Schottische Engel, Schottische Disteln & Das Leuchten der schottischen Wälder - Christa Canetta - E-Book

Schottische Engel, Schottische Disteln & Das Leuchten der schottischen Wälder E-Book

Christa Canetta

0,0

Beschreibung

Große Gefühle in den schottischen Highlands auf über 1.000 Seiten SCHOTTISCHE ENGEL: Mary ist fest entschlossen, ihren Traumjob in einem Kunstmuseum in Edinburgh zu ergattern – doch dafür muss sie bei einer Auktion eine wertvolle Skulptur ersteigern. Auf dem Weg durch die Highlands wird sie allerdings in einen Unfall verwickelt – ausgerechnet mit David McClay, dem reichen Erben eines schottischen Adelsgeschlechts … SCHOTTISCHE DISTELN: Ryan McGregor gehört zu den reichsten Männern Schottlands – und wünscht sich doch nichts anderes als ein ganz normales Leben. Deshalb bricht er Jahr für Jahr mit seiner Schafherde auf, um als einfacher Mann durch die durch die raue Schönheit der schottischen Berge zu ziehen. Doch als er dabei der deutschen Fotografin Andrea begegnet, steht sein Leben plötzlich Kopf … DAS LEUCHTEN DER SCHOTTISCHEN WÄLDER: Als die junge Ärztin Lena Mackingtosh nach einem schweren Schicksalsschlag in die kleine Gemeinde Broadfield zurückkehrt, ist sie fest entschlossen, die Arztpraxis ihres Vaters zu übernehmen. Doch obwohl sie hier geboren wurde, behandelt man die »Städterin« wie eine Fremde. Nur zu dem wortkargen Ranger Patrick MacDoneral spürt Lena eine tiefe Verbindung …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 1254

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch:

SCHOTTISCHE ENGEL: Mary ist fest entschlossen, ihren Traumjob in einem Kunstmuseum in Edinburgh zu ergattern – doch dafür muss sie bei einer Auktion eine wertvolle Skulptur ersteigern. Auf dem Weg durch die Highlands wird sie allerdings in einen Unfall verwickelt – ausgerechnet mit David McClay, dem reichen Erben eines schottischen Adelsgeschlechts …

SCHOTTISCHE DISTELN: Ryan McGregor gehört zu den reichsten Männern Schottlands – und wünscht sich doch nichts anderes als ein ganz normales Leben. Deshalb bricht er Jahr für Jahr mit seiner Schafherde auf, um als einfacher Mann durch die durch die raue Schönheit der schottischen Berge zu ziehen. Doch als er dabei der deutschen Fotografin Andrea begegnet, steht sein Leben plötzlich Kopf …

DAS LEUCHTEN DER SCHOTTISCHEN WÄLDER: Als die junge Ärztin Lena Mackingtosh nach einem schweren Schicksalsschlag in die kleine Gemeinde Broadfield zurückkehrt, ist sie fest entschlossen, die Arztpraxis ihres Vaters zu übernehmen. Doch obwohl sie hier geboren wurde, behandelt man die »Städterin« wie eine Fremde. Nur zu dem wortkargen Ranger Patrick MacDoneral spürt Lena eine tiefe Verbindung …

Über die Autorin:

Christa Canetta ist das Pseudonym der deutschen Journalistin und Autorin Christa Kanitz (1928 – 2015). Sie studierte Psychologie und lebte in der Schweiz und Italien, bis sie sich in Hamburg niederließ. Sie arbeitete für den Südwestfunk und bei den Lübecker Nachrichten; 2001 begann sie in einem Alter, in dem die meisten Menschen über den Ruhestand nachdenken, mit großem Erfolg, Liebesromane und historische Romane zu schreiben.

Christa Kanitz veröffentlichte bei dotbooks auch ihre Romane »Die Liebe der Kaffeehändlerin«, »Violas Traum« und die Trilogie »Die Venezianerin«, »Die Tochter der Venezianerin« und »Das Vermächtnis der Venezianerin«.

Unter ihrem Pseudonym Christa Canetta veröffentlichte sie bei dotbooks die Liebesromane »Eine Liebe in Frankreich«, »Die Heideärztin« und »Die Heideärztin unter dem Kreuz des Südens«.

Ebenfalls bei dotbooks erschienen die Romane »Jenseits der Grillenbäume« und »Im Land der roten Erde« aus dem Nachlass von Christa Kanitz: Zwei unvollendete Romane, denen ihre Töchter – darunter die erfolgreiche Autorin Brigitte D’Orazio – gemeinsam den letzten Schliff verliehen und die nun unter dem Namen von Christa Kanitz‘ Enkeltochter Virginia veröffentlicht wurden.

***

Sammelband-Originalausgabe September 2024

Copyright © der Sammelband-Originalausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

SCHOTTISCHE ENGEL: Copyright © der Originalausgabe 2007 Moments in der area verlag GmbH, Erftstadt; Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

SCHOTTISCHE DISTELN: Copyright © der Originalausgabe 2005 Moments in der area verlag GmbH, Erftstadt; Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

DAS LEUCHTEN DER SCHOTTISCHEN WÄLDER: Copyright © der Originalausgabe 2013 dotbooks GmbH, München; Redaktion: Sabine Thiele

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: dotbooks GmbH

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (lj)

ISBN 978-3-98952-375-3

***

dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Christa Canetta

Schottische Engel, Schottische Disteln & Das Leuchten der schottischen Wälder

Drei Romane in einem eBook

dotbooks.

Schottische Engel

Eine dramatische Rettung in letzter Sekunde, die zwei Leben verändern wird … David McClay, Lord eines schottischen Adelsgeschlechts, wird auf dem Weg zu seinem Landsitz in einen Unfall verwickelt. Im letzten Moment kann er die schöne Mary Ashton vor dem Ertrinken bewahren – und bietet ihr an, sich im idyllischen »Lone House« von ihren Schock zu erholen. Doch Mary muss an einer Auktion teilnehmen, denn sonst verliert sie ihren Traumjob im Kunstmuseum von Edinburgh! David will sie vertreten – und kehrt mir leeren Händen zurück: ein unbekannter Bieter hat sich die Engelsskulptur gesichert, die einst Maria Stuart gehörte. Ist damit jede Hoffnung verloren? David beschließt, Mary zu helfen, zumal er sich von Tag zu Tag mehr zu ihr hingezogen fühlt. Aber es gibt noch einen anderen Mann, der Mary erobern will, und zu allem bereit ist, um sie für sich zu gewinnen …

Kapitel 1

Vom scharfen Ostwind gejagt, fuhr Mary Ashton viel zu schnell das Moffat Water Valley entlang. Im Rückspiegel sah sie die schwarze Wolkenwand, die sich über dem Ettrick Forest drohend aufbaute. Hin und wieder zuckte ein Blitz durch die Wolken, aber ein Donner war nicht zu hören. Dieses erste Frühlingsgewitter über den Uplands war noch zu weit entfernt, und der Fahrtwind verschluckte sowieso jedes Geräusch.

›Hoffentlich erreiche ich Tibbie Shiels Inn, bevor das Unwetter mich einholt‹, dachte Mary und gab Gas. Aber die Landstraße war feucht und unübersichtlich. Und immer wieder gab es kleine Abzweigungen zu Gehöften, die vorsichtiges Fahren erforderten. ›Aber morgen Nachmittag muss ich in Dumfries sein, sonst beginnt die Auktion ohne mich. Dann bin ich nicht nur einen wichtigen Auftrag los, sondern gelte als unzuverlässig und leichtfertig.‹

Sie sah wieder in den Rückspiegel. Seit zehn Minuten folgte ihr ein schnittiger Maserati. Schon zweimal hatte der Fahrer versucht, sie zu überholen, aber die vielen kleinen Biegungen vereitelten das Manöver. »Ich würde dir ja Platz machen, wenn ich eine Lücke fände, aber mein Tempo und das Unwetter im Nacken verhindern so viel Höflichkeit«, sagte sie leise und gab wieder Gas.

Wie schön es hier war. Sie warf hin und wieder einen Blick auf die schroffen Felsen rechts neben der Straße, die dann wieder von hügeligen Wiesen abgelöst wurden, die mit gelb blühenden Frühlingsprimeln bedeckt waren. Im Hintergrund präsentierten sich die über 600 Meter hohen Berge, und links führte der Yarrow River das Schmelzwasser der Berge dem Meer entgegen.

Der Maserati kam wieder einmal bedrohlich nahe. »Wenn ich plötzlich bremsen muss, sitzt du mir im Kofferraum, und ich lande im Fluss«, schimpfte sie jetzt laut und schaute in den Rückspiegel. ›Zum Glück ist er höflich genug, nicht zu hupen und zu blinken‹, überlegte sie und suchte noch einmal nach einer Möglichkeit auszuweichen. Aber die Straße war zu schmal, und dann setzte der Regen ein. Im gleichen Augenblick war Mary von einer grauen Wasserwand umhüllt. Sie nahm den Fuß vom Gaspedal und schaltete alle verfügbaren Scheinwerfer und Rücklichter ein. Auch der Maserati war im Regendunst verschwunden. »Jetzt könntest du gern vor mir fahren, damit ich mich an deinen Bremsleuchten orientieren kann«, flüsterte sie und versuchte, das graue Asphaltband der Straße nicht aus den Augen zu verlieren.

