Hexenblut - Ana Marna - E-Book

Hexenblut E-Book

Ana Marna

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Beschreibung

Ein männlicher Werwolf, der sich mit Hexenmagie auskennt? Unvorstellbar in der Welt der versteckten Völker. Der junge Wolf Maksim lernt schon in frühester Kindheit, dass seine Hexenabstammung besser geheim bleibt. Trotzdem ist er ein Außenseiter in der russischen Wolfsgemeinde und sieht sich gezwungen, nach Amerika zu fliehen. Trotz aller Anfeindungen des ansässigen Wolfsrudels wird er zu einem erfolgreichen Hotelbesitzer. Niemand ahnt von seinem größten Geheimnis: ein Bündnis mit einer Hexengemeinde, die sich vor ihren eigenen Artgenossinnen versteckt hält. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein und bedroht nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner großen Liebe. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.

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Seitenzahl: 717

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buchbeschreibung:

Ein männlicher Werwolf, der sich mit Hexenmagie auskennt? Unvorstellbar in der Welt der versteckten Völker. Der junge Wolf Maksim lernt schon in frühester Kindheit, dass seine Hexenabstammung besser geheim bleibt. Trotzdem ist er ein Außenseiter in der russischen Wolfsgemeinde und sieht sich gezwungen, nach Amerika zu fliehen. Trotz aller Anfeindungen des ansässigen Wolfsrudels wird er zu einem erfolgreichen Hotelbesitzer. Niemand ahnt von seinem größten Geheimnis: ein Bündnis mit einer Hexengemeinde, die sich vor ihren eigenen Artgenossinnen versteckt hält. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein und bedroht nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner großen Liebe.

Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.

Bisher erschienen:

Fellträger

Aschenhaut

Seelenfresserin

Wächterin

Spurensucher

Seelenmalerin

Rebellen

Wandlerin

Schattenherz

Hexengrimm

Rabengeist

Seelenjäger

Über die Autorin:

Ana Marna wuchs im Ruhrpott auf und studierte später Biologie. Inzwischen lebt sie in Baden-Württemberg und fühlt sich dort pudelwohl. Als leidenschaftliche Leserin entwickelte sich früh ihre Begeisterung für Fantasy Romane. Das Schreiben begann sie schon in ihrer Kindheit, doch erst in den letzten Jahren beschloss sie, einige Erzählungen auch zu veröffentlichen. „The Hidden Folks“ ist ihre erste Urban-Fantasy Serie, die sie unter dem Pseudonym Ana Marna herausgibt.

Hexenblut

The Hidden Folks

von

Ana Marna

Gewidmet allen Menschen,

die ihre Entdeckungsfreude bewahrt haben.

1. Auflage, 2024

© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Kontaktadresse: Hummelshain Verlag, zu Hd. Peter Marx

Werdener Str. 28, 45219 Essen

[email protected]

www.ana-marna.de

Inhaltsverzeichnis

Babuschka

Hexenschüler

Wolfsblut

Verwandlung

Die Kräuterhexe

Die Wölfe von Sankt Petersburg

Ankunft in New York

Bluteid

Entführt

Vertrauensbildende Maßnahmen

Ein neuer Job

Ein Wolfsrudel

Runenzauber

Katakomben

Ausmerzung

Eine Ruine

Krieger

Alte Heimat

Ein Zimmermädchen

Träume

Sorgen

Eine Wandlung

Aufstieg

Liams Truppe

Cogniti

Ein Aufklärungsgespräch

Besuch aus Europa

Eine Bettgeschichte

Entlassen

Ein Attentat

Der eine kommt, der andere geht

Auf nach Kansas

Ein Neuanfang

Legenden

Hexentreffen

Ungeliebte Gäste

Doppelpack

Hexengeflüster

Ein überraschendes Wiedersehen

Ein alter Bekannter

Metamorphose

Ein Aufklärungsgespräch

Familie

Der Geruch von Schwefel und Feuer

Wieder da!

Eine große Familie

Hexenmeister

Eine Übernahme

Herrin der Nacht

Wolfshexe

Alltagsgeschäfte der besonderen Art

Anhang

Wie es weitergeht ...

Kämpferin

Nachwort

The Hidden Folks

Babuschka

Mai 1854

Russland, mittendrin

Nur ein winziges Licht in tiefster Dunkelheit.

Yarina hatte sich noch nie so gefürchtet, wie in diesen Minuten.

Dabei war sie in diesem Wald aufgewachsen. Kannte eigentlich jeden Baum, jeden Stein, jeden Wildpfad. War Tag und Nacht darin herumgewandert, um passende Kräuter, Pilze und Wurzeln zu finden.

Doch den Weg, den sie jetzt eingeschlagen hatte, war sie noch nie gegangen. Sie hatte ihn gemieden, so wie alle ihre Schwestern. Er hatte keinen guten Ruf. Alle wussten darum und niemand redete darüber. Es war ein offenes Geheimnis, dass man diesem Pfad besser nicht folgte. Und normalerweise hielt sie sich daran.

Doch die Umstände waren nun mal nicht normal. Nicht für sie.

Unbewusst drückte sie das winzige Bündel in ihrem Arm an sich. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn, waren ein wildes Chaos von Verzweiflung, Angst, Traurigkeit und Entschlossenheit.

Töte es, hatten sie gesagt. Töte es und wirf es in den Wald. Es hat kein Recht zu leben.

Yarina ignorierte die Tränen, die ihr die Wangen herunterflossen. Sie hatte sich entschieden und es hieß, betrat man diesen Pfad einmal, musste man ihn zu Ende gehen.

SIE würde nichts anderes zulassen.

Das Flämmchen in Yarinas rechter Hand leuchtete zart, aber stetig. Der Wildpfad, den sie entlanglief, war kaum zu erkennen, doch er wand sich durch das Unterholz und dichtes Gebüsch. Dornige Ranken hakten sich in ihren Kleidern fest und rissen Löcher hinein. Doch das alles nahm Yarina nicht wahr. Ihre Gedanken kreisten um das, was ihr bevorstand.

Nicht, dass sie wüsste, was das sein würde. Doch mit Sicherheit nichts Gutes.

Dennoch. Sie würde alles tun, um ihr Unglück zu mindern.

Die kleine Lichtung öffnete sich so plötzlich vor ihr, dass Yarinas Schritte stockten. Sie hob die Hand mit der Flamme und sah vor sich ein dunkles Gebilde. Es ragte mächtig und einschüchternd vor ihr auf, ohne sein Ende zu zeigen.

Der Dunkelberg. Sie hatte ihr Ziel erreicht.

Vorsichtig ging sie weiter und leuchtete ihre Umgebung ab.

Beinahe hätte sie den Höhleneingang übersehen. Er war gut verborgen durch dichten Bewuchs. Dunkles, nahezu schwarzes Grün rankte sich um den schmalen Spalt, der alles andere als einladend wirkte.

Sie blieb stehen und holte tief Luft.

Jetzt durfte sie nichts falsch machen, wenn sie ihr Leben behalten wollte.

„Babuschka, Yarina steht hier und bittet dich um Einlass.“

Nervös wartete sie. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig. Betrat sie die Höhle unerlaubt, wäre das ihr sicherer Tod.

Schlimmer war jedoch die Vorstellung, dass niemand zuhause war. Dass sie den Weg umsonst gegangen war.

Es dauerte lange Minuten, dann erscholl die leise Antwort.

„Tritt ein, doch sei gewiss, dass es dich etwas kostet.“

Yarina schluckte, aber sie straffte sich und trat in die Höhle.

Ihr Flämmchen beleuchtete nackte Felswände, die nur von zahlreichen Flechten verziert wurden. Auch der Boden bestand aus gewachsenem Stein. Der Korridor wand sich in den Berg hinein und endete nach vielen Metern in einer Höhle. Yarina wagte es kaum, den Blick zu heben.

Mit gesenktem Kopf blieb sie im Eingang stehen. Sie nahm lediglich wahr, dass die Höhle von mehreren Fackeln erhellt wurde. Doch das Ende des Gewölbes lag tief in den Schatten verborgen.

„Komm näher, Kind.“

Die Stimme klang jünger, als Yarina erwartet hatte. Und überraschend freundlich.

Langsam ging sie in den Raum hinein, bis sie vor einer schlanken Frau stand. Diese war etwas größer als sie selbst und seltsam gewandet. Ein fließendes, langes Kleid, das von einem breiten Ledergürtel gehalten wurde. Dieser Gürtel diente als Sammeltasche, denn an ihm hingen zahllose Beutel und kleine Werkzeuge. Yarina hatte einen solchen Sammelgürtel bei einigen älteren Hexen gesehen. Ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Ein dichter Pelz lag über den Schultern der Frau. Yarina vermutete Bär, war sich aber nicht ganz sicher.

Etwas mutiger hob sie den Kopf und sah jetzt das Gesicht der Frau. Sie war schön. So schön, dass es Yarina den Atem verschlug. Azurblaue Augen, jugendlich glatte Haut mit elfenbeinartigem Glanz und nachtschwarze Haare, die in komplizierten Mustern geflochten waren, verliehen der Frau etwas Mystisches.

„Was verschlägt eine junge Hexe in mein Domizil? Hat dich niemand gewarnt?“

Yarina hätte schwören können, Spott in der Frage herauszuhören. Und die blauen Augen glitzerten irgendwie unheilvoll.

Sie nahm allen Mut zusammen.

„Babuschka, ich weiß um die Warnungen. Doch wenn du mich anhörst, bin ich bereit, den Preis zu zahlen.“

Die Frau lachte leise.

„Nun, da bin ich gespannt.“

Jetzt galt es.

