Wächterin - Ana Marna - E-Book

Wächterin E-Book

Ana Marna

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Beschreibung

Die Forensikerin Dr. Valea Noack verbindet eine lange Freundschaft mit Roman Rothenstein. Es ist ein Schock für sie, als sie erfährt, dass dieser kluge und faszinierende Mann ein Vampir ist, der seine eigenen Pläne mit ihr hat. Ihr neues Wissen um die Geheimen Völker und ihre eigenen Gaben entpuppen sich als äußerst wertvoll bei der Jagd nach brutalen Mördern. Doch ihr Wirken findet nicht bei jedem Zustimmung und schon bald wird sie selbst zur Gejagten. Die Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Doch dann werden in den USA einige ihrer Kinder entführt und es kommt zu brutalen Todesfällen. Das Geheimnis der "Hidden Folks" droht aufzufliegen und es beginnt die verzweifelte Suche nach den Verrätern und deren Verbündeten.

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Seitenzahl: 577

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ana Marna

Wächterin

The Hidden Folks

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

April bis November 1997

Dezember 1997

Januar bis Oktober 1998

April bis Dezember 1999

Juni 2005

Juli 2005

Mai 2009

August 2010

Oktober 2010

August 2011

September 2011

Juni 2012

Juli 2013

Juli 2013

Juli 2013

Juli 2013

Juli 2013

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Mittwoch, 7. Januar 2015

Mittwoch, 7. Januar 2015

Freitag, 9. Januar 2015

Montag, 12. Januar 2015

Mittwoch, 14. Januar 2015

Donnerstag, 15. Januar 2015

Montag 9. März 2015

Dienstag, 23. März 2015

Mittwoch, 24. März 2015

Donnerstag, 25. März 2015

Freitag, 26. März 2015

Samstag, 27. März 2015

Donnerstag, 16. April 2015

Samstag, 23. Mai 2015

Sonntag, 24. Mai 2015

Montag, 25. Mai 2015

Dienstag, 26. Mai 2015

Mittwoch, 27. Mai 2015

Donnerstag, 28. Mai 2015

Freitag, 29. Mai 2015

Montag, 1. Juni 2015

Dienstag, 2. Juni 2015

Freitag, 5. Juni 2015

Samstag, 6. Juni 2015

Sonntag, 7. Juni 2015

Montag, 8. Juni 2015

Dienstag, 9. Juni 2015

Mittwoch, 10. Juni 2015

Freitag 12. Juni 2015

Samstag, 13. Juni 2015

Sonntag, 15. Juni 2015

Freitag, 20. Juni 2015

Oktober 2015

Januar 2016

Anhang

Wie es weitergeht

Nachwort

Impressum neobooks

Inhalt

Buchbeschreibung:

Die Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Doch dann werden in den USA einige ihrer Kinder entführt und es kommt zu brutalen Todesfällen. Das Geheimnis der "Hidden Folks" droht aufzufliegen und es beginnt die verzweifelte Suche nach den Verrätern und deren Verbündeten.

Band 4: Wächterin

Die Forensikerin Dr. Valea Noack verbindet eine lange Freundschaft mit Roman Rothenstein. Es ist ein Schock für sie, als sie erfährt, dass dieser kluge und faszinierende Mann ein Vampir ist, der seine eigenen Pläne mit ihr hat. Ihr neues Wissen um die Geheimen Völker und ihre eigenen Gaben entpuppen sich als äußerst wertvoll bei der Jagd nach brutalen Mördern. Doch ihr Wirken findet nicht bei jedem Zustimmung und schon bald wird sie selbst zur Gejagten.

Bereits erschienen:

Fellträger

Aschenhaut

Seelenfresserin

Über die Autorin:

Ana Marna, geboren 1966, studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund der Musik zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science-Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren beschloss sie, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen. "The Hidden Folks" ist ihre erste Real-Fantasy Serie.

Wächterin

The Hidden Folks

Von

Ana Marna

Gewidmet allen Forensikern,

die den Angehörigen von Opfern Gewissheit verschaffen.

1. Auflage. Auflage, 2020

© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

[email protected]

www.ana-marna.de

www.facebook.com/ana.marna.92372

April bis November 1997

Ulm, Deutschland

Rosa, wohin man nur sah.

Rosa Kleidchen, rosa Hosen, rosa T-Shirts, pinkfarbene Schuhe, Söckchen, Unterwäsche. Rosa Jacken, rosa Bettwäsche, rosa Trinkflaschen, rosa, rosa, rosa.

Valea Noack schloss die Augen und versuchte, den Gruseleffekt abzuschütteln. Irgendwann wagte sie es, wieder zu blinzeln, und stellte fest, dass sie immer noch in dem Horrorkabinett Mädchenabteilung stand.

„Um Himmels willen“, murmelte sie. „Wann kommt endlich mal wieder die Zeit, wo es auch normale Farben für Mädchen gibt?“

In ihrer Verzweiflung griff sie reflexartig nach dem Ärmel einer vorbeihuschenden Verkäuferin.

„Bitte“, flehte sie. „Sagen Sie mir, dass es noch andere Farben außer Rosa in diesem Geschäft gibt.“

Die Verkäuferin lächelte sie leicht genervt an.

„Natürlich. Wir haben auch Weiß, Pastellrot und Rotkäppchenrot.“

„Blau oder Grün?“, fragte Valea hoffnungsvoll.

Die Verkäuferin schüttelte den Kopf.

„Das ist zurzeit nicht so aktuell.“

Valea stöhnte verzweifelt und ließ den Ärmel los. Die Verkäuferin entfloh sofort und ließ eine ratlose Mutter zurück.

Wie sollte sie für Mara ein gescheites Kleid finden?

Ihre Tochter hasste Rosa, und das konnte sie sehr gut verstehen. Und Weiß war mit Sicherheit auch nicht das Richtige. Maras Lieblingsbeschäftigung war es, in schlammigen Sandkästen herum zu robben. Da waren eher Erdfarben angesagt. Aber die gab es anscheinend nur in der Jungenabteilung.

Nach langem Hin und Her entschied sie sich für ein dunkelrotes Kleid. Dann trat sie erleichtert den Rückweg an. Geschafft. Jetzt musste sie nur noch ihre beiden Helden finden und nach Hause fahren.

Daniel hatte vorgeschlagen, dass sie sich bei der Eisdiele im Erdgeschoss treffen sollten. Vermutlich saßen sie bereits seit einer Stunde da und Mara schlug sich den Bauch mit ihrem geliebten Schoko-Eis voll.

Fröhlich betrat sie die Rolltreppe, um nach unten zu fahren. Auf halber Höhe sah sie die Eisdiele in Sicht kommen. Tatsächlich, da saßen die beiden. Daniel mit seinem sanften Lächeln und die fröhliche kleine Mara, die trotz ihrer knapp zwei Jahre begeistert einen riesigen Eisbecher vernichtete.

Valea beobachtete liebevoll, wie ihre Tochter den langen Löffel mit beachtlichem Geschick in die Eiscreme tauchte.

Die bellenden Schüsse registrierte sie nur am Rande. Erst die Schreie der Leute schreckten sie aus ihren Gedanken.

Panisch drängten die Menschen vor ihr die Rolltreppe wieder nach oben. Erschrocken versuchte Valea zu erkennen, was sich unter ihr abspielte. Leute rannten kreischend dem Hauptausgang zu.

Valea wurde von den Flüchtenden eingekeilt, die nach oben drängten, und stemmte sich verzweifelt dagegen. Dabei verlor sie den Blick auf ihre Familie.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die fliehenden Leute sich an ihr vorbeigequetscht hatten. Tatsächlich konnte es sich nur um wenige Sekunden gehandelt haben, bis Valea endlich unten ankam.

Und alles was sie wahrnahm, war rot.

Rotkäppchenrot. Blutrot.

Schreiend rannte sie los. Hin zu den umgefallenen Tischen und Stühlen. Daniel lag verrenkt am Boden. Offenbar hatte er versucht, sich schützend vor die kleine Mara zu werfen. Sein Gesicht war ein blutroter Klumpen. Explodiert. In Fetzen gerissen.

Das kleine Mädchen lag an seiner Seite. Mit einem röchelnden Laut fiel Valea neben ihr auf die Knie. Der Bauch ihrer Tochter war eine riesige klaffende Wunde. Blut floss in Strömen aus ihr heraus, unaufhaltsam.

„Mami?“

Valea keuchte auf als der klagende Laut an ihr Ohr drang. Panisch riss sie sich die Bluse vom Leib und drückte sie auf das blutende Loch.

„Mami?“

Valea schluchzte auf und beugte sich über das Gesicht ihrer Tochter.

„Ich bin hier, meine Süße“, flüsterte sie und blickte in die weitaufgerissenen grauen Augen.

„Es tut weh, Mami.“

Die Worte wehten wie ein leiser Hauch an ihr Ohr.

„Ich weiß, mein Schatz“, weinte Valea. „Du musst jetzt tapfer sein. Bestimmt kommt bald Hilfe. Sei tapfer, mein kleiner Sonnenschein.“

„Mami, mir ist so kalt.“

„Das ist das viele Eis, Süße.“

Valeas Stimme brach, als sie gewahrte, wie die Kinderaugen erstarrten.

„Nein!“

Ihr Schrei gellte durch das Kaufhaus und ließ so manchen Schritt stocken. Sie nahm nicht mehr wahr, wie vermummte, schwer bewaffnete Männer an ihr vorbeirannten und weitere Schüsse erklangen. Sie registrierte nicht, wie kurze Zeit später ein Mann in Handschellen an ihr vorbeigezerrt wurde. Erst als ein Sanitäter neben ihr kniete und behutsam versuchte ihre Hände vom Bauch ihrer Tochter zu lösen, blickte sie hoch und sah ihn flehend an.

