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Mit problematischen Jugendlichen zu arbeiten füllt das Leben der Sozialarbeiterin Raven Nash vollkommen aus. Doch dann trifft sie auf zwei Minnesota-Ranger, und diese Männer erweisen sich als äußerst anhänglich. Ehe sie sich's versieht, wird sie Mitarbeiterin der Ranger und auf eine gefährliche Mission geschickt. Zusammen mit dem Werwolf Streuner soll sie "wilde" Wolfskinder finden. Eine heikle Angelegenheit, da sie eigentlich nichts von Werwölfen wissen darf. Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Die erste Regel lautet: Menschen, die von den Völkern erfahren, müssen sterben.
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Seitenzahl: 533
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Buchbeschreibung:
Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Die erste Regel lautet: Menschen, die von den Völkern erfahren, müssen sterben.
Band 5: Spurensucher
Mit problematischen Jugendlichen zu arbeiten füllt das Leben der Sozialarbeiterin Raven Nash vollkommen aus. Doch dann trifft sie auf zwei Minnesota-Ranger, und diese Männer erweisen sich als äußerst anhänglich. Ehe sie sich's versieht, wird sie Mitarbeiterin der Ranger und auf eine gefährliche Mission geschickt. Zusammen mit dem Werwolf Streuner soll sie "wilde" Wolfskinder finden. Eine heikle Angelegenheit, da sie eigentlich nichts von Werwölfen wissen darf.
Bereits erschienen:
Fellträger
Aschenhaut
Seelenfresserin
Wächterin
Über den Autor:
Ana Marna, geboren 1966, studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund der Musik zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren beschloss sie, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen. "The Hidden Folks" ist ihre erste Real-Fantasyserie.
Spurensucher
The Hidden Folks
Von
Ana Marna
Gewidmet meiner Freundin Yvonne,
einer bewundernswerten Mutter im Dauereinsatz
1. Auflage 2020
© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna
www.ana-marna.de
www.facebook.com/ana.marna.92372
Vorwort5
Eine erfolgreiche Jagd6
Ein kleiner Wettkampf9
Eine Blutschuld17
Unerwartete Besucher26
Eichhörnchen gesucht35
Ein schwerer Abschied45
Eine gelungene Ablenkung61
Ein Experiment73
Ein anspruchsvolles Training95
Erkenntnisse der besonderen Art132
Die Zentrale150
Voller Körpereinsatz168
Berufsalltag184
Neue Bekanntschaften189
Eine Suche203
Vermisst209
Ein Vater213
Welpenalarm220
Ein Rudel224
Der Auftrag237
Entscheidungen242
Grüne Augen247
Blut und Tod260
Hexen und andere Geschichten271
Vergeltung289
Jäger und Vollstrecker307
Rudelstreitigkeiten332
Eine Zuflucht365
Anhang380
Wie es weitergeht ...384
Nachwort394
Der folgende Roman findet zeitlich gesehen nach den ersten vier Bänden dieser Fantasy-Serie statt. Er greift ein loses Ende des ersten Teils auf (siehe „Fellträger“) und bringt eine neue Person, nämlich Raven, ins Spiel.
Die Story ist in sich abgeschlossen, aber natürlich empfiehlt es sich, die vorherigen Bände zu kennen, da sich, wie üblich, bekannte Personen in das Geschehen einmischen.
Eine kleine Warnung an sensible Gemüter: Es geht um Kriegerwölfe. Wer die ersten Bände kennt weiß, dass diese nicht gerade zart besaitet sind und Wölfe Frauen einfach nicht widerstehen können. Wer mit Polygamie nicht umgehen kann, sollte diesen Band überspringen. Aber, was soll ich sagen: Es sind nun mal Wölfe ...
Portland, Oregon
„Halleys Bar“ flimmerte in großen, leuchtendroten Lettern über einem breiten Eingang. Die Bar war nicht gerade einladend. Alles wirkte etwas verkommen und dringend renovierungsbedürftig. Durch die trüben Scheiben blinkte das Licht der Innenräume und ein paar Schatten bewegten sich dahinter. Zumindest schien „Halleys Bar“ Besucher zu haben.
Connor Talley hockte mit sehr gemischten Gefühlen in seinem Wagen und ließ die Straße nicht aus den Augen. Es war bereits weit nach Mitternacht und die meisten Nachtschwärmer hatten den Heimweg angetreten. In „Halleys Bar“ befand sich vermutlich nur noch eine Handvoll Besucher.
Das war gut. Je weniger Menschen unterwegs waren, umso geringer war die Gefahr, beobachtet zu werden. Und genau das wollte er zurzeit vermeiden.
Kurz huschte sein Blick zu einer der Nebenstraßen, die direkt neben dem Eingang lag, doch nichts deutete darauf hin, dass sich dort zwei weitere Beobachter verbargen.
Obwohl Beobachter vielleicht nicht das richtige Wort für die beiden war. Connor schluckte ein Grinsen hinunter. Der Begriff „Psychopathen“ charakterisierte die zwei Männer wohl eher, aber das würde er ihnen kaum ins Gesicht sagen. Lebensmüde war er noch nicht.
Ein Wagen fuhr vor und hielt direkt vor dem Eingang der Bar.
Connor rutschte etwas tiefer in den Sitz hinein, ließ das Fahrzeug aber nicht aus den Augen und legte seine Hand auf den Türgriff.
Heraus stieg ein breitgebauter Mann, flankiert von zwei deutlich größeren Muskelprotzen. Eindeutig Bodyguards, aber das war keine Überraschung. Clay Joyner hatte allen Grund, sich mit Sicherheitspersonal zu umgeben. Immerhin leitete er einen gut florierenden Drogenring hier in Portland, und es gab eine Menge Leute, die ihn lieber heute als morgen tot sahen.
Und genau das war der Grund, weshalb Connor Talley hier saß.
Clay Joyner war der Schlüssel für seinen eigentlichen Auftrag.
Der Drogenboss blieb kurz stehen, um sein Jackett zurechtzuzupfen. In diesem Moment traten zwei große Gestalten aus den Schatten der Nebenstraße.
Connor riss die Autotür auf und sprang auf den Asphalt.
Joyners Bodyguards reagierten sofort, doch nicht schnell genug.
Ehe auch nur einer seine Waffe ziehen konnte, waren die beiden Riesen schon über ihnen. Clay Joyner war vor Schreck erst wie gelähmt, doch dann setzte er sich wieder in Bewegung. Seine Flucht wurde abrupt gebremst, als sich eine weitere Gestalt zwischen ihn und die Bar schob.
Connor packte den Gangster an der Kehle und schlug ihm die geballte Faust in die Weichteile. Sein Griff erstickte Joyners Schrei und nur ein schwaches Gurgeln drang aus seinem Mund. Dann sackte er mit glasigen Augen in sich zusammen.
Connor zerrte ihn rücksichtslos zu seinem Wagen zurück und stieß ihn auf den Rücksitz. Dann schwang er sich auf den Fahrersitz.
Zeitgleich schob sich einer der Riesen zu Joyner auf die Rückbank. Der andere joggte zu Connors Wagen und klemmte sich dort hinters Steuer. Mit quietschenden Reifen schossen die beiden Autos auf die Straße. Zurück blieben zwei regungslose Gestalten auf dem Gehweg.
Sie fuhren direkt zu einem Schrottplatz, der außerhalb der Stadt lag. Connor benötigte nicht lange, um das Schloss zu knacken, das das Tor geschlossen hielt. Drei Wachhunde kamen kläffend angerannt, doch kurz vor den Männern stoppten sie und standen erst wie erstarrt. Dann kniffen sie den Schwanz ein und verzogen sich so schnell es ging in die hinterste Ecke des Geländes. Die Männer ignorierten die Tiere komplett und stiefelten zielstrebig voran.
Minuten später dröhnte der Motor der Schrottpresse auf und das Knirschen und Kreischen von Metall schrillte durch die Nacht.
Connor verzog das Gesicht. Nur gut, dass die Besitzer des Platzes nicht vor Ort wohnten. Aber das war ja auch der Grund, warum sie sich für diesen Standort entschieden hatten.
Kurz warf er einen Blick auf Clay Joyners, der gefesselt und geknebelt zu seinen Füßen lag und unverständliche Geräusche von sich gab.
„Halt die Klappe“, knurrte er. „Trag‘s wie ein Mann, dass deine Zeit abgelaufen ist. Für so ein Drogenschwein wie dich war das eh zu lang.“
Ein Stöhnen entwich dem Gefesselten. Connor sah wieder hoch, als die beiden Männer auf ihn zu kamen.
„Alles klar, Streuner“, knurrte der eine. „Lass uns verschwinden.“
Er bückte sich, packte Joyners am Kragen und schleifte ihn ungerührt hinter sich her, bis sie an einem Van ankamen. Mit Schwung warf er den Drogendealer hinein.
Connor schob sich hinters Steuer und startete den Wagen.
Jetzt begann der gefährlichere Teil.
Mississippi
Es war heiß und die Sonne gleißte erbarmungslos vom Himmel.
Reece Baker stieß ein gereiztes Knurren aus und hätte am liebsten gegen das Armaturenbrett des Wagens getreten. Doch das würde mit Sicherheit eine Riesendelle hinterlassen, und der letzte Anschiss des Chiefs klang ihm noch in den Ohren nach.
„Wann kriegen wir eigentlich mal einen Wagen, bei dem die Klimaanlage funktioniert?“, knurrte er.