„Ich komme zu dir, weil ich gehört habe, dass du ... hexengeborene Knaben aufnimmst.“ Langsam zog sie das Tuch ihres Bündels auseinander und entblößte ein rosiges, winziges Gesicht. Der Säugling schlief friedlich in ihren Armen. Bei seinem Anblick wurde es Yarina weh ums Herz. Doch sie hatte keine Wahl.

Die Frau hob die Augenbrauen und blickte auf das Baby hinunter.

„Dies ist dein Sohn?“

Yarina nickte.

„Ja. Das ist Maksim. Maksim Nikitovich Ilyin. Er ist jetzt eine Woche alt. Aber gesund und kräftig.“

„Und warum willst du ihn loswerden?“

Yarina holte tief Luft.

„Die Ältesten haben befohlen, ihn zu töten. Er ... er hat grüne Augen.“

Die Frau trat näher. Über ihrer Nase entstand eine steile Falte.

„Er ist ein Wolf?“

„Das könnte sein.“ Jetzt flüsterte Yarina. „Ich weiß es nicht. Ich traf seinen Vater im letzten Jahr. Er war ein Reisender und sagte mir nur seinen Vornamen. Er stammt auch nicht von hier, das hat er jedenfalls gesagt. Wir lagen nur einmal beieinander. Aber ich weiß sicher, dass seine Augen nicht grün waren.“

„Hm.“ Die Babuschka betrachtete nachdenklich den Säugling. „Und deine Ältesten haben Sorge, dass er sich wandelt? Ihr wisst aber schon, dass das nicht immer der Fall ist?“

Yarina hob die Schultern.

„Sie wollen kein Risiko eingehen.“ Nur mühsam gelang es ihr, ein Schluchzen zu unterdrücken. „Bitte, Babuschka, bitte gib Maksim eine Chance. Er ist doch noch so klein und unschuldig und vielleicht wandelt er sich tatsächlich nicht.“

Die Frau streckte den Arm aus und legte die Fingerspitzen auf die Stirn des Säuglings. Dieser öffnete sofort die Augen und erwiderte unerschrocken ihren Blick, ohne zu blinzeln. Wolfsgrüne Augen trafen auf Azurblau. Minutenlang verharrten sie so. Dann zog die Frau ihre Hand zurück.

„So sei es. Lege ihn dorthin.“ Sie wies zur Seite, wo ein kleiner Tisch stand.

Gehorsam trat Yarina dorthin und bettete ihr Kind sorgsam auf das harte Holz. Es fiel ihr schwer, loszulassen, doch sie zwang sich, den Blick zu lösen und zurückzutreten.

„Und jetzt komm her.“

Der Ton der Babuschka hatte jegliche Freundlichkeit verloren und Yarinas Verzweiflung wich der Angst.

„Sieh mich an!“

Yarina verlor sich im Blau der Augen. Kaum nahm sie wahr, wie sich schlanke Hände um ihre Schultern legten und sie dichter heranzogen. Ein scharfer Schmerz fuhr durch ihren Hals, als dolchartige Zähne sich in ihr Fleisch senkten und ihre Arterie zerrissen. Schwäche erfasste ihre Glieder und ließen sie beinahe zusammensinken, doch die Hände ließen es nicht zu. Hielten sie, bis sie ihr Bewusstsein verlor.

Als Yarina die Augen aufschlug, lag sie auf einer kleinen Lichtung. Die Mittagssonne schien auf sie herab und wärmte ihre steifen Glieder. Langsam setzte sie sich auf und sah sich um. Die Lichtung kannte sie. Es war nicht weit bis zu ihrer Hütte. Unwillkürlich fuhr ihre Hand zum Hals, doch dort war nichts. Nichts, was auf einen Vampirkuss hindeutete.

Doch Maksim war fort.

Mühsam rappelte sie sich auf. Sie war schwach, doch der Weg war nicht weit. Vermutlich würde es einige Tage dauern, bis sie wieder ihre normale Stärke erreicht hatte. Doch diese Mühsal nahm sie gerne auf sich.

Niemand wusste, was mit den Knaben geschah, die bei Babuschka blieben. Keiner war je wieder aufgetaucht.

Doch vielleicht hatte er eine Chance zu überleben. Diese Hoffnung wollte sie in sich tragen bis zu ihrem Ende.

Hexenschüler

Mai 1859

Russland, mittendrin

„Denk an das, was ich dir gesagt habe, Maksim!“

Rugova Ruzha Alekseevna zupfte nervös an den Haaren des Jungen herum.

Maksim ließ sie gewähren. Immer wenn es um die Herrin ging, war Ruzha nervös, geradezu ängstlich.

Natürlich konnte er sie verstehen. Doina, ihre Herrin, war streng und wirkte meistens distanziert. Außer, wenn sie wütend war. Dann kam sie einem näher, als man wollte.

Gut, dass sie nicht allzu oft in Ruzhas Hütte auftauchte. Alle paar Monate erschien sie. Meistens unangekündigt. Immer erkundigte sie sich nach Maksims Befinden. Mit ihm selbst hatte sie noch nie ein Wort gewechselt.

Dem Jungen war das nur recht. Herrin Doina war ihm unheimlich. Sie war faszinierend schön, soweit er es mit seinen fünf Jahren beurteilen konnte, doch ihre Augen waren kalt.

Und bei jedem Besuch winkte sie Ruzha zu sich heran und biss ihr in den Hals. Seine Amme wollte nie darüber reden, doch natürlich wusste Maksim inzwischen, was das bedeutete. Ruzha las ihm und ihrem eigenen Sohn Ustin oft Märchen vor. Und Vampire kamen auch darin vor. Doch da Ruzha nach einem Vampirkuss lediglich müde wirkte, verspürte Maksim bei diesem Anblick keine Angst mehr.

Alles in allem empfand der Junge diese Besuche eher als störend, da er die ganze Zeit brav neben Ruzha stehen musste. Und seinen Ziehbruder beneidete er währenddessen. Ustin wurde von Ruzha sofort hinausgeschickt. Warum, begriff Maksim nicht, doch er traute sich nicht mehr, nachzufragen. Seine Ziehmutter hatte ihn jedes Mal ausgeschimpft und bestraft. Also hielt Maksim den Mund und malte sich in seiner kindlichen Fantasie die verrücktesten Gründe aus.

Doch heute war alles anders.

Ruzha hatte diesmal gewusst, dass Doina kommen würde und ihn trotz seiner Proteste in den Badezuber gesteckt. Nach einer würdelosen und unangenehmen Reinigung bekam er eine neue Hose und ein neues Hemd. Beides war ihm noch ein wenig zu groß, doch das störte Maksim nicht. Vielmehr bewunderte er den feinen Stoff und genoss den Neid in Ustins Augen.

Noch am Morgen hatte sein Ziehbruder ihn geärgert, indem er Maksims selbstgebastelten Holzdolch zerbrochen hatte. Da empfand er es nur als gerecht, Ustin seine neue Kleidung unter die Nase zu reiben.

Sein Triumph hielt allerdings nicht lange an, als er erfuhr, dass die Herrin erscheinen würde. Instinktiv ahnte er, dass es diesmal anders ablaufen würde. Nicht nur die Kleidung deutete darauf hin. Ruzha wirkte noch nervöser und ängstlicher als sonst, zupfte an ihm herum, als hätte er sich im Heu gewälzt.

Die Herrin erschien wie immer am Abend, kurz nach Anbruch der Dunkelheit.

Ruzha sank vor der Dame auf die Knie und Maksim folgte ihrem Beispiel, so wie er es gelernt hatte.

Angespannt verfolgte er die Begrüßung der Frauen und schielte unter seinem Pony nach oben.

Die Herrin Doina trug ihre übliche Kleidung, inklusive des Gürtels. Dieser hatte Maksim schon immer fasziniert. Es gab so vieles an ihm zu entdecken. Auch heute versuchte er, die Gegenstände zu erkennen. Manches hatte er schon zuordnen können, doch einige Gerätschaften waren ihm fremd. Die Gerüche, die aus den Beuteln an seine Nase drangen, mochte er ebenfalls. Die meisten jedenfalls. Er konnte etliche Kräuter identifizieren, Pilze, verschiedene Moose und Samen. Einige Düfte erinnerten ihn an Insekten. Widerlich war der Geruch von getrocknetem Tierkot und er glaubte, dieses Mal auch Asche zu erkennen.

Maksim war so vertieft in die Geruchswelt, dass er nicht mitbekam, wie er angesprochen wurde. Erst ein kräftiger Stoß von Ruzha in seine Seite ließ ihn hochschrecken.

Mit großen Augen blickte er zur Herrin und traf auf ihren Blick.

„Was hast du wahrgenommen?“

Maksim war erst wie erstarrt. Hatte sie ihn tatsächlich angesprochen? Als sie die Augenbrauen zusammenzog, beeilte er sich mit seiner Antwort. Hastig ratterte er herunter, was er identifiziert hatte. Als er endete, wirkte sie nachdenklich.

Schließlich nickte sie.

„Nun gut, ich denke, du bist alt genug, um zu lernen. Verabschiede dich von deiner Ziehmutter und bedanke dich dafür, dass sie für dich gesorgt hat. Dann pack deine Sachen zusammen. Heute wirst du mit mir gehen.“

Erschrocken sah Maksim zu Ruzha. Er sollte fortgehen? Ohne Ruzha? Ohne Ustin?

„Wohin gehen wir?“

Ruzha zuckte über seine dreiste Frage zusammen, doch die Herrin lächelte nur.

