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Liebe, Macht und Verrat in der Welt der Superreichen! Eine Außenseiterin in der Welt der Reichen: Kit sucht nach Gerechtigkeit, doch ein charismatischer Milliardär und dunkle Geheimnisse stellen alles infrage. Nach Jahren kehrt Kit Sterling in die Londoner Billionaires' Row zurück, um die Wahrheit über ihren verstorbenen Vater herauszufinden. Inmitten der Reichsten der Reichen hat Kit sich schon immer wie eine Außenseiterin gefühlt, doch bei der einflussreichen Milliardärsfamilie Melville erhofft sie sich Antworten. Dafür nimmt sie einen Job bei Titan Media, dem Imperium der Melvilles, an – und muss ausgerechnet mit deren unausstehlichem Sprössling Killian zusammenarbeiten. Zwischen ihnen entflammt eine unerwartete Anziehung, doch die Geheimnisse der Billionaires' Row drohen, alles zu zerstören … Eine junge Frau auf der Suche nach Wahrheit. Ein undurchschaubarer Milliardenerbe, der ihr näher ist, als sie denkt. Kit Sterling dachte, sie hätte die Vergangenheit hinter sich gelassen – den Skandal, der ihre Familie zerstörte, und die Welt der Superreichen, in die sie nie wirklich passte. Doch ein Brief ihres verstorbenen Vaters stellt alles infrage. Getrieben von dem Wunsch nach Gerechtigkeit kehrt Kit in die glitzernde, aber skrupellose Londoner High Society zurück, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ein gefährliches Spiel um Macht und Gefühle: Kann Kit in der Welt der Reichen und Schönen bestehen? Im Zentrum ihrer Suche steht Titan Media, das mächtige Imperium der einflussreichen Familie Melville. Doch ausgerechnet Killian, der Sohn der Melvilles und Kits größter Feind, wird zu ihrem engsten Begleiter – und zu einer Versuchung, die sie nicht ignorieren kann. Während sich zwischen ihnen eine gefährliche Anziehung entwickelt, stößt Kit auf ein Netz aus Verrat, Macht und dunklen Geheimnissen, das alles bedroht, was ihr je wichtig war. Kann sie die Wahrheit über ihren Vater ans Licht bringen, ohne sich selbst zu verlieren? Auftakt der aufregenden London Elite-Reihe – ein mitreißender New-Adult-Roman voller Geheimnisse, Macht und verbotener Gefühle! SPIEGEL-Bestseller-Autorin Kathinka Engel entführt uns in eine Welt voller Glanz, Verrat und großer Gefühle – ein absolutes Must-Read für Fans von Lena Kiefer! Das gefährliche Spiel ist noch nicht vorbei: Folge Kits Suche nach der Wahrheit in Band 2, »Exposing Billionaires' Row«.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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© everlove, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2026
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Cover & Impressum
Widmung
Prolog
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Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für alle, die auf der Suche nach einem Zuhause sind.
Und für Andrew, David und Gavin. Danke, dass ihr London zu meinem Zuhause gemacht habt.
And for Andrew, David and Gavin. Thank you for making London my home.
Ich bin ihr so nah wie noch nie. So nah, wie ich ihr nie kommen wollte. Nie kommen sollte. Sie will sich aus meinem Griff befreien, aber ich presse sie mit meinem Körper gegen eins der Bücherregale und halte ihre Handgelenke fest. Ich muss wissen, was sie hier in der alten Bibliothek von Balintyre Castle gesucht hat, vorher lasse ich sie nicht gehen.
Sie versucht, mich zu treten, hat aber nicht genug Spielraum. Und auf einmal höre ich ein Geräusch. Schritte. Er kommt!
»Keinen Mucks!«, flüstere ich und lege mir den Finger auf die Lippen. Sie sind so nah an ihren, dass mein Finger beide berührt. Meine Lippen, ihre Lippen. »Das ist er.«
»Aber …«, beginnt sie, doch ich gebe ihr mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass sie schweigen soll.
»Hör mir zu, Kit.« Ich sage es so leise, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie mich versteht. Sie zuckt zusammen, als sie ihren Namen hört. Erneut windet sie sich, doch ich halte sie wie in einem Schraubstock. Ich werde nicht zulassen, dass sie uns verrät. »Ich werde dich gleich küssen.«
»Bist du auch noch ein Vergewaltiger?«, flüstert sie.
»Sei still.« Ich presse meine Hand auf ihren Mund, aber offenbar ist ihre Angst vor mir größer als die Angst vor ihm, denn sie beißt mich. Sie beißt so fest zu, dass ich vor Schmerz aufschreien will. Aber ich darf keinen Ton von mir geben.
