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Als Theresia Lindauer, oberste Bibliothekarin des Münchener Hexenhauses, erfährt, dass ihre Tochter Dajana von dunklen Träumen und Schatten heimgesucht wird, setzt sie alles daran, Dajana zu schützen. Dass sie dabei die strengen Regeln der Hexengemeinschaft verletzen muss, nimmt sie in Kauf. Doch Dajanas Schatten führen ein Eigenleben und rufen ein weiteres Volk auf den Plan. Ein Volk, welches seit Jahrhunderten im Geheimen agiert und Dajanas Leben fordert. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe. ACHTUNG: Dieser Band endet mit einem Cliffhanger.
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Seitenzahl: 451
Veröffentlichungsjahr: 2022
Buchbeschreibung:
Als Theresia Lindauer, oberste Bibliothekarin des Münchener Hexenhauses, erfährt, dass ihre Tochter Dajana von dunklen Träumen und Schatten heimgesucht wird, setzt sie alles daran, Dajana zu schützen. Dass sie dabei die strengen Regeln der Hexengemeinschaft verletzen muss, nimmt sie in Kauf. Doch Dajanas Schatten führen ein Eigenleben und rufen ein weiteres Volk auf den Plan. Ein Volk, welches seit Jahrhunderten im Geheimen agiert und Dajanas Leben fordert.
Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Seit Jahrhunderten versuchen Wölfe, Hexen und Vampire mit allen Mitteln, ihre Existenz geheim zu halten. Doch nicht nur Verräter aus den eigenen Reihen brechen die unerbittlichen Regeln. Auch andere Akteure mischen sich in die Geschicke der geheimen Völker ein und versetzen sie in Unruhe.
Bisher erschienen:
Fellträger
Aschenhaut
Seelenfresserin
Wächterin
Spurensucher
Seelenmalerin
Rebellen
Wandlerin
Über die Autorin:
Ana Marna studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund dem Schreiben zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science-Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren entschloss sie sich, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen.
Schattenherz
The Hidden Folks
Von Ana Marna
Gewidmet meiner Freundin Anne.
Eine starke Frau und Mutter,
die sich von keiner Hürde schrecken lässt.
1. Auflage, 2022
© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Kontaktadresse: Hummelshain Verlag, zu Hd. Peter Marx
Werdener Str. 28, 45219 Essen
www.ana-marna.de
www.facebook.com/ana.marna.92372
Prolog5
Eine Wahl8
Verbündete11
Der Schwur der Keltai23
News von den Wölfen30
Corvata42
Alltag54
Ein trauriger Anlass64
Schattenzirkel68
Samhain-Träume73
Gute Nachrichten77
Freundinnen79
Kriegsrat89
Die Spinnenfarm100
Schwarze und weiße Magie124
Eine Suche128
Dark Moon Creek135
Geheimes Wissen158
Eine anstrengende Observierung163
Die Auserwählten173
Eine besondere Rolle192
Eine missratene Flucht195
Familientreffen203
Eine nasse Flucht210
Französische Kunst224
In Gefangenschaft235
Hexengespräche241
Noch mehr Gespräche250
Das Haus der Keltai257
Vorbereitungen265
Die Corvata278
Spinnenkontakt285
Omama290
Hexengewitter297
Schattenjäger314
Anhang320
Wie es weitergeht327
Nachwort341
20. November 2006
Hexenhaus, München
Theresia Lindauer war eine anständige Hexe.
Zumindest sah sie das so.
Und die ersten sechsundzwanzig Jahre ihres Lebens war sie es auch.
Aus der Sicht der Hexen.
Doch wie so häufig können sich Sichtweisen ändern. Und Theresias Deutung einer anständigen Hexe geriet in der Nacht ins Wanken, als ihre Tochter zum ersten Mal Alpträume hatte.
Dajana war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt und ein fröhliches, aufgewecktes Mädchen. Bisher hatte sich ihre Hexenmagie nicht offenbart, doch das war noch kein Grund zur Sorge. Es gab immer wieder Spätzünderinnen und so manche Hexe zeigte ihre Talente erst in der Pubertät.
Theresia lebte mit ihrer Tochter in der Hexenzentrale nahe München. Sie bewohnten ein kleines Apartment mit drei Zimmern, Bad und einer Mini-Küchenzeile. Völlig ausreichend für die Kleinfamilie, da die Versorgung durch das Hexenhaus gewährleistet war. Einen Mann gab es selbstverständlich nicht. Dajanas Vater war in Hexenaugen gut genug, um mit Hilfe seiner Gene Hexenkinder zu zeugen. Zu mehr aber auch nicht. Dass Theresia das in jener Zeit anders gesehen hatte, durfte sie natürlich niemals preisgeben. Man hatte ihr gestattet, schwanger zu werden und nicht, sich zu verlieben. Leider hatte sie es trotzdem getan.
Thomas Winter war ein stattlicher Endzwanziger. Hochgewachsen, sportlich, mit kantigen Gesichtszügen, militärisch kurzen Haaren und hellwachen, himmelblauen Augen. Theresia, die zum ersten Mal in ihrem Leben einen Mann unter sexuellen Aspekten betrachtete, war mehr als angetan. Und als er sie dann auch noch anlächelte, war es um sie geschehen gewesen. Sie sahen sich zum ersten Mal in einem Biergarten mitten in München und dabei blieb es natürlich nicht. Offenbar gefiel die schlanke, hochgewachsene junge Frau dem Offizier. Bereits beim dritten Treffen landeten sie miteinander im Bett und Theresia verlor nicht nur ihre Unschuld, sondern auch komplett ihr Herz. Sie erfuhr nicht viel von ihm, dazu waren sie zu sehr miteinander beschäftigt. Nur dass er Berufssoldat und bereits Major war. Einen Monat lang trafen sie sich. Mehr gestattete die damalige Oberhexe nicht. Warum, war klar. Es sollte keine emotionale Bindung entstehen. Doch dafür war es längst zu spät.
Theresia widersetzte sich ihrer Oberhexe nicht. So etwas war nicht ratsam, wenn man Wert auf eine ordentliche Karriere legte. Doch sie litt lange unter dem Verlust ihrer ersten und bis dato letzten Liebe.
Ihr Trost war Dajana, die zehn Monate später ihren ersten Schrei in die Welt jagte und seitdem ihre Mutter auf Trab hielt.
Als Dajanas Wimmern an ihre Ohren drang, schreckte Theresia erst irritiert hoch. Natürlich hatte ihre Kleine schon öfter nachts geweint. Doch diese Laute klangen verstörend. Panisch. Angstvoll.
Sie sprang aus dem Bett und eilte ins Kinderzimmer, wo Dajana sich wimmernd in einer Raumecke zusammengekauert hatte. Ihre dunkelbraunen Augen waren weit aufgerissen und in ihnen stand die blanke Angst.
„Hexenmäuschen, was ist los?“ Theresia hielt ihre Stimme bewusst leise, auch wenn es ihr schwerfiel. Sie hockte sich vor ihrer Tochter nieder und streckte langsam die Hände nach ihr aus.
Dajana blinzelte erst, doch dann löste sich ihre Erstarrung und sie warf sich weinend in ihre Arme.
„Schsch.“ Theresia wiegte sie langsam hin und her, während sie behutsam den schmalen Kinderrücken streichelte. „Sag mir, was dir Angst macht. Hast du schlecht geträumt?“
„Die Schatten“, flüsterte Dajana. „Die Schatten sind wieder da.“
„Welche Schatten?“
Theresia fühlte eine Gänsehaut über ihren Körper laufen. Es war das erste Mal, dass ihre Tochter davon sprach.
„Sie sind immer da“, hauchte Dajana. „Jede Nacht, doch heute waren sie so echt. Sie haben mich angefasst, Mama. Sie sind so – groß.“
Theresia schluckte. Alpträume kamen und gingen. Doch dass sie so präsent waren, das war schon ungewöhnlich. Die Berührungen mochten eingebildet sein, doch allein, dass ihre Tochter jede Nacht von dunklen Schatten träumte ...
„Mach dir keine Sorgen“, flüsterte Theresia entgegen ihren eigenen Gefühlen. „Sie können dir nichts tun. Es sind Träume.“
Der Job als oberste Bibliothekarin brachte ein paar Privilegien mit sich, doch auch einige Beschränkungen. Unter anderem war Theresia verpflichtet, im Hexenhaus zu wohnen und nichts zu verschweigen. Sie war eine Bewahrerin des Wissens und somit Geheimnisträgerin und bisher hatte sie das nie gestört. Sie liebte ihren Beruf.
Doch noch mehr liebte sie ihre Tochter.
In dieser Nacht erkannte Theresia Lindauer, dass auch anständige Hexen bewusst Verfehlungen begingen. Sie entschied sich, niemandem von Dajanas Alpträumen zu erzählen. Selbst ihren engsten Freundinnen nicht. Und das war ein nicht unerheblicher Regelbruch. Doch die Vorstellung, dass ihre kleine Tochter aufgrund von dunklen Träumen akribisch beobachtet werden würde, gefiel ihr ganz und gar nicht.
