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Nach ihrer Flucht aus dem Münchener Hexenhaus finden Theresia Lindauer und ihre Getreuen Zuflucht bei den Keltai. Doch ihre Rebellion zieht Kreise bis in die USA. Es droht ein Krieg zwischen den Völkern, und nicht nur Theresia muss all ihr diplomatisches Geschick aufbringen, um eine Eskalation zu verhindern.Auch die Keltai müssen sich entscheiden, wie sie sich in Zukunft gegenüber den anderen Völkern positionieren wollen, ohne ihre eigentliche Aufgabe aus den Augen zu verlieren. Die Vernichtung der Dubhsaoil. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe. Dies ist eine Fortsetzung. Den LeserInnen wird empfohlen, vorher "Schattenherz" zu lesen.
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Seitenzahl: 544
Veröffentlichungsjahr: 2022
Buchbeschreibung:
Nach ihrer Flucht aus dem Münchener Hexenhaus finden Theresia Lindauer und ihre Getreuen Zuflucht bei den Keltai. Doch ihre Rebellion zieht Kreise bis in die USA. Es droht ein Krieg zwischen den Völkern, und nicht nur Theresia muss all ihr diplomatisches Geschick aufbringen, um eine Eskalation zu verhindern.Auch die Keltai müssen sich entscheiden, wie sie sich in Zukunft gegenüber den anderen Völkern positionieren wollen, ohne ihre eigentliche Aufgabe aus den Augen zu verlieren. Die Vernichtung der Dubhsaoil.
Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.
Bisher erschienen:
Fellträger
Aschenhaut
Seelenfresserin
Wächterin
Spurensucher
Seelenmalerin
Rebellen
Wandlerin
Schattenherz
Über die Autorin:
Ana Marna studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund dem Schreiben zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science-Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren entschloss sie sich, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen.
Hexengrimm
The Hidden Folks
Von Ana Marna
Gewidmet allen Frauen,
die sich nicht scheuen,
für Gerechtigkeit und Frieden zu kämpfen.
1. Auflage, 2022
© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Kontaktadresse: Hummelshain Verlag, zu Hd. Peter Marx
Werdener Str. 28, 45219 Essen
www.ana-marna.de
www.facebook.com/ana.marna.92372
Was bisher geschah ...7
Das Ritual9
Flaith13
Neue Befehle19
Hexen und Wölfe23
Ein Schwur31
Beratungen39
Zukunftspläne45
Multiple Gefühle53
Ein Seelenbild61
Ein Entschluss69
Schattenbande82
Ein altes Zuhause89
Neue Gesichter107
Ein neues Zuhause112
Ein Überfall124
Spinnenjagd139
Jede Menge Fragen144
Entgegen alter Tradition154
Wolfstransfer161
Hexengeheimnisse176
Folgenreiche Entscheidungen185
Unerwarteter Besuch204
Abtrünnig210
Eine längst überfällige Konfrontation219
Erkenntnisse aus vergangenen Zeiten226
Ungewöhnliche Besucher233
Verlorene Seelen238
Entführt256
Seelenfresserin268
Fell und Federn279
Bye bye Germany288
Süße Geständnisse295
Keine Vergebung308
Unschöne Neuigkeiten315
Eine Planungsrunde319
Ein neues Outfit328
Ein frustrierendes Gespräch334
Hexengeheimnisse339
Es gibt viel zu tun347
Kontaktaufnahme356
Eine harte Verhandlung367
Team Raik380
Anhang386
Wie es weitergeht...394
Nachwort400
Dajana Lindauer ist eine Hexe ohne Hexentalent. Das allein ist schon schwer genug für eine junge Hexe. Doch seit ihrer Kindheit leidet sie unter dunklen Alpträumen und sieht dunkle Schatten an ihrer Seite. Um ihre Tochter zu schützen, verheimlicht die oberste Bibliothekarin des Münchener Hexenhauses, Theresia Lindauer, diese Träume vor allen anderen Hexen. Denn Träume von Seelen und Schatten fallen in der gängigen Vorstellung unter Schwarzmagie. Bald finden sie auch Verbündete unter den Bewohnern des Hexenhauses und beschließen zu fliehen, um ein neues Hexenhaus zu gründen. Ein Haus mit neuen Regeln im Einklang mit den anderen Völkern.
Die Keltai, Nachfahren der alten Kelten, leben seit Jahrhunderten im Verborgenen und haben sich der Jagd nach der Dubhsaoil verschworen, einer Wanderseele, die unglücklicherweise auch eine vielbegabte Schwarzhexe ist. Um die Schwarzhexe zu vernichten, müssen die Keltai die Seelenjäger beschwören. Jahrtausende alte Schattenseelen, die in der Zwischenwelt verharren.
In den Vereinigten Staaten tritt ein Außenteam der Keltai zum ersten Mal mit den Wölfen in Kontakt, wenn auch unfreiwillig. Diese begleiten Dr. Valea Noack auf ihrer Mission: Sie möchte herausfinden, wie man die Schwarzhexe besiegen kann. Dr. Noack schickt das Team zur Spinnenfarm und die Keltai lernen dort die Spinnenmagikerin Selina Serra und die weiße Hexe Marie-Sophie Levine kennen. Es kommt zu einem intensiven Informationsaustausch und die Keltai offenbaren ihr oberstes Ziel: Die Vernichtung der Dubhsaoil.
In Europa findet derweil die Seelenmalerin Hannah O’Brian ein Seelenbild in Frankreich und lernt ein wenig mehr über ihre Gabe. Valea Noack hofft, dass Hannahs Talent bei der Vernichtung der Dubhsaoil helfen kann.
Kurz vor Samhain, der Nacht, in der die Grenzen zwischen der realen Welt und der Zwischenwelt besonders dünn sind, fliehen die Rebellen-Hexen aus dem Münchener Hexenhaus. Dabei wird Dajana von den Keltai entführt. Die flüchtigen Hexen finden Schutz bei dem deutschen Wolfsrudel, was die europäischen Hexen in Unruhe versetzt.
Bald schon belagern die Hexen des Münchener Hexenhauses das Deutschland-Rudel und verlangen die Herausgabe der „Verräterinnen“. Aber der Rudelführer Wulf Riemann steht zu seinem Wort und verweigert dies.
Als Theresia erfährt, dass ihre Tochter in einem Beschwörungs-Ritual geopfert werden soll, sucht sie das Haupthaus der Keltai auf, um ihre Tochter zu retten. Doch die Keltai lassen sich nicht von der Opferung abbringen, da dies der einzige Weg ist, die Seelenjäger zu beschwören. Sie gestatten aber Theresia, an der Opferung teilzunehmen.
In der Samhain-Nacht findet das Ritual statt und Theresia stellt sich zum ersten Mal ihren Hexenschwestern entgegen, als diese das Ritual stören. Mit Hilfe der Keltai-Magie gelingt es, den Angriff abzuwehren, und die Beschwörung gelingt.
Dajanas Schatten werden aus der Zwischenwelt beschworen und nehmen Gestalt an. Dajana selbst stirbt zunächst, wird aber wiedererweckt. Doch ihr Schicksal liegt jetzt in den Händen der Seelenjäger.
632 v. Chr. Samhain
Lacra, Schwarzwald, Deutschland
Die Nacht war so schwarz, wie es nur bei Neumond sein konnte. Dunkle Wolken verdeckten auch die Sterne, so dass nur die Fackeln rund um den Opferaltar die Umgebung in flackerndes Licht tauchten. Es war ein dichter Ring aus Flammen, vermutlich hunderte.
Hinter den Fackeln standen dicht an dicht die Krieger von Lacra. Hundert Mann stark, geschützt nur durch bläulich schimmernde Runen auf ihrer Haut. Nackt bis auf die Waffengurte, in denen ihre Schwerter und Messer steckten. Vor jedem von ihnen kniete ein Mann. Gebunden und mit gesenktem Haupt ebenso nackt, doch völlig ungeschützt.
Flaith achtete nicht auf diesen menschlichen Wall. Seine Konzentration galt einzig seinen zukünftigen Weggefährten.
Ein Jahr lang hatten die Vorbereitungen gedauert, die für das Schattenritual nötig waren. Ein Jahr, das ihn und seine Männer nicht nur äußerlich verändert hatte.
Sie hatten die Stunden nicht gezählt, die sie zusammen trainierten und zusammen litten. Es mussten tausende gewesen sein.
Flaith stand am Kopfende des Altars, rechts hatten sich Breanainn und Cadan postiert, links Maccus und Laogh. Ihre Körper waren, bis auf das Gesicht, komplett mit schwarzglänzenden Blutrunen überzogen. Gestochen mit einem Gemisch aus dem Blut unzähliger Feinde, Faiberwaid und Magie. Vermengt mit dem eigenen Blut. Jeder Nadelstich hatte sich wie Feuer in ihre Körper gebrannt und war für die Ewigkeit bestimmt.
Nie würden die Blutrunen verblassen. Sie standen für Schutz, Stärke und Schnelligkeit. Alles, was einen Krieger ausmachte.
Auch Flaith trug diese Runen an sich. Selbst ihre Kopfhaut war tätowiert, was lediglich bei Breanainn zu sehen war, der eine Glatze trug. Alle anderen hatten inzwischen wieder Haare, wenn auch ungewohnt kurz. Es war nicht mehr viel Zeit zum Nachwachsen geblieben.
Jeder von ihnen trug eine weitere Rune auf der Stirn, die sich jedoch unterschieden. Sie standen für ihre Stellung im Bund. Und jeder hatte einen goldenen Torque um den Hals liegen und war mit goldenen Armschienen ausgestattet. Sie dienten weniger dem Schutz. Vielmehr sollten sie gewährleisten, dass ihnen in einem nächsten Leben genügend Geldmittel zur Verfügung standen.
Doch die Kleidung war individuell. Das hatte man ihnen gestattet.