Gequält verziehe ich das Gesicht, trotzdem lässt sie nicht locker, und ich verkneife mir jeden Laut. Sie windet sich erneut unter meinem Griff, aber ich bin gnadenlos. Vor Schmerz steigen mir Tränen in die Augen, dennoch sehe ich sie an, wie um ihr zu zeigen, dass ich es aushalte. Und dann löst sich eine Träne und rinnt mir die Wange hinunter. Meine Hand brennt unerträglich, der Schmerz breitet sich aus, und ich weiß nicht, wie lange ich noch standhaft bleiben kann.
Die Schritte kommen immer näher. Ich habe nur eine Chance. Ich beuge mich nach vorne, zögere. Ich darf nicht. Darf es nicht sagen. Und dann spreche ich es doch aus. Meine Lippen an ihrem Ohr. Ich sage die Wahrheit, die ungeheuerliche Wahrheit, die ich seit Jahren vor ihr geheim halte. Meine Worte sind so leise, dass nicht einmal ich sie hören kann. Etwas lauter fahre ich dann fort: »Und ich werde dich jetzt küssen, damit wir ein Alibi haben. Also bitte« – meine Stimme bricht selbst im Flüstern, weil der Schmerz meinen Körper lähmt – »lass meine Hand los.«
Ihr Mund klappt auf. Glaubt sie mir? Egal, Hauptsache, meine Hand ist frei. Meine Finger pochen, und aus dem Augenwinkel sehe ich die tiefen Bissspuren. Ein dünnes Rinnsal aus Blut und Spucke läuft daran herunter.
Ich habe das Gefühl, ihre Beine geben nach, aber ich halte sie aufrecht. Denn jetzt sind die Schritte ganz nah. Mein Herz pocht an ihrer Brust, ihr Herz rast an meiner. Und dann presse ich meine Lippen auf ihre. Es ist falsch, aber es fühlt sich richtig an. Meine Hände krallen sich in ihre Haare, und sie sinkt gegen mich, ganz so, als wäre dieser Kuss echt.
Ein Räuspern ertönt. Und obwohl das hier nie hätte passieren dürfen, wünsche ich mir für den Bruchteil einer Sekunde, wir könnten noch länger in diesem Moment verharren. In diesem Kuss. Um eine Sehnsucht zu stillen, von der ich nicht wusste, dass sie existiert.
Doch jetzt ist er hier. Er hat uns gefunden.
Ich glaube, jemand will mich umbringen. Sicher bin ich mir nicht, denn ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Da sind dieser stechende Kopfschmerz und ein Geschmack im Mund, als hätte ich aus einem brackigen Aquarium getrunken. Habe ich aber nicht, denn sonst hätte ich nicht gleichzeitig diesen quälenden Durst.
Und dann höre ich es wieder. Das Geräusch, das mich aus dem Schlaf gerissen hat. Die Klingel an der Haustür? Jetzt bin ich mir sicher. Ja, wer auch immer das ist, will mich umbringen, denn der Schmerz in meinem Kopf wird durch das schrille Geräusch nur noch verstärkt. Wie spät es wohl ist?
Statt auf dem Nachttisch nach meinem Handy zu tasten, ziehe ich mir die Decke über den Kopf. Die Welt soll mich bitte noch einen Moment in Ruhe lassen.
Tröpfchenweise kehrt die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück. Wir waren im Pub – ein letztes Mal in dem Studentenpub mit den unschlagbaren Preisen. Danach bin ich mit ein paar Leuten noch weitergezogen. Erst in diese Bar, in der man Tischfußball spielen kann, dann ins magenta, einen Club, in den wir ohne Anstehen reinkamen, weil irgendjemand den DJ kannte. Nicht meine Musik, aber es war unser letzter gemeinsamer Abend, und niemand wollte, dass er vorbeigeht.
Seit fast einem Monat ist das mein Leben. Seit wir die letzten Prüfungen geschrieben haben. Und jetzt ist es vorbei. Ein drittes Klingeln lässt mich entnervt die Decke zurückschlagen. Mühsam hieve ich mich aus dem Bett. Wehe, es ist ein Nachbar, der sich ausgesperrt hat. Dann gnade ihm Gott.
Fast stoße ich auf dem Weg zur Tür mit einem Turm aus Umzugskartons zusammen. Die werden später abgeholt und in eine Storage Unit gebracht. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen will ich nicht sofort anfangen zu arbeiten. Die letzten Jahre waren hart genug – das Informatikstudium und die Einsamkeit –, jetzt möchte ich noch eine Weile frei sein. Reisen. Als Erstes zu meinem besten Freund Oliver nach Iowa, wo er mit seinen Eltern auf einer Farm lebt. Ich werde versuchen, ihn zu überreden, einen Roadtrip mit mir zu machen, nur weiß er noch nichts von seinem Glück. Jedes Mal, wenn ich die Reise auch nur anschneide, wechselt er das Thema, weil er seine Eltern nicht allein lassen kann. Ich glaube, er ist einfach ein Schisser und braucht einen kleinen Schubs.
