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Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Doch dann werden in den USA einige ihrer Kinder entführt und es kommt zu brutalen Todesfällen. Das Geheimnis der "Hidden Folks" droht aufzufliegen und es beginnt die verzweifelte Suche nach den Verrätern und deren Verbündeten. Band 2 "Aschenhaut" Die Genetikerin Nathalie Bates ist bekannt für ihre analytischen Fähigkeiten. Durch Zufall lernt sie die Schülerin Sophia Hunter kennen, und gerät in tödliche Gefahr. Denn als das Mädchen entführt wird, erfährt Nathalie von Wesen, die kein Mensch kennen darf. Doch wenn sie Sophia retten will, muss sie noch tiefer in die geheime Welt der versteckten Völker eintauchen, auch wenn das ihr Todesurteil bedeutet.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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Ana Marna
Aschenhaut
The Hidden Folks
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Montag, 12. Mai 2014
Rückblick: Juni 2010
Freitag, 13. Juni 2014
Samstag, 14. Juni 2014
Sonntag, 15. Juni 2014
Dienstag, 17. Juni 2014
Freitag, 20. Juni bis Montag, 14. Juli 2014
Freitag, 13. März 2015
Samstag, 14. März, 2015
Montag, 16. März 2015
Dienstag, 17. März 2015
Mittwoch, 18. März 2015
Donnerstag, 19. März 2015
Freitag, 20. März 2015
Samstag, 21. März 2015
Sonntag, 22. März 2015
Mittwoch, 25. März 2015
Montag, 30. März 2015
Mittwoch, 1. April 2015
Freitag, 3. April 2015
Sonntag, 5. April 2015
Mittwoch, 8. April 2015
Freitag, 10. April 2015
Samstag, 11. April 2015
Montag, 13. April 2015
Anhang
Wie es weitergeht ...
Nachwort
Impressum neobooks
Buchbeschreibung:
Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Doch dann werden in den USA einige ihrer Kinder entführt und es kommt zu brutalen Todesfällen. Das Geheimnis der "Hidden Folks" droht aufzufliegen und es beginnt die verzweifelte Suche nach den Verrätern und deren Verbündeten.
Band 2 „Aschenhaut“
Die Genetikerin Nathalie Bates ist bekannt für ihre analytischen Fähigkeiten. Durch Zufall lernt sie die Schülerin Sophia Hunter kennen, und gerät in tödliche Gefahr. Denn als das Mädchen entführt wird, erfährt Nathalie von Wesen, die kein Mensch kennen darf. Doch wenn sie Sophia retten will, muss sie noch tiefer in die geheime Welt der versteckten Völker eintauchen, auch wenn das ihr Todesurteil bedeutet.
Über die Autorin:
Ana Marna, geboren 1966, studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund der Musik zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren beschloss sie, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen. "The Hidden Folks" ist ihre erste Real-Fantasyserie.
Band 1
von
Ana Marna
Gewidmet meiner treuen Testleserin und Freundin Heike
1. Auflage. Auflage, 2020
© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna
Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
www.ana-marna.de
www.facebook.com/ana.marna.92372
Darton City, Ohio
Es herrschte die sogenannte Ruhe vor dem Sturm. Noch war alles still. Nur ein zartes Säuseln hing in der Luft, erzeugt durch hunderte von Stimmen, die wussten, dass sie schweigen sollten, doch dringend etwas loswerden wollten. In wenigen Minuten würde die Hölle losbrechen. Alle wussten es, und die meisten freuten sich bereits darauf.
Dr. Nathalie Bates zögerte, bevor sie an die Tür klopfte und horchte nach den verhaltenen Geräuschen. Es war lange her, dass sie in diesem Schulgebäude gestanden hatte, doch nichts schien sich geändert zu haben. Nicht die Räumlichkeiten und auch nicht die Atmosphäre. Sie seufzte und drängte die alten Erinnerungen beiseite. Im Laufe der letzten Jahre hatte sie gelernt, wie sie das schaffte, doch manche Orte erschwerten ihr das Vergessen. Und diese Schule war offensichtlich einer davon.
Sie klopfte an die Tür und wartete auf das „Herein.“
Als sie den Raum betrat, erhob sich hinter einem schweren metallischen Schreibtisch eine kleine, mollige Person und strahlte sie erfreut an. Ella Ford, die Schuldirektorin der Marble Hills High School eilte hinter dem Tisch hervor und lief mit ausgestreckten Armen auf Nathalie Bates zu.
„Nathalie, das ist ja wunderbar, dass ich dich endlich einmal wieder zu Gesicht bekomme. Wie lange ist es jetzt schon her? Drei Jahre? Oder vier?“
„Ich glaube drei“, lächelte Natha lie und umarmte ihre Freundin. „Du siehst gut aus, Ella. Haben die kleinen Plagegeister deine Nerven noch nicht zerstampft?“
Ella lachte hell auf.
„Ach Nathalie, das wird nie passieren. Diese Plagegeister können einen zwar ganz schön nerven, doch weitaus öfter bereiten sie einem Freude. Aber du siehst ebenfalls gut aus. Das freut mich. Komm, setz dich. Darf ich dir was anbieten? Einen Kaffee vielleicht?“
„Gerne.“
Sie ließ sich auf dem angebotenen Stuhl nieder und sah sich um. Auch in diesem Raum hatte sich nichts geändert. Das eine oder andere Bild war dazugekommen, aber die Farben, die Möbel, ja sogar der Geruch des Raumes versetzte sie einige Jahre zurück.
Die Schuldirektorin hockte sich wieder hinter den Schreibtisch und nippte an ihrem Kaffee. Aufmerksam betrachtete sie ihr Gegenüber. Nathalie Bates war eine attraktive Frau. Ihre Züge verrieten nicht, dass sie fünfunddreißig Jahre alt war. Doch besonders auffällig waren ihre Haare. Langes silbergraues, fast weißes Haar umrahmte ihr schmales Gesicht und verlieh ihm eine gewisse Kühle, was von ihren grauen Augen unterstützt wurde. Ella Ford wusste, dass diese silbernen Haare vor vier Jahren noch schwarz gewesen waren, und der Grund für den Farbwechsel verfolgte auch sie in manchen Nächten.
„Geht es dir wirklich gut?“, fragte sie vorsichtig. Nathalie verlor ihr Lächeln nicht, doch ein leichter Schatten zog durch ihre grauen Augen. Dem geschulten Lehrerauge entging das nicht.
„Es ist noch nicht vorbei“, stellte sie fest.
Nathalie zögerte, doch dann schüttelte sie den Kopf.
„Nein, das wird es wohl nie sein. Doch ich komme zurecht. Immerhin stehe ich jetzt hier, vor dir.“
„Das hättest du früher nie geschafft“, stimmte Ella zu und lehnte sich zurück. „Gut. Aber glaub mir, es wird noch besser werden. Vielleicht solltest du neue Bekanntschaften suchen, falls du es noch nicht getan hast.“
Nathalie lachte leise.
„Ella, du hast dich auf jeden Fall nicht verändert. Was du unter Bekanntschaften verstehst, weiß ich genau. Aber nein, bis jetzt war ich noch nicht auf der Suche, und ich habe auch nicht das Bedürfnis. Außerdem hab ich auch gar keine Zeit dafür.“
„Du hast die Stelle an der Stanford University bekommen, nicht wahr?“
Nathalie nickte.
„Ja, seit zwei Jahren bin ich dort Dozentin für Populationsgenetik und Epigenetik. Außerdem betreue ich mehrere Studien. Zeit ist da eher Mangelware.“
„Was dir nur recht ist“, vermutete Ella und grinste verschmitzt. „Aber vielleicht hast du ja recht. Für die Uni ist es sicherlich sehr von Vorteil, dass sie eine so begnadete Wissenschaftlerin erwischt haben, die all ihre Zeit der Lehre und Forschung opfert. Doch jetzt erzähl, was hast du die letzten Jahre sonst noch erlebt?“
Das Gespräch zog sich über zwei Stunden hin. Unterbrochen wurde es nur von dem zwischenzeitlichen Lärmen der Schüler (der gewohnte Sturm nach dem Unterricht), wenigen Telefongespräche und dem Anklopfen einiger Lehrer, die von Ella alle abgewimmelt wurden. Doch schließlich verabschiedeten sich die beiden Frauen voneinander und umarmten sich.