„Das wirst du bald erfahren. Jetzt eile dich, ich hasse Trödelei.“

Gehorsam umarmte Maksim seine Ziehmutter und flüsterte ihr seinen Dank ins Ohr. Er war überrascht, als er die Tränen in ihren Augen sah. Ruzha hatte ihn nicht schlecht behandelt, doch sie war nie liebevoll zu ihm gewesen. Nicht so, wie zu Ustin. Dass sie traurig über seinen Fortgang war, traf ihn tief.

Verwirrt eilte er auf das Zimmer, das er sich mit Ustin teilte, und griff nach einem alten Sack, den er normalerweise benutzte, um Essbares im Wald zu sammeln. Viele Habseligkeiten besaß er nicht. Zwei zerschlissene Hosen, zwei Hemden, ein kleines Schnitzmesser, das sein größter Schatz war, und ein altes Seil, welches ihm schon oft gute Dienste geleistet hatte.

Ustin saß derweil auf seiner Strohmatratze und beobachtete ihn schweigsam. Er hatte wohl gehört, was die Herrin gesagt hatte.

Als alles verstaut war, umarmte Maksim auch ihn.

„Leb wohl“, flüsterte er. Ustin erwiderte die Umarmung.

„Bleib am Leben“, flüsterte sein Bruder zurück.

Auch das verwirrte Maksim. Wusste sein Ziehbruder mehr als er? Doch er wagte es nicht, nachzufragen. Er wollte die Herrin nicht verärgern.

Etwas atemlos stürmte er zurück in den Wohnraum.

Als er sah, dass Ruzha in Doinas Armen lag, stoppte er abrupt und senkte den Blick. Zwar machte es ihm keine Angst, wenn die Vampirin Ruzhas Blut trank, doch er fand es respektlos, dabei zuzusehen. Es hatte etwas Intimes.

Schließlich löste sich die Herrin und winkte Maksim an seine Seite.

„Komm, Junge. Es ist Zeit.“

Maksim warf einen letzten Blick zu seiner Ziehmutter, dann eilte er der Herrin hinterher.

Sie waren die halbe Nacht gewandert. Maksim hatte Schwierigkeiten, mit seinen kurzen Beinen Schritt zu halten, doch er beschwerte sich nicht. Lange Wege machten ihm nichts aus. Er war es gewohnt, den halben Tag durch den Wald zu streifen. Dabei bewies er viel mehr Ausdauer als Ustin, worauf er sehr stolz war. Es war eine neue Erfahrung für ihn, dass nicht er derjenige war, der vorausstürmte, doch das spornte Maksim nur an. Er wollte die Herrin auf keinen Fall enttäuschen.

Erst als sie vor einem Höhleneingang standen, richtete Herrin Doina wieder das Wort an ihn.

„Dies ist meine Heimstatt und ab jetzt auch deine. Merke dir, dass niemand, auch du nicht, dieses Heim ohne meine Erlaubnis betreten und verlassen kann. Versuche es und du wirst sterben. Hast du das verstanden?“

Maksim schluckte schwer und nickte. Den Tod kannte er. Man stieß im Wald oft auf ihn. Auch dass der Tod endgültig war, hatte er begriffen. Tote Tiere verwesten und nichts blieb von ihnen zurück. Das war der Lauf der Natur, so hatte es Ruzha formuliert. Bis jetzt sprach aus Maksims Sicht nichts dagegen.

„Gut, dann folge mir.“

Sie vollführte eine weite Bewegung mit dem Arm und schritt dann in den Höhlengang. Maksim folgte ihr dichtauf, so dass er gegen sie lief, als sie sich plötzlich umwandte. Ungeduldig schob sie den Knaben zur Seite und vollführte die gleiche Bewegung, nur in umgekehrte Richtung.

„Was tust du da?“, rutschte es Maksim heraus. Zu seiner Überraschung kam eine Erklärung.

„Ich erneuere den Schutzzauber. Er wird jeden töten, der ihn durchschreitet.“

Maksim legte den Kopf schräg und nickte dann. Wenn es Vampire gab, warum dann nicht auch Hexen? Allerdings ...

„Ich wusste nicht, dass es Vampire gibt, die auch hexen können.“

„Das wundert mich nicht.“ Sie lächelte sogar, was ihr Gesicht noch hübscher machte. „Es gibt nur sehr wenige von uns. Drei, um genau zu sein.“

Maksim war beeindruckt. Willig folgte er der Herrin in die Höhle hinein. Sie durchquerten einen großen Raum, der von Fackeln erhellt wurde. Am Ende trafen sie auf eine Tür. Wieder führte die Vampirhexe eine seltsame Bewegung aus, bevor sie die Tür öffnete.

Maksim kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, als er den folgenden Raum betrat. Dieser war riesig und wirkte eher wie ein Saal als eine Höhle. Die gewölbte Decke war mindestens zwanzig Meter hoch und mit glitzernden weißen Steinen versehen. Sieben schwere Kronleuchter hingen von der Decke und unzählige Kristalle streuten das Kerzenlicht durch den gesamten Raum. In der gegenüberliegenden Wand waren drei weitere Türen zu sehen. Die restlichen Wände waren mit unzähligen Regalen bis unter die Decke zugebaut. Und in diesen Regalen befanden sich Bücher.

Maksims fiel die Kinnlade herunter. So viele Bücher ... Er hatte gar nicht gewusst, dass es so viele gab! Zuhause hatte es nur zwei gegeben. Das Märchenbuch und eines mit Bildern von Kräutern und Anleitungen zu alten Hausmitteln.

Ruzha hatte darauf bestanden, dass die beiden Jungen lesen lernten. Das hatte Maksim sogar Spaß gemacht. Das Kräuterbuch kannte er inzwischen auswendig und die Märchen natürlich auch.

Doina schien sich über sein Staunen zu amüsieren. Sie ließ ihm Zeit, sich umzusehen. Und es gab vieles zu betrachten. Außer den Regalen gab es etliche Tische, auf denen sich Bücher, Federkiele und Tintenfässer befanden. Zahlreiche gepolsterte Stühle standen daran und mitten im Raum war eine riesige Ottomane aufgestellt. Sie war goldfarben und mit zahllosen Kissen übersät. Samt, wie Maksim später erfuhr. Eine Einladung zu verharren und zu lesen.

Besonders imponierten Maksim die zahllosen Teppiche, die den Boden komplett bedeckten. Er hatte noch nie solche Farben und Muster zu Gesicht bekommen.

„Dies ist meine Bibliothek“, erklärte Doina schließlich. „Ein Ort des Lesens und Lernens. Hier wirst du den größten Teil des Tages verbringen. Doch jetzt komm. Ich zeige dir die anderen Räume und deinen Schlafplatz.“

Zuerst führte sie ihn in einen weiteren großen Raum, der ebenfalls mit Tischen, Werkbänken und Regalen ausgestattet war. Doch dazu kamen zahllose Tiegel, Flaschen und Behälter, die mit allem möglichen gefüllt waren. Tinkturen, getrocknete Pflanzen, Knochen, Asche und vieles mehr. Die Luft war schwer durch das Gemenge der Düfte. Maksim wurde es beinahe schwindelig, doch er sperrte die Augen auf und versuchte, alles wahrzunehmen und einzuordnen. Was kaum gelingen konnte. Doina bezeichnete den Raum als Arbeitszimmer und scheuchte ihn wieder hinaus.

Als nächstes betraten sie eine Küche. Diese war klein und eher kärglich ausgestattet. Es gab nur eine winzige Feuerstelle mit einem darüber hängenden Topf, ein großes Fass mit Trinkwasser und ein Regal, in dem eine übersichtliche Menge an essbaren Knollen und Pflanzen zu finden war.

„Dieser Raum ist für dich gedacht. Du kannst dir hier deine Mahlzeiten zubereiten. Wenn du Nahrungsmittel benötigst, sage mir welche. Wir überlegen dann, wo wir sie besorgen.“

Zu guter Letzt traten sie durch eine Tür, die Zugang zu einem kurzen Korridor gewährte. Vom Gang führte auf beiden Seiten eine Tür jeweils in einen kleinen Raum. Diese waren mit einer Strohmatratze, einem Hocker und einer kleinen Truhe ausgestattet. Die Wände bestanden aus unbehauenem Felsgestein, ebenso der Boden. Nach den Teppichen in der Bibliothek kam Maksim die Kälte des Bodens besonders unangenehm vor. Doch er tat es mit einem Schulterzucken ab. Zeit seines Lebens war er barfuß herumgelaufen. Ein kalter Fußboden schreckte ihn sicher nicht.

Eine weitere Tür am Ende des Gangs führte zum Abort. Ein Loch im Boden, aus dem unangenehme Gerüche emporstiegen.

„Such dir eine der Kammern aus und verstaue deine Sachen. Anschließend komme in mein Gemach.“

Die Vampirhexe wies nach vorne und verschwand in die angezeigte Richtung.

Da die Kammern gleich groß und gleich ausgestattet waren, entschied sich Maksim spontan für die rechte Seite. Hastig warf er seinen Sack in die Truhe und eilte dann seiner Herrin hinterher.

Doinas Schlafgemach war ... unglaublich. Phantastisch. Märchenhaft. Maksim fehlten die richtigen Worte dafür.

Auch dieser Raum war riesig, die Wände mit weißen Glitzersteinen verkleidet, so dass das Licht der zahlreichen Kerzen und Leuchter von ihnen widergespiegelt wurde. Der Boden war mit einem hellen, flauschigen Teppich ausgelegt und an der Seite befanden sich vier hohe, mit Schnitzereien verzierte Schränke. Da sie geschlossen waren, konnte Maksim nicht erkennen, was sie beinhalteten, doch sein Blick wurde mehr von dem Himmelbett in der Mitte des Raumes angezogen.