„Bitte helfen Sie ihr. Bitte!“

Er legte seinen Arm um sie und zog sie von dem Mädchen fort.

„Kommen Sie“, sagte er leise. „Ich werde alles Nötige in die Wege leiten.“

Valea blickte zurück und sah, wie ein weiterer Mann eine Decke über das weiße Gesicht zog.

Ein weißes Gesicht in einem Meer aus Blut.

Pressemitteilung

Gestern Nachmittag wurde ein gesuchter Mörder in einem Einkaufszentrum in Stuttgart gestellt und verhaftet. Dabei kam es zu einer Schießerei, bei der vier Menschen, darunter ein zweijähriges Kind, zu Tode kamen.

„Es tut mir so leid.“

„Sie sind jetzt in einer besseren Welt!“

„Es ist besser, wenn Sie sie nicht mehr sehen.“

Braune Erde und darunter ein blutroter See, in dem kalte Leiber treiben.

Pressemitteilung

Der mutmaßliche Serienmörder Pierre Leblanc konnte gefasst werden und wird vor Gericht gestellt. Ihm werden sieben ungewöhnlich grausame Morde sowie vier Tote während seiner Verhaftung zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft hält die Beweislage für erdrückend und rechnet mit einer lebenslangen Haftstrafe.

„Frau Noack, warum wollen Sie nicht aussagen? Er hat doch Ihre Familie auf dem Gewissen.“

„Du musst darüber reden!“

„Wir sind für dich da.“

„Können Sie nicht doch ein Interview geben?“

Kalte Leiber, kalte Messer, Ströme von Blut, die zu einem See fließen. Einem rotkäppchenfarbenen See in dunkelbrauner Erde.

„Frau Noack! Können Sie mich hören? Wir haben Ihren Magen ausgepumpt.“

„Du musst darüber reden!“

„Wir sind für dich da.“

„Warum lässt du dir nicht helfen?“

„Selbstmord ist Todsünde!“

Pressemitteilung

Der Serienmörder Pierre Leblanc wurde rechtskräftig zu einer lebenslangen Haftstrafe mit anschließender Sicherheits-verwahrung verurteilt.

Eine Welt ohne Inhalt.

Verzweiflung, Einsamkeit. Zielloses Dahintreiben. Nichts interessiert. Nichts ist wichtig. Nur ein rotes Kleid auf einem Kinderbett, der Duft eines Aftershaves auf dem Kopfkissen. Erinnerungen, noch mehr Verzweiflung. Unendliche Schmerzen. Herzschmerzen. Kopfschmerzen. Haltloses Schreien. Noch mehr Verzweiflung. Aussichtslosigkeit.

Dezember 1997

Ulm, Deutschland

„Mami? - Mami, ich bin hier. Wir sind hier.“

„Mara, mein Herz. Wo seid ihr?“

„Hier, bei Dir. Vor Dir.“

„Mein Herz, ich kann euch nicht sehen.“

„Wir sind tot, Mami. Wir sind tot und können nicht gehen!“

„Bleibt bei mir, mein Sonnenschein. Mein Held. Bitte verlasst mich nicht. Ich brauche euch. Ich liebe euch so sehr.“

„Es ist kalt hier, Mami. Es ist kalt und macht mir Angst. Bitte lass uns gehen, Mami. Bitte lass uns los.“

„Mein Herz, ich kann nicht. Ich liebe euch so sehr. Ich brauche euch so sehr.“

„Valea!“

„Daniel, Liebster. Bitte lasst mich nicht allein zurück.“

„Das werden wir nicht. Wir sind immer bei dir. In dir und um dich herum. Doch zunächst musst du uns loslassen. Liebste, lass uns ziehen.“

„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Ohne euch.“

„Du bist eine starke Frau, Valea. Dafür lieben wir dich. Wirf diese Stärke nicht fort. Andere werden sie brauchen. Lass los, damit wir bei dir bleiben können.“

„Mami, mir ist kalt.“

„Mein Herz, mein Liebster!“

Das dunkelrote Kleid lag auf der geblümten Bettdecke und schwieg.

Valea kniete vor dem Kinderbett und konnte den Blick nicht von dem Kleidungsstück wenden.

Wie oft hatte sie schon hier gesessen?

Zehnmal? Zwanzigmal? Hundertmal? Die Zeit war verschwunden. Nicht mehr existent. Nicht relevant.

Ihre Hand berührte zögernd das Kleidungsstück und strich zart darüber. Dann faltete sie es sorgfältig zusammen und erhob sich.

Der Feuerkorb stand schon lange im Garten. Wie lange? Die Zeit war irrelevant. Daniel hatte ihn mit Holz gefüllt. Sie hatten einen gemütlichen Abend geplant mit Feuerschein, Wein und guten Gesprächen.

Vorsichtig legte sie das Kleid in den Feuerkorb und zündete ein Streichholz an.

Es dauerte, bis der Stoff Feuer fing. Schwarzer Rauch stieg nach oben und der scharfe Geruch nach verbranntem Plastik drang ihr in die Nase.

Valea Noack stand still vor dem brennenden Feuerkorb, bis alle Glut erloschen war.

Dann drehte sie sich um und ließ ihr verbranntes Leben zurück.

Januar bis Oktober 1998

Ulm, Deutschland

„Können Sie mir helfen, wieder lebendig zu werden?“

Dr. Alexander Schönfeld betrachtete seine Patientin nachdenklich.

Valea Noack war eine junge Frau, gerade mal zwanzig Jahre alt, mit langen mahagonifarbenen Haaren. Sie war hübsch, aber über ihr lag die Aura einer großen Traurigkeit.

„Frau Noack, Sie sind lebendig.“

Ihre grauen Augen blickten ihn an. Sie waren unstet, verzweifelt.

„Vielleicht körperlich. Aber seelisch nicht. Ich fühle mich wie tot.“

„Glauben Sie mir, Frau Noack“, widersprach Alexander Schönfeld. „Wenn Sie sich wirklich tot fühlen würden, säßen Sie jetzt nicht hier. Sie sind traurig, sie sind verzweifelt, aber sie sind nicht tot.“

„Was soll ich jetzt tun?“

„Was haben Sie bis jetzt getan?“

„Geweint. Versucht, mich umzubringen. Mit Mara und Daniel geredet. - Glauben Sie an Geister, Dr. Schönfeld?“

„Geister? Nein. Innere Stimmen gibt es sicherlich. Vermutlich sind es eigene Gedanken, die sich verselbstständigen. Neuronenspielereien.“

„Vielleicht. - Aber es war nicht nur in meinem Kopf. Es war im ganzen Raum. Ich konnte sie nicht sehen, aber ihre Stimmen waren leise. In jedem Winkel des Zimmers.“

„Worüber haben Sie gesprochen?“

„Sie ... sie haben mich gebeten loszulassen. Sie ziehen zu lassen.“

„Haben Sie es getan?“

Valea Noack schwieg nachdenklich.

„Ja“, sagte sie dann.

Dr. Schönfeld lauschte auf ihre Stimme. Es war eine angenehme sanfte Altstimme, der man stundenlang zuhören konnte.

„Ja, das habe ich. Sie haben so gelitten. Ich habe das Kleid verbrannt, das ich Mara gekauft habe.“

„Das dunkelrote Kleid, welches Sie ihr zum Geburtstag schenken wollten?“

Sie nickte. Dr. Alexander Schönfeld lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aufeinander.

„Dann haben Sie bereits die ersten Schritte zu den Lebenden getan, Frau Noack. Das freut mich sehr.“

„Aber es tut noch so weh. Und ich fühle mich innerlich so zerrissen. Die Zeit zerfließt und ich kann nichts halten. Meine Gedanken sind wie Blätter im Wind. Ich weiß nicht mehr, wie ich sie fassen kann.“

„Hm, haben Sie es schon einmal mit Meditation versucht?“

„Sie meinen, sowas wie autogenes Training?“

„Ja, etwas in der Art. Es gibt da die verschiedensten Möglichkeiten. Vielleicht sollten Sie es tatsächlich mal probieren. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen ein paar Adressen.“

Valea Noack hob die Schultern kurz an.

„Sie sind mein Therapeut. Wenn Sie es für richtig halten, werde ich es versuchen.“

„Gut. Aber dann hätte ich noch eine andere Aufgabe für Sie. Die wird etwas schwieriger sein und möglicherweise auch länger dauern.“

Er beobachtete ihre Reaktion. Doch Valea Noack sah ihn nur aus ihren traurigen, grauen Augen an. War es vielleicht doch zu früh? Er betreute sie jetzt seit einem Dreivierteljahr, und heute war das erste Mal, dass sie mehr als zwei Sätze geredet hatte. Vor ihm saß ein anderer Mensch. Aus einer starren, sprachlosen Frau war eine traurige Person geworden, die es von sich aus geschafft hatte, den ersten Schritt nach vorne zu gehen. Und zwar einen bemerkenswert Großen. Es war wohl nicht zu früh.