Kian Stewart, sein Partner, lachte und steuerte den Wagen an der nächsten Abzweigung des Highways.
„Warte noch hundert Jahre“, schlug er vor. „Allerdings gibt es dann vielleicht keine Autos mehr, wer weiß.“
„Alles ist besser als diese Schrottkiste.“
Reece war deutlich schlecht gelaunt. Seit mehreren Stunden waren sie unterwegs und durchquerten gerade den Bundesstaat Mississippi. In diesem Jahr war es ungewohnt heiß und sie ertrugen die erbärmliche Hitze nur schwer.
„Wir können ja Pause machen“, schlug Kian vor. Er kannte seinen Partner gut genug, um zu erkennen, dass dieser kurz vor einem Wutausbruch stand.
Sie fuhren inzwischen auf einer staubüberzogenen Landstraße und Kian hielt nach einem schattigen Platz Ausschau. Vor ihnen erstreckte sich eine trockene und sandige Landschaft, die nur von einigen Gebüschen unterbrochen wurde.
Plötzlich kam ein Bus in Sicht und donnerte auf sie zu. Reece murmelte eine leise Verwünschung, als der aufgewirbelte Staub sich auf die Windschutzscheibe legte.
„Sieh dir das an.“
Kian zeigte zur Seite. Reece erspähte eine kleine Gestalt, die mit einem Rucksack auf dem Rücken durch das Gelände joggte. In ihrer Begleitung befanden sich drei riesige Hunde, die dicht neben und hinter ihr rannten.
Kian bremste die Geschwindigkeit herunter und sie beobachteten, wie die Gestalt über einen Felsbrocken sprang und unvermindert weiter rannte.
„Eine Frau“, grinste er. „Cool. Wo will sie hin?“
Er tippte auf dem Navigator herum. Sekunden später lachte er auf.
„Kaum zu glauben, aber hier in der Nähe gibt es tatsächlich etwas. Ein Trainingslager oder so. Ob sie dahin will?“
Reece lächelte versonnen und blickte auf den Navigator.
„Ist nicht allzu weit weg. Ein bisschen Bewegung tut uns vermutlich auch gut.“
Seine Laune war schlagartig gestiegen. Er sah noch einmal in Richtung der Frau. Sie rannte immer noch und das trotz der sengenden Hitze.
„Entweder ist die echt zäh oder durchgeknallt“, meinte er. Beide Optionen gefielen ihm.
Sie erreichten das Camp vor der Frau und parkten den Wagen etwas abseits.
Es wirkte geschlossen. Das Gelände war mit einem hohen Metalldrahtzaun abgegrenzt und sehr weitläufig. Erfreulicherweise gab es viele große Bäume, die Schatten spendeten. Am Eingangstor befand sich eine kleine Hütte.
Sie spähten hinein, doch niemand war zu sehen. Dafür hing ein fettes Schild im Fenster: Closed.
„Wie enttäuschend“, grinste Kian. Dann drehten sich beide gleichzeitig um. Die Frau kam in Sichtweite. Die Hunde rannten immer noch neben ihr.
Kurz vor der Hütte wurde sie langsamer und blieb schließlich stehen. Ihr Atem ging etwas schneller und ihre Haut war schweißnass, doch sie wirkte keineswegs erschöpft. Die Hunde hatten sich ihrem Tempo exakt angepasst und standen rechts und links neben ihr. Sie ließen die Männer nicht aus den Augen und ein leises Grollen entwich ihren Kehlen.
Kian starrte sie nacheinander an. Das Grollen verstummte und die Hunde zogen den Schwanz ein. Dann sah er wieder auf die Frau. Sie war eher klein und schlank, und eine halblange schwarze Mähne umrahmte das schmale Gesicht. Sie trug Jeans, Sportschuhe und ein khakifarbenes Top, das den Blick auf braungebrannte, straffe Arme zuließ. Kein Zweifel, diese Frau war sportlich und schien durchtrainiert zu sein.
Ihre blauen Augen musterten die beiden Männer hellwach und ohne Furcht. Das allein war schon erstaunlich. Kian wusste sehr genau, wie er und erst recht wie Reece auf Menschen wirkte. Sie waren beide außergewöhnlich groß und breitgebaut, und ihre ärmellosen Shirts hoben die ausgeprägten Armmuskeln, die mit bizarren Tattoos überzogen waren, noch heraus. Dazu kam ihr militärischer Look, sprich Militärhose, Shirt und die dazu passende Weste. Viel Platz für viele Gegenstände. Doch das alles schien diese Frau nicht zu beeindrucken.
Sie sah auf die geduckten Hunde und dann wieder zu ihnen.
„Pechtag“, grinste Kian sie an. „Das Camp ist geschlossen.“
„Ich weiß!“ Ihre Stimme war von einer angenehmen tiefen Klangfarbe. Kian schätzte sie auf etwa Mitte zwanzig. „Es öffnet nur für angemeldete Gruppen.“
„Hm, und was willst du dann hier?“
Jetzt lächelte sie tatsächlich. Kian spürte, wie es in seiner Hose enger wurde. Verdammt, die Kleine gefiel ihm.
„Ich sehe es mir nur an.“
Sie trat an ihnen vorbei und ging zum Eingangsbereich. Dann zog sie den Rucksack von den Schultern und öffnete ihn. Ein faltbarer Wassernapf kam zum Vorschein und eine große Flasche. Sie nahm einen tiefen Schluck und schüttete dann Wasser in die Schüssel. Ein leiser Pfiff ließ die Hunde sofort antraben und trinken. Dann legten sich die Tiere neben den Rucksack.
„Passt auf!“
Der Befehl war leise, aber so durchdringend, dass Kian erstaunt zu Reece sah.
Der runzelte ebenfalls irritiert die Stirn. Soviel Autorität aus einem so hübschen Mund zu hören, war eher ungewöhnlich.
Sie drehte sich um und betrachtete den drei Meter hohen Drahtzaun.
„Na dann“, meinte sie und sprang hoch. Mühelos hangelte sie sich nach oben und schwang sich über die Kante. Federnd landete sie im Sand und grinste die Männer an.
„Ist wohl zu heiß für euch, was?“
Dann rannte sie los.
Die beiden sahen sich an.
„War das eine Herausforderung?“
„Hörte sich so an. Das wird spaßig!“
Kian sprang hoch und benutzte einen der Stahlträger zum Klettern. Der Drahtzaun hätte sein Gewicht niemals gehalten. Sein Partner kletterte ihm sofort hinterher.
Sekunden später folgten sie der Frau. Diese sprang schon über mehrere Hürden, die in verschiedenen Höhen hintereinander aufgestellt waren. Dann ergriff sie ein Seil, das von einem Baum herunterhing und schwang sich hinauf.
Kian erreichte den Baum nur wenige Sekunden später und kletterte los. Oben angekommen erkannte er, dass sie sich in einem Klettergarten befanden und stieß einen leisen Fluch aus. Hier war die Frau eindeutig im Vorteil. Sie hatte schon den nächsten Baum erreicht und drehte sich um. Ihr Lachen trieb ihn sofort wieder an. Hinter ihm schnaufte sich Reece nach oben. Er war der Schwerste von ihnen und Klettern lag ihm gar nicht.
Minutenlang turnten sie durch die Bäume und Kian stellte fest, dass er eindeutig nicht mehr in Bestform war. Er würde dringend wieder mehr trainieren müssen. Endlich hatte er den letzten Baum erreicht. Erleichtert sprang er in den Sand und rannte sofort los.
Jetzt kamen Übungen, die Kraft erforderten. Da konnten sie wieder punkten.
Der Vorsprung, den die Frau hatte, schmolz schnell dahin, aber das schien sie nicht zu stören. An der letzten Kletterwand holten sie sie ein.
Es war eine fünf Meter hohe Sprossenwand. Wie ein Eichhörnchen kletterte sie los, doch die bereits bewältigte Strecke forderte ihren Tribut. Sie wurde mit jedem Meter langsamer.
Kian schob sich an ihr vorbei und auf der anderen Seite Reece. Oben verharrte er und blickte zu ihr hinunter. Sie grinste ihn an und griff eine Sprosse höher. Kian langte mit einem Arm nach unten und packte ihren Unterarm. Mühelos zog er sie hoch, so dass sie mit den Männern oben an der Kante hing. Gemeinsam schwangen sie sich auf der anderen Seite nach unten und hockten dann nebeneinander an der Wand.
Der Atem der Frau ging jetzt deutlich schneller als am Anfang, aber auch Kian und Reece waren nicht mehr frisch. Die Hitze setzte ihnen mehr zu, als ihnen recht war.
Nach einer Minute stand die Frau auf und blickte auf die Männer hinunter.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ihr die Bäume schafft“, lächelte sie. „Gut, dass die stabil genug waren.“
Reece stieß ein Knurren aus und sprang hoch, aber Kian lachte auf.
„Ehrlich, hätte ich auch nicht. Klettern ist nicht wirklich unser Ding.“
Reece schob sich nahe an sie heran. Sie wich nicht zurück, sondern sah weiter zu Kian, der jetzt ebenfalls aufstand. Sie war nicht groß und reichte ihm gerade mal bis zum Brustansatz. Reece stand mittlerweile hinter ihr.
„Und was ist euer Ding?“
Kian grinste erwartungsvoll.
„Das demonstrieren wir dir gerne.“
Er griff nach ihr, doch sie tauchte so flink unter seinen Händen durch, dass er ins Leere fasste. Auch Reece reagierte zu langsam. Doch beide setzten ihr sofort nach. Sie war schnell, doch diesmal waren die Männer im Vorteil.