Zum ersten Mal in ihrem Hexenleben stellte sie sich gegen die Regeln des Hexenvolkes. Sie ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass dies erst der Anfang war.
21. November 2006
Haupthaus der Keltai, bei München, Deutschland
„Sie haben sich festgelegt.“
Der Satz schwebte im Raum und löste die verschiedensten Gefühle bei den Anwesenden aus.
Karl Gael von Carnut ließ seinen Blick schweifen und registrierte Erleichterung, Besorgnis und Zweifel. Gefühle, die auch in ihm ruhten, doch er selbst spürte vor allem Erleichterung. Nun kannten sie zumindest ihr Ziel.
Trotzdem fragte er noch einmal nach, vor allem, um auch bei den anderen die letzten Zweifel zu vertreiben.
„Bist du dir wirklich sicher, Eburacon?“
Oswin Eburacon von Carnut nickte mit Bestimmtheit.
„Ihre Schwingungen waren im Einklang. Und sie haben mit dem Ritual begonnen.“
Das gab wohl den Ausschlag und beseitigte die letzten Vorbehalte. Sobald das Ritual eingeleitet war, gab es kein Zurück mehr.
„Wissen wir schon, wen sie erwählt haben?“
Die Frage kam natürlich von Aldert. Sie war unvermeidlich.
„Noch nicht. Aber ich vermute, ein Hexenmädchen aus einem der umliegenden Hexenhäuser. Vielleicht sogar hier in Deutschland. Die Lokalisierung ist schwierig.“
„Wen wundert es“, brummte Aldert. „Die Hexenhäuser überbieten sich geradezu mit Schutzzaubern. Scheint so eine Art Wettkampf bei denen zu sein, nach dem Motto: Wer hat den besten Schutz.“
Gael von Carnut verkniff sich ein Lächeln. Reinard Aldert von Boit überwachte seit über dreißig Jahren die Aktivitäten der Hexen. Wenn jemand etwas über deren Sicherungen und Schutzzauber wusste, dann war es Aldert.
„Wir haben noch Zeit, sie zu finden.“ Eburacon rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Er war ein kleiner Mann mit schmalen Schultern und schmalem Gesicht. Gael hatte noch nie erlebt, dass Eburacon von Carnut ruhig auf einem Stuhl sitzen oder auf der Stelle stehen konnte. Es war nicht Nervosität, die den Siebzigjährigen in Bewegung hielt, sondern eine seltene Nervenerkrankung. Benigne hereditäre Chorea war wohl die Bezeichnung dafür, erinnerte sich Gael, und Eburacon lebte schon immer damit und beschwerte sich nie. Sein Fokus lag einzig und allein auf seiner Arbeit. Und die beherrschte er wie kein Zweiter. „Ihre Schwingung ist noch instabil und weich. Ich vermute, dass sie noch ein Kleinkind ist.“
Gael las in Alderts Gesicht die gleiche Skepsis, die er selbst in sich trug. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, ja der letzten Jahrhunderte hatte immer wieder gezeigt, dass die Zeit ein unerbittlicher Gegner war. Insbesondere, wenn es um die Einhaltung diverser ritueller Regeln ging.
„Zunächst müssen wir herausfinden, wo sich dieses Kind befindet.“
Gael bemühte sich um einen energischen Tonfall. Zaudern war nicht angebracht. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren hatten sie wieder die Gelegenheit, ihre Existenzberechtigung unter Beweis zu stellen. Die letzten Male waren sie immer wieder gescheitert. Manchmal durch das Versagen einzelner, manchmal durch widrige Umstände und viel zu häufig einfach durch Pech.
Aufgeben kam natürlich nicht in Frage, doch Gael gestattete sich die Hoffnung, dass ihnen unter seiner Führung gelingen würde, was viele Generationen vor ihnen nicht geschafft hatten.
„Jeder weiß, was seine Aufgabe ist“, fuhr er fort. „Dieses Mal dürfen wir nicht scheitern. Das Opfer muss stattfinden!“
In allen Augen las er entschlossene Zustimmung. Jeder von ihnen hatte sein Leben dieser Aufgabe gewidmet und jeder wusste, dass er nur diese eine Chance hatte, sich zu bewähren.
Gael von Carnut lehnte sich in seinem Sessel zurück und beobachtete, wie sich der Besprechungsraum nach und nach leerte. Nein, Zweifel an ihnen hatte er nicht. Jeder Einzelne war ein guter Mann. Bestens vorbereitet und hochmotiviert.
11. November 2015
Hexenhaus, München
Theresia hatte die Nächte nie gezählt, die sie an der Seite ihrer Tochter wachend verbracht hatte. Theoretisch hätte sie es natürlich hochrechnen können, doch was sollte das bringen? Es hätte nichts geändert. Dajana war in diesem Jahr zwölf geworden und ein lebenslustiges Mädchen. Dass ihre Nächte von dunklen Schatten begleitet wurden, merkte man ihr nicht an. Theresia hatte den Eindruck, dass sie sich daran beinahe gewöhnt hatte. Doch mittlerweile erkannte sie am morgendlichen Blick ihrer Tochter, wann die Alpträume zunahmen. Zwei Nächte wartete sie ab, da Dajana zwar unruhig schlief, aber nicht erwachte. Doch dann kam sie nicht daran vorbei, ihre Nachtwache aufzunehmen. Geduldig wachte sie über den Schlaf ihres Kindes, jederzeit bereit, Dajana in die Arme zu schließen, wenn sie zitternd und schweißgebadet hochschreckte. Worte murmelnd, die sie nicht verstand und daher gleich wieder vergaß. Immer wieder versuchte sie, ihre magischen Kräfte einzusetzen. Bemühte sich verzweifelt, das Wesen dieser Schatten zu ergründen. Doch sie entzogen sich ihren Sinnen. Nur manchmal hatte sie den Eindruck vorüberwehender Kälte.
Geister, kam es ihr in den Sinn. Geisterschatten in der Nacht. Doch gab es Geister?
Angeblich ja. Zumindest kursierte dieses Gerücht seit kurzem durch die Hexenhäuser. Jahrhundertelang hatten die Hexen die Existenz von Geistern schlichtweg geleugnet. Und zwar aus dem einfachen Grund, da es keine Aufzeichnungen dazu gab.
Doch dann kamen im Sommer seltsame Meldungen aus Amerika. Gerüchte über eine Seelenfresserin. Eine Spinnenfrau, die Seelen verschlang und deren Existenz unwiderruflich auslöschte.
Natürlich hatte das zunächst für Erheiterung und Unglauben gesorgt. Spinnenmagie, nun ja. Sie war ein Mysterium und lange Zeit hatte man auch sie für eine Art Märchen gehalten. Schwarze Magie, mit der man kleine Hexen erschrecken konnte. Es gab Warnungen, Suchmeldungen und, Jahre später, auch die Bestätigung, dass es eine Spinnenmagikerin gab. Doch gleichzeitig kam die Anweisung, dass diese Information nicht für alle Hexenohren bestimmt war.
Doch Theresia hatte sich eingehend darüber informiert. So wie es ja auch ihre Aufgabe war. Und die Verbindung zwischen Spinnenmagie und Seelen hatte sie neugierig gemacht. Denn wenn es Seelen gab, lag die Existenz von Geistern nicht fern. Und das ließ sie unweigerlich an die Schattenträume ihrer Tochter denken.
Akribisch hatte sie in den letzten Wochen die Literatur nach Seelen, Geistern und Schatten durchforstet, doch die Hexenliteratur gab da nicht viel her. Lediglich die Berichte aus der Menschenwelt waren unerschöpflich und vielfältig. Doch Theresia bezweifelte, dass diese das Wesen von Geistern beziehungsweise von Seelen wirklich erfassten. Theorien gab es viele, doch alle trugen Ungereimtheiten in sich und setzten den puren Glauben voraus. Lediglich diesen Kälteeffekt, den manche Menschen beschrieben, konnte sie bestätigen. Wenn denn diese Schatten tatsächlich Geister waren.
Doch was sollten sie sonst sein?
Die Erfindung eines sensiblen kindlichen Gemüts? Eine krankhafte, schizophrene Halluzination?
Möglich war es, doch Theresia glaubte nicht daran. Nicht, wenn sie in die furchterfüllten Augen ihrer kleinen Tochter sah. Und auch später nicht, als Dajana die Novembernächte akzeptieren und ertragen lernte. Denn die Regelmäßigkeit, mit der die Träume kamen, war gegeben, jedoch nicht datumsabhängig.
Ihr Blick glitt nach draußen durch das kleine Fenster in die stockdunkle Nacht. Der Himmel war klar und trotz der Nähe zu München war der Sternenhimmel beeindruckend. Vom Mond konnte man nur eine hauchdünne Sichel erkennen. Morgen war Neumond. So wie immer.
