Sonntage im August - Patrick Modiano - E-Book

Sonntage im August E-Book

Patrick Modiano

3,8
8,99 €

Beschreibung

In La Varenne an der Marne beginnt sie, die kurze Amour fou zwischen dem Fotografen und seiner Geliebten Sylvia, der Frau des windigen Geschäftsmanns Frédéric Villecourt, und sie endet in Nizza an der Côte d’Azur, wohin Sylvia ihrem Geliebten folgt. Im Gepäck hat sie einen Diamanten, den sie ihrem Mann entwendet hat. Der Diamant heißt »Kreuz des Südens«. Bei dem Versuch, ihn zu verkaufen, verschwindet Sylvia auf ungeklärte Weise – wie alle Vorbesitzer. Seine erste Trägerin wurde 1793 guillotiniert, und der vorletzte Besitzer 1944 erschossen …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 165

Bewertungen
3,8 (16 Bewertungen)
6
4
2
4
0



In La Varenne an der Marne beginnt sie, die kurze Amour fou zwischen dem Fotografen und seiner Geliebten Sylvia, der Frau des windigen Geschäftsmanns Frédéric Villecourt, und sie endet in Nizza an der Côte d'Azur, wohin Sylvia ihrem Geliebten folgt. Im Gepäck hat sie einen Diamanten, den sie ihrem Mann entwendet hat. Der Diamant heißt »Kreuz des Südens«. Bei dem Versuch, ihn zu verkaufen, verschwindet Sylvia auf ungeklärte Weise – wie alle Vorbesitzer. Seine erste Trägerin wurde 1793 guillotiniert, und der vorletzte Besitzer 1944 erschossen …

Patrick Modiano, geboren 1945 bei Paris als Sohn einer Schauspielerin und eines jüdischen Emigranten, publizierte bereits im Alter von 22 Jahren seinen ersten Roman. 1978 erhielt er für Die Gasse der dunklen Läden den Prix Goncourt. 2014 wurde Modiano der Nobelpreis verliehen.

 Im Suhrkamp Verlag sind von ihm u. ‌a. erschienen: Eine Jugend (st 4615), Villa Triste (st 4616), Die Gassen der dunklen Läden (st 4617), Pariser Trilogie (st 4618), Straferlaß

Patrick ModianoSonntage im August

Roman

Die Originalausgabe erschien 1986 unter dem Titel

Dimanches d'août

bei Gallimard.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4620

© Suhrkamp Verlag Berlin 1989

© Éditions Gallimard, 1986

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlagfoto: Raymond Depardon/Magnum Photos/Agentur Focus

FÜR JACQUES ROBERTFÜR MARC GRUNEBAUM

Sein Blick kreuzte schließlich den meinen. Es war in Nizza, am Anfang des Boulevard Gambetta. Er stand auf einer Art Podium vor einem Stand mit Lederjacken und Ledermänteln, und ich hatte mich in die erste Reihe der Gaffer geschoben, die zuhörten, wie er seine Ware anpries.

Bei meinem Anblick verlor er die Zungenfertigkeit des Straßenhändlers. Seine Redeweise wurde spröder, als wollte er zwischen seinen Zuhörern und sich eine Distanz herstellen und mir zu verstehen geben, daß dieser Beruf, den er da unter freiem Himmel ausübte, unter seiner Würde sei.

In sieben Jahren hatte er sich nicht sehr verändert: nur seine Gesichtsfarbe schien mir röter. Es wurde Abend, und mit den ersten Regentropfen fuhr ein Windstoß in die Avenue Gambetta. Neben mir probierte eine Frau mit blonden Locken einen Ledermantel an. Er beugte sich von seinem Podium zu ihr herab und beobachtete sie ermunternd:

– Er steht Ihnen wunderbar, Madame.

Die Stimme hatte immer noch den metallischen Klang, ein Metall, das inzwischen gerostet wäre. Schon verliefen sich die Gaffer wegen des Regens, und die Blonde zog den Mantel aus, den sie schüchtern an den Rand des Stands legte.

– Es ist eine echte Gelegenheit, Madame … zum amerikanischen Preis … Sie sollten …

Doch ohne ihm die Zeit zu lassen fortzufahren, wandte sie sich rasch ab und machte sich mit den anderen davon, als schämte sie sich, den obszönen Anträgen eines Passanten Gehör zu schenken.