Maccus war nackt, so wie er es liebte. Lediglich ein breiter Waffengürtel umschlang seine Hüften und ein weiterer lag quer über seinem Oberkörper. Zahlreiche Trophäen waren an ihm befestigt, ebenso sechs Messer und zwei Kurzschwerter.
Breanainn hatte sich für einen bronzenen Brustpanzer, Lederhose, Leinenhemd und einen Fellumhang entschieden. Er trug ebenso sein Schwert und sein Messer in einem breiten Ledergürtel. Natürlich ebenfalls mit Trophäen behängt.
Auch Cadan trug eine Lederhose und einen weichen Fellmantel. Am Gürtel waren Köpfe, Messer und Schleuder befestigt und an seinem Rücken hingen Bogen und Köcher.
Laoghs Beine steckten in einer engen Lederhose. Der unverzichtbare Waffengürtel hielt seine Schleuder, Messer und sein Kurzschwert parat. Und – selbstverständlich – die Trophäen seiner Siege.
Alle vier Krieger unterschieden sich in Statur und Ausrüstung, und doch wirkten sie bereits wie eine Einheit. Verbunden nicht nur durch die Blutrunen, sondern auch durch den festen Willen, das Ritual zu vollziehen.
Flaiths weiter Überwurf hob ihn ein wenig von den anderen Kriegern ab. Auch er hatte sich für eine Lederhose und einen Fellumhang entschieden. Seine Bewaffnung war ein Schwert. Doch neben den obligatorischen Trophäen hingen diverse Beutel und Taschen an seinem Gürtel, die für Druwiden wichtige Utensilien enthielten: Zeichenfedern, getrocknetes Faiberwaid, diverse Kräuter und Pülverchen.
Alles, was sie am Leib trugen, jeder Stoff, jedes Leder, jedes Metall, einfach alles war mit Blutrunen überzogen worden. Nichts sollte ihnen im Tod entrissen werden, so dass sie jederzeit für den Kampf gerüstet waren.
Flaith war ehrlich gespannt, ob auch der Inhalt seiner Beutel überdauern würde. Möglicherweise würde er ihn beizeiten erneuern müssen. Doch das war die geringste seiner Sorgen.
Was seine Männer und ihn angingen, so waren sie bereit.
In dem zurückliegenden Jahr hatten sie sich aufeinander eingeschworen und jeder hatte seine Seele vor den anderen entblößt. Es gab keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen, und wenn doch, so würden sie nach dem Ritual offenbar werden.
Doch das Gelingen des Blutrituals war nicht nur von ihnen abhängig. Weitere Zauber mussten gesprochen werden, weitere Runen gezeichnet. Alles in dieser einen Nacht. Und kein Druwid durfte fehlen. Jeder Federstrich musste sitzen, jedes Wort korrekt rezitiert werden.
Und dann war da noch die Hexentochter.
Sie lag zwischen ihnen auf dem Opferstein, völlig ruhig, die Arme locker an ihren Körper gelegt. Ihre Miene war entspannt und ihre braunen Augen blickten voller Vertrauen zu ihm empor.
Aoibh. Die Schöne.
Und das war sie. Flaith kannte inzwischen jede Rundung ihres Körpers, jede Mimik und jede ihrer Bewegungen. Er hatte sie lachen und weinen sehen, schimpfend und flirtend, nachdenklich blickend und neugierig fragend. Er kannte ihre warme Stimme, wenn sie flüsterte, wenn sie rief, wenn sie sang und wenn sie vor Zorn brüllte.
Sie war eine Hexentochter und doch so anders. Nichts Magisches schien in ihr verhaftet, doch die Corvata hatte sie auserwählt. Sie war wie ein leeres Gefäß, das gefüllt werden musste.
Auch sie trug eine Blutrune auf der Stirn, doch der Rest ihres Körpers war makellos weiß. Sie roch nach Baldrian und Schlafmohn, so wie auch Flaith und seine Mannen. Es war eine beruhigende Mischung, die ihnen allen ein wenig Gelassenheit schenken sollte. Zumindest bei Aoibh schien es zu funktionieren. Doch ihr Schicksal war auch ein anderes als das der Männer.
Sie waren alle überrascht gewesen, als sie erfuhren, dass nicht nur fünf Keltai das Ritual vollziehen würden.
Fünf Keltai, die in die Schatten gehen würden. Eine Hexe, die an sie gebunden war und sie wieder ins Leben führen sollte.
Ein Jahr lang hatte die schöne Aoibh zwischen ihnen verbracht. War von ihnen stundenlang mit rituellen Worten gebunden worden und hatte sich ihnen hingegeben.
Jetzt gehörte sie ihnen. Ihr Körper, ihr Leben, ihre Seele.
Als sich die kehlige Stimme des Obersten des Rats erhob, zuckte Flaith unwillkürlich zusammen.
Rauer Sprechgesang erfüllte die Luft, als nach und nach alle anderen Räte einfielen. Sie standen ebenfalls in einem weiten Kreis um den Opferstein herum. Die Hände erhoben, die Augen konzentriert geschlossen.
Dann sah Faol, der Oberste aller Druwiden, ihn an.
Im selben Moment vermischten sich gurgelnde Schreie mit dem Druwidengesang. Hundert Männer verloren zeitgleich ihr Leben.
Kriegsgefangene. Tapfere Krieger mit starkem Blut.
Flaith hielt seinen Blick starr auf Aoibhs Gesicht gerichtet.
Dies war also die Nacht, in der sie sterben würden.
Sechs Personen, die ihr Leben gaben.
Und keiner von ihnen wusste, ob sie wiederkehren würden.
Als er die scharfe Klinge an seinem Hals spürte, war sein letzter Gedanke: Du musst vertrauen!
Dann wurde es schwarz.
4. November 2021, Samhain
Lacra, Schwarzwald
Dunkelbraune Augen, ebenso dunkles Haar und ein hübsches schmales Gesicht. Flaith sog den Anblick in sich auf und spürte in sich hinein. Genoss dieses Gefühl der eigenen körperlichen Präsenz. Die Stofflichkeit, erwachende Sinne, die die Umgebung registrierten. Gestochen scharf, als wären sie nie tot gewesen. Jahrzehntelang eingefroren in träger Erinnerung, die nur einen Gedanken zuließ: die Suche nach der nächsten Auserwählten.
Er fühlte ihre Gegenwart in sich. Genauso, wie es sein sollte. Trotzdem war es anders als sonst.
Natürlich. Schließlich war die junge Frau, die vor ihm auf dem Altar lag, eine völlig andere Persönlichkeit. Trug in sich eigene Vorstellungen, Wünsche und Erfahrungen. Vorstellungen, die sich erheblich von denen ihrer letzten Vorgängerin unterschieden. Diese war eher ein Mäuschen gewesen. Ein Geschöpf, das es allen recht machen wollte. Jeden ihrer Wünsche erfüllte, sofern es ihr möglich war.
Doch jetzt lag vor ihnen eine kleine Wildkatze.
Noch wirkte sie hilflos, desorientiert und ein wenig ratlos. Und ihre plötzliche Schamhaftigkeit über ihre Nacktheit ließ ihn innerlich auflachen.
Er senkte wieder den Kopf, so dass sie ihn ansehen musste.
Dir muss nichts mehr peinlich sein. Wir kennen dich schon so lange. Und jetzt gehörst du uns endgültig.
Dieser Satz befriedigte ihn ungemein, löste in der kleinen Wildkatze jedoch prompt ersten Widerstand aus.
Ich gehöre nur mir selbst!
Sie antwortete ihm lautlos, so wie er sie angesprochen hatte. Offenbar hatte sie bereits akzeptiert, dass sie rein über ihre Gedanken miteinander kommunizieren konnten.
Erstaunlich.
Ihre Augen blitzten ihn allerdings mit wachsendem Ärger an. Dann zuckten sie beinahe verschreckt zu Maccus, der ein Schnaufen ausstieß und ihre linke Hand umfasste und zu seinem Gemächt führte. Dieses stand inzwischen komplett stramm in die Höhe, und so, wie Flaith seine Brüder kannte, erging es keinem von ihnen anders. Auch ihm selbst nicht.
Als ihre Hand an Maccus Härte gepresst wurde, stieß die junge Frau einen schockierten Laut aus. Wieder schwappte Scham in ihr hoch.
„Lass ihr Zeit“, mahnte Flaith, diesmal mit seiner Stimme. Sie klang kratzig und die Silben rutschten noch ungewohnt über seine Lippen. „Sie ist noch nicht so weit. Cadan, hilf ihr auf!“
Der sanfte Jäger hatte sich schon mehrfach in dieser Situation bewährt. Er war der geborene Verführer und verstand es von ihnen allen am besten, einer Auserwählten die Angst zu nehmen.
Zeitgleich lösten sie die Hände von dem Frauenkörper und Cadan streckte seine Rechte aus. Zögernd ergriff Dajana diese und ließ sich zum Sitzen hochziehen. Wieder wirkte sie für einen Moment desorientiert und schwankte.
„Bin ich wirklich noch am Leben?“, fragte sie schließlich zaghaft.
„Wieder, mein Herz“, lächelte Cadan. „Du musstest durch die Schatten gehen, um uns zu finden und zu leiten. Und wir sind alle sehr froh, dass du deine Aufgabe gemeistert hast.“
Flaith wandte den Blick ab und sah zu dem nahestehenden Druwiden, der sich bis jetzt schweigend zurückgehalten hatte. Alle anderen Druwiden hatten sich zurückgezogen und warteten im Hintergrund. Auch die Krieger würdigte er mit seinem Blick, bevor er die rötliche Magie-Kuppel über ihnen betrachtete.
Verblassende Zeugin eines zurückliegenden Kampfes. Er war gespannt, wer das Ritual hatte stören wollen.
Wieder sah er zu dem Druwiden. Dieser neigte jetzt ehrerbietig den Kopf.
„Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert, Seelenjäger. Ich bin Gael, Oberster des Rats und Bewahrer der Blutmagie. Wir sind stolz, dass wir euch rufen durften.“
Flaith lauschte auf den Klang der Stimme und auf die Aussprache. Zufrieden registrierte er, dass seine eigenen ersten Sätze dem Gehörten entsprachen. Es war jedes Mal ein Wunder für ihn, dass sie das entsprechende Wissen dafür durch die Auserwählte in sich trugen. Das erleichterte den Übergang in eine neue Zeit erheblich.
Wieder sah Flaith in die Runde. Die Keltai-Krieger hatten sich ihnen inzwischen halb zugewendet. Neugierige Augenpaare streiften sie.
Eines war grün.
Ihre Blicke trafen sich, verhakten sich. Ohne den Blick zu senken, fragte er:
„Was macht ein Kriegerwolf an diesem Ort?“
Gael räusperte sich.
„Er ist als Zeuge hier. Chief Bogdan Martinak ist der Anführer der Europe Security und damit derjenige auf dem alten Kontinent, der für die Sicherheit aller Wölfe zuständig ist.“
„Seit wann weiß er von uns?“
„Seit ein paar Tagen. Ebenso die Wandler. Und seit heute Nacht auch die Hexen.“
Immer noch lieferte er sich ein Blickduell mit dem Wolf. Keiner würde freiwillig nachgeben, so viel war schonmal klar. Wölfe hatte er bereits genügend kennengelernt, doch zum ersten Mal standen sie sich offen gegenüber. Noch war er sich nicht sicher, ob es gut oder schlecht war, dass die Keltai nun offenbart waren. Er war gespannt, welche Geschichte dahinter stand.
Ein lauter Schrei erklang, dann drängte sich eine Frau in den Kreis und rannte auf ihn zu. Ihr Blick fixierte jedoch die Auserwählte.
„Dajana!“
Als sie an ihm vorbeieilen wollte, streckte er den Arm aus und stoppte ihren Lauf. Gezwungenermaßen unterbrach er damit den Blickkontakt, doch er war nicht gewillt, eine fremde Person zu seinem Herzen laufen zu lassen. Auch wenn er ahnte, um wen es sich handelte.
Ein lautes „Uff“ entglitt ihr, als sie gegen seinen Arm prallte. Reflexartig riss sie die Arme hoch, doch Flaith war schneller und fixierte sie mit seinem anderen Arm.
Erschrockene braune Augen sahen zu ihm hoch. Sie kamen ihm bekannt vor.
„Du bist eine Hexe. Ich nehme mal an, die Mutter.“
Kurz stockte ihr Atem. Dann nickte sie und versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben.
„Allerdings. Und jetzt will ich zu ihr.“
Diese Situation war tatsächlich neu. Noch nie war eine Mutter bei dem Ritual anwesend gewesen. Störte es ihn?
Eindeutig ja. Das Herz gehörte jetzt ihm. Ihm und seinen Brüdern.
„Deine Tochter ist gestorben, Frau. Ihr neues Leben gehört nun uns.“
Sie schluckte, doch dann sprühte plötzlicher Zorn aus ihren Augen.
„Das ist mir egal, Keltai, Seelenjäger, Schatten oder wie auch immer du dich nennen willst. Ich habe Dajana in mir getragen, sie geboren und um ihr Leben gekämpft. Achtzehn Jahre lang. Ich habe daher mehr Rechte als ihr und ich bin nicht bereit, darauf zu verzichten.“
Flaith unterdrückte ein spontanes Lächeln. Keine Frage, dies war die Mutter. Das gleiche Temperament, der gleiche Kampfgeist.
„Ich bin Flaith, Druwid und Krieger der Keltai. Niemand zweifelt an deinen Rechten. Doch ihr Schicksal liegt nicht mehr in deinen Händen. Sie ist nun das Herz der Seelenjäger und niemand wird sie gegen unseren Willen berühren.“
Ein Ruck ging durch ihren Körper und ihr Blick veränderte sich. Ein stählerner Wille lag auf einmal in ihm.
Er war überrascht. Eine solche Entschlossenheit hatte er bisher selten bei Frauen angetroffen.
„Ich bin Theresia Lindauer und war bis vor wenigen Tagen oberste Bibliothekarin des Münchener Hexenhauses. Mein halbes Leben lang habe ich für Dajana gekämpft. Bis zum Schluss. Ich habe es sogar riskiert, dass meine Mitschwestern zu Schaden kommen. Wie kommst du auf die abstruse Idee, dass ich meinem Kind Böses will?“
„Sie ist nicht mehr dieselbe, Hexe. Wird es nie wieder sein.“ Im gleichen Moment fühlte er Zorn in sich auflodern. Ungewohnter Zorn. Sein Herz hatte inzwischen mitbekommen, wer in den Kreis getreten war.
„Mom!“
Sie sahen beide zu der jungen Frau hin, die vergeblich versuchte, von dem Stein zu rutschen. Maccus und Laogh schoben sich automatisch vor sie und schirmten sie ab.
Laute Flüche drangen zu ihnen durch.
„Lasst mich sofort runter! Das ist meine Mom! Wie kommt ihr auf die dämliche Idee, dass sie mir gefährlich werden kann?“
Sein Blick glitt zu seinen Brüdern. Sie wirkten genauso überfahren wie er. Nur Laogh fing an zu lachen und trat auf einmal zur Seite.
Sofort schoss eine kleine Gestalt zwischen den beiden Keltai hindurch, torkelte kurz und hielt dann auf Theresia Lindauer zu.
Flaith kapitulierte innerlich und trat zur Seite, so dass die beiden Frauen sich in die Arme fallen konnten.
„Ich dachte, ich hätte dich verloren.“, hörte er noch das Flüstern der Hexe.
Seine Brüder standen bereits bei ihnen. Und auch Gael trat dazu.
„Wir müssen diese Stätte verlassen“, mahnte der Druwid. „Sie ist nicht mehr sicher, jetzt, wo die Hexen von ihr wissen. Die Angreiferinnen sind zwar vorerst vertrieben, doch wir sollten in die Sicherheit unseres Hauses zurückkehren.“
Flaith nickte und sah wieder zu dem Wolf, der immer noch mit verschränkten Armen dastand und alles beobachtete. Hinter ihm hatte sich inzwischen eine weitere Gruppe versammelt. Flaith erkannte einen anderen Wolf, zwei Frauen und mehrere Männer. Menschen? Er war sich nicht sicher.
„So soll es sein“, stimmte er zu. „Unterwegs wirst du uns erzählen, wie die derzeitige Lage aussieht.“
Abgeschirmt von etwa dreißig Keltai-Kriegern verließen sie den Opferplatz. Die Seelenjäger hatten ihr Herz und die Hexenmutter in die Mitte genommen. Deren Begleitung schloss sich dem Zug an.
Flaith warf keinen Blick zurück. Die Zurückgebliebenen würden die Kultstätte säubern und mit neuen Schutzzaubern versehen, so dass neugierige Augen nichts weiter vorfinden würden als einen großen Steinquader auf einer natürlichen Lichtung. So war es schon immer geschehen.
4. November 2021
Oberstes Hexenhaus Milwaukee, Wisconsin, USA
Es kam nicht oft vor, dass man in das oberste Hexenhaus eingeladen wurde. Auch nicht, wenn man Vollstreckerin kurz vor der achten Stufe war. Daher fühlte Ibot Corbett eine gewisse Anspannung in sich. Ihr letzter Besuch im hohen Haus lag erst knappe drei Wochen zurück. Damals waren alle sechs Vollstreckerinnen sowie die Anführerin der Sucherinnen, Oberhexe Parker, zusammengerufen worden, um neue Instruktionen zu erhalten.
Keine der Anwesenden wunderte sich über die Thematik. Natürlich ging es um diese Schwarzhexe und die Suche nach Informationen über sie und ihre Magie.
Zu Corbetts Überraschung sollte ebenso die Suche nach der Spinnenmagikerin Selina Serra wieder aufgenommen werden. Richterin Standysh und Beraterin Howe berichteten von Gerüchten, wonach die Spinnenfrau für einige tote Hexen verantwortlich gemacht wurde, und auch, dass sie zusammen mit der Schwarzhexe gesichtet worden war.
Letzteres wunderte Corbett, da sie selbst miterlebt hatte, wie dieses Schwarzmagie-Geschöpf auf der Seite aller Völker gekämpft hatte. Andererseits hatte Serra keinerlei Zweifel daran gelassen, dass Hexen nicht auf ihrer Freundesliste standen. Und es herrschte das Gerücht, dass sie die oberste Hexe, Adrianna Contreras, überwältigt und bedroht hatte. Wie, darüber herrschte tiefes Schweigen. Natürlich. Contreras durfte sich keine Blöße geben, nicht schwach erscheinen.
Corbett bewunderte die Oberhexe schon lange für ihre Stärke und ihr politisches Durchsetzungsvermögen. Dass Selina Serra so nahe an diese Hexe herankommen konnte, war empörend und frustrierend zugleich.
Genauso ärgerlich war, dass sie offenbar eng mit den Vampiren zusammenarbeitete. Eine Schwarzmagikerin in Kombination mit Blutsaugern, da lag es vermutlich nicht so fern, dass sie auch mit Schwarzhexen näheren Kontakt pflegte.
Also war es wohl doch nicht wunderlich, dass erneut zu einer Suche nach diesem Geschöpf aufgerufen wurde.
Das Ziel wurde klar formuliert. Vernichtung der Spinnenmagikerin. Sie war eindeutig eine Gefahr für sie alle, daran hegten die oberen Hexen keine Zweifel.
Die Suche lag natürlich in der Verantwortung von Oberhexe Parker und ihren Sucherinnen. Die Vollstreckerinnen waren vor allem für das Sammeln von Informationen durch Befragungen verantwortlich. Eine Aufgabe, der Ibot Corbett mit Leidenschaft nachging. Es befriedigte sie ungemein, Geheimnisse aufzudecken. Verräterische Gedanken offen zu legen und zu bestrafen.