Neben der uralten Sprechanlage, die an den meisten Tagen nur in eine Richtung funktioniert, muss ich mich an der Wand abstützen. Die letzte Runde Shots hätte es definitiv nicht mehr gebraucht. Es ist immer die letzte Runde.
»Ja?«, frage ich mit einer Stimme, die nach Reibeisen klingt. Offenbar ist heute kein Tag, an dem ich die Gegenseite hören kann, denn die Leitung knackt nur. »Sechster Stock«, sage ich deswegen und drücke auf den Buzzer.
Es dauert immer eine Weile, bis der klapprige Aufzug es nach oben geschafft hat. Dieses Haus, mein Einzimmerapartment, der nicht vorhandene Wasserdruck und der leicht modrige Geruch im Treppenhaus werden mir sicher nicht fehlen.
Oliver hat oft gefragt, warum ich nicht in eine weniger ranzige Wohnung ziehe. Denn natürlich hätte ich einfach nur die Melvilles fragen müssen, ob ich etwas mehr Geld kriege. Aber ich habe es aus demselben Grund nicht getan, aus dem ich in Manchester studiert habe und nicht in Oxford oder am Imperial College – oder sogar an irgendeinem ultrateuren College in den USA. Weil ich niemandem auf der Tasche liegen will. Nicht einmal, wenn die Tasche von schweigenden buddhistischen Mönchen aus echter Lotusseide handgenäht und mit den Initialen LM bestickt wurde – natürlich mit Echtgoldfaden.
Oliver fand es nicht verwerflich, Superreiche auszunehmen, aber ich fühlte mich in meinem miefigen Loch besser als in einem Loft, für das Lachlan Melville bezahlt hatte. Nicht, dass ich etwas gegen Lachlan Melville hätte. Im Gegenteil. Ich habe ihm alles zu verdanken, was ich bin. Aber man braucht Prinzipien. Und eins meiner Prinzipien ist, dass ich nicht in diese, in seine Welt gehöre.
Der Aufzug nähert sich und kommt schließlich im sechsten Stock zum Stehen. In dem Moment, den es dauert, bis die Türen sich öffnen, fällt mir auf, dass ich abgesehen von meinem Friends-T-Shirt und einer sehr wahrscheinlich löchrigen rosa Baumwollunterhose nichts anhabe, aber es ist zu spät, um mir weiter darüber Gedanken zu machen.
Aus dem Aufzug steigt ein Postbote. »Ms Katherine Sterling?«, fragt er mit Blick auf die Adresse auf einem unscheinbar aussehenden Umschlag.
»Das bin ich«, erwidere ich und versuche, mein T-Shirt ein bisschen weiter nach unten zu ziehen.
Doch er nimmt ohnehin keine Notiz von mir. »Ein Einschreiben für Sie. Bitte unterzeichnen Sie hier.«
Er hält mir so ein elektronisches Ding hin, auf dem Unterschriften nie aussehen wie Unterschriften, weil das Display verzögert reagiert und der Plastikstift nur ungefähr sechzig Prozent der Zeit überhaupt funktioniert.
»Schönen Tag noch«, sagt er, dreht sich um und steigt zurück in den Aufzug.
»Ebenso«, murmle ich, aber da sind die Türen schon wieder zu.
Ich blicke auf den weißen Umschlag. Ernsthaft? Und dafür kann ich den letzten Rausch in meiner Studentenwohnung nicht richtig ausschlafen?
Seufzend schließe ich die Tür, zapfe mir in der Küche ein Glas Wasser und leere es in einem Zug. Der eklige Geschmack in meinem Mund ist zwar noch da, aber immerhin fühle ich mich jetzt wieder etwas mehr wie ein Mensch.
Den Brief werfe ich auf den Küchentisch, dann koche ich Wasser für einen starken Schwarztee. Mein komplettes Geschirr befindet sich bereits in Kartons, aber eine Tasse, einen Teller und ein Set Besteck habe ich noch im Schrank.
Während der Tee zieht, nehme ich den Brief wieder zur Hand und drehe ihn um. Mein Blick fällt auf den Absender, und augenblicklich macht sich ein ungutes Gefühl in mir breit. Es ist der Name einer Anwaltskanzlei in London.
Mit klammen Fingern öffne ich den Umschlag. Was will ein Londoner Anwalt von mir? Ich ziehe das Schreiben heraus. Eine Seite, in einer Serifenschrift bedruckt.
Sehr geehrte Ms Katherine Sterling, lese ich, dann verschwimmen die Worte vor meinen Augen.
… traurige Nachricht …
… Ableben Ihres Vaters …
… Beisetzung am 28. 6. …
… mein aufrichtiges Beileid …
… in dieser Stunde der Trauer …
Der Brief segelt mir aus der Hand, ich stehe zitternd auf, ohne zu wissen, warum. Wieder muss ich mich abstützen, doch es liegt nun nicht mehr am Alkohol von gestern Nacht.
