TEUFELSJÄGER 203-204: "Verflucht auf EWIG 1-2" - W. A. Hary - E-Book
Beschreibung

TEUFELSJÄGER 203-204: "Verflucht auf EWIG 1-2" - A. Hary und Alfred Bekker:"Die ersten beiden Teile von insgesamt vier!"   Die in diesem vierteiligen Roman dargestellten Zustände in der JVA Ewig in Attendorn entsprechen in keiner Weise der Realität. Die Autoren haben sich einzig und allein von der äußeren Kulisse und dem beziehungsreichen Namen dieser Strafanstalt inspirieren lassen.   Wichtiger Hinweis: Diese Serie erschien bei Kelter im Jahr 2002 in 20 Bänden und dreht sich rund um Teufelsjäger Mark Tate. Seit Band 21 wird sie hier nahtlos fortgesetzt!   Alleinige Urheberrechte an der Serie: Wilfried A. Hary Copyright Realisierung und Folgekonzept aller Erscheinungsformen (einschließlich eBook, Print und Hörbuch) by hary-production.de ISSN 1614-3329 Copyright dieser Fassung 2019 by HARY-PRODUCTION.de * Canadastr. 30 * D-66482 Zweibrücken * Telefon: 06332-481150   Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jedweder Art nur mit schriftlicher Genehmigung von Hary-Production.   Cover von Ludger Otten, Veröffentlichung in Arrangement mit Alfred Bekker und Jörg Munsonius   Covergestaltung: Anistasius, Darstellung Schavall: Helmut Bone      Nähere Angaben zum Autor und Herausgeber siehe Wikipedia unter Wilfried A. Hary: de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._Hary

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W. A. Hary, Alfred Bekker

TEUFELSJÄGER 203-204: „Verflucht auf EWIG 1-2“

„Die ersten beiden Teile von insgesamt vier!“

Nähere Angaben zum Autor und Herausgeber siehe Wikipedia unter Wilfried A. Hary: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._Hary BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Wichtiger Hinweis

Diese Serie erschien bei Kelter im Jahr 2002 in 20 Bänden und dreht sich rund um Teufelsjäger Mark Tate. Seit Band 21 wird sie hier nahtlos fortgesetzt!

 

TEUFELSJÄGER 203-204

W. A. Hary und Alfred Bekker

Verflucht auf EWIG

„Die ersten beiden Teile von insgesamt vier!“

Die in diesem vierteiligen Roman dargestellten Zustände in der JVA Ewig in Attendorn entsprechen in keiner Weise der Realität. Die Autoren haben sich einzig und allein von der äußeren Kulisse und dem beziehungsreichen Namen dieser Strafanstalt inspirieren lassen.

Impressum

Alleinige Urheberrechte an der Serie: Wilfried A. Hary

Copyright Realisierung und Folgekonzept aller Erscheinungsformen (einschließlich eBook, Print und Hörbuch) by www.hary-production.de

ISSN 1614-3329

Copyright dieser Fassung 2019 by www.HARY-PRODUCTION.de

Canadastr. 30 * D-66482 Zweibrücken

Telefon: 06332-481150

www.HaryPro.de

eMail: wah@HaryPro.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jedweder Art nur mit schriftlicher Genehmigung von Hary-Production.

Cover von Ludger Otten, Veröffentlichung in Arrangement mit Alfred Bekker und Jörg Munsonius

Darstellung Schavall: Helmut Bone

Covergestaltung: Anistasius

Prolog

Das letzte Erdbeben, das New York heimgesucht hatte, war schon so lange her, dass sich kein Mensch mehr daran erinnern konnte. Es galt als äußerst unwahrscheinlich, dass so schnell wieder ein solches Ereignis der Stadt schaden konnte. Aber man hatte dennoch dafür gesorgt, dass die himmelstürmenden Gebäude selbst einem solchen Angriff der Natur trotzen konnten. Dafür waren viele gebaut, um eben möglichst allen Gefahren trotzen zu können, sogar einem Angriff aus der Luft, wie zuletzt gegen den sogenannten Twintower.

Zum Beispiel das Bertil-Fox-Building, eines der mächtigsten Gebäude überhaupt dieser Megametropole des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Und oben, auf diesem Gebäude, das war mehr als nur ein Penthouse. Es war eine beeindruckende Villa über der Stadt, an einem der höchsten Punkte, die es hier überhaupt gab. Und es war einer der sichersten Orte sogar auf der ganzen Erde!

Dafür hatte sein Besitzer gesorgt: Der Bewohner des Penthouses mit zweihundert Quadratmetern Wohnfläche und vielleicht dem Dreifachen an Sicherheitseinrichtungen allein hier oben. Dieser Bewohner war niemand anderes als Bertil Fox selber.

