The One Best Man - Piper Rayne - E-Book

The One Best Man E-Book

Piper Rayne

0,0
4,99 €

Beschreibung

Der perfekte Mann ist ein charmanter sexy Anwalt, der genau weiß, wie er eine Frau verführt? – Pff. Ich war da. Hatte einen. Habe hinterher sein T-Shirt verbrannt. 

Nach meiner Scheidung habe ich nicht allen Männern abgeschworen, nur denen, die wie mein Ex sind. Ganz oben auf der Liste? Anwälte! Ich bin mit meiner Tochter zurück nach Chicago gezogen, um mich um meine kranke Mutter zu kümmern. Ich hatte mein persönliches Happy End nicht aufgegeben, nur die Suche danach auf unbestimmte Zeit verschoben. Als ich Reed Warner wiedersah, erinnerte er mich an alle meine Fehler. Ich wollte mich von ihm fernhalten, aber er blieb hartnäckig. Obwohl ich es besser weiß, kann ich nicht aufhören daran zu denken, wie sein Designeranzug seine Muskeln umspielt und seine blauen Augen mich intensiv mustern. 

Das Problem? Er ist nicht nur Anwalt, sondern er war auch Trauzeuge auf meiner Hochzeit und der beste Freund meines Ex.

Meinungen zum Buch:
Alle Bücher von Piper Rayne sind einfach der Wahnsinn! Sie schafft es jedesmal wieder mich aus einer Leseflaute rauszuholen! Nur zu empfehlen! – Buchhändlerin Catharina W., NetGalley

Wer die Bücher von Piper Rayne kennt, weiß, dass er absolut einmalige Unterhaltungslektüre in der Hand hält. Tolle Charaktere, die ausgesprochen vergnügliche Lesestunden bescheren. Ich habe alle Emotionen durchlebt und mitgelitten. Der raffinierte Cliffhanger am Schluss lässt den Leser sehnsüchtig auf Teil 2 warten. – Cora M., NetGalley

The One Best Man“ ist ein weiteres gelungenes Werk des Autorenduos Piper Rayne. Der Roman ist hitzig, humorvoll und spannend, ich hatte einfach Spaß beim Lesen. Für mich stimmt hier das Gesamtpaket, deswegen kann ich den nächsten Teil auch kaum erwarten. – Janine M., NetGalley

Ein großartiger, grandioser Roman deren Protagonisten einen festen Platz in meinem Herzen besitzen. Selbstverständlich bekommt der Roman fünf Sterne, wenn ich könnte würde ich fünftausend geben, und eine glasklare Kauf - und Leseempfehlung. – Sabine H., NetGalley

Einfach bezaubernd! Wo ist mein Reed Warner? – Katharina M., NetGalley

Von Piper Rayne sind bei Forever by Ullstein erschienen:
The Bartender (San Francisco Hearts 1)
The Boxer (San Francisco Hearts 2)
The Banker (San Francisco Hearts 3)

The One Best Man (Love and Order 1)
The One Right Man (Love and Order 2)
The One Real Man (Love and Order 3)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 393

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



The One Best Man

Die Autorin

Piper Rayne ist das Pseudonym zweier USA Today Bestseller Autorinnen. Mehr als alles andere lieben sie sexy Helden, unkonventionelle Heldinnen, die sie selbst zum Lachen bringen, und viel heiße Action. Und sie hoffen, du liebst das auch.

Das Buch

»Es ist die reinste Hassliebe mit Reed. Ich liebe es, ihn zu sehen. Ich liebe es, mit ihm Zeit zu verbringen. Und danach hasse ich mich selbst dafür.«

Nachdem ihre Ehe zu Bruch gegangen ist, will Victoria nichts mehr von Männern wie ihrem Ex wissen und schwört sich, nie wieder etwas mit einem Anwalt anzufangen. Gemeinsam mit ihrer Tochter zieht sie zurück in ihre Heimatstadt Chicago, um dort ihre kranke Mutter zu unterstützen. Als sie eines Morgens auf Reed trifft, den attraktiven besten Freund ihres Ex-Mannes, kämpfen in ihr widersprüchliche Gefühle miteinander. Eigentlich haben sie sich immer gut verstanden, doch Reed stellt auch eine Verbindung zu ihrer ungeliebten Vergangenheit dar. Als er sie um ein Date bittet, lehnt Victoria ab. Sie kann sich nicht auf ihn einlassen, denn er war nicht nur Trauzeuge auf ihrer Hochzeit, sondern ist obendrein auch noch Anwalt …

Piper Rayne

The One Best Man

Roman

Aus dem Amerikanischen von Cherokee Moon Agnew

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Deutsche Erstausgabe bei Forever.Forever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinNovember 2018 (1)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018© 2018 by Piper RayneTitel der amerikanischen Originalausgabe: Manic Monday

Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Übersetzung: Cherokee Moon AgnewE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-337-7

Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.

Hinweis zu UrheberrechtenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Zum Schluss noch ein bisschen Einhorn-Geschwafel

Über Piper Rayne

Leseprobe: The Bartender

Empfehlungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 1

Meine Hand knallt auf den Radiowecker, doch statt auszugehen, fällt das verdammte Ding wie eine Furie schreiend vom Nachttisch und landet auf dem Boden. Vorsichtig öffne ich ein Auge. Als ich den Klamottenhaufen auf den ganzen Kisten sehe, die in meinem provisorischen Schlafzimmer herumstehen, würde ich es jedoch am liebsten sofort wieder zukneifen. Der Wecker gibt weiter dieses schrille Geräusch von sich und dröhnt in meinem Kopf. Immer wieder greift meine Hand ins Leere, während ich versuche, das Kabel zu fassen zu kriegen, um es herauszureißen und das dumme Teil endlich zum Schweigen zu bringen.

»Mom?«, ruft meine Tochter Jade.

Ich drehe den Kopf in die Richtung, aus der ihre Stimme kommt, und da steht sie. In ihrem Schlafanzug mit den Kackhaufen-Emojis hält sie mir den Wecker entgegen, als wollte sie mir ein Geschenk überreichen.

»Mach ihn aus«, stöhne ich und drücke mir das Kissen auf den Kopf.

Ihre kleinen Füße tapsen über das knarzende Parkett und bleiben direkt neben meinem Bett stehen. Zuerst wird mir die Decke weggezogen, keine Sekunde später geht das Licht an, kurzzeitig bin ich vollkommen blind.

»Du kommst zu spät«, mischt sich nun auch noch meine Mutter vom Ende des Flurs ein.

Ich träume davon, von einem charmanten Fremden geweckt zu werden, der kein Wort Englisch spricht, mit sanften Händen meinen Körper erforscht, meine Haut mit Küssen bedeckt und mich langsam aus dem Schlaf holt. Stattdessen sind es meine siebenjährige Tochter und meine Mutter, die mich montagmorgens aus dem Bett schmeißen.

Jade schaltet den Wecker aus und stellt ihn zurück auf den Nachttisch. »Es ist sieben Uhr«, sagt sie gelassen.

»Was?« Ich setze mich auf, Chipskrümel rieseln auf das zerknitterte Laken.

»Hast du wieder im Bett gegessen?« Sie kichert, und ich packe sie an der Hüfte, ziehe sie zu mir ins Bett und kitzle sie ordentlich durch. Kitzelfolter.

»Mom, hör auf!« Sie zappelt und lacht. »Es ist erst Viertel nach sechs.«

Sie windet sich wie ein Wurm, und ich lasse sie los, denn ich bin heute später dran als sonst. Sonntag ist unser Mutter-Tochter-Tag, und ich musste gestern Abend noch lernen, nachdem sie ins Bett gegangen war, daher wurde es ziemlich spät.