Er stieg von seinem Podium herunter und ging auf mich zu.

– Welch angenehme Überraschung … Ich bin auf Draht … Ich habe Sie sofort erkannt …

Er schien verlegen, beinahe ängstlich. Ich hingegen fühlte mich ruhig und entspannt.

– Komisch, sich hier wiederzutreffen, was? sagte ich.

– Ja.

Er lächelte. Er hatte seine Sicherheit wiedergefunden. Ein Lieferwagen hielt auf unserer Höhe am Rand des Trottoirs, und ein Mann mit Lederjacke stieg aus.

– Du kannst das alles abbauen …

Dann sah er mir geradewegs in die Augen.

– Trinken wir etwas?

– Wenn Sie wollen.

– Ich gehe mit Monsieur etwas trinken, ins Forum. Hol mich in einer halben Stunde ab.

Der andere begann, die Ledermäntel und -jacken vom Stand in den Lieferwagen zu laden, während sich um uns her die Flut der Kunden aus den Türen des Kaufhauses an der Ecke der Rue de la Bouffa ergoß. Ein dünnes Klingeln kündigte den Ladenschluß an.

– Es geht … Es regnet schon fast nicht mehr …

Er trug eine sehr flache lederne Umhängetasche.

Wir überquerten den Boulevard und folgten der Promenade des Anglais. Das Café war ganz in der Nähe, neben dem Kino Le Forum. Er wählte einen Tisch an der Fensterfront und ließ sich auf die Bank fallen.

– Was gibt's Neues? sagte er. Sie sind an der Côte d'Azur?

Ich wollte ihm über seine Verlegenheit hinweghelfen:

– Komisch … Neulich habe ich Sie auf der Promenade des Anglais gesehen …

– Sie hätten mir guten Tag sagen sollen.

Seine massive Gestalt auf der Promenade und diese lederne Umhängetasche, wie sie gewisse Männer um die Fünfzig auf zu eng taillierten Jacketts zur Schau tragen, in der Absicht, eine jugendliche Figur zu behalten …

– Ich arbeite seit einiger Zeit in der Gegend … Ich versuche Lagerbestände an Lederbekleidung abzusetzen …

– Läuft's?

– So lala. Und Sie?

– Ich arbeite auch in der Gegend, sagte ich. Nichts Interessantes …

Draußen gingen nach und nach die großen Laternen der Promenade an. Zunächst eine violette, zitternde Helligkeit, die ein bloßer Windstoß auszublasen drohte wie eine Kerzenflamme. Doch nein. Innerhalb eines Augenblicks wurde dieses schwankende Licht weiß und hart.

– Dann arbeiten wir in der gleichen Ecke, sagte er. Ich wohne in Antibes. Aber ich fahre viel herum …

Seine Ledertasche ließ sich auf die gleiche Art öffnen wie eine Schulmappe. Er zog ein Päckchen Zigaretten heraus.

– Sind Sie nie mehr im Val-de-Marne? fragte ich.

– Nein, das ist vorbei.

Es gab einen Moment der Verlegenheit zwischen uns.

– Und Sie? fragte er mich. Sind Sie dorthin zurückgegangen?

– Nie.

Der bloße Gedanke, mich wieder an der Marne zu befinden, ließ mich schaudern. Ich warf einen Blick auf die Promenade des Anglais, den orangeroten Himmel, der düster wurde, und das Meer. Ja, ich war wirklich in Nizza. Ich mußte einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen.

– Ich möchte um nichts in der Welt in diese Gegend zurück, sagte ich zu ihm.

– Ich auch nicht.

Der Kellner stellte den Orangensaft, den Cognac mit Wasser und die Gläser auf den Tisch. Beide hefteten wir unsere Blicke noch auf die kleinste seiner Gebärden, als wollten wir so lange wie möglich den Augenblick hinausschieben, in dem wir die Unterhaltung wiederaufnehmen mußten. Er brach schließlich das Schweigen.

– Ich möchte etwas klarstellen …

Er betrachtete mich mit stumpfem Blick.