Er kannte die Gefahren, die dieser Welt drohten und nicht nur seinem Building. Das waren Gefahren, gegen die selbst die Urgewalt eines alles zerstörenden Erdbebens scheinbar nichts war. Es war eine Gefahr, die dabei war, alles menschliche Leben auf dieser Welt abzulösen. Eine Gefahr aus dem Dunkeln, aus dem Unsichtbaren, denn kaum jemand im weiten Erdenrund ahnte auch nur etwas davon. Es wäre auch sinnlos gewesen, eine Aufklärung zu versuchen: Niemand würde es glauben! Denn zu viele von denen, die Einfluss auf diesem Planeten hatten, standen längst im Sold und unter dem Einfluss der fremden, gefährlichen Mächte. Sie würden jeden Versuch einer Beweisführung ad absurdum führen.

Der untersetzte, sehr muskulöse Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel und der dunklen, fast schwarzen Haut wandte sich von der Panoramagalerie ab. Der freie Blick über das Häusermeer täuschte vor, dass es einen genauso freien Blick auch hier herauf gab. Nun, einen freien Blick gab es schon, aber halt eben nur scheinbar, denn optische Tricks spiegelten selbst spezialisierten Ferngläsern mit elektronischen Verstärkern ein Bild von hier oben vor, das es nicht wirklich gab. Es gehörte zur Tarnung - und die Tarnung war nur eine der Maßnahmen, die das Gebäude und speziell das Hochsicherheits-Penthouse und darin seinen Beherrscher Bertil Fox schützen sollten.

Er ließ sich in einen der Sessel fallen, die vor einer Monitorwand standen. Die meisten Monitore waren virtueller Art, denn ihre Bilder wurden von Hololinsen erzeugt. Eine Technik, die es offiziell eigentlich noch gar nicht gab, jedenfalls nicht in dieser Entwicklungsstufe. Aber es gab einiges, über das der mächtige Bertil Fox befahl, was es offiziell gar nicht gab - und für die meisten Menschen auch gar nicht geben konnte! - unter anderem die Bertil-Fox-Stiftung, die dieser muskulöse Mann einst ins Leben gerufen und die sich in den vergangenen Jahren wie ein Spinnennetz über die ganze Welt ausgebreitet hatte. Ein zwar noch äußerst dünnes und dadurch verletzliches Spinnennetz, aber dennoch bereits effektiv.

Nicht, um diese Welt eines Tages zu beherrschen, sondern ganz im Gegenteil: Um sie zu retten!

Auch wenn es trotz seiner Macht immer wieder erschien, als sei der Kampf um die Rettung der Welt sinnlos. Dann zum Beispiel, wenn es mal wieder einen Rückschlag gab.

Wie gut, dass Bertil Fox mit seiner Bertil-Fox-Stiftung nicht allein auf weiter Flur waren. Es gab einige sogenannte Geisterjäger, die unabhängig von ihm operierten – mit durchaus beachtlichem Erfolg.

Einer war ihm ganz besonders ins Auge gefallen: Mark Tate, der nicht Geisterjäger, sondern Teufelsjäger genannt wurde. Obwohl sein ewiger Kampf nicht allein dem Teufel galt, sondern auch allen Schergen des Bösen, die ja direkt und indirekt für den Teufel handelten.

Die Agenten von Bertil Fox hatten da etwas entdeckt, was vielleicht genau das Richtige war für den Einsatz von Teufelsjäger Mark Tate. Derzeit hatte die Bertil-Fox-Stiftung anderweitig im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun. Also würde er ausnahmsweise mal wieder Mark Tate kontaktieren und ihm schildern, worum es ging. Beziehungsweise, was er bisher bereits mit seiner Organisation in Erfahrung hatte bringen können. Er war ziemlich sicher, dass Mark Tate darauf eingehen würde. Es war ja beileibe nicht das erste Mal, dass er mit seiner Organisation zusammen arbeitete…

1

Attendorn am Bigge-See, Ortsteil Ewig

Ewig, so war der verheißungsvolle Name dieser Justizvollzugsanstalt im sauerländischen Attendorn. Ewig - ein Name, der alles andere als optimistisch klang, bezogen auf das Schicksal der Insassen. Aber damit hatte die Bezeichnung JVA Ewig nichts zu tun. Kein Zyniker hatte hier seine Hand im Spiel gehabt, auch wenn man das auf den ersten Blick glauben konnte. Der Name leitete sich einfach von dem ehemaligen Klostergut „Ewig“ ab, in dessen schlossartigen Mauern die JVA eingerichtet worden war.