Die Erkenntnis schlägt ein wie ein Blitz: Während ich in den letzten Wochen mein Leben in vollen Zügen genossen habe, ist mein Dad gestorben. Aber das kann doch nicht sein. Er ist nicht einmal sechzig. Überraschender- und vollkommen unpassenderweise entfährt mir ein Lachen. Das muss alles ein großer Irrtum sein.
Doch Menschen sterben. Auch mit Mitte fünfzig sterben Menschen.
Aber ich hatte keinen Kontakt zu ihm! Das darf nicht sein. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit …
Ich will den Teebeutel aus der Tasse nehmen, doch meine Bewegungen sind so fahrig, dass ich sie umwerfe. Der heiße Tee fließt über die Anrichte, tropft auf den Boden, verbrüht meinen nackten Fuß, ich spüre es allerdings kaum.
… seit sie ihn abgeholt haben. So lange habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich war zwölf. Jetzt bin ich zweiundzwanzig.
Anfangs hat er mir noch regelmäßig geschrieben. Doch ich habe keinen der Briefe geöffnet, bis auf einen. Und irgendwann kamen nur noch Karten zu meinem Geburtstag.
Ich kümmere mich nicht um den Tee, sondern hole mein Handy vom Nachttisch. Der Akku ist fast leer, weil ich natürlich vergessen habe, es anzuschließen, als ich gegen 5 Uhr morgens nach Hause kam. Dennoch öffne ich den Chat mit Oliver.
Mein Dad ist tot.
In Iowa ist es gerade 4 Uhr nachts, aber weil Olly sich frühmorgens schon um die Tiere kümmern muss, ist er wahrscheinlich schon wach. Und tatsächlich, er tippt.
O mein Gott, Kit, was?? Kann ich was tun? Das tut mir so leid. Wie geht’s dir damit?
Ich kaue auf meiner Unterlippe. Jetzt geht es mir schon etwas besser. Ich fühle mich nicht mehr ganz so allein, nicht mehr ganz so überfahren.
Oliver kam genau zur richtigen Zeit in mein Leben. Es war ein komisches Schulprojekt, bei dem man mit einer wildfremden Person irgendwo auf der Welt zusammengewürfelt wurde. Es ging darum, sich kennenzulernen, ohne dass Herkunft, Aussehen, Stand oder was auch immer eine Rolle spielten. Ich war gerade frisch bei den Melvilles eingezogen und unter der Woche in einem Internat, in dem ich keinen Anschluss fand. Mein Dad hatte mich im Stich gelassen, und dieses Projekt war perfekt für mich. Oliver und ich schrieben uns Mails, bis wir irgendwann auf einen Messenger umzogen, weil es praktischer war. Ab und zu telefonieren wir auch.
Jedenfalls sind wir seit fast zehn Jahren beste Freunde, und Oliver gibt mir immer das Gefühl, nicht allein zu sein. Wie jetzt gerade.
Es ist komisch. Er war eigentlich ein Fremder. Aber trotzdem ist es ein Schock.
Das glaube ich dir.
Ich dachte, ich hätte mehr Zeit.
Ich weiß.
Ich dachte, irgendwann verzeihe ich ihm.
Ich weiß.
Fuck.
Fuck, denke ich noch mal. Ich weiß, ich müsste weinen. Aber damit habe ich aufgehört, als ich meinen Dad zum ersten Mal verloren habe.
Meine Wohnung ist leer. Die Leute von der Spedition sind gerade gekommen, um all mein Hab und Gut abzuholen. Nur die Tasse habe ich behalten. Wie damals schon, als ich mir Sachen aus unserer Wohnung aussuchen sollte, die ich mitnehmen wollte. Und dann habe ich ausgerechnet die ausgewählt, aus der mein Dad jeden Morgen seinen Kaffee getrunken hat. Jetzt steht sie tröstlich dampfend vor mir auf dem Küchentisch, der wie alle anderen Möbel in der Wohnung bleibt. Daneben liegen der Brief vom Anwalt und mein Handy. Olly sagt, ich soll anrufen und mich vergewissern, dass es kein Irrtum ist. Ich weiß, er hat recht. In Momenten wie diesem verfluche ich die Welt dafür, dass sie so groß ist und Olly nicht einfach vorbeikommen kann, um meine Hand zu halten.
Hältst du mir die Hand?
Ich bin da. Immer.