Etwas machte Klick in Theresia und eine neue Erkenntnis ließ sie erstarren. Neumond. War es das? Richteten sich diese Alpträume etwa nach der Mondphase?
Sie stöberte in ihren Erinnerungen und ... ja. Natürlich konnte sie nicht jedes Jahr nachvollziehen. Die Nächte waren zu dieser Jahreszeit selten so klar wie heute. Doch schon etliche Male hatte sie die Düsternis der Neumondnacht als passend empfunden.
Wenn das wirklich so war, würde morgen der Höhepunkt sein! War das die Lösung? Wohl kaum. Wie sollte ein Kind einen solchen Zyklus herleiten? Hormonelle Schwankungen? Die gab es im Kindeswachstum quasi stündlich. Daraus ließen sich wohl kaum jährliche halluzinogene Zyklen herleiten.
Dajana wimmerte im Schlaf und Theresia legte sich neben sie. Umschlang ihr Kind mit beiden Armen und flüsterte beruhigende Worte. Tatsächlich verstummte das Wimmern.
Doch die Nacht hatte erst angefangen.
*
„Heute Nacht ist Samhain.“ Bibliothekarshexe Adelheid Langen zwinkerte Theresia zu. „Wenn ich es nicht schon ausgerechnet hätte, würde ich es jetzt an deinem Zustand ablesen.“
Die oberste Bibliothekarin spürte förmlich, wie ihr Herzschlag für einige Sekunden aussetzte und dann mit doppelter Geschwindigkeit wieder ansprang. Sprachlos starrte sie ihre langjährige Untergebene und Freundin an.
Adelheid Langen war keine Schönheit, aber in ihren braungrünen Augen stand häufig genug der Schalk, welcher ihre herben Gesichtszüge immer wieder zum Strahlen brachte. Ihre schwarzen, glatten Haare trug sie während der Arbeitszeit zu einem Dutt hochgebunden, was sie ein wenig altbacken aussehen ließ. Doch wenn sie den Dutt löste und ihren überaus langen und dicken Haaren freien Lauf ließ, mutierte sie mit ihren vollschlanken Formen zu einem männermordenden Rasseweib. Das konnte sich Theresia zumindest vorstellen. Theoretisch. Praktisch hatte Adelheid, kurz Heidi genannt, noch keinerlei Erfahrungen mit Männern gemacht. So wie viele andere Hexen auch.
Jetzt lachte sie leise.
„Was denn? Ist dir das wirklich entgangen?“
Theresia benötigte einige Sekunden, bis sie sich halbwegs gefangen hatte.
„Wie meinst du das, Heidi?“
Ihre Stimme hatte einen leicht krächzenden Klang.
„Liebes, hältst du uns wirklich für so unaufmerksam? Seit Jahren wissen wir, dass du in dieser Zeit gestresst und übermüdet bist.“
„Darf ich wissen, wen du mit uns meinst?“
„Anja und mich“, kam die Antwort und Theresia atmete unwillkürlich auf. Sowohl Heidi als auch Anja waren enge Freundinnen von ihr. Heidi arbeitete schon lange als ihre rechte Hand, während Anja in der Nachrichtenzentrale die Aufsicht hatte. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit und hatten stets aufeinander aufgepasst.
Wie oft hatte sie mit sich gerungen, die beiden um Rat zu fragen. Sich ihnen anzuvertrauen, so wie sonst auch. Doch in diesem Fall ging es nicht nur um das Wohl ihrer Tochter. Allein der Verdacht, dass Dajana mit Geistern zu tun haben konnte, war zurzeit lebensgefährlich. Geister waren mit Spinnenmagie verknüpft, so der Tenor der letzten Monate. Und Spinnenmagie war schwarze Magie. Tödlich und gefährlich für jede Hexe. Für ihre Tochter konnte dies das Todesurteil bedeuten und für sie selbst und jeden anderen Mitwisser vermutlich ebenfalls. Durfte sie ihre Freundinnen tatsächlich einer solchen Gefahr aussetzen?
Heidi verlor ihre Fröhlichkeit und beobachtete sie mit ernster Miene.
„Theresia, du musst darüber reden. Anja und ich wissen schon lange, dass irgendetwas im Argen ist. Und es betrifft deine Tochter, nicht wahr? Jedes Jahr um diese Zeit ist sie wie ein Schatten ihrer selbst. So als würde sie tagelang nicht schlafen. Und bei dir ist es ähnlich. Es kann nicht mehr lange dauern, bis es auch anderen auffällt. Wenn das nicht bereits geschehen ist. Was auch immer euch beide plagt, lasst euch helfen!“
„Das ... ist nicht so einfach, Heidi.“ Leugnen war zwecklos, doch konnte sie es wirklich riskieren, Dajanas Schattenträume zu erwähnen?
„Natürlich nicht“, seufzte Heidi. „Sonst hättest du schon längst etwas gesagt. Theresia, du kannst uns vertrauen. Wirklich. Was auch immer euer Problem ist, wir werden versuchen euch zu helfen. Darauf hast du mein Wort.“
Theresia holte tief Luft.
„Gut. Dann kommt heute Abend in unsere Wohnung. Aber vorher: Was weißt du über Samhain?“
Heidi überlegte.
„Nicht viel“, gestand sie dann. „Meines Wissens ist es ein keltisches Totenfest, das bis heute überdauert hat. Allerdings wird es in der heutigen Zeit immer in der Nacht zum ersten November zelebriert. In den USA wird es als Halloween gefeiert und das scheint in den letzten Jahren auch hier in Deutschland immer beliebter zu sein.“
„Aber heute ist nicht der erste November, sondern der elfte“, wandte Theresia ein. Heidi lachte leise.
„Stimmt, doch es kommt trotzdem hin. Früher richtete sich das Samhain-Fest nach dem Mondkalender. Es lag immer auf dem elften Neumond nach der Wintersonnwende. Und das ist tatsächlich heute der Fall.“
Theresia schloss für einen kurzen Moment die Augen.
Samhain. Natürlich. Warum war sie nicht selbst darauf gekommen? Sie würde es nachrechnen müssen, doch eigentlich wusste sie schon, dass Heidi recht hatte. Es machte sogar Sinn. Bis auf die Berechnung des Datums hatte Heidi ihr nichts Neues erzählt und sie wusste, dass nach altem keltischem Glauben in der Samhain-Nacht die Grenzen zwischen der Erdenwelt und der Geisterwelt verschwammen, so dass sich beide besonders nahekamen. So wie die Schatten ihrer Tochter. Und das war keine beruhigende Vorstellung. Was hatte Dajana mit Geistern zu tun? Wie kam bereits ein Kleinkind zu einer Verbindung mit solchen Wesen?
Heidi hatte recht. Sie musste mehr erfahren, doch alleine würde sie das nicht schaffen.
Ihre Freundin hatte in ihrem Gesicht anscheinend ablesen können, wozu sie sich durchgerungen hatte, und nickte zufrieden.
„Gut. Das wäre also beschlossen.“
Den Rest des Tages vermieden sie das Thema. Lediglich in der Mittagspause trafen sie sich mit Anja zum Essen und setzten sie davon in Kenntnis, dass sie sich bei Theresia abends treffen wollten. Nichts Ungewöhnliches bei den drei Freundinnen. So etwas kam immer mal wieder vor. Warum also sollte irgendjemand annehmen, dass an diesem Abend Geheimnisse ausgetauscht werden würden?
Wissen, das die Geschicke des Hexenvolks in der Zukunft beeinflussen würde.
*
„Hexenmäuschen, du siehst wirklich schrecklich aus.“
Anja strich liebevoll über Dajanas dunkelbraunen Schopf. Das Mädchen verzog nur kurz das Gesicht und lächelte dann entschuldigend.
„Tut mir leid, Tantchen, aber ich schlafe gerade nicht gut.“
Diesmal verzog Anja das Gesicht zu einer verzweifelten Fratze. Normalerweise war sie eine ausgesprochen hübsche Frau mit weichen Zügen und einer kecken Stupsnase. Blonde Locken ringelten sich in ihre Augen und wurden reflexartig ständig weggepustet. Man sah ihr nicht an, dass sie, so wie ihre Freundinnen, auf die vierzig zuging.
„Das habe ich verdient“, gab sie zu. „Ich nehme das Mäuschen zurück und ersetze es durch Biest.“
Das brachte Dajana zum Lachen und auch Theresia schmunzelte in sich hinein. Es war gut zu wissen, dass ihre Tochter von Heidi und Anja genauso geliebt wurde, als wäre sie deren eigene Tochter.
Ihre Freundinnen waren kinderlos geblieben. Offiziell, weil sie mit Männern nichts anfangen konnten. Inoffiziell, also nur Theresia gegenüber, hatten sie jedoch mehrfach geäußert, dass sie auf einen Herzschmerz, so wie ihn Theresia durchlitten hatte, keinen Wert legten und außerdem die Miterziehung von Dajana schon anstrengend genug war. Beides konnte Theresia nachvollziehen und beließ es dabei.