Die samtigen Vorhänge waren blutrot und mit goldenen Troddeln und Fransen verziert. Weiße Federbetten und Kopfkissen türmten sich auf dem Bett. Maksim brauchte einige Zeit, bis er begriff, dass seine Herrin auf diesem Möbelstück schlafen würde.

Während er sich umsah, wurde er von der Herrin beobachtet, die sich elegant auf einer großen Ottomane drapiert hatte.

„Gefällt es dir?“, fragte sie schließlich.

Maksim nickte, ohne zu zögern. Zwar überforderte ihn der Prunk, doch er erkannte durchaus, dass dies kein gewöhnlicher Ort war.

„Du bist reich“, stellte er fest. „Bist du eine Königin?“

Sie lachte hell auf.

„Nicht mehr. Eine lange Zeit war ich es, doch das ist viele, viele Jahre her. Ich will nicht leugnen, dass ich diese Zeit genossen habe, doch inzwischen interessiere ich mich für andere Dinge.“

„Und wofür?“

„Du bist neugierig. Das ist gut. Ich werde dir jetzt erklären, was ich von dir erwarte und du solltest gut zu hören. Ich wiederhole mich nicht gerne.“

Maksim starrte wie gebannt auf ihre Lippen.

„Du bist der Sohn einer Hexe und trägst somit ihre Fähigkeiten verborgen in dir. Eigentlich können Männer keine Hexenmagie wirken. Warum das so ist, wissen wir nicht, doch vielleicht werden wir es eines Tages herausfinden. Allerdings weiß ich zumindest von einem Mann, der Hexenmagie nutzen kann. Er war ein gelehriger Schüler und ist inzwischen ein mächtiger Hexer. Doch das ist ein Fakt, von dem nur wenige wissen. Du wirst es niemandem erzählen. Ansonsten wirst du dir seinen Zorn zuziehen und diesen wirst du sicherlich nicht überleben. Nun, ich hege jedenfalls die Hoffnung, dass auch andere Hexensöhne diese Magie nutzen können, wenn sie die richtige Anleitung bekommen. Und vielleicht finde ich dabei auch heraus, worauf sich diese Magie begründet.“

Maksim klappte vor Staunen der Mund auf. Dass seine richtige Mutter eine Hexe war, hörte er zum ersten Mal. Doch warum sollte die Herrin lügen?

„Ich erwarte von dir, dass du lernst. Du wirst alles tun, was ich dir auftrage. Zudem wirst du dich um die Sauberkeit und Ordnung dieser Stätte kümmern. Hast du das verstanden?“

Maksim nickte. Die Anweisungen waren klar genug. Doch seine Augen verrieten, dass es in ihm arbeitete, ebenso seine Zähne, die auf seiner Unterlippe herumkauten.

Schließlich fragte er. „Was ist, wenn ich nicht zaubern kann?“

„Dann bist du nutzlos und wirst sterben. So wie es die Hexenschwestern deiner Mutter nach deiner Geburt befohlen haben.“

Auch das war Maksim neu und seine Augen wurden riesengroß. „Warum ...“

„Du bist kein Hexenmädchen und im Volk deiner Mutter damit wertlos. Ehrlich gesagt, habe ich diese Einstellung noch nie verstanden. Früher war es nicht so, doch in letzter Zeit schwappen diese Vorstellungen immer mehr nach Osten. Nun, mir kann das egal sein. Solange die Hexen mich respektieren, halte ich mich aus ihrer Politik heraus. Dir sollte aber eines klar sein: Hätte deine Mutter dich nicht in meine Obhut übergeben, wärst du schon lange tot. Dies ist deine Chance, weiterzuleben. Vertue sie nicht. Und jetzt gehe schlafen. Wenn du wach wirst, kannst du damit beginnen, den Abort zu säubern. Eimer findest du in dem Raum. Du kannst sie vor dem Ausgang stapeln, bis ich dich hinauslasse. Anschließend liest du das Buch, das ich dir in der Bibliothek zurechtlege. Du benutzt den kleinen weißen Tisch an der Seite. Ich werde dich am Abend zu dem Buch befragen.“

Sie machte eine ungeduldige Handbewegung in Richtung der Tür.

Maksim interpretierte dies als Zeichen zu gehen und flitzte sofort los.

Es dauerte lange, bis er einschlief. Zu viele Eindrücke wirbelten in seinem kleinen Kopf herum. Dazu kam die Sorge über das, was er über seine Mutter erfahren hatte. Und vor dem, was die Herrin von ihm erwartete. Er hatte keine Vorstellung davon, was Hexenmagie war. Was sie vermochte. Doch dass er bisher nie Magie gewirkt hatte, davon war er überzeugt. Und doch war dies offenbar nötig, damit er am Leben blieb.

Als er einschlief, tat er es mit dem festen Entschluss in sich, alles dafür zu tun, seine Herrin nicht zu enttäuschen.

Wolfsblut

1864

Russland, mittendrin

Alltagsroutine. Maksim mochte sie. Sie vermittelte ihm das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Auch wenn so vieles dagegensprach. Sobald seine Herrin morgens zu Bett ging, beeilte sich Maksim, alle Haushaltsaufgaben zu erfüllen. Aufräumen, Putzen, Waschen, Kochen, den Abort leeren. Sogar das Flicken seiner Kleidung hatte er inzwischen gelernt und ein gewisses Geschick darin entwickelt.

Nach diesen unvermeidlichen Tätigkeiten schnappte er sich ein Buch. Anschließend bereitete er im Arbeitszimmer diverse Tränke vor, kontrollierte die Vorräte an Zutaten. Dann gönnte er sich wenige Stunden Schlaf, bevor er auf das Erwachen seiner Herrin wartete.

Diese begann die Nacht damit, einen kleinen Schluck seines Blutes zu trinken und ihn anschließend über das Gelesene zu befragen. Dann gab sie ihm eine Liste an Tränken, die er zubereiten sollte, während sie auf die Jagd ging. Manchmal musste er auch Zutaten vorbereiten, Kräuter trocknen, Knochenmehle herstellen oder Knollen schaben. Es gab unzählige Methoden, Trankzutaten herzustellen. Maksim lernte sie nach und nach kennen. Genauso, wie er sich durch die Theorie von Zaubersprüchen, Ritualmagie und der Anwendung von Giften oder Heiltränken arbeitete.

Einmal in der Woche ließ Doina ihn morgens hinaus, damit er in einem weiter entfernt liegenden Dorf einen alten Söldner aufsuchen konnte. Der alte Alexej gab ihm Unterricht im Kampf mit dem Messer und einem alten Säbel. Außerdem lernte Maksim von ihm, wie man richtig mit einem Bogen umging. So war er bald selbst imstande, auf die Jagd zu gehen und Fleisch zu erbeuten. An anderen Tagen durfte er den Wald nach Kräutern und Wurzeln, Pilzen und Knollen, Tierknochen und Aas absuchen. Es gab immer etwas, was Doina gebrauchen konnte. Einmal im Monat streiften sie zu zweit nachts durch den Wald und Maksim lernte Pflanzen kennen, die man nur bei Dunkelheit finden konnte. Er besaß eine gute Nachtsicht und seine Nase half ihm oft, das Gesuchte zu finden.

Maksim war selbst überrascht, wie sehr ihm das alles gefiel und er bemühte sich, seine Herrin nicht zu enttäuschen. Doch mit jedem Jahr, das verging, wurde ihm bewusster, dass er immer noch keine Anzeichen eines magischen Talents zeigte. Und das besorgte ihn tief. Doina fand selten Anlass, ihn zu tadeln, doch ihm entging nicht ihre Enttäuschung, wenn er bei den praktischen Tests versagte.

Eines Tages lagen auf seinem Arbeitstisch zwei weitere Bücher. Eines handelte von Werwesen, das andere von magischen Kreaturen. Es war das erste Mal, dass die Herrin ihm Informationen über andere magische Völker zukommen ließ. Umso begeisterter vertiefte sich Maksim in die Lektüre. Als Doina ihn am Abend zu sich rief, sah sie einen zutiefst verstörten Jungen vor sich stehen.

„Du hast die Bücher gelesen?“

Er nickte.

„Und was für Erkenntnisse hast du gewonnen?“

Maksim holte tief Luft und sah zu ihr hoch. „Bin ich ... bin ich ein Wolf?“

„Wie kommst du darauf?“

„Ich ... meine Augen sind grün. Ich nehme Gerüche sehr intensiv wahr. Besser als Ustin und Ruzha, und ... ich bin schneller und ausdauernder. Das sagt auch Alexej.“

Doina nickte. „Nun, es gibt Anzeichen dafür, dass es so sein könnte. Doch noch ist nichts gewiss. Du hast dich noch nicht gewandelt und auch wenn deine wolfsgrünen Augen dafürsprechen, heißt es nicht, dass du einen Wolf in dir trägst. Du bist jetzt zehn Jahre alt, was weißt du nun über Wandlungen?“

„Wölfe verwandeln sich normalerweise zum ersten Mal bis zu einem Alter von siebzehn Jahren. Der Prozess ist sehr schmerzhaft und kann beim ersten Mal nicht aufgehalten werden. Später lernen die Werwölfe, ihre Wandlung zu kontrollieren und der Prozess verkürzt sich bis auf wenige Momente.“

„So ist es. Du siehst, du hast noch ein wenig Zeit, bis wir Gewissheit haben. Was weißt du noch über Wölfe?“

„Sie regenerieren sehr schnell bei Verletzungen und sind schwer zu töten. Theoretisch könnten sie ewig leben, doch normalerweise sterben sie durch Gewalteinwirkung oder werden lebensmüde. Sie sind außergewöhnlich stark und schnell, können über den Geruch Empfindungen wahrnehmen, handeln intuitiv und sind ... ähm ... sexuell sehr aktiv. Sie leben normalerweise in Rudeln. Die Weibchen können keine Kinder austragen, daher werden menschliche Frauen als Partnerin bevorzugt.“

„Nun, ich sehe, du hast fleißig gelernt. Eines sollte dir klar sein. Falls du dich wandelst, verlässt du diese Wohnstatt, bis du wieder menschlich bist. Ich dulde keine Fellträger in meiner Nähe. Jetzt erzähle mir, was du noch gelesen hast.“

Gehorsam rezitierte Maksim das Gelernte, doch er war nicht ganz bei der Sache, was ihm einen Tadel und Strafarbeit einbrachte. Er widersprach nicht. Doch seine Gedanken konnte er nicht abstellen. Erneut dachte er darüber nach, wie gut seine Chancen standen, die nächsten Jahre zu überleben. Und er kam zu dem Schluss, dass sie sich drastisch verschlechterten, sollte er tatsächlich einen Wolf in sich tragen. Kein Hexer, dafür ein Wolf. Doina hatte es nicht explizit ausgesprochen, doch Maksim war klug genug, um ihre Andeutungen zu verstehen. Er beschloss, Vorsorge zu treffen. Auch wenn er seine Herrin bewunderte und ihr dankbar war, dass sie ihm diese Bildung ermöglichte: Er war nicht gewillt, widerstandslos in den Tod zu gehen.