„Du musst dich auf jeden Fall wieder melden“, verlangte Ella. „Wir können ja mal zusammen essen gehen, oder wir besuchen endlich mal den Flydork Park.“
Nathalie versprach es. Als sie den Raum verlassen hatte, stand Ella Ford einige Zeit stumm im Raum und ließ ihre Gedanken schweifen. Sie hatte Nathalie Bates immer bewundert und ein wenig beneidet. Doch das hatte sich vor vier Jahren geändert. Keiner sollte Nathalie Bates beneiden, denn niemandem war der Schicksalsschlag zu wünschen, den diese hochintelligente Frau ereilt hatte.
Die Korridore der High School waren wie leergefegt. Nur aus den oberen Räumen drangen Klänge von diversen Instrumenten. Offensichtlich probte das Schulorchester noch. Nathalie erinnerte sich an den Anschlag im Eingangsbereich. In zwei Tagen war ein Konzert angesetzt und offensichtlich gab es noch Übungsbedarf.
Sie lächelte wehmütig. Ihre Tochter Leonie war eine begeisterte Flötenspielerin gewesen. Auch sie war oft länger in dieser Schule geblieben, um bei den Proben dabei zu sein.
Sie seufzte und schritt dem Ausgang entgegen. Im Eingangsbereich wurde sie langsamer. Auf den unteren Stufen der Treppe, die zu den Obergeschossen führte, hockte eine kleine Gestalt. Zusammengesunken, mit gesenktem Kopf, der die langen blonden Haare fast den Boden berühren ließ.
Ein Bild des personifizierten Elends.
Nathalie blieb vor dem Mädchen stehen und betrachtete es. Die Kleine hob nach einiger Zeit den Kopf und sah misstrauisch zu ihr auf. Hinter der blonden Mähne blitzten blaue, hellwache Augen, die aktuell verquollen wirkten, was dem hübschen Gesicht aber nicht schadete.
„Egal um was es geht“, sagte Nathalie freundlich. „Heulen ist nur für den Moment eine Hilfe. Das Problem geht davon leider nicht weg.“
Das Mädchen runzelte die Stirn und man sah ihr an, dass Ärger in ihr hochstieg. Jetzt lächelte Nathalie.
„Gut, ärgern ist besser als weinen. Aber auch das ist nur ein Gefühl. Denk lieber über den Grund nach. Probleme löst man nur, indem man über sie nachdenkt.“
Das Mädchen starrte sie an.
„Wer sind Sie? Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Sind sie Lehrerin?“
Nathalie schüttelte den Kopf.
„Nein, zumindest nicht an einer Schule. Ich unterrichte an der Stanford University. Darf ich fragen, was dich bedrückt?“
Das Mädchen zögerte. Doch dann gab es sich einen Ruck.
„Ich habe gerade einen Mathetest zurückbekommen, und ... na ja ... er ist gelinde gesagt ne echte Katastrophe. Und da die vorherigen Tests auch nicht so toll waren, müsste ich den letzten Test besonders gut hinkriegen, um weiterzukommen. Aber ...“, sie schluckte. „Mathe ist echt nicht meine Stärke. Und wenn ich das Schuljahr hängenbleibe - na ja, mein Dad wird ziemlich sauer sein.“
„Und wo liegt deine Schwierigkeit mit Mathematik?“
Das Mädchen grinste schief. „Na, was wohl? Ich verstehe es einfach nicht.“
„Und wie lernst du dafür?“
Die Kleine zuckte mit den Schultern. „Ich lese es mir durch und versuche die Aufgaben zu lösen. So wie jeder andere auch.“
Nathalie hockte sich neben sie auf die Stufen.
„Gibt es niemanden, mit dem du über Mathe reden kannst?
„Reden?“ Sie runzelte die Stirn. „Na ja, Mr. Smith, unseren Lehrer. Aber der hat erstens nie Zeit und außerdem erklärt er echt kompliziert.“
„Hm. Und ein Nachhilfelehrer ist keine Option?“
„Nicht mehr.“ Das Mädchen seufzte. „Ich hatte schon jede Menge davon und Dad ist nicht bereit, noch mehr Geld dafür auszugeben. Er meint, das wär wohl nicht die richtige Taktik für mich.“
„Taktik?“ Nathalie musste lachen. „Ist er beim Militär?“
„Nein, zumindest nicht mehr. Früher schon, aber das ist lange her.“ Sie grinste. „Aber klar, wenn er redet, könnte man das denken. Jedenfalls meint er, ich müsste erstmal die richtige Strategie finden.“
„Da hat er gar nicht so unrecht. Im Prinzip braucht man fürs Lernen nur die für einen selbst passende Vorgehensweise. Und natürlich den Willen. Ohne Zeit und Interesse läuft nichts.“
„Mathe interessiert mich aber wirklich nicht.“
„Warum nicht?“
„Na, weil es halt kompliziert ist und man so viel denken muss.“
„Was ist dein Lieblingsfach?“
„Biologie!“
Das kam so schnell, dass Nathalie wieder auflachte.
„Und in dem Fach musst du nicht denken?“
„Doch schon“, kam die zögerliche Antwort. „Aber da macht es mehr Spaß.“
Nathalie lächelte.
„Das kann ich sogar ein Stück weit verstehen. Aber wenn du dich mit Biologie beschäftigst, kommst du an Mathematik nicht vorbei. Alles spielt ineinander. Biologie, Mathematik, Physik, Chemie, je nachdem welche Richtung du einschlägst auch Geologie, Geografie, Soziologie und viele andere Fächer. Entscheidend ist, wie neugierig du bist. Wie zäh du an etwas dranbleibst um es zu verstehen und in Beziehung zu setzen mit dem, was dich wirklich interessiert.“
Das Mädchen sah sie mit großen Augen an.
„Sie sind ziemlich klug, nicht wahr?“
„Oh“, schmunzelte Nathalie. „Es gibt Leute, die das sagen, ja. Aber klug ist ein relativer Begriff. Wie gesagt, deine Neugier ist entscheidend - und die richtige Strategie.“
„Können Sie mir das beibringen?“
Nathalie sah in die funkelnden blauen Augen und wieder schlug die Erinnerung zu. Genauso lebhaft und fordernd hatten Leonies Augen ausgesehen, wenn sie etwas erreichen wollte. Sie zögerte. Dieses Mädchen war ihr fremd. Sie wusste nichts über seine Familie, seine Lebenseinstellung. Aber war das wichtig?
„Wie heißt du eigentlich?“
„Sophia. Sophia Hunter.“
„Angenehm Sophia. Mein Name ist Nathalie Bates. Du kannst aber ruhig Nathalie sagen.“
Sophia grinste hoffnungsvoll.
„Helfen Sie mir?“
„Hm, ich werde nicht deine Nachhilfelehrerin sein, wenn du das meinst. Was ich dir anbieten kann, ist eine Strategie zu entwickeln, die dir beim Lernen hilft.“
Sophia nickte eifrig.
„Ja, das hab ich schon verstanden.“
„Gut, das ist ein wichtiger Anfang. Hast du jetzt Zeit?“
Das Mädchen blickte auf seine Armbanduhr.
„Ungefähr zwei Stunden. Dann werde ich abgeholt.“
„Was schwänzt du gerade?“
Sophia klappte überrascht den Mund auf.
„Äh, eigentlich hätte ich jetzt Theatergruppe.“
Sie wurde rot, aber Nathalie ging nicht näher darauf ein, sondern stand auf.
„Dann lass uns einen Ort suchen, an dem wir ungestört sind.“
Sie schritt den Weg zurück bis zum Direktorenzimmer. Sophia folgte ihr hastig.
Als Nathalie klopfte, öffnete sich fast sofort die Tür und Ella Ford sah sie überrascht an. Offensichtlich war sie im Begriff gewesen zu gehen, da sie eine Jacke und ihre Aktentasche trug.