„Ich möchte, dass Sie sich ein Ziel suchen. Etwas, von dem Sie glauben, dass Sie es erreichen wollen. Das kann eine handwerkliche Tätigkeit sein, ein Beruf, ein Hobby, eine Sportart. Bedingung ist, dass es etwas ist, das Sie nicht in zwei Tagen erledigen können.“

Sie überlegte kurz. „Beschäftigungstherapie?“

Er lächelte zufrieden. „Genau.“

„Habe ich eine Frist, bis ich mich entschieden haben muss?“

„Nein. Aber ich werde in bestimmten Abständen nachfragen.“

*

„Ihr seid völlig entspannt und eure Arme und Beine liegen schwer auf dem Boden. - Stellt euch vor, wie die Fingerspitzen der rechten Hand anfangen zu kribbeln. Sie werden langsam warm. - Und jetzt wandert die Wärme über die Handfläche und den Handrücken langsam bis zum Handgelenk.“

Valea lag mit geschlossenen Augen auf der Gummimatte und lauschte auf die sanfte Stimme. Es war angenehm, entspannt auf dem Rücken zu liegen. Schwieriger war es, die Gedanken nach den Anweisungen auf ihren Körper zu richten. Sie war erst skeptisch gewesen, doch jetzt, wo sie in sich hineinhorchte, spürte sie tatsächlich eine gewisse Ruhe in sich einkehren. Langsam breitete sich die erdachte Wärme in ihrem Körper aus und ließ sie noch mehr entspannen.

„Stellt euch vor, ihr liegt an einem Strand, unter euch den warmen Sand. Ihr könnt die Sandkörner unter eurer Haut fühlen. Ihr hört das beruhigende Plätschern der Wellen und richtet euren Blick auf das Meer. Ihr seht das blutrote Wasser, wie es sanft über den Sand fließt, rote Schlieren hinterlassend, wie es steigt und auf euch zufließt. Rot und dick, und es wird immer mehr. Ich liege auf dem Rücken und kann mich nicht bewegen. Das rote Meer umfließt mich und hält mich gefangen. Es will nicht weichen. Es fließt über mich hinweg, es lässt mich nicht los. Die Welt ist rot. Blutrot.“

„Valea, bitte wachen Sie auf. Um Himmels willen! Valea! Gott sei Dank, sie kommt wieder zu sich.“

Valea sah das ängstliche Gesicht der Kursleiterin vor sich. Monika, erinnerte sie sich.

„Was ist passiert“, fragte sie leise.

„Sie - sie waren nicht mehr bei sich. - Himmel, Sie haben mir wirklich einen Schrecken eingejagt.“

Valea richtete sich auf und sah um sich die anderen Teilnehmer stehen. Sie blickte in lauter verstörte, teils ängstliche Gesichter.

„Was habe ich getan?“

„Nichts, aber“, Monika holte tief Luft. „Sie waren wie hypnotisiert. Normalerweise schlafen die Leute eher ein, aber Sie - ich habe noch nie erlebt, dass jemand beim ersten Mal in eine so tiefe Trance gefallen ist. Geht es ihnen gut?“

Valea spürte in sich hinein. Blutrote Gedanken.

Nein, gut fühlte sie sich nicht.

„Ich glaube schon“, log sie und setzte ein zaghaftes Lächeln auf. Die Leute um sie herum wirkten erleichtert, einige ein wenig verärgert. Aber das konnte Valea ertragen. Sie hatte auf den Rat ihres Therapeuten gehört, und dieser Rat war leider nicht der Beste gewesen. Blutrote Träume waren sicher nicht das Therapieziel. Sie würde darüber nachdenken müssen.

*

Die Bilder waren verstörend, so wie sie es in Erinnerung hatte. Fernsehnachrichten hatten Valea schon immer abgeschreckt. So viel Gewalt, Krieg und Verzweiflung in dieser komprimierten Fassung konnte einen nur depressiv werden lassen. Darin waren sich Daniel und sie immer einig gewesen.

Und auch seit Daniels Tod war die Bildröhre still geblieben.

Doch sie sollte sich ja auf die Welt der Lebenden zubewegen und dazu zählte wohl auch, dass sie wieder anfing wahrzunehmen, was um sie herum geschah.

Dr. Schönfeld hatte ihr empfohlen, jeden Abend einen Nachrichtensender anzusehen. Heute hatte sie entschieden, es zu versuchen.

Krieg, Gewalt, Mord. Eine blutrote Welt. Anscheinend unterschied sie sich nicht wesentlich von ihrer Eigenen.

War das gut? Oder schlecht? Es war traurig.

Wo waren die schönen Bilder? Lachende Kinder, liebende Hände, freundliche Gesichter? Gab es sie nicht mehr?

Die anschließende Reportage: Ein Bericht über ein Kriegsgebiet in Afrika. Zerschossene Körper, weinende Kinder, fiebernde Gesichter, offene Wunden und verzweifelte Menschen.

Valea saß wie gebannt vor dem Bildschirm und spürte nicht die Tränen, die in dicken Bahnen über ihre Wangen tropften.

So viel Elend, so viel Traurigkeit. Eine blutrote Welt.

Nur langsam gewahrte sie die andere Seite. Freundliche Gesichter, die Verbände wechselten, weinende Mütter trösteten und traurige Kindergesichter zum Lachen brachten.

Schmerz brach sich in ihr Bahn. Der Schmerz, nicht selbst helfen zu können. Hilflos zuzusehen, wie das Blut in Strömen floss und die Welt in ein tiefes Rot tauchte.

*

Am zehnten Februar 1998 bewarb sich Valea Noack an der Universität Heidelberg für ein Medizinstudium. Aufgrund ihres ausgezeichneten Abiturs wurde sie sofort zugelassen und begann ihr erstes Semester im Herbst des gleichen Jahres.

Dr. Alexander Schönfeld beendete die Therapie.

Seine Patientin hatte die Welt der Lebenden endgültig betreten.

April bis Dezember 1999

Heidelberg, Deutschland

„Valea, kommst du heute Abend mit in die Altstadt? Das Wetter ist fantastisch und einige Biergärten haben schon auf.“

Valea zögerte. Wenn sie sich ihren Kommilitonen anschloss, würde sie erst spät in ihre Wohnung kommen. Dann wäre nur wenig Zeit zum Lernen übrig.

„Ich überlege es mir“, antwortete sie mit einem freundlichen Lächeln. Der junge Mann verzog das Gesicht.

„Das heißt bei dir immer nein. - Na gut, aber vielleicht überlegst du es dir ja tatsächlich. Mach‘s gut.“

Sie sah ihm nach und fragte sich, ob diese Absage ein Fehler war. Bisher war sie erst einmal mit einigen ihrer Mitstudenten losgezogen und hatte gleich gemerkt, dass diese Art von Ablenkung nicht die ihre war. Ihr fehlte die Fröhlichkeit, die Unbeschwertheit, die alle anderen um sie herum besaßen. Und leider hatte sie das Gefühl, dass Sie diese Unbekümmertheit trübte.

Niemand beschwerte sich. Im Gegenteil. Wer einmal mit ihr ins Gespräch kam, suchte auch weiterhin ihre Nähe. So war es schon immer gewesen. Daniel hatte es den Valea-Effekt genannt. Sie hatten oft darüber gelacht. Offenbar hatte sie immer noch diese Wirkung, obwohl sie nicht mehr lachen konnte.

Valea verließ das Universitäts-Gebäude und schlenderte langsam durch die Grünanlagen. Es stimmte, das Wetter war warm und angenehm. Vielleicht sollte sie noch einen kleinen Spaziergang einlegen, bevor sie sich wieder über die Bücher beugte.

Ihr Weg führte sie zu den Neckarwiesen, wo noch andere Menschen das schöne Wetter nutzten, um die ersten Sonnenstrahlen in diesem Frühjahr zu tanken.

Am Neckarufer war eine große Bühne aufgebaut, vor der eine kleine Schar Menschen stand. Rhythmische Trommelklänge drangen an ihr Ohr. Neugierig ging Valea darauf zu. Sie erblickte einige Trommelspieler, die in schwarze weite Beinkleider und weiße Oberteile gekleidet waren. Es wirkte sehr kampfsportmäßig.

Die Rhythmen gefielen ihr. Sie waren schlicht und eingängig.

Mit geschlossenen Augen blieb sie stehen und ließ sich von den Klängen durchpulsen. Erst ein hölzernes Klacken veranlasste sie, wieder aufzuschauen.

Zwei Männer hatten die Bühne betreten und bewegten sich beim Klang der Trommeln aufeinander zu. In den Händen hielten sie Holzschwerter. Fasziniert beobachtete sie die aufeinander abgestimmten Bewegungen. Sie waren klar und strukturiert. Effektiv und doch schlicht. Die Trommeln pulsten durch sie hindurch und flossen in die Bewegungen der Männer ein. Die Zeit schien sich zu dehnen, zusammengehalten nur durch die Trommelschläge und das Klackern der Holzschwerter. Als die Trommeln schwiegen und vereinzeltes Klatschen aufklang, stand Valea immer noch da und kämpfte sich in die Wirklichkeit zurück.

Nur langsam nahm sie wahr, dass einer der Männer immer noch auf der Bühne stand und auf sie herunterblickte. Er war schon älter, Valea schätzte ihn auf etwa sechzig Jahre, und seine Gesichtszüge wiesen einen asiatischen Einschlag auf.

Er stand auf der Bühne und sah sie an, als wäre nichts anderes wichtig. Seine Augen strahlten eine Ruhe und Gelassenheit aus, die sie schwindelig machten.

Wieder schien die Zeit zu zerfließen, während er sich von der Bühne herab und auf sie zu bewegte.

Als er vor ihr stand, waren ihre Augen auf gleicher Höhe, doch Valea fühlte sich klein und unbedeutend.

„Frau mit den traurigen Augen.“

Er legte die Handflächen vor der Brust zusammen und neigte den Kopf. Valea folgte seiner Geste automatisch. Als sie ihren Kopf wieder hob, lächelte er sie an.

„Du fühlst den Puls des Mugai Ryū. Das ist in diesem Land eine seltene Gabe. Wer ist dein Lehrer?“

„Niemand, Meister des Mugai Ryū. Ich wusste bis heute nicht, dass es so etwas gibt“, gab Valea zu und neigte beschämt den Kopf. Sie wusste nicht, woher diese Scham kam.