Noch vor dem Zaun holten sie sie ein.
Kian umschlang ihren Oberkörper und zog sie eng an sich.
„Magst du es gerne hart und schnell?“, knurrte er und griff nach ihrem Gürtel. Reece kam ihm zu Hilfe.
„Nein, du Idiot“, keuchte sie. „Welche Frau mag das schon?“
Ihre Hose lag inzwischen im Sand und Reece packte ihre Hüften.
Die Erregung, die in der Luft lag, war kaum auszuhalten. Kian sank auf die Knie, ohne die Frau loszulassen, und zerrte ihr ungeduldig das Shirt vom Körper. Sein Partner hatte bereits die Hose geöffnet und schob sich von hinten über sie.
Ihr Aufkeuchen war nur ein weiterer Ansporn und in der folgenden Stunde bauten die beiden Männer den angestauten Frust des Tages an ihr ab.
Sie hielt stand und protestierte nicht ein einziges Mal.
Schließlich lagen alle drei schwer atmend nebeneinander am Boden, Arme und Beine ineinander verschränkt.
„Nicht schlecht“, meinte Kian schließlich. „Du bist echt zäh.“
Er drehte sich auf die Seite und legte seine Hand auf ihre Brust. „Machst du sowas öfters?“
„Mit zwei riesigen Machos vögeln?“ Sie grinste schräg. „Ganz sicher nicht. Das war eine Premiere.“
Seine Hand wanderte über ihren Bauch. Er mochte ihren Körper. Schlank und durchtrainiert, dazu weiche glatte Haut. Besser ging es kaum.
Reece beugte sich ebenfalls vor, um nach ihr zu fassen.
„Moment Jungs“, wehrte sie ab und setzte sich auf. „Ihr hattet euren Spaß, aber jetzt ist Schluss.“
„Der Tag ist noch lange nicht vorbei“, meinte Kian und versuchte, sie wieder an sich zu ziehen. Doch sie stemmte sich dagegen.
„Der Tag nicht, aber das hier schon.“
Sie stand auf und griff nach ihren Klamotten. Den Männern war deutlich anzumerken, dass sie das nicht so sahen, aber sie erhoben sich ebenfalls und zogen die Hosen hoch. Im Gegensatz zu ihr waren sie weitgehend angezogen geblieben.
Schweigend sahen sie zu, wie die junge Frau in ihre Kleider stieg. Dann folgten sie ihr zum Zaun. Kurze Zeit später standen alle auf der anderen Seite, direkt neben dem abgelegten Rucksack. Die Hunde lagen immer noch platt am Boden und betrachteten die Männer mit Abneigung und Misstrauen. In aller Ruhe füllte die Frau den Wassernapf und forderte die Hunde auf zu trinken, während sie selbst einige tiefe Schlucke zu sich nahm. Dann verstaute sie alles sorgfältig.
Als sie sich den Rucksack überwarf, räusperte sich Kian.
„Wir können dich mitnehmen. Wo willst du hin?“
Sie lachte auf.
„Nein danke. Ich nehme lieber den Bus. Mein Bedarf ist für heute gedeckt.“
„Dann setzen wir das Ganze eben morgen fort“, knurrte Reece. Es war das erste Mal, dass er sie direkt ansprach. „Es hat dir doch gefallen.“
Sie sah ihn aufmerksam an.
„Ich glaub, ich muss euch da mal was erklären. Ich bin hier gewesen, weil ich mir die Anlage ansehen wollte, und nicht, um mit euch rumzumachen.“
„Aber du hast es getan“, grinste Reece.
Doch ihr Humor war verschwunden.
„Natürlich. Ich hatte ja keine andere Wahl.“
Sie sah zu Kian.
„So wie ihr hier gestanden habt, war völlig klar, was ihr wolltet. Und ihr seht nicht so aus, als würdet ihr freundlich nachfragen. Also haben wir einfach das Beste aus der Situation gemacht, okay? Ihr hattet euren Spaß und ich bin heil geblieben. Also alles bestens. – Machts gut. Und das mit dem Klettern solltet ihr wirklich noch üben. Ich werde wohl noch an meiner Geschwindigkeit arbeiten müssen.“
Sie stieß einen leisen Pfiff aus und trabte los. Die Hunde waren sofort an ihrer Seite.
Die Männer sahen ihr sprachlos hinterher.
„Verdammt“, murmelte Kian. „Die ist echt taff.“
„Und wer zum Teufel ist sie?“
Kian hob die Schultern.
„Keine Ahnung, aber wenn sie glaubt, dass sie uns so schnell loswird, täuscht sie sich gewaltig. So viel Spaß hatten wir schon lange nicht mehr.“
Reece grinste zustimmend. Sie stiefelten zum Wagen.
„Hast du deine Kamera griffbereit?“
Reece nickte und langte nach einem kleinen Koffer auf dem Rücksitz. Sekunden später hielt er eine Kamera mit einem Teleobjektiv in der Hand. Kian fuhr los, gab aber nicht allzu viel Gas. Sie sahen die Frau wieder durch das Gelände joggen. Diesmal sprangen die Hunde kreuz und quer und genossen es, sich gegenseitig zu jagen.
„Die Viecher sind echt gut erzogen“, brummte Reece während er ein Foto nach dem andern schoss. „Ich mag Hunde ja nicht, aber die drei kläffen wenigstens nicht rum und ziehen auch nicht sofort den Schwanz ein. Okay, gib Gas. Ich denke, ich hab sie im Kasten.“
Zwei Stunden später hockten sie in einem schäbigen Motel und Kian hielt sein Handy in der Hand.
„Hey Freaky, kannst du uns einen Gefallen tun?“
„Und was für einer soll das sein?“ Martin Hicks, von allen nur Freaky genannt, klang gut gelaunt wie immer. „Bitte nicht wieder die nächste Bar. Das wird langsam echt langweilig.“
Kian grinste.
„Keine Sorge, diesmal ist es ein bisschen anspruchsvoller. Ich schick dir mal ein Foto. Krieg bitte raus, wer das ist.“
Sekunden später erklang Freakys Stimme.
„Süß. Was hat sie angestellt?“
„Nichts. Aber sie hat einen echt knackigen Hintern.“
Freaky lachte vergnügt.
„Mal seh‘n, was ich tun kann. Aber es wird etwas dauern. Der Chief kleistert mich gerade mit Recherchen zu. Ich melde mich dann.“
Portland, Oregon
Das Anwesen von James Taylor war riesig und bestand aus mehreren Gebäuden, die von einem hochgerüsteten Sicherheitszaun geschützt wurden. Das Gelände dahinter war weitläufig und von wenig Grün geziert. Alles wirkte funktional und übersichtlich. Wer hier hinein wollte, hatte keine Chance, unbemerkt zu bleiben.
Connor blickte über das Grundstück und versuchte seine unterschwellige Wut in den Griff zu bekommen.
Sie hatten nicht lange gebraucht, um das Domizil von James Taylor ausfindig zu machen, als sie vor einigen Tagen in Portland eintrafen. Er wohnte außerhalb der Stadt und wickelte von hier seine Geschäfte ab.
James Taylor hatte es nicht nötig, selbst auf der Bildfläche zu erscheinen. Dafür schickte er andere. Fußvolk. Und das führte dazu, dass er sich nur sehr selten dazu herabließ, sein Anwesen zu verlassen.
Wenn man an ihn herankommen wollte, musste man ihn herauslocken. Und dazu benötigte man einen Köder.
Und was war ein geeignetes Lockmittel für einen der führenden Drogenbosse in Oregon?
Nun, wohl ein unliebsamer Konkurrent, so viel hatten sie herausgefunden. Freaky, der begnadete Computerfachmann der Minnesota-Ranger, hatte lange gesucht und so ziemlich alles über James Taylor ausgegraben, was möglich war. Und das war durchaus interessant.
Dieser Mann hatte klein angefangen. Als Straßendealer einer unbedeutenden Gang. Doch sein Weg nach oben war von Anfang an zielstrebig und geradlinig. Und zimperlich war er nie gewesen.
Der Spruch „und Leichen pflasterten seinen Weg“ traf auf James Taylor durchaus zu. Mittlerweile war er in Portland und der weiteren Umgebung der führende Drogenboss und immer noch bestrebt, seinen Machtbereich auszudehnen. Konkurrierende Dealer waren ihm ein Dorn im Auge. Es kursierten die Gerüchte, dass er diejenigen, die nicht freiwillig zu ihm überwechselten, persönlich hinrichtete oder zumindest dabei zugegen war.
Nun, einen Köder hatten sie inzwischen.
Clay Joyner war von den verbliebenen Drogenbossen der Mächtigste und konnte sich James Taylors Mörderbanden bisher entziehen. Vermutlich hatte er seine Spitzel überall, da er schon lange in diesem Geschäft tätig war. Deutlich länger jedenfalls als Taylor.
Er stand also auf der Abschussliste ganz oben, so viel hatte Freaky herausbekommen.
Von einem Wegwerfhandy aus hatte Connor eines der Führungsmitglieder erreicht und kundgetan, dass er Clay Joyner in seiner Gewalt hatte und bereit war, ihn gegen ein gewisses Entgelt an James Taylor zu übergeben.
Die anfängliche Skepsis seines Gesprächspartners war sofort gewichen, als Connor das Handy an Joyners Mund gehalten hatte, der auch prompt wüste Beschimpfungen gegen Taylor ausstieß.