»Ich mach schon mal die Dusche an.« Sie marschiert aus der Tür und schnurstracks in das kleine Bad unseres Drei-Zimmer-Bungalows. Jade schläft jetzt in meinem alten Zimmer, ich im Nähzimmer meiner Mutter. Sie näht sowieso nur noch selten.

»Danke. Und dann …«

»Ich weiß. Zähne putzen, anziehen und Haare kämmen.«

Ich lächle, weil meine Tochter schon so selbstständig ist, und gleichzeitig spüre ich einen wohlbekannten Stich im Herzen. Eigentlich sollte sie eine Mutter haben, die ihr die Klamotten rauslegt und ihr vor der Schule schicke Frisuren mit süßen Haarschleifen und Locken macht. Eine Mutter, die sie aufweckt, mit dem Duft von gebratenem Speck und Pfannkuchen und frisch gepresstem Orangensaft. Einen Vater, der ihre Mutter zum Abschied fest in den Arm nimmt und seiner Tochter verspricht, zum Fußballtraining zu kommen, während er ihr einen Kuss auf den Kopf gibt.

Stattdessen hat sie einen Vater, der noch nicht mal mit der Wimper gezuckt hat, als ich ihm mitteilte, dass wir Los Angeles verlassen und zurück nach Chicago ziehen würden. Eine Mutter, die ihr Studium sausen gelassen hat und nun versucht, einen Abschluss nachzuholen, während sie gleichzeitig Vollzeit arbeitet. Eine Mutter, die sie gezwungen hat, durchs halbe Land zu ziehen, den Strand und das sonnige Wetter gegen Beton und düstere Regentage einzutauschen.

Man muss ihr zugutehalten, mein starkes Mädchen hat mir nie Vorwürfe gemacht, nachdem ich sie beiseitegenommen und ihr erklärt hatte, dass Grandma unsere Hilfe brauche. Sie packte ihre Kisten und schluckte ihre Tränen hinunter. Ich schätze, die Leute haben recht, wenn sie sagen, dass sie mein exaktes Ebenbild ist.

Ich stehe auf und schaue auf mein Smartphone, um sicherzugehen, dass mir meine neue Chefin Hannah keine dringende Nachricht geschickt hat. Es ist nicht so, als würde sie das von mir verlangen. Mein alter Chef hingegen, Jagger Kale, erwartete immer sofort eine Antwort, ich muss mich also erst an die neue Situation gewöhnen. Alte Gewohnheiten sind schwer abzulegen.

Ich lege das Telefon aus der Hand, schnappe mir meinen Bademantel und verlasse meinen Kokon der Ruhe aus weichen Laken und warmen Decken, um in die Woche zu starten.

Eine Dreiviertelstunde später klackern meine High Heels über den Linoleumboden der Küche.

Mein Coffee-to-go-Becher steht neben der Handtasche, auch die Laptoptasche steht bereit. Jade schaufelt sich Cornflakes in den Mund, die Banane liegt unberührt daneben. Meine Mutter steckt noch im Schlafanzug, liest Zeitung und hört sich gedankenverloren nickend an, welche Zweitklässler-Dramen sich an Jades neuer Schule abgespielt haben.

»Dann hat Brian zu Peter gesagt, dass er Valerie mag und …«

»Moment mal«, unterbreche ich sie, während ich in meine Jacke schlüpfe. »Mögen? Du meinst freundschaftlich, oder?«

Jade verdreht die Augen, und ich blicke über die Schulter, denn dieses Augenrollen gilt sicherlich nicht mir.

»Mom.« Sie seufzt.

Meine Mutter klappt die Ecke der Zeitung herunter und sieht mich über den Rand ihrer Lesebrille hinweg an.

»Es ist zu früh für dich, irgendwelche Jungs zu mögen.«

»Tu ich doch gar nicht.« Jade merkt, dass ich fast fertig bin, steht auf, stellt die Schüssel in die Spüle und nimmt ihre Jacke.

Ich halte ihr den Rucksack hin, und sie steckt die Arme durch die Riemen.

»Gut, denn …«

»Jungs halten einen nur davon ab, die eigenen Träume zu verwirklichen. Man muss erst seinen eigenen Weg finden, bevor man ihn mit jemandem teilen kann«, äfft sie mich trocken nach.

»Sorry.« Ich beuge mich hinunter und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. »Aber so ist es«, flüstere ich.

Und wieder wird die Zeitung umgeschlagen. Offensichtlich gefällt es meiner Mutter nicht, was ich ihrer Enkelin beibringe.

Jade schlingt die Arme um ihren Hals und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. »Hab dich lieb, Grandma.«

Meine Mutter tätschelt ihr den Arm. »Ich dich auch, mein Käferchen. Ich hole dich dann von der Schule ab.« Dann senkt sie die Stimme und flüstert Jade etwas zu. Ich weiß genau, was die beiden im Geheimen miteinander besprechen. Meine Mutter erklärt Jade, dass sie ihr Herz für all die Möglichkeiten öffnen soll, die das wundervolle Leben zu bieten hat.

Das ist ein Haufen Scheiße, den ich früher selbst geglaubt habe. Und es hat mich genau dorthin gebracht, wo ich heute bin.

»Danke, Mom. Bist du dir sicher, dass du es schaffst, Jade abzuholen? Denn …«

»Mir geht’s gut.« Ihr warnender Blick gibt mir zu verstehen, dass ich nicht weiter nachbohren soll.

Wenn es um das Thema Liebe geht, ist meine Mutter butterweich, aber wehe, man stellt ihre Gesundheit infrage.

Ich tue es Jade gleich und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. »Hab dich lieb. Ruf an, falls was ist.«

»Mhm.« Sie widmet sich wieder der Zeitung. »Habt einen schönen Tag.«

Wir schnappen uns unsere Sachen und machen uns auf den Weg zur Schule, die nur drei Wohnblöcke entfernt ist, also bringe ich Jade zu Fuß hin. Wir sind noch nicht weit gekommen, als Jade plötzlich eine Frage stellt, bei der ich am liebsten abrupt stehen geblieben wäre, wäre ich nicht schon viel zu spät dran.

»Was für eine Art Dad ist Daddy?«

»Art?«

Jade hüpft den Bürgersteig entlang, von Platte zu Platte.

»Ja, früher war er immer der Wochenend-Dad, weil ich ihn nur am Wochenende gesehen habe.«

»Wo hast du das denn aufgeschnappt?« Verdammtes Google. Meine siebenjährige Tochter denkt, sie wäre siebzehn.

Vehement schüttelt sie den Kopf. »Nirgendwo.«

Ich senke das Kinn und starre sie mit großen Augen an. Das ist sozusagen mein strenger Mutterblick.

»Wirklich.« Sie hält mir den kleinen Finger entgegen. »Ich schwöre.«

Ich lasse mich auf den Kleine-Finger-Schwur ein, denn ich würde es meiner Tochter an der Nasenspitze ansehen, wenn sie gelogen hätte.

»Dein Dad ist einfach dein Dad. Er kommt uns bestimmt bald besuchen. Oder wir besuchen ihn mal. Jedes Wochenende wird er nicht kommen können, aber das ist ja das Tolle an der heutigen Technik.«

Ich sage das, obwohl das Arschgesicht in den letzten zwei Monaten nur viermal mit ihr geskypt hat. Was soll’s, damit beweise ich auf jeden Fall mehr Größe als er.