Ich seufze. Virtuelles Handhalten ist besser als kein Handhalten, schätze ich. Kurz habe ich überlegt, ob ich jemanden aus dem Studium anrufen sollte, um nicht allein zu sein. Ich habe Freunde hier, wenn auch keine richtig engen. Hatte Freunde hier, korrigiere ich im Stillen. Denn die meisten haben die Stadt nach den Prüfungen verlassen. Aber selbst wenn noch alle hier wären, keiner von ihnen kennt die Wahrheit über meinen Dad. Ich habe ihnen nicht erzählt, dass ich keinen Kontakt zu ihm habe. Als wir uns im ersten Semester kennenlernten und uns über unsere Familien ausfragten, habe ich nicht gesagt, dass mein Dad jetzt seit einem Jahr wieder draußen ist, ich aber keine Ahnung habe, wo er wohnt oder was er tut, weil ich ihm nicht verzeihen kann, dass er mich aus Geldgier mit zwölf Jahren im Stich gelassen hat.
Olly weiß das. Er weiß alles über mich, und er versteht mich. Er versteht, dass man nicht verzeihen kann, wenn man eines Morgens von einem lauten Klopfen und dem Satz »Aufmachen, Polizei!« geweckt wird. Wenn der eigene Vater zitternd und mit Tränen in den Augen zu einem ins Zimmer kommt, einen auf den Kopf küsst, sagt, wie sehr er einen liebt, aber dass er einen Fehler gemacht hat. Wenn man stundenlang im Children’s Services Department hockt, ohne zu wissen, was jetzt aus einem werden soll. Wenn auf einmal der Chef des Vaters kommt und einen mitnimmt. Er trägt einen aus dem Gebäude, während man einfach aufhört, etwas zu fühlen, weil man gar nicht so viel weinen könnte, wie man Angst hat. Er hält einen immer noch im Arm, als Kameras und Mikrofone einen umzingeln, und man schließt die Augen und riecht das teure Parfüm dieses fast fremden Mannes, über den man nichts weiß, außer dass er der Chef des Vaters ist und sehr, sehr viel Geld hat.
Es gibt ein Video davon auf YouTube. Es trägt den Titel »Lachlan Melville zu den Anschuldigungen gegen George Sterling«. Ich werde nicht erwähnt, aber die ganze Welt konnte und kann sehen, wie ein zwölfjähriges Mädchen, das eigentlich schon zu groß und schwer ist, um getragen zu werden, sich an diesen Mann klammert, weil es jetzt niemanden mehr hat. Meine Beziehung zur Welt ist durch dieses Ungleichgewicht geprägt. Jeder konnte sehen, wie mein Leben zerbröselt ist.
Olly weiß all das, weil ich es ihm erzählt habe. Weil das Schulprojekt funktioniert hat. Weil es einfacher für mich war, wenn er mein Gesicht nicht kannte. Das Video fand er natürlich irgendwann, aber da war unsere Freundschaft bereits so vertraut geworden, dass wir keine Geheimnisse mehr voreinander hatten.
Ich tu’s.
Ich bin stolz auf dich. Melde dich danach.
Ich nehme den Brief in die Hand, tippe die Nummer in mein Handy und betätige den grünen Hörer. Das Freizeichen ertönt. Einmal, zweimal.
»Kanzlei Aaronov/Roth, mein Name ist Penelope, was kann ich für Sie tun?«
Ich räuspere mich. »Hi, hier ist Kit Sterling. Katherine, meine ich. Katherine Sterling. Ich … ähm … habe einen Brief von Ihnen bekommen, in dem steht, dass … ähm … mein Vater tot ist?« Meine Stimme wird zum Ende hin immer höher. »Und da wollte ich fragen, … also ähm … ob das stimmt?« Herumzustammeln ist sonst nicht meine Art, aber in Extremsituationen funktioniert das Gehirn anders. Vitalfunktionen gehen vor.
»Mein Beileid«, sagt Penelope, die offenbar keinen Zweifel daran hat, dass es stimmt. »Mit wem darf ich Sie verbinden?«
Ich nehme den Brief wieder zur Hand, weil ich nicht auf den Namen des Anwalts geachtet habe. »Mr Aaronov, bitte.«
»Einen Moment.«
Im nächsten Augenblick ertönt eine Männerstimme. »Ms Sterling?«
»Ja, hi, Mr Aaronov. Ich … ähm … habe Ihren Brief bekommen.« Ich würde mich deutlich besser fühlen, wenn ich nicht so stottern würde. Aber gleichzeitig würde ich auch nicht so herumstottern, wenn ich mich besser fühlte.
»Mein herzliches Beileid, Ms Sterling«, sagt er. »Ihr Vater war ein wunderbarer Mann.«
Ich verkneife mir einen Kommentar dazu. Denke an das zwölfjährige Mädchen auf Lachlan Melvilles Arm.