Jetzt hockte die Zwölfjährige zwischen ihren Hexen“tanten“ und versuchte, die schwere Müdigkeit mit einem Lächeln zu verdrängen. Doch in ihren Augen stand Unruhe. Ständig flitzten ihre Blicke von einer Seite zur anderen, so als würde sie Bewegungen wahrnehmen.
Theresia wusste, dass es genau so war. Inzwischen war es beinahe zehn Uhr nachts und die Schatten kamen immer mit der Dunkelheit.
Normalerweise würden sie jetzt eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa hocken und versuchen, die Nacht durchzuwachen. Denn die Träume waren am schlimmsten.
Es gelang ihnen nie. Dajanas Erschöpfung war zu diesem Zeitpunkt viel zu groß und sie kämpfte schwer dagegen an, wegzunicken. Immer wieder vergeblich.
„Willst du nicht schlafen gehen?“, fragte Heidi sanft.
Sofort schüttelte Dajana den Kopf.
„Ich bin nicht müde“, behauptete sie, um gleich darauf herzhaft zu gähnen.
Theresia holte tief Luft. Jetzt war wohl der passende Zeitpunkt gekommen.
„Dajana träumt von Schatten.“
Ihre Tochter riss überrascht die Augen auf. Es war das erste Mal, dass ihre Mutter vor anderen darüber sprach.
Die Wirkung auf ihre Tanten war eher spärlich.
„Aha“, meinte Anja nur.
Theresia seufzte. Nun, es war wohl klar, dass sie ausführlicher werden musste.
„Sie träumt jede Nacht von ihnen. Ich weiß es seit neun Jahren. Doch am stärksten sind sie in dieser Jahreszeit. Um Samhain herum.“
Natürlich hatte sie es inzwischen mehr als einmal durchgerechnet. Es kam hin. In jedem verdammten Jahr fiel das ursprüngliche Totenfest mit der Schattennacht ihrer Tochter zusammen.
Ihre Freundinnen sahen mit großen Augen zwischen den beiden hin und her.
„Und ... und wie sollen wir uns das vorstellen?“, fragte Anja schließlich nach. Theresia nickte Dajana auffordernd zu. Diese Frage konnte ihre Tochter wohl am besten beantworten.
„Normalerweise sind sie einfach da“, begann Dajana zögernd. „Immer. Manchmal spüre ich sie sogar tagsüber, wenn ich nicht abgelenkt bin und zur Ruhe komme. Doch nachts ... ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Sie sind immer in meiner Nähe. Mal einer, mal zwei oder drei. Sie sind da und tun nichts. Doch einmal im Jahr, also jetzt, werden sie präsenter. Dichter. Und sie sind zu fünft.“
„Kannst du erkennen, wer sie sind?“
Heidi wirkte weniger erschrocken als fasziniert.
Dajana schüttelte den Kopf. „Nein. Sie sind wie dunkle Schatten ohne Gesicht. Aber sie sind sehr groß und breit.“
„Siehst du sie jetzt auch?“
Das kam von Anja und ihre Faszination hielt sich in Grenzen. Sie wirkte eher besorgt.
„Ja.“ Dajana schluckte unwillkürlich. „Sie sind genau um mich herum und ... sehr unruhig. Ich glaube, sie sind zornig, weil wir über sie reden.“
Die Frauen sahen sich unbehaglich um, doch nichts deutete auf irgendwelche Schatten hin.
Dajana zog die Knie an sich heran und umschlang sie mit ihren Armen. „Sie reden zu mir. Das tun sie nur in dieser Nacht.“
„Und worüber?“
„Ich verstehe ihre Sprache nicht. Und ich kann ihre Worte nicht festhalten. Aber es sind immer wieder die gleichen. Wie bei rituellen Zaubersprüchen.“
Das war selbst für Theresia neu. Bisher erhielt Dajana keinen magischen Unterricht, da sie immer noch keine Begabung in diese Richtung zeigte. Das war ungewöhnlich spät für eine Hexe, doch Spätzünder gab es immer wieder. Normalerweise hätte Dajana also nichts über Zaubersprüche wissen können, doch natürlich wurde sie von ihren Freundinnen täglich auf dem Laufenden gehalten. Theresia vermutete sogar, dass ihre Tochter zumindest theoretisch mehr über Zaubersprüche und den Umgang mit Hexenmagie wusste als so manche praktizierende Hexe. Intelligent genug war sie dafür.
„Verdammt“, murmelte Heidi und Theresia wusste nicht, ob sie sich über die Erschütterung ihrer Freundin freuen sollte. Die Bestätigung, dass ihre Sorgen nicht unbegründet waren, war einerseits erleichternd, doch andererseits löste das ihre Ängste noch lange nicht.
„Glaubt ihr, dass Magie im Spiel ist?“, fragte Anja beunruhigt. „Dann sollten wir vielleicht doch die Oberhexe einweihen.“
Theresia schüttelte heftig den Kopf. „Auf keinen Fall.“
„Aber ...“
„Überlegt doch mal. Was war in den letzten Wochen und Monaten Thema Nummer eins in der Hexenpresse?“
„Die Spinnenmagikerin und die Seelenfresserin“, kam es spontan von Anja. Sie musste es ja wissen. Schließlich saß sie an der Quelle.
„Und wie stehen wir Hexen dazu?“
„Das sind Schwarzmagikerinnen. Das lernen wir doch schon immer so. Spinnenmagie ist schwarze Magie.“
„So lernen wir es“, bestätigte Theresia. „Und was ist die Definition von Seelen?“
„Ähm.“ Anja stockte, doch Heidi kam ihr zu Hilfe.
„Geister. Vermutlich sind es Synonyme. Zumindest denken das einige Hexen. Geistwesen sind womöglich verloren gegangene Seelen. Die Menschen behaupten das ja schon lange.“
Theresia nickte zustimmend.
„So ist es. Und was denken Hexen spontan, wenn das Thema Seelen zur Sprache kommt? Und was würden sie denken, wenn sie hören, dass Dajana dunkle Schattengeister sieht, die vermutlich Ritualmagie murmeln?“
„Hexendreck“, fluchte Heidi leise.
„Ich bin keine schwarze Hexe“, piepste Dajana zwischen ihren Armen hervor.
„Natürlich nicht, Liebes“, beruhigte Anja sie sofort und tätschelte beruhigend ihren Oberarm. „Dazu müsstest du erst einmal Magie in dir tragen und außerdem sprichst du die Rituale nicht, sondern diese gruseligen Schatten.“
„Aber Theresia hat recht“, warf Heidi ein. „Schwarzmagie ist ein echt heikles Thema. Und wir Hexen wissen quasi nichts über Geister.“
„Warum eigentlich nicht?“, hakte Anja nach. „Ich dachte, die Bibliotheken enthalten jegliches Wissen, das seit Jahrhunderten existiert.“
„Noch länger“, korrigierte Theresia automatisch. „Unsere Schwestern haben schon immer alles gesammelt, was in irgendeiner Form Wissen enthielt. Hier bei uns lagern Pergamente und Papyrusrollen, die weit über tausend Jahre alt sind.“
„Und da steht nichts über Geister?“, fragte Anja ungläubig. Die beiden Bibliothekarinnen hoben synchron die Schultern.
„Das wissen wir nicht“, gestand Heidi. „Wir sind natürlich bemüht, alles zu katalogisieren und zu digitalisieren, damit man leichter darauf Zugriff nehmen kann. Doch schon allein das neuzeitliche Wissen beansprucht beinahe unsere gesamte Kapazität. Es gibt nur eine Handvoll Hexen weltweit, die mit den alten Texten beschäftigt sind.“
„Trotzdem hast du natürlich recht.“ Theresia rieb sich die müden Augen. „Es ist schon sehr ungewöhnlich, dass ein solches Thema in unserem Wissenshort kaum zu finden ist.“
„Vielleicht ist es Absicht“, kam es nachdenklich von Anja. „Wenn Seelen oder Geister mit schwarzer Magie verbunden sind, wollte man sie vielleicht aus unserem Gedächtnis tilgen.“
„Möglich, aber unwahrscheinlich. Es gibt genügend Literatur über schwarze Magie, die sich zum Teil sehr detailliert über schwarzmagische Praktiken auslässt. Diese ist zwar unter Verschluss, aber ab dem neunten Grad zugänglich.“
Also nur den obersten beiden Hierarchie-Ebenen. Anja nickte. Das klang logisch. Theresia fuhr fort.
„Doch Geister- und Seelenwissen gibt es quasi gar nicht. Selbst aus dem Mittelalter fehlen Aufschriebe darüber und in dieser Zeit haben viele fest an Geister geglaubt. Und Seelen fanden ja spätestens im Christentum besondere Aufmerksamkeit. Das macht es umso seltsamer, dass wir Hexen dieses Thema komplett ausgeklammert haben.“
Die drei Frauen schwiegen nachdenklich, bis Dajanas Wimmern sie wieder in die Gegenwart riss. Automatisch schlangen Anja und Heidi ihre Arme um den schmalen Kinderleib. Eine hilflose Geste des Schutzes gegenüber einer unsichtbaren Kraft.