Draußen war es kalt geworden. Mary begann zu frieren und schaltete die Heizung ein. Sofort beschlugen die Fenster, und sie musste den Ventilator anstellen. Als das nichts half, drehte sie die Heizung wieder ab. »Verflixt«, schimpfte sie, »und von Tibbie Shiels Inn ist immer noch nichts zu sehen.«

Als sie für einen kurzen Augenblick den Fluss neben sich sah, stellte sie fest, dass sein gegenüberliegendes Ufer verschwunden war. ›Dann hab ich St. Mary's Loch erreicht, dann ist es nicht mehr weit‹, dachte sie zufrieden und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Im gleichen Augenblick kreuzte ein Schatten ihren Weg. Mary bremste mit aller Kraft. Und dann stieß mit einem ohrenbetäubenden Krachen der Maserati hinten in ihren Landrover. Mary, vom Sicherheitsgurt gehalten und vom Airbag vorn aufgefangen, schlug mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe und wurde ohnmächtig. Dass ihr Wagen seitlich die Böschung zum See hinabrutschte, spürte sie nicht mehr …

Die Hinterräder hatten bereits den schlammigen Uferrand erreicht und wurden vom Wasser umspült, als die Tür aufgerissen wurde und ein Mann versuchte, Marys Sicherheitsgurt zu lösen und die bewusstlose Frau aus ihrem Wagen zu zerren. Er selbst stand bereits bis zu den Hüften im Wasser, als er sie endlich freibekam und auf den schmalen Uferstreifen des Sees legen konnte. Sie blutete aus einer Wunde über der linken Schläfe, und er wagte nicht, sie durch das Tätscheln der Wangen aus der Ohnmacht zu wecken. So griff er zum Handy, wählte die Notrufnummer der Polizeistation von Tibbie Shiels Inn und schilderte die Situation, während der Landrover bis zum Dach im Uferschlamm versank. Dann lief er zurück zu seinem Wagen und holte eine Decke und seinen Regenmantel, um die durchnässte Frau vor dem prasselnden Regen zu schützen und den Kopf auf eine weiche Unterlage zu betten. Danach erst konzentrierte er sich auf den Anlass dieses halsbrecherischen Bremsmanövers und kontrollierte die Straße. Rechts im Graben lag ein Kinderfahrrad. Von einem Kind aber fand sich weit und breit keine Spur. Da das Rad keine Schäden aufwies, konnte die Frau mit ihrem Wagen das Kind auch nicht gestreift haben.

Nach unendlich erscheinenden Minuten des Wartens hörte McClay weit entfernt die Sirene des Polizeiwagens. Er wartete am Straßenrand, bis der Kombi neben ihm hielt. Zwei Sanitäter stiegen aus und eilten mit einer Trage zum See hinunter. Der Polizeimeister begrüßte den Mann am Straßenrand: »Sorry, Mister McClay, schneller ging es nicht. Ich musste erst die Sanitäter abholen. Wir sind ja nur eine kleine Station, wie Sie wissen. Was ist eigentlich passiert?«

»Ich habe den Wagen vor mir gerammt. Er bremste plötzlich, und die Sicht war gleich null. Da vorn im Graben liegt ein Fahrrad. Ich nehme an, ein Kind hat die Straße gekreuzt, und die Frau hat es im letzten Augenblick gesehen.«

»Man erkennt wirklich nichts bei dem Regen.« Der Polizist stieg zum See hinunter und sprach mit den Sanitätern. »Was ist mit ihr?«

»Eine Wunde am Kopf, eine Gehirnerschütterung vermutlich, sie ist noch bewusstlos, aber der Herzschlag ist stabil. Wir versorgen die Wunde provisorisch. Wenn sie zu sich kommt, wird sie höllische Kopfschmerzen haben. Aber was machen wir mit ihr? Sollen wir sie bis nach Moffat in die Klinik bringen oder nur zum Doc beim ›Rodono Hotel‹?«

»Erst mal zum Doc, dann sehen wir weiter.«

Die Sanitäter zeigten auf den Geländewagen. »Was ist mit dem? Wenn das Wasser bei dem Regen steigt, wird er fortgespült.«

»Ich rufe die Werkstatt an, die müssen ihn so schnell wie möglich rausholen.«

David McClay war wieder zum See heruntergekommen. »Wenn Sie alles notiert haben«, wandte er sich an den Polizisten, »sorge ich für den Abtransport. Und die Dame kann sich die nächsten Tage bei mir erholen. Ich bitte den Doc, zum ›Lone House‹ zu kommen.«

»Gut, dann bestellen Sie ihn in Ihr Haus. Was ist mit Ihrem Wagen?«

»Ich habe eine exzellente Stoßstange, die hat kaum einen Kratzer abbekommen.«

»Dann fahren Sie schon einmal vor, ich muss mich noch um das Kind kümmern. Haben Sie eine Ahnung, um wen es sich handeln könnte? Viele Kinder leben in dieser Gegend doch gar nicht.«

»Bei meinen Angestellten gibt es ein Mädchen, könnte sein, dass sie auf dem Heimweg von der Schule war, bei dem Wolkenbruch die Autos nicht gesehen hat und dann vor Schrecken davongelaufen ist.«

Die Sanitäter trugen Mary Ashton hinauf zum Straßenrand und betteten sie vorsichtig auf den schmalen Rücksitz des Maserati. Einer blieb neben ihr sitzen, der andere ging zum Polizeiwagen.

»Wir suchen noch die Gegend ab, um sicher zu sein, dass hier kein Kind mehr ist«, rief Kommissar Paul Shipton und ging hinüber zur Straßenseite, wo das Rad lag. Als sie oberhalb der Böschung einen Feldweg fanden, der zum Park von ›Lone House‹, dem Anwesen von Lord McClay führte, und gleich darauf einen Schulranzen entdeckten, wussten sie, dass hier ein Kind fortgelaufen war.

»Fahren wir rüber zum Schloss«, erklärte Shipton, »die Meilen zu Fuß können wir uns sparen.«

Als sie zur Straße zurückkamen, war McClay gestartet und im Regendunst verschwunden. Shipton legte das Kinderfahrrad und den Ranzen auf den Rücksitz und folgte ihm.

Bevor die ersten Häuser von Tibbie Shiels Inn auftauchten, ging es rechts ab zum ›Lone House‹. Das Schloss machte seinem Namen alle Ehre. Es lag einsam und versteckt in einem Seitental zwischen Dryhope und Cappercleuch und war für Fremde fast unauffindbar. Kein Hinweisschild, kein Zufahrtstor deuteten auf die Nähe des Schlosses. Die Generationen der McClays, die hier seit dem 16. Jahrhundert ihr Domizil hatten, liebten die Abgeschiedenheit, die Ruhe, die einzigartige Lage am Fuß der Berge, und David McClay, der Letzte der Familie, hatte nicht die Absicht, daran irgendetwas zu ändern. Im Gegensatz zu anderen Schlössern dieser Gegend war es nicht im wuchtigen Tudorstil gebaut, sondern besaß die Schlichtheit eines zweigeschossigen schottischen Landhauses. Es gab zwar Anbauten, je nachdem wie groß die Familie gerade war, aber Prunk und Masse waren nie ein Maßstab gewesen.

David McClay liebte sein Zuhause. Hier hatte er seine Wurzeln, hier war er aufgewachsen. ›Lone House‹ war sein ruhender Pol. Glasgow, London, Los Angeles, Paris und Tokio waren die Orte der Arbeit, der Hektik, der Rastlosigkeit.

Dass er heute nicht auf kürzestem Wege über die Autobahn gefahren war, lag an Produktionsgesprächen in Galashiels, die er persönlich leiten musste. Umso mehr hatte es ihn gedrängt, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Aber dann hatte er den Landrover vor sich gehabt, dessen Fahrer, anscheinend fremd in dieser Gegend, mehr als vorsichtig unterwegs war. ›Ich bin zwar ein höflicher Mensch, aber ein bisschen schneller hätte sie schon fahren können‹, dachte er auf dem schmalen Schotterweg, der über die letzten Meilen nach ›Lone House‹ führte. Er warf einen Blick in den Rückspiegel. Der Sanitäter sprach leise mit der Fahrerin. ›Anscheinend ist sie wieder bei Bewusstsein. Trotz der blutverschmierten Gesichtshälfte und dem Kopfverband eine gut aussehende Frau‹, dachte er. ›Hoffentlich behält sie keine bleibende Narbe.‹ Der Sanitäter nickte ihm zu, als wollte er sagen: Ist nicht so schlimm, wird schon wieder!

Die Männer von Tibbie Shiels Inn kannten den Lord. Trotz seiner überragenden Persönlichkeit war er hier ein allseits beliebter Mann, weil er nie den Lord hervorkehrte, sondern immer nur den Nachbarn und Arbeitgeber, denn die meisten der wenigen Einwohner des kleinen Orts waren bei ihm beschäftigt – im Schloss, in der Landwirtschaft und vor allem im Wald. Manchmal kam er täglich nach ›Lone House‹, dann wieder dauerte es Wochen oder Monate, bis er sein Heim aufsuchte. Die Arbeit bestimmte sein Leben, und die Erfolge der von ihm produzierten Filme bestimmten seinen Aufenthaltsort.