»In den letzten Jahren habe ich mich um viele Angelegenheiten Ihres Vaters gekümmert, und ich darf mich glücklich schätzen, zu sagen, dass unser Kontakt über eine Geschäftsbeziehung hinausging. Ich habe seine Gesellschaft immer genossen.«
»Bitte entschuldigen Sie«, unterbreche ich ihn. »Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, aber …«
»Doch, er hat mir erzählt, dass Sie keinen Kontakt zueinander hatten. Dennoch sind Sie seine Tochter und die Alleinerbin.«
»Alleinerbin?«
»Natürlich wird es Sie nicht verwundern, wenn ich Ihnen sage, dass Ihr Vater kein wohlhabender Mann war.«
»Nein«, sage ich. »Darum geht es auch nicht.« Geld ist das Letzte, woran ich denke. Geld verdirbt einen nur. Geld ist der Grund, warum mein Leben verlaufen ist, wie es verlaufen ist. Die Gier danach, besser gesagt. »Können Sie mir sagen, wie er … ich meine …«
»Natürlich«, sagt Mr Aaronov. »Er war krank. Bauchspeicheldrüse. Es ging sehr schnell, er hatte gerade noch Zeit, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.«
»Oh«, mache ich. Denke gleichzeitig: Ich hätte es vielleicht gerne rechtzeitig gewusst. Aber ich wollte es so. Ich habe jeden Kontaktversuch abgeblockt, und er hat das respektiert. Das war das Mindeste, was er tun konnte. Und dennoch …
»Er dachte, er hätte mehr Zeit«, sagt Mr Aaronov jetzt. »Er wollte Ihnen schreiben.«
»Oh.« Wieder nur diese eine Silbe. Es erleichtert mich, jedoch öffnet es auch Raum für Traurigkeit. Bislang war da vor allem Leere. In mir und um mich herum. Mr Aaronovs Information verleiht meinem Dad etwas Menschliches, das ich in den letzten Jahren verdrängt hatte. Oder aus Selbstschutz verdrängen musste.
Ich liebe dich, Kittycat, du hast keine Ahnung, wie sehr. Aber ich habe einen Fehler gemacht.
Kittycat nannte er mich eigentlich schon gar nicht mehr. Das war der Spitzname aus meiner Kindheit, aus dem ich mich mit zwölf Jahren rausgewachsen fühlte. In dem Moment schrumpfte ich wieder in ihn hinein. Aus der ach so erwachsenen Kit wurde Kittycat, wurde ein paar Stunden später Aktenzeichen FH/2015/3393/KS, wurde beim Abendessen bei den Melvilles Katherine, die weder etwas runterbrachte noch aufschauen konnte …
»Er hat Sie sehr geliebt, Ms Sterling.«
… wurde Ms Sterling. Das bin ich jetzt. Ms Sterling. Vollwaise. Alleinerbin. All diese Wörter, die so viel bedeuten, die anderen Leuten ein traurig-mitfühlendes Lächeln entlocken und die in meinem Mund wieder diesen brackigen Geschmack hinterlassen. Schnell nehme ich einen Schluck Tee.
»Danke«, sage ich, obwohl ich nicht einmal weiß, wofür. Für seine Mühe wahrscheinlich. Weil er mir diese Dinge sagt. Aber ich habe keine Ahnung, was ich damit anfangen soll. »Und jetzt?«, frage ich. Eigentlich wollte ich es gar nicht aussprechen. Denn dieses Und jetzt? umfasst so viel mehr, als ich in diesem Moment begreifen kann.
»Das ist Ihnen überlassen, Ms Sterling. Den Termin für die Beerdigung haben Sie. Und dann ist da noch seine Wohnung. Wenn Sie möchten, veranlasse ich die Räumung für Sie. Ihr Vater hat für diesen Fall vorgesorgt.«
»Ja, das wäre wohl gut, danke«, sage ich. »Wo ist denn die Wohnung?« Ich fühle mich wenn nicht wie der schlechteste Mensch, dann doch auf jeden Fall wie die schlechteste Tochter, obwohl mein Dad wohl auch der schlechteste Vater war. Ich kriege keine Luft mehr, weil meine emotionale Zwickmühle mich zerquetscht.
»Wandsworth. Ich schicke Ihnen die Adresse, wenn Sie möchten. Ein Schlüssel ist bei mir hinterlegt.«
»Mr Aaronov?« Meine Stimme droht zu brechen.
»Ms Sterling?«
»Ich muss nachdenken.«
»Ich verstehe. Nehmen Sie sich Zeit.«
Ich lege auf und werfe das Handy auf den Tisch, als hätte ich mich daran verbrannt. Mein Atem geht schnell und abgehackt. Ich muss mich zwingen, ruhig ein- und auszuatmen. Mit zitternder Hand greife ich nach meinem Tee, doch bevor ich ihn zum zweiten Mal verschütte, lasse ich ihn lieber stehen.
Weil man sich an einem Handy natürlich nicht verbrennt, nehme ich es wieder auf und öffne den Chat mit Olly. Er ist der einzige Mensch, mit dem ich sprechen will. Er ist auch der einzige Mensch, mit dem ich sprechen kann.