Verwandlung

Herbst 1868

Russland, mittendrin

Der Prozess begann schleichend und Maksim benötigte einige Tage, um zu begreifen, was mit ihm geschah. Erst wurde er von Unruhe erfasst, dann begannen die Gliederschmerzen, was ungewöhnlich war. Der Junge konnte sich nicht daran erinnern, jemals krank gewesen zu sein.

Erst versuchte er, die Schmerzen mit Heiltränken in den Griff zu bekommen, doch dies erwies sich als nutzlos. Einige Tage konnte er seinen Zustand überspielen, doch die Augen seiner Herrin waren scharf.

Als ihm an einem Abend zum zweiten Mal eine Schüssel mit zerstampften Hirschkäfern aus den zittrigen Händen fiel, hob Doina die Hand und betrachtete ihn aufmerksam.

„Du zeigst Anzeichen für eine Wandlung. Seit wann?“

Es hatte wenig Zweck zu lügen, das wusste Maksim aus Erfahrung.

„Seit vier Tagen“, gab er daher zu. „Ich dachte erst, ich sei krank.“

Sie schnaufte verächtlich.

„Die Wahrheit sollte man nicht ignorieren, auch wenn sie unangenehm ist. Nimm dir eine Decke und Nahrung für zwei Tage. Sieh zu, dass du mir nicht über den Weg läufst, solange du vier Beine trägst. Danach kommst du zurück und wir besprechen deine Zukunft.“

Ergeben trottete Maksim in seine Kammer. Unter den Augen der Herrin stopfte er die Decke in seinen Sack, anschließend ein wenig Nahrung. Mit dieser Ausrüstung würde er nicht weit kommen, das war ihnen beiden klar.

Als Maksim vor der Höhle stand, atmete er tief durch. Vor ihm lag ein Wendepunkt in seinem Leben, das war ihm bewusst. Nach einer Wandlung würde seine Herrin ihn mit anderen Augen betrachten, und er wusste, dass es keine freundlichen sein würden.

Entschlossen stapfte er los. Die Nacht war bereits bitterkalt. Der Winter stand vor der Tür. Er würde sich einen Unterschlupf suchen müssen, um nicht zu erfrieren. Doch zunächst galt es, andere Dinge einzusammeln. Ausrüstung, die er nach und nach im Wald deponiert hatte.

Die Wandlung setzte bereits am nächsten Tag ein.

Noch nie war Maksim solchen Schmerzen ausgesetzt gewesen. Es war, als würde alles in ihm zerreißen. Glühende Schmerzen jagten durch seine Nervenbahnen, während sich seine Knochen und Muskeln verformten, verschoben und verbogen. Jede Zelle in seinem Körper schien zu explodieren und sich neu zusammenzusetzen.

Maksim verlor jegliches Zeitgefühl und schließlich das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, lag er auf der Seite. Immer noch unter dem ausgehöhlten Wurzelwerk einer alten Eiche. Sein Atem ging hechelnd und sein Körper brannte noch von den Qualen der Wandlung.

Vorsichtig richtete er sich auf und betrachtete ungläubig und ein wenig verzweifelt die vier haarigen Pfoten, auf denen er stand. Bis zuletzt hatte er gehofft, einfach nur krank zu sein. Hatte verleugnet, was sich doch schon angedeutet hatte.

Er war ein Werwolf. Und damit standen seine Chancen, von Doina akzeptiert zu werden, äußerst schlecht. Vielleicht würde sie ihn noch einige Tage und Wochen am Leben lassen, um ihn zu studieren, doch dann ...

Es schmerzte, darüber nachzudenken. Er verehrte seine Herrin. Sie war klug und hatte ihm so vieles beigebracht. Liebend gerne hätte er ihren Erwartungen entsprochen. Doch kehrte er zu ihr zurück, würde sie ihn in absehbarer Zeit töten und er könnte sich ihr nicht widersetzen. Sie hatte ihm Lebenszeit geschenkt und Wissen. Er schuldete ihr alles.

Ein verzweifeltes Heulen drang aus seiner Kehle. Es hallte weit durch den Wald und fand keine Antwort. Noch nie hatte sich Maksim so einsam gefühlt. So wertlos. So fremd.

Es dauerte viele Stunden, bis er es wagte, einen Versuch zu starten, sich zurückzuverwandeln. Noch immer schmerzte sein Körper, doch es war erträglich. Er benötigte vier konzentrierte Anläufe, bis es ihm gelang, die Wandlung in Gang zu setzen. Und wieder wurde ihm bewusst, dass ihm dieses nur gelang, weil Doina ihn mit dem entsprechenden Wissen versorgt hatte. Beschreibungen anderer Wölfe, wie man sich darauf konzentrierte, den Prozess zu starten.

Es war schon nach Mitternacht, als Maksim nackt und wieder menschlich zu sich kam. Langsam kleidete er sich an und betrachtete seine Habseligkeiten. Ein Messer, ein Bogen und eine Handvoll Pfeile. Ein kleiner Sack mit weiterer Verpflegung und Heilkräutern. Wechselkleidung, Zündhölzer und ein kleiner Topf vervollständigten seine Ausrüstung.

Der Weg durch den Wald würde hart werden. Erst recht, wenn die ersten Schneefälle einsetzten. Doch was war die Alternative?

Mit gesenktem Kopf hockte Maksim in seinem Versteck. Wie auch immer er sich jetzt entschied. Sein Leben, wie er es bisher kannte, war vorbei.

Schließlich stand er entschlossen auf und schulterte sein Bündel. Er hatte sich entschieden.

Kurz vor dem Morgengrauen stand er vor Doinas Höhle.

Maksim schob jeden Zweifel und jede Furcht von sich weg und hob die Stimme: „Herrin, ich bitte um Einlass.“

Zu seiner Überraschung kam die Antwort sofort.

„Komm herein, junger Wolf.“

War der Schutzzauber tatsächlich gelöst? So schnell? Er verbot sich die Angst und betrat die Höhle. Unbeschadet.

Die Herrin erwartete ihn in der Vorhöhle und betrachtete ihn von oben bis unten. Dann stahl sich ein amüsiertes Lächeln in ihr Gesicht.

„Du trägst mehr bei dir, als ich gestattet hatte. Erkläre mir das.“

Maksim holte tief Luft. Doch er hatte sich entschieden.

„Ich hatte Angst, dass du mich tötest, sollte ich mich wandeln. Daher habe ich vorgesorgt.“

„Du wolltest fliehen.“

Er nickte und wagte es nicht, ihren Blick zu erwidern.

„Aber du hast es nicht getan. Warum? Hast du keine Angst mehr?“

„Doch, Herrin. Ich habe dich enttäuscht. Ich bin kein Hexer, nur ein Wolf und ich weiß, dass du Wölfe verachtest.“

„Und doch bist du wiedergekehrt. Was ist der Grund?“

„Du bist meine Herrin. Du hast mir so vieles geschenkt und beigebracht. Ohne dich wäre ich nicht am Leben und ...“ Er zögerte, doch dann fuhr er entschlossen fort: „Du bist meine Familie. Und seine Familie verrät man nicht. Niemals.“

Es herrschte einige Minuten Stille. Dann befahl Doina:

„Geh schlafen, junger Wolf. Ich werde über alles nachdenken und heute Abend werden wir reden.“

Die Kräuterhexe

Spätes Frühjahr 1868 bis 1871

Russland, mittendrin

Seine Herrin hatte anders reagiert, als Maksim befürchtet hatte. Sie tötete ihn nicht. Doch sie ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Lehrzeit bei ihr beendet war. Die harten Wintermonate über durfte er ihr noch zur Hand gehen, doch bei der ersten Schneeschmelze musste er ihre Heimstatt verlassen.

Er hatte nur wenig Gepäck. Seine Notfallausrüstung, die er im letzten Jahr selbst zusammengetragen hatte, und ein paar zusätzliche Lebensmittel. Zu seiner Überraschung erhielt er eine Geldbörse mit einigen Münzen und einen Sammelgürtel, wie sie selbst einen trug. Das machte ihn verlegen.

„Herrin, du hast mir schon mein Leben geschenkt“, wagte er zu sagen.