McClay war mit seinen achtundvierzig Jahren weltweit einer der besten Produzenten historischer Filme. Eine Koryphäe mit großem Ansehen, meldeten die Medien, ein schwieriger, ehrgeiziger, unruhiger Mensch, flüsterten die Mitarbeiter am Set. Ein hinreißender, faszinierender Mann, tuschelten die Frauen, und enttäuschte Mädchen schimpften: ein hochmütiger, arroganter Angeber. Fachleute behaupteten: McClay ist der Beste, er ist genial und nicht zu übertreffen, und Neider erklärten ganz unbeeindruckt: Er ist ein rücksichtsloser Egoist. Nur was er wirklich war, wusste keiner: David McClay war ein einsamer Mensch, deshalb fühlte er sich in ›Lone House‹ so wohl.

Er sah wieder in den Rückspiegel, und als sich seine Augen mit denen des Sanitäters trafen, lächelte er ihm zu. Er wusste, was die Leute von ihm dachten – es war ihm gleichgültig. ›Ruhm‹, dachte er, ›ein großes Wort!‹ Hatte er seinen Höhepunkt schon erreicht?

Die Produktion in Galashiels war fast abgeschlossen, erste Kritiker sprachen in höchsten Tönen von dem neuen Film über die römischen Truppen auf den Britischen Inseln, obwohl die Cutter kaum mit der Arbeit begonnen hatten.

McClay liebte seine Arbeit, obwohl sie so aufreibend war. Sie hetzte ihn von Termin zu Termin, jagte ihn durch die ganze Welt, versuchte, seine Gesundheit zu rauben und die Persönlichkeit zu fressen; aber sie machte ihn reich – auch an Geld, und das brauchte er für ›Lone House‹, ›mein geliebtes Fass ohne Boden‹, dachte er lächelnd und zufrieden. Nein, die Arbeit machte ihn vor allem reich an Erfahrungen, an Wissen und an Menschen. An solchen, die ihn liebten, und an solchen, die ihn hassten – Ruhm? So war Ruhm!

McClay war müde. Es war wieder ein langer, ein aufreibender Tag gewesen und dann dieser vermaledeite, unnötige Unfall. ›Warum bin ich auch so schnell gefahren?‹, dachte er und sah endlich durch die Bäume hindurch die Lichter von ›Lone House‹. Er bog in die lange Allee ein, die vom Schotterweg zum Rondell vor dem Herrenhaus führte, und wischte sich mit der Hand über das Gesicht, als könne er die Erschöpfung fortstreichen. Er fuhr durch das Spalier grauer Bäume, die wie Kulissen im Scheinwerferlicht auftauchten und sogleich wieder im Regendunst versanken. Als er vor dem Portal hielt, wurde die Tür sofort geöffnet. Hanna und der Butler kamen gleichzeitig heraus. Hinter ihnen knickste ein Zimmermädchen. Man erwartete ihn schon seit einer Stunde, denn McClay hatte von Galashiels aus sein Kommen angekündigt, und normalerweise brauchte er nur die Hälfte der Zeit, die er heute unterwegs gewesen war. Ein Hausdiener öffnete die Wagentüren, um das Gepäck zu holen, und sah dann bestürzt zu, als McClay dem Sanitäter und einer unbekannten Frau aus dem Wagen half.

»Es gab einen Verkehrsunfall hier in der Nähe, ich habe die Lady mitgebracht. Bitte führen Sie sie in das Gartenzimmer. Hanna, Sie kümmern sich um sie, ich muss den Arzt anrufen.«

»Ja, Sir, aber Sie brauchen auch trockene Kleidung. Sie sind ja ganz nass.«

»Ich habe mich für kurze Zeit im St. Mary's Loch aufgehalten, ich komme allein zurecht. Kümmern Sie sich um die Lady.«

Hanna führte die Verletzte und den Sanitäter in das Gartenzimmer und rückte Sessel und Sofa so zurecht, dass die fremde Frau bequem Platz nehmen konnte.

»Wo bin ich hier eigentlich, und was ist passiert?« Mary Ashton, noch immer benommen, befühlte ihren Kopf. »Ein Verband?« Fragend sah sie den Sanitäter an.

»Sie hatten einen Unfall, Madam, Sie sind mit dem Kopf an die Tür Ihres Wagens geknallt. Und dann ist der Wagen ins Wasser gerutscht, und der Lord hat Sie rausgeholt, im letzten Augenblick, sozusagen.«

»Welcher Lord? Und welches Wasser? Mein Gott, mein Kopf dröhnt, ich kann gar nicht klar denken.«

»Lord McClay hat Ihren Wagen gerammt, dabei sind Sie von der Straße abgekommen, und nun sind Sie in seinem Schloss.«

»War er der Drängler? Ich erinnere mich. Ein Auto wollte mich mehrmals überholen, aber ich konnte nicht ausweichen, die Straße war zu schmal.«

Hanna, der es nicht gefiel, dass ihr Herr mehr oder weniger beschuldigt wurde und man ihn als Drängler hinstellte, unterbrach das Gespräch. »Gnädige Frau, ich lasse jetzt einen Tee für Sie kommen, der wird Ihnen guttun. Oder möchten Sie sich lieber hinlegen?« Sie klingelte und befahl dem Mädchen: »Helen, bitte Tee für die Gäste.«

»Nein, danke, ich möchte nicht liegen, ich glaube, dann dreht sich alles. Wie ist es denn zu dem Unfall gekommen? Ich erinnere mich nur an Regen und beschlagene Scheiben.«

Der Sanitäter schüttelte den Kopf. »Genau weiß ich es auch nicht, wir sind ja erst später dazugekommen. Aber ich glaube, ein Kind ist vor Ihr Auto gefahren, und da mussten Sie scharf bremsen.«

»Ein Kind, um Gottes willen, ist ihm etwas passiert?«

»Nein, aber wir fanden das Fahrrad und einen Schulranzen, es ist weggelaufen. Ihm ist also nichts passiert.«

»Und mein Auto? Was ist mit meinem Auto? Und mit meinem Gepäck? Meine Tasche, meine Papiere, wo sind denn meine Sachen?«

»Bitte, Madam, regen Sie sich nicht auf. Der Lord lässt den Wagen aus dem Wasser ziehen. Die Männer sind bestimmt gerade dabei. Dann kriegen Sie alles wieder.«

»Ich fasse es nicht. Alles im Wasser?«

»Ja, und Sie waren auch mittendrin. Als der Lord Sie rausholte, stand er schon bis zur Hüfte im Wasser und bekam Ihre Autotür kaum noch auf.«

Mary Ashton schloss die Augen, alles drehte sich vor ihr, und sie klammerte sich an die Lehnen ihres Sessels. Hanna trat zu ihr. »Ist Ihnen nicht gut, Madam?« Draußen in der Halle hörte man Männerstimmen. »Der Doktor ist gekommen, Madam, gleich geht es Ihnen besser«, tröstete Hanna. Dann ging die Tür auf, und der Lord trat mit einem Fremden ein.

»Ich lasse Sie hier allein«, erklärte David McClay dem Arzt. »Hanna, richten Sie bitte eines der Gästezimmer Die Lady wird hier übernachten müssen.«

»Selbstverständlich, Sir.«

Der Doktor stellte sich vor. »Ich bin Doktor Grantino, wie geht es Ihnen?«

»Mir ist schwindelig, es kommt mir vor, als drehe sich der Sessel mit mir kopfüber.«

»Sie haben eine Gehirnerschütterung mit einer Drehschwindelattacke. Das geht vorbei, kann aber ein paar Stunden andauern. Außerdem haben Sie ein Schleudertrauma. Sie müssen sich jetzt hinlegen, aber den Kopf dabei erhöhen. Versuchen Sie, die Augen offenzuhalten und auf einen festen Punkt im Zimmer zu heften, dann haben Sie einen kleinen Halt.« Er untersuchte den Kopf und die Augen mit einer Speziallampe, klammerte die Wunde, erneuerte den Verband und legte ihr eine Nackenstütze um.

»Doktor, ich muss dringend nach Dumfries.«

»Daran ist gar nicht zu denken. Sie müssen sich in den nächsten Tagen ganz ruhig verhalten. Ihr Gehirn und Ihr Genick haben einen gewaltigen Schlag abbekommen, da muss erst einmal alles zur Ruhe kommen. Rechnen Sie mit mindestens acht Tagen, vorher übernehme ich keine Verantwortung für Ihre Genesung.«

Erschöpft lehnte sich Mary zurück. »Das kostet mich meine Stellung und damit auch meine Existenz«, stöhnte sie und war den Tränen nahe.

»Nicht aufregen, Madam. Das tut Ihnen nicht gut. Was nützt Ihnen Ihre Existenz, wenn Sie dann nicht mehr leben?«, versuchte er zu scherzen.

»Es war der erste richtig große Auftrag für mich.«

»Andere werden folgen.«

An der Tür klopfte es, dann kam Hanna herein. »Ich habe das Zimmer für die gnädige Frau fertig, Doktor Grantino.«

Der Arzt wandte sich an Mary. »Können Sie ein paar Schritte gehen, wenn wir Sie stützen?«

»Ist nicht nötig, Herr Doktor. Wir haben einen Stuhl mit Rollen und einen Lift. Den hat sich Lord McClay einbauen lassen, als er die Schusswunde am Bein hatte.«

»Na, wunderbar. Und wo ist der Rollstuhl?«

»Hier, ich habe ihn gleich mitgebracht. Er gehörte der gnädigen Frau, der Mutter von Lord McClay, bevor er ihn selbst brauchte.«

Grantino musste sich ein Lachen verbeißen, als Hanna den altmodischen Regencystuhl mit den vier kleinen Rollen an den kunstvoll gedrechselten Beinen sah. »Nun ja, er wird genügen. Kommen Sie, Madam, wir helfen Ihnen beim Umzug.« Er winkte den Sanitäter herbei, und gemeinsam halfen sie Mary Ashton in den Stuhl. Sie krampfte sich sofort an den Lehnen fest. »Alles dreht sich«, stöhnte sie und ließ sich vom Arzt, vom Sanitäter und von Hanna in den Lift und oben in ein Gästezimmer schieben.