– Also … Entgegen allem Anschein war ich nicht mit Sylvia verheiratet … Meine Mutter wollte von dieser Heirat nichts wissen …

Den Bruchteil einer Sekunde lang erschien mir die Silhouette von Madame Villecourt, wie sie am Ufer der Marne auf dem Ponton saß.

– Sie erinnern sich an meine Mutter … Das war keine einfache Frau … Es gab Geldprobleme zwischen uns … Sie hätte mich aufs trockene gesetzt, wenn ich Sylvia geheiratet hätte …

– Sie erstaunen mich sehr.

– Nun ja, so ist das …

Ich glaubte zu träumen. Warum sollte Sylvia mir nicht die Wahrheit gesagt haben? Ich erinnerte mich sogar, daß sie einen Ehering trug.

– Sie wollte den Eindruck erwecken, daß wir verheiratet sind … Das war für sie eine Frage der Selbstachtung … Und ich, ich habe mich wie ein Feigling verhalten … Ich hätte sie heiraten sollen …

Ich mußte mich überzeugen lassen: dieser Mann hatte keine Ähnlichkeit mit dem vor sieben Jahren. Er legte nicht mehr dieses Selbstvertrauen und diese Grobheit an den Tag, die ihn mir verhaßt machten. Im Gegenteil, er war jetzt von einer resignierten Sanftmut. Seine Hände hatten sich sogar verändert. Er trug kein Armband mehr.

– Wenn ich mit ihr verheiratet gewesen wäre, alles wäre ganz anders gewesen …

– Glauben Sie?

Wahrhaftig, er sprach von jemand anderem als von Sylvia, und die Dinge hatten, mit diesem Abstand, einen anderen Sinn für ihn als für mich.

– Sie hat mir diese Feigheit nicht verziehen … Sie liebte mich … Ich war der einzige, den sie liebte …

Sein trauriges Lächeln war ebenso überraschend wie die Umhängetasche, die er trug. Nein, ich hatte nicht mit dem Mann vom Marneufer zu tun. Vielleicht hatte er ganze Kapitel der Vergangenheit vergessen oder war schließlich zu der Überzeugung gekommen, daß gewisse Ereignisse mit für uns alle so schweren Folgen nie stattgefunden hatten. Ich empfand ein unwiderstehliches Bedürfnis, ihn zu schütteln.

– Und der Plan mit dem Restaurant und dem Schwimmbad auf dieser kleinen Insel bei Chennevières?

Ich hatte die Stimme erhoben und mein Gesicht dem seinen genähert. Doch weit davon entfernt, wegen meiner Frage verlegen zu sein, behielt er sein trauriges Lächeln.

– Ich sehe nicht, was Sie sagen wollen … Sie wissen, ich habe mich vor allem um die Pferde meiner Mutter gekümmert … Sie hatte zwei Traber, die sie in Vincennes laufen ließ …

Er schien so arglos, daß ich ihm nicht widersprechen wollte.

– Haben Sie vorhin den Typ gesehen, der meine Ledermäntel in den Lieferwagen eingeladen hat? Nun, er wettet bei Rennen … Nach meiner Ansicht kann es nur ein Mißverständnis geben zwischen Menschen und Pferden …

Machte er sich über mich lustig? Nein. Er hatte immer jeglichen Humors entbehrt. Und das Neonlicht unterstrich den müden und ernsten Ausdruck seines Gesichts.

– Zwischen Pferden und Menschen klappt es nur sehr selten … Ich kann ihm noch so lang sagen, daß es ein Fehler ist, zu wetten, er macht weiter, aber er gewinnt nie … Und Sie? Immer noch Fotograf?

Er hatte die letzten Worte mit dem metallischen Timbre gesprochen, das ihm vor sieben Jahren eigen war.

– Damals hatte ich Ihren Plan mit dem Fotoband nicht so recht verstanden …

– Ich wollte Fotos von den Flußbädern in der Umgebung von Paris machen, sagte ich.

– Von den Flußbädern? Und deshalb wohnten Sie in La Varenne?

– Ja.

– Aber das ist nicht wirklich ein Flußbad.

– Finden Sie? Trotzdem gibt es das Beach …

– Und ich nehme an, daß Sie keine Zeit hatten, Ihre Fotos zu machen?