„Oh, da täuschst du dich.“ Ihr Lächeln war unergründlich. „Dein Leben gehört mir immer noch. Doch du hast es verlängert, weil du treu warst. Denke nicht, dass ich dich vergessen werde. Du warst mir ein guter Schüler, wenn auch mit enttäuschendem Ausgang. Geh und such dir deinen Weg. Doch kehre nicht zurück. Dieses Heim bleibt dir für immer verschlossen.“

Maksim hatte sich tief verbeugt und die aufkommenden Tränen zurückgedrängt. Dann war er aufgebrochen.

Seine ersten Schritte führten ihn an einen Ort, den er all die Jahre gemieden hatte.

Lange stand er vor der kleinen Hütte, in der Yarina, seine Mutter, lebte. Doina hatte ihm nie verschwiegen, wo diese zu finden war, doch sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie einen Besuch nicht guthieß.

Jetzt bot sich ihm die letzte Gelegenheit, die Frau kennenzulernen, die ihn abgelehnt hatte. Sie trat gegen Mittag vor die Hütte und erstarrte, als sie den schlankgewachsenen Jüngling zwischen den Bäumen stehen sah.

„Wer bist du? Was willst du?“

Maksim hatte den Kopf schiefgelegt und lauschte auf ihre Stimme. Sie war dunkel, ein wenig rau. Und ihr Gesicht zeigte verhärmte Züge. Sie sah alt und verbraucht aus, so wie die meisten Bewohner dieser Gegend. Das Leben hier war hart und unerbittlich.

„Ich bin Maksim, Mutter.“

Ihre Augen weiteten sich und sie trat unwillkürlich einen Schritt vor, bevor sie wieder verharrte.

„Du ... du hast tatsächlich überlebt?“ In ihrer Stimme schwang Unglaube und Erleichterung. „Das ist gut. Oder?“

Maksim hob die Schultern. Die ganze Situation wirkte irgendwie seltsam. Geradezu unwirklich.

„Ich weiß nicht, ob es gut ist. Ich habe mich im letzten Herbst gewandelt und muss jetzt gehen. Die Herrin duldet keine Wölfe in ihrer Nähe. Doch bevor ich diese Gegend verlasse, wollte ich dich einmal sehen.“

Auch Yarina wirkte überfordert.

„Du bist also wirklich ein Wolf“, hauchte sie und Furcht glitt über ihr Gesicht. Maksim konnte ihre Angst riechen und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Er verstand ihre Reaktion nicht.

„Warum hast du Angst vor mir?“

„Du bist ein Wolf.“

„Ja und? Ich bin dein Sohn.“

„Wölfe sind gefährlich“, flüsterte Yarina. „Blutrünstige Monster. Du hättest nicht herkommen dürfen.“

Es war wie ein Stich in sein Herz.

„Also hast du mich fortgegeben, weil du mich gefürchtet hast?“

Er konnte es kaum glauben.

„Es war besser so, glaube mir.“ Auch Yarina wich zurück in Richtung ihrer Hütte. „Ich wünsche dir alles Gute.“

Es war nicht gelogen, doch nur ein halbherziger Wunsch, erkannte Maksim intuitiv, und in diesem Moment begriff Maksim, dass er wirklich und wahrhaftig alleine war. Alles, was er als Familie angesehen hatte, war nicht existent.

Schweigend wandte er sich zum Gehen.

„Hasse mich nicht“, rief sie ihm nach.

„Das habe ich nie.“ Er fühlte keinen Hass. Nur eine tiefe Traurigkeit.

Viele Wochen legte er Meile um Meile zurück. Mal auf zwei, mal verstohlen auf vier Beinen mit seiner Ausrüstung im Maul. Es war nicht schwer, den wenigen Menschen auszuweichen, die in seine Nähe kamen. Seine Sinne warnten ihn rechtzeitig. Nur manchmal besuchte er in Menschengestalt abgelegene Dörfer, um Neuigkeiten zu erfahren oder Abwechslung in seine Ernährung zu bringen. Nicht immer wurde er freundlich empfangen, was ihn nicht verwunderte. Die weite Wanderung ließ ihn härter werden. Kantiger und sehniger. Und seine Kleidung litt ebenfalls darunter. Alles in allem bot er wohl keinen vertrauenswürdigen Anblick.

Irgendwann war es unverkennbar: er näherte sich dichter besiedeltem Gebiet. Allein die Geruchswelt um Maksim herum veränderte sich mit jedem Schritt, den er nach Westen machte. Er mochte es nicht. Und es erschwerte ihm die Jagd, denn das Wild wurde scheuer und seltener.

Dankbarkeit machte sich jedes Mal in ihm breit, wenn er in seinen Geldbeutel greifen musste, um ein Mahl oder neue Kleidung zu bezahlen. Er begriff noch nicht ganz, warum seine Herrin ihn nicht nur hatte ziehen lassen, sondern auch noch beschenkte. Letzteres erleichterte ihm die Reise enorm.

Es war der Geruch, der ihn seine Richtung ändern ließ. Der Geruch nach Vertrautem: Kräuter, Duftessenzen und ... Frau.

Er führte ihn zu einer versteckt liegenden Hütte. Ähnlich der, in der seine Mutter wohnte.

Unentschlossen blieb er davor stehen. Schließlich wagte er einen Ruf.

„Hallo, ist jemand zu Hause?“

Es dauerte nicht lange, bis sich die Holztür knarrend öffnete und eine alte, gebeugte Frau herausschlurfte. Misstrauisch sah sie zu ihm hoch. Als sich ihre Augen trafen, schnappte sie hörbar nach Luft.

Ehe Maksim reagieren konnte, führte sie eine knappe Bewegung in seine Richtung aus.

Ein schmerzhafter Stoß prallte auf seine Brust und warf ihn mehrere Meter zurück auf den Boden, wo er atemlos und verblüfft einige Sekunden liegen blieb.

„Wölfe sind hier unerwünscht“, zischte die Frau.

Maksim setzte sich bewusst langsam auf. Er wollte keine weitere Reaktion provozieren.

„Warum?“, fragte er dann.

Die Frau hatte die Hand schon zu einem weiteren Stoß erhoben. Jetzt runzelte sie die Stirn, was ihr faltiges Gesicht noch älter wirken ließ. „Was meinst du?“

„Warum bin ich nicht erwünscht?“

„Du bist ein Wolf.“

„Ja, das ist schon klar. Aber warum will niemand etwas mit Wölfen wie mir zu tun haben? Was ist der Grund?“

Jetzt ließ sie den Arm tatsächlich sinken.

„Ist das dein verdammter Ernst?“

Maksim nickte, froh, dass sie nicht mehr auf ihn zielte.

„Junge, du bist ein verdammter Killer. Wölfe sind aggressiv, blutrünstig und hassen uns Hexen. Das weiß doch jeder.“

„Oh.“ Mutlos ließ Maksim den Kopf hängen. „Das tut mir leid. Das wusste ich nicht.“

Sie stieß ein ungläubiges Schnauben aus.

„Und das soll ich dir glauben? Aus welchem gottverdammten Nest bist du denn gefallen?“

Maksim machte eine halbherzige Armbewegung Richtung Osten. „Ich bin schon viele Wochen unterwegs. Dort wo ich herkomme, gibt es keine Wölfe. Und unterwegs habe ich keine anderen getroffen. Gibt es denn hier welche?“

„Das will ich meinen“, kam die grimmige Antwort. „Diese Bastarde sind kriminelle Arschlöcher und haben schon viel Leid in dieser Gegend verursacht.“

Diese Antwort versetzte Maksim in Unruhe. Einerseits wollte er natürlich andere Werwölfe kennenlernen. Es war nicht angenehm, alleine zu sein. Doch die Beschreibung der ansässigen Wölfe gefiel ihm nicht.

„Dann sollte ich wohl einen Bogen um sie machen“, murmelte er. „Es tut mir leid, wenn ich dir Angst gemacht habe.“

„Angst?“, schnaubte die Alte. „Hach, du wärst nicht der Erste, den ich in die Flucht geschlagen habe.“

Sie betrachtete den Jungen aus zusammengekniffenen Augen. „Du bist ein seltsamer Knabe. Dass ich eine Hexe bin, scheint dich nicht zu wundern.“

„Alles hier riecht danach“, gab Maksim zu.

„Und du bist trotzdem hier aufmarschiert?“

Er hob die Schultern.

„Meine Herrin ist eine Hexe. Sie hat mich immer gut behandelt, bis ich ...“

Er stockte und die Alte lachte gackernd auf.

„Lass mich raten, bis du dich gewandelt hast.“

Er nickte und stand langsam auf. Neugierig betrachtete er die alte Frau vor sich. Diese wirkte schon wesentlich entspannter und erwiderte seinen Blick genauso interessiert.

Sie war uralt. Runzlig, gebeugt vom Alter und mit langen, etwas zerzaust wirkenden grauen Haaren. Doch in ihren dunklen Augen funkelte immer noch ein wacher Geist. Ihre Kleidung war – gewöhnungsbedürftig. Sie schien aus mehreren Lagen Kleidern und Röcken zu bestehen. Dazu kamen ein buntes, fransiges Schultertuch und ein noch bunteres Kopftuch, das die Haare zusammenhielt.

Jetzt blieben ihre Augen an seinem Gürtel hängen und weiteten sich.

„Ein Sammlergürtel! Wem hast du den gestohlen?“

„Niemandem“, fuhr Maksim empört auf. „Er ist ein Abschiedsgeschenk meiner Herrin.“

„Nur Hexen, die sich besonders in Zaubertränken und Kräuterkunde hervortuen, erhalten einen solchen Gürtel.“

Sie zupfte an ihrer Kleidung herum und enthüllte einen ähnlichen Gürtel, der allerdings sehr viel älter und zerschlissener war.