„Hu, Nathalie, was machst du denn noch hier?“
„Sorry Ella, aber ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“
„Na, dann schieß mal los!“
„Ich brauche für die nächsten zwei Stunden einen Raum.“
Ella erspähte das Mädchen, das mit staunenden Augen hinter Nathalie stand.
„Hallo Sophia, ist alles in Ordnung?“
Das Mädchen nickte hastig.
„Ja, Direktor Ford.“
„Schön, nun, dann lass mich mal überlegen.“
Sie trat in den Raum zurück und blickte auf einen großen Gebäudeplan.
„Zimmer dreihundertvier müsste frei sein. Sorg bitte nur dafür, dass die Tafel wieder sauber ist.“ Sie zwinkerte Nathalie zu. „Ich weiß, wie du arbeitest.“
Wenige Minuten später hockten die beiden in dem Klassenraum und Sophia wartete gespannt auf das, was da auf sie zukam.
Es wurde die interessanteste Lehrstunde ihres Lebens.
Ein Crash-Kurs in Lernstrategie.
Darton City, Ohio
Sie stand an der Kreuzung und freute sich. Gleich würden sie hier vorbeikommen und sie abholen. Anschließend wollten sie in den Freizeitpark und den gesamten Nachmittag dort verbringen. Einer der seltenen Tage, an denen sie als komplette Familie unterwegs sein konnten. Da erspähte sie den Chevrolet Van und winkte aufgeregt. Der Wagen hielt auf der gegenüberliegenden Seite und wartete auf Grün. Als er anfuhr, trat sie erwartungsvoll an den Straßenrand. Sie wollte den Verkehr nicht unnötig aufhalten und schnell einsteigen.
Der LKW war so rasch heran, dass sie ihn kaum erfasste. Donnernd krachte er in die Seite des Vans und schob das schwere Fahrzeug mit einem Kreischen vor sich her, bis er viele Meter weiter den Wagen gegen die nächste Hauswand quetschte und zum Stehen kam.
Sie starrte fassungslos zu dem qualmenden Blechhaufen, in dem ihre Familie saß. Ein verzweifelter Schrei entrang sich ihrer Brust und sie rannte los. Mit bloßen Händen versuchte sie, die zerquetschten Türen zu öffnen, bis Passanten sie gewaltsam davon abhielten. Unentwegt schrie sie ihre Namen, George, Leonie, Timmi,Mom, Dad, kämpfte gegen die helfenden Hände an und glaubte gleichzeitig innerlich zu vergehen. Niemand konnte in diesem zerstörten Fahrzeug überlebt haben. Niemand! Das hatte sie sofort gewusst, und es zerriss sie, bis nichts mehr da war und eine völlige Leere zurückblieb.
Als Dr. Nathalie Bates am nächsten Morgen in den Spiegel blickte, waren ihre Haare silbern. Und nichts war mehr wie vorher.
Darton City, Ohio
„Halt! Stopp den Wagen! Sofort!“
Sophia schlug hektisch auf die Schulter des Fahrers. Aufgeregt hüpfte sie auf der Rückbank auf und nieder.
„Tom, bitte halt an!“
Tom Jordan trat auf die Bremse und fuhr auf den Seitenstreifen. Ehe er etwas sagen konnte, hatte Sophia schon die Wagentür aufgerissen und sprang hinaus.
„Nathalie“, schrie sie und winkte zur anderen Straßenseite.
Tom fluchte und drehte den Kopf, um zu erkennen, wen Sophia da entdeckt hatte. Wer zum Teufel war Nathalie? Nur kurz erhaschte er einen Blick auf die Frau. Sie war stehengeblieben und beschattete die Augen mit einer Hand, um herüberzusehen. Offensichtlich war sie gejoggt, zumindest deutete ihr grauer Jogging-Anzug darauf hin. Von ihrem Gesicht konnte er nicht viel erkennen, da ihre halblangen Haare vom Wind durcheinandergewirbelt wurden. Tom blinzelte. Waren die Haare wirklich weiß? Nein, er korrigierte sich, eher silbergrau. Auf jeden Fall auffallend hell. Diese Frau kannte er definitiv nicht. Zumindest die Haare wären ihm in Erinnerung geblieben.
Tom sah wieder zu Sophia und zu seinem Entsetzen machte das Mädchen gerade Anstalten über die Straße zu sprinten.
„Sophia, nein“, brüllte er und riss die Tür auf. Doch es war zu spät. Das Mädchen hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Mit wachsender Panik beobachtete er, wie Sophia die stark befahrene Straße überquerte. Zu ihrem Glück war der Verkehr im Moment etwas abgeflaut, aber trotzdem! Tom stieß erleichtert die Luft aus, als sie unbeschadet die andere Straßenseite erreichte. ‚Na warte‘, dachte er grimmig.
‚Dir werde ich sowas von Feuer unterm Hintern machen!‘
Es stimmte ihn auch nicht milde, dass in dem Gesicht der Frau die gleiche Erleichterung, gepaart mit Ärger zu lesen war.
*
„Sophia, bist du von allen guten Geistern verlassen?“
Nathalie zog das Mädchen von der Straße weg auf den Fußweg.
„Das war wirklich gefährlich!“
Sophia strahlte sie unbeeindruckt von der ärgerlichen Stimme an.
„Ich bin so froh, dass ich Sie gesehen habe.“
„Sophia!“ Nathalie setzte ihre strengste Miene auf. Das Mädchen reagierte sofort und senkte den Blick - um ihn gleich darauf zu heben und die Frau mit einem strahlenden Lächeln zu entwaffnen.
„Aber ich bin ehrlich froh. Ich wollte mich doch noch bei Ihnen bedanken.“
Nathalie hob fragend die Augenbrauen.
„Wofür?“
„Ich habe die Mathearbeit mit einem „Good“ bestanden. Achtundachtzig Prozent! Vielen, vielen Dank!“
Nathalie Bates veränderte ihre Miene nicht, obwohl sie innerlich applaudierte.
„Kind, das freut mich natürlich sehr, aber das hast du allein geschafft. Ich war nicht dabei.“
Sophia grinste sie stolz an.
„Klar, aber Sie haben mir das Werkzeug dafür gegeben. Ohne Ihre Tipps wäre ich garantiert durchgerasselt.“
Nathalie schüttelte den Kopf, lächelte jetzt aber doch.
„Mag sein, aber es war trotzdem deine eigene Leistung.“
„Sie hätten das nicht tun müssen. Sie kennen mich ja eigentlich gar nicht.“
Nathalie blickte in die strahlenden Augen und hob die Hand um dem Mädchen sanft über die Wange zu streichen.
„Es war nur ein wenig Zeit für ein trauriges Gesicht und ich bin froh, dass du diese gut genutzt hast. Davon abgesehen hat es mir auch Spaß gemacht. Aber ich glaube, da sorgt sich jemand um Dich.“
Sie wies zur anderen Straßenseite, wo Tom Jordan mit verschränkten Armen stand und finster herübersah.
„Ist das dein Vater?“
Sophia schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist Tom, mein ... äh ... Onkel.“
Nathalie ignorierte das Zögern in ihrer Stimme und nickte nur. Die Geheimnisse dieses Mädchens gingen sie nichts an. Mehr Sorgen machte ihr der zunehmende Verkehr.
Auch Sophia schien auf einmal zu verstehen, in welche Lage sie sich gebracht hatte. Mit wachsender Verzweiflung sah sie von links nach rechts. Doch die vorbeirasenden Autos ließen ihr keine Chance, die Fahrbahn zu überqueren. Ratlos blickte sie zu Tom hinüber, der sichtlich nervöser und ärgerlicher wurde.
Nathalie legte beruhigend die Hand auf Sophias Schulter.
„Bleib ruhig. Hier kannst du nicht über die Straße. Wir gehen zur nächsten Ausfahrt. Dort kann dein Onkel dich wieder aufsammeln.“
Sie winkte Tom zu und deutete dann in Richtung Ausfahrt. Tom nickte und stieg ein. Glücklich sah er immer noch nicht aus.