Kurz danach wurde Connor von James Taylor persönlich angerufen.
Und dieser hatte es überaus eilig, den Deal abzuwickeln.
Connor hob ein Fernglas und spähte hindurch. Seit mehreren Stunden lag er hier auf der Lauer und ließ das Anwesen nicht aus den Augen. Es war lange ruhig geblieben, doch jetzt kam Bewegung auf.
James Taylor trat aus dem Haupthaus, an seiner Seite vier breitgebaute Gestalten, und eine schwarze Limousine fuhr vor.
Connor griff zum Funkgerät.
„Zielperson und vier Gorillas. Schwarze Limousine, sieht gepanzert aus.“
„Bleib dran!“
Er zog sich vorsichtig zurück. Dann rannte er bis zu einem Seitenweg, wo sein Wagen parkte. Kurze Zeit später folgte er der Limousine, die sich zügig die Straße entlang bewegte, bis in ein abgelegenes Tal.
Unterwegs hielt sie an einer Kreuzung. Connor fuhr locker daran vorbei, bis Taylors Wagen außer Sicht war. Dann parkte er in einer Nebenstraße, wo er von der Straße aus nicht gesehen werden konnte.
Als die Limousine kurze Zeit später vorbeirauschte, wartete er kurz und folgte. Diesmal achtete er darauf, nicht gesehen zu werden, was nicht sehr schwer war, da er das Ziel kannte.
Der Wegweiser zu der Kiesgrube, die als Treffpunkt ausgemacht war, war kaum zu sehen. Connor bremste kurz ab und fuhr seinen Wagen erst in die Seitenstraße. Gleich darauf bog er in einen schmalen Forstweg ein, auf dem er länger verblieb, bis er das Auto wendete und dann parkte. Den Schlüssel ließ er stecken und joggte los.
Er erreichte die Kiesgrube nach wenigen Minuten und ließ sich auf allen vieren nieder. Vorsichtig spähte er in die Grube. Sie war etwa dreißig Meter tief und hatte einen Durchmesser von geschätzten dreihundert Metern.
Die Limousine stand mittig und nur einer der Bodyguards lehnte mit verschränkten Armen dagegen.
„Der Schisser hat sich noch nicht rausgetraut“, knurrte eine tiefe Stimme an Connors Ohr. Er nickte nur. Seine Nase hatte ihm schon verraten, dass Luke in der Nähe war.
„Wo steckt Linus?“
„Auf der anderen Seite.“
„Und wie geht es unserem Gast?“
Der Riese grinste breit.
„Er wirkt etwas nervös, seit ich ihm erzählt habe, wie unser Plan aussieht.“
„Na, dann sollten wir ihn mal erlösen.“
Sie verließen ihren Beobachtungsposten und gingen einige Meter in den Wald zurück. Hier lag Clay Joyner, verschnürt wie ein Geschenkpaket und mit hochrotem Kopf. In seinen Augen stand mittlerweile die nackte Panik.
„Ich habe gehört, Luke hat dir schon gesagt, wie es weitergeht“, meinte Connor mitleidlos. „Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.“
Er löste die Fußfesseln und zerrte den Dealer unsanft auf die Füße.
„Nun, dann wollen wir mal. Taylor wartet schon ganz ungeduldig.“
Ein gurgelndes Geräusch drang durch den Knebel und Joyner stemmte sich verzweifelt gegen seinen Griff. Sofort erhielt er einen unsanften Schlag auf den Hinterkopf.
„Zappel nicht rum, Drecksack. Jeder erntet irgendwann das, was er sät“, knurrte Luke und stieß ihn vorwärts.
Sie trieben den Dealer vor sich her, über einen Seitenpfad hinunter in die Grube.
Kaum kamen sie in Sichtweite, da verlor der Bodyguard seine Lässigkeit und richtete sich auf.
Sie näherten sich dem Wagen bis auf etwa zwanzig Meter. Dann stoppten sie und Connor trat seinem Gefangenen in die Kniekehle, so dass dieser mit einem Stöhnen auf die Knie fiel.
Inzwischen dämmerte es und es konnte nicht mehr lange dauern, bis es dunkel wurde.
Tatsächlich öffnete sich die Wagentür und zwei weitere Männer kletterten nach draußen. Aufmerksam sahen sie sich um.
„Schickt ihn her!“, befahl einer. Connor hob die Hände und grinste schräg.
„Sorry, aber wie wäre es, wenn ihr erst zeigt, was wir dafür erhalten?“
„Ihr seid allein?“
Connor grinste breit. „Nicht ganz. Dämlich sind wir nicht. Ich habe schon gehört, dass euer Boss nicht immer hält, was er verspricht. Wo steckt er eigentlich? Hat er sich nicht her getraut? Würde zu ihm passen.“
Der Mann wechselte ein paar Worte in Richtung Wagen. Dann schob sich auch James Taylor nach draußen und baute sich mit finsterer Miene zwischen seinen Männern auf.
„Es ist nicht wirklich schlau, seine Geschäftspartner zu verärgern.“ Taylor klang kalt und berechnend.
Connor zuckte mit den Schultern und deutete auf Joyner.
„Ich habe meinen Teil erfüllt. Was ist mit dir?“
Innerlich brannte er vor Wut, und konnte sich nur schwer zügeln. Taylor war ihnen so nahe und doch noch unerreichbar. Drei Leibwächter und eine gepanzerte Limousine standen zu seinem Schutz bereit. Selbst Luke wäre nicht schnell genug an dem Drogenboss heran.
Taylor gab einem seiner Männer einen Wink, der sofort einen Koffer aus dem Wagen hob und hochhielt.
„Ich will es sehen“, verlangte Connor. Taylor nickte und sein Mann trug den Koffer einige Meter vor. Connor ging ihm langsam entgegen.
Jetzt befand er sich nur noch wenige Meter von dem Wagen entfernt.
Er ließ sich die Aufregung nicht anmerken, sondern richtete seinen Blick auf den Inhalt des Koffers. Tatsächlich war der mit dicken Geldbündeln gefüllt.
„Willst du’s zählen?“, fragte Taylors spöttische Stimme.
Connor grinste ihn breit an. „Ich denke, das ist nicht nötig. Falls es nicht stimmt, werde ich dafür sorgen, dass es jeder erfährt, den das interessieren könnte.“
Taylors Augen verengten sich, aber er nickte knapp.
„Dann bring mir jetzt Joyner!“
Luke packte Clay Joyner am Kragen und zerrte ihn unsanft auf die Beine. Dann kam er mit großen Schritten näher. Joyner stolperte hilflos neben ihm her.
Die Übergabe erfolgte ohne weitere Kommentare. Connor entging jedoch nicht, dass die Leibwächter sich etwas zur Seite bewegten.
Seine Sinne verrieten ihm, dass alle Anwesenden unter Adrenalin pur standen.
Irgendwas hatten diese Verbrecher vor, so viel stand fest.
Doch zunächst bewies James Taylor, dass die Gerüchte stimmten.
Er ließ Clay Joyner vor sich niederknien und zog eine Pistole aus seinem Jackett hervor. Ungerührt hielt er sie an die Stirn des Mannes.
„Ich schätze mal, auf die berühmten letzten Worte kannst du verzichten, Clay. Sinnvolles kam aus deinem Maul noch nie heraus.“
Der Schuss peitschte laut durch die Luft und Clay Joyner sank in sich zusammen.
Taylor beachtete ihn nicht weiter, sondern richtete seinen Blick wieder auf Connor und Luke.
„Euch ist natürlich klar, dass ich Zeugen nicht gebrauchen kann.“
Connor bleckte unwillkürlich die Zähne.
„Wenn du damit andeuten willst, dass du uns jetzt umlegen wirst, tja, damit haben wir tatsächlich gerechnet. Du bist nicht gerade als Ehrenmann bekannt.“
Taylor lachte verächtlich auf. Wie auf Befehl hielten auf einmal auch seine anderen Männer eine Waffe in den Händen.
„Wo steckt denn eure Verstärkung?“ Der Drogenboss zielte auf Connor. „Oder habt ihr nur geblufft?“
„Oh, keine Sorge“, meinte Connor ungerührt. „Ich nehme an, Linus hat dich bereits im Visier. Er ist ein hervorragender Sniper. Auch wenn er seinen Gegnern viel lieber die Kehle herausreißt.“
Taylor zuckte die Schultern. „Glaubst du wirklich, dass ich nur mit diesen Männern hier unterwegs bin? Dein Mann ist quasi schon tot.“
In diesem Moment scholl lautes Gebrüll von der anderen Seite der Grube zu ihnen herüber, das abrupt verstummte.
Taylors Kopf zuckte automatisch in die Richtung.
Connor und Luke nutzten die Gelegenheit sofort. Wie zwei Stahlfedern schnellten sie nach vorne.
Connor erwischte Taylor und landete mit ihm hart auf der Erde. Luke griff sich gleich zwei der Bodyguards. Einen schmetterte er mit einem Fausthieb zu Boden, den zweiten packte er und warf ihn dem dritten Mann entgegen, der bereits in seine Richtung zielte. Er schoss, bevor er von seinem Kollegen begraben wurde. Dieser zuckte und brüllte auf, während beide zu Boden krachten.
Luke sprang zur Limousine und riss die Fahrertür auf. Der Chauffeur zielte bereits mit seiner Waffe auf ihn und der Schuss brachte Luke kurz ins Schwanken. Sein Hemd färbte sich rot, doch unbeeindruckt zerrte er den Mann aus dem Wagen und umklammerte dessen Waffenhand. Brüllend vor Schmerz ließ dieser die Waffe fallen.