Bisher hatte sich in Bezug auf die Spinnenfrau jedoch nicht viel ergeben. Zumindest sie selbst konnte noch keine Erfolge in dieser Richtung vorweisen.
War das der Grund, dass Richterin Standysh sie erneut zu sich rief? Vorsichtshalber hatte sie jegliche Dossiers ihrer letzten Befragungen dabei. Ihre Assistentin Kerdar hatte sie sorgfältig zusammengestellt, besser hätte sie selbst es auch nicht machen können.
Jetzt hockte sie ungeduldig im Vorzimmer der Richterin und vermied es bewusst, auf ihre Uhr zu sehen. Es geziemte sich nicht, Ungeduld zu zeigen. Zumal die Vorzimmerhexe ihr immer wieder verstohlene Blicke zuwarf.
Ibot Corbett wusste um ihren Ruf. Sie galt als hart, gnadenlos und unbestechlich. Die meisten Hexen hatten mehr als Respekt vor ihr. Furcht traf es da eher. Und genauso wollte sie es haben. Es vereinfachte ihre Arbeit erheblich, wenn die Delinquentinnen, die ihr vorgeführt wurden, keine Hoffnung auf Gnade in sich trugen. Die meisten wagten keinen Widerstand, sondern waren sofort geständig. Das sparte Zeit, die sie sinnvoller verwenden konnte.
Zum Beispiel für das Warten, vorgeladen zu werden.
Als sie eine Viertelstunde später das Büro von Richterin Standysh betrat, setzte sie eine reglose Miene auf.
Die Richterin begrüßte sie freundlich, aber knapp und bat sie, Platz zu nehmen.
„Ibot, du wunderst dich vermutlich, warum du wieder hier sitzt. Das hat den einfachen Grund, dass sich ein paar Neuigkeiten ergeben haben, die uns zur Eile zwingen.“
Corbett horchte interessiert auf. Eile war in ihrem Gewerbe nicht immer von Vorteil, doch manchmal unabdingbar.
„Nun, zum einen wissen wir endlich, wo sich die Spinnenmagikerin aufhält. Zudem lebt die flüchtige weiße Hexe Marie-Sophie Levine bei ihr. Und, was dem Ganzen die Krone aufsetzt, die Wandlerhexe, die Asher Hunter uns vorenthält, scheint dort regelmäßig Gast zu sein.“
Das klang tatsächlich nach Eile. Corbett war wie elektrisiert.
„Wir könnten drei Fliegen auf einen Streich erwischen“, murmelte sie, was Standysh nicken ließ.
„So ist es. Serra und Levine müssen für ihre Taten gerichtet werden und die Wandlerhexe kann endlich in unsere Obhut gebracht werden.“
Ibot Corbett wusste nur zu gut, was die Richterin ihr damit auftrug. Sie war für die Hinrichtung der Spinnenfrau und der Weißhexe verantwortlich. Die Wandlerhexe würde sie an die Akademie weiterreichen müssen. Doch das war ihr nur recht.
„Wo finde ich die drei Zielobjekte?“
„Auf einer Farm in Texas.“ Standysh schob ihr einen Zettel zu. „Oberhexe Parker hatte wohl den richtigen Riecher. Sie hat die Wandler überwachen und verfolgen lassen. Es war aufreibend und zeitintensiv. Einige Male wurden sie abgeschüttelt. Letztendlich machten sich jedoch Geduld und Können bezahlt.“
Die Richterin wirkte bei diesen Worten sehr zufrieden, was Corbett durchaus nachvollziehen konnte. Sie steckten sehr viel Zeit und Intensität in die Ausbildung der Sucherinnen. Und das hatte sich bisher meistens bezahlt gemacht. Zwar waren sie auf der Jagd nach ihren Zielpersonen nicht ganz so erfolgreich wie die Wölfe, da ihnen die entscheidenden Sinne fehlten, doch sie kamen dem Können der Vierbeiner schon ziemlich nahe. Und darauf waren die Sucherinnen berechtigterweise sehr stolz.
„Ich werde mich darum kümmern, Richterin.“
„Und ich bin mir sicher, mit Erfolg.“ Standysh lächelte sie zufrieden an. „Du bist zurzeit unsere talentierteste Vollstreckerin, was dem Hexenrat nicht entgangen ist. Sobald deine Aufgabe erfolgreich abgeschlossen ist, werde ich den Vorschlag für eine Höherstufung einbringen. Soweit ich informiert bin, hast du bereits sämtliche erforderlichen Tests dafür erfolgreich absolviert?“
Corbett nickte knapp und verkniff sich ein selbstzufriedenes Lächeln. Hochmut kam in den oberen Etagen selten gut an.
„Dann bin ich sicher, dass deinem Aufstieg nichts mehr im Weg steht, außer dieser Aufgabe.“
Die Richterin erhob sich.
„Sobald du die Lage sondiert hast, stehen dir so viele Kriegerinnen zur Seite, wie du für erforderlich hältst.“
Ibot Corbett verließ das Büro mit einem euphorischen Gefühl. Endlich zahlte sich ihre jahrelange Arbeit aus. Sobald sie die achte Stufe erreicht hatte, standen ihr jegliche Möglichkeiten offen. Sogar eine Position im obersten Hexenrat war denkbar. Nur wenige Hexen erreichten diesen Rang. Noch seltener erlangten Frauen die neunte oder gar zehnte Stufe. Selbst Oberhexe Contreras verharrte seit einigen Jahren auf Stufe neun. Ibot traute ihr jedoch zu, die Zehnte zu meistern. Einige Jahre würde es vielleicht noch benötigen, doch Contreras war schlau und zäh genug, um das durchzuziehen.
Sie selbst würde sich ebenfalls nicht ausruhen. Sie besaß den Ehrgeiz für mehr. Für viel mehr.
Doch jetzt musste sie sich erst einmal auf ihre nächste Aufgabe konzentrieren. Sie war nicht gewillt, zuzulassen, dass Serra, Levine und Asher Hunters Anmaßungen ihrer Karriere im Weg standen.
4. November 2021
Deutschland-Rudel, Nähe München
Am späten Abend zeigten sich mehrere Hexen vor dem Anwesen des Riemann-Rudels.
Hannah O’Brian bekam erst etwas davon mit, als ihr Ehemann Tucker O’Brian fluchend von der Couch sprang und zur Tür hechtete.
„Was ist los?“, schrie sie ihm hinterher und sprang ebenfalls auf die Füße.
„Ärger!“, kam die knappe Antwort. Natürlich rannte sie hinter ihm her. Schließlich war es nie verkehrt zu wissen, was das für Ärger war.
Die Antwort fand sie, als sie ihm nach draußen folgte.
Der Rudelführer Wulf Riemann und die Kriegerwölfe Henry Graves und Mort Byers standen bereits auf dem Vorplatz.
Die Krieger hatten sich mit der obligatorischen Kriegerpose hinter Hannahs Sohn aufgebaut: Verschränkte Arme, breitbeinig und mit finsterer Miene. Wulf selbst wirkte angespannt, doch so furchtlos und selbstsicher, wie sie ihn kannte.
„Ha!“, murmelte sie stolz. „Das ist mein Sohn!“
Tucker stieß ein amüsiertes Knurren aus, blieb aber stehen. Dies war nicht sein Rudel. Er würde sich im Hintergrund halten.
Jetzt erst sah Hannah die fünf Gestalten, die sich direkt vor der Einfahrt aufgebaut hatten. Gesichert war das Gelände durch einen hohen Metallzaun und ein dazu passendes Tor. Einsicht auf das Gelände war trotzdem ausgeschlossen, da der gesamte Zaun dicht bewachsen war. Ein praktisches Erbe von Wulfs Vorgänger. Albin Bolender war zwar ein echter Kotzbrocken gewesen, doch das Anwesen hatte er immer top gesichert und modernisiert.
Hannah blinzelte, um die Gestalten besser zu erkennen.
„Sind das Hexen?“
Der Gedanke lag zumindest nahe.
„Ich fürchte, ja“, brummte Tucker. „Sucherinnen sind beinahe so effektiv wie Wölfe. Ehrlich gesagt hätte es mich gewundert, wenn sie nicht hierhergefunden hätten.“
„Ihr versteckt Verräterinnen unseres Volkes“, scholl auf einmal eine weibliche Stimme durch die Nacht. „Gebt sie heraus, dann ziehen wir sofort wieder ab.“
Wulfs Antwort klang ruhig und bestimmt.
„Bisher hatten wir nicht den Eindruck, dass eure Schwestern Verräterinnen sind. Wie auch immer, wir haben unseren Schutz versprochen.“
„Das stand euch nicht zu!“ Oh ja, die Hexe klang richtig sauer. „Die Verräterinnen gehören unserem Volk an und müssen sich daher vor uns verantworten!“
„Wie gesagt“, antwortete Wulf ungerührt. „Bisher haben sie eurem Volk keinen Schaden zugefügt und wir stehen zu unserem Wort. Wir sind durchaus bereit, bei Gesprächen zu vermitteln. Doch jegliche Feindseligkeit werden wir als Angriff auch auf uns Wölfe ansehen.“
Oh oh. Hannah war sich nicht sicher, ob er sich damit nicht zu weit aus dem Fenster lehnte. Immerhin widersprach Henry nicht und auch Tucker zuckte mit keiner Wimper.
„Was ist, wenn sie jetzt angreifen?“, flüsterte sie. „Soll ich die Frauen und Kinder in Sicherheit bringen?“
Tucker warf ihr einen amüsierten Blick zu.
„Du?“
Sie blitzte ihn ärgerlich an.