„Er ist ein Geschenk meiner Herrin“, beharrte Maksim. „Sie sagte, ich hätte ihn mir verdient.“

Jetzt stemmte die Hexe die Fäuste in die Hüften. Sie wirkte erbost.

„Das kann jeder behaupten. Aber gut. Beweise es mir!“

Überraschend hurtig drehte sie sich um und betrat wieder ihre Hütte. Maksim sah ihr unentschlossen nach. Er hatte keinen blassen Schimmer, was die Hexe von ihm erwartete.

„Wo bleibst du, Junge?“

Hastig folgte er ihr hinein. Auf der Türschwelle blieb er zunächst stehen. Der Geruch, der ihm entgegenschlug, war intensiv, aber nicht unangenehm. Maksim identifizierte unzählige Kräuter und andere Substanzen. Darunter lag der Duft von alter Frau.

Die Hütte bestand im Wesentlichen aus einem großen Raum. Nach hinten führte eine Öffnung in eine winzige Schlafkammer.

Der Wohnraum diente zugleich als Küche, Wohnstube und Arbeitsraum. Eine gemauerte Feuerstelle beherrschte eine Wand, ein großer Tisch und unzählige Regalbretter die andere. Dort waren offenbar die Zutaten für diverse Tränke gelagert. Ein kleiner Tisch und zwei wackelige Holzstühle standen vor der Feuerstelle. Ein wuchtiger Holzschrank türmte sich neben dem Zugang zur Schlafstelle auf.

„Setz dich“, forderte die Hexe ihn auf und wedelte in Richtung der Stühle. Gehorsam ließ sich Maksim auf einen davon nieder. Gespannt beobachtete er, wie sie aus den Regalen mehrere Säckchen und Schatullen zog. Diese stapelte sie vor ihm auf.

„Was ist das? Und wofür verwendet man es?“

Das war leicht. Ohne zu zögern, griff Maksim nach den einzelnen Päckchen und benannte sie, ohne hineinzusehen. Der Geruch war eindeutig.

„Diese hier dienen der Wahrheitsfindung.“ Er schob vier Päckchen zusammen. „Diese senken hohes Fieber, aber in Kombination mit diesem können sie auch Herzrasen beenden. Diese Pilze rufen Halluzinationen hervor, können aber in der richtigen Dosierung auch Schwindel lindern. Oh, und das hier darf man nur vorsichtig einsetzen. Es ist tödlich, wenn man zu viel davon nimmt, stärkt aber das Herz, wenn man es richtig dosiert.“

Er stockte und wartete auf einen Kommentar. Doch die Hexe runzelte nur die Stirn. Also beschloss Maksim, seine Neugierde zu befriedigen.

„Das war ein Stoßzauber, den du gerade eingesetzt hast, nicht wahr? Ich habe davon gelesen.“

„Du kannst lesen?“

„Ja, natürlich.“ Jetzt war es Maksim, der die Stirn runzelte. „Sonst hätte ich niemals lernen können.“

Da lachte sie auf. „Natürlich.“

Wieder kicherte sie. „Kann es sein, dass du keine Ahnung hast, wie die Welt hier draußen funktioniert?“

Maksim spürte, wie seine Wangen heiß wurden.

„Die wenigsten Menschen können lesen“, fuhr die Hexe fort. „Wir Hexen gehören zu den privilegierteren, da das Studium der Zauberei tatsächlich Lesen erfordert. Hm, du hast also nicht nur Kräuterkunde gelernt? Auch Hexensprüche?“

„Ja“, gab Maksim zu. „Doch es ist mir nie gelungen, zu zaubern. Die Theorie kenne ich, doch in der Praxis habe ich immer versagt.“

„Natürlich hast du das“, schnaubte die Hexe. „Du bist ein Mann. Nur Frauen beherrschen Hexenmagie.“

Maksim wagte es nicht, zu widersprechen. Schließlich hatte er seiner Herrin das Wort gegeben, niemals von ihrem Urenkel zu erzählen. Also hob er nur die Schultern.

„Deine Herrin muss eine dumme Frau sein, wenn sie geglaubt hat, es wäre anders.“

Das ging nun doch zu weit.

„Meine Herrin ist eine kluge Frau“, fuhr er auf. „Klug und eine mächtige Zauberin.“

„Weil sie einen Stoßzauber beherrscht? Junge, das ist ein Zauber, den die meisten Hexen lernen.“

„Mag sein, doch sie beherrscht noch so vieles mehr. Allerdings hat sie ein anderes Wort benutzt.“

„Woher ... ach, natürlich, Wolfsohren.“ Sie schüttelte unwirsch den Kopf. „Und welches Wort hast du von ihr gelernt?“

„Cucui.“

„Aha.“ Sie wirkte nicht überzeugt. Doch dann wandte sie sich zur Tür. „Nun gut, probieren wir es aus.“

Sie fixierte die Holztür und vollführte die Bewegung. Maksims Ohren nahmen das gehauchte Wort wahr. Im nächsten Moment gab es einen ohrenbetäubenden Knall und die Tür wurde aus den Angeln gerissen. Mit einem dumpfen Geräusch krachte sie etliche Meter vom Haus entfernt auf die Wiese.

Sowohl die Hexe als auch Maksim starrten mit offenem Mund durch die Öffnung.

Dann riss die krächzende Stimme der Alten Maksim aus der Erstarrung.

„Wer war noch mal deine Herrin?“

„Doina, die Herrin der Nacht.“

Sie starrte ihn ungläubig an. „Das ist nicht dein Ernst! Die Herrin der Nacht ist eine Legende. Mit ihr droht man kleinen Hexenmädchen, wenn sie ungehorsam sind!“

Davon hatte Maksim zwar noch nie etwas gehört, doch unwahrscheinlich klang es nicht. Er hob die Schultern.

„Die Herrin ist streng. Aber sie hat mich immer fair behandelt.“

Und nicht getötet, aber das wollte er nicht laut sagen. Es stand ihm nicht zu, seine Herrin in ein schlechtes Licht zu rücken. Erst recht nicht, wenn sie sowieso einen schlechten Ruf hatte.

„Wer auch immer deine Herrin ist, du hast mich überzeugt, Junge. Das war ein wirklich mächtiges Wort. Ich wusste gar nicht, dass es da Unterschiede gibt.“ Sie grinste ihn breit an. „Sei willkommen in meiner bescheidenen Hütte. Du kannst vor der Feuerstelle schlafen. Irgendwo müsste ich noch ein paar Decken haben. Aber zuerst reparierst du mir meine Tür. Ach ja, und Feuerholz könntest du ebenfalls richten.“

Maksim sprang bereitwillig auf die Füße. Dieses Angebot würde er sicher nicht ausschlagen.

Es war eine eigenwillige Zeit, die Maksim bei der alten Sofka verbrachte. Es war, als bliebe die Zeit stehen und gestattete ihm ein Durchatmen. Ein Ankommen in der realen Welt. Denn Sofka war zwar alt, doch in jungen Jahren viel herumgekommen. In den umliegenden Dörfern war sie als Kräuterkundige bekannt und wurde oft um Rat gefragt, wenn es um Heilungen ging. Manchmal jedoch wurde um einen Fluch oder Trank gebeten, der mit Sicherheit jemandem schaden würde.

Sofka wies niemanden ab. Doch diejenigen, die einen Fluch erwarteten, erhielten zunächst eine Standpauke, bevor sie einen Trank in die Hand gedrückt bekamen. Als Maksim irritiert nachfragte, was es mit den Flüchen auf sich hatte, grinste die Alte breit.

„Flüche sind Aberglaube“, erklärte sie dann. „Wenn ich jemandem schaden will, hilft nur direkte Magie oder ein entsprechender Trank. Natürlich gibt es Zauber, die einen Menschen krank machen, verletzen oder gar töten können, doch dafür gebe ich mich nicht her. Man hat ja gesehen, was das in Europa nach sich gezogen hat. Hier gab es bisher noch keine Hexenverfolgung und das soll auch so bleiben.“

„Aber ein Gifttrank schädigt auch“, wandte Maksim ein.

„Sicher.“ Sie grinste verschmitzt. „Doch einen herzustellen ist nicht verboten. Was andere damit anstellen, geht mich nichts an.“

Maksim hütete sich, dies in Frage zu stellen. Es war nicht seine Verantwortung. Und er mochte Sofka. Dass sie beide einen Draht zueinander hatten, war nicht schwer zu bemerken. Beide wurden von schierer Neugierde getrieben und waren sehr daran interessiert, vom Wissen des anderen zu profitieren. Der Altersunterschied spielte dabei kaum eine Rolle.

Und wenn Sofka von ihren Reisen erzählte, hing Maksim fasziniert an ihren Lippen. Doina hatte ihm zwar von vielen Wundern berichtet, doch das Leben der Menschen hatte sie wenig geschert. Sofka hingegen war mittendrin gewesen. Der Trend, in Hexenhäuser zu ziehen und dort zu leben und zu wirken, fand nicht ihre Zustimmung. Das überließ sie lieber den jungen Hexen. Verstehen konnte sie den Drang der jungen „Dinger“, zusammenzuwohnen, durchaus. Das Leben einer Hexe war anstrengend und manchmal gefährlich. Und ging man bei einer älteren Hexe in die Lehre, war das Wissen, das man erwarb, begrenzt. Die Bibliotheken der Hexenhäuser waren da sehr viel verlockender.