Connor gelang es derweil, den Drogenboss am Boden zu fixieren. Mit einem Knurren riss er ihm die Waffe aus der Hand und presste die Mündung in seinen Nacken.
„So schnell wendet sich das Blatt“, zischte er.
Die anderen Männer erstarrten, als sie ihren Boss hilflos daliegen sahen.
Luke zögerte nicht und griff nach der fremden Waffe am Boden. Dann schoss er ungerührt die beiden entfernter stehenden Bodyguards nieder, bevor er dem Chauffeur mit einer kurzen Bewegung seiner Hand das Genick brach.
Stille breitete sich in der Kiesgrube aus.
Nur das hektische Atmen von James Taylor war zu hören.
Eine Bewegung ließ Connor hochblicken. Vom Hang herab stiefelte eine große Gestalt auf sie zu. Sie hielt ein Gewehr geschultert und grinste ihnen zufrieden entgegen.
Seine Hände und sein Hemd waren blutverschmiert. Es war definitiv nicht sein Blut.
„Das hat Spaß gemacht“, lachte er und sah auf James Taylor hinunter.
„Und? Pisst er sich bereits in die Hosen?“
„Noch nicht“, knurrte Connor, „Aber das werden wir gleich ändern.“
Er zog Taylor auf die Knie und hockte sich dann vor ihm nieder.
James Taylor starrte ihn hasserfüllt an.
„Ihr macht einen Fehler, wenn ihr mich tötet“, zischte er. „Meine Männer werden ...“
„Deine Männer sind tot“, unterbrach Connor ihn ungerührt. „Und der Rest deiner Mannschaft geht uns am Arsch vorbei.“
„Was wollt ihr?“
„Tja, es wird dich vielleicht überraschen, aber wir wollen deinen Kopf.“
„Wer zahlt euch? Ich gebe das Doppelte.“
Connor lachte auf und schüttelte den Kopf.
„Noch eine Überraschung: Uns zahlt keiner. Aber du bezahlst eine Schuld. Eine Blutschuld, wenn man es genauer nimmt. Erinnerst du dich an einen kleinen Ganoven namens Rick Sutton?“
Man sah Taylor an, dass es in ihm arbeitete.
„Der Einbrecher. Er wollte nicht für mich arbeiten.“
„So war es wohl, und als Dankeschön hast du ihn einfach abknallen lassen. Dummerweise vor einer kleinen Zeugin, die du aber nicht erwischt hast. Sutton war ihr Mentor und Freund. Und jetzt stell dir vor: besagtes Mädchen ist seit einigen Monaten mein Mädchen. Und dass sie beinahe selbst vergewaltigt und getötet wurde, macht mich mächtig sauer. Von dem Kopfgeld, welches du auf sie ausgesetzt hast, will ich mal gar nicht anfangen. Also werde ich dafür sorgen, dass mein Mädchen sorgenfreier in die Zukunft blicken kann, ohne vor miesen Killern Angst haben zu müssen. Das verstehst du doch sicherlich?“
„Ich kann das Kopfgeld zurückziehen“, knirschte Taylor.
Connor schüttelte den Kopf.
„Wie vertrauenswürdig du bist, hast du uns ja heute deutlich demonstriert. Sorry. Normalerweise bin ich niemand, der scharf darauf ist, andere Leben auszulöschen. Aber bei dir mache ich eine Ausnahme.“
Er hob die Waffe und setzte sie Taylor auf die Stirn.
„Von letzten Worten hältst du ja nicht viel.“
Der Schuss warf Taylors Körper nach hinten.
Connor stand langsam auf und traf auf die Blicke seiner Partner.
Linus grinste schräg.
„Das sind ja ganz neue Seiten an dir, Streuner. Richtig melodramatisch. Die Kleine hat‘s dir wirklich angetan.“
Connor sparte sich eine Antwort. Die beiden Männer waren keine Freunde. Aber man konnte sich auf sie verlassen. Das war mehr, als so manche Freunde von sich behaupten konnten.
Er betrachtete Taylors Leiche und atmete tief durch. Dies war nicht der erste Tote, den er zu verantworten hatte, doch der Erste, den er bewusst und ohne Reue hingerichtet hatte. Eine Erfahrung, auf die er nicht stolz war. Aber jetzt konnte er zumindest Aurora erzählen, dass sie keine Angst mehr haben musste, gejagt zu werden. Diese Gefahr war gebannt, und das war alles, was zählte.
Linus schlug ihm auf die Schulter, was ihn ein wenig ins Wanken brachte.
„Na komm, Loverboy, lass uns ein paar Leichen einsammeln. Wir müssen hier noch ein wenig aufräumen.“
Sie packten alle Toten, insgesamt waren es zehn, in die Limousine und brachten eine Sprengladung an. Dann verteilten sie im Inneren des Wagens mehrere Liter Benzin.
Connor kehrte zu seinem Auto zurück, während Linus und Luke zu einem zweiten Wagen stiefelten.
Als er am Steuer saß, zog er den Fernzünder hervor und betrachtete ihn nachdenklich. Ein Kapitel war abgeschlossen. Jetzt konnte er sich dem Zweiten zuwenden. Und das würde zweifellos schwieriger sein.
Er startete den Wagen, dann drückte er auf den Fernzünder. Eine laute Explosion ließ den Boden erschüttern und sein Trommelfell schmerzen. Ungerührt trat er aufs Gas. Jetzt musste er erst einmal Bericht erstatten. Der Chief würde hoffentlich zufrieden sein.
Jackson, Mississippi
Raven Nash hockte in ihrem Wohnzimmer auf einem Sessel und ließ die Beine über die Lehne baumeln. Das Erlebnis im Trainingscamp lag jetzt über eine Woche zurück und sie dachte nur noch selten daran. Dafür blieb ihr schlichtweg kaum Zeit.
Anfangs hatte sie darüber nachgegrübelt, was das für Typen gewesen waren. Um harmlose Vertreter handelte es sich bei denen nicht, das hatte sie sofort gewusst und daher beschlossen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Mit der Strategie war sie schon öfters gut gefahren.
Sie war sich nicht einmal sicher, ob die Hunde Schutz geboten hätten.
Die Muskeln und die Pranken der beiden ließen sie eher vermuten, dass sie den Hunden problemlos den Hals umgedreht hätten, und das Risiko wollte sie auf keinen Fall eingehen. Dazu liebte sie die drei zu sehr.
Die zwei Männer waren echt Hardcore gewesen. Ihre Muskeln, aber vor allem ihr Unterleib hatte noch am nächsten Tag geschmerzt, obwohl sie ihr tatsächlich nicht absichtlich wehgetan hatten. Sie waren sogar ausgesprochen vorsichtig gewesen. Doch zwei Männer von diesem Kaliber waren heftig. Es war das erste Mal gewesen, dass sie mit zwei Männern gleichzeitig Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Bisher hatte sie noch nicht einmal über so etwas nachgedacht. Es war ungewöhnlich – aber durchaus erregend gewesen.
Raven war nur froh, dass sie sich ohne Ärger hatte absetzen können. Körperlich hätte sie keine Chance gegen die beiden gehabt. Das war klar.
Sie musste spontan lächeln. Ein bisschen Spaß hatte es schon gemacht.
Vor allem, dass die Kerle sich durch den Kletterparkour gequält hatten, war sehr amüsant gewesen.
Die Hunde wurden unruhig. Sie lagen wie immer im Raum verteilt auf ihren jeweiligen Lieblingsdecken. Jetzt hoben sie den Kopf.
Jazz winselte. Sein schlanker schwarzer Schädel blickte aufmerksam zur Tür.
Raven seufzte. Ganz klar, da stand irgendwer im Flur. Und zwar jemand, den die Hunde nicht unbedingt mochten. Leider kamen da einige Typen in Betracht.
Es nützte nichts. Sie musste öffnen, sonst fing Jazz gleich das Heulen an und sie würde wieder wütende Beschwerden von den anderen Hausbewohnern einkassieren.
Raven stand auf und ging zur Tür. Mit einem Ruck riss sie sie auf und starrte gegen die breite Brust, die sich vor ihr aufbaute.
„Oh shit“, meinte sie nur und sah dann hoch, direkt in bekannte grüne Augen.
„Hallo Raven“, feixte Kian. „Lust auf eine weitere Runde?“
Hinter ihm stand sein Partner und grinste genauso erwartungsvoll.
„Ihr spinnt echt“, meinte sie, trat aber zur Seite. Wenn diese Kerle von ihren Nachbarn gesehen wurden, verlor sie mit Sicherheit die Wohnung.
Schnell schloss sie die Wohnungstür hinter den beiden.
Diese sahen sich nur kurz um und richteten ihre Aufmerksamkeit dann sofort auf sie. Raven erwiderte die Blicke etwas irritiert.
Diesmal wirkte das Outfit der Männer anders – noch bedrohlicher.
Sie trugen Militärhosen und langärmelige Jacken mit verdächtig vielen Taschen. Bei den meisten Männern, die Raven kannte, war das pure Angeberei, doch bei diesen beiden mit Sicherheit nicht. So viel stand fest.
„Was wollt ihr?“, fragte sie langsam.
Reece grinste breit. „Na was wohl? Wir waren schließlich noch nicht fertig miteinander.“
Ja klar, war eine blöde Frage gewesen.
