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Japan, 1911 – ein Land der leisen Gesten, der kunstvollen Bewegungen, der nächtlichen Teehausstraßen und der geheimnisvollen Tänze. Bernhard Kellermann nimmt die Leser mit auf eine sinnliche, atmosphärisch dichte Reise in die Welt der Geishas, Maikos und traditionellen Tänze. In poetischen Bildern schildert er die Straßen Miyazus, die flackernden Papierlampen, die Musik der Samisen und die uralten Geschichten, die durch Tanz lebendig werden – von der tragischen Liebe der Yaengiri bis zur mythischen Lichtgöttin Amaterasu. Kellermann beobachtet mit feinem, fast ethnografischem Blick und zugleich mit literarischem Zauber. Sein Text öffnet ein Fenster in eine fremde, faszinierende Welt, die Anfang des 20. Jahrhunderts noch kaum ein europäisches Publikum kannte. Sassa yo yassa ist ein seltenes kulturhistorisches Dokument – eine Einladung, Japan mit den Augen eines Reisenden zu entdecken, der staunen kann.
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Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2025
Bernhard Kellermann
Sassa yo yassa
Japanische Tänze
ISBN 978-3-68912-613-1 (E-Book)
Vierte Auflage Paul Cassirer, Berlin 1922, erstmals erschienen: 1911
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Es ist Abend. Ich trete durch eine meiner drei offenen Zimmerwände ins Freie und atme die feuchte, duftende Luft ein. Der Himmel ist tiefblau, die blühenden Büsche beginnen im Mondlicht blasse Schatten zu werfen, die Zikaden schrillen und feilen, und weit draußen in der Bai glitzert die Welle. Der Abend ist schön und erweckt in mir die Lust, zu den Tänzerinnen zu gehen.
Ich lade Nao-san ein, den jungen Wirt des Gasthofs, und den Großvater, die kleinen trippelnden Mägde machen unser Boot zurecht, und wir stoßen ab.
Unsere Gunka ist wohnlich eingerichtet, wir haben Kissen und Matten, Teegeschirr und einen kleinen Feuertopf; selbst für eine halbe Stunde wollen wir nicht unsere Lebensweise unterbrechen. Vor der Matte steht unser Schuhwerk in einer genauen Reihe, zwei Paar Getas und meine Schuhe, und auf der Matte selbst kauern wir. Nao-san, der „Starke, Aufrechte“, wärmt sich die Fingerspitzen am Feuertopf und wechselt dann und wann lächelnd ein Wort mit mir, der Großvater Kin-be Araki, der „Wächter des Goldes des Waldes“, blickt zur blassen Mondsichel empor. Da sitzt er, die Hände in die Ärmel zurückgezogen, wie die Japaner es tun, um die Arme ausruhen zu lassen, und blickt hinauf zum o tzuki sama, dem erhabenen Mond, und die Haltung seines geschorenen Kopfes, die Linie des Nackens, die Ruhe seiner Pose, alles verrät den Meister im Betrachten und die Übung eines Lebens im Hinsehen.
Im Stern des Bootes steht unser kupfern-roter Bootsmann auf einer erhöhten Planke und handhabt sein langes Ruder, das sich knarrend um einen Zapfen dreht. Das Boot ist leicht, flach, mit einem langen, über der Wasserfläche liegenden Schnabel, und schaukelt sich langsam vorwärts. Als Schiffslaterne haben wir eine Papierlampe.
Das schlafende Städtchen zieht langsam vorüber. Alles ist fremd hier, die Silhouetten der Häuser und Bäume und der zusammengerückten, steilen Hügel. Es ist still, nur unser Ruder knarrt, und zuweilen begegnet uns eine Gunka mit Fischern; sie knarrt heran, knarrt vorbei, und wir hören sie noch knarren, wenn sie unseren Blicken längst entschwunden ist. Das Meer leuchtet. Das Ruder wühlt in Feuer, glühende Funken sprühen am Schnabel des Bootes empor, und wenn ich die Hand in das warme Wasser tauche, so erscheint sie wie eine funkelnde Geisterhand. Aoi-hi nennen die Japaner das Meerleuchten – das grüne Feuer.
Wir legen an, lautlos, und lautlos schreiten wir durch schlafende, totenstille Gassen.
Plötzlich aber wird es tageshell, Lärm, Lachen, Gesang: die Teehausstraße! Hunderte von Papierlampen mit ihren samtschwarzen Ideogrammen schimmern in der heißen Nacht, die Menge wimmelt, die ganze Straße fiebert vom Anfang bis zum Ende. Die Holzschuhe klappern und klingen, das Klimpern der Samisen und der wirkliche Gesang der Sängerinnen dringt aus den Teehäusern, aus dem Theater tönt der wirre Lärm der Tragödie, Schreie, Beifall, aus den Badehäusern steigen Dampfwolken und klingt das Lachen von Männern und Frauen. Händler, den fliegenden Laden an einer Stange auf der Schulter, bahnen sich den Weg durchs Gewimmel und rufen singend ihre Waren aus, die Kuchenbäcker gießen den Teig über das Backblech, dass es zischt und knattert, und backen blitzschnell ein Heer der unglaublichsten Kuchen, die wie Seife aussehen und wie Zahnpulver schmecken. Ein halb nackter, schwarz-brauner Eishobler hobelt in einer Ecke im Schweiße seines Angesichts Eis. Die braunen Söhne Japans drängen sich an die Holzgitter, hinter denen die Sehnsucht ihrer Wünsche kauert – geputzte Mädchen mit weißen Zähnen und schwarzen Pechaugen. Chaya reiht sich an Chaya, da liegen sie alle und locken: Kai-gan-ro, Die Seebucht, Gui-ka-ro, Trunken von Blumen, Nichi-ei-ro, Jeden Tag in Blüte, Asahi-ro, Morgensonne, und wie sie sonst heißen mögen. Ai-to- ka-ro, Du erwartest sie zu sehen? ist der Name eines Teehauses in Maizuru, mit dem es von General Ito getauft wurde; denn es ist Sitte, die schmeichelhaften Bezeichnungen hoher Gäste zu adoptieren. Diese Chayas sind Teehäuser, Tanzhäuser und Freudenhäuser, und in allen ist auf Wunsch alles zu haben, sie alle sind Stätten der Lust, Schönheit und Jugend.