„Können wir denn gar nichts tun?“, flüsterte Anja irgendwann.
„Ich weiß nicht was“, seufzte Theresia. „Ich habe schon alle möglichen Schutzzauber ausprobiert. Zumindest die kleineren, die man nicht so schnell wahrnehmen kann. Mehr Magie wage ich nicht. Wenn herauskäme, dass ich nachts in meiner Wohnung größere Schutzzauber ausspreche, würde das mit Sicherheit eine Befragung nach sich ziehen.“
Ihre Freundinnen verzogen spontan das Gesicht. Hexenbefragungen waren etwas, dem man am besten aus dem Weg ging. Sie waren schmerzhaft und allumfassend. Jede von ihnen hatte eine solche Befragung über sich ergehen lassen müssen, bevor sie ihren Posten antreten durfte, und sie waren nicht scharf auf eine Wiederholung. Nicht nur wegen der bestialischen Schmerzen, sondern vor allem, weil jede Verfehlung, jedes noch so kleine Geheimnis ans Tageslicht kommen würden.
Hexenbefragungen waren äußerst effektiv und sehr gründlich.
Sie redeten die ganze Nacht, immer wieder unterbrochen von Dajanas Panikattacken, wenn sie doch in den Schlaf fiel und die Schatten ihr näher rückten.
Gegen Morgen einigten sie sich darauf, Informationen zu sammeln. Wissen über Geister, Seelen, Spinnenmagie und was sonst noch in diesem Zusammenhang ihren Weg kreuzen würde. Sie wollten es strategisch angehen.
Wissen aus der Bibliothek zu stehlen, war äußerst schwierig und gefährlich. Auch wenn die Absichten vielleicht gute waren, so war dieser Diebstahl unter Todesstrafe verboten.
Wissen war eine gefährliche Waffe. Niemand wusste das besser als Hexen, wurde es doch massiv gegen sie eingesetzt. Als sich nach den Hexenverfolgungen die überlebenden Hexen zu Häusern zusammenschlossen, waren sich alle sofort einig gewesen, dass das Horten von Wissen ihnen ihr weiteres Überleben sichern würde. Erst war es ein unkoordiniertes, eher zielloses Zusammentragen von Schriften gewesen, doch nach und nach hatten sie ein System entwickelt, das mittlerweile sehr umfassend und ausgefeilt war. Ein Großteil der Hexen half dabei und alle waren zurecht stolz auf die Hexenbibliotheken. Eine Zeitlang hatten sich die verschiedenen Häuser auf bestimmte Themen spezialisiert, doch seit der Digitalisierung hatten inzwischen alle Häuser Zugriff auf die meisten Daten. Umso wichtiger war die Sicherung dieses Wissens geworden, um unerlaubten Zugriff von außen zu verhindern. Normalen Hexen war der Zugang zu vielen Daten verwehrt, doch Theresia hatte einen entscheidenden Vorteil: Sie war oberste Bibliothekarin des Münchener Hexenhauses und besaß somit für die meisten Sammlungen die Zugriffsberechtigung. Und für die Schriften, die nur den obersten Hexen zur Verfügung standen, kannte sie zumindest die Zugangscodes. Doch jeder Zugriff wurde registriert und darauf hatte sie keinen Einfluss. Wenn sie an solche Daten wollte, benötigten sie von anderer Seite Hilfe. Doch das war noch nicht so wichtig.
Zunächst mussten sie überlegen, wie sie ihre Suche geheim halten konnten.
Als Anja und Heidi ihre Wohnung verließen, fühlte sich Theresia so euphorisch wie schon lange nicht mehr.
Zwar wusste sie noch immer nicht, wie sie Dajanas Träume beenden konnte, doch allein das Wissen, zwei weitere Mitstreiterinnen zu haben, erleichterte sie ungemein.
12. November 2015
Haupthaus der Keltai, bei München, Deutschland
Elf Männer drängten sich in dem kleinen Besprechungsraum so wie in jedem Jahr um diese Zeit.
Karl Gael von Carnut war einer von ihnen und er kannte sie alle. Mit einigen hatte er gespielt und gelernt, von einigen war er selbst unterrichtet worden und manche hatten von ihm gelernt. Jeder von ihnen trug spezielle Fähigkeiten in sich, hatte Stärken und Schwächen, lebte ein eigenes Leben. Viele hatten Kinder, manche schon Enkel. Lediglich Eburacon von Carnut war sein Leben lang Single geblieben. Seine Liebe war seine Berufung.
Doch so verschieden wie sie waren, eines verband sie alle: der Schwur der Keltai.
Seit 2647 Jahren bestand dieser Schwur und wurde seit über neunzig Generationen immer wieder erneuert.
Gael war stolz darauf. Er wusste von keinem anderen Bund, der so lange existierte und immer noch aktiv war. Und das trotz der widrigen Umstände.
Nur selten ergab sich die Gelegenheit, den Schwur zu erfüllen. Manche Generationen erhielten diese Chance nie. Er selbst hatte in jungen Jahren erlebt, wie frustrierend es war, wenn jahrelange Planung an unglücklichen Zufällen scheiterte. Damals war er noch Lehrling gewesen, so wie die meisten der jetzt Anwesenden. Doch sie alle hatten natürlich mitgeholfen und waren im Groben informiert gewesen.
Dass sie eine weitere Chance erhielten, hatte niemand zu hoffen gewagt. Umso entschlossener war die Stimmung, auch wenn die derzeitigen Umstände ungünstig waren. Doch wann waren sie es nicht?
„Wir kommen einfach nicht an die Auserwählte heran“, berichtete Aldert und Gael las in der normalerweise unbewegten Miene eine gewisse Frustration. „Wir haben das Haus Tag und Nacht unter Beobachtung, doch sie hat es noch nicht einmal verlassen.“
„Das tun Hexenkinder nie“, seufzte ein schmaler, mittelgroßer Mann und strich sich mit einer fahrigen Bewegung durch den kurzgeschnittenen Blondschopf. Hans Allan von Brigant war mit seinen nicht ganz fünfzig Jahren eines der jüngeren Ratsmitglieder. „Wahrscheinlich werden wir sie erst zu Gesicht bekommen, wenn sie sich entschließt schwanger zu werden.“
Damit äußerte er nichts Neues. Gael seufzte innerlich. Er hatte noch nie verstanden, warum die Hexen sich so von der restlichen Welt abgrenzten. Sicher, die Hexenverfolgungen im Mittelalter waren grausam gewesen, doch auch andere Völker waren im Laufe ihrer Existenz immer wieder bedroht worden. Trotzdem hatten sie sich der Menschenwelt angepasst und sich unauffällig integriert. Manchmal bedauerte er die Hexenkinder, doch vermutlich war das unnötig. Schließlich konnten sie nicht vermissen, was sie nicht kannten. Oder?
Sie wussten so viel und doch so wenig von dem, was sich mittlerweile in den Hexenhäusern abspielte. Hatten sie Fernsehen? Internet? Und wenn ja, wer durfte es nutzen? Vermutlich nur einige Auserwählte und dann auch nur unter Beobachtung. Die wenigen Hexen, die außerhalb der Hexenhäuser lebten, waren absolut linientreu, das hatten die Keltai schnell festgestellt und agierten in deren Nähe äußerst vorsichtig. Von alten Kontakten in früheren Zeiten wussten sie, dass die Hexen das Volk der Keltai inzwischen komplett aus ihrer Wahrnehmung gestrichen hatten. Es war kein direkter Bruch gewesen, sondern erst eine schleichende Entfremdung. Die meisten Keltai vermuteten, dass die Dubhsaoil daran schuld war. Die Schwarzhexe hielt sich immer in der Nähe von Hexen auf und es wäre dumm, zu glauben, dass sie ihre Macht nicht zu ihrem Vorteil nützen würde. Und was konnte da besser sein, als wenn zumindest die Hexen ihre Jagd nach der Schwarzhexe vergessen würden? Die Keltai hatten sich zwangsläufig entschieden, nun auch für die Hexen unsichtbar zu werden. Und so sollte es nach Möglichkeit bleiben. Denn die Hexen von heute hatten keinerlei Ähnlichkeiten mehr mit ihren Vorfahrinnen. Außer natürlich ihre Magie. Doch ihre Ziele und moralischen Wertvorstellungen hatten sich völlig verändert.