»Ja, aber Valerie sagt, ihr Dad sei der Date-Dad. Jeden Mittwoch holt er sie von der Schule ab, und dann gehen sie zusammen essen und ins Kino. Und er bringt ihr immer ein Geschenk mit.«

»Wie schön.« Mir tut es im Herzen weh, dass sie zu ihrem Vater keine so enge Bindung hat und wahrscheinlich nie haben wird.

Sie schweigt.

Ich wusste, dass der Umzug nicht leicht für sie werden würde. Meilenweit weg von einem Vater, für den sie sowieso nie an erster Stelle steht. Seine Priorität ist es, Geschäftspartner zu akquirieren. Sonst nichts.

»Vielleicht ist mein Dad ja ein Manchmal-Dad.«

Die Schlange der Autos auf der Straße vor uns zeigt, dass wir fast da sind. Kinderlachen vermischt sich mit den »Ich hab dich lieb«-Rufen der Mütter. Als wir uns dem Eingang nähern, stehen schon Lehrer bereit, die die Schüler hineinmanövrieren, doch ich halte Jade fest und beuge mich zu ihr runter.

»Jade.« Ich drücke ihre Schulter. »Dein Daddy vermisst dich. Ich weiß, manchmal ist er zu beschäftigt und vergisst anzurufen. Aber ich weiß genau, dass er an dich denkt. Du bist sein kleines Mädchen.«

Sie nickt. »Ich verstehe schon. Er will erfolgreich sein und viel Geld verdienen, weil Oma und Opa nie viel hatten.«

Ich ignoriere die aufkeimende Wut. Pete muss unbedingt besser darauf achten, was er ihr erzählt. Es gibt Wichtigeres im Leben als Geld. Sobald man auf dem Sterbebett liegt, ist es scheißegal, wie viel Kohle man noch auf dem Konto hat.

»Er will nur sichergehen, dass du alles hast, was du brauchst.« Ich streiche ihr eine braune Haarsträhne hinters Ohr.

Dass er aber auch einen neuen Sportwagen, ein Haus am Strand und all die anderen materiellen Dinge will, die Frauen anziehen, deren einziges Lebensziel es ist, sich einen reichen Mann zu angeln, sage ich ihr natürlich nicht.

»Er hat gesagt, dass er mir ein Geschenk geschickt hat.« Ihre Augen beginnen zu leuchten, und ich hoffe inständig, dass es diesmal auch wirklich ankommt.

»Siehst du, er denkt immer an dich.« Ich breite die Arme aus, und wir umarmen uns fest.

»Hab dich lieb, Käferchen«, flüstere ich ihr ins Ohr.

»Ich dich auch, Mommy.«

Wir lassen uns los, Jade geht voran. »Also ein Manchmal-Dad?«

War ja klar, dass sie es nicht lassen kann, ihren Dad genauer zu definieren. Sie ist eben stur.

»Einfach nur Daddy wäre mir lieber, aber …«

»Genau, ich werde den anderen einfach sagen, dass ich einen Manchmal-Dad habe.«

Wir erreichen die Treppe der katholischen St.-Patrick-Schule, überall herrscht morgendliches Gewusel. Zwei der mir bekannten Mütter stehen am unteren Treppenabsatz, schlürfen Kaffee und lästern darüber, wie unfähig die anderen Eltern sind.

»Victoria«, gurrt Darcie und schmeißt sich das lange blonde Haar über die Schulter. »Jade.« Sie sagt ihren Namen, als hätte sie es kaum erwarten können, meine Tochter heute Morgen zu sehen.

»Darcie. Georgia.« Ich beuge mich runter, ziehe Jades Pferdeschwanz ein wenig straffer und streiche ihr die feinen, abstehenden Haare glatt. »Hab einen schönen Tag. Grandma holt dich dann später ab.«

»Okay. Hab dich lieb, Mommy.« Noch einmal nimmt sie mich in den Arm, diesmal aber nicht mehr so fest wie eben. Bevor ich mich aufgerichtet habe, hat sie sich bereits zu einem rothaarigen Mädchen gesellt, das die ganze Zeit plappert, während sie die Treppe hinaufgehen.

»Einen schönen Tag, die Damen.« Ich drehe mich um, um mich auf den Weg zum Zug zu machen.

»Oh, Vicki«, sagt Darcie.

Es wäre wohl zu unhöflich, mich einfach aus dem Staub zu machen. Also setze ich mein Gerichtslächeln auf. Das Lächeln, das ich während des Scheidungsprozesses permanent aufgesetzt hatte. Das gruselige Lächeln, das Zufriedenheit und Ausgeglichenheit signalisieren soll, obwohl man innerlich tobt. »Victoria«, sage ich zum ungefähr fünfhundertsten Mal, seit wir hierhergezogen sind.

»Wie du weißt, findet in einem Monat der Jahrmarkt statt. Da du nicht beim Elterntreffen warst, haben wir dich für die Organisation eines Events eingetragen.«

Ich starre sie einfach nur an. Hauptsächlich, weil ich sonst ausraste, was Jade die Eingewöhnung nicht gerade erleichtern würde. Wir sind auf St. Patrick’s angewiesen. Es ist eine sehr gute Schule, außerdem direkt um die Ecke.

»Um was für ein Event handelt es sich denn?«, frage ich mit einer Geduld, die ich wohl während meiner Tätigkeit für meinen alten Chef Jagger Kale erworben habe. Wann genau soll dieser Jahrmarkt bitte stattfinden? Keine Ahnung, ob ich überhaupt Zeit habe. Außerdem … ein Jahrmarkt? Ganz ehrlich, lasst euch doch mal was Neues einfallen. Schließlich leben wir nicht mehr in den Achtzigern.

»Das kannst du dir selbst überlegen«, sagt die Bienenkönigin. »Hauptsache, ohne Essen. Essen muss vorher immer überprüft werden. Wir wollen die Kinder keinen unnötigen Gefahren aussetzen. Sollte machbar sein, oder?«

Und wieder starre ich sie an und versuche, mich am Riemen zu reißen, bevor ich mir noch ihren Starbucks-Becher schnappe und ihn so fest zusammendrücke, dass sich der Kaffee über ihre blöde khakifarbene Jacke ergießt.

Hallo, wäre ich eine Hausfrau mit zu viel Zeit, würde ich auch so tun, als wäre ich gerade auf dem Weg zum Sport, obwohl ich den ganzen Tag faul auf dem Sofa liege. Die Yogahose würde ich nur tragen, weil ich so viel Schokolade essen würde, dass mir sonst der Bund spannt. Frauen sollten sich nicht für das Klischeebild der Pralinen verspeisenden Mutti schämen. Weiß doch jeder, dass eine Mutter von sechs bis acht Uhr morgens und von fünfzehn bis einundzwanzig Uhr arbeitet.

»Super, ich lasse mir was einfallen«, erwidere ich lächelnd und nicke. Schnell weg hier, bevor ich ihr doch noch die Meinung geige, weil sie mich ohne mein Einverständnis in eine Liste eintragen hat.

Als ich den Mann entdecke, der seinen kleinen Jungen zur Schule bringt, bleibe ich wie vom Donner gerührt stehen. Ich starre ihn an, und mein Kopf ist wie leer gefegt. Ich denke nicht mehr an das Manchmal-Daddy-Dilemma, daran, dass ich rechtzeitig zur Arbeit kommen muss, oder an den Jahrmarktstand, den ich organisieren soll. Stattdessen versuche ich mich daran zu erinnern, wann ich Reed Warner das letzte Mal gesehen habe.

Kapitel 2

»Wer ist das?«, flüstert Georgia Darcie zu.