– Doch, doch … Ich könnte Ihnen einige zeigen, wenn Sie wollen …

Unsere Unterhaltung wurde müßig. Es war eigenartig, sich so auszudrücken, andeutungsweise oder durch Anspielungen.

– Jedenfalls kann ich sagen, daß ich sehr erbauliche Dinge erfahren habe … Und das war mir eine Lehre …

Meine Bemerkung ließ ihn kalt. Und doch hatte ich sie in aggressivem Ton formuliert. Ich hakte nach:

– Auch Sie, nehme ich an, haben all das in schlechter Erinnerung?

Aber ich bedauerte meine Provokation sofort. Sie war an ihm abgeglitten, und er umfing mich mit seinem traurigen Lächeln.

– Ich habe keinerlei Erinnerung mehr, sagte er.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

– Man wird mich bald abholen … Das ist schade …

Ich wäre gern länger mit Ihnen zusammen geblieben … Aber ich hoffe, daß wir uns wiedersehen werden …

– Wollen Sie mich wirklich wiedersehen?

Ich verspürte ein Unbehagen. In Gegenwart desselben Mannes wie vor sieben Jahren wäre ich weniger ratlos gewesen.

– Ja. Ich möchte Sie gern ab und zu sehen, damit wir über Sylvia sprechen.

– Glauben Sie, daß das wirklich sinnvoll ist?

Wie konnte ich mit ihm über Sylvia sprechen? Man mußte sich fragen, ob er sie nach sieben Jahren nicht mit einer anderen verwechselte. Er erinnerte sich, daß ich Fotograf war, doch auch bei Greisen, die das Gedächtnis verloren haben, sind noch ein paar Fetzen der Vergangenheit vorhanden: eine Geburtstagsfeier ihrer Kindheit, die Worte eines Wiegenlieds, das ihnen gesungen worden ist …

– Wollen Sie nicht mehr über Sylvia sprechen? Lassen Sie sich gesagt sein …

Er schlug mit der Faust auf den Tisch, und ich rechnete mit den Drohungen und Erpressungen von früher, die natürlich durch die Zeit verwässert wären wie die Aussagen jener senilen Kriegsverbrecher, die vierzig Jahre nach ihren Schandtaten vor ein Gericht gezerrt werden.

– Lassen Sie sich gesagt sein, daß nichts geschehen wäre, wenn ich sie geheiratet hätte … Nichts … Sie liebte mich … Das einzige, was sie gewollt hätte, ist, daß auch ich ihr einen Liebesbeweis gebe … Und ich war unfähig, ihn ihr zu geben …

Wenn ich ihn so betrachtete, dort, mir gegenüber, wenn ich diese Worte eines reuigen Sünders hörte, fragte ich mich, ob ich nicht ungerecht gegen ihn war. Er faselte, aber er hatte sich mit der Zeit eher gebessert. Damals hätte er eine solche Überlegung nie anstellen können.

– Ich glaube, Sie irren sich, sagte ich. Aber das ist ohne Bedeutung. Es ist jedenfalls gut gemeint.

– Ich irre mich keineswegs.

Und wie ein Betrunkener schlug er erneut mit der Faust auf den Tisch. Ich fürchtete, er könnte zu seiner Brutalität, seinem üblen Charakter zurückfinden. Zum Glück betrat in diesem Augenblick der Mann vom Lieferwagen das Café und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er drehte sich um und starrte ihn an, als würde er ihn nicht erkennen.

– Sofort … Ich stehe sofort zu deiner Verfügung …

Wir standen auf, und ich begleitete sie bis zum Lieferwagen, der vor dem Kino Le Forum geparkt war. Er schob die Tür auf, und eine Reihe auf Bügeln hängender Ledermäntel kam zum Vorschein.

– Sie können sich bedienen …

Ich rührte mich nicht. Da ging er die Ledermäntel einen nach dem andern durch. Er nahm die Bügel ab und hängte sie nach und nach wieder auf.

– Dieser muß Ihnen passen …

Er reichte mir den Ledermantel auf dem Bügel.

– Ich brauche keinen Mantel, sagte ich.

– Doch … Doch … Um mir eine Freude zu machen …

Der andere wartete, saß auf dem Kotflügel des Lieferwagens.

