohnen im Moment sehr viele Leute auf der Farm“, erklärte Agnes und warf ihm ein entschuldigendes Lächeln über die Schulter zu. „Wir haben einfach Platzprobleme.“

„Ein Anbau hilft“, grummelte O’Brian.

Agnes nickte zustimmend.

„Ja, Marie-Sophie und Raik haben Pläne für einen Neubau zusammengestellt. Hinter dem Haupthaus sind die Krieger schon dabei, das Fundament zu legen.“

„Cool“, lachte Hannah. „Das wird hier ja eine echte Begegnungsstätte.“

„Wohl eher so etwas wie eine Botschaft“, meldete sich eine weitere Stimme.

Raik, Druwid und Anführer des Keltai-Teams, trat aus der Küche und steuerte auf Tucker O’Brian zu. Dieser ließ sofort alle Koffer fallen und ergriff die dargebotene Hand.

„Willkommen auf der Spinnenfarm“, lächelte der Druwid. „Ich bin Thomas Raik von Trevet. Marie-Sophie wird erst mittags hier aufkreuzen. Sie klebt gerade an einem Mikroskop.“

Jetzt schüttelte er auch Hannahs Hand und deutete eine Verbeugung an.

„Es ist mir eine Ehre, die Seelenmalerin kennenzulernen.“ Man sah ihm an, dass er es völlig ernst meinte.

„Oh. Ja, also ganz meinerseits.“ Hannah wirkte etwas verdattert. „Aber das mit der Ehre ist nicht nötig. Ich bin einfach nur Hannah.“

„Dann nenn mich Raik.“ Er wies zur Treppe hin. „Wenn ihr das Gepäck losgeworden seid und euch frischgemacht habt, stelle ich euch gerne den Rest meines Teams vor.“

„Buddeln sie hinterm Haus?“, grinste Hannah.

Raik lachte und auch Agnes musste lächeln. Die offene Art der Malerin gefiel ihr immer besser.

„Nur zwei. Ninian und Stean sitzen dort.“ Er wies zu den beiden Keltai, die jetzt grüßend die Hand hoben. „Vahan und Rigo haben die Vormittagsschicht an der Grabungsstätte.“

Grabungsstätte war eine Wortschöpfung von Ninian gewesen, wusste Agnes. Der Keltai-Krieger hatte zu Beginn der Bauarbeiten bereits nach zwei Stunden vier Skelette zu Tage gebracht und danach lautstark verkündet, dass er sich wie ein Archäologe an einer Grabungsstätte vorkam. Zu Agnes Erleichterung hatte Valea die Skelettfunde als Pferdeüberreste identifiziert, die schon viele Jahre im Sand verbracht hatten.

Friedhof wäre vermutlich die passendere Bezeichnung gewesen, doch die Vorstellung, ein Wohnhaus auf einen Friedhof zu setzen, hätte wohl niemanden begeistert. Und da alle sofort den Ausdruck Grabungsstätte übernahmen – nun, Agnes vermutete, dass nicht nur sie solch obskure Gedankengänge hegte.

Sie fand es erstaunlich, wie schnell und tatkräftig Raik die Pläne umsetzte. Innerhalb weniger Tage hatten die Männer im Schichtbetrieb einen Keller ausgehoben und Fundamente gesetzt. Niemand drückte sich. Kriegerwölfe, Wandler und Keltai arbeiteten Hand in Hand und Agnes gewann den Eindruck, dass es allen enormen Spaß machte.

Inzwischen hatten sich etliche schwere Maschinen hinterm Haus angesammelt. Zwei Bagger, ein Kran, mehrere Lastwagen und diverse Geräte, die Agnes nicht zuordnen konnte, nahmen einen Großteil der Fläche ein. Ein Fuhrpark des Glücks für Männerherzen, hatte Valea lachend festgestellt.

Nun, auf jeden Fall entstand bei den Männern keine Langeweile. Agnes hatte sogar den Verdacht, dass sie sportliche Wetten untereinander abschlossen. Zumindest deuteten einige Bemerkungen darauf hin.

Sie wagte nicht, nachzufragen. Noch war sie selbst ein Fremdkörper in dieser zusammengewürfelten Gemeinde.

Agnes warf es niemandem vor. Hexen hatten sich bei allen anderen Völkern im Laufe der Jahrhunderte äußerst unbeliebt gemacht. Und obwohl sie selbst sich öffentlich von der derzeitigen Hexenpolitik distanziert hatte, schlug ihr auf der Farm immer noch Misstrauen entgegen.

Sie wollte sich nicht beschweren. Niemand behandelte sie schlecht oder äußerte sich ihr gegenüber abwertend. Doch die Einzigen, die völlig wertfrei und offen auf sie zu traten, waren Dr. Valea Noack und Marie-Sophie Levine.

Nun, Marie-Sophie war eine weiße Hexe und konnte gar nicht anders als nett sein. Obwohl gerade sie Grund genug hätte, jede einzelne Hexe zu hassen und zu verdammen. Ihr war in der Vergangenheit übel mitgespielt worden und immer noch stand sie auf einer Todesliste der Hexen.

Dr. Valea Noack war ein Kapitel für sich.

Agnes hatte diese Frau schon bei ihrem ersten Zusammentreffen nicht einordnen können. Sie war zweifellos klug und gebildet. Allein, dass Dr. Noack eine weltweit anerkannte Koryphäe in ihrem Fachgebiet Forensik war, sprach dafür. Doch inzwischen hatte sie sich schon oft mit der Ärztin unterhalten und festgestellt, dass Valea Noack ein umfassendes Allgemeinwissen besaß, welches ihr eigenes weit in den Schatten stellte. Dazu kamen weitere Talente, über die Dr. Noack nicht gerne redete. Darunter fiel auch die Fähigkeit, Kontakt mit Geistern beziehungsweise Seelen aufzunehmen. Ein wenig unheimlich war Valeas Beziehung zu dem Vampir Roman Rothenstein. Einen Vertreter seiner Gattung, der nicht nur den Hexen Sorge bereitete. In den zurückliegenden Tagen wurde sein Name öfters ausgesprochen, meistens mit einem unbehaglichen Unterton.