Während die beiden Frauen in seiner Fahrtrichtung entlang gingen, bemühte er sich, sie nicht aus den Augen zu lassen, indem er langsam auf dem Seitenstreifen fuhr. Innerlich fluchte er vor sich hin. Was hatte sich diese Göre nur dabei gedacht? So wichtig konnte nichts sein, dass man sein Leben dafür aufs Spiel setzte.
Als die Ausfahrt in Sicht kam, gab er Gas.
Nathalie beobachtete, wie er durchstartete, und wies ihrem Schützling den Weg hinab, weg von der Brücke.
Sophia sprang fröhlich vor ihr die Treppe hinunter. Sie folgte etwas langsamer. Es freute sie, dass das Mädchen von ihrem Crash-Kurs profitiert hatte. Solche Erfolgserlebnisse hatte sie leider viel zu selten. Die Studenten, mit denen sie meistens zu tun hatte, fragten in den seltensten Fällen um Rat. Und dann ging es eher um Fachwissen, nicht um Methodik.
Quietschende Reifen rissen sie aus ihren Gedanken, doch es war nicht Toms Wagen, der Sophia den Weg abschnitt.
Ein blauer Transporter hinderte das Mädchen am Weitergehen und zwei Männer sprangen aus dem hinteren Wagenteil. Sie waren dunkel gekleidet, maskiert und zu Nathalies Schrecken mit Maschinenpistolen bewaffnet.
Sophia schrie panisch auf und wirbelte herum, um wieder die Treppe hinaufzulaufen. Doch sie kam nicht weit. Die Männer ergriffen sie und zerrten sie zum Wagen. Sophia kreischte und wehrte sich nach Leibeskräften.
Nathalie überwand ihren ersten Schreck und rannte los.
Gerade als die Männer ihr Opfer in den Wagen stoßen wollten, erreichte sie den Transporter und griff nach einem der Entführer. Dieser drehte sich sofort, um seine Waffe auf sie zu richten, doch er erhielt einen Schwinger gegen sein Kinn, der ihn zurückwarf. Nathalie schrie selbst auf. Sie hatte noch nie in ihrem Leben einen Menschen geschlagen, geschweige denn einen Kinnhaken ausgeteilt, und der Schmerz in ihrer Faust war überraschend heftig. Vom eigenen Schwung getragen fiel sie dem Mann hinterher. Ihr Knie erwischte offensichtlich eine empfindliche Stelle und er brach mit einem Aufstöhnen zusammen.
Nathalie trat nach seiner Waffe, so dass sie zur Seite flog und fasste nach der Pistole des anderen. Der dreht sich überrascht um und versuchte die Waffe frei zu bekommen. Sophia nutzte die Chance und trat ihm zwischen die Beine. Auch er sackte zu Boden und dem Mädchen gelang es, sich loszureißen.
„Komm!“ Nathalie packte ihren Arm und rannte los. Das Mädchen stolperte panisch hinterher. Als sie an einem parkenden Auto vorbeikamen, erklangen Schüsse. Nathalie spürte einen Schlag im Rücken, der sie von den Beinen riss.
‚Shit‘, dachte sie nur und robbte sich zur Seite hinter das Auto. Das Mädchen ließ sie dabei nicht los und zerrte es mit in Deckung. Schwer atmend blieben die beiden liegen. Wieder erklangen Schüsse. Nathalie richtete sich langsam in geduckter Haltung auf.
„Bleib liegen“, zischte sie dem Mädchen zu, welches sie aus großen Augen anstarrte. Wage regte sich in ihr der Verdacht, dass sie verletzt war, doch wie schwer und wo, wollte sie lieber nicht wissen. Noch nicht.
„Ich liebe Endorphine! Ihr treuen Gefährten, bleibt bei mir und haltet mich aufrecht“, murmelte sie. Ein Schatten fiel vor das Auto. Nathalie spannte die Muskeln an. Als Sophia aufschrie, hechtete sie vor. Noch im Sprung wurde sie gepackt, herumgewirbelt und krachte voller Wucht gegen den Wagen. Ein Knacken ertönte und gleißender Schmerz jagte ihren Arm herauf. Das Letzte was sie wahrnahm, waren Sophias Schrei, „Tom, nein!“, und gelbe Augen, die in Flammen standen.
Dann wurde es dunkel.
*
Tom starrte auf die zusammengesackte Gestalt und fluchte leise.
Das hätte nicht passieren dürfen. Die Frau, die Sophia vor einer Entführung bewahrt hatte, lag blutüberströmt zu seinen Füßen. Mehrere Kugeln hatten ihre Schulter durchsiebt. Mehr Pein bereitete ihm jedoch der gebrochene Arm, der im rechten Winkel auf unnatürliche Weise abstand. Dieser war eindeutig seine Schuld. Sein Versagen.
„Tom.“
Sophias Schluchzen zerrte ihn aus seinen Gedanken. Rasch trat er zu dem am Boden knienden Mädchen, das tränenüberströmt zu ihm hochblickte.
„Du darfst ihr nichts tun! Sie hat mir geholfen.“
Er zog sie auf die Füße.
„Ich weiß“, knurrte er. „Bist du okay?“
Sophia nickte.
„Dann lass uns verschwinden.“
„Aber ... aber Nathalie ...“
„Wir können sie nicht mitnehmen.“
„Du hast sie verletzt!“
Der Vorwurf war nicht zu überhören.
„Verdammnis, Mädchen. Wenn du nicht aus dem Auto gesprungen wärst ...“
Das war nicht fair und er wusste das. Diese Kerle hätten jederzeit zuschlagen können. Sie waren schwerbewaffnet und organisiert genug, um Sophias Schulweg zu kennen. So wie es aussah, hatten sie nur auf eine passende Gelegenheit gewartet.
Sophias anklagender Blick ließ ihn aufstöhnen.
„Wir rufen den Notarzt.“
„Und dann?“
„Und dann wird sie ...“
Nochmals verdammt! Dann würde sie der Polizei alles erzählen, und diese stände dann über kurz oder lang vor ihrer Tür. Seinem Boss würde das mit Sicherheit nicht gefallen.
Tom hasste die eigene Gedankenentwicklung. Viele Optionen hatte er nicht, um halbwegs glimpflich aus dieser Situation herauszukommen.
Mit einem unwohlen Gefühl im Bauch bückte er sich und nahm die verletzte Frau auf die Arme. Dass ihr Blut seinen Anzug ruinierte, war noch das Geringste seiner Probleme. Er würde sich genau überlegen müssen, was er zunächst Sophias Mutter und anschließend Asher Hunter berichten sollte. Beide waren keine einfachen Arbeitgeber und konnten äußerst unangenehm werden, wenn etwas schief lief.
„Beeil dich, ab in den Wagen!“, knurrte er Sophia zu. „Wir verschwinden sofort.“
*
Detektive Lewis Thomson überblickte den Tatort mit leicht verkniffenem Gesicht. Dies war bereits der zweite Schauplatz eines Mordes in dieser Woche. Nur dass beim ersten Tatort der Hergang eindeutig war. Ehemann killt Ehefrau und ruft anschließend verzweifelt die Polizei. Das war eine dicke Schlagzeile wert gewesen und machte die Ermittlung einfach. Doch dieser Fall hier versprach ihn länger zu beschäftigen. Drei Tote und jede Menge Blut und Patronenhülsen. Zeugen gab es keine und die genaue Tatzeit würde man erst noch herausbekommen müssen.
Er seufzte und schritt zu dem älteren Mann, der vor einer der Leichen hockte.
„Und? Kannst du schon was sagen, John?“
Dr. John McMillan wiegte den Kopf hin und her.