Leider erschwerte das die Arbeit der Keltai beträchtlich, aber Fluchen und Bedauern half da wenig. Sie mussten nutzen, was sich ihnen bot. Am ärgerlichsten war natürlich, dass sie über keine Kontakte mehr verfügten. Seit beinahe zweihundert Jahren waren die Verbindungen zu gemäßigteren Hexen komplett zum Erliegen gekommen und die Keltai auf ihre eigenen Beobachtungen angewiesen. Und da nur Frauen mit Hexengenen zum Opfer auserwählt wurden, war die größte Schwierigkeit, an diese Frauen heranzukommen. Die nächste Herausforderung bestand darin, die Auserwählten auf das Opfer vorzubereiten. Dass sie ihr Schicksal freiwillig erfüllten, darauf hatte man die letzten Male leider verzichten müssen. Manchmal aus Zeitgründen, doch vornehmlich, weil die Hexenfrauen diesen lästigen Männerhass in sich trugen, der ihnen jegliche Kooperation mit den Keltai verbot. Selbst die wenigen Cogniti, unerkannte Hexen in der Menschenwelt, hatten sich, wenn überhaupt, dann nur schwer überzeugen lassen. Was ihnen wohl niemand verdenken konnte. Seelenmagie existierte in der Vorstellung von Hexen nicht, und wenn, dann nur als schwarze Magie.
Doch für die Mission der Keltai war dies höchst ärgerlich. Der Erfolg des Opferrituals war in hohem Maße von der Kooperation aller Beteiligter abhängig. Die Geschichtsbücher berichteten von lediglich zwölf erfolgreichen Ritualen. Und das war frustrierend wenig, wenn man den Zeitraum vor Augen hatte, seitdem das Ritual vollzogen wurde. So vieles musste passen. Der Zeitpunkt, das Opfer, der Ort, die exakte rituelle Handlung ...
Gael verdrängte diese Gedanken und konzentrierte sich auf die Ratsmitglieder.
Alle warteten inzwischen gespannt auf Eburacons Bericht.
Dieser wirkte überraschend frisch, obwohl er die komplette Samhain-Nacht durchwacht hatte. Vermutlich benötigte er mit seinen siebzig Jahren einfach nur weniger Schlaf, überlegte Gael.
„Die Jäger sind unruhig“, eröffnete Eburacon seine Rede. „Die Auserwählte ist immer noch voller Furcht, doch das ist es nicht, was die Jäger stört. Ihre Schwingungen waren ungewöhnlich aktiv, was darauf hindeutet, dass sie auf irgendwas reagiert haben.“
„Und was könnte das sein?“ Thomas Kirrin von Brigant, Krieger und Sicherheitschef der Keltai, runzelte die Stirn.
Die Antwort gab Michael Drausus von Helvet. Er war zwar nicht so erfahren wie sein Fach-Kollege Eburacon, doch sein Wissen über die Jäger war geradezu enzyklopädisch. Selbst für einen Druwid war es erstaunlich.
„Es kommt selten vor und richtet sich nach dem, was die Auserwählte wahrnimmt und fühlt. Meistens sind es Ereignisse in ihrem Umfeld. Möglicherweise ist jemand auf ihre Träume aufmerksam geworden, doch das sind natürlich reine Spekulationen.“
„Schlimmstenfalls sind die Hexen auf sie aufmerksam geworden“, ergänzte Eburacon. „Doch das glaube ich nicht. Dann wären die Jäger deutlich besorgter gewesen.“
„Vielleicht solltet ihr den Jägern nahelegen, sich in den nächsten Samhain-Nächten zurückzuhalten“, schlug Aldert vor. „Das verringert die Gefahr einer Entdeckung.“
„Die Jäger brauchen diese Zeit, um sich auf sie einzustimmen.“ Eburacon schüttelte den Kopf. „Und da wir nicht wissen, wann wir an das Mädchen herankommen, müssen sie jede Nacht nutzen.“
„Aber es wäre fatal, wenn die Hexen etwas von ihren Träumen bemerken.“ Peter Fear von Trevet nickte Aldert zu. Gael wunderte sich nicht darüber. Fear war Alderts Mann. Durch und durch. Darüber hinaus war er allerdings auch ein hervorragender Stratege und Koordinator. Jetzt fuhr er fort. „Wir haben nicht nur einmal eine Auserwählte durch die Hexen verloren.“
„Aber noch nie durch die Träume“, wandte Allan von Brigant ein. „Immer nur, weil die Auserwählten keine Hexenmagie zeigten und für diese verrückten Weiber nutzlos waren.“
„Ihr habt natürlich beide recht“, beruhigte Gael die Gemüter. „Doch dieses Problem ist nicht neu.“
„Ich finde immer noch, dass wir die Auserwählte entführen sollten“, murmelte Fear.
Gael seufzte innerlich. Auch dieser Vorschlag kam nicht zum ersten Mal.
„Wir können keinen Krieg riskieren“, erinnerte er den Krieger ruhig. „Selbst wenn uns eine Entführung gelingen sollte, ist die Gefahr, in das Blickfeld der Hexen zu geraten, zu groß. Wir sind zu wenige, als dass wir uns ihrer geballten Magie entgegenstellen könnten.“
„Unsere Schutzzauber ...“ Fear wurde von einem der Druwiden rüde unterbrochen. Gael war überrascht, dass es Jan Lorcc von Carnut war. Lorcc hielt sich meistens aus den Diskussionen raus. Er war ein ernsthafter und ruhiger Mann und schwer aus der Fassung zu bringen. Und das war Fear anscheinend gerade gelungen.
„Unsere Schutzzauber sind zweifellos stärker als die der Hexen. Und unsere Krieger sind den Kriegerhexen haushoch überlegen. Doch Gael hat recht. Wir sind zu wenige und würden einfach überrannt werden! Abgesehen davon wären die Hexen im Recht! Es ist schon schlimm genug, dass wir eine der ihren vermutlich zwingen müssen, das Ritual zu vollziehen. Deswegen auch noch einen Krieg anzuzetteln, wäre absolut unethisch!“
„Dazu müsste es nicht kommen“, beharrte Fear beinahe trotzig. „Mein Plan ist ...“
Wieder wurde er abgewürgt, diesmal von Allan von Brigant.
„Dein Plan ist genial. Wir kennen ihn alle in- und auswendig. Doch selbst der beste Plan kann schiefgehen, das hat die Vergangenheit immer wieder bewiesen. - Fear, niemand zweifelt an deinen oder den Fähigkeiten unserer anderen Krieger. Ohne euch wäre unser Volk schon lange untergegangen. Doch wir haben nicht nur die Verpflichtung unseres Schwurs, sondern müssen auch an das Weiterbestehen der Keltai denken. Nur wir wissen um die Gefahr, die allen Völkern droht, und wenn wir untergehen, gibt es unseres Wissens nach niemanden, der das Böse aufhalten kann.“
„Das ist nicht sicher“, mischte sich Kirrin von Brigant ein. „Bei den Wölfen in den Vereinigten Staaten kursieren seit kurzem vage Gerüchte über eine Seelenfresserin. Angeblich hat sie einen Vampir zur Strecke gebracht, indem sie seine Seele verschlungen hat.“
Gael setzte sich unwillkürlich aufrechter und auch seine Druwid-Kollegen fixierten den Krieger.
„Bist du sicher?“, fragte Gael. „Seit wann weißt du davon?“
„Sicher ist nichts“, wehrte Kirrin ab. „Es ist verdammt schwer, an solche Informationen heranzukommen. Diese Fellträger sind viel zu misstrauisch und wir sind auf Richtmikrofone angewiesen, um überhaupt irgendwelche Gespräche mitzubekommen. Meine Männer haben diese Bezeichnung insgesamt dreimal zu Gehör bekommen und es mir gestern zukommen lassen. Leider habe ich nichts weiter über ein solches Wesen herausgefunden.“
„Das ist auch uraltes, eigentlich verloren gegangenes Wissen“, erklärte Eburacon nachdenklich. „Die Seelenfresserin ist ein Mythos.“
„Und sie steht außerhalb der Seelenmagie“, ergänzte Gael. „Warum?“ Fears Frage war berechtigt und nicht einfach zu beantworten.
„Wir wissen kaum etwas über sie, nur dass sie schon eine uralte Legende unserer Vorfahren war und bei allen Völkern gefürchtet. Die Seelenfresserin wirkt Todesmagie und steht damit außerhalb der wahren Seelenmagie. Seelenmagie beschützt und leitet Seelen. Die Seelenfresserin zerstört sie. Sollte sie wirklich existieren, macht sie das automatisch zu einem Gegner.“
Gael stockte kurz. War es so? Die Logik ließ darauf schließen, doch die absolute Wahrheit gab es nicht. Immer nur viele Wahrheiten. Viele Wege und Möglichkeiten.