Als die beiden Männer den Raum verlassen hatten, half ihr Hanna beim Auskleiden. Ein leichter Schüttelfrost ließ Mary zittern, und Hanna beeilte sich, die Verletzte ins Bett zu bringen. »Ich habe nicht einmal einen Pyjama dabei«, stöhnte Mary und ließ sich ein elegantes Nachthemd überstreifen.

»Machen Sie sich keine Sorgen, so etwas haben wir immer parat«, tröstete Hanna, »und alles andere auch: Seifen, Zahnbürsten – na, eben alles, was ein Gast so braucht.«

»Was wird denn bloß aus meinem Auto?«

»Die Werkstatt hat es schon aus dem Wasser geholt. Die Männer bringen Ihr Gepäck zum Trocknen her, und dann reparieren sie das Auto. Das hab' ich gehört, als der gnädige Herr telefonierte. Morgen ist alles wieder in Ordnung«, tröstete Hanna ihre Patientin.

»Danke, hoffentlich erkennen die Behörden auch meine aufgeweichten Papiere und die Bank meine nassen Kreditkarten an.«

»Da machen Sie sich keine Sorgen. Der Herr kümmert sich um alles. Wenn er die Schuld an dem Unfall hat, bringt er auch alles in Ordnung.«

»Nein, schuld war er nicht. Schuld war ein Kind. Hat man es gefunden?«

»Ja, es ist ihm nichts passiert, es gehört zum Gutshof, darum kümmert sich die Polizei.«

»Hauptsache, es ist gesund«, flüsterte Mary und war gleich darauf fest eingeschlafen, während draußen das Gewitter die ganze Nacht über tobte.

Kapitel 2

David McClay ging nach oben in seine Suite. Er war erschöpft. Die anstrengende Autofahrt bei dem schlechten Wetter, die Verhandlungen mit den beiden Regisseuren in Galashiels, die mit diversen Meinungsverschiedenheiten endeten, und dann zum Abschluss dieser Unfall – es reichte ihm für heute.

Langsam schlenderte er durch den eleganten Wohnraum mit den Teppichen und Vorhängen im Schottenmuster des McClay-Clans und sah aus dem Fenster. Draußen lärmte noch immer das Gewitter. ›Wenn es sich hier zwischen den Bergen einnistet, dauert es lange, bis es sich ausgetobt hat und weiterzieht‹, überlegte er. ›Das wird eine unruhige Nacht.‹ Er schenkte sich einen Whisky ein. Lächelnd erinnerte er sich an seine letzte Fahrt über den Whisky Trail, an die interessanten Diskussionen mit den Anbietern und an die Käufe, die er, wenn er schon einmal in der Gegend war, eigenhändig und in nicht gerade kleinem Umfang getätigt hatte.

Er nahm einen letzten Schluck, dann erst ging er ins Badezimmer, entledigte sich der nassen Kleidung, nahm ein Bad und zog die trockenen Sachen an, die der Butler im Schlafzimmer bereitgelegt hatte.

Der Lord hatte nach dem Tod seines Vaters, als er das Schloss und den Titel übernehmen musste, das Haus modernisiert. Während die Eltern sich ein Leben lang gesträubt hatten, irgendetwas in dem alten Gebäude zu verändern, hatte er einen kompetenten Innenarchitekten aus Edinburgh mit dem Umbau beauftragt. Neue Strom- und Wasserleitungen und eine moderne Heizungsanlage wurden neben den gemütlichen Kaminen eingebaut, ohne den traditionellen Stil und das gemütliche Ambiente des Schlosses zu beeinträchtigen. Später kamen der Lift, eine neue Küche mit einem Aufzug ins Esszimmer, damit die Speisen heiß serviert werden konnten, sowie neue Fenster und Türen hinzu.

McClay liebte das alte Haus, aber er liebte auch die fortschrittliche Lebensart, die so vieles erleichterte. Im Kamin brannte ein Feuer, und der Duft von Kiefernholz und Wacholderzweigen durchzog die Suite.

›Endlich Ruhe‹, dachte er, goss sich einen zweiten Whisky ein und ließ die letzten Tage noch einmal Revue passieren.

Glasgow, was war Glasgow diesmal gewesen? Ein Umsteigeplatz vom Flugzeug in den Wagen, ein Telefongespräch mit den Geschäftsführern und ein Kurzbesuch bei Joan. Wie immer eine fruchtlose Diskussion mit der Mutter seiner Tochter und die vergebliche Bitte, das Kind häufiger und länger sehen zu dürfen. Dann endlich ein Augenblick mit Tatjana – mein Gott, das Kind war schon fünf Jahre alt –, sie hatte ihn diesmal nicht erkannt und nur widerstrebend Daddy zu ihm gesagt.

Joan wurde zu einem Problem! Die elegante, rassige Schottin mit den roten Haaren und den unzähligen Sommersprossen, eine Schönheit damals, als er sie kennenlernte, wurde von Jahr zu Jahr eigensinniger, arroganter und anspruchsvoller. ›Habgierig wäre der richtige Ausdruck‹, dachte er und erinnerte sich an die immer maßloser werdenden Wünsche seiner einstigen Geliebten, die geheiratet werden wollte und ihm, einer Erpressung gleich, schließlich die Schwangerschaft und dann Tatjana präsentiert hatte.

›Aber ein McClay lässt sich nicht erpressen‹, dachte er. ›Ich habe sie schnell durchschaut: Eine Dame der besten Gesellschaft wollte sie werden, Weltreisen mit mir machen, in meinem Ruhm schwelgen und von meinem Ansehen profitieren‹, erinnerte er sich. ›Sie nutzte meine Sehnsucht nach innerer Geborgenheit schamlos aus, und als sie merkte, dass ihre Wünsche nicht akzeptiert wurden, als ich ihr klarmachte, dass eine Heirat mit ihr nicht infrage käme, begann sie Forderungen zu stellen, in denen ihre Gier nach Reichtum und Ansehen nur zu deutlich wurde. Und dann kam Tatjana, dieses zauberhafte Kind, dieser Sonnenschein, in den ich sofort verliebt war.‹

Dennoch hatte er auf Anraten seiner Anwälte einen Vaterschaftstest machen lassen, und als dieser positiv ausgefallen war, hatte er sich zu seinem Kind bekannt und hätte dem Drängen um eine Heirat beinahe noch nachgegeben.

Aber zum Glück war er standhaft geblieben. Die Liebe zu Joan war verraucht, was geblieben war, waren das kleine Mädchen und seine Sehnsucht, das Kind im Arm zu halten. Aber genau das verwehrte ihm die Frau. Er musste unendlich viele Wünsche erfüllen, wollte er das Kind sehen. Ein eigener Modesalon in Glasgow musste es sein, ein Bungalow am Stadtrand, ein elegantes Auto und die teuerste Garderobe wurden angeschafft. An den wertvollen Schmuck, der mit jedem Besuch verbunden war, durfte er gar nicht denken. Aber Joan war die Mutter, sie war eine unbescholtene Frau und hatte das alleinige Sorgerecht bekommen. Und damit hatte sie alle Rechte auf ihrer Seite.

So musste er sich die Treffen mit Tatjana jedes Mal erkaufen. Waren seine Geschenke großzügig, gestattete sie eine längere Besuchszeit, fielen sie bescheiden aus, so wie heute, weil er keine Zeit für den Kauf anspruchsvoller Geschenke gehabt hatte, blieben ihm nur Minuten mit dem Kind. Und diese Minuten fanden auch noch im Beisein der Nanny im Hinterzimmer des Modesalons statt.

»Lass uns doch nach drüben in den Park gehen, dort kann das Kind spielen und bekommt etwas von der Frühlingssonne mit«, hatte er vorgeschlagen, aber Joan hatte sofort protestiert.

»Nein, David, wo denkst du hin? Ich kann das Geschäft nicht verlassen. Hier herrscht Katastrophenstimmung. Die neue Kollektion muss am Fünfundzwanzigsten heraus, da entscheiden Minuten über Verkaufserfolg oder Misserfolg.«

Er hatte wenig Verständnis gezeigt, obwohl er im Geheimen zugeben musste, dass die Frau ihr Geschäft erfolgreich führte. Dann hatte er zehn Minuten mit Tatjana gespielt und versucht, ihr begreiflich zu machen, dass er ihr Vater sei, auch wenn sie ihn so selten sah. Es waren zehn peinliche Minuten im Beisein der Nanny gewesen, Minuten, in denen sich der weltberühmte, erfolgreiche Lord McClay in einen bittenden, beinahe hilflosen Mann verwandelt hatte.

Er schenkte sich noch einen Whisky ein. Seine Gedanken verweilten bei Joan und Tatjana. Er hatte die junge Frau bei einer Filmproduktion in Edinburgh kennengelernt. Ein paar Kostüme mussten geändert werden, und sie kam einige Male zum Set. Ihre Jugend, ihre Natürlichkeit hatten ihn verzaubert. In all dem Staub der Kulissen, unter der Hitze der Scheinwerfer, zwischen den bis zur Unkenntlichkeit geschminkten Schauspielern war ihr Erscheinen für ihn wie saubere, klare Luft, in der er wieder atmen konnte.