„Natürlich ich. Wer sonst? Ihr Männer wärt ja schließlich mit was anderem beschäftigt.“
„Keine Sorge.“ Er sah wieder nach vorne. „Sie werden es nicht wagen. Vor allem nicht, da Krieger anwesend sind. Das wäre eine echte Kriegserklärung.“
Hannah war nicht beruhigt, aber sie schwieg.
Die Hexen hatten sich offenbar beraten. Jetzt erhob sich wieder die Stimme ihrer Sprecherin.
„Die Verräterinnen sollen sich zeigen!“
Hinter Hannah erklangen Schritte. Ein Blick zeigte ihr Solveig Morgenthau, die hoch erhobenen Hauptes über den Hof schritt und sich neben Wulf stellte.
„Hallo Irma. Es ist betrüblich, dass wir uns unter solchen Umständen treffen. Doch du kennst mich. Wir waren nie enge Freundinnen, doch wir haben uns respektiert.“
„Du bist eine Verräterin!“ Die Sprecherin spuckte diese Worte mit einer Verachtung aus, dass Hannah spontan eine Gänsehaut bekam. „Damit verdienst du keinen Respekt mehr. Weder du noch deine Mitverschwörerinnen.“
„Nun, was auch immer du glauben willst, Irma. Wir haben nicht vor, unser Volk zu verraten. Wir suchen nur nach einem anderen Weg, ihm zu dienen. Einen, der die Würde und Rechte jeder einzelnen Hexe respektiert. Egal, für welch ein Leben sie sich entscheidet. Solange sie unserem Volk nicht schadet.“
„Unser Volk? Du brichst die Regeln unseres Volkes und glaubst, es wäre immer noch dein Volk?“
Solveig Morgenthau blieb bemerkenswert ruhig. Hannah fand, dass sie eine sehr viel eindrucksvollere Figur abgab als diese Irma. Ihre hochgewachsene, hagere Gestalt stand wie ein Fels. Ruhig und kühl.
„Die Hexen waren und bleiben immer noch unser Volk. Wir zweifeln nur an den derzeitigen Regeln. Sie versetzen unsere Schwestern immer mehr in Angst und ufern regelmäßig so aus, dass viele unrechtmäßig zu Schaden kommen. Keine Hexe, die aufrichtig am Wohl ihrer Schwestern interessiert ist, kann dies ernsthaft für richtig halten. Doch sollte es so sein, werden wir das respektieren. Allerdings behalten wir uns vor, unseren eigenen Weg zu gehen. Und wir halten ihn gerne für interessierte Schwestern offen.“
Für einen Moment wirkte die Sucherin fassungslos. Dann giftete sie los: „Du glaubst doch nicht wirklich ...“
Solveig Morgenthau unterbrach sie rüde.
„Schweig, Irma. Ich bin nicht gewillt, hier und jetzt darüber zu diskutieren. Du kannst Oberhexe Malstatt gerne von unserem Gespräch berichten. Wir sind immer offen für einen Austausch. Doch wir werden nicht zurückkehren.“
Hannah war beeindruckt, dass die Sucherin tatsächlich schwieg. Offenbar hatte Solveig im Hexenhaus einiges zu sagen gehabt, sonst hätte das vermutlich nicht funktioniert.
Tucker sah das anscheinend ähnlich.
„Es wäre interessant zu wissen, welche Stellung unsere Hexe innehatte.“
Hatte er wirklich unsere Hexe gesagt? Hannah grinste ihn von der Seite her an.
„Unsere Hexe war nicht nur Lehrerin, sondern auch so eine Art Seelenklempnerin für alle“, erklärte sie genüsslich.
Tucker starrte sie an. „Fuck, habe ich wirklich unsere gesagt?“
„Hast du.“
„Fuck!“
„Du wiederholst dich.“
„Weib“, knurrte er entnervt. „Treib es nicht zu weit!“
Sie schmiegte sich an ihn. „Ich finde es nur hochgradig interessant, dass Hexen auf einmal so – annehmbar sind. Bisher hast du immer einen sehr abwertenden Tonfall draufgehabt, wenn es um Hexen ging.“
„Bisher kannte ich auch nur die eklige Fraktion“, brummte er zurück und legte seinen Arm um sie. „Wer konnte denn ahnen, dass es auch – ähm ...“
Er stockte und suchte offenbar nach Worten.
„Nette Hexen? Sympathische Hexen?“, schlug Hannah feixend vor.
Er schnaufte nur. „Wie auch immer.“
Bewegung kam am Tor auf und dann waren die Hexen mit einem Mal verschwunden.
„Sind sie weg?“, fragte Hannah.
„Nein, sie haben sich nur zurückgezogen.“ Seine Nasenflügel zuckten. „Sie haben sich rundherum postiert.“
Hannah warf einen besorgten Blick hinter die Häuser, wo sich ein weites Gelände auftat.
„Keine Sorge.“ Ein Kuss landete auf ihren Haaren. „Wir werden die Gebäude auch nach hinten absichern.“
„Und ich werde Martinak benachrichtigen“, kam es von Henry, der sich inzwischen genähert hatte. „Ich geh mal davon aus, dass er Verstärkung schicken wird.“ Dann wuschelte er kurz durch Hannahs Haare. „Ich wäre für kooperative Hexen. Ob sie nett sind, muss sich erst noch zeigen.“
War ja klar, dass seine Wolfsohren mitgehört hatten.
„Ich finde sie nett“, beharrte Hannah. „Und sie haben die richtigen Ziele.“
„Du findest alle nett, die sich nett verhalten“, knurrte Tucker.
„Ja und? Meistens liege ich damit richtig“, beharrte Hannah. „Ich habe zwar keinen eingebauten Lügendetektor wie ihr, aber ein wenig Menschenkenntnis besitze ich doch. Und Solveig mag ich sehr.“
„Das ist sehr freundlich von dir und ich kann es nur zurückgeben.“
Besagte Solveig war ebenfalls hinzugetreten. Sie schenkte Hannah ein Lächeln, doch in ihren Augen stand der Ernst.
„Aber euer Krieger hat sicher ebenfalls recht. Auch in unserem Volk gibt es nette und weniger nette Frauen. Manche sind sogar ausgesprochen bösartig.“ Sie seufzte schwer. „Irma gehört übrigens nicht zu Letzteren, auch wenn sie sich gerade so angehört hat. Eigentlich ist sie eine verständige und kluge Frau.“
„Vielleicht braucht sie nur Zeit, um wirklich zu verstehen, was du ihr gerade gesagt hast“, versuchte Hannah zu trösten.
„Wie schätzt du die Lage ein?“, mengte sich ihr Mann dazwischen. „Werden sie angreifen oder abwarten?“
„Letzteres.“ Solveig wirkte davon überzeugt. „Sie werden sich erst rückversichern, das ist vorgeschrieben. Aber zweifellos werden sie um Verstärkung bitten und diese auch gewährt bekommen.“
Henry grunzte nur und entfernte sich von ihnen, sein Handy am Ohr.
Mort Byers riesige Gestalt stand immer noch wie zementiert vor dem Tor und behielt es im Auge. An seiner Seite stand Wulf. Der junge Rudelführer wirkte nachdenklich.
Hannah löste sich von Tucker und lief zu ihm hin.
„Komm mit rein, Wulf. Solveig sagt, dass vorerst niemand angreifen wird und drinnen ist es sehr viel angenehmer zum Nachdenken und Pläne schmieden.“
Er sah auf sie hinunter und lächelte schräg.
„Wer ist schon so dumm und hört nicht auf die klugen Ratschläge seiner Mutter?“
„Du jedenfalls nicht“, lächelte Hannah zurück und hakte sich bei ihm ein, um ihn energisch zum Haus zu ziehen.
Kurze Zeit später hatte sich eine größere Gruppe im Versammlungsraum zusammengefunden. Wulfs Büro wäre definitiv zu klein gewesen.
Hannah saß zwischen Tucker und ihrer Schwiegertochter Susi, gegenüber von ihr Solveig Morgenthau. Deren Hexenschwestern waren vollständig vertreten und hatten sich hinter ihr gruppiert. An Wölfen war Henry mit am Tisch, dazu kamen Wulfs Stellvertreter Leroy, ein ehemaliger Wolf aus Tuckers Rudel, und zwei weitere Männer von Wulf. Hannah kannte sie noch von früher her: Thomas und Oliver. Die beiden hatten den Leitungswechsel innerhalb dieses Rudels problemlos akzeptiert und unterstützten Wulf inzwischen zuverlässig.
Hannah verfolgte die aufkommende Diskussion nur mit halbem Ohr. Erfahrungsgemäß besaß sie zu wenig Geduld für längere Streitgespräche. Ihr lagen kurze, dafür ehrliche Wortwechsel mehr. Auch wenn diese manchmal etwas lauter wurden. Zudem hatte sie sich bereits ihre Meinung gebildet und da niemand sie um Rat fragte, hing sie ihren eigenen Gedanken nach.
Inzwischen waren zwanzig Kriegerwölfe eingetroffen, die kommentarlos rund um die Gebäude Posten bezogen hatten. Nicht nur sie war darüber erleichtert gewesen, auch wenn Krieger normalerweise eher angsteinflößend waren. In diesem Fall waren sie allerdings zum Schutz des Rudels angereist und das hatte eine beruhigende Wirkung auf alle Bewohner. Selbst auf die menschlichen Frauen, die in der Vergangenheit eher schlechte Erfahrungen mit Wölfen gemacht hatten.
Das Anwesen war also erst einmal gesichert.
Blieb noch die Sorge, was mit den rebellischen Hexen passieren würde. Sie konnten nicht ewig im Rudel bleiben, so viel war allen klar. Ein Standort musste also her, und zwar einer, der gut gegen Angriffe der alten Hexen gesichert werden konnte. Aber ob das ausreichte? Hannah verspürte da ernsthaften Zweifel. Wie sollte eine Handvoll Hexen sich gegen ein ganzes Volk verteidigen können?
Das Schrillen eines Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Henry nahm das Gespräch an und lauschte kurz. Er wirkte sehr konzentriert.