Erneut drehe ich mich zu ihnen um. Ich bin überrascht, denn ich dachte, sie würden jeden hier kennen. Bereits am ersten Tag hatten sie meinen und Jades Namen auf dem Schirm. Ich sag’s euch, verdammt beängstigend.

»Ich habe keine Ahnung, aber ich muss es unbedingt rausfinden.« Darcie nippt an ihrem Kaffee. Wäre ich unter Freunden, hätte ich einen Witz darüber gemacht, dass sie sich wie Teenager verhalten, aber ich bin von diesem Mann genauso fasziniert wie sie.

Das blaue Jackett umschmeichelt seine breiten Schultern. Da er es offen trägt, erhasche ich einen Blick auf seine schlanken Hüften und das weiße Leinenhemd, das er sich in die Hose gesteckt hat. Die gepunktete Krawatte hängt ihm lose um den Hals. Sein dunkles Haar ist noch feucht, und auf seinem definierten Kiefer zeichnen sich Stoppeln ab. Anscheinend war er spät dran und hat Hals über Kopf das Haus verlassen.

Er bleibt auf dem oberen Treppenabsatz stehen, sagt etwas zu Rektor Weddle, das ihn zum Lachen bringt, umarmt den Jungen, bevor sie sich mit einer Gettofaust voneinander verabschieden. Der Junge grinst über beide Ohren und verschwindet im Schulgebäude.

Wochenend-Dad.

»Ist er Henrys Vater?«, fragt Darcie. »Ich dachte …«

Als er auf uns zukommt, hält sie inne. Obwohl ich mindestens fünf Schritte entfernt stehe, sieht er mit seinen blauen Augen zuerst mich an, bevor er sich Darcie und Georgia zuwendet.

»Hi, ich bin Reed. Kann mir eine der reizenden Damen vielleicht sagen, wann die Schule zu Ende ist?« Wieder landet sein intensiver Blick auf mir. Ob er sich noch an mich erinnert?

»Ähm.« Ich schlucke schwer.

»Um fünf nach drei«, erwidert Darcie und mustert ihn mit schief gelegtem Kopf. »Sagen Sie …«

»Vielen Dank. Auf Wiedersehen, die Damen.« Er nickt ihnen zu. »Victoria, schön, dich wiederzusehen. Ich bin spät dran, aber wir sollten uns mal wieder treffen.« Ohne auf eine Antwort zu warten, steigt er in das Uber-Fahrzeug, das an der Bordsteinkante auf ihn wartet.

Seltsam, aber keiner der Angestellten schreit, er solle gefälligst wegfahren.

»Ist er gerade wirklich gegangen, obwohl ich mitten im Satz war?«, will Darcie von Georgia wissen.

»Und ob«, bestätigt sie und verkneift sich mit Mühe und Not das Grinsen.

Ich gehe, ohne mich zu verabschieden, denn, nun ja, im Kopf bin ich ganz woanders. Die Erinnerungen strömen wie ein Wirbelsturm miteinander konkurrierender Gedanken auf mich ein. Reed Warner. Der Trauzeuge meines Exmanns. Meine Güte, wer hat ihn in die verrückte Maschine aus Der helle Wahnsinn gesteckt und in den schönsten Mann Chicagos verwandelt?

»Er ist bestimmt der Vater. Einer dieser Wochenend-Dads.«

Als ich Darcies Kommentar höre, bleibe ich abrupt stehen.

Reed ist Vater? Er hat einen Sohn, der ungefähr in Jades Alter ist? Möglich wäre es. Ich glaube nicht, dass er und Pete noch lange Kontakt hatten, nachdem wir nach Los Angeles gezogen waren. Eine Million Fragen schießen mir durch den Kopf. Ist der Junge das Ergebnis eines One-Night-Stands? Ist Reed verheiratet? Teilt er sich mit der Mutter das Sorgerecht?

Während der gesamten Zugfahrt grüble ich darüber nach. Ich versuche, ihn aus meinen Gedanken zu vertreiben, aber ich muss mehr an ihn denken als an den Erdbeer-Rhabarber-Kuchen, den ich gestern beim Einkaufen links liegen gelassen habe. Und es ist das Gleiche wie mit dem Kuchen – sich der Sünde hinzugeben, mag sich im ersten Moment vielleicht gut anfühlen, aber hinterher bereut man es.

Ich öffne die Glastür zu meinem neuen Büro, hechte zum klingelnden Telefon und gehe ran, während ich mich setze und gleichzeitig die Jacke ausziehe. »Guten Morgen. Sie sprechen mit Victoria von der RISE-Foundation. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Als Erstes könntest du deinen Hintern in ein Flugzeug zurück nach Los Angeles setzen.«

Jagger Kale – mein ehemaliger Chef.

Ich lächle. »Du warst derjenige, der mir den Job hier verschafft hat«, sage ich, lehne mich zurück und werfe einen Blick auf die Uhr. »Flitterwochen etwa schon vorbei?«

»Ich habe dir den Job besorgt, weil ich einfach großartig bin. Außerdem … woher willst du wissen, dass ich Quinn nicht gerade flachgelegt habe und sie nun ganz beseelt neben mir liegt?«

Obwohl ich grinsen muss, lache ich nicht über seine derbe Ausdrucksweise, denn ich will nicht, dass er sich auch noch bestätigt fühlt. »Noch mal vielen Dank«, sage ich aufrichtig.

Dass Jagger den Kontakt zu Hannah hergestellt hat, als ich seine Firma in Los Angeles verlassen habe, zeigt, dass er eigentlich ein guter Kerl ist. Ja, er ist arrogant und egoistisch und vielleicht auch ein wenig zu ichbezogen, aber irgendwas hat er an sich, dass man ihn trotz allem mögen muss.

»Wie ist der neue Assistent?«, will ich wissen.

»Scheiße. Er widerspricht mir.«

»Ich habe dir auch widersprochen.«

»Das ist was anderes.«

Ich vermisse ihn, auch wenn ich es nie zugeben würde. Wir sind gut miteinander ausgekommen. Jagger war nach der Scheidung mein erster Arbeitgeber, und anfänglich hätte er jeden Grund gehabt, mich zu feuern. Ich war zynisch und hasste alle Männer. Bis er sich zusammengerissen hatte und wieder mit Quinn zusammenkam, war er der Inbegriff all dessen, was ich verabscheute. Aber ich wusste schon damals, dass er mir das Gegenteil würde beweisen können.

»Ich sitze gerade auf Deck und lasse den Blick über den Ozean schweifen. Wie ist es in Chicago? Soll ich dir eine Ladung Vitamin D schicken?« Er lacht leise.

Im Hintergrund höre ich Geräusche, und er legt die Hand über die Sprechmuschel. Ich schwöre, ich höre Küsse.

»Victoria«, sagt er schließlich ernst.

»Lass die Arme doch in Ruhe. Hi, Victoria.« Quinns Singsang lässt darauf schließen, dass sie gerade ihren wahr gewordenen Traum lebt.

»Hey, Quinn.«

»Warte, ich schalte dich auf Lautsprecher«, sagt Jagger.

Keine Sekunde später mischt sich das Tosen brechender Wellen in unsere Unterhaltung. Ich vermisse das Meer. Die Wärme, der Sand zwischen den Zehen und die Sonne haben mich zu einer glücklicheren Version meiner selbst gemacht.

»Wie geht es Jade?«, fragt Quinn. »Hat sie sich schon eingelebt?«

Ich höre das Klappern von Geschirr, wahrscheinlich bereiten sie gerade das Frühstück auf dem Schiffsdeck vor.