– Probieren Sie ihn an.

Ich nahm den Mantel und schlüpfte hinein. Er betrachtete mich mit dem scharfen Blick eines Schneiders bei der Anprobe.

– Ist er an den Schultern nicht zu eng?

– Nein, aber ich sage Ihnen doch, ich brauche keinen Mantel.

– Nehmen Sie ihn, um mir eine Freude zu machen. Ich bestehe darauf.

Er knöpfte ihn selber zu. Ich war so steif wie eine Schneiderpuppe aus Holz.

– Er steht Ihnen sehr gut … Und der Vorteil bei mir ist, daß ich viele große Größen habe …

Ich ließ es mir gefallen, um ihn schneller los zu sein. Ich wollte nicht diskutieren. Ich konnte es kaum erwarten, ihn abfahren zu sehen.

– Wenn es das geringste Problem gibt, tauschen Sie ihn gegen einen andern um … Ich bin morgen nachmittag an meinem Stand auf dem Boulevard Gambetta … Und ich gebe Ihnen für alle Fälle meine Adresse …

Er kramte in der Innentasche seines Jacketts und reichte mir eine Visitenkarte.

– Hier … meine Adresse und meine Telefonnummer in Antibes … Ich zähle auf Sie …

Er öffnete die vordere Tür, stieg ein und setzte sich auf die Bank. Der andere nahm am Steuer Platz. Er kurbelte das Fenster herunter und beugte sich hinaus.

– Ich weiß, daß Sie keine Sympathie für mich hatten, sagte er. Aber ich bin bereit, Abbitte zu leisten … Ich habe mich verändert … Ich habe begriffen, wo ich im Unrecht war … Vor allem gegenüber Sylvia … Ich bin der einzige, den sie wirklich geliebt hat … Wir reden noch miteinander über Sylvia, ja? …

Er musterte mich von oben bis unten.

– Der Mantel steht Ihnen ausgezeichnet …

Er kurbelte das Fenster wieder hoch, ohne mich aus den Augen zu lassen. Doch plötzlich, gerade als der Lieferwagen losfuhr, erstarrte sein Gesicht in einem Ausdruck der Bestürzung: ich hatte es mir nicht verkneifen können – unverständlich bei einem zurückhaltenden Menschen, wie ich es bin –, eine unflätige Geste mit dem Arm zu machen.

Einige Leute gingen ins Forum zur Einundzwanzig-Uhr-Vorstellung. Auch ich war versucht, mich in das alte Kino mit dem roten Samt zu setzen. Aber ich wollte diesen Ledermantel loswerden, der mir an den Schultern zu eng war und mich am Atmen hinderte. In meiner Hast riß ich einen Knopf ab. Ich faltete den Mantel zusammen, legte ihn auf eine Bank der Promenade und entfernte mich mit dem Gefühl, etwas Kompromittierendes hinter mir zu lassen.

War es die abbröckelnde Fassade des Kinos Le Forum? Oder das Wiederauftauchen Villecourts? Aber ich dachte daran, was seine Mutter mir in bezug auf den mysteriösen Mord an dem Schauspieler Aimos auf einer Barrikade des Gare-du-Nord-Viertels während der Befreiung von Paris anvertraut hatte. Aimos wußte zuviel, er hatte zu viele Unterhaltungen gehört, war in den Kneipen von Chennevières, Champigny und La Varenne zu vielen verdächtigen Leuten begegnet. Und die Namen all dieser Leute, die Madame Villecourt mir genannt hatte, riefen in mir die Erinnerung an die schlammigen Wasser der Marne wach.

Ich sah mir seine Visitenkarte an:

Frédéric Villecourt, Kommissionär.

Früher wären die Buchstaben seines Namens schwarz und aufgeprägt gewesen. Heute aber waren sie orangerot wie auf einem einfachen Werbezettel, und der recht bescheidene Ausdruck »Kommissionär«, wenn man sich an den Frédéric Villecourt vom Marneufer erinnerte, zeigte an, daß oft ein paar Jahre ausreichen, um mit vielen Ansprüchen fertig zu werden. Er hatte selbst mit blauer Tinte seine Adresse geschrieben: Avenue Bosquet 5, Antibes. Telefon: 50 ‌22 ‌83.