Aus einem kleinen Flirt wurde ein intimes Verhältnis. Joan war fünfzehn Jahre jünger als er; sie gab ihm von dem Glanz ihrer Jugend, er gab ihr vom Glanz seines Ruhms. Ihr glückliches Strahlen, wenn sie an seiner Seite bewundert wurde, war wie neu geschenktes Leben für ihn.

Erst allmählich spürte er die Veränderung der Geliebten, die sich von einem natürlichen Mädchen in eine berechnende Frau verwandelte. Während sie in den ersten Jahren die wenigen Ferientage gemeinsam verbrachten, wurden die Zeiten der Zweisamkeit immer kürzer, und seit zwei Jahren sahen sie sich kaum noch. McClay fühlte sich benutzt, wenn er zu einem der Feste ihrer sogenannten Freunde gebeten wurde und seine Teilnahme zusagte, nur, um vorher ein paar Minuten mit Tatjana verbringen zu können. Joan liebte die Festivitäten des Jets Sets, bei denen die Reporter vor den Türen Schlange standen und jeder ihrer neuen Freunde behaupten konnte: »Der berühmte Filmproduzent Lord McClay verkehrt in unserem Hause.«

McClay stand auf und stellte das leere Glas ab. Dann legte er zwei Holzscheite auf das Feuer und zog das Gitter vor den Kamin. ›Zeit zum Dinner‹, dachte er und freute sich auf die Speisen, die Sophie in der Küche zauberte. Viel zu selten kam er in den Genuss ihrer Kochkünste. Er vergaß den Ärger der letzten Stunden und dachte nur noch an die kurze Freizeit, die er hier genießen würde. Dass sie nicht ungestört werden würde, dafür sorgte sein Sekretär, der bereits Akten, Daten und Unterschriftenmappen vorausgeschickt hatte. Dennoch, das gemütliche ›Lone House‹, die Pirsch durch die Wälder, die Ritte in das wilde Vorgebirge des Black Law – alles wollte er unternehmen, alles auskosten, was seine Heimat ihm bot.

›Hoffentlich hört der Regen bald auf, sonst sind die Wege verschlammt und Lancelot findet keinen Tritt in den Bergen.‹ Er dachte kurz an den Hengst, den er heute noch nicht begrüßt hatte, und dann fiel ihm die junge Frau wieder ein, die er vor mehr als drei Stunden aus dem versinkenden Landrover gezerrt hatte. ›Ich muss mich bei ihr sehen lassen‹, dachte er und klingelte nach dem Butler, um zu erfahren, in welchem der Gästezimmer Hanna die Fremde untergebracht hatte.

Mary lag still in dem fremden Bett, in dem fremden Zimmer, in dem fremden Haus in dieser unbekannten Gegend. Sie lag ganz still, denn sobald sie den Kopf bewegte, drehte sich der Raum, und ihr wurde übel. Aber ihre Augen wanderten, und was sie sah, gefiel ihr. Das Zimmer war im Landhausstil eingerichtet, es verkörperte Gemütlichkeit und Wärme – ein Zimmer nach ihrem Geschmack. Aber sie erkannte auch, dass es kein Raum war, der nach neuester Mode eingerichtet worden war. ›Er ist mit den alten, gepflegten Möbeln gewachsen und zu dem geworden, was er jetzt darstellt: ein Ort der Ruhe und Geborgenheit, ein Zimmer zum Wohlfühlen. Wenn ich nur etwas mehr über dieses Haus und seine Leute wüsste‹, dachte sie und versuchte, sich an die vergangenen Stunden zu erinnern.

›Es hat einen Crash gegeben‹, überlegte sie. ›Der Drängler ist hinten in mich hinein gefahren, so viel weiß ich noch. Dann hat mich jemand in ein Haus gebracht, ein Arzt hat mir den Kopf verbunden, und danach haben mich eine Frau und ein Sanitäter in einem Sessel zu einem Fahrstuhl gerollt und in dieses Zimmer gebracht. Und da liege ich nun. Wie lange schon? Vor dem Fenster ist es dunkel. Dann habe ich wohl zwischendurch geschlafen. Mein Gott, ich schlafe hier in einem fremden Haus, ohne zu wissen, wo ich bin und wie es weitergeht. Draußen donnert ein Gewitter, richtig, das hat mich kurz vor dem Crash eingeholt, und plötzlich konnte man vor Regen nichts mehr sehen. Ob es noch dasselbe Gewitter ist?‹

Es klopfte. Bevor sie antworten konnte, wurde die Tür geöffnet.

Ein Mann stand im Schein der Flurbeleuchtung und fragte: »Darf ich Licht machen und eintreten?«

»Ja, natürlich.« Mary versuchte sich aufzurichten, aber es ging nicht.

»Bitte bleiben Sie ganz still liegen. Der Arzt hat strenge Ruhe verordnet. Ich bin David McClay, wie fühlen Sie sich?«

»Es geht. Ich bin Mary Ashton. Sind Sie mein Retter?«

»Ja, und der, der Ihnen hinten in den Wagen gefahren ist.«

»Ich musste plötzlich bremsen.«

»Ich weiß. Betty hat vor Ihnen die Straße gekreuzt. Aber es ist ihr nichts passiert.«

»Gott sei Dank. Und wer ist Betty?«

»Ein Kind vom Gutshof.«

»Was ist mit meinem Wagen?«

»Eine Werkstatt hat ihn aus dem Wasser gezogen, und wenn er trocken ist, wird er gereinigt und hierher gebracht. Ihr Gepäck ist drüben in der Wäscherei, morgen sind die Sachen wieder in Ordnung.«

»Und meine Tasche, meine Papiere, mein – ja, Geld, das mir nicht gehört, ist da auch drin gewesen.«

»Die Sachen trocknen in meinem Büro, keine Sorge, da sind sie sicher.«

»Danke.«

»Übrigens eine ganze Menge Geld. Warum so viel in bar?«

»Es gehört dem ›Museum of Art History‹, ich war auf dem Weg zu einer Versteigerung. Wenn ich morgen die Skulptur nicht bekomme, bin ich wahrscheinlich meine Stellung los. Und Bargeld als Anzahlung ist erwünscht.« Mary schloss die Augen, das Sprechen strengte sie sehr an.

»Geht es Ihnen nicht gut?«

»Ich werde so leicht schwindelig, so etwas kenne ich gar nicht.«

»Bleiben Sie ruhig liegen. Wir reden morgen weiter, und das mit der Versteigerung versuche ich zu regeln. Sie erzählen mir morgen Früh, um was es geht, und ich versuche mein Bestes. Schlafen Sie jetzt wieder.« Beruhigend strich er mit einer Hand über ihr Haar.

»Ja, danke«, flüsterte sie und hörte, wie die Tür geschlossen wurde. Und während sie einschlief, sah sie ihn vor sich, diesen interessant aussehenden, leicht ergrauten Mann mit der tiefen Stimme und der sanften Hand.

Kapitel 3

Mary Ashton verbrachte eine unruhige Nacht zwischen Wach- und Albträumen. Sie träumte von ihrer verzweifelten Suche nach einer Stellung, die ihrer Ausbildung als promovierter Kunsthistorikerin entsprach, und wie sie in der Edinburgher Morgenzeitung erfolglos die Stellenangebote studierte. Wie sie Angst hatte, ihre geliebte kleine Dachwohnung nicht mehr bezahlen zu können, und ihren Landrover verkaufen musste, um die Miete zu beschaffen. Angstschweiß bedeckte sie, als sie von diesem Traum erwachte.

›Gott sei Dank, das war nur ein Traum‹, dachte sie, ›und seit zwei Jahren habe ich meine Arbeit im ›Museum of Art History‹. Aber ständig muss ich darum kämpfen, die Arbeit zu behalten, die Konkurrenz ist zu groß. Ich habe mir zwar inzwischen einen Namen als Expertin für Echtheitszertifikate und Expertisen gemacht, aber ein Fehler, und ich stehe wieder vor dem Nichts.‹

Als sie daran dachte, fiel ihr wieder die Aufgabe ein, die sie heute nach Dumfries führen sollte. ›Der dritte Engel von Titurenius‹, dachte sie entsetzt und richtete sich auf. Aber schon drehte sich die Dunkelheit um sie herum, und sie klammerte sich an der Matratze fest. Unglücklich legte sie sich wieder hin. ›Daraus wird nun nichts. Das kostet mich den Job‹, dachte sie verzweifelt. ›Ich habe so darum gekämpft, diese Aufgabe übernehmen zu dürfen, und nun liege ich hier, und morgen geht der Engel über den Ladentisch, und ich komme mit leeren Händen zurück.‹

Mit Tränen der Enttäuschung in den Augen schlief sie wieder ein und träumte von jenem alten, grauhaarigen Mann, der in ihre Wohnung gekommen war, um ihr ein Notizbuch zu bringen, das sie in einer Telefonzelle vergessen hatte. Ein reicher Mann, der in einem Cadillac mitsamt Chauffeur vor ihrem Haus vorgefahren war. Nach einer längeren Unterhaltung hatte er ihr eine Stellung in seinem Haus angeboten. Sie hätte seine Sammlung antiker Kunst begutachten sollen, weil er keinem fremden Experten traute und selbst nichts davon verstand. Aber sie hatte das Angebot abgelehnt. Ein fremder Mann, ein Ausländer …

Sie wurde wieder wach. ›Richtig‹, fiel ihr nun wieder ein, ›er war Schwede. Christian Södergren. Das war also nicht nur ein Traum‹, dachte sie, inzwischen hellwach. Seine Visitenkarte hatte er auf ihren Tisch gelegt, und dann war er gegangen und hatte gesagt: »Wir sehen uns wieder.«

Vor dem Fenster verbreitete der Morgen ein schwaches, graues Licht. Das Gewitter war weitergezogen. Mary dachte an ihren Bruder Thomas, der immer viel Arbeit hatte, wenn ein Gewitter die Tiere verschreckte. Er war Tierarzt in den Lammermuir Hills und betreute dort die Schafherden von drei großen Zuchtbetrieben, weil nach dem Studium das Geld nicht für eine eigene Praxis reichte. ›Ach ja, das Geld, das hatten wir nie‹, dachte sie. Sie liebte ihren Bruder, vielleicht weil sie so mit dem harten Leben hatten kämpfen müssen.