»Ja, hat sie.« Da Hannah jeden Moment zur Tür reinkommen könnte, schalte ich den Computer an. »Du hast also von deinem Ehemann noch nicht die Nase voll?«, frage ich scherzhaft.

Quinn kichert, dann höre ich sie quietschen, gefolgt von erneuten Kussgeräuschen.

Genau, rammt mir das Messer doch direkt ins Herz. Die einzige Zunge, die ich in letzter Zeit zwischen Schule und Arbeit und Jade und meiner Mutter gespürt habe, war die von Moe, dem Kater meiner Mutter.

»Entschuldigung, dass ich störe. Ach, richtig, ihr habt mich angerufen.«

»Sorry«, sagt Quinn und kichert leise. »Wir sind immer noch in der Phase, in der wir die Hände nicht voneinander lassen können.«

»Ihr braucht euch nicht zu entschuldigen. Ich werde nun wieder von deinem letzten Helden träumen und hoffen, dass ich eines Tages jemanden wie ihn kennenlerne.«

Sie lacht. »Du mochtest Van wohl, was?«

Quinn schreibt Liebesromane, und glücklicherweise bekomme ich ihre Bücher schon vor dem Erscheinungsdatum.

»Wie könnte man ihn nicht mögen?« Mein Magen zieht sich zusammen, als ich an den heißen Moment zurückdenke, als er sie gegen die Wand presst, die drängenden Küsse, der sinnliche Sex.

»Bin ich seine Vorlage?«, fragt Jagger.

Ich lache.

»Nein, Schatz«, erwidert Quinn.

»Du stellst dir also vor, was andere Typen mit dir anstellen könnten?«

Jetzt lacht auch Quinn. »Ich bin nicht die Heldin der Geschichte. Es ist reine Fiktion, Schatz. Nicht echt, verstehst du?«

»Trotzdem. Erzähl mir, was Van so treibt. Ich gehe jede Wette ein, dass ich zehnmal besser bin«, sagt Jagger mit seiner typischen lässigen Arroganz.

»Viel Glück damit.« Ich tippe das Passwort ein und öffne das E-Mail-Programm.

»Gleich hier. Auf diesem Tisch.« Jaggers Stimme klingt gedämpft, als hätte er sich vom Telefon entfernt. Für mich ist es das Stichwort, dass es nun höchste Zeit ist aufzulegen.

»Okay, ihr beiden. Danke für den Anruf. Ich muss jetzt leider Schluss machen. Wir hören uns.«

Quinn versucht, sich zu verabschieden, doch ihrem Gekicher nach zu urteilen, ist Jagger bereits dabei, sie auszuziehen, also lege ich schnell auf.

Die Stille im Büro ist befremdlich. Davor war ich in einer Firma mit Hunderten von Angestellten, jetzt sind wir nur drei bis fünf Leute, je nach Wochentag.

Jaggers Bekannte Hannah Crowley, die es aus eigener Kraft zur Multimillionärin gebracht hat, hatte beschlossen, eine Stiftung zu gründen, die junge Mädchen stärken soll. Da ich aufgrund des immer schlechter werdenden Gesundheitszustands meiner Mutter umziehen musste, hat mir Jagger in Hannahs Wohltätigkeitsorganisation eine Stelle als Sekretärin verschafft. Jetzt trage ich zwar nicht mehr so viel Verantwortung wie früher, aber dafür habe ich nun zwei nette Kolleginnen. Was Besseres könnte ich mir gerade nicht wünschen.

Ich beantworte gerade ein paar E-Mails, als die Glastür auffliegt und die lautere meiner beiden Kolleginnen hereingestürmt kommt und sich mir gegenüber auf den Bürostuhl plumpsen lässt.

»Heiliger Strohsack! Hast du schon gehört, was gestern Abend passiert ist?«, fragt Chelsea.

Kapitel 3

Chelsea ist wundervoll. Sie ist ein paar Jahre jünger als ich und hat schulterlanges, blondes Haar, das sie manchmal glatt trägt und am nächsten Tag wieder lockig. Sie hat den Modegeschmack einer Designerin aus New York City, ihre Nägel sind immer lackiert, das Make-up immer makellos, ihre Kleidung knitterfrei.

Ein bisschen wie ich, bevor Jade zur Welt kam.

Ich will mich gar nicht beschweren. Ich trage gern meine fleckigen Billigklamotten und verschmiertes Make-up, solange Jade zu Hause ist, wenn ich heimkomme.

»Wem ist gestern was passiert?« Ich nehme die Hände von der Tastatur und schenke ihr meine volle Aufmerksamkeit.

Sie wirft die Handtasche auf den anderen Stuhl und schlägt die Beine über. »Hannah. Und ihr verdammter Ex.«

»Was?« Ich stütze mich auf die Ellbogen, lehne mich weiter über den Schreibtisch und spiele mit einem Stift herum.

»Dieser ekelhafte Drecksack hat sich für irgendeine Benefizveranstaltung hinter Hannahs Rücken die Räumlichkeiten gekrallt, in denen unsere Gala hätte stattfinden sollen. Sie hat mich gestern Abend angerufen und mir gesagt, dass wir mit der Suche komplett bei null anfangen müssen.«

»Das heißt, wir haben jetzt keinen Veranstaltungsort für die Gala?« Ich schüttle den Kopf.

»Ich habe mir ein paar Sachen angesehen, und ich glaube, wir sollten uns auf den Norden der Stadt konzentrieren.« Während sie spricht, wippt Chelsea unablässig mit dem Bein.

»Meinst du, die Leute sind bereit, so weit zu fahren?«

Ich weiß nicht, ob Hannah RISE derzeit mit ihrem eigenen Geld am Laufen hält, aber im Moment plant sie eine riesige Abendveranstaltung, die Ende des Sommers stattfinden soll, um Spenden für diverse kleinere Wohltätigkeitszwecke zu sammeln, die von unserer Stiftung unterstützt werden. Eigentlich hatten wir bereits eine Zusage für die Räumlichkeiten, oder zumindest dachten wir das.

»Ich glaube schon. Mindestens die Hälfte der Gäste lebt sowieso auf der Nordseite. Dort liegt das Geld.«

Ich nicke, sie hat recht. Chelsea und ich sind in der Stadt groß geworden, aber Hannah ist in einem nördlichen Vorort von Chicago aufgewachsen und erst später in die City gezogen.

»Die Räumlichkeiten liegen ein bisschen weiter nördlich, aber dafür direkt an einem See. Und ein Hotel ist auch in der Nähe. Ich habe heute Morgen dort angerufen. Wahrscheinlich müssen wir das Datum ändern, aber sie haben noch freie Termine.« Chelsea steht auf und schnappt sich ihre Tasche.

»Wann machst du das bloß alles?« Ich folge ihr, schalte den Kopierer an und mache mich auf den Weg in die kleine Büroküche, um die Kaffeemaschine anzustellen. Zwar unterstützen wir alle die Wirtschaft, indem wir uns auf dem Weg zur Arbeit einen Coffee to go kaufen, aber manchmal haben wir auch Gäste im Büro.

»Lass mich mal überlegen. Ich gehe nicht noch nebenher zur Schule, habe keine siebenjährige Tochter und keine Mutter, die auf Hilfe angewiesen ist.« Sie hebt die Brauen, und ich lache.

»Ich hoffe, du bist neidisch.« Während Chelsea sich auf den Weg in ihr Büro macht, gehe ich in die entgegengesetzte Richtung in die Küche. »Und zwar sehr neidisch«, rufe ich ihr nach.