Ein Schelm, dem Übles dabei schwante.

Björn Serner saß in seiner Zelle und zitterte leicht. Es war nicht die Kälte der ehemaligen Klostermauern und das klamme, sauerländische Regenwetter, was ihn so frösteln ließ. Es war pure Furcht. Todesangst.

Für dich gibt es keinen Ausweg mehr!, wurde ihm klar.

Eine bittere Erkenntnis. Aber es hatte keinen Sinn, die Wahrheit leugnen zu wollen.

Irgendwann wird diese Krake, mit der du dich eingelassen hast, ihre Arme nach dir ausstrecken, und einer davon wird lang genug sein, sich um deinen Hals zu legen.

Er schluckte.

Sein Gesicht wurde kreideweiß.

Du hast keine Chance mehr!, ging es ihm durch den Kopf. Eigentlich bist du schon so gut wie tot…

Ein Geräusch ließ Björn Serner zusammenzucken.

Er horchte aufmerksam.

Eine der Zellentüren, die diesen Trakt vom Rest des Gefängnisses trennte, wurde aufgeschlossen.

Dann waren Schritte zu hören.

„Essensausgabe!“, rief jemand, und Serner hörte, wie der Wagen mit den Tabletts vorangeschoben wurde und kurz an jeder Zelle hielt. Nach der Essensausgabe würde ein Wärter kommen und die Zellen für die Nacht schließen. Es war jeden Tag dasselbe.

Du hättest dich gleich entschließen sollen, zu reden. Nicht erst jetzt. Inzwischen werden dir viele nicht mehr glauben. Es war ein Fehler, auf das Wort von Arthur Tegeler zu vertrauen, die ganze Schuld auf sich zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass King Arthur (zu gut deutsch: „König Arthur“), wie er sich selbst gern nennt, dich und deine Familie nicht vergisst. Er ist alles andere als edel. Nicht wie sein großes Namensvorbild aus der Arthursage, ganz und gar nicht! Im Gegenteil: Er ist der personifizierte Teufel, weshalb ihn seine direkten Handlanger auch nicht King Arthur oder König Arthur, sondern… MEISTER nennen!

Serner saß zitternd in einer Ecke seiner Zelle. Es war ein langer Kampf gewesen, hierher, nach Gut Ewig verlegt zu werden, aber er hatte es schließlich geschafft. Hier war er zumindest einigermaßen sicher.

Er war sich sogar hundertprozentig gewiss, dass ein ehemaliges Kloster einen heiligen Ort darstellte. Hier waren die Möglichkeiten vom Meister begrenzt. Er konnte ihm nicht mehr mit seiner schrecklichen Magie beikommen. Und was andere - eher „weltliche“ - Möglichkeiten betraf: So genannte schwere Jungs gab es hier normalerweise nicht, denn ganz im Gegensatz zu dem deprimierenden Namen, den dieses Gefängnis trug, handelte es sich um eine „JVA für erwachsene männliche Strafgefangene zum Erstvollzug an Fahrlässigkeitstätern“, wie das im Amtsdeutsch so schön hieß. Viele befanden sich hier sogar im sogenannten offenen Vollzug mit Freigang.

Aber die beengten Verhältnisse in den Strafvollzugsanstalten des Landes NRW machten es notwendig, auch andere Gefangene hier unterzubringen.

Gefangene, die eigentlich nicht hierher gehörten, weil sie genau den kriminellen Tätertyp darstellten, den man hier nicht haben wollte, schon um den schlechten Einfluss auf die Mitgefangenen zu vermeiden.

Serner hingegen war Ersttäter.

Allerdings lag sein Strafmaß mit sechs Jahren erheblich über dem, was der Großteil seiner Mitgefangenen auf dem Buckel hatte.

Und dabei hast du noch nicht einmal eine Körperverletzung begangen, überlegte Serner voller Bitterkeit.

Der Richter hatte ein Exempel statuieren wollen. Untreue, Steuerhinterziehung, Anlagebetrug, betrügerischer Bankrott, Geldwäsche von Schwarzgeld - das alles hatte sich summiert. Das Gericht hatte eine erhebliche kriminelle Energie festgestellt.

Und die Anwälte, von „König Arthur“ ihm zur Verfügung gestellt, hatten ihn offenbar völlig falsch beraten. Oder stand sogar Absicht dahinter, um vom eigentlichen Täter endgültig abzulenken?

Wie auch immer: Jetzt steckte er jedenfalls bis zum Hals im Dreck.