„Erklärt Ihr es mir?“

Sein Lächeln vertiefte sich.

„Frau mit den traurigen Augen. Mugai Ryū ist ein Stil des japanischen Schwertkampfs. Er lehnt sich an ein Gedicht des Zen-Meisters Sikitan: „Ippo jitsu mugai, Kenkon toku ittei Sumo hono mitsu Dochaku soku kosei.“

„Ich verstehe leider kein Japanisch. Darf ich erfahren, wie dieses Gedicht übersetzt werden kann?“

„Es gibt nichts außer der einen Wahrheit, sie ist allumfassend und ewig; die vom Wind getragene Feder ist dieser habhaft; Eintracht zu erfahren, inmitten von Verwirrung, bedeutet Erleuchtung“.

Valea spürte, wie ihr das Blut aus den Wangen wich.

„Die Zeit zerfließt und ich kann nichts halten. Meine Gedanken sind wie Blätter im Wind. Ich weiß nicht mehr, wie ich sie fassen kann“, flüsterte sie.

Überraschung zeichnete sich in seiner Miene ab. Wieder legte er die Hände aneinander und neigte den Kopf.

„Es wird mir eine Freude sein, dich zu unterrichten.“

*

Sie kam jeden Abend.

Still kniete sie an der Seite und lauschte auf die Anweisungen, die Meister Seno Kunihiko an seine Schüler weitergab. Sie nahm den Klang seiner Stimme in sich auf, seine Bewegungen, seine Schwingungen. Sie suchte nach seiner Ruhe, seiner Gelassenheit.

Zwei Stunden saß sie jeden Abend im Dojo und lernte.

Sie lernte, ihre Gedanken ziehen zu lassen. Zeit spielt keine Rolle. Sie erspürte das Hier und Jetzt.

Sie lernte loszulassen.

Die erste Trance war blutrot, doch eine ruhige Stimme führte sie durch die Untiefen, hinaus aus dem Meer.

Viele Trancen zogen durch die Wochen, durch die Monate. Sie hinterließen Spuren, manchmal blutrot, doch manchmal auch farblos, leise. Sie schlugen Wunden und heilten diese wieder.

An dem Tag, an dem das Meer blau war, ergriff Valea zum ersten Mal das Laitō.

Sie hatte gut zugesehen. Erstaunt beobachteten die Schüler, wie Valea ihrem Meister gegenüberstand und seine Anweisungen fehlerfrei befolgte. Ihre Bewegungen waren fließend und folgten dem Rhythmus des Mugai Ryū, als hätte sie nie etwas anderes getan.

Nach dem traditionellen Görei verkündete Seno Kunihiko:

„Ab jetzt bist du nicht mehr Valea mit den traurigen Augen. Du bist Valea, die ihren Weg geht. Sei willkommen. Nun wirst du lernen, wie das Schwert und der Geist zu einer Einheit werden.“

Juni 2005

Kongo, Afrika

Die Hitze war kaum zu ertragen.

Valea wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Ihre Hände steckten in Latexhandschuhen und betasteten sanft den Unterleib eines kleinen Mädchens. Große dunkle Kinderaugen sahen sie aus einem schokoladenbraunen Gesicht an. Sie lächelte der Kleinen beruhigend zu und wandte sich dann an den Übersetzer.

„Anang, sag der Mutter, dass ihre Tochter vermutlich eine Blinddarmentzündung hat. Sie muss operiert werden. Und zwar so schnell wie möglich. - Tad!“

Sie winkte einem der Pfleger zu und gab ihm ein Zeichen.

Dann lächelte sie die Frau an.

„Tad, wird sich um die Kleine kümmern. Sie soll sich keine Sorgen machen.“

Während Anang der besorgten Mutter alles erklärte, erhob sich Valea und streifte die Handschuhe ab. Dann griff sie in ihre Kitteltasche und holte einen einzeln verpackten Keks heraus, den sie dem Mädchen reichte. In den dunklen Augen leuchtete es auf, als die kleinen braunen Finger nach dem Keks griffen.

Valea wandte sich dem nächsten Patienten zu. Es war ein alter Mann, der ein dickes Geschwür am Bein trug. Stoisch ertrug er die Untersuchung der Ärztin und lauschte aufmerksam den Worten des Übersetzers. Doch seine Augen verfolgten jede ihrer Bewegungen.

Dr. Valea Noack verlor ihre Gelassenheit nicht. In den letzten Monaten hatte sie erlebt, dass ihre Ruhe sich schnell auf die Patienten übertrug. Nie hatte sie Schwierigkeiten. Es kam selten vor, dass die Kranken und Verletzten von sich aus laut wurden. Langmütig, beinahe apathisch warteten sie darauf, untersucht zu werden. Doch wenn sie an der Reihe waren, achteten sie sehr genau auf das, was geschah. Und sie hörten zu.

Manchmal dachte sie an die Patienten, die sie in Deutschland erlebt hatte. Was für ein Unterschied.

So geduldig und tapfer diese Menschen hier im Kongo waren, so fordernd und wehleidig verhielten sich viele der europäischen Patienten.

Die Bedingungen hier in Afrika waren gruselig. Es fehlte an beinahe allem: Medikamenten, Wasser, Nahrung und kompetenter medizinischer Betreuung. Und trotzdem hatte sie manchmal das Gefühl, mehr zu bewirken als zu Hause in Deutschland.

Wieder wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Es war erst früher Nachmittag und sie hatte noch einige Stunden Arbeit vor sich. Die Schlange der Wartenden war lang.

Unruhe kam auf. Vereinzelte Rufe, ein paar schrille Schreie ließen sie aufhorchen.

Eine Gruppe Menschen drängte sich durch die Warteschlange auf sie zu. In ihrer Mitte trugen sie in einer alten Decke eine schlaffe Gestalt.

Blut tropfte durch das Tuch hindurch und hinterließ eine dünne Spur im Sand.

Alle machten der Gruppe Platz, drängten zur Seite. Vor ihr blieben die Neuankömmlinge stehen und redeten auf sie ein. Valea registrierte nur am Rande, dass es sechs Leute waren, die vor ihr standen. Ihr Blick galt dem Mann, der jetzt vor ihr abgelegt wurde.

Er lebte noch. Seine Augen waren offen, aber glasig vor Schmerz.

Valea holte tief Luft, als sie die Verletzungen sah. Der Hals war aufgerissen, die Luftröhre und die Speiseröhre lagen frei, schienen aber noch intakt zu sein. Von einem der Oberarme war das Fleisch gerissen worden und ein langer Riss zog sich von seiner Brust quer nach unten bis tief in den Bauch.

Valea ignorierte das Geschrei um sie herum. Hier war schnelle Hilfe angesagt. Wenn sie nicht schon zu spät kam. Im Bauch hatte sich eine riesige Blutlache angesammelt und die Gedärme waren offenbar nur grob in die Bauchhöhle zurückgeschoben worden.

Laut, aber mit ruhiger Stimme rief sie nach Hilfe und wandte sich an Anang.

„Was erzählen sie?“

Der Übersetzer sah leichenblass aus.

„Also, ich glaube, das wird Ihnen nicht gefallen. Sie sagen, dass ein Anioto ihn angegriffen habe. Als Leute dazu kamen, ist er geflohen.“

„Ein Anioto? Wer ist das?“, fragte Valea, während sie half den Verletzten auf eine Trage zu heben.

„Äh, also eine Art Fabelwesen“, murmelte Anang, und vermied es, ihr in die Augen zu sehen.

„Ach du je“, meinte Valea. „Und wie soll dieses Wesen aussehen?“

„Nun, sie sehen eigentlich aus wie Menschen, aber sie können sich angeblich in Leoparden verwandeln.“

„Also war es doch ein Tier?“

„Die Leute behaupten, dass es ein Mann war, der zum Tier wurde. Als er gestört wurde, lief er als Leopard weg.‘

,Also ein Leopard‘, dachte Valea und bemühte sich, mit der Trage Schritt zu halten, während sie dem Verletzten eine Blutdruckmanschette umlegte.

Endlich hatten sie das OP-Zelt erreicht, und in den nächsten Stunden versuchten sie, ein weiteres Leben zu retten.

Es war schon später Abend, als Valea das Zelt verließ.

Sie hatten den Kampf verloren. Der Mann war ihnen schlichtweg unter den Händen verblutet. In Europa hätte man ihm vielleicht mit modernerer Technik helfen können, doch hier, mitten im Kongo, war er chancenlos gewesen.

Seufzend steuerte sie auf ihr eigenes kleines Zelt zu, das sich nahebei befand. Heute würde sie ausnahmsweise einmal früh schlafen gehen. Morgen stand eine Fahrt ins Hinterland an, wo es einige abgelegene Dörfer gab, die viel zu weit von ihrer Basis lagen, als dass die Kranken hierherkommen konnten. Die Fahrt würde anstrengend werden, das wusste sie aus Erfahrung. Jede Stunde Schlaf war daher wertvoll.

Vier Tage später schreckte Dr. Valea Noack aus dem Schlaf hoch. Blinzelnd versuchte sie, sich zu orientieren.

Sie lag in ihrem Zelt und es war noch dämmrig. Also musste es sehr früh morgens sein. Sie erinnerte sich.

Gestern Abend waren sie in diesem kleinen Dorf angekommen und hatten dem Dorfältesten erklärt, wer sie waren und was sie wollten. Hier, mitten im Busch, hatte noch niemand von „Ärzte ohne Grenzen“ gehört. Doch nach etlichen Erklärungen hatte der alte Mann begriffen und eifrig genickt. Ja, sie hatten einige Kranke hier, und er wollte allen sagen, dass sie hier Hilfe finden konnten.