„Ich bin schon zu alt dafür“, gestand Sofka ihrem neuen Lehrling. „Und ich bin es nicht gewöhnt, mit vielen Frauen zusammenzuleben. Außerdem war es immer leichter, einen Mann kennenzulernen, wenn man nicht in einer Hexengemeinschaft gelebt hat.“ Sie grinste verschmitzt. „Hast du schon ein Mädchen getroffen und mit ihr Liebe gemacht?“

Die Frage erwischte Maksim kalt. Verlegen räusperte er sich.

„Nein, ich glaube nicht. Meinst du mit Liebe machen die Kopulation?“

Sofka lachte laut auf.

„Ja, genau das meine ich. Nun, dann wird es aber Zeit.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Such dir aber am besten ein professionelles Mädchen. Eines, das du bezahlen musst. Diese Frauen kennen sich am besten mit Verhütung aus. Es fehlte noch, dass du junge Wölfe zeugst. Damit wäre niemandem gedient und es würde nur Leid und Unglück daraus entstehen.“

„Dann lass ich es wohl besser sein“, murmelte Maksim, immer noch verlegen.

Doch Sofka schüttelte den Kopf.

„Nein, das wäre ein Fehler. Spürst du keinen Drang danach? Berührst du dein Geschlecht nicht ab und zu?“

„Doch“, gestand Maksim. „Nachts ist der Drang manchmal groß.“

„Dann solltest du ihm nachgeben. Wölfe sind nun einmal triebhafte Wesen. Wenn du es unterdrückst, bricht es sich vielleicht auf unschöne Weise Bahn. Oder willst du ernsthaft das Risiko eingehen, dass du dich eines Tages nicht beherrschen kannst und ein Mädchen vergewaltigst?“

Erschrocken hob Maksim die Hände.

„Nein, natürlich nicht. Das würde ich niemals wollen.“

„Nun, dann gehe nächste Woche ins Dorf. Ich denke, Leka ist die Richtige für dich. Sie ist schon etwas älter, aber dafür erfahren und eine umgängliche Frau. Sie wird dir zeigen, wie du es richtig angehst.“

Was blieb Maksim anderes übrig? Er vertraute der alten Hexe.

Und er bereute es nicht. Leka war genau das, was Sofka prophezeite. Eine einfühlsame Lehrerin in Sachen Liebemachen.

Die Tage und Wochen verflogen und es wurden Monate und Jahre daraus. Maksim kümmerte sich liebevoll um die alte Frau und ihren Haushalt. Regelmäßig zog er los, um die Vorräte an Zaubertrankzutaten aufzufrischen und neue Komponenten zu suchen. Und meistens kehrte er auch mit frisch erlegtem Wild zurück. Sofka war ihm dafür sehr dankbar. Sie selbst war nicht mehr in der Lage, weite Wanderungen durchzuführen. Und Fleisch hatte schon lange nicht mehr auf ihrer Speisekarte gestanden.

Für die Besucher der Hütte war Maksim ein Herumtreiber, der bei Sofka einen Schlafplatz ergattert hatte und ihr im Haushalt zur Hand ging. Doch immer öfter übernahm Maksim für sie das Geschäft. Dass die meisten Zaubertränke von ihm zusammengerührt wurden, erfuhr die Kundschaft nie.

Dafür ließ Sofka dem jungen Wolf freie Hand bei seinen Experimenten mit diversen Tränken.

Mit Eifer versuchte er sich an neuen Kompositionen und war bemüht, den einen oder anderen Trank zu verbessern.

Im zweiten Jahr dieser Experimente kam ihm eines Abends eine verrückte Idee.

„Sag, Sofka, ich weiß, dass es einen Zauber gibt, der die Wirkung von Fähigkeiten verstärkt. Kennst du ihn?“

„Sicher.“ Sofka hustete leise vor sich hin. Seit einigen Tagen hütete sie das Bett. Schweres Fieber und ein penetranter Husten hatten sie niedergestreckt. Bisher hatten die normalen Heiltränke nicht viel bewirken können und Maksim machte sich langsam Sorgen.

„Kann man einen solchen Zauber auch auf Gegenstände legen? Oder Tränke?“

Sofka blinzelte überrascht.

„Hm, das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe es nie ausprobiert.“

„Bist du stark genug, um den Zauber auf diesen Heiltrank zu legen?“

„Aber sicher doch.“ Mühsam richtete sich Sofka auf.

Maksim stellte eine kleine Schüssel vor sie auf einen Hocker und trat dann zurück.

Sofka hielt die Hände über die Schüssel und murmelte konzentriert ein paar Worte. Dann sank sie erschöpft zurück auf ihr Lager.

Nachdenklich sah sie auf den Trank. „Ich vermute mal, du willst, dass ich ihn jetzt trinke.“

Maksim schluckte nervös. „Das war mein Gedanke, aber möglicherweise ist es gefährlich.“

Sofka gluckste erheitert, was prompt in einem schweren Husten endete.

„Mein Leben neigt sich sowieso dem Ende entgegen“, keuchte sie schließlich und griff nach der Schüssel. „Und ein gewisses Risiko besteht immer.“

Rasch schüttete sie den Trank in die Kehle und schloss dann die Augen. „Egal, wie es ausgeht, mein Junge. Mach dir keine Vorwürfe. Es war meine Entscheidung.“

Das sah Maksim zwar nicht ganz so, doch er nickte verhalten.

In dieser Nacht hielt er Wache an Sofkas Lager.

Sie schlief ruhig und erwachte am nächsten Morgen mit klaren Augen.

Das Fieber war fort, ebenso der Husten. Lächelnd richtete sie sich auf.

„Du magst vielleicht nicht zaubern können, Maksim, doch du bist ein begnadeter Zaubertrankhersteller. Nur weiter so.“

Also experimentierte Maksim weiter. Wochen später hielt er ein Elixier in der Hand, das Sofkas Augen begeistert leuchten ließ. Er nannte es Verstärker. Ein Sud aus wenigen Kräutern und Rinden, belegt mit einem mehrfachen Verstärkungszauber.

Nur ein Tropfen genügte, um die Wirkung eines Trankes um ein Vielfaches zu potenzieren.

„Nun musst du ihn noch haltbar machen“, schlug Sofka vor. „Dann kannst du Vorräte davon anlegen.“

Das erschien sinnvoll und Maksim machte sich ans Werk.

Doch diesmal spielte die Zeit ihm einen Streich.

Die Krankheit hatte Sofka überwunden, doch das Alter ließ sich nicht erweichen und forderte seinen Tribut.

Maksim musste mit ansehen, wie ihr Körper mehr und mehr verfiel. Schwächer wurde, bis sie nicht einmal mehr sitzen konnte. Nur ihr Geist war noch flink und neugierig, wenn sie nicht gerade schlief. Und das tat sie immer mehr.

Es war im späten Frühjahr 1871, als Sofka Maksims Hand ergriff und auf ihre Brust legte.

„Ich werde morgen früh nicht mehr aufwachen, mein Junge. Du musst mir etwas versprechen.“

„Alles, was in meiner Macht steht.“

Maksim strich mit seiner anderen Hand sanft über ihre Wange.

„Gut. Bring mein Zauberbuch und die Papiere, die in dem Schrank liegen, zu meinen Töchtern nach Sankt Petersburg. Sie leben in dem dortigen Hexenhaus. Gib es ihnen und sage ihnen, dass ich ihnen alles Glück der Welt wünsche. Was du von meinen Vorräten und Werkzeugen benötigst, darfst du gerne an dich nehmen. Du hast das meiste schließlich selbst gesammelt und meine Töchter halten nicht viel von Zaubertränken. Sorge dafür, dass mein Körper verbrannt wird. Die Hütte, nun ja, irgendjemand wird sie schon gebrauchen können. Doch das wichtigste: bleib ein so anständiger junger Wolf, wie du es jetzt bist. Ich habe es nicht glauben wollen, doch anscheinend sind nicht alle Wölfe böse.“

Sie lächelte schelmisch und Maksim wurde es weh ums Herz. „Es war mir eine Ehre von dir gelernt zu haben, Hexenlehrling.“

„Und mir war es eine Ehre auch von dir gelernt zu haben, Babuschka.“

Wieder lächelte sie. „Allein für diese Bezeichnung könnte ich dich küssen. Doch das überlasse ich wohl besser Leka.“

Es kam, wie sie es vorhergesagt hatte. Sie erlebte den Morgen nicht mehr.

Maksim saß den ganzen Tag an ihrem Totenbett und weinte. Zum ersten Mal verlor er jemanden, den er von Herzen geliebt und respektiert hatte.

Die Wölfe von Sankt Petersburg

1871-1872

St. Petersburg, Russland

Es war keine Schwierigkeit gewesen, das Hexenhaus von Sankt Petersburg zu finden. Es befand sich östlich der Stadt und lag ein wenig abseits der großen Straßen.

Maksim stand vor der eisenbeschlagenen Tür und blickte fasziniert das Gemäuer entlang. Vor ihm lag eine große Anlage, die ihn an Bilder von alten Klöstern erinnerte. Eine hohe Mauer umschloss das Gelände und zahlreiche Türme dahinter zeugten von mehreren Gebäuden. Alles wirkte alt und ein wenig verwittert, doch Maksim wusste genug über Hexerei, um diesem Anblick zu misstrauen. Illusionszauber konnten einem Menschen vieles vorgaukeln. Und aus dem Gemäuer strömte ein Geruch, der eindeutig von Hexen stammte. Intensiv, ein Gemisch aus vielen Individuen, das einer Wolfsnase auch auf großer Entfernung nicht entgehen konnte.

Drei Wochen Wanderung lagen hinter ihm, doch dieses Mal war es beschwerlicher gewesen, da er den Weg nur auf zwei Beinen zurücklegen konnte. Sein Gepäck war deutlich angewachsen und in Wolfsgestalt hätte er es unmöglich transportieren können.