Jeden Abend zünden sie ihre geheimnisvollen Lampen an, und in jeder Nacht fiebert die Teehausstraße in all den tausend Städten Japans wie heute. Denn sie ist der heiße, trunkene Traum einer jeden schlafenden japanischen Stadt.
Unser Teehaus aber heißt Yamanaka, das Innere des Berges, und liegt am Ende der Straße.
Yamanakas Lampen brennen, das Innere des Berges aber liegt noch still und dunkel, und unser Eintritt vermag es nicht zu erwecken.
Im finstern Vorraum kauert ein Schatten, der Teehausbesitzer, vor seinem Kohlenbecken, die ewige Pfeife im Mund. Wir grüßen leise im Vorbeigehen, aber der Schatten antwortet nicht. Er verneigt sich nur und lässt jenes leise Schlürfen hören, das durch das Einziehen des Speichels entsteht und die äußerste Höflichkeit und Ergebenheit ausdrückt. Eine kleine Magd schlüpft aus der Dunkelheit und trippelt vor uns her. Wir gehen an einem anmutigen Hausgärtchen voller Spielereien vorbei, legen die Schuhe ab und klettern eine schmale, steile, glatte Treppe ohne Geländer empor in das obere Stockwerk.
Die Räume hier oben sind vollkommen leer und Matten und Holzwerk so glatt und neu, als habe niemand vorher sie betreten. Die Magd schiebt die soshis beiseite, so dass aus zwei Zimmern ein einziges großes Gemach entsteht, sie entnimmt einem Wandschrank Kissen und legt sie auf die Matten, für mich bringt sie noch ein kleines Bänkchen aus poliertem Holz, auf das der erhabene Gast seinen Arm stützen kann. Wie gewöhnlich zwingt mich die hartnäckige Höflichkeit meiner Begleiter, den Ehrenplatz einzunehmen, d. h. jenen Platz, der dem in der Nische hängenden Kakemono am nächsten ist. Wir kauern uns nieder und schweigen.
Yamanaka aber beginnt zu erwachen!
Scharen kleiner brauner Mägde trippeln ein und aus. Sie bringen Lampen, Kohlenurnen, in denen wir unsere Pfeifen und Zigaretten anzünden können, ein kleines Tischchen aus Lack, eine Spanne hoch, Väschen mit Sake, Schalen und Schälchen, Apfelschnitze und Zahnstocher, Orangen, Eier, geröstete kleine Kuchen, die wie Baumrinde aussehen und genau so schmecken, und hundert andere Kleinigkeiten. Dann sind wir wieder allein und warten.
Ich stehe auf und betrachte mir das Kakemono in der Nische, das einen der sieben Glücksgötter darstellt, ich sehe mir im Nebenzimmer eine Malerei an: der Aufzug eines Daimyos mit Feldzeichen, Rittern, Kasten und Sänften, eine wunderbare alte Arbeit. Dann setze ich mich wieder.
Es ist heiß und still, draußen in der Bai knarren die Ruder, der wirre Lärm der Teehausstraße dringt zu uns herauf.
Nao-san klopft eine Pfeife aus und beginnt, allezeit bemüht aufmerksam und belehrend zu sein, zu sprechen:
„In den meisten Teehäusern befindet sich eine Katze, eine Katze aus Holz geschnitzt“, sagt er und schließt mit einem Lächeln, das meine Neugierde herausfordern muss.
„Weshalb?“, frage ich.
„Sie soll die Gäste anlocken. Sie macht die Bewegung des Winkens mit der Pfote. Sie wird sehr hoch geschätzt und sogar angebetet.“
Und er erzählt mir eine kleine Geschichte, die ich hier anfügen will, da wir doch noch etwas warten müssen, bis die Tänzerinnen sich geschmückt haben oder aus der Nachbarschaft herbeigerufen werden.
„In einer Stadt befanden sich zwei Kuchenbäckereien, die eine beschäftigte fünf Gehilfen und die andere machte gar kein Geschäft, so wie es immer ist. Zufällig nun kam aber der berühmte Bildschnitzer Hidari Jingoro in diese Stadt und trat in den armen Kuchenladen. Er bestellte mochi, aß und fragte: „Warum geht Ihr Laden so schlecht?“
Die Besitzerin antwortete: „Früher blühte mein Geschäft, aber seitdem mein Mann tot ist, hat mich die Kundschaft verlassen und begünstigt den anderen Kuchenbäcker. Er wird reicher und reicher, und ich werde täglich ärmer. Ach!“ Darauf entgegnete Hidari Jingoro: „Ich will deinen Laden berühmt machen.“
Er verlangte ein Stück Holz, und ehe die Frau sich umdrehte, hatte er auch schon eine kleine Katze daraus geschnitzt Er übergab sie der Witwe und sagte: „Nimm die Katze und dein Geschäft wird blühen!“
Hierauf bezahlte er seine Kuchen und legte das Geld vor die Katze.
Sobald aber diese Katze das Geld erblickte, ergriff sie es augenblicklich und legte es in den Geldkasten.