Nachdenklich fuhr er fort: „Es ist wirklich seltsam, dass sie auf einmal Erwähnung findet. Nach so langer Zeit. Dem müsst ihr unbedingt nachgehen, Aldert. Wir müssen wissen, was da vor sich geht.“
Der oberste Krieger nickte. „Das habe ich bereits angeordnet.“
„Wen hast du damit beauftragt?“
„Den jungen Raik und seine Männer. Sie sind sowieso vor Ort und kennen sich mit den Gegebenheiten aus. Doch es wird dauern.“
„Noch haben wir Zeit. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass sie mit jedem Jahr verrinnt.“ Gael wandte sich wieder seinen Druwid-Kollegen zu. „Auch wir sollten in der Richtung nachforschen. Taigen, einige Lehrlinge sollen die alten Aufzeichnungen durchgehen. Und ich möchte so schnell wie möglich einen Bericht von der Arbeitsgruppe „Datensicherheit“. Es kann doch nicht sein, dass wir immer noch keinen Zugang zur Hexenbibliothek haben.“
Auch dieses Problem war ein altes und frustrierend bis ins Mark. Gael machte sich nichts vor. Die Hexen waren gut in dem, was sie taten. An ihre Daten heranzukommen, war schier unmöglich. Doch in seinen über sechzig Lebensjahren hatte er immerhin eines gelernt: Jeder machte Fehler. Auch Hexen. Die Kunst war es, diese Fehler zu erkennen und sich zu Nutze zu machen.
Mai 2019
Madden-Farm, Oregon
Sei geduldig, sei aufmerksam, sei allzeit bereit.
Sei geduldig, sei aufmerksam, sei allzeit bereit.
Sei geduldig, sei aufmerksam, ...
Thomas Raik von Trevet verschluckte ein gereiztes Knurren, während er durch das Fernglas spähte. Bei aller Liebe zu seinem Volk, aber dieses Mantra, das ihn seit seiner Kindheit begleitete, war manchmal schwer einzuhalten. Erst recht, wenn man zwölf Stunden lang auf einem Fleck verharrte und nicht nur die Umgebung, sondern auch noch seine vier Gefährten überwachen musste. Er sah sie nicht, natürlich nicht, doch er wusste genau, wo sie hockten und achtete sorgsam darauf, dass sie verborgen blieben. In der Nähe von Werwölfen war das ausgesprochen anstrengend.
Menschen waren blind und taub. Wölfe leider nicht.
Seine Sinne tasteten nach den Schutzzaubern, die seine Männer verbargen. Zufrieden registrierte er, dass sie immer noch stark waren. Das war eine Gabe, auf die er sich verlassen konnte. Schutzzauber waren nicht einfach zu weben, vor allem, wenn sie auf mehrere Personen gelegt wurden, die sich an verschiedenen Orten aufhielten. Zwar lagen seine Männer nicht weit auseinander, doch jeder zusätzliche Meter forderte auch mehr Energie. Raik war durchaus stolz auf seine Kräfte. Kaum einer in seinem Volk konnte Schutzzauber so effektiv und lange einsetzen wie er. Doch auch er hatte seine Grenzen und sehr viel länger würde er es nicht mehr riskieren wollen. Der Schutz seiner Männer ging vor.
„Noch eine Stunde“, murmelte er in sein Headset. Niemand antwortete. Doch das war auch nicht erwünscht. In der Hörweite von Wölfen war es nicht ratsam, Geräusche von sich zu geben, auch wenn sie noch so leise waren. Zumal es kurz vor Mitternacht war und die Stille nur von nachtaktiven Insekten durchbrochen wurde. Schall trug hier weit und auch schlafende Wolfsohren hörten mehr, als ihm lieb war.
Er ignorierte das leichte Frösteln seines Körpers und verlagerte sein Gewicht. Oregon im Mai war temperaturmäßig eine Zumutung. Den ganzen Tag hatte die Sonne unbarmherzig auf sie heruntergebrannt, doch jetzt, in der Nacht, war es deutlich abgekühlt und Raik war froh, dass er seine Tarnjacke dabei hatte.
„Bewegung von Süden“, meldete die leise Stimme von Rigo. „Ein Van. Sieht nach Kriegern aus.“
Das war keine Überraschung. Immerhin lag vor ihnen eine Basis der Kriegerwölfe. Ob das die Ablösung war? Leider waren sie noch nicht lange genug vor Ort, um den Rhythmus dieses Stützpunktes zu kennen. Üblicherweise wurden die stationären Krieger spätestens nach einem Jahr ausgewechselt. Doch meistens kamen solche Ablösungen mit mindestens zwei Wagen angefahren.
Der Van kam jetzt in Raiks Sichtbereich. Auch die Anwohner der Basis reagierten. Ein Scheinwerfer flammte auf und tauchte den Vorplatz in blendendes Licht. Mehrere Gestalten traten aus einer Scheune, die den stationierten Männern als Schlafraum diente, und öffneten das große Metalltor.
Raik beobachtete gespannt den Van. Kaum hatte dieser vor einer Scheune gestoppt, da stiegen auch schon zwei riesige Gestalten aus. Raik stellte sein Glas schärfer und murmelte dann einen leisen Fluch. Die Gesichter waren unverkennbar und standen für Schwierigkeiten. Wo diese beiden auftauchten, folgte ihnen Ärger auf dem Fuß. Oder sie waren dem Ärger auf der Spur.
„Unser Dreamteam“, murmelte Steans Stimme. „Na super.“
Raik sparte sich einen weiteren Kommentar genauso wie der Rest seiner Männer.
Henry Graves und Mort Byers zu begegnen, war immer ein hohes Risiko. Die beiden Kriegerwölfe waren wohl das erfahrenste Team der Minnesota-Rangers. Dazu kam, dass Henry Graves schon sehr alt war, Raiks Wissen nach weit über fünfhundert Jahre, und nicht ohne Grund als Stellvertreter des Ranger-Chiefs agierte. Die Druwiden hatten in mühsamer Recherche-Arbeit alles über die Kriegerwölfe zusammengetragen, was in irgendeiner Form greifbar war. Nicht zuletzt die heimlichen Überwachungen durch die Keltai waren da sehr aufschlussreich gewesen. Raiks Gruppe war jetzt vier Jahre im Einsatz und seither den Rangern nicht von der Seite gewichen. Das war zwar risikoreicher, als wenn sie normale Wölfe beobachtet hätten, doch die wirklich wichtigen Dinge erfuhr man erfahrungsgemäß von den Minnesota-Rangern. Und dass diese beiden jetzt auftauchten, versprach Neuigkeiten.
Als würden sie etwas ahnen, hoben die beiden Krieger unisono den Kopf und witterten. Raik blieb ruhig liegen, auch wenn sein Herz für einen kurzen Moment schneller schlug. Wölfe waren berühmt für ihr untrügliches Bauchgefühl, und diese beiden da unten waren das personifizierte Misstrauen auf wahlweise zwei oder vier Beinen.
Doch dann setzten sich die Krieger in Bewegung und verschwanden im Haupthaus, wo ebenfalls das Licht angegangen war. Für einen kurzen Moment erhaschte Raik einen Blick auf ein hübsches Gesicht, lange schwarze Haare und eine kleine, athletische Gestalt.
Raven Nash.
Das bisher überraschendste Geheimnis der Wolfsgemeinde. Eine Menschenfrau, die Kriegerwölfe kommandierte und von diesen geradezu verehrt wurde. Warum, hatten sie nur nach und nach herausgefunden. Anscheinend war Raven Nash wilden Wolfskindern auf die Spur gekommen und hatte diese unter Lebensgefahr gerettet. Einige dieser Welpen turnten immer noch auf dem Gelände herum. Manche waren inzwischen in andere Rudel verfrachtet worden, andere kamen neu dazu. Und Raven Nash hatte offenbar ein großes weites Herz für alle Vierbeiner.
Raik gestattete sich ein erleichtertes Ausatmen, als die Haustür sich hinter den Kriegern schloss.
„Sie gehen schlafen“, meldete Vahan leise.
Cnabetius sei Dank, schoss es Raik durch den Kopf. Somit war er nicht gezwungen, seine Kräfte über die Maßen zu strapazieren.
„Gut“, antwortete er leise. „Du hältst die Stellung. Die anderen ziehen sich zurück.“
Es dauerte einige lange Minuten, bis sich nach und nach drei Männer neben ihn schoben. Raik nickte ihnen zu und sie bewegten sich geräuschlos und im Zeitlupentempo von dem Rangerstützpunkt fort. Kurz verharrte Raik, um seine Lagerstelle mit einem Bannzauber zu versehen. Er benötigte nur eine knappe Minute, um das Symbol in die Erde zu ritzen. Jeder, der sich diesem Ort näherte, würde ihn unbewusst meiden. Erst als die Basis weit hinter ihnen lag, streckten sie ihre Körper und joggten los.
Ihr Lager hatten sie in einem weit entfernt gelegenen Waldstück aufgeschlagen. Dort parkte auch ihr Wohnmobil. Stühle und ein großer Klapptisch standen neben dem Wagen und wurden von einer Plane beschattet. Sauberes Essgeschirr war auf dem Tisch gestapelt und ein paar Töpfe standen neben einer improvisierten Feuerstelle. Alles sah nach einer vorübergehenden Campinggelegenheit aus. In ein paar Tagen würden sie den Standort wechseln. Das war Routine.