Mary stammte aus einem alten, verarmten schottischen Clan nördlich der Southern Uplands. Während der Machtkämpfe zwischen Highlands und Lowlands im 18. Jahrhundert hatten die wohlhabenden Clans viel Geld in die kriegerischen Auseinandersetzungen investiert, und viele Familien hatten dabei alles verloren: ihr Ansehen, ihren Reichtum und ihr Land. Zu ihnen gehörten die Ashtons.

Um nach den Bürgerkriegen zu überleben, hatten sie alles verkauft, das Haus, das Land, die Macht. Sie zogen an die Ostküste, handelten mit Schiffen und Schafen und versuchten, sich in Nordamerika eine neue Existenz aufzubauen. Zurück blieb der Familienzweig der Ashtons in Edinburgh arm, aber stolz.

Dann kam Marys Vater, ein Urenkel des Clanoberhaupts, bei dem Krieg um die Falklandinseln ums Leben. Die Mutter wurde krank und starb ein Jahr nach ihrem Mann, und zurück blieben Thomas und Mary, zwei unmündige Teenager, die sehr schnell lernen mussten, auf eigenen Füßen zu stehen und mit dem Leben fertig zu werden. Sie waren wie ihre Vorfahren, stolz und strebsam, tolerant und mutig und immer ehrlich. Eigenschaften, die ihnen nicht nur Freunde bescherten, sondern auch Feinde. Wer die Geschwister nicht mochte, hielt sie für arrogant und eingebildet, wer sie kannte und akzeptierte, hatte treueste Freunde. Die beiden verkauften das elterliche Anwesen, um ihre Berufsausbildung zu finanzieren, und zogen in zwei kleine Mietwohnungen.

Tom studierte Tiermedizin, Mary Kunstgeschichte. Beide jobbten in ihrer freien Zeit, und beide hatten öfter Hunger als ein sattes Gefühl im Magen. Aber sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel und legten dennoch größten Wert auf Selbstständigkeit. Keiner erwartete Rücksicht vom anderen, und keiner wagte es, den anderen zu bevormunden. Das fing mit den getrennten Wohnungen an und endete bei den finanziellen Problemen. Das Familienschicksal hatte sie zusammengeschweißt, aber persönliche Freiheit war ihnen am wichtigsten.

Nach dem Studium ging Thomas in die Lammermuir Hills, um sich den größten schottischen Schafzüchtern anzuschließen und deren Tiere medizinisch zu betreuen. Es war eine harte Arbeit, aber er bekam einen festen Lohn und sparte jeden Penny, um sich eines Tages die ersehnte eigene Praxis leisten zu können.

Mary blieb in Edinburgh und bekam nach langem Suchen die Arbeit im ›Museum of Art History‹.

Und nun sollte sie ihren ersten großen Auftrag erledigen. Sie hatte sich lange und gründlich darauf vorbereitet. Sie hatte die anderen beiden Engelskulpturen studiert, die zu dem Zyklus gehörten und die im Besitz des Museums waren. Sie musste wissen, ob die endlich aufgetauchte Skulptur echt war, ob sie auf rechtmäßigem Wege zur Versteigerung gelangt war oder aus Hehlerhänden stammte und ob der vorgegebene Preis gerechtfertigt war. Der Zyklus, einst von Maria Stuart bei dem Florentiner Holzschnitzer Titurenius für die private Kapelle im Holyrood Palace bestellt, hatte lange Zeit als verschollen gegolten. Dann waren zwei der Engel aufgetaucht und dem Edinburgher ›Museum of Art History‹ überstellt worden. Das war vor einhundertfünfzig Jahren gewesen. Seitdem suchte das Museum den dritten Engel. Mary wusste, wie wichtig die Ersteigerung für das Museum war, sie wusste aber auch, wie es um die finanziellen Mittel des Hauses stand und dass sie verhandeln musste. Und da sie eine verlässliche Mitarbeiterin war, hatte man ihr nach langem Hin und Her die Verhandlung anvertraut. Und nun die Katastrophe mit dem Unfall. Verzweifelt schloss sie die Augen und schlief dann doch noch einmal ein.

Strahlend und heiter hatte der Morgen die Gewitterwolken der Nacht verdrängt. Die tief hängenden Wolken, die die Berge und Täler, die Wälder und Wiesen verhüllt hatten, waren verschwunden. Auf dem Rasen versuchten die regennassen Frühlingsprimeln die Köpfchen zu heben.

Mary wurde wieder wach, als Hanna eine Tasse Tee auf den Nachttisch stellte. »Ich dachte, so ein süßer Muntermacher hilft vielleicht, die dunklen Stunden von gestern zu verdrängen. Wie geht es Ihnen heute, Madam?«

Mary bewegte vorsichtig den Kopf. »Besser, etwas besser. Das Bett steht still und dreht sich nicht mehr, und die Übelkeit ist auch verschwunden.« Sie richtete sich vorsichtig auf. »Danke für den Tee, er duftet nach Jasmin und Frühling. Ist das Gewitter abgezogen?«

»Ja, gegen Morgen. Jetzt sieht der Himmel aus wie neu gestrichen und die Erde wie frisch gewaschen. Soll ich Ihnen ins Bad helfen?«

»Ich werde es erst einmal selbst versuchen.« Mary stand vorsichtig auf, hielt sich am Bettrand fest und machte die ersten Schritte. »Es geht. Danke, dann komme ich jetzt allein zurecht.«

»Gut«, nickte Hanna. »Ich bleibe aber hier und beziehe Ihr Bett. Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie einfach.«

»Vielleicht brauche ich das Bett gar nicht mehr.«

»Oh doch. Doktor Grantino hat gesagt, Sie müssen liegen. Er kommt nachher vorbei, dann können Sie ihn selbst fragen.«

»Doktor Grantino heißt er? Ist er Italiener? Er sieht etwas südländisch aus.«

»Er kommt aus Brasilien. Er hat in Edinburgh eine medizinische Zusatzausbildung gemacht, und dann hat es ihm hier so gut gefallen, dass er nicht nach Brasilien zurückgekehrt ist.« Hanna lächelte verschmitzt. »Ich glaube, ein paar Frauen sind da aber auch im Spiel, nicht nur die Highlands.«

Mary wagte noch nicht zu duschen. Sobald sie die Augen schloss, wankte der Boden unter ihren Füßen, und der Verband um ihren Kopf sollte vielleicht auch nicht nass werden. So putzte sie sich nur die Zähne und wusch den Körper mit einem der Handtücher ab. Dann zog sie den frischen, bereitgelegten Pyjama an. Als sie zurück in ihr Zimmer kam, hatte Hanna die Fenster weit geöffnet, und der kühle Strom frischer Bergluft durchzog den Raum. Für einen Augenblick sah Mary aus dem Fenster, dann wandte sie sich ab und schlüpfte unter die Bettdecke. Hanna nickte bedächtig. »Ich sehe schon, es geht Ihnen besser. Soll ich jetzt das Mädchen mit dem Frühstück schicken?«

»Bitte nur eine Tasse Tee und eine trockene Scheibe Toastbrot. Ich weiß noch nicht, wie mein Magen reagiert.«

»Mach ich, und schön liegen bleiben.«

»Versprochen. Darf ich noch etwas fragen?«

»Selbstverständlich.«

»Wo bin ich hier eigentlich und bei wem? Ein Mister McClay hat sich zwar gestern vorgestellt, aber viel verraten hat er nicht.«

»Das hier ist ›Lone House‹, und Mister McClay ist seine Lordschaft David McClay of the Border Hills.«

»Danke, Hanna. Sind Sie die Dame des Hauses?«

Jetzt lachte die ältere Frau. »Aber nein, ich bin so etwas wie ein Mädchen für alles. Die Haushälterin, wenn Sie so wollen. Eine Dame des Hauses gibt es hier nicht.«

Mary nickte leicht verlegen. »Na ja, ich wollte ja nur wissen, wer hier das Zepter in der Hand hält, damit ich mich entsprechend bedanken kann. Also mache ich das bei Ihnen.«

»Das ist nicht nötig. Ich denke mal, seine Lordschaft hat ein mulmiges Gefühl wegen des Unfalls gestern, da helfe ich ihm gern, das schlechte Gewissen zu beruhigen.«

Mary hätte gern weitergefragt und mehr gewusst über den Herrn und sein Haus, unterließ es aber. Sie wollte nicht als neugierig erscheinen, und bei den Dienstboten wäre so eine Fragerei auch nicht besonders gut aufgenommen worden.