Valea lauschte auf die Geräusche, die von draußen in ihr Zelt drangen. Offenbar wurden immer mehr Leute wach und laute Rufe gelangten verstärkt an ihr Ohr.

Irgendetwas war passiert.

Hastig griff sie nach ihren Schuhen und schüttelte sie aus, bevor sie hineinschlüpfte. Dann kroch sie nach draußen und folgte den Stimmen.

Auf dem Dorfplatz hatte sich anscheinend das ganze Dorf versammelt. Jung und Alt. Als Valea näherkam, machten ihr die Leute respektvoll Platz, so dass sie ungehindert bis zum Ausgangspunkt der Unruhe kam.

Auf dem Boden kniete eine alte Frau, die schrille Rufe von sich gab und sich vor und zurück wiegte. Vor ihr lag eine verrenkte Gestalt am Boden. Hinter sich hörte sie Anangs Stimme.

„Dr. Noack, was ist hier los? - Oh Herr im Himmel. Heilige Jungfrau Maria!“

Das galt der Gestalt vor ihnen auf dem Boden.

Valea starrte fassungslos auf die Frau, oder besser das, was von ihr übrig geblieben war. Der aufgerissene Hals bestand nur noch aus Knochen und Sehnensträngen, genauso wie weite Teile der Arme und Beine. Und der Oberkörper ...

Unwillkürlich dachte sie an den Schwerverletzten vor einigen Tagen. Er hatte die gleichen Verletzungen am Torso aufgewiesen, nur dass die Frau, die vor ihr lag, regelrecht ausgeweidet worden war.

Anang entfernte sich hastig. Nur am Rand registrierte Valea seine Würgegeräusche, als er sich in einen der Büsche übergab.

Sie hockte sich neben die wehklagende Frau und legte sachte eine Hand auf den dürren Rücken. Die Trauernde schien es erst nicht zu bemerken, doch nach und nach wurde ihr Wiegen langsamer.

Valea wandte die Augen nicht von der Toten. Konzentriert ließ sie ihren Blick über die Wunden gleiten und versuchte zu erkennen, was dieser armen Frau geschehen war.

„Anioto, Anioto“, flüsterte die Frau neben ihr und krallte ihre Hand in Valeas Bein.

„Dr. Noack!“

Anang tauchte wieder auf. Er wirkte leicht grün im Gesicht, was bei seiner dunklen Hautfarbe bemerkenswert aussah. Doch jeder Humor war hier fehl am Platz. Hinter ihm drängten sich zwei weitere Mitglieder ihres Teams: Bob Sutter und Linda Sterling.

„Oh mein Gott“, flüsterte Linda und schlug die Hand vor den Mund. Sie war Krankenschwester von Beruf und hatte sicherlich schon viele grauenhafte Dinge gesehen. Aber dieser Anblick konnte selbst dem Abgebrühtesten unter ihnen zusetzen, da war sich Valea sicher. Auch Bob holte tief Luft und trat unwillkürlich wieder einen Schritt nach hinten.

Valea erhob sich langsam.

„Anang, kannst du fragen, was hier passiert ist?“

Anang wandte sich sofort an die nächsten Dorfbewohner, die sogleich auf ihn einredeten.

Schließlich erklärte er: „Sie haben die Frau nicht weit von hier gefunden. Sie ging, um ihre Morgentoilette zu verrichten, und kam nicht wieder. Sie haben sie hierhergetragen, damit ihre Mutter sich von ihr verabschieden kann.“

„Das muss ein großes Raubtier gewesen sein“, murmelte Bob.

„Anioto, Anioto“, flüsterte die Trauernde wieder und sah zu Valea empor.

Anang verzog das Gesicht.

„Hören Sie nicht auf die Frau. Hier im Busch glauben sie noch an Geister und Dämonen.“

„Die Wunden gleichen denen des Mannes vor vier Tagen“, sagte Valea nachdenklich. „Es muss die gleiche Vorgehensweise gewesen sein. Was für ein Raubtier tut so etwas?“

Anang zuckte die Schultern.

„Vermutlich ein Löwe, oder vielleicht ein Leopard.“

„Hm.“ Valea war nicht überzeugt. Sie meinte gelesen zu haben, dass zumindest Leoparden ihre Opfer eher von hinten angriffen. Und sie ließen ihre Beute nicht einfach so herumliegen, sondern versteckten sie auf Bäumen. Aber sicher konnte sie sich natürlich nicht sein. Bisher hatte sie sich noch nie mit so etwas beschäftigt. Ihre Aufgabe war bislang das Heilen gewesen, nicht die Forensik.

Doch je länger sie das Opfer betrachtete, desto seltsamer kam ihr alles vor. Wer oder was auch immer diese Frau umgebracht hatte, war systematisch vorgegangen. Das Gesicht war völlig unversehrt, ebenso die Hände und Füße. Genau wie bei dem Mann von vor zwei Tagen. Dass eine Raubkatze so vorging, kam ihr eher unwahrscheinlich vor. Aber die Fraßspuren waren offensichtlich.

Langsam entfernte sie sich von der Leiche, um sie der trauernden Mutter zu überlassen. Hier konnte sie nicht mehr helfen.

Drei Wochen lang zogen sie von Dorf zu Dorf und halfen, wo es notwendig und möglich war. Nicht immer wurden sie mit offenen Armen empfangen, doch geduldiges Erklären und Abwarten brachten meistens jedes Misstrauen zum Erliegen.

Als sie ins Basiscamp zurückkehrten, waren jegliche Medikamente und Nahrungsvorräte aufgebraucht. Ebenso all ihre Kräfte.

Dr. Valea Noack war für gewöhnlich kein Mensch, der Urlaubstage in Anspruch nahm, doch auch ihr war klar, dass sie zumindest ein paar Tage benötigte, um wieder zu Kräften zu kommen. Dafür war aber Abstand zum Camp nötig. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie sonst doch wieder einspringen würde, wenn es nötig war.

Und eigentlich war es das immer.

Juli 2005

Kinshasa, Kongo

Valea Noack reiste nach Kinshasa und nistete sich für eine Woche in einem Hotel ein, das relativ zentral gelegen war. Zumindest hatte sie hier Internetanschluss und konnte sich Zugang zu den wichtigsten Bibliotheken verschaffen.

Das Hotel war groß und nicht gerade günstig, bot aber einen hygienischen Standard, den sie lange vermisst hatte. Es besaß ein gutes Restaurant und ein großes Schwimmbad, sowie andere Zerstreuungsmöglichkeiten.

Valea nutzte lediglich das Restaurant. In den ersten Monaten ihrer Tätigkeit hier im Kongo hatte sie ihre freie Zeit dazu verwendet, um die Stadt zu erkunden und ein Gespür für die Menschen zu bekommen. Doch mittlerweile war der Reiz des Neuen verflogen und sie minimierte ihre Aktivitäten. Sie benötigte Ruhe, und die fand sie nicht auf den lärmenden Straßen von Kinshasa.

Endlich bekam sie Gelegenheit, ihr Kata-Training wieder aufzunehmen. Im Camp langte die Zeit und natürlich auch der Platz nur für kurze Meditationsphasen. Diese verhalfen ihr immerhin zu mehr Gelassenheit und Ausdauer.

Hier in dem großen Hotelzimmer konnte sie auch mit ihrem Katana Übungen absolvieren.

Die ersten zwei Tage verbrachte sie mit Mugai Ryū, viel Schlaf und regelmäßigen Mahlzeiten im Hotelrestaurant.

Doch dann setzte sie sich an ihren Laptop.

In den letzten Wochen hatte sie häufig an die bedauernswerten Opfer des Leoparden gedacht. Bisher hatte sie zwar schon Tierbisse behandelt, doch eine solch brutale Tierattacke war ihr noch nie untergekommen.

Neugierig durchforstete sie die Literatur zu solchen Fällen und stieß dabei auf Bilder, die noch sehr viel schlimmere Verletzungen zeigten. Die meisten waren tatsächlich durch dokumentierte Tierangriffe entstanden. Doch bei einigen Fällen, in ihren Augen bei viel zu vielen, gab es doch Ungewissheit.

Zu ihrer Überraschung stieß sie auf zwei Fälle, die die gleichen Verletzungen zeigten, wie ihre beiden Opfer hier im Kongo. Neugierig vertiefte sie sich in die Dokumentationen. Eine Leiche war im Busch gefunden worden, doch die zweite vor etwa fünf Jahren hier in Kinshasa! In beiden Fällen gab es keine Zeugen, doch wurde an den Toten fremde menschliche Fremd-DNA gefunden. Das war schon ein wenig rätselhaft.

Wie kam eine von einem Leoparden zerfleischte Leiche mitten in eine Großstadt? Hatte jemand sie dort hingeschafft? Aber warum? Oder war es ein entflohener Zooleopard gewesen? Man hatte beide Opfer identifizieren können und ihren Verwandten mitgeteilt, dass sie wahrscheinlich von einem Raubtier getötet worden waren. Doch Zweifel blieben.

Seufzend schloss Valea die Dateien und stand auf. Es war Zeit für ihre Übungen. Vielleicht klärten sich dann auch ihre Gedanken.

Am nächsten Tag machte sie sich schon früh auf die Suche nach einem ganz bestimmten Mann. Sie hatte seinen Namen mehrfach im Zusammenhang mit diesen seltsamen Leopardenangriffen gelesen. Er war der Rechtsmediziner, der den Toten in Kinshasa untersucht hatte.

Es war hilfreich, dass sie sich selbst als Medizinerin ausweisen konnte, und so stand sie bereits am frühen Nachmittag vor einem älteren Wohnhaus in der besseren Wohngegend von Kinshasa und las den Namen Dr. Marc Moreau auf dem Türschild.