„Ausgerechnet Graves und Byers“, murrte Ninian vor sich hin. Der blonde Keltai wirkte ziemlich angepisst. Raik wusste, dass Ninian gewaltigen Respekt vor den beiden Rangern hatte. Sie waren ihm einmal bedenklich nahegekommen und nur Raiks geballte Schutzmagie hatte ihn vor der Entdeckung bewahrt. Damals war Raik mehr als dankbar gewesen, dass sich Keltai-Magie grundlegend von Hexenmagie unterschied. Von Byers wussten sie, dass er Letztere riechen konnte. Wäre das auch bei Keltai-Magie der Fall, wäre eine Überwachung der Krieger quasi unmöglich geworden.
„Du wirst dich so weit wie möglich von ihnen fernhalten“, ordnete Raik an. „Die Gefahr, dass sie deinen Geruch in die Nase kriegen, ist mir zu groß.“
Ninians Laune verschlechterte sich noch mehr. Raik verstand seinen Freund, doch die Sicherheit ging vor. Mürrisch ließ sich Ninian auf einen Stuhl fallen und beobachtete Stean, der sich an der Feuerstelle zu schaffen machte. Rigo öffnete derweil den Wagen und verschwand darin. Raik lauschte auf das Klappern und Klirren, das nach draußen drang und hockte sich neben Ninian. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und spürte nach seiner Verbindung zu Vahan. Es war nur ein leichter Schutzzauber, den er auch im Schlaf aufrechterhalten konnte, doch für die Nacht würde das ausreichen. Als Rigo eine Bierflasche vor ihm abstellte, hob er die Lider und nickte dankbar.
Ein Bier war erlaubt. Mehr würde sich keiner von ihnen gönnen. Die Feuerstelle knisterte und Stean verschwand mit einem zufriedenen Lächeln im Wohnmobil.
„Ich tippe auf Spaghetti“, murmelte Rigo.
„Reispfanne“, kam es sofort von Ninian.
Raik überlegte kurz, bevor er dagegenhielt: „Chili.“
Es war ein tägliches Ritual. Das Raten, mit welchem Essen Stean sie abfüttern würde. Raik war äußerst dankbar, dass sich eines ihrer Teammitglieder als ambitionierter Hobbykoch geoutet hatte. Er selbst bekam gerade mal eine Handvoll Gerichte zustande und diese waren nicht unbedingt tauglich für ausgehungerte Keltai.
Sie lagen alle daneben. Stean überraschte sie mit Steaks und Bratkartoffeln. Dazu gab es noch Rohkost, was nicht bei jedem auf Begeisterung stieß. Sie aßen es trotzdem, schon alleine aus Respekt für den Koch. Und weil niemand Lust hatte, sich einen seiner endlosen Vorträge über ausgewogene Mahlzeiten anzuhören.
„In zwei Wochen werden wir abgelöst“, verkündete Raik, wohl wissend, dass auch Vahan ihnen zuhörte.
„Und wer übernimmt?“, wollte Rigo wissen.
Raik hob die Schultern. „Vermutlich Flynns Truppe. Ganz klar ist das wohl noch nicht. Sie werden jedenfalls nächste Woche aufbrechen.“
„Und was ist dann unsere Aufgabe?“
„Zunächst einmal eine Woche Erholung“, lächelte Raik. „Ihr könnt euch ja schon mal überlegen, wo wir Urlaub machen sollen.“
„Kalifornien“, schlug Stean vor. „Wir könnten Wellenreiten.“
„Ich bin für Montana“, widersprach Rigo. „Die Wälder da sind ...“
„Kalifornien, eindeutig Kalifornien.“ Ninian zeigte Rigo den Mittelfinger. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir nach wochenlangem Herumkriechen in diesen verschissenen Wäldern uns in den Rocky Mountains den Arsch abfrieren?“
Rigo gab die Geste zurück. „Du bist einfach nur ein Weichei. Planschen gehen kann jeder.“
Raik grinste verhalten. „Was meinst du, Vahan?“
„Planschen“, kam es leise geknurrt in seinem Ohrstecker an.
„Tja, Rigo. Dann muss ich dir leider sagen, dass die demokratische Mehrheit sich für das große Planschbecken entschieden hat.“
„Demokratie ist Scheiße“, brummte der Überstimmte, ertrug aber das Gelächter seiner Kollegen mit unbewegter Miene.
„Du darfst auch das Hotel aussuchen“, grinste Ninian. „Vielleicht gibt es ja eines mit Kletterwand.“
„WLAN ist mir lieber“, brummte Rigo, was erneut Gelächter hervorrief. Alle wussten, worauf das hinauslaufen würde. Der breitgebaute Keltai war passionierter Gamer. Es gab vermutlich kein Computerspiel, das er nicht ausprobiert hatte. Selbst Kinderspiele wurden von ihm zumindest angetestet.
Raik gähnte. Zeit, ins Bett zu gehen.
„Wer fühlt sich fit genug, in vier Stunden Vahan abzulösen?“
Rigo hob die Hand. Damit war alles geklärt. In dreieinhalb Stunden würde Rigo ihn wecken, so dass er ihn mit dem Schutzbann versehen konnte. Im Morgengrauen würden auch alle anderen wieder ihre Posten beziehen. Kriegerwölfe standen früh auf und sie durften auf keinen Fall verpassen, was Graves und Byers zu erzählen hatten.
*
Zum zweiten Mal unterdrückte Raik ein Gähnen. Seit einer Stunde lag er wieder auf seinem Posten und lauschte nach dem Gespräch in seinem Ohrstecker. Vahan hatte sein Richtmikrofon an die Runde gekoppelt, so dass alle mithören konnten.
Bisher war das einzig Neue, dass Henry Graves die Nacht mit Raven Nash verbracht hatte. Laut Vahan war es ziemlich leidenschaftlich zugegangen. Raik war immer wieder erstaunt, dass Raven Nash trotz ihrer geringen Körpergröße diesen Kriegerwölfen problemlos standhalten konnte. Dass sie mit jedem dieser Kerle schlief, hatte ihn erst abgestoßen. Doch mittlerweile war auch ihm klar geworden, dass diese Frau keine Nymphomanin war. Sie liebte diese Fellträger tatsächlich. Den einen mehr, den anderen weniger. Manche behandelte sie wie ein rohes Ei, andere wiederum kommandierte sie schamlos herum. Sie wusste sehr genau, mit wem sie es zu tun hatte und behandelte sie mit sehr viel Diplomatie und Geschick. Und immer mit liebevollem Respekt.
Der Morgen verlief zunächst nach dem üblichen Schema.
Die Welpen wurden abgefüttert und zum Lernen weggeschickt. Anscheinend gab es mehrere Zimmer, in denen Online-Unterricht gegeben wurde.
Betreut wurden die Bälger von einem alten Ehepaar. Clive und Elisabeth Madden. Ihnen gehörte das Anwesen, und ihre Tochter Amy, eine attraktive Kriegerwölfin, war Mitglied der Ranger. Ebenfalls am Frühstückstisch befanden sich eine junge Wölfin namens Aurora, die meistens Ro gerufen wurde und ein normaler Wolf, der gleichfalls den Rangern angehörte und auf den Namen Streuner reagierte. Dazu kamen zwei Jugendliche, die sich anscheinend noch nicht gewandelt hatten und meistens eher mürrisch wirkten. Marvin und Andre, erinnerte sich Raik. Besagte Jugendliche wurden bald nach draußen geschickt, wo sie mit den anderen Kriegerwölfen trainieren mussten. Diese absolvierten täglich ein beeindruckendes Fitnesstraining.
Kaum hatten die Jungs das Haupthaus verlassen, da wurde es auch schon interessanter.
Henry Graves Stimme klang deutlich ernster als bisher.
„Jetzt zu dir, Streuner. Anweisung von ganz oben.“
Besagter Streuner gab ein Schnaufen von sich, das irgendwie entnervt klang.
„Ist meine Kündigung verloren gegangen?“
Graves lachte gehässig. „Muss wohl so sein. Sorry, aber deine Kündigungsfrist ist abgelaufen.“
Raik war sich nicht sicher, ob er ein gemurmeltes „Arsch“ hörte. Wenn das so war, war dieser Streuner entweder überaus dämlich oder überaus mutig. Henry Graves war niemand, den man ungestraft beleidigte.
Überraschenderweise lachte der Krieger nur.
„Nur keine schlechte Laune, Ranger. Dein neuer Job wird dir vielleicht sogar gefallen.“
Die helle Stimme der jungen Ro mischte sich empört dazwischen. „Der Chief hat gesagt, dass ich bei Connor bleiben kann.“
„Lass mich gefälligst ausreden, du kleine Kröte“, pflaumte Graves sie an. „Also, nach ausgereiften Überlegungen, wie wir deine Nase am besten einsetzen können, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass deine herausragenden Fähigkeiten und deine bisherigen Erfahrungen dich geradezu dazu prädestinieren, dich ganz der Suche nach weiteren wilden Welpen zu widmen.“