Valea äußerte sich nie dazu. Agnes konnte nicht einschätzen, ob sie aus Angst vor dem Vampir schwieg oder weil sie einfach neutral bleiben wollte. Da sie aber in Rothensteins Nähe niemals besorgt oder verängstigt wirkte, nahm Agnes Letzteres an.

Doch trotz dieser unheimlichen Verbindung war Dr. Valea Noack eine Frau, die vor allem eines ausstrahlte: Wahrhaftigkeit.

Sie tadelte und wertete nicht. Zumindest nicht sofort. Vermutlich war sie daher die erste Person, der sich Agnes anvertraut hatte. Der sie von ihren eigenen Zweifeln an der derzeitigen Hexenpolitik erzählte.

Im Endeffekt war Valea Noack der Grund, warum Agnes jetzt hier auf der Spinnenfarm hockte. Und dafür war sie aufrichtig dankbar. Die Alternative wäre eine schmerzhafte Hinrichtung durch ihre Hexenschwestern gewesen. Und das nur, weil sie Zweifel in sich trug.

Raik nickte ihr zu.

„Kannst du zu mir kommen, wenn du unseren Gästen das Zimmer gezeigt hast?“

„Natürlich.“ Zwar hätte sie sich gerne länger mit Hannah O’Brian unterhalten, doch das würde sich auch zu einem anderen Zeitpunkt ergeben. Die Malerin hatte sich für einige Tage angemeldet und keinen definitiven Abreisetermin genannt. Dem Gepäck nach könnte sie auch etliche Wochen bleiben, schoss es Agnes durch den Kopf und sie verkniff sich ein amüsiertes Lächeln.

Wenige Minuten später betrat Agnes das Arbeitszimmer von Raik. Dieses war spärlich möbliert: ein kleiner wackeliger Tisch, auf dem ein Bildschirm und eine Tastatur den meisten Platz beanspruchten. Dazu drei Holzstühle und ein billiges Regal, in dem bis jetzt nur ein Drucker, Papier und eine Kiste mit Kabeln und Steckleisten untergebracht waren.

Raik wedelte sie mit einer lässigen Geste in Richtung eines der Stühle. Er selbst saß vor dem Bildschirm, die Stirn in konzentrierte Falten gelegt.

Agnes ließ sich still auf dem Stuhl nieder und betrachtete ihn verstohlen.

Der Druwid war von allen männlichen Bewohnern der Farm derjenige, der am menschlichsten aussah. Zwar war auch er über einen Meter achtzig groß und mit einem athletischen Körperbau gesegnet, aber nichts an ihm wirkte unnatürlich oder übermäßig kraftvoll. Seine blonden, halblangen Haare trug er normalerweise zu einem Zopf gebunden, doch jetzt fielen sie ihm in die Stirn und ließen ihn jünger erscheinen. Eigentlich war er Mitte dreißig, wusste Agnes, und meistens zeigte er eine ernste Miene, die vermutlich auf seine verantwortungsvolle Aufgabe als Stationsleiter zurückzuführen war.

Nur selten wurde diese Ernsthaftigkeit von einem Lächeln durchbrochen. Auslöser für ein solches Lächeln war für gewöhnlich Marie-Sophie. Der Keltai war ihr restlos verfallen, was häufig genug Anlass für gutmütigen Spott war. Selbst die Wandler schienen sich darüber zu amüsieren, was erstaunlich für diese Wesen war. Normalerweise hielten sie Distanz zu allen anderen Völkern, sowohl körperlich als auch verbal.

Doch auf dieser Farm hatte sich in den letzten Wochen ein seltsames Gleichgewicht eingependelt. Nie hätte Agnes es für möglich gehalten, dass sich Wölfe und Wandler auf so engem Raum vertragen konnten. Doch es funktionierte.

Manchmal war die Stimmung gereizt, aber meistens reichte ein Wort von Raik oder von Valea, um die Spannung zu lösen. Wenn nicht, wurden die Kontrahenten einfach auf die Baustelle geschickt, wo sie sich austoben konnten. Ein effektives Mittel, sowohl was den sozialen Frieden anging als auch den Fortschritt des Neubaus. Sie würden sich eine neue Beschäftigung ausdenken müssen, wenn der Anbau fertiggestellt war. Agnes Gedanken gerieten kurz ins Stocken. Sah sie sich tatsächlich so lange auf dieser Farm? Lang genug, um ein Ende der Baustelle zu erleben. Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie dies noch weit von sich gewiesen.

Raik sah so plötzlich hoch, dass Agnes ertappt zusammenfuhr. In seinen Mundwinkeln zuckte es belustigt, aber er verriet nicht, worüber er sich amüsierte.

„Valea hat mir verraten, dass du dich mit Schutzzaubern auskennst.“

„Äh, ja das stimmt“, gab Agnes zu. „Dies war meine Spezialisierung.“

„Hm, das passt aber nicht zu einer Vollstreckerin.“

Agnes spürte, wie sie vor Scham errötete. Die Anspielung auf ihren letzten Job bei den Hexen war ihr unangenehm. Mittlerweile sogar ausgesprochen peinlich.

„Ich ... ich war nur eine Assistentin. Ibot Corbett hat mich lediglich für organisatorische und informelle Dienste genutzt. Wenn du so willst, war ich nie mehr als eine Sekretärin für sie.“

Der Keltai hob beschwichtigend die Hand.

„Ich wollte dich damit nicht tadeln oder herabsetzen. Tatsächlich bin ich froh, dass du Schutzzauber beherrschst. Wir arbeiten gerade an einem Konzept, wie wir die Farm am besten schützen können. Mannkraft ist zwar unentbehrlich, doch je mehr Schutzmechanismen wir installieren, desto besser. Die Ranger werden in den nächsten Tagen einen Metallzaun errichten. Die haben sich bei ihren Stützpunkten schon oft genug bewährt. Zwei von unseren Wandlern kennen sich mit Sicherheitstechnik aus und Asher Hunter hat schon zugesagt, die passende Technik zu liefern. Ich werde das Gelände und die Gebäude mit Blutrunen vor Magie und physikalischer Einwirkung schützen. Doch vielleicht fällt dir noch etwas ein, womit man den magischen Schutz ergänzen kann.“

Agnes überlegte kurz. Im Geist ging sie die ihr bekannten Zauber durch.