„Ich geb’s weiter“, meinte er dann und legte auf.
Sein Blick traf auf Solveig Morgenthau.
„Das war Martinak. So wie es aussieht, sind die Hexen ihm gefolgt und haben versucht, das Ritual zu stören.“ Er grinste dünn. „Anscheinend hat eure Bibliothekarin sie sehr erfolgreich davon abhalten können. Martinak hörte sich schwer beeindruckt an.“
Er wurde wieder ernst.
„Das Ritual wurde vollzogen und diese Seelenjäger erfolgreich beschworen.“
„Dajana ... ist sie ...“ Die Stimme der Hexe schwankte ungewohnt.
„Sie lebt. Frag mich nicht wie, mit Magie kenne ich mich nicht aus, aber sie ist wohl tatsächlich gestorben und dann wiedergekehrt.“
Die Erleichterung, die durch die Hexen schwappte, war sogar für Hannah spürbar. Überall sah sie Freude und auch die ein oder andere Träne.
Henry dämpfte die Begeisterung etwas.
„Freut euch nicht zu früh. So wie es aussieht, geben die Keltai sie nicht mehr her. Eure Oberhexe darf sie noch bis zu deren Hauptquartier begleiten, doch anschließend wird sie wieder hierherkommen.“
„Theresia ist keine Oberhexe“, murmelte eine der Frauen.
„Doch“, widersprach Solveig entschieden. „Für uns ist sie das.“
Sie wandte sich an Wulf Riemann.
„Wir sind natürlich sehr froh, dass unsere Hexentochter lebt, egal wie jetzt ihr weiteres Schicksal verlaufen wird. Und egal, was die Keltai behaupten, sie gehört weiterhin zu uns. Trotzdem ist es gut, wenn Theresia bald zu uns zurückkehrt. Sie ist unsere Sprecherin ...“
„Oberhexe“, kam es gemurmelt von einer der jungen Hexe zurück. Hannah erinnerte sich an ihren Namen. Sabrina.
Solveig Morgenthau warf ihr einen mahnenden Blick zu, der allerdings einen Funken Erheiterung in sich trug. „Oberhexe“, korrigierte sie tatsächlich. „Jedenfalls ist es wohl besser, wenn wir weitere Entscheidungen in ihrem Beisein treffen.“
„Das Wichtigste wurde gesagt“, nickte Wulf und erhob sich. „Also gut. Nutzen wir den Rest dieser Nacht, um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Sobald eure Oberhexe hier auftaucht, machen wir weiter. Henry, kommt Martinak noch einmal her?“
Der Angesprochene grinste breit.
„Hast du da tatsächlich Zweifel? Ich schätze mal, sobald er mit diesen Keltai geplaudert hat, und darauf wird er bestehen, kommt er zurück. Immerhin hat er hier ein Viertel seiner Männer abgestellt.“
Hannah zumindest zweifelte nicht daran. Sie vermutete allerdings eher geballte Neugierde als Motivation.
5. November 2021
Spinnenfarm, Texas, USA
Zwei Tage befand sich das Keltai-Außenteam bereits auf der Spinnenfarm und ihr Anführer Thomas Raik von Trevet war selbst überrascht, wie heimisch sie sich schon fühlten.
Das lag zum einen sicherlich an der Gastfreundschaft, mit der sie aufgenommen worden waren. Dazu kam allerdings, dass sie die Farm und ihre Bewohnerinnen so lange im Vorfeld beobachtet hatten, dass sie ihnen mehr als vertraut waren.
Dennoch war es manchmal ein unwirkliches Gefühl, den beiden Frauen so nahe zu sein.
Den ersten Tag verbrachten sie mit vielen Gesprächen und die Männer machten sich mit den Räumlichkeiten vertraut. Vor allem das Labor und der Zuchtraum waren faszinierend.
Selina Serra hätte ihnen am liebsten jede einzelne Spinne vorgestellt, doch zu Raiks Erleichterung nahm sie angesichts der vielen hundert Spinnenexemplare davon Abstand und beschränkte sich auf einige wenige Arten. Bisher hatte sich Raik noch nie für diese Tiere interessiert und besonders hübsch fand er sie nicht. Doch als Marie-Sophie ihm ihre Arbeit mit den Spinnengiften erklärte und stolz ihre letzten Ergebnisse präsentierte, hörte er sehr aufmerksam zu. Das lag vielleicht auch daran, dass er von ihrer Leidenschaft gefesselt war. Mit vor Aufregung leuchtenden Augen stand sie vor ihm und verlor jegliche Scheu. Zumindest solange sie im Labor waren.
Die anderen Männer machten keinen Hehl daraus, dass wissenschaftliche Arbeit nicht ihr Ding war. Sie hielten sich mehr an Selina und beeindruckten sie mit ihrem körperlichen Training.
Die Spinnenfrau hatte nichts dagegen, dass die Männer einen der leerstehenden Räume zu einem Trainingsraum umfunktionierten, und sah ihnen nur zu gerne bei ihren Übungen und Kämpfen zu. Und sie zeigte offen, dass sie mehr als gewillt war, die Männer auch von ihrer intimen Seite kennenzulernen. Rigo und Vahan sprangen natürlich sofort darauf an und bereits in der ersten Nacht war es im Erdgeschoss äußerst lautstark zugegangen. Und in der folgenden Nacht waren Stean und Ninian der Spinnenfrau gefolgt.
Raik konnte seine Männer verstehen. Die letzten Tage hatten alle unter großer Anspannung gestanden. Immerhin war die vergangene Nacht Samhain gewesen. Jede Ablenkung war da willkommen.
Er selbst hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Immer wieder hatte er auf die Uhr gesehen und überlegt, was wohl gerade in Lacra geschah. Sie alle wären so gerne dabei gewesen. Am Ritual der Schattenrufung teilzunehmen, war der Traum eines jeden Keltai.
Doch die Befehle aus München waren eindeutig: Ihre Aufgabe lag hier in Texas. Sie sollten das Vertrauen der Spinnenfrau gewinnen und möglichst viel über ihre Fähigkeiten herausfinden. Sie davon überzeugen, ihnen im Kampf gegen die Dubhsaoil beizustehen.
Und dazu gehörte auch, Marie-Sophie auf ihre Seite zu ziehen. Angesichts ihrer Scheu schien das beinahe die schwierigere Aufgabe zu sein. Doch am vergangenen Tag hatte die junge Hexe ein wenig von ihrer Befangenheit abgelegt und wirkte schon beinahe gelöst im Umgang mit den ihr eigentlich fremden Männern. Nur wenn sie mit Raik alleine war, verwandelte sie sich in ein schüchternes Mäuschen und wagte es kaum, ihn anzusehen.
Das wurmte ihn gewaltig. Vor allem, da seine Männer ihn ständig damit aufzogen.
Am frühen Morgen hockten alle nervös am Tisch und warteten auf Nachrichten aus Deutschland.
Auch Selina und Marie-Sophie waren aufgeregt. Raik hatte ihnen von den Schatten und dem Ritual erzählt. Dass eine junge Frau dabei sterben und, wenn alles gut ging, wiedererweckt werden würde, hatte Schrecken in Marie-Sophie geweckt und Faszination in Selina Serra.
Als Raiks Telefon klingelte, zuckten ausnahmslos alle zusammen. Mit einem tiefen Atemzug nahm er das Gespräch entgegen und lauschte konzentriert.
Alle starrten ihn an, beinahe atemlos.
Schließlich brummte er: „Verstanden.“
Dann schaltete er das Gerät aus. Erst jetzt sah er in die Runde.
„Die Schatten sind wiedergekehrt.“
Mit begeisterten Rufen sprangen die Keltai auf die Füße und fielen sich in die Arme. Raik hatte sie noch nie so euphorisch erlebt, doch auch in ihm brodelte eine Mischung aus Begeisterung und Triumph und er grinste breit. Sein Blick traf den von Selina und sie erwiderte sein Grinsen.
„Herzlichen Glückwunsch, Keltai. Ich schätze, damit ist eine spannende Jagd eröffnet.“
Raik nickte, immer noch grinsend. „Oh ja, und dieses Mal stehen wir hoffentlich nicht alleine da.“
Er wurde wieder ernst und blickte zu Marie-Sophie.
„Die Hexen in Deutschland wissen nun ebenfalls von unserer Existenz. Sie haben versucht, das Ritual zu stören. So wie es aussieht, gehört die Auserwählte zu einer kleinen Gruppe Hexen, die sich von der derzeitigen Hexenpolitik distanzieren und ein eigenes Haus gründen wollen.“
„Oh.“ Marie-Sophie bekam ganz runde Augen. „Sie ... rebellieren? Das ist wirklich mutig.“
„Aber nicht unerwartet.“ Serra strich ihr liebevoll über die Haare. „Valea hat ja erzählt, dass es auch hier kritische Hexen gibt.“
„Ja, aber eine offene Rebellion ist schon eine ganz andere Hausnummer“, brummte Ninian und hockte sich neben der Spinne nieder. Raik konnte ihm da nur zustimmen.
Den ganzen Vormittag verbrachten sie mit Diskussionen und Überlegungen, was die Geschehnisse alles auslösen konnten. Selina Serra und Marie-Sophie beteiligten sich kaum dabei, lauschten aber konzentriert.
Es war ein gegenseitiges Kennenlernen und Abschätzen, erkannte Raik. Aber das war wohl auch angebracht. Die beiden Frauen hatten jedes Recht dazu.
Gegen Mittag beruhigten sich die Gemüter und Stean übernahm die Küche. Die anderen Krieger verschwanden mit Selina im Trainingsraum. Was sie dort trieben ... nun, Raik konnte es sich denken. Er selbst konnte es nicht über sich bringen, Marie-Sophie allein mit Stean zu lassen.