„Die Todesursache scheint offensichtlich: Bei dem hier war es ein Schuss in den Kopf, genauso bei dem anderen da hinten. Der Kerl vor dem Fahrersitz hat ein gebrochenes Genick. Da war jemand wohl ziemlich sauer.“
Detektive Thomson schnaufte nur und sah auf den Toten. Er trug immer noch eine dunkle Maske. Sein Mörder hatte es offensichtlich eilig gehabt - oder es war ihm egal, wer hinter dem dunklen Stoff steckte. Eines war auf jeden Fall sicher: Wer sich maskierte, führte meistens nichts Gutes im Schilde. Und das verkomplizierte die Lage zusätzlich. Er konnte nur hoffen, dass die Spurensuche weitere Hinweise auf den Tathergang ergab.
Landsitz von Asher Hunter, Ohio
Tom lauschte mit einem unwohlen Gefühl in den Telefonhörer. Dass sein Gesprächspartner kurz vor einem Wutausbruch stand, konnte er heraushören. Dass er damit gerechnet hatte, senkte seine Besorgnis nicht.
Asher Hunter atmete hörbar tief durch.
„Erzähl alles!“
Gehorsam berichtete er von Sophias Spurt über den Highway und wie er gerade noch rechtzeitig kam, um die Entführer auszuschalten. Dass er dabei diese Frau verletzt hatte, unterschlug er nicht, und seine Schuldgefühle waren deutlich zu hören.
„Ich konnte sie nicht dort lassen“, murmelte er. „Sie hat immerhin Sophia gerettet und sie kennt Sophias Namen.“
„Wo ist sie jetzt?“
„Ich habe sie in einem der Gästezimmer untergebracht und die Wunden notdürftig versorgt. Allerdings stecken die Kugeln noch und ihr gebrochener Arm ... Also sie braucht dringend ärztliche Hilfe.“
„Ist sie wach?“
„Nein. Noch nicht.“
„Hm, dann sag Dr. Hopkins Bescheid. Er soll sie versorgen. Wie geht es Sophia?“
„Sie war erst ziemlich verängstigt, aber jetzt hockt sie bei der Frau und schimpft auf die Entführer und auf mich.“
Asher Hunter lachte auf.
„Das sieht ihr ähnlich. Sag ihr, dass sie mich heute Abend anrufen soll. Ich will ihre Version auch hören. Und ich will jeden Tag informiert werden. Hast du die Sicherheitsvorkehrungen überprüft und verschärft?“
„Klar.“
„Soll ich dir noch jemanden zur Verstärkung schicken?“
Tom zögerte.
„Ich weiß nicht, Boss, Julia ist ja schon mit mir überfordert.“
„Aber du hast ihr von der Entführung erzählt?“
„Ja, klar, und sie war ehrlich entsetzt.“
„Dann wird sie es wohl akzeptieren müssen, wenn noch ein weiterer Mann auf unsere Kinder aufpasst. Zumindest in der nächsten Zeit, bis wir mehr über diese Bastarde erfahren haben.“
Landsitz von Asher Hunter, Ohio
Das Erste was sie wahrnahm, war ein dumpfer pochender Schmerz in ihrer Schulter. Dr. Nathalie Bates blieb mit geschlossenen Augen liegen und versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Eine kurze Erinnerung an gelbe Augen blitzte in ihr auf, doch dann drängte sich alles andere mit Macht an die Oberfläche. Sophia!
Sie setzte sich mit einem Ruck auf und sank dann sofort mit einem leisen Stöhnen zurück. Schmerz schoss ihr durch die Schulter und den rechten Arm. Jetzt erst registrierte sie den Gipsverband, und ein Blick auf ihren Oberkörper zeigte ihr einen dicken Verband um der linken Schulter.
Angespannt sah sie sich um. Sie war nicht im Krankenhaus, soweit war sie sich sicher. Dies sah eher nach einem privaten Gästezimmer aus und die Einrichtung war eindeutig von gehobenem Standard. Keine Billigmöbel, sondern sauber verarbeitetes Massivholz. Ein großes Fenster ließ den Blick auf einen gepflegten Garten zu, der eher wie ein Park wirkte.
Langsam richtete sie sich erneut auf und wartete, bis sich der erste Schwindel legte. Dann sah sie sich weiter um.
Neben ihr war ein kleiner Tisch, auf dem ein Glas Wasser und eine Wasserkaraffe standen. Alles wirkte sauber und gepflegt. Neben einem Kleiderschrank befand sich ein schmales Bücherregal. Auf der anderen Seite sah sie eine Kommode, über der ein altertümlicher Spiegel aufgehängt war.
Ein Tisch in der Ecke des Raumes war mit zwei gemütlich wirkenden Sesseln ausgestattet und ein kleiner Sekretär bot die Möglichkeit Korrespondenz zu erledigen.
Zwei Türen konnte sie sehen. Vermutlich führte eine in ein Badezimmer.
Wo war sie gelandet?
Es dauerte keine Minute, bis sich die Tür öffnete und ein hochgewachsener Mann eintrat. Nathalie blinzelte und erinnerte sich. Das war doch der Mann, der Sophia gefahren hatte. Neugierig betrachtete sie ihn. Seine blonden Haare hatten einen gepflegten Kurzhaarschnitt, nur ein widerspenstiger Wirbel an der rechten Schläfe störte ein wenig das Bild. Doch sie fand dies eher sympathisch. Seine Bewegungen verrieten Kraft und Ausdauer, als er an ihr Bett trat. Eindeutig kein Stubenhocker, schätzte sie. Mit einer gewissen Erleichterung registrierte sie, dass er keine gelben Augen hatte. Sie waren blau und sah jetzt ernst auf sie herunter.
„Sie sind der Onkel von Sophia!“, stellte Nathalie fest.
In seinem Gesicht zuckte es amüsiert.
„Hat sie das gesagt? Das sieht ihr ähnlich.“
„Ich hab es ihr auch nicht wirklich abgenommen“, gestand Nathalie. „Es klang nicht überzeugend. Wer sind Sie dann?“
„Ich bin für Sophias Sicherheit zuständig.“
„Oh!“ Nathalie musterte wieder seinen Körperbau und nickte dann. Das ergab eher Sinn. „Geht es Sophia gut? Ist sie verletzt?“
„Nein, sie hat ein paar Schrammen und blaue Flecken, aber ansonsten geht es ihr bestens.“
„Gott sei Dank.“ Nathalie atmete erleichtert auf. „Wissen Sie denn schon, wer diese Kerle waren?“
Er hob die Schultern.
„Soweit ich weiß, hat die Polizei ihre Identität noch nicht ermittelt, und auch wer sie beauftragt hat, wissen wir noch nicht.“
„Muss ich denn keine Aussage bei der Polizei machen? Und warum bin ich nicht im Krankenhaus?“
Jetzt zögerte er. Dann gestand er: „Die Polizei weiß nichts von Ihnen und auch nicht von Sophia. Und so soll es auch bleiben.“
Nathalie holte überrascht Luft.
„Aber ... die waren schwer bewaffnet. Wenn sie das wieder versuchen ...“
„Das werden sie nicht.“ Seine Stimme klang sanft, aber seine Augen wirkten kühl und nüchtern. „Sie sind tot.“
Für einen kurzen Moment fühlte Nathalie einen kalten Schauer durch sich hindurch wandern.
„Sie haben diese Männer getötet!“
Es war keine Frage und in seinen Augen stand die Bestätigung geschrieben.
„Oh mein Gott“, murmelte Nathalie und ließ sich wieder zurücksinken. Nach einigen Sekunden meinte sie:
„Okay, im Prinzip kann ich das akzeptieren. Diese Mistkerle haben auf mich geschossen! Und ein Kind zu entführen ist eine Riesensauerei.“ Sie stockte und versuchte den aufsteigenden Zorn in sich zu ersticken. „Aber warum sagen Sie der Polizei nicht, was passiert ist? Falls jemand im Hintergrund die Fäden zieht, muss der doch gefunden werden! Darf ich eigentlich Ihren Namen erfahren?“
„Tom. Tom Jordan. Und nein, wir wollen nicht, dass die Polizei von Sophia erfährt.“
„Und wer ist bitte schön wir?“
„Sophias Vater.“
Das war nicht weiter überraschend. Aber es war nicht in Ordnung.