Ich ging die Avenue Victor-Hugo entlang, denn ich hatte beschlossen, zu Fuß nach Hause zurückzukehren. Nein, ich hätte niemals ein Gespräch mit ihm anknüpfen dürfen.

Das erste Mal, als ich ihn auf der Promenade des Anglais hatte vorübergehen sehen mit seinem schwerfälligen Gang, diese lächerliche kleine Ledertasche über der Schulter, verspürte ich keinerlei Lust, ihn anzusprechen. An jenem Sonntag schien eine milde Herbstsonne, und ich saß auf der Terrasse des Queenie. Und da drüben blieb er stehen, er zündete eine Zigarette an. Dann verharrte er noch einen Augenblick hinter dem Strom der Autos. Er würde bei der Ampel über die Straße gehen und direkt in meiner Höhe das Trottoir erreichen. Und dann bestand Gefahr, daß er mich bemerkte. Oder er würde sich nicht mehr bewegen, die Nacht würde hereinbrechen, und seine Silhouette würde sich für immer vor mir als Schattenriß gegen das Meer abheben.

Er ist weitergegangen in Richtung des Casinos Ruhl und des Jardin Albert-Ier, die Ledertasche über der Schulter. Um mich herum tranken Frauen und Männer Tee, steif wie Mumien, schweigend, den Blick auf die Promenade des Anglais geheftet. Auch sie spähten vielleicht in dieser vorbeiziehenden Menge nach Gestalten der Vergangenheit aus.

Mein Heimweg führt mich immer durch das, was einmal der Speisesaal des ehemaligen Hotel Majestic war, direkt an der Biegung des Boulevard de Cimiez. Jetzt ist es nur noch eine Halle, die als Versammlungs- oder Ausstellungsraum dient. Ganz hinten im Halbdunkel sang ein Chor auf englisch Choräle. Das Schild am Fuß der Treppe trug die Aufschrift: »Today: The Holy Nest«. Ihre hohen Stimmen waren noch im zweiten Stock zu hören, als ich meine Zimmertür wieder schloß. Man hätte es für Weihnachtslieder halten können. Übrigens, Weihnachten rückte näher. Es war kalt in diesem möblierten Zimmer, einem ehemaligen Hotelzimmer mit Bad, von dem noch die Nummer vorhanden war auf einem Messingschild im Innern des Schranks: 252.

Ich machte den kleinen Heizstrahler an, aber die Wärme, die er verbreitete, war so gering, daß ich schließlich den Stecker herauszog. Ich legte mich aufs Bett, ohne die Schuhe auszuziehen.

In diesem Majestic-Haus gibt es Wohnungen mit drei oder vier Zimmern, die ehemaligen Suiten des Hotels, oder einfache Zimmer, die man bei den Instandsetzungsarbeiten miteinander verbunden hat. Ich wohne lieber nur in einem Zimmer. Das ist nicht so traurig. Man hat noch die Illusion, im Hotel zu leben. Das Bett ist immer noch das von Zimmer 252. Der Nachttisch ebenfalls. Und ich frage mich, ob der falsche Louis XVI-Schreibtisch aus dunklem Holz zum Mobiliar des Majestic gehörte. Den Teppichboden gab es nicht im Zimmer 252: ein stellenweise abgenützter beige-grauer Spannteppich. Die Badewanne und das Waschbecken wurden ebenfalls ausgewechselt.

Ich hatte keine Lust, zu Abend zu essen. Ich machte die Lampe aus. Ich schloß die Augen und ließ mich von den fernen Stimmen des englischen Chors wiegen. Ich lag noch im Dunkeln auf dem Bett, als das Telefon läutete.

– Hallo … Hier ist Villecourt …

Seine Stimme war sehr leise, fast ein Flüstern.

– Störe ich Sie? Ich habe Ihre Nummer im Telefonbuch gefunden …

Ich blieb stumm. Er fragte mich wieder:

– Störe ich Sie? …

– Keineswegs.

– Ich möchte einfach, daß die Dinge zwischen uns klar sind. Als wir auseinandergegangen sind, habe ich den Eindruck gehabt, daß Sie mir böse sind …