Kurz nach ihrem Klingeln öffnete ein dunkelhäutiges junges Mädchen.

„Sie wünschen?“, fragte sie in exzellentem Französisch.

„Mein Name ist Dr. Valea Noack“, lächelte Valea. „Ich bin zwar nicht angemeldet, aber könnte ich trotzdem mit Dr. Moreau sprechen?“

„Um was geht es?“

„Um ein Fachgespräch bezüglich eines alten Falles.“

Die junge Frau musterte sie von oben bis unten, doch dann nickte sie.

„Kommen Sie herein. Ich werde Dr. Moreau fragen, ob er dafür Zeit hat.“

Sie musste nicht lange warten. Kurze Zeit später wurde sie in ein großes Arbeitszimmer geführt. Das Zimmer war mit dunklen Möbeln aus der Kolonialzeit ausgestattet und Valea kam sich beinahe wie in einem alten Film vor.

Dr. Moreau entpuppte sich als ein kleiner, etwa siebzigjähriger Mann mit Halbglatze und grauem Schnurrbart.

Valea mochte ihn auf Anhieb. Er kam ihr lächelnd entgegen und schüttelte energisch ihre Hand.

„Wie kann ich einer jungen Kollegin behilflich sein?“

„Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie mich spontan empfangen“, begann Valea. „Ich weiß gar nicht so recht, wie ich anfangen soll.“

„Dann erzählen Sie mir doch erst einmal, was Sie in den Kongo verschlagen hat. Ihrem Akzent nach stammen Sie aus Deutschland, nicht wahr?“

„Das haben Sie gut erkannt“, nickte Valea. „Ich arbeite zurzeit für Ärzte ohne Grenzen. In Kinshasa bin ich nur für ein paar Tage, um mich ein wenig zu erholen.“

„Und da rennen Sie gleich zu einem Kollegen um fachzusimpeln?“, schmunzelte er. Er führte sie zu einer kleinen Sitzgruppe. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee vielleicht? Oder Tee?“

„Ein Tee wäre nett.“

Er klatschte in die Hände.

„Cecilia“, rief er dann. „Sei so freundlich und bringe uns eine Kanne Tee. - Also, Dr. Noack. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin draußen im Camp und später dann im Busch auf zwei Todesfälle gestoßen, die - hm - sagen wir mal, ungewöhnlich sind und mich seitdem nicht mehr loslassen.“

Ausführlich berichtete sie von dem Verstorbenen im Camp und von der jungen Frau. Dann erzählte sie von ihrer Suche nach vergleichbaren Fällen, und dass sie dabei unter anderem auf den Toten aus Kinshasa gestoßen war.

„Er und noch ein anderes dokumentiertes Opfer weisen die gleichen Verletzungen auf.“

Dr. Moreau hatte bis jetzt kein Wort gesagt. Aufmerksam hatte er ihrer Erzählung gelauscht, und er wirkte ernst und konzentriert.

„Was kommt Ihnen an den Todesfällen seltsam vor?“, hakte er nach.

Valea überlegte.

„Die Verletzungen waren eindeutig die eines Raubtieres. Es wurde kein Schneidwerkzeug verwendet, und bei unserem Opfer im Camp haben wir bei der Obduktion Krallen- und Bissspuren identifizieren können. Doch die Vorgehensweise ist absolut untypisch für ein Tier. Es wurde in allen Fällen nach genau dem gleichen Schema vorgegangen. Als wäre es eine ritualisierte Handlung. Ich habe noch nie davon gehört, dass Tiere zu so etwas in der Lage sind. Wenn diese Tierbisse nicht wären, würde man wohl eher einen psychopathischen, vielleicht sogar sadistischen Serienmörder vermuten.“

„Seit wann beschäftigen Sie sich mit der Forensik?“, fragte Dr. Moreau. Valea konnte nicht verhindern, dass sie leicht errötete.

„Erst seit gestern“, gestand sie. „Wie gesagt, diese Fälle gingen mir in den letzten Wochen nicht aus dem Kopf, aber ich hatte keine Zeit, mich mehr in das Thema einzulesen. Und die Obduktion des Toten im Camp war leider nicht sehr gründlich. Wir hatten so viele Notfälle und meine Kollegen haben alle dafür plädiert, dass es ein Raubtier gewesen sein muss.“

„Doch Sie haben Zweifel?“

Sie zögerte mit der Antwort.

„Ja“, meinte sie dann. „Aber ich weiß nicht, ob diese Zweifel berechtigt sind, oder nur ein Hirngespinst. Deswegen komme ich ja zu Ihnen.“

Dr. Moreau stand auf und ging zu einem großen Schrank.

Er öffnete ihn und zog einen dicken Aktenordner hervor. Den legte er vor Valea auf den Tisch und setzte sich ihr dann wieder gegenüber.

„Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Sehen Sie sich diesen Ordner an und lassen Sie mich an Ihren Gedanken teilhaben.“

Neugierig öffnete Valea den Ordner und stockte erst überrascht. Dann blätterte sie langsam weiter. Fotographien von zerfetzten Körpern, Zeichnungen und Fotos von Obduktionen, Obduktionsberichte, Zeugenaussagen und Zeitungsartikel blätterten sich vor ihr auf.

Alle hatten sie eines gemeinsam: Sie zeigten das typische Muster, das sie so irritiert hatte. Valea zählte beinahe dreißig Fälle, die innerhalb der letzten siebzig Jahre dokumentiert wurden. Die Ältesten waren entsprechend dürftig belegt, aber die Beschreibung der Wunden war eindeutig.

„Das ist unglaublich.“ Sie holte tief Luft. „Wenn ich das richtig erfasst habe, gab es bei all diesen Fällen keine Augenzeugen. Es wurde nur vermutet, dass es sich um Großkatzen handelte.“

„Die Bissspuren, die identifiziert werden konnten, sind eindeutig von einem Leoparden - allerdings von einem außergewöhnlich großen Exemplar“, wandte Dr. Moreau ein. „Aber Sie haben natürlich recht. Niemand hat gesehen, wie diese armen Menschen ums Leben kamen. Die Vermutung, dass es sich um ein Raubtier handeln musste, lag natürlich immer sehr nahe.“

„Sie haben diese Fälle gesammelt, nachdem Sie das Kinshasa-Opfer vor sich hatten“, vermutete Valea.

Er nickte.

„Ja. Mir kam die Vorgehensweise genauso merkwürdig vor wie Ihnen.“

„Zumal ein Leopard in Kinshasa wohl kaum unbemerkt herumstreifen könnte.“

„So ist es. Und dazu kam, dass wir noch etwas anderes an dem Opfer fanden, was bei den Vorherigen noch nicht möglich war.“

„Die DNA-Spuren.“

„Genau. Es war sehr viel menschliche Fremd-DNA auf dem Opfer verteilt.“

„Ein Sadist, der einen zahmen Leoparden zum Morden benutzt? Das ist - irgendwie absurd.“

Er seufzte.

„Sie denken wie ich. Das gefällt mir einerseits, aber andererseits bringt es uns nicht weiter.“

„Diese Fälle sind innerhalb von siebzig Jahren aufgetreten. Wie alt müsste der Mörder dann sein? Achtzig? Neunzig? Das ist nicht wirklich vorstellbar. Oder „vererbt“ er seine Vorgehensweise?“ Valea schüttelte frustriert den Kopf. „Das ist alles absurd.“

Dr. Moreau nickte zustimmend.

„Sie können sich vielleicht vorstellen, wie frustriert ich damals war. Offiziell wurde der Fall als Tod durch Raubtier abgeschlossen, aber Zweifel blieben natürlich. Wissen Sie, Dr. Noack, ich habe über dreißig Jahre Leichen obduziert und viel Schreckliches gesehen. Schlimmeres sogar, als das, was diesen Menschen in dem Ordner vor Ihnen widerfahren ist. Man kann es manchmal nicht fassen, wozu Menschen in der Lage sind. Was sie anderen Menschen alles antun können. Und manche Fälle lassen einen nicht los. Immer wieder denkt man über sie nach, überlegt, was man vielleicht übersehen hat, und hat das Gefühl, dass da etwas ganz Entscheidendes fehlt. Dieser Fall war einer davon. Und da Sie heute vor mir sitzen, glaube ich tatsächlich, dass mein Bauchgefühl mich nicht betrogen hat.“

Er seufzte leise.

„Leider ist es für mich jetzt zu spät. Ich werde wohl nie erfahren, wer oder was diese armen Menschen umgebracht hat. Meine Zeit mit den Opfern ist vorbei. Sie wissen, dass ich seit zwei Jahren im Ruhestand bin?“

Valea nickte. Dies hatte man ihr mitgeteilt.

„Nun, das ist vermutlich auch gut so. Ehrlich gesagt haben meine Augen in den letzten Jahren deutlich nachgelassen. Jüngere sind jetzt gefragt. Menschen wie Sie, Dr. Noack.“

„Ich bin keine Rechtsmedizinerin“, wehrte Valea verlegen ab. Dr. Moreau betrachtete sie nachdenklich.

„Sind Sie sich sicher? Ich glaube, Sie haben ein Auge, ein Gespür dafür. Und dass Sie hier sitzen, zeugt zumindest von einem gewissen Interesse.“

„Ich bin Ärztin geworden, um zu heilen. Zu helfen.“

„Was glauben Sie denn, was Forensiker tun?“

„Nun.“ Valea zögerte. „Sie versuchen herauszufinden, wie Menschen zu Tode gekommen sind.“

„Genau. Und es lohnt sich, darüber nachzudenken, wem Sie damit helfen.“

Er erhob sich.