Einen kurzen Moment überlege ich, ihn anzurufen. Wenn er gerade viel zu tun hat, geht er nicht ran. Wenn es passt, höre ich seinen besonderen Akzent. Sehr amerikanisch, aber dabei ein bisschen ungewöhnlich. Spitz irgendwie. Spitz und breit gleichzeitig, obwohl das keinen Sinn ergibt. Das ist der Akzent bei ihm in der Gegend. Auch darauf hatte ich mich gefreut. Seine Gegend kennenzulernen. Aber jetzt, da mein Dad tot ist, weiß ich nicht, ob ich noch fliegen sollte.
Wenigstens könnte ich seine Stimme hören. Aber wer weiß, vielleicht fange ich dann an zu weinen. Und ich bin gerade schon verwirrt genug. Also tippe ich stattdessen eine Nachricht.
Er war krank. Es ging wohl sehr schnell.
Es dauert keine Minute, bis er antwortet.
Mein Beileid, Kit. Wie geht es dir jetzt?
Nicht so. Aber ich weiß nicht mal, warum. Warte kurz.
Ich entscheide mich für eine Sprachnachricht, in der Hoffnung, dass ich dabei nicht losheule.
»Es ist komisch, weißt du? Ich kannte ihn ja gar nicht mehr wirklich. Aber irgendwie bin ich gerade deswegen traurig. Ergibt das Sinn? Und es ist einfach ein beängstigender Gedanke, dass da niemand mehr ist. Nicht, dass ich viel von ihm erwartet hatte. Aber zu wissen, dass man einen Vater hat, ist … hm … nee, vielleicht auch nicht. Vielleicht macht es keinen Unterschied. Doch. Natürlich macht es den. Ich kriege es nicht so ganz auseinanderdividiert. Du weißt sicher, was ich meine. Du weißt immer, was ich meine.« Ich lache müde. »Weißt du, dass ich eigentlich zu dir kommen wollte? Ich habe schon einen Flug und alles. Wollte dich überraschen. Ja, ich weiß, du hasst Überraschungen. Und ja, ich weiß auch, dass du keine Zeit hast. Aber ich dachte, so ein bisschen in Iowa abzuhängen, würde mir ganz guttun. Und wenn sich zufällig die Gelegenheit ergeben hätte, diesen Roadtrip zu machen, von dem wir schon seit Jahren träumen … Okay, von dem ich seit Jahren träume. Aber du hast gesagt, irgendwann machen wir ihn, wenn es sich ergibt. Und ich hatte gehofft, es würde sich ergeben, wenn ich da bin. Aber jetzt ist es ohnehin egal, weil ich nach London muss. Nicht muss. Will. Nicht will. Weil ich nach London … fahre. Zur Beerdigung von meinem Dad, den ich nicht kannte. Und dann … Er hatte wohl eine Wohnung. Ich schätze, ich sollte da vorbeischauen. Ich wünschte, du wärst hier, damit ich das alles nicht allein machen muss. Ich will dich nicht unter Druck setzen, aber wenn es mal einen guten Zeitpunkt gab, um Urlaub zu nehmen, dann jetzt. Scherz. Wenn du Urlaub nimmst, solltest du nicht auf die Beerdigung eines berüchtigten Betrügers gehen, sondern schnorcheln und Cocktails aus Kokosnüssen schlürfen.« Ich verstumme. Dann schicke ich die Nachricht ab.
Olly tippt. Er hört auf, zu tippen. Dann fängt er wieder an. Ich hätte das mit dem Überraschungsbesuch nicht sagen sollen.
O Kit …
Ich warte ab. Es hat ja keinen Sinn, jetzt zu versuchen, Dinge abzuschwächen oder zurückzunehmen. Dann schreibt er eine ganze Weile lang und schickt mir schließlich eine ellenlange Nachricht.
Ich verstehe alles, was du sagst. Und wenn ich könnte, würde ich natürlich nach London kommen. Aber nach Dads Beinbruch im Winter ist er immer noch nicht wieder voll einsatzfähig. Deswegen ist es auch gut, dass du nicht kommen kannst. Ich wäre ein lausiger Gastgeber, und das hast du nicht verdient. Du wirst deinen Roadtrip irgendwann machen, da bin ich mir sicher. Ob mit mir oder ohne mich. Aber kannst du mir etwas versprechen? Kannst du bitte nicht einfach Flüge buchen, ohne mir etwas davon zu sagen? Nicht, weil ich mich nicht freuen würde, aber weil mein Leben – so einfach es auf den ersten Blick erscheinen mag – eben doch meine volle Aufmerksamkeit braucht. Ich will nicht, dass sich etwas zwischen uns verändert, weil du eine blöde Zeit in Iowa hast. Jetzt wirst du sagen, dass sich nichts verändert, aber mir ist es wichtig, Kit. Du bist mir wichtig. Deswegen bin ich da, wenn du mich brauchst, nur eben leider von weiter weg, als wir uns manchmal wünschen würden. Aber du bist stark. Das warst du immer. Ich mache mir keine Sorgen, dass du auch die nächsten Wochen meisterst. Ich denke an dich.