Immer noch spürte er diese fast unheimliche Anziehungskraft zwischen ihnen beiden. Und immer noch wusste er nicht, ob diese an der Frau selbst lag, oder an ihrer Hexenausstrahlung. Weiße Hexen waren in der Hexenwelt eine Rarität und wurden im Allgemeinen als gefährlich eingestuft. Nicht, weil sie anderen bewusst schaden wollten, das war wohl eher ein Ding der Unmöglichkeit. Vielmehr waren diese empathischen Geschöpfe immer bestrebt, zu helfen. Egal, was es sie kosten mochte. Und im Notfall auch, wenn dabei die Gefahr bestand, als Hexe erkannt zu werden.
Raik hielt diese Sorge für übertrieben. Auch weiße Hexen wussten, welche Gefahr eine Entdeckung für alle Völker nach sich zog. Und bisher hatten sie sich eher selbst geopfert, als andere zu gefährden. Trotzdem hielt sich diese Vorstellung seit Jahrhunderten. Vermutlich, weil sie ideale Sündenböcke abgaben.
Die junge Hexe vermied es offensichtlich, in seine Richtung zu sehen und konzentrierte sich auf das Zerlegen eines Haufens Zwiebeln.
Täuschte er sich? War er der Einzige, der diese Verbindung spürte? Vielleicht fand sie ihn abstoßend. Eine Vorstellung, die ihm überhaupt nicht gefiel.
Er räusperte sich.
„Wo steckt eigentlich die Wandlerin? Hat sie den Unterricht bei dir schon abgeschlossen?“
Marie-Sophie griff das Thema erleichtert auf und schenkte ihm ein scheues Lächeln.
„Oh, Karina hat ein paar Tage Pause gemacht. Heute Nachmittag müsste sie wieder eintreffen.“
„Und wie weit seid ihr mit ihren Fähigkeiten gekommen?“
„Nun ...“ Marie-Sophie zögerte und warf ihm einen weiteren Blick zu. Raik konnte sehen, wie es hinter ihrem hübschen Gesicht arbeitete.
„Du misstraust mir noch. Das ist in Ordnung.“ Er nickte ihr mit einem beruhigenden Lächeln zu. „Uns allen ist bewusst, dass unsere bisherige Aufgabe sehr in die Privatsphäre unserer Observierungsziele eintauchte. Doch du darfst mir glauben: Wir haben unser Wissen niemals gegen euch eingesetzt. Im Grunde agieren wir wie die Hexen. Wir sammeln Informationen. Allerdings tun wir das nur, um unserem einen Ziel zu dienen.“
„Die Vernichtung der schwarzen Seele“, flüsterte Marie-Sophie.
Erneut nickte er. „So ist es. Und dass wir euch gefunden haben, also eine Spinnenmagikerin und zwei weiße Hexen, ist für uns wie ein Jackpot. Jetzt, wo die Wiederkehr der Seelenjäger gelungen ist, eröffnet sich für uns zum ersten Mal die Möglichkeit, die Dubhsaoil endgültig zu vernichten.“
„Oh, ich denke, da meinst du sicher nur Selina.“
Marie-Sophie säbelte entschlossen an ihrer Zwiebel herum, während sie an ihrer Unterlippe knabberte.
Raik konnte die Augen kaum von ihr lösen. Beinahe hätte er vergessen zu antworten. Stean rettete ihn, indem er ihn beim Vorbeigehen wie zufällig anrempelte.
„Äh ... ja, natürlich ist ihre Spinnenmagie vermutlich ein entscheidender Faktor. Ähm ... aber es wird sicher zu Kampfhandlungen kommen und da ist es ein enormer Vorteil, wenn wir auch eine Heilhexe in der Rückhand haben. Und die Wandlerin ... nun, was wir bisher erfahren haben, lässt darauf schließen, dass auch sie eine wertvolle Hilfe sein könnte.“
„Karina ist eine unglaubliche Frau.“ Bewunderung schwang in Marie-Sophies Stimme. „Dass sie jahrelang ihre zweite Natur vor allen verbergen konnte, ist eine gewaltige Leistung. Sie muss so allein gewesen sein, so verzweifelt. Und trotzdem hat sie sich immer für andere eingesetzt.“
Inzwischen kannte Raik die Geschichte von Karina Wells in groben Zügen und wusste, was Marie-Sophie damit meinte. Es war wirklich ein kleines Wunder, dass Karina Wells sich so lange vor den anderen Völkern verstecken konnte. Wandler waren geborene Choleriker und äußerst reizbar. Und junge Wandler hatten sich kaum unter Kontrolle. Jede Aufregung, jede starke Emotion konnte eine Verwandlung auslösen. Normalerweise wurden sie jahrelang vor der Außenwelt abgeschirmt, bis sie sich halbwegs im Griff hatten. Aber Karina Wells war nicht nur Wandlerin, sondern auch eine Hexe. Und dann ausgerechnet auch noch eine Weiße. Raik vermutete stark, dass dieser Umstand dazu beitrug, dass die Wandlerin ihre Reizbarkeit besser im Griff hatte. Eine andere Erklärung fiel ihm partout nicht ein.
„Ich bin sehr gespannt auf sie“, gab er zu. „Weiß sie, dass wir hier sind?“
„Natürlich. Valea hat es Asher Hunter mitgeteilt.“
Dass die Wandlerin trotzdem hier erscheinen wollte, hielt Raik für ein gutes Zeichen. Aber vermutlich sollte sie das Gleiche tun, wie er selbst auch: Herausbekommen, mit wem sie es zu tun hatte. Und ob man den Keltai trauen konnte. Und mit Sicherheit würde sie nicht alleine ankommen.
Mit einem Mal wurde es Raik bewusst, wie viel Vertrauen der Hohe Rat in ihn und sein Team setzte.
Sie waren die Schnittstelle zwischen mehreren Parteien. Eigentlich sogar für alle Völker, wenn man Dr. Noack den Vampiren zurechnete.
Sein Hals wurde staubtrocken, angesichts dieser Verantwortung. Für einen kurzen Moment schwindelte ihn, doch dann straffte er sich entschlossen. Er war nicht jahrelang dafür ausgebildet worden, im entscheidenden Moment zu kneifen.
Und er war nicht allein.
Sein Blick kreuzte sich mit dem von Stean, der ihm zuzwinkerte.
„Sei geduldig, sei aufmerksam, sei allzeit bereit“, murmelte der Krieger. Raik blinzelte erst irritiert, doch dann musste er lächeln. Ihm war klar, dass der Krieger dies auf sein Interesse an Marie-Sophie bezog. Doch dieses Mantra passte auch auf seine Gedankengänge.
Er richtete den Blick wieder auf die Hexe. Nun, es schadete aber sicher auch nicht, es auf sie anzuwenden.
Karina Wells traf wie angekündigt am späten Nachmittag auf der Farm ein und natürlich war sie nicht allein. Ihr Mann, Erdil Jadoon, begleitete sie. Während die Frauen sich fröhlich begrüßten und dann ins Haupthaus eilten, standen sich der Wandler und die Keltai gegenüber und beäugten sich gründlich.
Das Misstrauen, das Jadoon ausstrahlte, grenzte beinahe schon an eine Beleidigung.
„Ihr seid also diese Schnüffler, die uns angeblich schon seit Jahrhunderten hinterherspionieren.“
Raik zwang sich zur Ruhe.
„Nun, wir hier persönlich nicht ganz so lang. Erst ein paar Jahre. Aber falls es dich beruhigt, ihr Wandler seid immer eine Herausforderung,“
„Das hört ab jetzt auf!“ Jadoon funkelte ihn an. „Wenn wir euch jemals dabei erwischen sollten, werdet ihr es bereuen.“
Raik hob beschwichtigend die Hände. „Wandler, uns ist bewusst, dass sich unsere Aufgabenstellung ändern wird. Sollte es uns gelingen, die Dubhsaoil zu vernichten, wird sich unser Volk so oder so neu orientieren müssen. Und wir hatten und haben niemals vor, unser Wissen gegen die Völker anzuwenden. Auch für uns ist diese Situation neu. Doch ich habe die Erlaubnis, unser Wissen mit euch zu teilen. Mit euch, den Wölfen, Dr. Noack und der Spinnenmagikerin.“
„Was ist mit den Hexen?“
Raik grinste schräg. „Nun ja, was weiße Hexen angeht, auf jeden Fall. Und anscheinend gibt es inzwischen auch Hexen, die an einer Kommunikation und Zusammenarbeit interessiert sind.“
Erdil Jadoon schnaufte verächtlich, wirkte aber schon etwas ruhiger, was Raik innerlich aufatmen ließ. Er hatte kein Interesse daran, den Zorn eines Wandlers auf sich zu ziehen. Das konnte nur ungesund enden, auch wenn er seine Keltai-Krieger im Rücken wusste.
„Du meinst diese Hexen in Deutschland?“, fragte Jadoon skeptisch nach. „Die sind weit weg.“
„Aber ihr Wissen und ihre Fähigkeiten könnten sich als sehr nützlich erweisen. Vielleicht auch, was die Ausbildung deiner Frau angeht.“
Raik hoffte sehr, dass er sich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnte. Noch war nicht klar, ob die deutschen Rebellenhexen wirklich auf ihrer Seite standen.
Der Wandler wirkte immer noch skeptisch.
„Erdil Jadoon.“ Raik sah ihm direkt in die Augen. „Ich schwöre bei meiner Ehre als Druwid und als Anführer meines Teams, dass wir nichts Schlechtes gegen euch Wandler im Schilde führen. Wir werden jegliches Wissen mit euch teilen, das für euch von Interesse ist, sofern es niemand anderem schadet. Unser derzeitiger Auftrag lautet, die Spinnenmagikerin und die weißen Hexen zu schützen, und da darunter auch deine Frau fällt, stehen wir auf eurer Seite. Sollte es nötig sein, werden wir unser Leben dafür hergeben.“
Für einen Moment herrschte Stille. Dann nickte der Wandler.