„Dr. Noack. Es hat mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen. Sie scheinen mir eine sehr gescheite und sympathische Person zu sein. Es tut mir leid, dass ich Ihre Fragen nicht zufriedenstellend beantworten konnte.“

Valea stand ebenfalls auf.

„Das ist nicht schlimm, Dr. Moreau. Ich bin dankbar, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.“

„Leider nur wenig.“ Er schien es ehrlich zu bedauern. „Trotzdem muss ich Sie jetzt verabschieden. Ein alter Mann hat auch noch Termine, die er nicht versäumen sollte. Falls Sie irgendwann wieder in Kinshasa sind, dürfen Sie gerne bei mir vorbeischauen. Ich hoffe, dass wir dann mehr Zeit zum Plaudern finden. Eines möchte ich aber noch tun.“

Er hob den Aktenordner vom Tisch und reichte ihn ihr.

„Nehmen Sie ihn bitte. Ich weiß nicht, ob er für Sie relevant ist. Ob Sie jemals wieder hineinsehen werden. Aber ich habe so das Gefühl, dass er bei Ihnen gut aufgehoben ist.“

Valea blickte etwas sprachlos auf den Ordner in ihren Händen.

„Dr. Moreau, ich - ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

Sie sah hoch und in seine freundlichen Augen.

„Sie brauchen nichts zu sagen, meine Liebe. Wie gesagt, meine Zeit mit den Opfern ist um. Wenn ich irgendwann mal sterbe, würde man diese Unterlagen einfach in den Müll werfen. Deswegen ist diese Gabe nicht wirklich viel wert. Doch ich sehe es ein wenig als symbolische Übergabe.“

Er zwinkerte ihr zu. Valea konnte ein spontanes Lächeln nicht unterdrücken.

„Vielen Dank, Dr. Moreau. Ich kann Ihnen nicht viel versprechen. Aber ich werde über unser Gespräch nachdenken.“

„Das ist das, was ich hören wollte“, lächelte er zurück.

Eine Stunde später saß Valea wieder in ihrem Hotelzimmer und starrte auf den Ordner, der zentral auf ihrem Tisch lag. Sie war sich nicht sicher, was sie bei seinem Anblick empfand. Es ehrte sie, dass Dr. Moreau ihn ihr anvertraut hatte. Aber was erwartete er von ihr? Dass Sie sich tatsächlich der Forensik zuwenden sollte?

Natürlich wusste sie in etwa, was diese Fachdisziplin beinhaltete, doch richtig beschäftigt hatte sie sich noch nie damit.

Sie griff nach ihrem Laptop. Nun, noch hatte sie ein paar Tage Zeit. Zeit, um sich zu informieren.

Den Rest des Nachmittags verbrachte Valea im Netz. Sie suchte nicht gezielt, sondern ließ sich eher von ihrer Neugierde leiten. Sie las alles, was irgendwie mit Forensik zu tun hatte und traf dadurch automatisch auf besonders spektakuläre Fälle. Aber auch auf jede Menge Statistiken.

Erschütternd viele Todesfälle konnten nicht geklärt werden. Das lag nicht immer an den forensischen Untersuchungen. Manchmal gab es einfach keine weiteren Spuren als die an den Leichen, und diese führten nicht immer zu den Tätern.

Was mussten die Angehörigen dieser Opfer nur aushalten? Womöglich würden sie nie erfahren, wer Schuld am Tod ihrer Liebsten hatte. Warum sie sterben mussten. Der Verlust allein war schon grauenhaft genug, das wusste sie nur allzu gut. Doch sie selbst kannte zumindest den Mörder ihre Familie. Und sie wusste auch, dass er im Gefängnis saß und für seine Tat büßte. Die Vorstellung, dass andere dieses Wissen nicht besaßen und den Rest ihres Lebens in Ungewissheit leben mussten, war schlichtweg furchtbar.

War es das, was Dr. Moreau gemeint hatte?

Halfen Forensiker den Angehörigen der Opfer?

Als Valea am folgenden Abend im Restaurant saß, lag vor ihr ein großer Stapel Blätter mit Zahlen, Bildern und Statistiken. Tagsüber hatte sie die nächstbeste Bibliothek aufgesucht, um Zugang zu einem Drucker zu bekommen. Dann hatte sie sich stundenlang auf die Suche nach forensischen Zahlen begeben. Wie hoch war die Aufklärungsrate? Wie waren die Vorgehensweisen? Was gab es für forensische Abteilungen? Gab es internationale Unterschiede? Was gab es für Fallbeispiele?

Der Papierstapel war hinterher viele Zentimeter hoch gewesen.

Jetzt lag er vor ihr und wartete darauf, gelesen zu werden.

Valea hatte sich absichtlich an einen der hintersten Tische direkt an der Wand gesetzt. Sie wollte nicht auffallen und ungestört bleiben. Vor ihr stand eine Flasche Wein, die sie bewusst bestellt hatte. Der Abend würde lang werden.

Ganz in Ruhe nahm sie ihr Abendessen zu sich und goss sich danach das erste Glas Wein ein. Dann zog sie den Papierstapel zu sich heran und begann, ihn langsam durchzublättern. Ihre Augen verharrten nur wenige Sekunden auf jedem Blatt, bevor dieses zur Seite gelegt wurde. Schon nach wenigen Blättern hatte sie ihren Rhythmus gefunden und saugte die Informationen in sich ein.

Zahlen, die ihrem Leben wieder eine Wendung geben würden.

„Guten Abend, Dr. Noack. Gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setze?“

Valea blickte überrascht auf. Sie hatte nicht mitbekommen, wie der Mann an ihren Tisch getreten war, was eher ungewöhnlich war. Normalerweise bekam sie auch in konzentrierten Phasen immer mit, was um sie herum geschah.

Aufmerksam betrachtete sie ihr Gegenüber. Sie schätzte ihn auf Ende Dreißig. Er war groß und schlank gewachsen, doch ihr erfahrenes Auge registrierte eine athletische Körperspannung, die Kraft und Ausdauer verriet. Unter den kurzgeschnittenen schwarzen Haaren blitzten blaue Augen in einem attraktiven Gesicht. Sie erkannte osteuropäische Züge. Seiner Stimme war nicht zu entnehmen, aus welchem Bereich dieser Welt er stammte, doch sein Deutsch war völlig akzentfrei. Insgesamt war er eine gepflegte Erscheinung, wirkte aber nicht überkandidelt. Schwarze Jeans, ein maßgeschneidertes schwarzes Hemd und teure schwarze Lederschuhe ergaben eine interessante Mischung.

Als ihre Augen sich trafen, verbeugte er sich leicht.

„Roman Rothenstein. Ich war so frei, mich nach Ihrem Namen zu erkundigen. Sie gestatten?“

Valea zögerte. In seinem Tonfall hatte nicht wirklich eine Frage gelegen. Er schien sich sicher zu sein, dass sie nicht ablehnen würde.

„Sehr erfreut, Herr Rothenstein“, meinte sie schließlich. „Aber sie sehen sicherlich, dass ich mit meiner Arbeit noch nicht fertig bin. Wenn Sie sich zu mir setzen, werden Sie sich nur langweilen.“

Er hob überrascht die Augenbrauen. Ganz eindeutig hatte er nicht mit einer Abfuhr gerechnet.

„Sie überraschen mich“, gestand er dann. „Aber anscheinend unterschätzen Sie mein Interesse, Sie kennen zu lernen. Wenn es darauf ankommt, bin ich ein sehr geduldiger Mensch. Ich werde Sie nicht stören, bis Sie mit ihren Studien fertig sind, mein Wort drauf.“

Damit setzte er sich ihr gegenüber und winkte dem Kellner. Er deutete auf die Flasche Wein, woraufhin der Kellner nickte und davoneilte.

Valea war völlig überrumpelt. Eine solche Dreistigkeit hatte sie nicht erwartet. Aber gut. Wenn er Geduld zeigen wollte, würde sie ihm das ermöglichen.

Ohne ein weiteres Wort wendete sie sich ihren Seiten zu und nahm das Lesen wieder auf.

Die nächste Stunde herrschte Stille an ihrem Tisch, nur unterbrochen vom Rascheln der Seiten. Valea ließ sich von ihrem ungebetenen Gast nicht irritieren. Sie spürte seinen Blick, doch er schien nicht unfreundlich, und so konnte sie sich problemlos auf ihre Zahlen konzentrieren.

Endlich legte sie das letzte Blatt auf den Stapel und sah auf. Seine blauen Augen ruhten immer noch auf ihr und verrieten ein gewisses Amüsement.

„Sie besitzen ein fotographisches Gedächtnis“, stellte er fest.

Valea griff nach dem Weinglas und trank den letzten Schluck daraus. Kaum hatte sie das Glas abgestellt, da goss er auch schon nach.

„Sie sind sehr scharfsinnig“, lächelte sie und konnte nicht verhindern, dass leiser Spott zu hören war. Er schien nicht verärgert, eher im Gegenteil. Das Blitzen in seinen Augen verstärkte sich. Er hob sein Glas.

„Auf die Unfehlbarkeit der Statistik!“

Valea runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist Blödsinn. Statistik ist nicht unfehlbar. Sie kann bewerten und Richtungen aufzeigen. Aber sie ist immer abhängig von der Fragestellung, der Methodik und durchaus auch von der Intention des Fragestellers.“

Jetzt lächelte auch er.

„Da haben Sie tatsächlich recht. Entschuldigen Sie meinen kleinen Test. Also dann: auf einen voraussichtlich interessanten Abend.“

Diesmal hob Valea langsam ihr Glas und stieß mit ihm an. Mittlerweile war sie doch neugierig, wer ihr da gegenübersaß. Roman Rothenstein lehnte sich ein wenig zurück, um sie noch besser betrachten zu können.