„Sie lassen die Polizei absichtlich im Ungewissen, was diese toten Männer angeht? Aber wie wollen Sie denn herausfinden, wer für diesen Überfall verantwortlich ist?“
Tom Jordan zögerte, doch dann antwortete er: „Glauben Sie mir, mein Boss hat da seine Kontakte. Aber oberste Priorität hat der Schutz der Kinder. Jede Aufmerksamkeit auf sie soll vermieden werden. Und das gilt auch was Polizei, Presse oder sonst irgendwelche Leute angeht.“
„Und ich vermute mal, dass Sie jetzt von mir erwarten, dass ich den Mund halte und niemandem davon berichte.“
Er nickte bestätigend.
„So ist es. Wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie eingegriffen und Sophia beschützt haben. Doch noch mehr helfen Sie ihr, wenn Sie nicht reden.“
Darüber musste Nathalie erst einmal nachdenken, und das sagte sie auch. Sie sah ihm an, dass ihm das nicht passte, doch er nickte.
„Tun sie das. Haben Sie Schmerzen?“
„Es lässt sich aushalten.“
Das war zwar nicht ganz richtig, doch sie war nicht bereit, Schwäche zu zeigen. Das war noch nie ihr Ding gewesen. Nur einmal in ihrem Leben, war ihr die Kontrolle entglitten, und das hatte sich furchtbar angefühlt. Sie hoffte, dass ihr das nie wieder passieren würde.
„Wenn Sie etwas benötigen, oder die Schmerzen zunehmen, können Sie die Glocke benutzen.“ Er wies auf eine kleine Handglocke, die ebenfalls auf dem Beistelltisch stand. „Gibt es etwas zu beachten, was Ihre Ernährungsweise angeht?“
Sie blinzelte überrascht. „Nein, nicht dass ich wüsste, aber nett, dass Sie fragen.“
Er nickte und verließ ohne weiteren Kommentar den Raum.
Nathalie stieß spontan die Luft aus. Jetzt hatte sie einiges zum Nachdenken. Dieser Mann war ihr – unheimlich. Warum konnte sie nicht sagen. Und das, was er ihr erzählt hatte, war heftig. Sie bezweifelte keine Sekunde, dass er diese Männer getötet hatte. Wie viele waren es gewesen? Doch mindestens drei! Selbst wenn er diese Kerle überrascht hatte, war das bemerkenswert. Schließlich waren die schwer bewaffnet gewesen.
Und wie sollte sie mit der Forderung umgehen, der Polizei nichts zu erzählen? Sie kam nicht weit mit ihren Überlegungen, denn die Tür wurde aufgerissen und Sophia stürmte herein. Hinter ihr lugte vorsichtig ein kleinerer Junge ins Zimmer.
„Sie sind wach“, strahlte Sophia. „Geht es Ihnen gut?“
Nathalie war froh, dass sich das Mädchen nicht in ihre Arme warf, sondern vor dem Bett stehen blieb.
„Hallo Sophia“, lächelte sie. „Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. – Ist das dein Bruder?“
Sophia warf einen ungeduldigen Blick zur Tür.
„Komm schon rein, Benni, Nathalie ist total nett. Und unheimlich klug!“
Als der Junge zögernd das Zimmer betrat und näher kam, war deutlich zu erkennen, dass er Sophias Bruder war. Die gleichen blonden Haare, und die gleichen blauen Augen. Doch er wirkte vorsichtiger, schüchterner. Nathalie schätzte sein Alter auf ungefähr zehn Jahre.
Sie lächelte ihn freundlich an.
„Hallo Benni, freut mich, dich kennen zu lernen.“
Benedict Hunter stand mit niedergeschlagenen Augen vor ihr und seine Hände krampften sich nervös ineinander. Er wirkte, als hätte er noch nie eine fremde Frau gesehen.
Sophia plapperte dagegen sofort los.
„Tom hat gesagt, dass Sie Schmerzen haben, aber es nicht zugeben wollen. Das ist aber alles andere als klug! Ich hab mal gelesen, dass Schmerzen einen verkrampfen lassen und dann wird alles nur noch schlimmer.“
Nathalie musste lachen und verzog sofort das Gesicht.
„Dein sogenannter Onkel hätte dir das nicht erzählen sollen, Sophia. Es ist meine Entscheidung, was ich aushalten will und was nicht.“
Sie wurde sofort knallrot.
„Tut mir leid. Das mit dem Onkel mein ich. Aber wenn ich Ihnen gesagt hätte, dass er mein Leibwächter ist, hätten sie vielleicht gedacht, dass ich mich wichtigmachen will. Das wollte ich nicht.“
„Sophia, du bist wichtig! Jeder Mensch ist wichtig. Und wenn deine Eltern glauben, dass du Schutz brauchst, werden sie ihre Gründe haben und es muss dir nicht peinlich sein.“
Das Mädchen grinste wieder.
„Sie sind wirklich klug. Danke. Und noch mehr danke, dass Sie mich beschützt haben. Ich bin so froh, dass diese Bastarde Sie nicht schlimmer getroffen haben.“
„Bastarde ist kein guter Ausdruck“, tadelte Nathalie lächelnd.
„Das waren ja auch keine guten Kerle“, verteidigte sich Sophia. „Und außerdem hat Dad den Begriff benutzt. Dann darf ich das ja wohl auch.“
„Da kann ich wohl nicht widersprechen.“
Nathalie musste sich zwingen, nicht laut loszulachen. Sophia war zweifellos temperamentvoll, aber dazu ausgesprochen ehrlich in ihrer Art. Das gefiel ihr. Ihr Blick glitt wieder auf Sophias Bruder, der inzwischen vorsichtig zu ihr hochsah.
„Gehst du auch auf die Marble Hills High School?“
Er schüttelte den Kopf, aber es war Sophia, die antwortete.
„Benni hat einen Privatlehrer. Dad meint, dass das sicherer für ihn ist.“
„Hm.“ Nathalie überlegte, was sie darauf antworten sollte. Noch wusste sie zu wenig über diese Familie. Doch klar war jetzt schon, dass Sophia Hunter keiner durchschnittlichen amerikanischen Familie angehörte.
„Na, ich hoffe, der Lehrer ist wenigstens nett“, lächelte sie dann. Ein schüchternes Lächeln stahl sich auf Bennis Gesicht.
„Er ist sehr nett.“ Die Antwort kam leise aber bestimmt.
„Sehr schön. Ist Mathe zufällig auch dein Lieblingsfach?“
Sein Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen.
„Mathe ist cool. Sophia ist nur zu dumm dafür.“
Seine Schwester schnaufte empört, aber Nathalie sah das belustigte Funkeln in ihren Augen und freute sich. Offenbar mochten die beiden Geschwister sich und das war wundervoll.
„Benni ist echt gut in Mathe“, bestätigte Sophia. „Dafür hat er überhaupt kein Gespür für fremde Sprachen. In Französisch ist er grottenschlecht!“
Benni verzog das Gesicht, aber Sophia quietschte plötzlich begeistert auf.
„Aber jetzt sind Sie ja da! Sie können ihm doch erklären, wie das mit der Lernstrategie funktioniert.“
„Das kannst du doch auch, Sophia“, wandte Nathalie lächelnd ein, aber das Mädchen schüttelte energisch den Kopf.
„Das hab ich schon versucht, hat aber nicht geklappt. Ich kann das nicht so gut rüberbringen wie Sie. Bitte! Erklären Sie es Benni auch.“
Nathalie seufzte innerlich, aber ihr war klar, dass sie nicht daran vorbei kommen würde. Schon allein deshalb nicht, weil sie Bennis hoffnungsvollen Gesichtsausdruck vor sich hatte.
„Ich hoffe ja nicht, dass ich allzu lange hier sein werde“, meinte sie, „aber gut. Ein zwei Stunden werde ich sicherlich Zeit dafür haben.“
„Ja!“ Sophia klatschte triumphierend in die Hände. „Super. Benni, glaub mir, das katapultiert dich weit nach vorne.“
„Moment“, bremste Nathalie ihre Euphorie. „Das hängt einzig und allein von deinem Bruder ab. Ich kann nur die Strategie liefern. Umsetzen muss er es alleine.“
Es klopfte an der Zimmertür und eine junge Frau trat ein.