„Vielleicht einen Wächterzauber? Er würde niemandem schaden, wenn er aus Versehen berührt wird, aber er kann uns warnen, wenn jemand die Linie überschreitet.“

„Können deine Hexenschwestern diesen Zauber wahrnehmen und unbemerkt überwinden?“

„Ich kann ihn so leicht wirken, dass man gezielt nach ihm suchen müsste“, schlug sie vor. „Aber er wäre lediglich eine Ergänzung für Selina Serras Zaun.“

Immer noch verspürte sie staunende Ehrfurcht über den unsichtbaren Schutz, den die Spinnenmagikerin gewoben hatte. Er umfasste das gesamte Gelände und ließ nichts und niemanden durch. Sie selbst hatte vor zwei Wochen zusammen mit neunzehn Kriegerinnen vergeblich versucht, ihn zu überwinden. Nur unter Einsatz geballter Feuermagie war es ihnen gelungen, zumindest das Tor zu zerstören. Einige Hexen waren über einen selbstgegrabenen Tunnel in das Haupthaus gelangt. Was ihnen nichts genutzt hatte. Inzwischen war Agnes darüber froh, obwohl es viele Kriegerinnen das Leben gekostet hatte. Die Erinnerung daran ließ sie heftig schlucken. Zerstörte Leben, die unter ihrer Verantwortung gestanden hatten. Diese Schuld würde sie ewig mit sich herumtragen. Doch jetzt war die Spinnenfarm ihre Zuflucht. Ihre Lebensversicherung. Es war schon seltsam, wie schnell sich die Dinge ändern konnten.

„Jeder Schutz ist hilfreich“, befand Raik. „Aber wenn dir noch etwas einfällt: ich bin ganz Ohr. Einen erneuten Vorstoß durch die Erde können wir mit Runen abdecken. Doch ein großer Schwachpunkt ist der Schutz vor Angriffen von oben. Wenn dir dazu etwas einfällt, wäre das äußerst hilfreich. Meine Schutzrunen würden einem solchen Angriff nicht lange standhalten.“

„Ich werde darüber nachdenken“, versprach Agnes. „Doch ich denke, es ist sinnvoll, wenn erst der Metallzaun und die Sicherheitstechnik installiert werden.“

Jetzt grinste Raik tatsächlich. Das machte ihn hübscher, fand Agnes.

„Sehe ich genauso. Und ich hoffe, dass wir noch etwas Zeit haben. Im Moment halten deine Hexenschwestern genügend Abstand.“

Ein Umstand, den Agnes nicht als beruhigend empfand. Sie wusste, wozu ihre Schwestern in der Lage waren. Doch Raik hatte ihr glaubhaft versichert, dass er darüber genauso Kenntnis besaß. Und auch die Kriegerwölfe waren im Umgang mit Hexenkriegerinnen erfahren.

Trotzdem, sie war überaus froh, dass Selina Serras Zaun so standhaft war. Wie auch immer die Spinnenmagikerin das bewerkstelligte.

Seit fast zwei Wochen war die Spinnenfrau verschwunden. Niemand wusste genau wohin, doch Marie-Sophie vermutete, dass sich ihre Freundin irgendwo in Peru befand.

Eine gewaltige Entfernung und trotzdem blieb der Schutzzaun stabil. Einer Hexe wäre das niemals möglich gewesen. Hexenmagie verlangte natürlich Energie und nahm sich diese von der zaubernden Hexe. Je nach Talent konnten Hexen ihre inneren Kräfte kanalisieren. Doch auch wenn eine Hexe ihre Magie effektiv einsetzen konnte, so war sie irgendwann erschöpft. Und Entfernungszauber waren besonders kräftezehrend.

„Wir haben übrigens überlegt, dass du einen der Räume hier im Erdgeschoss als Büro beanspruchen solltest.“

Verblüfft blinzelte Agnes den Druwid an. War das wirklich sein Ernst?

„Äh, darf ich fragen, wer wir ist?“

„Chief Bryan, Asher Hunter, Valea und ich.“ Wieder zuckte ein Lächeln in seinen Mundwinkeln. „Immerhin bist du hier die Vertreterin für ein ganzes Volk.“

„Ich bin eine Fahnenflüchtige“, korrigierte Agnes mit bitterem Unterton. Es schmerzte, dies zuzugeben. Doch inzwischen hatte sie akzeptiert, dass es die richtige Entscheidung gewesen war.

„Noch. Aber irgendwann wird auch deine Oberhexe Contreras erkennen, dass du hier eine wichtige Stellung innehast.“

Daran wagte Agnes noch nicht zu glauben. Ihr letztes Gespräch mit der Obersten aller amerikanischen Hexen war, diplomatisch ausgedrückt, nicht in Harmonie beendet worden. Und Adrianna Contreras war weder für ihre Nachsicht noch für Empathie bekannt. Sie regierte die Hexengemeinschaft dieses Kontinents mit strenger und unnachgiebiger Hand. Agnes hatte noch nie davon gehört, dass die Oberhexe eine Begnadigung ausgesprochen hätte. Verräterinnen wurden bestraft. Mit aller Härte. Und das bedeutete üblicherweise ihre Hinrichtung.

Und gerade das war ein Grund gewesen, weswegen Agnes desertiert war. Im Laufe der letzten Jahrzehnte waren die Regeln, nach denen die Hexen lebten, immer straffer und einschränkender geworden. Und Regelverletzungen wurden mit zunehmender Härte bestraft. Agnes war davon überzeugt, dass die meisten Hexen in Furcht lebten. Jede eigenständige Handlung, sogar jeder eigenständige Gedanke konnte als Verrat ausgelegt werden.