»Aber ich hatte ein Date«, ruft sie zurück. Ich verschiebe das Kaffeemachen auf später, verlasse die Küche und gehe rüber zu Chelseas Büro. Hannah hat sowieso nichts davon gesagt, dass heute Morgen jemand vorbeikommen würde.

»Ein Date?«

Mit Chelsea und Dates verhält es sich in etwa so, als wäre sie gemeinsam mit den unbeliebtesten Männern ganz Amerikas in einer Reality Show, und es ist ihre Aufgabe, etwas Gutes an ihnen zu entdecken. Spoileralarm – sie schafft es nie.

»Wir waren bei einer Dichterlesung.«

Ich lehne mich gegen den Türrahmen. Emsig wirbelt Chelsea in ihrem Büro umher, stöpselt den Laptop ein, legt den Notizblock bereit. Wie akribisch diese Frau doch ist.

»Klingt romantisch.«

»Es war ein Poetry-Slam«, sagt sie trocken, während sie den Computer hochfährt.

»Unterhaltsam.«

Sie sieht jedoch nicht gerade begeistert aus. »Er hat ein Gedicht vorgetragen.«

»Über dich?« Ich lächle.

»Genau, Vic, er hat sofort ein Gedicht über mich geschrieben, als er mich kennengelernt hat.« Sie verdreht die Augen.

»Könnte doch sein. Wäre zumindest eine große Geste.«

»Erzähl mir nicht, dass du an so was glaubst.« Sie setzt sich an den Schreibtisch. »Ich dachte, wir wollten beide für immer Single bleiben?«

Chelsea ist ebenfalls geschieden. Ich weiß zwar nicht wer, was, wann und warum, aber Scheidung ist Scheidung. Es brandmarkt einen. Erzählt man den Leuten, dass man geschieden sei, sehen sie einen an, als wäre der Hund vom Auto überfahren worden. Immer wird von Betrug, Sucht, Geldproblemen, Geheimnissen und Lügen ausgegangen. Es ist, als würde jemand die Tür zur eigenen Seele öffnen und einen Blick auf all die Hässlichkeit erhaschen, die man zu verstecken versucht. Zum Glück hat sie von dem Mistkerl keine Kinder bekommen.

»Du willst mir also sagen, dass du nicht geschmeichelt wärst, wenn er spontan ein Gedicht über deine umwerfende Schönheit geschrieben hätte?« Ich verschränke die Arme vor der Brust und sehe sie ungläubig an.

»Nein. Wahrscheinlich hätte ich ihn auf dem Heimweg im Taxi flachgelegt. Das heißt aber nicht, dass daraus was Ernstes geworden wäre.« Sie schüttelt den Kopf.

Bevor ich Chelsea getroffen habe, dachte ich immer, ich wäre zynisch. Aber sie arbeitet so fleißig an ihrem Zynismus, als wäre es Teil ihres Jobs.

»Trotzdem. Immerhin ist er kreativ. Das ist ein gutes Zeichen. Die meisten bösen Jungs sind kein bisschen kreativ.«

»Er hat auf der Bühne geheult.« Mit zusammengezogenen Brauen sieht sie mich an. »In dem Gedicht ging es um seine letzte Trennung.«

»Das soll wohl ein Scherz sein?« Ich versuche, mir das Lachen zu verkneifen, jedoch ohne Erfolg. Das ist Chelseas Leben. Ich schwöre, man könnte ein Buch darüber schreiben. Vielleicht sollte ich sie und Quinn miteinander bekannt machen.

»Ich wünschte, es wäre einer. Wieder eine Niete. Nicht mal ein Gutenachtkuss war drin. Ich meine, es ist die oberste Regel, dass man beim ersten Date nicht über seine Verflossenen spricht. Und was macht der Typ? Er trägt ein Gedicht über seine Ex vor und weint dabei.«

»Autsch.« Ich zucke zusammen.

»Ja, das tut meinem bereits geschundenen Ego nicht gerade gut. Ich brauche dringend eine Männerpause.« Sie wirft die Hände in die Luft.

Ich verdrehe die Augen. »Oho.«

»Auf Nimmerwiedersehen. Echt schade, er hat diese coolen Hipster-Schwingungen ausgestrahlt.« Sie widmet ihre Aufmerksamkeit dem Computer und tippt das Passwort ein.

»Hipster?«

Grinsend zeigt sie mit dem Finger auf mich. »Lach nicht. Ich habe mir geschworen, alle Geschmacksrichtungen mal durchzuprobieren.«

Beschwichtigend hebe ich die Hände. »Hey, ich lache überhaupt nicht. Ich kann mich nicht mal mehr an die letzte Geschmacksrichtung erinnern.«

Dann lachen wir beide. Tränen strömen mir über die Wangen, und Chelsea lacht so heftig, dass ich schon befürchte, sie hyperventiliert gleich. »Er trug eine Hornbrille und ein Beanie, und seine Klamotten sahen aus, als hätte er sie vom Schlafzimmerboden aufgesammelt.«

Die Tür geht auf, und Hannah kommt herein und starrt mich an, wie ich gekrümmt dastehe und mir vor lauter Lachen den Bauch halte. »Ihr habt ohne mich mit den Montag-Morgen-Dating-Geschichten angefangen?«, jammert sie, wirft ihre Tasche auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch und umklammert mit beiden Händen den Kaffeebecher.

Ich muss in mich hineingrinsen. Sie ist so anders als Jagger. Er hat mir immer bereits Aufgaben zugebellt, bevor er überhaupt meinen Schreibtisch passierte.

Sie quetscht sich an mir vorbei und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Nun ja, Hannah lässt sich nicht fallen. Sie gleitet mit Eleganz und Grazie in den Stuhl. Ihr enges Kleid und die dazu im Kontrast stehenden High Heels sind nächsten Monat bestimmt der neueste Schrei. Sie gehört zu den Frauen, die geradezu strotzen vor Klasse und der aktuellen Mode immer eine Nasenlänge voraus sind.

»Los, erzählt schon. Ich will auch lachen«, fordert sie und nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee.

»Chels hatte am Wochenende ein Date«, erkläre ich, und Hannah grinst über beide Ohren.

Ich hab’s euch gesagt, Chelseas Dates sind wie kleine Goldklumpen in einem Haufen Müll.

»JUHU!« Freudig stößt Hannah eine Faust in die Luft. »Wie schlimm war es?«

»Nicht allzu schlimm«, kommentiere ich. In diesem Moment klingelt das Telefon, also sprinte ich zu meinem Schreibtisch und überlasse Chelsea die Details.

»Guten Morgen. Hier spricht Victoria von der RISE-Foundation. Wie kann ich behilflich sein?«

»Ist Hannah da?«, fragt der Mann am anderen Ende der Leitung.

»Dürfte ich Ihren Namen erfahren?«

»Mr. Bennett. Sie wartet auf meinen Anruf.«

»Alles klar. Einen Moment bitte.« Ich stelle ihn auf stumm und gehe in Chelseas Büro, wo Hannah gerade lachend auf die Schreibtischkante schlägt.

»Ich bezahle dich dafür, dass du dich noch mal mit ihm triffst. Vielleicht schreibt er dann ein Gedicht über dich.«

Chelsea zeigt Hannah den Vogel.

»Hey, ich bin deine Chefin.« Vor lauter Lachen bringt Hannah den Satz kaum raus.

»Dann geh besser und halte den Laden am Laufen. Ich werde nie einen Mann finden, der es mit mir aushält und für mich sorgen kann.« Chelsea tippt auf der Tastatur herum.

»Hannah, da ist ein gewisser Mr. Bennett in der Leitung«, sage ich.