Nathalie war erst irritiert von ihrer Bekleidung. Sie trug ein knielanges graues Kleid mit einer weißen Schürze. In den Händen hielt sie ein Tablett.
„Ich bringe Ihr Abendessen. Dr. Bates.“
Ihr Lächeln war freundlich aber distanziert.
„Oh.“ Nathalie richtete sich langsam auf. „Das ist sehr nett von Ihnen. Darf ich wissen, wer Sie sind?“
„Das ist Daisy, unser Hausmädchen“, tönte Sophia. Nathalie runzelte die Stirn und sah sie unwillig an.
„Sophia, dich habe ich nicht gefragt! Und ich denke, die junge Frau kann selber antworten.“
„Tschuldigung“, murmelte Sophia und zog den Kopf ein.
„Es ist nicht schlimm, Dr. Bates“, versicherte das Hausmädchen hastig. „Sophia meint das nicht böse.“
„Das weiß ich, Daisy.“ Nathalie lächelte sie freundlich an. „Aber es ist eine Frage des Respekts. Nochmals danke für das Essen.“
Daisy stellte das Tablett auf den Beistelltisch.
„Soll ich Ihnen helfen?“
„Danke, aber das krieg ich schon irgendwie hin.“
Als Daisy verschwunden war, meinte Sophia ärgerlich:
„Was meinen Sie mit Respekt? Ich hab doch nur ...“
„Sophia“, unterbrach Nathalie sie. „Wem habe ich die Frage gestellt?“
„Äh ... Daisy.“
„Genau. Hast du geglaubt, dass Daisy nicht in der Lage ist zu antworten?“
Sophia wurde rot.
„Nein“, murmelte sie dann.
Nathalie nickte. „Dann wirst du auch wissen, was ich damit meine. – Aber du kannst mir gerne helfen. Ich glaube, das Tablett steht auf meinen Beinen besser als auf dem Tisch da.“
Sekunden später stand vor ihr ein respektables Abendessen und sie schickte die Kinder hinaus. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken. Immerhin musste sie sich entscheiden, ob sie Tom Jordans Ansinnen nachkommen wollte.
Noch am gleichen Abend erhielt sie weiteren Besuch.
Julia Hunter war eindeutig Sophias und Benedicts Mutter. Das gleiche blonde Haar und die gleiche Kinnpartie. Aber ihr schien es, dass Benedict seiner Mutter mehr ähnelte, als Sophia. Vermutlich kam das Mädchen mehr nach dem Vater.
In Julia Hunters braunen Augen stand Neugier, aber auch eine gewisse Ablehnung geschrieben.
„Sie sind Professorin an der Stanford University!“
„Hm, so ist es.“
Nathalie beschloss, erst einmal unverbindlich freundlich zu sein und herauszufinden, warum Julia Hunter sie nicht mochte, obwohl sie sich nie begegnet waren.
„Sophia hat mir erzählt, dass Sie ihr bei Mathe geholfen haben.“
„Hm, auch das ist richtig. Allerdings habe ich ihr nicht unbedingt bei Mathe geholfen. Ich habe ihr nur gezeigt, wie Sie Mathe am besten lernt. Und Ihre Tochter ist erfreulicherweise klug genug, das umzusetzen.“
Ein leises Lächeln zuckte durch Julia Hunters Gesicht.
„Ja, sie ist wirklich klug. Aber manchmal auch sehr anstrengend, weil sie immer alles besser weiß.“
Jetzt musste Nathalie doch lachen und das rächte sich sofort. Ein Zucken glitt über ihre Miene, doch sie schluckte den Schmerz hinunter und meinte: „Das hört sich nach einem pubertierenden Teenager an. Die sind meistens anstrengend.“
„Haben Sie auch Kinder?“
Nathalie schüttelte den Kopf.
„Nein, leider nicht.“
Sie kannte diese Frau nicht und würde ihr mit Sicherheit nichts von ihrer privaten Hölle erzählen.
„Dann haben Sie keine Ahnung, wie das ist“, erklärte Sophias Mutter. „Seien Sie froh. – Es tut mir leid, dass Sie verletzt wurden. Aber ich muss zugeben, dass ich dankbar bin, dass es Sie getroffen hat und nicht meine Tochter. Das hört sich zwar nicht nett an, doch wenn ihr etwas passiert wäre, wäre hier die Hölle los gewesen.“
Als sie Nathalies fragende Mimik sah, schob sie nach: „Mein Mann ist ein – na, sagen wir mal ein Choleriker. Und wenn es um unsere Kinder geht, ist er besonders empfindlich.“
Nathalie wurde aus dieser Frau nicht schlau. Sie wirkte zerrissen zwischen den verschiedensten Gefühlsebenen. Liebe, Hass, Enttäuschung, Zorn, Traurigkeit. Doch welches Gefühl galt wem?
Nathalie Bates war erleichtert, als sie kurze Zeit später wieder alleine war. An was für eine Familie war sie da bloß geraten? Nichts schien hier normal zu sein. Keine Harmonie, kein übliches Familienleben. Doch was war heutzutage schon normal? Wenn sie darüber nachdachte, fielen ihr nur erschreckend wenige Familien ein, die halbwegs funktionierten, wenn man einen konservativen Maßstab anlegte. Die meisten Ehen waren geschieden, Patchwork-Familien schon eine Normalität und Alleinerziehende keine Seltenheit.
Immerhin hatten Sophia und Benedict noch Eltern.
Ob sie den Vater auch noch kennenlernen würde?
Es war später Abend, als Tom Jordan das Zimmer wieder betrat. Als sie ihn nach Asher Hunter fragte, schüttelte er den Kopf.
„Er wohnt nicht hier.“
„Und diese Entführung ist kein Grund für ihn zu kommen?“, fragte sie erstaunt.
„Den Kindern geht es gut und hier auf dem Landsitz sind sie sicher“, kam die trockene Antwort. „Er kommt nur, wenn es absolut notwendig ist.“
Das war heftig. Und seltsam.
„Sophias Mutter hat angedeutet, dass ihm sehr viel an den Kindern liegt“, hakte sie vorsichtig nach. Tom schien mit sich zu ringen, doch schließlich meinte er:
„Er wäre sofort da, wenn Julia es zuließe. Sie will nicht, dass er kommt.“
„Das – tut mir leid. Wissen die Kinder davon?“
Er nickte. Spätestens jetzt war Nathalie klar, dass sie wohl niemals Julia Hunters Freundin werden würde. Wie konnte diese Frau ihren Kindern den Vater entziehen? Das war absolut inakzeptabel. Sie seufzte.
„Und Sie können sie nicht dazu bringen, dass die Kinder ihren Vater öfter sehen können?“
„Ich bin nur geduldet, Dr. Bates. Julia kann mich noch weniger leiden als ihren Mann. Sie akzeptiert meine Anwesenheit nur, weil sie Angst um ihre Kinder hat. – Haben Sie es sich überlegt, ob Sie unserer Bitte nachkommen wollen?“
Nathalie schürzte unbewusst die Lippen.
„Wissen Sie Mr. Jordan, ich lasse mich ungern zu so einer Entscheidung drängen. Anscheinend ist hier bei Ihnen alles ziemlich kompliziert. Mir ist durchaus klar, dass mich das Familienleben der Familie Hunter nichts angeht, aber Sie verlangen von mir etwas Ungesetzliches. Wenn ich mich darauf einlassen soll, brauche ich schon etwas Überzeugenderes als Familienzwistigkeiten.“
Er nickte. „Nennen Sie mich ruhig Tom, Dr. Bates. Und es liegt mir fern, Sie zu etwas zu zwingen. Allerdings hat Asher Hunter angeordnet, dass Sie erst gehen können, wenn diese Angelegenheit geklärt ist.“
Sie blinzelte überrascht. Das klang schon beinahe danach, dass man sie hier gefangen hielt.
„Hm, also ist dieses Zimmer hier eine gemütliche Gefängniszelle?“
Jetzt lachte er, doch sie registrierte, dass seine Augen nicht mitzogen.