„Und wie bitte schön habt ihr mich gefunden?“
Diesmal antwortete Kian, während er vortrat.
„Das war nicht besonders schwer, Süße. Man muss nur die richtigen Leute kennen.“
Er umfasste ihren Nacken und zog sie an sich. Seine Augen funkelten erregt.
„Wir werden uns diesmal auch mehr Zeit für dich nehmen.“
Wieder stellte Raven fest, dass ihr keine andere Wahl blieb. Ihre Hunde hatten sich schon in die Küche verkrochen, was beängstigend genug war. Normalerweise verteidigten sie ihre Herrin ohne Einschränkung.
Kians Hände zerrten bereits an ihrer Kleidung und Reece zog sich die Jacke aus.
Aus den Augenwinkeln erhaschte sie einen Blick auf zwei breite Brustgürtel, die mit allerlei Waffen gespickt waren. Dann wurde sie von Kian zur Schlafzimmertür gedrängt.
„Meint ihr nicht, dass es angebracht wäre mich erst einmal zu fragen, ob ich überhaupt will?“ Sie stemmte sich gegen seine Brust. Ziemlich erfolglos und er grinste sie breit an.
„Ich kann riechen, dass du willst“, behauptete er.
Mist. Dummerweise hatte er recht. Die Erinnerung an ihr Zusammensein vor einigen Tagen und seine Nähe wirkten äußerst erregend auf sie. Muskeln hatten sie schon immer angetörnt, und davon besaßen diese beiden eine Menge.
„Ihr könntet trotzdem fragen“, ächzte sie, als er sich auf dem Bett über sie schob. Seine Jackentaschen waren eindeutig mit harten Gegenständen gefüllt. „Außerdem tust du mir gerade weh.“
„Sorry.“
Er ließ tatsächlich von ihr ab und zog die Jacke aus. Zwei weitere Waffengürtel und ein T-Shirt später starrte sie auf seine nackte behaarte Brust und schluckte. Sein gesamter Oberkörper, einschließlich der Oberarme waren mit kompliziert verschlungen Tattoos verziert. Diese, in Kombination mit den beeindruckenden Muskeln, waren durchaus sehenswert. Und der andere Kerl sah gemeinerweise genauso aus. Unanständig sexy.
Zwei Hände umfassten von hinten ihren Kopf und Reece küsste sie ungestüm. Kian beschäftigte sich sofort mit ihren tiefer gelegenen Intimbereichen. Und er ließ sich tatsächlich sehr viel Zeit. Sie wand sich keuchend in seinen Händen und an seinem Mund, während Reece sie grinsend festhielt.
„Darin ist er echt gut, nicht wahr?“
Raven schaffte es nicht, zu antworten. Erregung schwemmte alle Worte hinfort.
Die Nacht war lang und anstrengend. Erst in den frühen Morgenstunden ließen sie von ihr ab und erschöpfte Ruhe kehrte ein. Wieder lag sie eingekeilt zwischen ihnen, doch diesmal war sie nicht in der Lage, sich daraus zu befreien. Also fügte sie sich den Gegebenheiten. Sie hatte schon unbequemer geschlafen.
Ihr Schlaf war tief und traumlos. Leider viel zu kurz.
Vier zielstrebige Hände weckten sie.
„Oh mein Gott“, stöhnte sie. „Macht ihr nie ‘ne Pause?“
„Haben wir doch“, grinste Kian. „Aber wir nutzen natürlich jede Minute. Lust auf Morgengymnastik?“
Er wartete die Antwort gar nicht erst ab und schob sich über sie.
Es dauerte länger, bis sie es schaffte, ins Bad zu fliehen.
Während sie unter der Dusche stand, überlegte sie, wie sie die beiden ungefährdet wieder loswerden konnte. Okay, es hatte ihr Spaß gemacht. Aber ihr Körper schmerzte und eine weitere Runde würde sie an diesem Tag nicht unbeschadet durchstehen.
Zu ihrer Erleichterung hockten die zwei angezogen in der Küche, als sie sich wieder herauswagte. Sie hatten die Kaffeemaschine in Betrieb genommen und schamlos den Kühlschrank geplündert. Die Hunde waren ins Wohnzimmer umgezogen.
Kian schob ihr eine Tasse entgegen und zog sie dann auf seinen Schoß.
„Schade, dass wir wegmüssen“, bedauerte er. Immerhin behielt er die Hände dieses Mal bei sich. „Das nächste Mal versuchen wir, uns mehr Zeit zu nehmen.“
Raven hätte sich vor Schreck fast verschluckt, was Reece ein Grinsen entlockte.
„Das ist nicht euer Ernst!“ Sie klang deutlich verärgert. „Erstens bin ich nicht dafür da, ständig für euch die Beine breitzumachen, und zweitens werde ich gerne vorher gefragt!“
„Es hat dir Spaß gemacht“, schnurrte Kian ihr ins Ohr. „Also, wo ist das Problem?“
Sie holte tief Luft.
„Ich bin keine Nutte! Wenn ihr es so nötig habt, dann sucht euch bitte jemand Professionelles. Ich hab‘ echt Wichtigeres zu tun!“
„Dass du keine Hure bist, ist uns schon klar“, grinste Kian. „Leider stehen die meisten von denen nicht so auf uns. Wenn wir auftauchen, gehen die in Deckung.“
„Warum überrascht mich das nicht?“ Raven verdrehte die Augen. „Bei dem Gerümpel, was ihr mit euch herumschleppt, ist das auch kein Wunder.“
„Bei dir hat’s geklappt“, knurrte Reece. Seine Augen funkelten sie auffordernd an.
„Aber auch nur, weil ich Psychopathen gewöhnt bin“, fauchte Raven. „Das heißt aber nicht, dass ich sie mag!“
„Dann müssen wir wohl noch dran arbeiten, dass du uns magst“, lachte Kian und stand auf. Raven landete spontan auf ihren Füßen und schob sich von ihm weg.
„Wie gesagt, wir müssen leider los.“ Er zwinkerte ihr zu und wandte sich der Tür zu. Sein Partner folgte ihm wortlos. Von Abschiedsworten schienen beide nicht viel zu halten.
Als die beiden Riesen verschwunden waren, sank Raven erleichtert auf ihren Sessel und versuchte nachzudenken.
Also gut, so wie es aussah, musste sie damit rechnen, dass die zwei wieder auftauchten. Dumm nur, dass sie nicht wusste wann. Außerdem kannte sie immer noch nicht deren Namen, was höchst ärgerlich war, zumal die über sie Bescheid wussten.
Auf jeden Fall musste sie sich eine Strategie ausdenken, wie sie mit diesen Männern zurechtkommen konnte. Immerhin hatte sie das in ihrem Beruf gelernt und zumindest bis jetzt hatte sie immer das richtige Gespür dafür gehabt.
*
Der Ball krachte mit einem Scheppern gegen den Drahtzaun und versetzte ihn in Schwingungen. Zwei männliche Körper hechteten nach dem Ball und landeten auf dem Beton, was einige lautstarke Flüche zur Folge hatte.
„Hatte ich nicht was davon gesagt, dass Basketball kein Rugby ist?“
Raven stand mit verschränkten Armen vor den jungen Männern, die sich mit finsterer Miene aufrappelten, ohne sich dabei aus den Augen zu lassen.
„Wie wäre es mit einer Partnerübung?“
Beide Gesichter schnellten zu ihr herum und blickten erst überrascht, dann ärgerlich.
„Das ist dämlich, Raven“, meinte der Kleinere schließlich.
„Aber lehrreich“, grinste Raven zurück. „Also, ab in den Liegestütz, Köpfe zueinander und nach jedem Stütz abwechselnd rechts und links abklatschen. Rücken gerade halten, Hüfte nicht eindrehen. Zwanzig Stück klingt doch erstmal gut.“
Beide stöhnten auf, während von der Seite schadenfrohe Kommentare kamen.
Raven sah zu den anderen sechs jungen Männern, die vor dem Basketballkorb standen und die Pause nutzten, um nach Luft zu schnappen. Alle waren zwischen sechzehn und neunzehn Jahre alt. Nur drei trugen Hosen und Schuhe, die nach Sport aussahen. Der Rest hatte normale Straßenklamotten an, die zum Teil ziemlich abgerissen waren.
„Ihr könnt gerne mitmachen“, schlug Raven vor. „Oder ihr beschäftigt euch jetzt mit den Korbwürfen.“
„Können wir nicht mal ‘ne Pause machen?“, nölte einer, allerdings nicht besonders laut.
„Wollt ihr das Spiel gegen die Heroes gewinnen, oder euch von denen die Hosen runterziehen lassen?“, fragte Raven freundlich. Das überzeugte.
Während die beiden Streithähne ächzend auf dem Betonboden ihre Liegestützen absolvierten, versuchten die restlichen Jungen, den Korb zu treffen. Der Erfolg war bescheiden, doch nach ein paar Kommentaren und Tipps von Raven kam es einige Male zu begeistertem Grölen.
Als die beiden Kontrahenten sich schwitzend erhoben, traten sie zu Raven.
„Äh, Raven, wer sind die Typen dahinten? Hast du Ärger oder sowas?“
Sie drehte sich um und betrachtete die zwei Männer, die lässig neben ihren Hunden an der Wand lehnten und die Aktivitäten grinsend verfolgten.
„Oh shit“, murmelte sie. „Die haben mir gerade noch gefehlt.“
Sie wandte sich wieder den Jungen zu.