Wäre Agnes nicht geflohen, hätte man sie einer Hexenbefragung unterzogen. Ihre Zweifel wären aufgedeckt worden und damit ihr „Verrat“. Sie wäre gestorben, so wie viele ihre Schwestern vor ihr.

Stattdessen griff Agnes nach der einzigen Möglichkeit, die sich ihr anbot: Sie bat die Wölfe um Hilfe – und erhielt diese. Dank Valeas Fürsprache, davon konnte sie ausgehen.

Dass ihr jetzt auch ein Platz in dieser Gemeinschaft angeboten wurde, machte sie zunächst sprachlos. Spontan schossen ihr Tränen in die Augen.

Raik räusperte sich unbehaglich.

„Ich wollte dich nicht ...“

Agnes schüttelte hastig den Kopf.

„Es tut mir leid“, schniefte sie. Etwas ungelenk zerrte sie ein Taschentuch aus der Hosentasche und schnäuzte sich. „Normalerweise heul ich nicht so schnell. Es ist nur ... danke. Danke dass ihr mir so viel Vertrauen entgegen bringt.“

Jetzt grinste der Druwid schräg.

„Nun ja, wir kennen ja deine Vorgeschichte. Und keiner von uns ist ein Unschuldslamm. Bis auf Marie-Sophie natürlich.“

Ein Kichern schlich sich in Agnes Kehle hoch. Sie schluckte es hastig hinunter. Ja, wenn jemand unschuldig war, dann eine weiße Hexe.

„Außerdem sind wir da nicht ganz selbstlos“, fuhr Raik fort. „Im Moment sind wir für jede Hilfe dankbar und Hexen ja leider noch nicht so leicht für eine Mitarbeit zu gewinnen. Du bist im Moment die Einzige, die das vielleicht ändern kann. Zumindest hier in Amerika.“

Agnes wusste, was er damit andeutete. In Europa bahnte sich gerade eine Hexenrebellion an. Die oberste Bibliothekarin des Münchener Hexenhauses, Theresia Lindauer, hatte es geschafft, die Keltai als Verbündete zu gewinnen und die Wandler und Wölfe zumindest als neutrale Beobachter. Dass eine Handvoll Hexen sich dem gesamten europäischen Hexenvolk entgegenstellte, war schon beeindruckend genug. Doch noch unvorstellbarer war die Tatsache, dass Theresia Lindauer die europäische oberste Oberhexe im wahrsten Sinne des Wortes eingeäschert hatte. Das war gerade Mal eine Woche her und es wunderte niemanden, dass diese Nachricht sogar hier in den USA für Unruhe sorgte. Agnes vermutete stark, dass die hiesigen Oberhexen schon Pläne schmiedeten, wie sie diese Situation zu ihrem Vorteil nutzen konnten, aber vor allem auch, wie sich eine vergleichbare Situation in den Staaten verhindern ließ.

„Euer Vertrauen ehrt mich“, seufzte Agnes. „Doch ich bin nicht Theresia Lindauer. Ich besitze bei weitem nicht ihre Fähigkeiten.“

„Das ist uns natürlich klar“, beschwichtigte Raik sie. „Doch hier in den USA ticken die Hexen anders als in Europa. Der Weg der Bibliothekarin mag dort passend sein, doch hier wird es sicherlich anders laufen. Aber vielleicht solltest du trotzdem Kontakt mit der Bibliothekarin aufnehmen. Sieh es als erste diplomatische Beziehung an. Immerhin beharrt sie darauf, ein eigenes Hexenhaus zu führen und zählt zu unseren Verbündeten.“

Dem konnte Agnes nicht widersprechen. Zumal sie selbst schon öfters darüber nachgedacht hatte. Doch bisher hatte ihr der Mut gefehlt, Hexe Lindauer zu kontaktieren. Diese Frau hatte vor der Rebellion weltweit einen hervorragenden Ruf genossen. Sie galt als klug, loyal und effektiv.

Nun, zumindest das mit der Loyalität hatte sich wohl geändert. Trotzdem trug Agnes Sorge in sich, dass sie sich bei der Bibliothekarin blamieren würde.

„Ich hab mir sagen lassen, dass Theresia Lindauer eine sehr angenehme Person sein soll.“ Raik verlagerte seinen Blick wieder auf den Monitor. „Und sie ist anscheinend mit Hannah O’Brian verwandt. Wenn auch auf komplizierte Weise. Vielleicht solltest du die Seelenmalerin vorher über die Bibliothekarin befragen.“

Agnes blinzelte überrascht. Von diesem Verwandtschaftsverhältnis hatte sie noch nichts gehört. Ihre Neugier schnellte sprunghaft in die Höhe. Das war in der Tat ein Thema, das sie sehr interessierte.

Sie erhob sich.

„Das werde ich tun. Welchen Raum soll ich belegen?“

Raiks Kopf ruckte nach rechts.

„Direkt hier neben den. Überleg dir, was du an Ausrüstung und Mobiliar benötigst.“

Agnes Kerdar, Ex-Assistentin der jüngst verstorbenen Vollstreckerin Ibot Corbett, verließ mit einem seltsamen Gefühl Raiks Büro. Es dauerte einige lange Sekunden, bis sie es einordnen konnte.

Entschlossenheit.

So viel Vertrauen, wie ihr entgegengebracht wurde, obwohl sie bis vor kurzem noch eine Gegnerin gewesen war, verdiente jeglichen Einsatz, um es zu würdigen.

Nichts anderes hatte sie vor.

Neuigkeiten

24. November 2021

Haupthaus der Keltai, bei München, Deutschland

Eine Bestimmung in sich zu tragen, war eine Sache. Doch sie zu erfüllen eine ganz andere.