Gegen zehn Uhr kam der Arzt. Er wechselte den Verband, sah seiner Patientin in die Augen, kontrollierte den Herzschlag und nahm ihren Kopf zwischen seine Hände, um die Beweglichkeit des Halses zu kontrollieren. »Gut, Sie haben sich gut erholt. Trotzdem bleibt die Ruhe oberstes Gebot.«

»Doktor, ich habe heute einen wichtigen Termin in Dumfries, ist denn da gar nichts zu machen?«

»Auf keinen Fall. Ihr Kopf und die Halswirbelsäule brauchen Ruhe. Ich erlaube für die nächsten zwei Tage höchsten den Gang ins Bad oder den Weg vom Bett in einen Sessel. Und ich meine das sehr ernst.«

Mary nickte. »Das habe ich befürchtet. Kann ich denn wenigstens einmal telefonieren?«

»Haben Sie ein Handy?«

»Ich hatte eines im Auto, es müsste bei meinem Gepäck liegen. Aber das Wasser wird ihm schlecht bekommen sein.«

»Das fürchte ich auch. Wollen Sie meines nehmen?«

»Ich habe die Nummer nicht im Kopf.«

»Dann müssen wir den Lord nach Ihren Sachen fragen. Aber denken Sie daran, Sie dürfen sich nicht aufregen.«

»Das ist leichter gesagt als getan, ich kämpfe um meine Existenz, um genau zu sein.«

»Das ist schlecht. Ich werde mit dem Lord sprechen, er soll sich etwas einfallen lassen.«

Als der Arzt gegangen war, schloss Mary die Augen. Diese Besuche strengten sie mehr an, als sie zugeben wollte. ›Himmel, in welchen Schlamassel bin ich da geraten?‹, überlegte sie und befühlte ihren Kopf. Die Wunde schien nicht schlimm zu sein, sonst wäre sie genäht worden. Aber die Haare, die man abgeschnitten hatte, würden lange zum Nachwachsen brauchen.

›Na gut, ich werde die Frisur ändern und den Scheitel auf der anderen Seite ziehen, dann sieht man die Lücke nicht.‹

Es klopfte schon wieder. David McClay kam mit einem schnurlosen Telefon in der Hand und einem dicken Telefonbuch im Arm. »Doktor Grantino macht mir die Hölle heiß. Damit Sie endlich zur Ruhe kommen, soll ich für Sie Telefongespräche führen und Ihre Stellung sichern.«

»Es tut mir leid, Lord McClay, aber er lässt mich nicht aufstehen.«

»Also erstens, den Lord lassen Sie bitte weg. Und zweitens, ich habe Ihnen gestern versprochen, mich um Ihre Angelegenheit zu kümmern. Wen möchten Sie anrufen?«

»Im Antiquariat Alexander Salvan in Dumfries wird heute eine Engelskulptur von Titurenius versteigert, die ich für das ›Museum of Art History‹ in Edinburgh ersteigern sollte. Es ist mein erster großer Auftrag.«

»Als was arbeiten Sie in dem Museum?«

»Als Expertin für antike Sammlungen. Ich habe Kunst studiert und mich auf Antiquitäten spezialisiert. Die Skulptur gehört zu einem Zyklus, den wir damit vervollständigen könnten. Nach vielen Jahren ist die Figur heute endlich auf dem Markt, und nun liege ich hier und kann sie nicht besorgen.«

David McClay schwieg einen Augenblick. »Wann sollte die Auktion stattfinden?«

»Nachmittags, sechzehn Uhr.«

Er sah auf die Uhr. »Bis dahin kann ich in Dumfries sein. Ich könnte sie ersteigern, aber wie erkenne ich sie?«

»In meiner Aktentasche war ein Prospekt mit einer guten Abbildung. Und es ist die einzige Skulptur an diesem Nachmittag.«

»Gut, ich lass den Wagen vorfahren und hole den Prospekt.«

Er stand auf und verließ eilig das Zimmer. Als er wenig später zurückkam, hatte er den feuchten, welligen Hochglanzkatalog in der Hand. »Ist noch nass, aber die Bilder sind erkennbar.« Er reichte Mary den Katalog. »Wie viel darf die Skulptur kosten?«

»Man hat mir keine Grenze gesetzt, weil wir den Engel so dringend brauchen, aber dass ich sparsam sein soll, ist selbstverständlich. Und man will Bargeld als Anzahlung.«

»Ich verstehe. Aber ich muss trotzdem wissen, wie weit ich gehen kann.«

Mary zählte ihm auf, was die anderen beiden Skulpturen wert waren, und McClay nickte: »Dann weiß ich ungefähr, was ich bieten darf.«

Er verabschiedete sich schnell, und wenig später hörte sie das Aufheulen des Maserati, der mit hoher Geschwindigkeit die Schlosseinfahrt verließ.

Als Hanna wenig später das Mittagessen, eine klare Bouillon mit Grießklößchen, von der die Köchin behauptete, die könnte auch den kränksten Menschen gesund machen, brachte, war sie noch immer sprachlos. »Der Lord ist davongefahren wie ein Teufel. Zum Glück hat er den Chauffeur am Steuer, man sieht ja, was sonst dabei herauskommt«, zwinkerte sie Mary zu. »Wo will er denn hin, er hat doch endlich Ferien?«

Mary, amüsiert über die unverhohlene Neugier, die da zum Vorschein kam, lächelte. »Er will meine Arbeit machen, die ich nun nicht erledigen kann. Ich verliere meine Stellung, wenn das nicht klappt.«

»Na, das ist doch mal anständig. Seine Lordschaft ist schon ein toller Typ, das muss einmal gesagt werden.«

Kapitel 4

Doktor Grantino arbeitete präzise und rasch. Die beiden Assistenzärzte sahen ihm zu. Sie bewunderten den Brasilianer, dem sie am Operationstisch gegenüberstanden. Die Zusammenarbeit in ihrem Team war vorbildlich. Grantino, dem weder die Hitze unter dem OP-Scheinwerfer noch die Tatsache, dass es seine fünfte Operation an diesem Tag war, etwas auszumachen schienen, die OP-Schwester, die jeden Handgriff des Chefs im Voraus zu wissen schien, Stefanie, die kleine Hilfsschwester, die nur dazu da war, Grantino den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen, der Anästhesist und die beiden Assistenzärzte, sie alle arbeiteten seit vier Monaten zusammen und hatten sich zu achten gelernt.

Vor allem Schwester Stefanie liebte die Arbeit an der Seite des großen Mannes mit der olivfarbenen Haut, und oft genug hoffte sie, dass aus dieser Zusammenarbeit einmal etwas anderes, etwas mehr werden könnte. Die kurzen Augenblicke hier im OP – und dann, danach? Nichts, nur das Warten auf die nächste OP. Sie seufzte so laut, dass Grantino sich erschrocken umsah. »Was ist los, Schwester?«

»Nichts, Doktor, die Luft hier drin ... Ich glaube, der Ventilator streikt schon wieder«, stotterte sie beschämt und nahm ein frisches Tuch, um ihm den Schweiß von der Stirn zu wischen, bevor er den Arzt bei der Arbeit behindern konnte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Stirn zu erreichen, und Grantino beugte sich für einen Augenblick zu ihr herunter. Seine Augen lachten sie an und sagten Danke.

Schon zum zweiten Mal in dieser Woche versagte der Ventilator im OP ›So etwas darf einfach nicht passieren, ich muss mit dem Professor sprechen‹, nahm sich Grantino vor.

›In Brasilien – ach was‹, dachte er, ›ich darf einfach nicht so oft an Brasilien denken‹, rief er sich zur Ordnung, ›nicht während einer Operation.‹ Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Wortlos reichte ihm die Schwester die Instrumente, es war fast, als bestimme sie das Tempo der Arbeit. Grantino streifte sie mit einem kurzen Blick. Sie sah müde aus, genau wie er, genau wie sie alle an diesem späten Nachmittag. ›Aufpassen, keine Fehler machen‹, rief er sich im Stillen zu, ›eine Magenoperation wird schnell zur Routinesache, und dann wird sie schlecht.‹

Ein paar Worte hin und her, die Arbeit ging weiter.

Dreißig Minuten später war die Operation beendet. Die Hilfsschwester half ihm aus dem Kittel und nahm ihm Mundschutz und Kopfbedeckung ab. Sie lächelte, als er sich bedankte. »Was war das vorhin, dieser Seufzer, Schwester Stefanie?«

»Wirklich nichts, Doktor, ich war in Gedanken und dann die Hitze, entschuldigen Sie.«

»Es klang viel zu traurig für eine so junge Frau.«

»Vielleicht waren es traurige Gedanken, Doktor.«

»Dann müssen wir etwas dagegen unternehmen. Trinken Sie einen Tee mit mir in der Kantine?«

»Schrecklich gern, aber ich bekäme Schwierigkeiten mit der Oberschwester.«

»Dann müssen wir uns zu einem Tee ohne Oberschwester treffen. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie einmal frei haben, ja?«

Gleich darauf war er fort. Stefanie lächelte: So war er immer, freundlich, kameradschaftlich, aber nie mehr, nie passierte etwas anderes ...

Grantino verließ den OP-Trakt. ›Nette Frau‹, dachte er noch flüchtig, dann ging er eilig den langen Korridor hinunter. ›Wenn ich einmal Zeit habe, führe ich sie aus, vielleicht ins ›Imperium‹ am Firth, da war sie bestimmt noch nicht. Aber Zeit, wann habe ich schon einmal Zeit?‹

Er ging schnell weiter. ›Kein Mensch hat hier Zeit, Arbeit wird großgeschrieben. Wohlstand und Ansehen, das sind die Komponenten, die zählen. In Brasilien, da hatte jeder Zeit, immer, aber hier?‹ Das fing bei dieser kleinen Lernschwester an, die abends noch Schauspielunterricht nahm, und endete beim Professor Lloyd, der von seiner Frau verlangte, dass sie als Laborantin bei seinen Forschungen half.