„Sie sind Ärztin. Forensikerin?“

Valea schüttelte den Kopf.

„Nein, ich bin praktizierende Ärztin. Dies hier, nun ja, ich bin einfach nur neugierig geworden und habe mich ein wenig informiert.“

„Eine deutsche, praktizierende Ärztin im Kongo. Hm, darf ich raten? Sie arbeiten für eine Hilfsorganisation.“

„Stimmt. Zurzeit bin ich für „Ärzte ohne Grenzen“ unterwegs.“

„Und gerade erholen Sie sich ein wenig und nutzen die Zeit, um Fragen zu klären. Darf ich wissen, was Sie erlebt haben, dass Sie ausgerechnet auf die Forensik gestoßen sind?“

Wieder zögerte Valea. Roman Rothenstein hatte nach wenigen Sätzen bereits so viele Schlüsse gezogen, dass es ihr beinahe unheimlich war. Wer war dieser Mann? Ihr Misstrauen war wohl offensichtlich, denn er ruderte sofort zurück.

„Entschuldigen Sie. Ich möchte Sie nicht aushorchen.“

Jetzt war es Valea, die die Augenbrauen hob.

„Nicht?“

Er lachte.

„Doch“, gab er dann zu. „Wie gesagt, Sie machen mich neugierig.“

„Weil ich allein hier sitze?“

„Nein. Alleinstehende Frauen gibt es hier wie Sand am Meer. Die meisten warten auf den passenden Mann oder die erotische Affäre. Aber das tun Sie eindeutig nicht. Sie genügen sich selbst. Und Sie leben im Hier und Jetzt.“

Diesmal blinzelte Valea überrascht. Es gab nur sehr wenige Menschen, die sie so beschreiben würden. Meister Seno Kunihiko gehörte dazu und einige wenige andere Personen, die sie vom Mugai Ryū her kannte.

War Roman Rothenstein ebenfalls ein Eingeweihter?

„Wer sind Sie?“

Ihre Frage forderte mehr als nur den Namen.

„Ein Reisender“, lächelte er. „Ich bereise die Welt und sammle.“

„Und was genau sammeln Sie?“

„Hm, das kommt darauf an. Besonderes. Dinge, die einzigartig sind, wertvolles Wissen, interessante Bekanntschaften - so wie Sie.“

„Ich bin nicht interessant, wertvoll oder einzigartig“, wehrte Valea unwillig ab.

„Sind Sie sich da sicher?“

Er beugte sich vor und ergriff so schnell ihre Hand, dass sie sie nicht rechtzeitig wegziehen konnte. Mit sanfter Gewalt hielt er sie fest.

„Ich glaube, wenn ich bei Ihren Arbeitgebern nachfragen würde, bekäme ich zumindest die Aussage, dass Sie sehr wertvoll sind. Einzigartig ist jeder Mensch, manche aber doch etwas mehr als andere. Und dass ich Sie für äußerst interessant halte, habe ich schon zum Ausdruck gebracht.“

Er führte ihren Handrücken an seinen Mund und hauchte einen sanften Kuss darauf.

Valea entzog ihm hastig die Hand. Sein Verhalten irritierte sie.

Wieder lehnte er sich zurück und gab ihr Raum.

„Dr. Noack.“ Seine Stimme hatte einen sanften Klang angenommen. „Ich will Sie nicht bedrängen. Wenn Sie darauf bestehen, werde ich mich zurückziehen. Allerdings möchte ich auf die Tatsache hinweisen, dass Ihnen dann mit Sicherheit anregende Gespräche entgehen. Ich bin nicht darauf aus, Sie zu verführen. - Noch nicht. Das ist bei weitem nicht abwertend gemeint. Sie sind äußerst attraktiv. Aber im Moment bin ich an Ihnen nur als Gesprächspartner interessiert.“

Valea ließ seine Worte in sich wirken. Sie waren freundlich und ohne Druck. Vor allem aber klangen sie ehrlich. Trotzdem, sie musste darüber nachdenken. Roman Rothenstein schien ein anspruchsvoller Diskutant zu sein, und es war sehr wahrscheinlich, dass auch persönliche Dinge zum Gesprächsthema werden würden. Sie wusste nicht, ob sie dafür bereit war.

„Geben Sie mir Zeit“, bat sie. „Ich muss darüber nachdenken.“

Er nickte zustimmend. „Gut, dann gestatten Sie mir, dass ich Sie morgen Abend nach dem Essen wieder aufsuche?“

„Gerne.“

Er erhob sich und deutete eine Verbeugung an.

„Dann freue ich mich auf morgen Abend. Schlafen Sie gut, Dr. Noack.“

Valea sah ihm nach und registrierte seine flüssigen Bewegungen. Unwillkürlich kam ihr der Gang eines Raubtiers in den Sinn. Kraftvoll, geschmeidig, immer in gespannter Erwartung auf eine Gelegenheit.

Sie schüttelte die Assoziation von sich. Roman Rothenstein war ganz gewiss kein Raubtier. Aber mit Sicherheit war er ein Mann, der genau wusste, was er wollte und wie er es erreichen konnte. Und sie passte offensichtlich in sein Beuteschema, - warum auch immer.

Sie konnte sich ein leises Lächeln nicht verkneifen. Vielleicht war eine nähere Bekanntschaft doch nicht so uninteressant. Zumindest würde er sie von ihren Grübeleien ablenken. Doch sie musste darüber schlafen. Sie hatte schließlich Zeit dafür, und die wollte sie auch nutzen.

Am nächsten Abend saß Valea an ihrem Tisch und ließ während des Essens den Blick schweifen. Roman Rothenstein war jedoch nirgends zu sehen. Beinahe spürte sie Enttäuschung in sich hochsteigen. Den ganzen Tag waren ihre Gedanken um diesen geheimnisvollen Mann gekreist. Erst die letzten Mugai Ryū Übungen hatten sie wieder zur Ruhe kommen lassen. Als sie ihr Katana zurücklegte, wusste sie, dass sie Roman Rothenstein näher kennen lernen wollte. Vielleicht konnte sie seine Gesprächsbereitschaft sogar nutzen, um Ordnung in ihre eigenen Gedankengänge zu bringen.

Sie griff zu ihrem Weinglas und leerte es. Als sie es senkte, stand er vor ihr. Wieder hatte sie nicht mitbekommen, wo er herkam, und wieder war sie irritiert.

„Haben Sie sich entschieden, Dr. Noack?“, fragte er. Sie nickte und erwiderte sein Lächeln.

„Das habe ich, Herr Rothenstein. Ich muss zugeben, dass Sie mich neugierig gemacht haben.“

„Das höre ich gerne.“ Er hielt ihr die Hand hin. „Darf ich Sie an einen angenehmeren Platz führen, an dem wir ungestört sind?“

Valea ergriff die Hand und erhob sich.

„Gerne.“

Er brachte sie in den Kellerbereich, wo eine gemütliche Bar war, die von leiser Musik beschallt wurde. Sie zogen sich in eine Nische zurück, die etwas abgelegen zu den anderen Tischen lag.

Roman Rothenstein bestellte eine Flasche Wein und wandte dann Valea seine gesamte Aufmerksamkeit zu.

Valea war angenehm überrascht. Ihre neue Bekanntschaft entpuppte sich nicht nur als neugierig, sondern auch als erstaunlich belesen und wortgewandt. Sie genoss es, endlich einmal einen Gesprächspartner zu haben, der sie mit seinen Fragen und anspruchsvollen Gedankengängen herausforderte. Natürlich drehte es sich anfangs um sie selbst. Innerhalb kürzester Zeit wusste Roman Rothenstein mehr über ihren beruflichen Werdegang und ihre Motivation zu diesem Beruf als irgendein anderer Mensch. Doch als er weiter in ihre Vergangenheit eindringen wollte, blockte sie dezent ab. Noch kannte sie diesen Mann nicht gut genug, um mit ihm über private Dinge zu reden. Er akzeptierte es und wandte sich wieder anderen Themen zu. Schließlich griff er das Thema Forensik auf und wiederholte seine Frage vom Vortag.

„Was haben Sie im Busch erlebt, dass Sie sich jetzt für Forensik interessieren?“

Valea antwortete nicht sofort. Doch ihr Zögern dauerte nicht lange. Es gab keinen Grund, diese beiden verstörenden Erlebnisse zu verschweigen. Interessiert lauschte Rothenstein ihrer Erzählung.

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, zweifeln Sie, dass die beiden bedauernswerten Menschen von einer Großkatze getötet wurden.“

„Ich bin mir nicht ganz sicher“, bestätigte Valea. „Diese Verletzungen waren so - gezielt - so systematisch. Natürlich gibt es bestimmte Vorgehensweisen bei Raubtieren, doch so etwas ... Es hatte etwas Bewusstes an sich. Solch eine Bewusstheit ist menschlich, nicht tierisch. Und zumindest bei dem Mann wurde ja auch behauptet, dass ein Mensch gesehen wurde. Dass er dann angeblich zum Leoparden wurde - na ja.“

„Anioto ist ein Begriff aus der afrikanischen Mythologie“, meinte Rothenstein nachdenklich. „Er beschreibt die Leopardenmenschen.“

Valea nickte. „Ja, ich habe darüber nachgelesen. Allerdings bezeichnet es auch eine Gruppe von Menschen, die sich für Leoparden halten. So eine Art Geheimbund, der die Leoparden verehrt und seine Opfer mit echten Leopardenkrallen tötet. Ganz schön abstrus. Aber möglicherweise gehen diese Tötungen ja darauf zurück.“

Rothenstein betrachtete sie aufmerksam. „Was haben Sie noch darüber herausgefunden?“