Diese Erkenntnis trug Flaith bereits viele Jahrhunderte, genauer gesagt 2653 Jahre, in sich. Nicht alle Jahre hatte er bei vollem Bewusstsein verbracht. Die meiste Zeit war er in den Schatten der Zwischenwelt gefangen gewesen. Doch trotz der vielen Leben, die er zwischendurch geführt hatte, durchlief er immer noch alle möglichen Gefühle bei jeder Wiederkehr: Euphorie, Frustration, Resignation und eine tiefe Entschlossenheit. Letzteres versetzte ihn selbst jedes Mal in Erstaunen.

So wie auch in den zurückliegenden Tagen. Selten war er sich so sicher gewesen, dass sie eine gute Chance hatten, die Dubhsaoil endgültig zu vernichten. Und damit war er nicht allein. Seine Seelenbrüder wirkten genauso entschlossen und optimistisch wie er.

Sicherlich lag es vor allem an ihrem neuen Herzen. Die Frau, die ihn und seine Seelenbrüder aus den Schatten zurückgeholt hatte und sie alle fünf im Leben hielt.

Dajana war erst seit zwanzig Tagen an sie gebunden und hatte alle überrascht. Flaith konnte sich nicht erinnern, dass ein früheres Herz sich so schnell an die Bindung mit den Schattenjägern gewöhnt hatte wie sie. Die meisten Hexenmädchen hatten viele Wochen, manche sogar Monate oder gar Jahre benötigt, bis sie sich an die ständige Präsenz von fünf Seelen in ihrem Geist und in ihren Sinnen gewöhnt hatten. Manche verloren darüber den Verstand, was für alle Seiten äußerst schmerzhaft war.

Nicht so Dajana. Vielleicht lag es an ihrem rebellischen Geist. Ihrem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Diese Sturheit lag angeblich in ihren Genen und Flaith hatte bisher keinen Grund, daran zu zweifeln. Immerhin war sie die Tochter von Theresia Lindauer, der derzeitigen Rebellin im Hexenvolk. Und Theresia Lindauer wiederum war eine Nachfahrin von Bernart Dierolf, dem unbeliebtesten Werwolf in Europa. Wenn jemand rebellische Gene in sich trug, dann dieser Wolf. Und anscheinend hatte er sie öfters weitergegeben als gedacht.

Zwar mochte Flaith den Wolf nicht besonders, da sie vor vielen Jahren schon einmal aneinandergeraten waren, doch für die Existenz von Dajana war er mehr als dankbar. Vermutlich hatten diese Gene die kleine Hexe davor bewahrt, im Hexenvolk unterzugehen. Schließlich war sie aufgrund mangelnder Hexenmagie mit Verachtung und eher wie eine minderwertige Sklavin behandelt worden. Hätten ihre Mutter und deren Freundinnen sie nicht geschützt, wäre sie vermutlich nicht mehr unter den Lebenden. Und diese Vorstellung war für Flaith einfach undenkbar.

Dajana gehörte ihm. Ihm und seinen Seelenbrüdern.

Nichts und niemand würde sich zwischen sie stellen. Das war kein Wunsch, sondern eine Tatsache. Und dies lag nicht nur daran, dass die Leben der Schattenjäger an das von Dajana gebunden waren. Inzwischen waren ihre Gedanken und Gefühle so eng ineinander verwoben, dass es manchmal schwerfiel, zu erkennen, wer der Ursprung und wer der Empfänger war. Alles lief durch Dajana und sie beherrschte es immer besser, diese Vernetzung zu kontrollieren.

Und an diesem Tag hatte sie ihnen gezeigt, dass sie diese Verbundenheit noch intensivieren konnte.

Heute Morgen waren sie alle gleichzeitig erwacht, hochgeschreckt von einem ungewohnten Gefühl.

Es hatte einige Zeit gedauert, bis Flaith dieses Gefühl einordnen konnte. Kein Wunder, denn es war nicht nur sein eigenes Empfinden, das durch ihn hindurchrauschte, sondern auch das seiner Brüder und Dajanas. Er hatte ihrer aller Gedanken in sich getragen, mit ihren Sinnen die Umgebung wahrgenommen.

Die Intensität dieser Nähe war selbst für Flaith neu. Aber sie fühlte sich nicht falsch an. Im Gegenteil. Jahrtausende lang war er mit Maccus, Laogh, Breanainn und Cadan verbunden und sie kannten sich in- und auswendig. Wussten um jede Stärke, jede Schwäche, um ihre Wünsche und Ängste, ihre Leidenschaften und ihre Abneigungen. Nichts war ihnen voneinander fremd.

Die junge Hexe war die einzige, die völlig gelassen zwischen ihnen lag und jeden Einzelnen mit einem süffisanten Lächeln beobachtete. Erst als Maccus sich mit einem Knurren auf sie wälzte und sie zum Quietschen brachte, verblasste diese Verbindung und Flaith spürte außer Dajana nur noch sich selbst.

Seitdem war seine Hochachtung vor ihr noch mehr gewachsen. Und der Wunsch nach einer Wiederholung.

„Du denkst zuviel.“

In Breanainns Stimme lag ein amüsierter Vorwurf. Sein Seelenbruder war unbemerkt neben Flaith getreten und wischte sich den Schweiß mit einem Handtuch vom Oberkörper und von seinem kahlrasierten Schädel. Wie alle Seelenjäger war er am ganzen Körper flächendeckend tätowiert. Schutzrunen und machtvolle Runen, die ihre Bestimmung in sie gebrannt hatten. Bei Breanainn wirkten die dunklen Zeichnungen noch eindrucksvoller, da sie auch an seinem kahlen Schädel zu sehen war. Er war der einzige der Seelenjäger, der sein Haar nach der Tätowierung nicht hatte nachwachsen lassen.

Flaith konnte sich noch gut an die qualvollen Stunden erinnern, in denen die Zeichen gestochen wurden. Jeder Stich war Folter gewesen und besiegelte ihr Schicksal mit Blut. Lediglich ihre Gesichter waren ausgespart geblieben, bis auf die Rune auf ihrer Stirn. Das Symbol für ihre Bindung an ihr Herz.

Flaith fasste sich unbewusst an die Stirn. Er trug die Runen mit Stolz und inzwischen hatte er auch keine Probleme damit, sie zu zeigen. Zumindest in den Kreisen der Keltai.