Seine Furcht wurde immerhin so ernst genommen, dass man ihm eine Einzelzelle gegeben hatte, in der er ziemlich abgeschirmt von den anderen Gefangenen hauste.

Serner erhob sich und ging etwas auf und ab, wie ein wildes Tier, das man in einen Käfig eingesperrt hatte. Drei Tage noch bis zu seiner Anhörung vor dem Landgericht.

Drei Tage noch.

Dann hatte er seine Aussage gemacht, und es würde niemandem mehr nützen, ihn zu töten.

Diese Zeit wird dir noch verdammt lang vorkommen!, ging es ihm allerdings durch den Kopf. Wenn du sie überhaupt überlebst…

Sei kein Spinner!, versuchte er sich sogleich wieder zu beruhigen. Abgeschiedener als auf diesem vergitterten sauerländischen Klostergut geht es doch gar nicht… Bis hierher werden die Arme dieser Krake nicht reichen… Bestimmt nicht… Alles wird gut werden! Und wenn er seine schreckliche Magie einsetzt, schützt mich die Heiligkeit der ehemaligen Klostermauern. Daran - an dieser Heiligkeit - hat auch die Umwandlung in eine Strafvollzugsanstalt nichts geändert. Ja, ganz bestimmt nicht: Wie denn auch?

Er ballte die Hände zu Fäusten.

Er hatte im Fernsehen mal einen sogenannten Motivationstrainer gesehen, der Managern Mut eintrichterte, indem er sie die Faust ballen und „Tschaka, du schaffst es!“ rufen ließ.

Besonders beeindruckt war Serner nicht gewesen, aber da er nicht gläubig war - abgesehen von Dingen, die er mit eigenen Augen gesehen oder selbst erlebt hatte, wie beispielsweise die schrecklichen Möglichkeiten vom King -, erschien es ihm weniger absurd als ein Gebet.

Und so sagte er es wie eine magische Durchhalteformel vor sich hin:

„Du schaffst es!“

Diese drei Tage musste er noch durchhalten. Serner wusste nur zu gut, dass unter diesen Umständen drei Tage eine Ewigkeit sein konnten.

Der Gefängnisarzt hatte ihm Beruhigungstabletten gegeben. Serner nahm eine davon und schluckte sie mit etwas Wasser, während er hörte, wie der Essenswagen näher kam.

Die Tabletten hatten so gut wie keine Wirkung mehr. Serner fragte sich, weshalb er sie überhaupt noch nahm. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Dass ihm vor seiner Verlegung in das Gut Ewig nichts passiert war, grenzte an ein Wunder.

Drei Tage!

Dann würde sich alles entscheiden - so oder so.

Serner ging wieder auf und ab. Er brachte es einfach nicht fertig, ruhig dazusitzen. Er musste sich bewegen, etwas tun. Es war schlimm genug, so ohnmächtig in einer Zelle eingesperrt zu sein.

Der Essenswagen kam näher.

Serner hörte, wie die Tabletts durch die dafür vorgesehenen Öffnungen in die Zellen gereicht wurden. Er hörte das obligatorische Gemecker über den Speiseplan. Er hörte jedes Geräusch und kannte es bereits auswendig.

Es war jeden Tag dasselbe.

Und dann war der Wagen vor seiner Zelle. Zwei Männer waren bei dem Wagen. Einer öffnete die Gittertür, der andere trug das Tablett. Es war ungewöhnlich, dass sie hereinkamen. Wollten sie das überhaupt? Sie blieben stehen, jenseits der Türöffnung. Warum hatten sie überhaupt geöffnet?

Serner hatte gleich das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Er wich zurück.

Der Größere der beiden Kerle grinste schief.

„Abendbrot, Serner. Heute gibt's eine Spezialität des Hauses! Weißwurst mit Sauerkraut! Wir haben nämlich im Moment die bayrische Woche, du Arsch…“

„Für dich allerdings ausnahmsweise tiefgefroren!“, sagte der andere.

Seine Augen glitzerten eigenartig.

Dämonisch.

„Nein!“, flüsterte Serner schreckensbleich und wich vor den beiden zurück.

*

Dr. Wagner wirbelte herum, blickte einem der anwesenden Studenten direkt in die Augen und hob ruckartig den rechten Arm. Mit dem Zeigefinger zog er dabei einen Schnitt durch die Luft wie mit einem Skalpell.

Das gute, dunkelblaue Jackett kniff ihn dabei in der Armbeuge. Er trug es nicht besonders gerne, schon deswegen nicht, weil man jeden Flecken darauf sofort sehen konnte.