„Nicht trödeln“, forderte sie auf. „Eine Viertelstunde haben wir noch. Also Action bitte. Dino, du drehst ein paar Runden auf dem Platz. Luc, Axel und Tommy, ihr seid mit Liegestützen dran und ihr drei beschäftigt euch mit Kniebeugen. Leslie, wir beide üben nochmal das Korbwerfen aus der Entfernung.“
Sie versuchte bewusst, die beiden Zuschauer zu ignorieren, und es funktionierte leidlich gut.
Nach einer Viertelstunde erlöste sie die Jungen und erinnerte sie noch einmal daran, dass sie ihr Training zu Hause dringend weiterführen sollten, um sich nicht allzu sehr zu blamieren. Dann erst drehte sie sich um und sah zu den beiden Männern, die sich sofort auf sie zu bewegten.
„Glaubst du ernsthaft, dass die sich an deine Ratschläge halten?“, grinste Kian.
Raven hob die Schultern.
„Ich hab‘ ihnen gesagt, wenn sie auf mich hören, werden sie gewinnen. Wenn nicht, haushoch untergehen. – Ne, zumindest die Hälfte wird frühestens in drei Tagen wieder was tun, aber die andern – vielleicht. Immerhin wollen sie gewinnen, das ist schon mal ein Anfang.“
Sie nahmen Raven in die Mitte, während sie durch die Straßen marschierten. Die drei Hunde folgten mit hängenden Schwänzen. Anscheinend waren sie zu dem Schluss gekommen, dass sie die beiden Männer wohl oder übel ertragen mussten.
Das Viertel war eines von den nicht so freundlichen Wohngegenden. Dunkle Ecken, heruntergekommene Häuser, vermüllte Straßen und Bürgersteige. Die meisten Leute, die ihnen entgegenkamen, machten einen großen Bogen um sie.
Raven konnte es niemandem verdenken. Die beiden Männer trugen wieder ihr „gefährliches“ Outfit und wirkten alles andere als harmlos.
„Was sind das für Kids?“, fragte Kian.
„Die meisten sind Kleinkriminelle, die Sozialstunden aufgebrummt bekommen haben. Zwei sind frisch aus dem Jugendknast und sollen resozialisiert werden.“
Reece schnaufte skeptisch.
„Und das funktioniert mit Basketball?“
„Na ja, immerhin lernen sie ein bisschen was von Teamwork, sozialem Umgangston und Termine wahrzunehmen. Außerdem hat keiner von denen bisher in irgendeiner Weise Sport getrieben. Einige haben schon angebissen.“ Raven grinste zufrieden. „Zumindest haben sie festgestellt, dass man sich dabei gut abreagieren kann. – Wie habt ihr mich denn jetzt wieder gefunden?“
„Wir haben gute Nasen“, lächelte Kian und schob sie in eine Nebenstraße.
Es war eine Sackgasse, vollgerümpelt mit Mülltonnen und abgestelltem Sperrmüll. Sie zogen Raven bis nach ganz hinten und verloren keine Zeit. Wie ausgehungert fielen sie über die junge Frau her. Selbst das Ausziehen sparten sie sich. Trotzdem war Raven hinterher ziemlich außer Atem.
Kian beendete das Ganze, indem er sie an sich zog und küsste.
„Wirklich ärgerlich, dass wir so wenig Zeit für dich aufbringen können“, lächelte er und schob die Hände unter ihr Shirt. Reece drückte seinen Unterleib von hinten gegen sie. Er hatte immer noch einen gewaltigen Ständer. Sie versuchte, ihn zu ignorieren, was angesichts seiner Größe kaum möglich war.
„Pack das Ding weg“, herrschte sie ihn schließlich an. „Es reicht. Ihr seid echt nicht ganz dicht. Das war das erste und letzte Mal auf einer Müllhalde! Außerdem will ich jetzt endlich wissen, wer ihr überhaupt seid. Woher ihr kommt, was ihr so treibt und so weiter und so fort!“
Reece grinste, schloss aber zu ihrer Erleichterung die Hose. Kian folgte seinem Beispiel.
„Ich bin Kian, das ist Reece. Wir arbeiten zufällig hier in der Gegend. Zumindest im Moment.“
Sie schob seine Hände zur Seite und versuchte Abstand zu gewinnen, was sie aber nicht zuließen. Immer noch stand sie eingekeilt zwischen ihnen.
„Und was arbeitet ihr so?“
„Das willst du nicht wirklich wissen“, grinste Reece. „Aber keine Sorge, wir sind die Guten.“
„Das versteckt ihr aber hervorragend“, entgegnete Raven mit einem sarkastischen Unterton.
Kian lachte.
„Man tut, was man kann. Na komm, wir bringen dich heim.“
„Das werdet ihr schön bleiben lassen“, wehrte Raven ab. „Wenn ihr bei mir auftaucht, bin ich ruckzuck meine Wohnung los. Darauf bin ich nicht scharf. Die ist nämlich schön billig.“
„Deswegen sind wir ja hierhergekommen.“ Kian küsste sie wieder. „Aber keine Sorge, wir versuchen unsichtbar zu bleiben.“
Das sollte wohl ein Witz sein.
„Haha“, machte Raven und schob erneut seine Hände von sich.
„Ich geh allein“, beharrte sie. „Und falls es jemals ein weiteres Mal geben sollte, dann lasst meine Hunde in Ruhe. Die sind jedes Mal total verstört.“
Diesmal griff Reece wieder nach ihr und presste sein Gesicht gegen ihren Hals.
„Es wird mit jedem Mal besser“, behauptete er und fasste ihr zwischen die Beine.
„Jetzt langt’s wirklich“, fauchte Raven und wand sich los. „Ich dachte, ihr hättet keine Zeit mehr. Dann verschwindet jetzt!“
„Kein Problem, Schätzchen“, lachte Kian. „Bis dann mal wieder.“
Sie sah den beiden erleichtert nach. Für einen Moment kam ihr der Gedanke, vielleicht doch umzuziehen. Sie verwarf ihn jedoch gleich wieder. Wenn die sie einmal gefunden hatten, würden sie es wohl auch ein zweites Mal schaffen.
Doch wenn die Kerle jetzt jede Woche bei ihr auftauchten, konnte das ein Problem werden.
Jackson, Mississippi
Das Gebäude war hoch und lag etwas abgelegen im Dunkeln, am Rand des Industrieviertels von Jackson Mississippi. Nur zwei Straßenlaternen spendeten schummriges Licht in der Nähe des Eingangs.
Zwanzig Meter entfernt parkte ein schwarzer verbeulter Van, der aussah, als hätte er die besten Jahre schon lange hinter sich.
„Das ist doch echt zum Kotzen“, knurrte Liam Nolten und senkte das Nachtsichtgerät. „Wer zum Teufel baut Fabrikhallen mit nur zwei Eingängen?“
„Sparsame Menschen“, schlug Kian vor und tippte gegen den Monitor, auf dem der Lageplan der Halle abgebildet war. „Das Rolltor können wir vergessen. Bis wir das aufgehebelt haben, sind die gewarnt. Bleibt nur die Personaltür, aber die ist voll verkabelt. Unser Informant meint, dass sie nur von innen zu öffnen ist, wenn man Alarme vermeiden will. Es sei denn wir treiben noch einen Spezialisten auf.“
„Ich bin für die laute Art“, knurrte Reece von hinten. „Die Kerle müssen wir so oder so erledigen.“
„Da spricht mal wieder unser Mann fürs Grobe“, spöttelte Kian.
„Was ist mit dem Fenster ganz oben?“, kam von hinten die Frage.
„Dafür bräuchten wir ein Eichhörnchen“, knurrte Liam. „Erstens eins, das Klettern kann, und zweitens eins, das auch noch schmal genug ist, sich dadurch zu quetschen.“
Kian griff nach dem Nachtsichtgerät und spähte zu dem kleinen Fenster, das in etwa acht Metern Höhe offenstand.
„Hm, und wenn ich dir ein Eichhörnchen besorge?“
Liam sah ihn mit gerunzelter Stirn von der Seite an.
„Und wer soll das bitte schön sein?“
Reece fing an zu lachen.
„Im Ernst? Raven? Glaubst du nicht, dass sie dir eher die Augen auskratzt?“
„Quatsch. Schaffen könnte sie es jedenfalls.“
„Wer ist Raven?“, hakte Liam nach.
„Eine Sozialarbeiterin hier aus der Gegend. Sie betreut Straßenkids und ist nebenbei echt gut in Form.“
„Und seit wann kennt ihr sie?“
„Hm, seit ungefähr zwei Monaten. Vielleicht ist sie dir mal aufgefallen. Sie rennt immer mit drei Riesenkötern durch die Gegend.“
Liam nickte langsam. „Ich erinnere mich. – Na gut, wir haben nicht viele andere Möglichkeiten. Wie schnell kannst du sie herbringen?“
„Halbe Stunde.“
„Na dann, schieb ab!“
Kian kletterte aus dem Van und joggte los. Zwei Blocks weiter sprang er in einen Wagen und gab Gas.
*
Raven schreckte hoch und lauschte.
Jazz winselte leise. Mittlerweile konnte sie diesen Tonfall einordnen. Mit einem unterdrückten Fluch kletterte sie aus dem Bett und prallte im Wohnzimmer gegen Kian, der sie sofort herumdrehte und zurückschob.
„Zieh dir was an“, befahl er. „Ich hab‘ ‘nen Job für dich.“
Raven war so verdutzt, dass sie tat, was er verlangte. Bisher war das Kommando immer Ausziehen gewesen. Diese Variante war neu.