Das war nicht immer so gewesen, zumindest anfangs. Er hatte seit seiner Jugend ein gewisses Schamgefühl in sich getragen und da waren die Blutrunen nicht gerade hilfreich gewesen. Tätowierungen waren bei den Kelten damals nicht unüblich, doch ein komplett gezeichneter Körper fiel auch in dieser Zeit aus dem Rahmen. Viele Jahrzehnte war Flaith peinlich darauf bedacht, seinen Körper soweit es ging zu bedecken. Länger als seine anderen Brüder. Nur Maccus hatte niemals Probleme damit gehabt. Kleidung war ein lästiges Übel in dessen Augen und es hatte viele Leben gebraucht, bis der Krieger ohne Proteste die gesellschaftlich vorherrschende Kleiderordnung akzeptierte. Und er ignorierte sie immer noch, wo es nur irgendwie ging. Wie zum Beispiel im Hauptsitz der Keltai.

Sehr zum Unmut einiger Bewohner. Doch niemand wagte es, dagegen zu protestieren. Auch ein nackter Maccus war einschüchternd genug und Seelenjäger genossen gewisse Privilegien. Niemand würde lautstark Kritik an ihrem Verhalten äußern. Selbst wenn es angebracht war. Flaith war sich nie sicher, ob er das als positiv empfand oder als nervig. Normalität war ihm wichtig geworden. Und dazu gehörten nun mal auch offen ausgetragene Konflikte.

Es war früher Nachmittag und sie hatten, nach einer kurzen Mittagsruhe, die freie Zeit bis zur nächsten Ratsbesprechung für das tägliche Training genutzt. Laogh und Cadan trainierten in einem angrenzenden Raum mit anderen Kriegern. Maccus schnaufte wenige Meter von Flaith entfernt auf einer Hantelbank und stemmte Gewichte, die die meisten anwesenden Keltai vor Neid erblassen ließen.

Nun, Maccus war mit seinen über eins neunzig vielleicht nicht der Größte in diesem Raum, doch er war ein geborener Krieger. Schon ein Held in seinem ersten Leben und trainiert durch die Jahrhunderte. Von den Seelenbrüdern war er der stärkste Mann, und es kam selten vor, dass einer von ihnen diese Kampfmaschine aufs Kreuz legte. Und das sah man seinem nackten Körper an. Unter den dunkelglänzenden Runen wölbten sich Muskeln, die selbst so manchen Kriegerwolf blass aussehen ließen.

„Denken ist mein Job“, konterte Flaith jetzt Breanainns Vorwurf. Dieser lachte auf.

„Mag sein, Druwid, aber manchmal übertreibst du es.“ Er stockte kurz, doch dann grinste er schräg. „Außerdem könnte ich wetten, dass es mit unserer morgendlichen Überraschung zu tun hat.“

Flaith verzog spontan das Gesicht.

„Ertappt“, gab er dann zu. Es hatte wenig Zweck, das zu leugnen. Sie kannten sich einfach zu gut.

Breanainn ließ sich neben ihm auf der Bank nieder.

„Dass die Seelen-Bindung für unsere Herzen intensiv und komplex ist, wussten wir schon lange.“ Seine Stimme war leise und gedankenverloren. „Doch es selbst zu erleben ... Ich glaube, ich war noch nie so verliebt wie jetzt.“

Jetzt musste auch Flaith lachen.

„Verliebt in uns? Deine Brüder?“

Breanainn schnaufte belustigt.

„Die Antwort erspare ich uns. Du weißt, was ich meine. Daja ist ein Wunder. Und sie ist die erste, die niemanden bevorzugt. Sogar Maccus akzeptiert sie ohne Vorbehalt. Das allein ist schon ein Phänomen.“

Natürlich war Flaith klar, dass Breanainn ihren Bruder damit nicht herabsetzen wollte. Maccus und Breanainn waren zu einem eingespielten Team gewachsen. Dass sie sich gegenseitig immer wieder aufzogen und so manchen Wettkampf gegeneinander ausfochten, war lediglich Ausdruck ihrer rückhaltlosen Freundschaft. Trotzdem hatte Breanainn recht. Maccus war kein Mann, dem Frauen hinterherliefen. Sein imposanter Körperbau mochte an anderen Männern attraktiv wirken, doch Maccus war kein hübscher Mann, eher grobschlächtig, und strahlte mit jeder Pore Aggression und Grimmigkeit aus. Er war immer der Letzte, den sie an ihr Herz heranließen. Und andere Frauen kamen für ihn gar nicht in Frage. So finster er auch wirkte, er war treu bis ins Mark.

„Hast du auch das Gefühl, dass es dieses Mal anders ist? Intensiver?“

Breanainns Frage warf Flaith auf seine vorherigen Grübeleien zurück. Langsam nickte er.

„Ja. Doch es ist nicht nur Dajana. Auch die Umstände sind außergewöhnlich.“

Sein Seelenbruder grinste breit.

„Du meinst, dass dieses Mal auch die Wölfe mitmischen? Und die Wandler? Sogar ein paar Hexen und Menschen? Möglicherweise sogar Vampire?“

„Und eine Seelenfresserin“, ergänzte Flaith. „Sowie eine Seelenmalerin und diverse Talente, die wir noch gar nicht richtig einordnen können.“

Breanainn rieb sich das Kinn und schlang sich dann das Handtuch über die Schultern.

„Viele Kräfte, die uns in der Vergangenheit nicht zur Verfügung standen“, stimmte er zu. „Zumindest nicht in so geballter Form. Aber du weißt, dass wir schon einige Male glaubten, gesiegt zu haben. Und doch treibt die Dubhsaoil immer noch ihr Unwesen.“

Eine Tatsache, die nicht nur Flaith sauer aufstieß. Doch darüber zu verzweifeln oder zu fluchen, war wenig hilfreich. Auch das hatte er inzwischen gelernt.