„Gut, dann ist das so. Ich werde es an Asher Hunter weitergeben. Und ihr werdet mir erzählen, was ich wissen will.“
Raik konnte sich vorstellen, dass das eine ganze Menge war. Nun, sie hatten zurzeit nichts anderes zu tun.
Also würden sie reden.
5. September 2021
Haupthaus der Keltai, bei München, Deutschland
Sie erreichten das Haupthaus in den frühen Morgenstunden und erst als der Letzte das Tor durchschritten hatte, atmete Gael erleichtert aus. Niemand war zu Schaden gekommen, zumindest keiner der Keltai und ihrer Gäste.
Von den Hexen war auf dem Berg von Lacra keine mehr zu sehen gewesen. Falls eine von ihnen verletzt oder gar getötet worden war – was er nicht hoffte – so hatte man sie offenkundig in Sicherheit gebracht.
Doch der Tag war noch lange nicht zu Ende, das war ihm klar. Es gab einige Gemüter zu beruhigen.
Zunächst waren da die Wölfe und ihr Schutztrupp. Dieser hatte sich, wie auf der Fahrt zum Opferplatz, konsequent an den Wagen gehängt, der die Hexen transportierte. Martinak folgte dagegen dem Van, in dem sich die Auserwählte und die Seelenjäger befanden.
Gael selbst bildete mit seinen Kollegen das Schlusslicht. Wenn man von den Keltai mal absah, die den Konvoi umrahmten und sowohl die Vor- als auch die Nachhut bildeten.
Seine Ratskollegen hatten erst nach und nach angefangen zu diskutieren. Wie er selbst, standen sie noch ganz unter dem überwältigenden Gefühl, dass all die Jahre, all ihre Mühen nicht umsonst gewesen waren.
Sie hatten das Ritual erfolgreich vollzogen und das war nur den wenigsten Keltai vergönnt. Ein Lebenstraum war für sie alle in Erfüllung gegangen und die Euphorie darüber mussten sie erst einmal verarbeiten.
Doch das Leben ging weiter und ihre Arbeit ebenfalls. Das Ritual war nur der Auftakt für andere Aufgaben. Neue Mühen.
Und dieses Mal stand alles unter völlig neuen Ausgangsbedingungen.
Wölfe und Hexen, sogar Menschen, waren involviert und das hatte es seit über zweitausend Jahren nicht mehr gegeben.
Entschlossen wandte er sich dem Kriegerwolf zu, der seinen Wagen im Innenhof abgestellt hatte und nun auf ihn zusteuerte.
„Wir müssen reden“, verlangte Martinak.
Gael nickte zustimmend. „So ist es.“
„Und dieser – Seelenjäger. Auch mit ihm will ich sprechen.“
Diesmal zögerte Gael. Jetzt war normalerweise eine Zeit der Bindung zwischen den Jägern und ihrem Herzen vorgesehen. Eine sensible Phase, die wichtig für ein funktionierendes Miteinander war. Doch dann sah er Flaith herankommen. Die anderen Seelenjäger hatten die Auserwählte in ihre Mitte genommen und steuerten zielstrebig auf das Gebäude zu.
Sie erinnerten sich. Kannten sich aus.
Ein weiteres Wunder, das Gael freudig zur Kenntnis nahm. Er wusste, dass die größte Sorge vor der ersten Beschwörung darin bestanden hatte, dass die Seelenjäger all ihr Wissen verloren, sobald sie wieder zu Schatten wurden. Doch das war, den Göttern sei Dank, nicht der Fall. Mit jedem Mal lernten sie dazu und mussten inzwischen über ein immenses Wissen verfügen, was die Vergangenheit, vor allem aber den Kampf gegen die Wanderseele anging.
Flaith erreichte sie und baute sich direkt vor dem Kriegerwolf auf. Er war deutlich kleiner und bei weitem nicht so breit wie der Wolf, doch sein Körper bestand aus stählernen Muskeln und seine Ausstrahlung stand der des Kriegerwolfs in nichts nach. Vor Gael posierten zwei geborene Anführer und diese taxierten sich gerade mit halb zusammengekniffenen Augen.
Latente Aggression lag in der Luft und Gael beschloss einzugreifen, bevor die Situation eskalierte.
„Chief Martinak, dies ist Flaith. Druwid und Krieger. Anführer der Seelenjäger seit über zweitausend Jahren. Flaith, Chief Martinak wünscht ein Gespräch. Lasst uns ins Haus gehen, wo wir ungestört reden können.“
Beide sahen ihn finster an, doch Gael hielt ihren Blicken lange genug stand, um seinen Willen zu untermauern. Dann senkte er die Augen.
„In Ordnung“, brummte Martinak schließlich und auch Flaith nickte.
Wenige Minuten später standen sie in Gaels Büro. Keiner dachte ans Sitzen.
Tatsächlich ergriff Martinak das erste Wort.
„Mich würde vor allem interessieren, wie ihr euer weiteres Vorgehen geplant habt.“
Keine Fragen bezüglich des Rituals? Über das Schattendasein? Über die Vergangenheit der Seelenjäger und der Keltai?
Gael wunderte sich. Andererseits interessierte sich ein Krieger-Chief wohl eher für die Gegenwart und die Sicherheit seines Volkes.
„Wir planen erst, wenn die Seelenjäger auf dem neuesten Stand der Entwicklung sind“, gab er ruhig zurück. „Zumal die Ausgangssituation eine völlig andere ist als bisher. Oberste Priorität hat immer das Bannen der Wanderseele. Doch wenn ich es richtig verstanden habe, liegt das auch in eurem Interesse.“
„Ihr habt sie getroffen?“ Flaith hob interessiert die Augenbrauen.
„Persönlich nicht.“ Martinak erwiderte seinen Blick ungerührt. „Doch Wölfe haben gegen sie gekämpft. Ebenfalls Wandler und Hexen.“
„Und sie haben überlebt?“
Der Seelenjäger wirkte skeptisch, was Martinak ein ärgerliches Knurren entlockte.
„Eine Hexe starb und einige von uns wurden verletzt. Bis dahin wussten wir nichts von ihr und ihren Kräften. Beim nächsten Kampf werden wir besser vorbereitet sein.“
„Wenn es dazu kommt.“ Flaith sah zu Gael. „Erkläre ihm, wer wir sind. Ich muss zu meinen Gefährten. Unser Herz ist unruhig und verwirrt.“
Gael nickte und sah ihm hinterher, bis die Tür zuschlug. Dann widmete er sich wieder dem Kriegerchief.
Dieser schnaufte ungeduldig.
„Mir ist halbwegs klar, wer diese Typen sind. Krieger aus der Vergangenheit mit einer Art Quest.“
Gael musste leise lachen. Quest war kein schlechter Ausdruck dafür.
„Ich dachte immer, Wölfe mögen nichts, was mit Magie zu tun hat“, gestand er. „Doch du wirkst relativ entspannt, wenn man bedenkt, dass du gerade einer Schattenseele gegenübergestanden hast.“
Wieder schnaufte Martinak.
„Was er vorher war, interessiert mich herzlich wenig. Jetzt scheint er aus Fleisch und Blut zu sein. Was soll mich davon überzeugen, dass er besser gegen diese Schwarzhexe kämpfen kann als unsere Männer? Oder die Hexen?“
„Sie sind unsterblich“, erwiderte Gael ruhig.
Martinak starrte ihn zweifelnd an. „Wie meinst du das?“
„Solange ihr Herz lebt, können sie nicht sterben. Und ihre Körper sind durch Blutrunen vor körperlichen Schäden geschützt. Egal, ob diese von Magie oder Waffen zugefügt werden. Dazu kommt, dass sie schon oft gegen die Dubhsaoil gekämpft haben und sie besser kennen als jeder andere.“
Hinter der Stirn des Wolfes arbeitete es deutlich. Schließlich knurrte er: „Fuck, das ist allerdings eine Hausnummer.“
„Sie waren die besten Krieger ihrer Zeit“, legte Gael nach. „Und Flaith war ihr größter Anführer. Der damalige Rat hat ihn einstimmig gewählt und bisher hat er niemals Zweifel an seinen Fähigkeiten aufkommen lassen.“
„Und warum lebt dann diese verdammte Wanderseele noch?“
„Weil auch Seelen unsterblich sind“, erklärte Gael. „Das dachten wir zumindest bis jetzt.“
Martinak begriff sofort, worauf er abzielte.
„Die Spinnenfrau.“
„So ist es. Wenn wir sie auf unsere Seite ziehen können, hätten wir zum ersten Mal die Chance, diese Seele für immer zu vernichten. Doch dazu muss sie erst einmal gebannt werden.“
Der Wolf nickte langsam.
„Okay, soweit verstehe ich. Was ist mit den Hexen? Im Moment sind sie ziemlich in Aufregung und nicht besonders gut auf uns zu sprechen, da wir ihren abtrünnigen Schwestern Schutz angeboten haben. Trotzdem werden sie diese Schwarzhexe als ihre Aufgabe ansehen und mit Sicherheit dazwischenfunken.“
„Noch wissen sie nicht, wer wir sind und was unsere Aufgabe ist.“ Gael überlegte. „Doch du hast natürlich recht. Besser wäre es, wenn auch sie mit einbezogen werden. Jegliche Magie kann hilfreich sein.“
Martinak runzelte skeptisch die Stirn.
„Meine ehrliche Meinung? Sie werden nicht mitmachen. Diese verrückten Weiber haben in den letzten Jahren keine Gelegenheit ausgelassen, uns zu ärgern und Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Abgesehen davon seid ihr Männer.“ Jetzt grinste er spöttisch. „Damit steht ihr ganz weit oben auf der Hass-Skala von Hexen.“
Gael seufzte innerlich. Unrecht hatte der Wolf nicht. Und leider fehlte ihnen die Zeit für umfangreiche Verhandlungen mit den Hexen.