Seine Schritte wurden lauter. Er ärgerte sich, sobald er an Lloyd dachte. Isabelle war so hinreißend jung, so zerbrechlich, warum hatte sie einen Mann geheiratet, der ihr Vater hätte sein können? Einen Mann, einen Fanatiker, der nur seine Klinik kannte, seine Forschungen und abends mit Büchern ins Bett ging statt mit seiner Frau, der seine Patienten verwöhnte und seine Frau hinter stinkende Reagenzgläser in ungelüftete Kellerräume verbannte?

»Hallo, Grantino, was machst du heute Abend?« Doktor Wallance kam ihm entgegen. War es schon so spät, dass der seinen Nachtdienst antrat?

»Ich habe eine Konzertkarte für die Londoner Sinfoniker erwischt.«

»Meine Güte, dann musst du dich aber beeilen.«

Grantino sah auf die große Uhr im Treppenhaus. »Du hast recht.« Er lief die breiten Marmorstufen hinunter. »Adieu, Wallance, eine ruhige Nacht für dich.«

Der Pförtner, die Glastür, endlich frische Luft – wie mild der Abend war. Grantino benutzte die Abkürzung durch den Park. Ein kleines Tor, die stille Villenstraße. Über den Pentland Hills versank die Sonne. Drüben, am Ende des Firth, krochen die Schatten der Nacht bereits über das Wasser. Grantino überquerte die Straße. Der kleine Bungalow, den er für die Dauer seiner Arbeit hier in Edinburgh gemietet hatte, lag am Ende der Häuserreihe. Grantino sprang mit einer Flanke über die niedrige Gartenmauer und ging über den Rasen. Der Junge aus der Klinikküche hatte das Tablett mit dem Abendessen auf den Küchentisch gestellt. Es sah appetitlich aus, aber Grantino hatte keine Zeit. Er drehte die Hähne im Bad auf, suchte den nachtblauen Abendanzug heraus, kaute einige Stückchen vom Toastbrot, kontrollierte Schuhe, Krawatte und Brieftasche und stand gleich darauf unter der heißen Dusche. ›In sechzig Minuten beginnt das Konzert‹, dachte er erschrocken, ›und wenn ich Pech habe, brauche ich allein eine halbe Stunde, um durch die Innenstadt zu fahren.‹ Gerade als er das Haus verlassen wollte, klingelte das Telefon. Wallance war am Apparat.

»Ich wollte dich nur warnen, fahr nicht die Mainstreet herunter. Eine große Umleitung würde dich bis Liberton führen. Das wurde gerade im Radio durchgegeben.«

»Danke für die Warnung.« Grantino legte auf, verschloss das Haus und eilte in die Garage. Wenig später jagte der rote Alfa Romeo die gewundenen Straßen hinunter der Innenstadt entgegen. Er hatte Glück, der Verkehr in den kleinen Nebenstraßen war schwach, die Leute saßen noch beim Abendessen. Dreißig Minuten später stellte er den Wagen in der Tiefgarage der Anna Hall ab. ›Geschafft‹, dachte er zufrieden, fuhr mit dem Lift nach oben, suchte seinen Platz und setzte sich, noch etwas außer Atem, aber zufrieden mit sich selbst, in seinen Sessel. Er bevorzugte – wenn es ihm gelang – einen Platz in der ersten Reihe einer Seitenloge. Es machte ihm Freude, den Musikern zuzusehen und den Dirigenten zu beobachten. Manche dirigierten mit weit ausholenden Bewegungen, zerzausten Haaren und feuchten Gesichtern. Andere dirigierten aus dem Handgelenk heraus und führten den Taktstock mit minimalen Gesten zum bravourösen Erfolg.

Aber heute war Grantino zu abgespannt, um auf solche Nuancen zu achten. Er gab sich mit geschlossenen Augen der Musik hin. Manchmal ließ er auch seine Gedanken spielen. Gewiegt von den Melodien, wanderten sie zu seinem einzigen Hobby, zu seinem Häuschen beim ›Rodono Hotel‹ am St. Mary's Loch, seinem kleinen, versteckten Ferienhaus, in dem er sich von der Hektik in der Klinik erholen konnte und von dem niemand in Edinburgh etwas wusste. Nur die Einheimischen rund um den See, denen er manchmal half, wenn ein Arzt gebraucht wurde, die kannten ihn.

Er dachte an die zurückliegenden Monate und an die Zeit davor; das Studium in Deutschland und das Stipendium in den USA. ›Meine Güte, hatte ich ein Heimweh damals! Danach die Arbeit in São Paulo, endlich die Stelle in Rio. Acht Jahre war ich dort. Eigentlich acht gute, befriedigende Jahre. Es gab natürlich auch Rückschläge bei der Arbeit, aber aus denen habe ich gelernt‹, sinnierte er, ›und es gab Erfolge, die meinen Namen bekannt gemacht haben. Die brachten mir Geld, ein Haus, einen Wagen und die Bekanntschaft interessanter Kollegen. Und sie brachten mir die Möglichkeit, noch einmal in Europa zu arbeiten.

Noch zwei, drei Jahre, dann geht's zurück an die Copacabana, ganz gleich, ob allein oder zu zweit. Meine Hoffnung, hier eine Frau fürs Leben zu finden, habe ich noch längst nicht aufgegeben.‹

Grantino wandte sich wieder ganz der Musik zu. Händel, Bach, Tschaikowsky, das waren die Komponisten der Melodien, die sich in sein Herz eingruben. ›Es sind die Gene meiner Vorfahren, die mich an diese Lebensart binden‹, dachte er. Sie waren einst aus Italien kommend in Brasilien eingewandert und sesshaft geworden. Auch sie waren Künstler gewesen und hatten als Glasbläser in dem fernen Kontinent angefangen. Aus Gläsern und Vasen und Tellern wurden dann feinste Christbaumkugeln, und aus der kleinen Werkstatt wurde ein großes Unternehmen. ›Aber irgendwie haben meine Wurzeln noch immer einen Halt im sogenannten Abendland. Und nun sollte auch meine Frau aus der Alten Welt stammen.‹

Andere Hoffnungen, die mit seinem Beruf zusammenhingen, hatten sich erfüllt: Er hatte in den modernsten Kliniken neue Erfahrungen gesammelt, neue Medikamente erproben können und moderne Methoden der Anästhesie kennengelernt. Nur sein privater Wunsch von der blonden Europäerin war ihm immer wieder zwischen den Fingern zerronnen. ›Da war ja auch nie Zeit für ein Privatleben‹, entschuldigte er sich selbst. Und plötzlich waren seine Gedanken wieder bei Mary Ashton. ›Morgen muss ich mich um sie kümmern. Morgen ist mein freier Tag, morgen habe ich Zeit, nach Tibbie Shiels Inn zu fahren.‹

Die Gedanken an das kleine Ferienhaus, an die Leute dort, die seine Freunde geworden waren, an das Segelboot, das er bald seeklar machen musste, an David McClay, den er beim Ritt in die Hills begleiten wollte – und eben an Mary Ashton holten ihn aus der Welt der Erinnerungen in die Welt der Melodien zurück.

Das Konzert endete mit Händels Feuerwerkmusik. Begeisterter Applaus, frenetische Rufe nach einer Zugabe ließen den riesigen Konzertsaal erbeben. Aber das Konzert war zu Ende, der Dirigent verließ das Pult, die Musiker gingen von der Bühne.

James Grantino stand auf. Erst jetzt sah er, dass in der Loge neben ihm Professor Lloyd und Isabelle gesessen hatten. Jovial winkte ihm der alte Mediziner zu, seine Frau begrüßte ihn nur mit einem kurzen Kopfnicken. ›Na, wenigstens nimmt er sie hin und wieder mit in ein Konzert‹, dachte Grantino und grüßte zurück. Ohne nach weiteren Bekannten zu suchen, verließ er die Anna Hall und fuhr zurück in sein Haus. Diesmal ließ er sich Zeit.

Endlich daheim, verzehrte er das Abendessen mit dem trocken gewordenen Toastbrot, den Wurst- und Käsescheiben, die sich inzwischen auf dem Teller kringelten, und den Tomatenstückchen, die als Dekoration den Tellerrand schmückten. ›Wenigstens die sind noch saftig‹, dachte er und zog sich während des Essens aus.

Der nächste Morgen, ein klarer, frischer Frühlingstag, weckte ihn mit Sonnenschein und einer frischen Meeresbrise. Wie immer hatte James Grantino bei offenem Fenster geschlafen und wie immer hatte ihn der Hund vom Nachbarn mit seinem Bellen geweckt. ›Macht nichts‹, dachte er, ›diesmal ist's mir recht, ich will so früh wie möglich starten.‹

Er duschte, zog seinen Freizeitdress an und packte ein paar Sachen ein, die er während des Tages am St. Mary's Loch brauchen konnte. ›Da unten weiß man nie, wie sich das Wetter entwickelt, und wenn ich wirklich das Boot klarmache und rausfahre, kann es frisch werden. Wir haben erst April, und da ist sogar noch Schneefall möglich.‹