Ihre Augen fangen an zu leuchten, und sie lehnt den Kopf zurück. »Ja, ich muss dringend mit ihm sprechen. Stell ihn in mein Büro durch.« Sie steht auf und verlässt Chelseas Büro.

»Hey, Vic.« Bevor ich Hannah folgen kann, werde ich von Chelsea aufgehalten. Sie wirkt, als hätte sie einen Geist gesehen. Plötzlich ist sie ganz weiß, und ihre Gesichtszüge wirken angespannt. »Wer ist Mr. Bennett?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Steuerberater«, ruft Hannah vom Ende des Flurs.

»Oh, okay.« Die Erleichterung steht ihr ins Gesicht geschrieben. »Nicht in einer Million Jahren«, murmelt sie vor sich hin.

»Ist alles in Ordnung?«, frage ich.

»Alles rosig«, erwidert sie, aber ich weiß nicht, ob ich ihr glauben soll.

»Vielleicht brauchst du einen Steuerberater als Kerl«, scherze ich und hoffe, ich kann so die Stimmung wieder ein wenig heben.

»Nein, du brauchst so einen Mann. Langweilig und verantwortungsvoll. Ich brauche einen bösen Jungen mit einem Herz aus Gold.«

»Ich glaube, das schließt sich gegenseitig aus, Chels.«

»Sie sind eben wie Einhörner. Selten.«

»Aber magisch.« Ich lächle breit.

Sie knüllt ein Blatt Papier zusammen und bewirft mich damit. »Geh jetzt.«

Ich renne zu meinem Schreibtisch und nehme das Telefon. »Ich verbinde Sie nun, Mr. Bennett.«

»Vielen Dank.«

Ich drücke auf den Knopf, und als ich höre, wie Hannah abnimmt, stehe ich auf, um ihre Bürotür zu schließen.

»Seine Stimme war ziemlich sexy«, flöte ich, als ich in Richtung Küche an Chelseas Büro vorbeigehe, um es noch mal mit dem Kaffeekochen zu probieren.

»Ein sexy Steuerberater ist so selten wie ein echtes Einhorn.« Sie folgt mir in die Küche.

Hier sind die Montage ruhiger, als ich es gewohnt bin, aber wir arbeiten alle sehr viel und erledigen alles, was es zu erledigen gibt.

Ich setze die Kaffeekanne auf und schalte die Maschine ein. »Ich dachte, du willst alle Geschmacksrichtungen mal durchprobieren.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Lass uns lieber von dir reden. Vielleicht wäre so jemand wie dieser Mr. Bennett genau der Richtige für dich. Du meintest, er hätte eine schöne Stimme.« Sie verschränkt die Arme und führt den Starbucks-Becher zum Mund.

»Ich brauche keinen Mann. Und ganz ehrlich, wer würde sich auf so was einlassen?«

»Ich würde es tun«, sagt sie, und ihre perfekten weißen Zähne strahlen. »Jetzt mal im Ernst. Du bist heiß und umwerfend. Eine richtige MILF. Jade ist ein liebes Mädchen. Dein Ex ist Tausende Kilometer entfernt.«

»Manchmal trägt man mehr Ballast mit sich herum, als auf den ersten Blick sichtbar ist.« Ich lehne mich gegen die Theke.

»Ich verstehe, dass du erst mal ankommen willst, aber unterschätze dich nicht. Jeder Mann wäre froh, eine Frau wie dich zu haben.«

Chelsea ist nur selten ernst, also nehme ich das Kompliment lächelnd an.

»Ich habe heute Morgen Petes Trauzeugen getroffen.«

Ihre Augen werden groß. »Details.« Sie zieht sich einen Stuhl heran, stellt ihren Becher auf dem kleinen Tisch ab und stützt das Kinn in die Hand.

»Zuerst habe ich ihn gar nicht erkannt. Es ist ewig her, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Er ist erwachsen geworden.«

Sie schürzt die Lippen. »Erwachsen geworden?«

»Chelsea«, seufze ich.

Sie kichert. »Was verheimlichst du mir? Eine Affäre? Ein heimlicher Kuss?«

»Nein.«

»Komm schon, du wirst ganz rot. Und du fummelst die ganze Zeit nervös an deinen Fingern rum. Raus mit der Sprache.« Sie verengt den Blick. »Ist er etwa ein Arsch? Der Trauzeuge meines Exmanns war ein Stück Scheiße.«

Ich zucke mit den Schultern. »Nein. Reed war immer nett und höflich.«

»Oh, verstehe. Laaangweiliiig.«

Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. »Nein, er war lustig. Und freundlich. Aber ich habe ihn nicht besonders gut gekannt. Er und Pete waren seit Jugendzeiten befreundet. Waren zusammen auf dem College, und danach haben sie zusammen Jura studiert. Wenn Pete und ich uns mit ihm getroffen haben, wollte Pete immer nur mit ihm reden. Reed war derjenige, der mir Fragen gestellt hat, um mich in das Gespräch mit einzubeziehen, während ich versucht habe, Petes Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.«

»Ist Pete schwul? Habt ihr euch deshalb scheiden lassen?«, fragt sie trocken.

»Nein«, erwidere ich. »Er ist hetero. Nur nicht monogam.«

Sie nickt. »Verstehe.«

Inzwischen ist der Kaffee durch. Ich schmeiße den Filter in den Müll und versuche, nicht zu viel über mein altes Leben nachzudenken, weil sonst die ganzen Gefühle wieder hochkommen. Dann halte ich inne und seufze laut. »Ich dachte, ich wäre drüber weg«, gebe ich offen zu.

Hinter meinem Rücken höre ich ein Stuhlrücken, und ich drehe mich zu Chelsea um. »Das bist du.«

»Warum will ich Reed dann mit einer Million Fragen bombardieren, zum Beispiel, ob er Pete jemals mit einer anderen Frau gesehen hat? Was Pete zu allem gesagt hat? Was er über Jade gesagt hat?«

Sie schlingt mir die Arme um die Schultern. »Du bist eben neugierig. Das ist doch normal. Wenn du mich fragst, machst du dir eher Gedanken darum, was Reed von dir hält.«

Mein Knopf schnellt zu ihr herum. »Das stimmt überhaupt nicht. Ich will mit keinem von Petes Bekannten etwas zu tun haben. Und schon gar nicht mit dem Mann, der Zeuge des größten Fehlers meines Lebens geworden ist, als ich ›Ja, ich will‹ gesagt habe.«

»Hm …«

»Nichts hm. Es war seltsam. Er hat mich lediglich zur Kenntnis genommen und ist schnell wieder ins Auto gesprungen, bevor ich überhaupt etwas sagen konnte.«

»Ist er heiß?«

Ich verdrehe die Augen.

»Das fasse ich als ein Ja auf. Hast du es gespürt?«

»Was gespürt?« Am liebsten würde ich so tun, als wüsste ich nicht, wovon sie redet, aber ich weiß genau, was sie meint. Ein Gefühl, das ich schon so lange nicht mehr gespürt habe.

Sie schließt die Augen und atmet tief ein. »Als würde man schweben. Als würden kleine Elfen um einen herumflattern.«

Ich lache. »Es war eher, als würde mein Magen Purzelbäume schlagen. Und ich habe gesabbert wie ein Dobermann, dem man ein Steak vor die Nase hält.«

»Ich befinde mich in einer Dürreperiode. Keine attraktiven Männer mehr in ganz Chicago. Uff.« Und wieder lässt sie sich auf den Stuhl fallen.

»Komm morgen früh mit zur Schule und sieh ihn dir an«, scherze ich.