„Was für ein Job?“
Hastig zog sie sich die Jeans über und schlüpfte in ihre Turnschuhe.
„Eichhörnchen spielen.“
Sie konnte sein Grinsen geradezu hören.
„Wie wäre es mit Einzelheiten?“
„Später.“
Sie hatte das T-Shirt kaum an, als er sie auch schon nach draußen schob.
„Die Köter bleiben hier“, bestimmte er.
„Aber ...“
„Die stören nur.“
Raven blieb stehen und stemmte sich gegen ihn.
„Sie kommen mit“, fauchte sie. „Sie sind immer bei mir und das wird heute nicht anders sein. Also entweder wir vier oder gar nicht.“
Kian stieß ein ärgerliches Knurren aus, das sie zusammenzucken ließ. Hades, ihr größter Hund, hätte es nicht besser hinbekommen.
„Wenn einer von denen auch nur einen Laut von sich gibt, dreh ich ihm den Hals um“, drohte er und zerrte sie wieder weiter.
„Meine Jungs sind gut erzogen! Besser als ihr!“
Sie verfrachtete die Hunde auf den Rücksitz, was Kian zu einer weiteren Unmutsäußerung brachte. Sie ignorierte das einfach und kletterte auf den Beifahrersitz.
Eine Viertelstunde später stand Raven vor dem Van und fragte sich ernsthaft, wieso sie sich hatte mitnehmen lassen.
„Die Köter passen da nicht rein“, knurrte Kian ihr von hinten ins Ohr. „Also sorg dafür, dass sie hier draußen still sind!“
Raven führte die Hunde hinter den Van und ließ sie ablegen. Dann trat sie zu Kian, der sie sofort in den Wagen schob. Am liebsten wäre sie gleich wieder rückwärts hinausgesprungen, doch das verhinderte Kians Gestalt.
Im Laderaum drängten sich drei weitere Männer um einen Monitor. Das Licht war diffus. Reece grinste ihr breit entgegen, was sie nicht unbedingt beruhigte. Die beiden fremden Männer waren eindeutig von der Sorte wie Kian und Reece: Gleiche Gestalt, ähnliches Outfit und genauso furchteinflößend.
Sie murmelte eine leise Verwünschung. Das konnte ja heiter werden.
Einer der fremden Männer trat auf sie zu und betrachtete sie von oben herab mit einem skeptischen Gesichtsausdruck.
„Und du meinst, du schaffst das?“
„Da ich noch nicht weiß, was ich hier überhaupt soll, kann ich das nicht beantworten“, erwiderte Raven vorsichtig. „Ich kann aber gerne wieder gehen.“
Sie drehte sich um und prallte gegen Kians Brust, der sich direkt hinter ihr aufgebaut hatte.
„Hey“, grinste er. „Keine Sorge, Liam frisst keine kleinen Mädchen.“
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und zog sie zurück. Der Kerl schubste sie zum Fenster und drückte ihr ein Nachtsichtgerät in die Hand.
„Oben links!“
Raven beschloss, lieber erst einmal mitzuspielen, und hob das Gerät an die Augen.
„Au Mann“, murmelte sie dann. „Höher gehts wohl nicht?“
Sie senkte das Glas. „Ihr wollt, dass ich da einbreche?“
„So siehts wohl aus“, knurrte Liam ihr ins Ohr. Sie holte tief Luft.
„Also, prinzipiell halte ich mich von kriminellen Tätigkeiten lieber fern“, wandte sie vorsichtig ein. „Und bevor ich Zeuge von sowas werde, verschwinde ich doch besser.“
Die Hand lag immer noch schwer auf ihr.
„Da drin befinden sich zurzeit etwa zehn Waffendealer.“
Seine Stimme klang nicht freundlich, aber immerhin auch nicht bösartig.
„Wir haben den Auftrag sie auszuheben und das werden wir heute Nacht tun. Entscheidend ist das Wie. Wir können’s auf die laute Tour machen und das endet mit zehn Toten, oder auf die leise, was die Todeszahl möglicherweise reduziert. Deine Entscheidung.“
Das war echt die Höhe! Er schob ihr die Verantwortung für Tote zu?
„Soll das ein Witz sein“, fauchte sie und versuchte, seine Hand abzuschütteln, was ihr leider nicht gelang. Es tat nur weh, da der Griff sich verstärkte.
Wütend sah sie zu Kian, der sie immer noch angrinste.
„Nimm’s als sportliche Herausforderung“, schlug er vor. „Nach dem Motto schnell und leise. Wenn’s schief geht, kümmer ich mich auch um deine Köter.“
„Arschloch!“, blitzte sie ihn an. „Au verdammt. Lass mich los!“
Immer noch hielt dieser Liam sie fest und ließ sich von ihrem Ärger nicht beeindrucken.
„Du kletterst da oben rein und versuchst unbemerkt zum Personaleingang zu schleichen. Roland wird dich lotsen. Dann öffnest du die Tür und lässt uns rein.“
Es gefiel Raven ganz und gar nicht, dass diese Männer schon von ihrer Mithilfe ausgingen.
„Und – und wenn die mich bemerken?“
„Dann solltest du die Beine in die Hand nehmen und hoffen, dass wir rechtzeitig da sind“, grinste Reece.
Raven murmelte wieder einen leisen Fluch, was bei den Männern eher für Erheiterung sorgte.
Sie hob das Nachtsichtgerät erneut an die Augen und sah sich die Wand genauer an. Viel Halt bot sie nicht, doch das Mauerwerk wirkte bröselig und zeigte eine Menge Risse und Löcher.
„Ich brauch dann aber jemanden, der mich hochschubst“, meinte sie.
„Kein Problem“, grinste Kian. „Du weißt, ich bin für jede Stellung zu haben.“
„Blödmann!“
Liam löste seine Hand von ihrer Schulter und hielt ihr einen Ohrstecker, ein Kabel und ein und eine Kneifzange hin.
„Gib dein Handy Roland und leg das an. Wenn du drin bist, kann Roland dir erklären, wo du lang musst. Er wird immer wissen, wo du bist.“
Sie schielte zu dem Typen am Bildschirm, der sie ebenfalls angrinste und ihr auffordernd die Hand hinstreckte. Er wirkte keinen Deut vertrauenerweckender als seine Kollegen.
„Na, da bin ich ja erleichtert“, murmelte sie. Etwas umständlich fummelte sie sich den Ohrstecker ins Ohr und steckte sich die Zange in die hintere Hosentasche, während sie diesen Roland misstrauisch beobachtete, wie er mit ihrem Handy herumhantierte. Minuten später reichte er es ihr zurück und half ihr dabei, sich zu verkabeln. Nach einem kurzen Soundcheck atmete sie tief durch. Dann folgte sie Kian nach draußen.
Er führte sie über Umwege bis unters Fenster, um so diversen Kameras auszuweichen.
Raven blickte mit einem flauen Gefühl die Wand hinauf. Acht Meter konnten ganz schön hoch sein. Ihr Blick glitt suchend hin und her. Dann trat sie an eine Stelle und versuchte die Hände zu lockern. Es war länger her, dass sie Freeclimbing trainiert hatte. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Finger sie nicht im Stich ließen.
„Es wäre nett, wenn du hier stehen bleibst und mich notfalls auffängst“, murmelte sie. Kian packte sie unter den Armen und drückte einen Kuss auf ihren Nacken.
„Keine Sorge, Süße. Ich pass auf dich auf.“
Dann hob er sie mit Schwung hoch, so dass sie auf seinen Schultern zu stehen kam.
Drei Meter waren damit schon mal locker geschafft. Sie fixierte eine Stelle in der Mauer und stieß sich ab.
Raven brauchte etwa zwei Minuten, bis sie sich durch das enge Fenster schieben konnte. Ihre Finger waren aufgescheuert und brannten wie Feuer. Sie sparte sich diverse Flüche. Die Sorge entdeckt zu werden, war viel zu groß.
„Alles klar, Süße?“, klang Rolands Stimme an ihr Ohr.
„Soweit erstmal ja“, murmelte sie.
„Okay, dann beweg dich vorwärts. Nach ein paar Metern müsstest du auf eine Treppe stoßen.“
Er dirigierte sie sicher und ohne zu zögern durch die Räumlichkeiten. Leise Stimmen waren im Hintergrund zu hören. Ab und zu das Klirren von Metall. Raven wagte kaum, zu atmen, als sie sich vorsichtig eine Leiter hinunterließ und zu der Eingangstür schlich.
„Keine Sorge, Süße“, schnarrte ihr Führer. „Da ist niemand. Die sind alle hinten. Also leg ‘nen Zahn zu.“
Sie verkniff sich einen Kommentar. Die Tür sah normal aus, allerdings hingen einige Drähte und Kontakte daran fest. Leise beschrieb sie, was sie sah.
Immerhin, seine Anweisungen waren exakt. Er schien zu wissen, was zu tun war.
Also knipste sie gehorsam alle Drähte weg und versuchte, sich nicht zu vertun. Schließlich atmete sie tief ein und öffnete vorsichtig die Tür. Zu ihrer Erleichterung ertönte kein Alarmton. Dafür schoben sich sofort mehrere Körper zu ihr herein. Sie blinzelte irritiert. Das waren mindestens fünf Kerle. Wie viele gab es denn noch von denen?
„Verschwinde, geh zu Roland“, befahl Liam ihr leise im Vorbeigehen.