„Wenn wir unsere Kräfte bündeln, haben wir eine Chance.“ Etwas anderes zu denken, verbot er sich. „Doch alles steht und fällt mit der Planung und dem Informationsaustausch. Wir müssen wissen, in welcher Gestalt die Schwarzhexe momentan herumläuft.“

„Das wird schwierig“, brummte Breanainn. „Hexenweiber gibt es in den Staaten verflucht viele.“

„Mag sein, doch Chief Bryan hat uns inzwischen oberste Priorität eingeräumt und wir haben unbeschränkten Zugriff auf diesen Hacker-Wolf Freaky. Die Minnesota-Ranger haben ein ähnlich hohes Interesse, die Schwarzhexe zu vernichten, wie wir. Und der Älteste, Asher Hunter, hat uns ebenfalls jegliche Unterstützung zugesichert. Mit etwas Glück schließen sich uns daher auch die europäischen Wandler an.“

„Wir werden in die Staaten reisen müssen“, wandte Breanainn ein. „Wie regeln wir das mit unserem Herzen? Sobald Dajana das Keltai-Haus verlässt, kann sie verletzt oder gar getötet werden.“

Eine unerträgliche Vorstellung für jeden von ihnen.

Flaith seufzte frustriert. Starb Dajana, würde das nicht nur ihre Seelen in Leid und Aufruhr versetzen. Sie wären dann sterblich und könnten in die Schatten wandern, ohne ihre Aufgabe erfüllen zu können. Auch das war in der Vergangenheit schon geschehen und hatte sie in den darauf folgenden Jahren schwer erschüttert. Sicher, ihre Herzen waren sterblich wie alle Hexen und Menschen. Ihr Tod war unausweichlich. Umso wichtiger war jedes Jahr, jeder Monat, jede Woche und jeder Tag an ihrer Seite. Sie würden um jede Stunde kämpfen, wenn es sein musste.

„Oberste Priorität hat der Schutz unseres Herzens. Und zurzeit sind die Hexen uns alles andere als wohlgesonnen. Dajana mitzunehmen wäre zumindest im Moment viel zu gefährlich.“ Diese Erkenntnis trug er schon seit einigen Tagen in sich und sie gefiel ihm keineswegs.

„Ich weiß, dass wir bisher jede größere Entfernung zu unserem Herzen vermieden haben. Es ist schließlich ein unangenehmes Gefühl für uns alle. Aber ich fürchte, wir werden unser Hexenmädchen noch davon überzeugen müssen.“ Er gestattete sich ein dünnes Lächeln. „Oder kannst du dir vorstellen, dass sie freiwillig alleine zurückbleibt?“

Breanainn grinste breit und schüttelte den Kopf.

„Nicht unser rebellisches Kätzchen.“

Flaith registrierte durchaus die Erleichterung in Breanainns Miene.

Da kannst du deinen attraktiven Hintern drauf verwetten, klang es verärgert in seinem Kopf auf. Ich bleibe nicht hier, während ihr die Welt kennenlernt!

Flaith verbiss sich ein Lächeln.

Deine Ausdrucksweise war vor wenigen Wochen noch sehr viel respektvoller, konterte er.

Da hatte ich auch noch keinen Umgang mit fünf wilden Kelten, die rechthaberisch und sexbesessen sind.

Neben ihm prustete Breanainn los. Offenbar war er in die Gedankenverbindung eingeschlossen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Maccus ihnen ein breites Grinsen zuwarf. Der Riese warf die Hantelstange in die Halterung und richtete sich ruckartig auf. Dann verließ er mit langen Schritten den Raum.

Flaith konnte sich gerade noch ein Augenrollen verkneifen. Nicht nur ihm war klar, wen Maccus zum Ziel hatte.

„Soviel zu Disziplin und Trainingseinsatz“, brummte Breanainn und erhob sich. „Schätze, ich werde unseren Bruder ein wenig bei der Überzeugungsarbeit unterstützen müssen.“

Flaith sparte sich einen Kommentar. So gerne er seinen Kameraden auch gefolgt wäre, er hatte in wenigen Minuten einen anderen Termin. Manchmal war es doch lästig, Anführer zu sein.

Du bist gerne Anführer. Und ich liebe dich trotzdem.

Was meinst du mit trotzdem?, hakte Flaith mit gespielter Empörung nach, während er zu den Duschen schritt.

Naja, Dajanas Gedanken fühlten sich schelmisch an. Du magst es, Befehle zu erteilen, vor allem wenn sie widerspruchslos ausgeführt werden.

Nun, zumindest bei dir funktioniert Letzteres eher nicht, schmunzelte Flaith. Dajanas fröhlichen Gefühle überfluteten ihn und mündeten in einem überraschten Aufwallen an Erregung. Offenbar waren Maccus und Breanainn auf ihr Ziel getroffen.

Flaith drehte die Dusche auf eiskalt und versuchte vergeblich, die Gefühle auszublenden, die durch ihn hindurchströmten.

Lust, Liebe, Begeisterung. Flaith schloss die Augen und ließ sich von den Emotionen mitreißen.

Es gab eindeutig Schlimmeres.

*

Der große Ratssaal der Keltai vermittelte Flaith schon immer das Gefühl, zu Hause zu sein. Das lag vermutlich daran, dass in ihm am wenigsten verändert wurde.

Der riesige Wandteppich hing schon viele Jahrhunderte an seinem Platz, und auch der wuchtige Tisch war seit einer gefühlten Ewigkeit im Gebrauch. Sogar einige passende Stühle hatten die Jahrhunderte überdauert. Relikte aus einer Zeit, in der Möbel noch massiv gebaut wurden, als müssten sie bis ans Ende der Welt halten.

Trotzdem bevorzugte Flaith die moderneren Polsterstühle. Sie waren schlichtweg bequemer. Und damit war er offenkundig nicht allein. Sämtliche Anwesenden hatten die klobigen Holzstühle ignoriert. Vermutlich standen diese nur noch aus nostalgischen Gründen dekorativ herum. Flaith hatte nichts dagegen. Wie gesagt, er mochte das Gefühl, in vertrauter Umgebung zu sitzen.