Aber wenn ein einfacher Gerichtsmediziner wie Wagner in die heiligen (wenn auch in marodem Bauzustand befindlichen) Hallen der Universität zu Köln (nicht etwa der Universität von Köln oder einfach der Universität Köln) geladen war, um einen Gastvortrag zu halten, dann konnte er sich dafür ja schließlich auch ein bisschen fein machen und dieses Opfer auf sich nehmen.

„Vielleicht das Wichtigste“, sagte Wagner und hob dabei erneut den Zeigefinger, um anzudeuten, dass es wirklich das Wichtigste war, was jetzt kam, „an das wir uns aus der heutigen Diskussion erinnern sollten, ist, dass der Leichnam immer noch ein menschlicher Organismus ist! Und wenn man ihn mit Sorgfalt und Respekt behandelt, kann er einem sehr viele Dinge erzählen. Er spricht zu uns mit seiner eigenen Stimme, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wir müssen ihm nur zuhören.“

„Seit wann glaubt der an Zombies?“, witzelte jemand in der zweithinteren Reihe.

Dr. Wagner hatte manche Eigenarten, ziemlich verschrobene gehörten angeblich dazu, Schwerhörigkeit allerdings überhaupt nicht: Sein Kinn schob sich angriffslustig vor. Er schien mit den Augen den Spötter durchstechen zu wollen.

„Glauben heißt: Nicht wissen!“, orakelte er mit ungewöhnlich sanfter Stimme, die wirklich jeden im Hörsaal besonders aufmerken ließ. Das klang viel gefährlicher als hätte er den Studenten jetzt übel zusammengestaucht.

Der junge Mann duckte sich wie unter schwersten Hieben und wollte dem stechenden Blick ausweichen, doch das gelang ihm einfach nicht.

„Wenn ich also Zombies persönlich kenne, brauche ich nicht mehr daran zu glauben. Wenn Sie es genau wissen wollen: Nein, ich glaube nicht an Zombies, überhaupt nicht an Untote.“

Endlich entließ er den Armen aus seinem stechenden Blick. Jetzt wirkten seine Augen wieder völlig normal, und auch ansonsten schien er den Zwischenfall vergessen zu haben.

Wagner hielt es trotzdem nicht hinter seinem Rednerpult. Die eine Hand in der Hosentasche vergraben, mit der anderen hektisch gestikulierend, ging er auf sein Publikum zu, um einen Moment später zurück zum Pult zu wandern.

So war er eben.

Selten hielt es ihn lange an ein und demselben Ort. Aber seine Schilddrüsenwerte waren in Ordnung, auch wenn der äußere Anschein etwas anderes vermuten ließ.

Und während dieses recht hektischen Pendelverkehrs rollte er seine aufmerksamen Hundeaugen unruhig hin und her und machte den Eindruck, als gäbe es nichts in diesem Raum, das von ihm unbemerkt bleiben konnte.

„Aber Sie müssen mit Ihren Augen zu hören versuchen!“, fuhr er fort. „Und mit Ihrem Tastsinn!“

Zum x-ten Mal trat Wagner die Rückkehr zum Rednerpult an.

„Sezieren ist ein Hilfsmittel“, erklärte er mit dem Rücken zu seinen Zuhörern. Und als er das Wort 'Sezieren' aussprach, pfiff sein ausgefahrener Zeigefinger erneut blitzartig durch die Luft. „Sezieren ist ein Hilfsmittel wie Histologie, Mikrobiologie, Pathologie. Alles Hilfsmittel, um zu verstehen, was der Körper uns mitzuteilen versucht.“

Inzwischen hatte Wagner sich wieder hinter das Rednerpult gestellt.

Er hielt die Hände gefaltet.

Das erinnerte allerdings kaum an eine Art Gebetshaltung. Eher schon konnte man annehmen, dass Wagner so seine unruhigen Hände gewaltsam daran hinderte, herumzufuchteln.

„Und am allerwichtigsten ist, dass wir zuhören und verstehen, was dieser tote Körper uns sagt - nicht als Zombie, sondern mit der Sprache, die Sie hier lernen sollen zu verstehen. Vor allem sollten wir dabei nie zögern, auch nach dem zu handeln, was er uns verrät! - Ich danke Ihnen.“

Wagner hielt einen Moment lang inne, dann ging sein Blick zur Seite.

„Dr. Schmidt-Grömelin!“

Ein glattgesichtiger Mann, der in seinem hellgrauen Anzug recht elegant wirkte, trat auf Wagner zu und erwiderte:

„Wir danken Ihnen, Dr. Wagner.“

Unter den Studenten kam Beifall auf, und Wagners Gesicht zeigte ein verlegenes Lächeln.