»Vielleicht komme ich auf dein Angebot zurück.«

»Okay, die Damen, zurück an die Arbeit.« Hannah klopft an den Türrahmen. »Chelsea, erzähl mir von diesem neuen Veranstaltungsort, an dem wir die Gala abhalten könnten.«

Chelsea folgt ihr, dreht sich aber noch mal zu mir um. »Sprich morgen mit ihm.«

»Nein.«

Sie legt den Kopf schief. »Wehe, du tust es nicht.« Sie zieht die Nase kraus und sieht mich an, als wäre ich eine Grundschülerin, die sich nicht wie eine vollkommene Verliererin fühlen will.

Ich schüttle den Kopf.

»Habe ich auch nicht erwartet. Ich glaube, Jade und ich sollten uns bald mal wiedersehen.« Ein hinterlistiges Grinsen umspielt ihre Lippen, und dann ist sie auch schon verschwunden, bevor ich etwas erwidern kann.

Chelsea sollte man auf keinen Fall unterschätzen. Sie ist die unverklemmte Singleversion von Darcie aus St. Pats.

Kapitel 4

Die restliche Woche habe ich Reed nicht wiedergesehen. Er ist nicht mehr aufgetaucht, wenn ich Jade bei St. Pat’s abgesetzt habe. Also ist es wahrscheinlich tatsächlich so, wie ich vermutet habe – Wochenend-Dad.

Ich habe mich nicht getraut, meine Mutter zu fragen, ob sie sich noch von der Hochzeit an ihn erinnern könne und ob sie ihn vielleicht mal gesehen hat, wenn sie Jade abholt. Jade hat noch nie von Henry, Reeds kleinem Jungen, erzählt, und auch Darcie und Georgia haben kein Wort mehr über Reed verloren.

Es ist wieder Montagmorgen – und wieder sehe ich katastrophal aus, als ich Jade zur Schule begleite. Für einen Kaffee war keine Zeit, und Jade isst einen Müsliriegel und trinkt Milch aus einer Schnabeltasse. Diesen Morgen ging es meiner Mutter nicht besonders gut, also sind wir heute auf uns allein gestellt.

»Alles in Ordnung mit Grandma?«, fragt Jade und verlangsamt ihr Rumgehüpfe.

Bei meiner Mutter wurde Multiple Sklerose diagnostiziert. Obwohl es noch nicht so schlimm ist, dass sie auf permanente Hilfe angewiesen ist oder auf jemanden, der Vollzeit bei ihr wohnt, habe ich beschlossen, dass es keinen Grund mehr gibt, so weit weg zu wohnen. Ich will für sie da sein, falls sie mich braucht.

»Sie ist einfach nur müde. War gestern ein langer Tag.«

Meine Mutter und ich sind gestern mit Jade an den See gefahren, um ein Picknick zu machen und uns den Springbrunnen anzusehen. Nachdem wir gerade mal zwanzig Minuten unterwegs gewesen waren, hatte meine Mutter bereits erschöpft gewirkt.

»Holt sie mich heute ab?«, fragt Jade.

»Vielleicht. Falls nicht, werde ich auf jeden Fall da sein.«

»Nimmst du mich dann mit ins Büro?« Plötzlich leuchten ihre Augen. Sie ist das einzige Mädchen, das ich kenne, das es toll findet, in einem Büro zu sitzen und zu malen. Aber schließlich steckt Chelsea ihr immer heimlich Süßigkeiten zu, und Hannah lässt sie an ihrem Computer spielen. Sie verwöhnen sie mehr als ihr Dad. Traurig, aber wahr.

»Mal sehen.«

Wir stehen an der von Bäumen gesäumten Bordsteinkante, als ich den Jungen entdecke, der gerade aus einem Uber steigt. Mein Körper beginnt zu kribbeln, und die Vorfreude, Reed wiederzusehen, vermischt sich mit Furcht. In einfachen Worten: Meine Gefühle widersprechen sich komplett.

Die Tür auf der anderen Seite des Autos öffnet sich, und meine Augen weigern sich, woanders hinzusehen. Heute ist sein dunkles Haar in Form gegelt, und er trägt ein hellblaues Hemd. Zwischen seinen Zähnen klemmt eine silberne Krawattennadel, während er sich die Krawatte richtet, um sie dann mit der Nadel zu fixieren.

»Mommy.« Jade zieht so fest an meiner Hand, dass ich fast gestolpert wäre.

»Entschuldigung«, murmle ich, während ich Reed dabei beobachte, wie er die Mütter und Väter, die die Schultreppe runterkommen, mit einem Nicken grüßt.

»Henry!«, schreit Jade neben mir, und Reed dreht sich in unsere Richtung.

Scheiße. Ich bin wie festgefroren – als würde ich Ochs am Berg spielen.

Der kleine Junge winkt, und Jade winkt zurück. Reed lächelt. Hätte ich der Männerwelt nicht für alle Zeiten abgeschworen, würde ich direkt hier auf dem Bürgersteig dahinschmelzen.

»Kennst du den Jungen?«, frage ich.

»Ja, das ist Henry. Er ist ziemlich ruhig, aber nett.«

»Ist das sein Vater?«

Sie verzieht das Gesicht. »Henry hat keinen Vater.«

Hat Reed also eine Freundin?

Jade hüpft davon und bleibt an der Stelle stehen, wo wir uns immer voneinander verabschieden. »Bitte nimm mich nach der Schule mit ins Büro.« Sie klatscht in die Hände, und ihre Stimme hat den weinerlichen Ton, mit dem sie für gewöhnlich kriegt, was sie will.

»Wenn nicht heute, dann am Freitag, okay?«

Sie scheint halbwegs besänftigt und schlingt mir die Arme um die Taille. Ich gebe ihr einen Kuss auf den Kopf. »Hab einen schönen Tag. Hab dich lieb.«

»Hab dich auch lieb.«

Dann ist sie weg, stapft die Treppe hinauf und redet mit jedem, der gewillt ist, sich mit ihr zu unterhalten. Ich bin so auf sie konzentriert, dass ich gar nicht merke, wie Reed sich nähert.

Der Geruch von Frühlingsregen in Chicago weicht seinem Duft. Er riecht nach Moschus. Männlich. Während mein Geruchssinn das Ruder übernimmt, sind all meine anderen Sinne wie ausgeschaltet. Für den Bruchteil einer Sekunde verschwimmt die Welt, wie der Hintergrund von Jades Schulfotos.

»Kannst du dich noch an mich erinnern?« Reeds Stimme reißt mich aus meiner Trance und schaltet meinen Hörsinn wieder an.

»Du hast jahrelang an meiner Wand gehangen.«

Er streckt mir die Hand entgegen, und ich nehme sie. Sie fühlt sich weich und gleichzeitig schwielig an und ist so groß, dass sie meine Hand geradezu verschlingt. Als sich unsere Haut berührt, geschieht etwas. Etwas, das ich nur aus Büchern kenne. Etwas, von dem ich nicht geglaubt habe, dass es wirklich existiert.

Ich habe das Gefühl, durch meinen Arm würde Strom fließen, und als sich unsere Blicke treffen, spüre ich eine gewisse Verbindung. Das kann ich nicht leugnen.

Ich schlucke schwer, hoffe, dass er nichts davon merkt, und versuche, mich wieder unter Kontrolle zu bringen.

Dieser Kerl ist dein Feind.

Er gluckst – und es klingt weder egoistisch noch in irgendeiner Form herablassend. »Du sprichst in der Vergangenheitsform?«

»Tu nicht so, als wüsstest du es nicht«, sage ich trocken.