Seit beinahe zwei Wochen fanden diese Treffen täglich statt. Es gab vieles zu bereden und noch mehr zu planen. Ständig gab es neue Informationen zu bewerten. Viele stammten aus ihrer nächsten Umgebung.

Seit Theresia Lindauers mit ihrer Tochter und einigen Hexen aus dem Münchener Hexenhaus geflohen waren, herrschte nicht nur bei den Hexen in Europa Unruhe. Auch die Wölfe und Wandler waren in Alarmbereitschaft, jederzeit darauf gefasst, in eine Auseinandersetzung mit dem Hexenvolk zu geraten.

Dazu kam natürlich die Sorge um die Dubhsaoil. Immerhin schienen mittlerweile auch die Hexen die Gefahr zu begreifen, die von der Schwarzhexe ausging. Zumindest deuteten die Meldungen aus dem internen Hexen-Netzwerk darauf hin. Doch leider zeigten sie bislang keinerlei Bereitschaft, mit den anderen Völkern zu kooperieren.

Im Gegenteil. Theresia Lindauer, die immer wieder den Kontakt mit ihren Hexenschwestern suchte, berichtete von Drohungen und Hassbekundungen, die zum Teil abstruse Formen annahmen.

Flaith konnte nicht anders als die ehemalige Bibliothekarin zu bewundern. Mit stoischer Ruhe ertrug sie jede Anfeindung und gab nicht auf. Sie war wild entschlossen, ihr Volk zur Besinnung zu bringen. Die drangsalierenden Regeln zu brechen und ihre Hexenschwestern auf einen Weg zu führen, der nicht von Zwang und Bestrafung bestimmt wurde.

Eine heroische Aufgabe fand Flaith. Doch leider konnte er sich einen Erfolg nicht so recht vorstellen. Er kannte Hexen zeit seines langen Daseins und hatte mitverfolgt, wie sie nach und nach der realen Welt den Rücken zukehrten und sich von allen anderen Völkern distanzierten. Die Vorstellung, dass jahrhundertelange Traditionen von einer einzigen Hexe, sei sie auch noch so überzeugt und beharrlich, in wenigen Monaten durchbrochen werden konnten, war für ihn schwer vorstellbar.

Andererseits war sie eine Nachfahrin von Bernart Dierolf. Und das stand auf einer Stufe mit Beharrlichkeit, Flexibilität und unkonventionellem Verhalten.

Besagte Hexe hockte inmitten der Keltai, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Dabei war sie erst seit wenigen Wochen dem Münchener Hexenhaus entronnen und den Kontakt mit Männern alles andere als gewöhnt. Und da sie eine gutaussehende Frau Anfang vierzig war, blieb es nicht aus, dass sie bei besagten Männern Aufmerksamkeit erregte.

Links neben ihr saß Karl Gael von Carnut, Druwid und oberstes Ratsmitglied aller Keltai. Zu ihrer Rechten hockte Ratsmitglied Reinard Aldert von Boit, oberster Krieger und nur wenige Jahre jünger als Gael. Beide Männer waren in den Sechzigern und zählten damit zu den älteren Ratsmitgliedern. Lediglich Oswin Eburacon von Carnut, Druwid und Überwacher der Schatten war mit über siebzig Jahren älter. Die meisten Räte waren jünger als sechzig und bildeten damit den jüngsten Rat, den Flaith bisher erlebt hatte. Meistens bestand die Mehrheit der Ratsmitglieder aus betagten alten Männern, was es in der Vergangenheit nicht immer einfach gemacht hatte, flexibel auf die Machenschaften der Dubhsaoil zu reagieren.

Ein weiterer Umstand, der ihnen bei ihrer Jagd nach der Wanderseele hilfreich sein konnte. Zumal Gael ein äußerst intelligenter und entschlossener Mann zu sein schien.

Und ein verliebter, schoss es Flaith unwillkürlich durch den Kopf, als er den Blick registrierte, den das oberste Ratsmitglied der Ex-Bibliothekarin an seiner Seite zuwarf. Kurz, aber für Flaith unmissverständlich. Er war gespannt, wie lange der Druwid für seine Umwerbung brauchen würde. An Gaels Erfolg zweifelte Flaith nicht. Zu offensichtlich war, dass die Hexe diese Gefühle erwiderte. Doch im Moment war der Zeitpunkt äußerst ungünstig. Es gab zu viele Baustellen, um die sie sich alle kümmern mussten. Da war kaum Platz für romantische Tändeleien.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis alle ihren Sitz eingenommen hatten. Elf Ratsmitglieder, Flaith und seine Vertrauten, der Druwid Darin von Carnut und der Krieger Manas von Brigant, und natürlich Theresia Lindauer. Zu seiner Überraschung betrat in letzter Sekunde auch der Hüter Vidar den Raum und stellte sich respektvoll einige Schritte vom Tisch entfernt hinter Ratsmitglied Kirrin.

Flaith mochte Robin Vidar von Brigant. Nicht nur, weil dieser der Hüter und Beschützer ihrer derzeitigen Seherinnen war. Von Gael und Ratsmitglied Aldert wusste er, dass Vidar ein verlässlicher Springer gewesen war. Ein Keltai-Krieger mit rudimentären Druwiden-Fähigkeiten, der sich als äußerst flexibel und findig erwiesen hatte. Überdies war er in der Lage seinen Stolz zu bezwingen und Aufgaben abzugeben, wenn es von Nöten war. Etwas, was bei weitem nicht jedem Keltai gegeben war. Schließlich wurden sie ihr ganzes Leben lang darauf gedrillt, ihr Bestes zu geben und vor keiner Aufgabe zurückzuschrecken. Eine Ausbildung, die durchaus ihre Vorteile hatte und sich über die Jahrhunderte als erfolgreich erwiesen hatte. Doch manchmal musste man eben auch zurücktreten können.

Beinahe konnte er Dajana in sich lachen hören, doch sie war offenbar immer noch viel zu beschäftigt, um ihre Sticheleien fortzusetzen.