„Keine Sorge, Dr. Bates, sie können sich frei bewegen. Aber das Gelände sollten sie tatsächlich nicht verlassen. Noch wissen wir nichts über die Entführer und Sie sind zu schwer verletzt.“
„Das war zwar keine echte Antwort auf meine Frage“, lächelte Nathalie, „aber zumindest haben Sie nicht unrecht. Im Übrigen können Sie mich Nathalie nennen, Tom. Der Dr. ist rein akademisch.“
Jetzt lächelten auch seine Augen und sie konnte sich vorstellen, ihn zu mögen. Doch eine Sache musste sie noch klären.
„Sie haben mir den Arm gebrochen, nicht wahr?“
Diese Frage traf ihn unerwartet und für einen kurzen Augenblick wurde er rot. Nathalie blinzelte. Waren das rote Muster auf seiner Haut gewesen?
Er räusperte sich und wirkte verlegen.
„Das tut mir aufrichtig leid, Dr. Bates – ich meine Nathalie. Sie haben mich angegriffen, weil Sie wohl glaubten, dass ich einer der Entführer war und – ich hab aus einem Reflex heraus gehandelt.“
„Das dachte ich mir schon“, lächelte sie. „Und ich bin Ihnen nicht wirklich böse. Wahrscheinlich muss ich sogar froh sein, dass Sie mir nur den Arm gebrochen haben.“
Wieder flimmerte es kurz rot über seine Haut.
„Wie gesagt, es tut mir sehr leid. Glauben Sie mir, Sophia hat mir schon die Hölle heiß gemacht. Sie war ausgesprochen sauer.“
„Na, dann kann ich mir die Mühe ja sparen“, schmunzelte Nathalie und legte sich in die Kissen zurück. Tom, der neben ihrem Bett gestanden hatte, nickte und wirkte erleichtert.
„Schlafen Sie gut, Nathalie.“
Sie sah ihm mit halbgeschlossenen Augen hinterher. Er war ihr immer noch unheimlich, doch dafür hatte er einige sympathische Züge durchblitzen lassen. Die nächsten Tage würden mit Sicherheit interessant werden.
Landsitz von Asher Hunter, Ohio
Der nächste Tag gestaltete sich ereignisreicher als Nathalie gedacht hatte.
Morgens erhielt sie zunächst Besuch vom Hausarzt der Familie.
Dr. Hopkins war ein älterer grauhaariger Herr, der recht gutmütig aber durchaus kompetent wirkte. Nathalie erfuhr, dass sie mit ihren Verletzungen einige Wochen zu tun haben würde. Das war nicht überraschend, doch äußerst ärgerlich. Er empfahl ihr zumindest eine Woche Bettruhe und dann regelmäßige, doch vorsichtige Bewegung.
„An Ihrer Stelle würde ich versuchen, so lange wie möglich hier zu bleiben“, lächelte er und zwinkerte ihr zu. „Das Essen ist wirklich gut.“
Nathalie lachte freundlich.
„Mag sein, doch ich habe einen Job und den will ich nicht vernachlässigen.“
„Ich werde Sie auf jeden Fall für die nächsten sechs Wochen krankschreiben“, schlug er vor. „Sie scheinen mir eine vernünftige Frau zu sein. Wenn Sie sich wider meiner Prognose bereits in fünf Wochen fit fühlen, können Sie ja selbst entscheiden, ob Sie die letzte Woche noch zur Erholung nutzen wollen.“
Das klang fair und Nathalie stimmte zu.
Die nächste neue Bekanntschaft ließ nicht lange auf sich warten. Benedict stellte seinen Hauslehrer vor.
Oliver Stewart war ebenfalls ein älterer Herr, dem Nathalie den Lehrer sofort abnahm. Er wirkte etwas verstaubt, sehr gelehrt, sehr autoritär aber nicht unfreundlich. Es sprach für Benedict, dass er diesen alten Knaben als nett empfand. Aber Nathalie vermutete, dass dem Jungen schlicht und ergreifend ein Vergleich fehlte.
Benni Hunter hatte Mr. Stewart anscheinend begeistert erzählt, dass Nathalie ihm strategisches Lernen beibringen würde und das wollte der Mann sich natürlich nicht entgehen lassen.
Mit skeptischer Miene betrachtete er die in seinen Augen junge Frau, die mit dicken Verbänden im Bett lag und irgendwie so gar nicht zu seiner Vorstellung einer Professorin passte.
Nathalie war über seine Anwesenheit zwar nicht begeistert, doch sie konnte ihn schlecht vor die Tür setzen. Immerhin war er Bennis Lehrer und sie nur zu Gast. Doch der Zeitpunkt gefiel ihr nicht.
„Ich habe nichts dagegen, wenn Sie dabei sind“, erklärte sie ihm. „Doch heute möchte ich das Ganze ungern beginnen. Ich fühle mich noch nicht fit genug dafür. Doch soweit ich es verstanden habe, bin ich noch einige Tage hier. Wenn es mir in drei Tagen besser geht, können wir das Ganze gerne angehen.“
Benni war zwar enttäuscht, doch seine Augen hingen mitleidig auf ihren Verbänden.
Also warteten sie die nächsten Tage ab. Langweilen tat sie sich nicht. Vormittags kam Tom vorbei und nachmittags erhielt sie immer wieder Besuch von Benedict. Der Junge hatte seine Schüchternheit schnell überwunden und hing bewundernd an Nathalies Lippen, was ihr beinahe schon unangenehm war. So viel Bewunderung schlug ihr selten entgegen. Die meisten Menschen hielten eher Abstand zu ihr. Einige aus Mitleid, da sie ihre Vergangenheit kannten, andere aus Respekt oder Ablehnung.
Nathalie wusste, dass sie klug war. Vermutlich zurzeit die intelligenteste Person der Stanford University. Und kluge Menschen waren nicht immer beliebt.
Sie war nicht stolz darauf. In ihren Augen war ihre Intelligenz ein Geschenk, das gleichzeitig auch eine Verantwortung in sich trug. Und diese begleitete sie schon ihr ganzes Leben. Nur wenige Jahre konnte sie dieser Verpflichtung eine glückliche Familienzeit entgegensetzen. Seitdem war sie einsam. Bennis bewundernden Augen machten ihr das nur bewusster und sie bemühte sich, die aufsteigende Traurigkeit zu verdrängen.
Sophias Temperament half ihr dabei. Das Mädchen sprühte vor Energie und Tatendrang und hätte Nathalie am liebsten das gesamte Gelände des Landsitzes gezeigt. Dass Nathalie das Bett hüten musste, empfand sie anscheinend als persönliche Beleidigung. Im Gegensatz zu ihrem Bruder hatte sie keine Probleme damit, Nathalie um Rat zu fragen, und so gestalteten sich der späte Nachmittag und ebenso der Abend zu einer munteren Hausaufgaben- und Lernbetreuung.
Nathalie beschwerte sich nicht. Alles war besser als langweiliges Herumliegen.
Julia Hunter zeigte sich nicht mehr, doch Daisy, das Hausmädchen, kam immer wieder herein und Nathalie brauchte nicht lange, um die junge Frau zum Lächeln zu bringen. Von ihr erfuhr sie, dass neben Daisy noch weitere Angestellte auf dem Landsitz lebten. Ein Gärtner mit zwei Gehilfen, ein Butler und eine Hauswirtschafterin namens Gertrud, die gleichzeitig auch Köchin war, und zwar eine sehr gute, so wie es Dr. Hopkins gesagt hatte.
Daisy verriet ihr auch, dass seit der Entführungsgeschichte noch zwei weitere Männer von Asher Hunter geschickt worden waren. Diese lebten zwar nicht auf dem Anwesen, doch sie begleiteten Sophia zur Schule und hielten vor dem Gebäude Wache, bis das Mädchen wieder nach Hause musste. Als sie Tom darauf ansprach, verzog der das Gesicht.
„Dieses Mädchen kann das Tratschen nicht lassen“, knurrte er, bestätigte aber das Gehörte.