Ich schlucke.
Danke.
Nichts zu danken.
Und sorry, dass ich kommen wollte. War dumm.
War es nicht. Es ist sogar sehr schön, dass du kommen wolltest.
Aber du hast recht. Wie immer.
Ich hab gar nicht immer recht.
Daran erinnere ich dich beim nächsten Mal, wenn du felsenfest davon überzeugt bist, dass Big Ben der Turm ist, obwohl jedes Kind weiß, dass es die Glocke ist.
Jedes Kind in England vielleicht. Dafür kenne ich mich richtig gut mit Futterzusätzen für Kühe aus.
Damit kriegst du jede ins Bett, oder?
Sollte man meinen. Aber die Wahrheit ist
Sorry, muss los, Kuh kalbt!
Ich seufze, allerdings mit einem Lächeln. Olly schafft es immer, dass es mir besser geht. Verdammter Atlantik.
Auf meinem Handy öffne ich meine Kontakte. Dann scrolle ich durch mein Telefonbuch und hoffe, jemanden zu finden, bei dem ich unterkommen kann, bis ich nächste Woche nach London fahre. Zur Beerdigung meines Dads. Denn alles, was ich noch habe, sind meine Klamotten und die Tasse. Auf der zu allem Überfluss auch noch »Best Dad« steht.
Wie ironisch ist es, dass ich mit einem Leichenwagen zur Beerdigung meines Dads fahre?
Ich habe meinen vollgepackten Reiserucksack, den ich für den Roadtrip mit Oliver gekauft habe, auf die Matratze in den Laderaum geworfen und bin losgefahren. Vor ein paar Meilen bin ich auf die M 56 abgebogen. Bei Altrincham verlasse ich sie auf die M 6, die mich vom Norden in die Midlands bringt. Auf der Höhe von Birmingham nehme ich die M 40 bis nach London. Ich bin die Strecke erst ein einziges Mal gefahren, in die andere Richtung. Das war vor etwas über vier Jahren, als ich die Melvilles verlassen habe, um in Manchester neu anzufangen. Ganz für mich allein. Auch damals fuhr ich den Leichenwagen, nur dass sich im Laderaum akkurat gestapelte Boxen befanden, die Sammy, das damalige Mädchen für alles im Haus der Melvilles, für mich gepackt hatte. Ich wollte es eigentlich selbst machen, aber ehe ich michs versah, waren meine Sachen bereits in Kartons verschwunden.
Mein Auto hat kein Bluetooth, sodass ich zwischen vier CDs wechsle, die ich von zu Hause mitgenommen habe, als ich ein paar Monate nach Dads Verhaftung mit Lachlan und seinem damals frisch eingestellten Assistenten Adam zum letzten Mal in unserer Wohnung war. Adam nannte ich später nur noch Creep, weil ich ihn einmal dabei erwischt habe, wie er heimlich Fotos von mir schoss. Der Creep. Ich war gerade mal vierzehn und er Anfang zwanzig. Ich las im Garten ein Buch, und erst hörte ich ihn, dann sah ich ihn auch. Seine Handykamera auf mich gerichtet. Mich schüttelt es heute noch, wenn ich daran denke.
Auch an diesem Vormittag in Dads und meiner Wohnung jedenfalls, den Lachlan sich extra freigenommen hatte, um dabei zu sein, wenn ich zurückkehrte, fand ich Adam bereits unheimlich. Er war blass, hatte schwarze Haare, sah zu dünn aus für den Anzug, in dem er steckte. Und sein Lächeln wirkte so hölzern, als hätte er noch nie wirklich gelächelt, sondern nur irgendwo eine Anleitung dafür gelesen, die aus dem Chinesischen ins Englische übersetzt worden war – und zwar von spanischsprachigen Dreijährigen ohne nennenswertes Talent auf diesem Gebiet.
»Sag Adam, was du mitnehmen willst, er kümmert sich darum«, erklärte Lachlan. Bei den Melvilles hat mit Sicherheit noch nie jemand etwas selbst gepackt.
Ich nickte, traute mich aber kaum, auf etwas zu zeigen, weil Adam ständig neugierig aus irgendwelchen Schatten hervorlugte. Am Ende wurden es ein paar Klamotten, das Foto meiner Eltern auf Dads Nachttisch, das ich in meinem neuen Zimmer sofort aus dem Rahmen nahm und umknickte, um ihn nicht mehr sehen zu müssen, ein paar CDs – eine bunte Mischung aus Jugendsünden (meinen und die meiner Mom) – und aus unerfindlichen Gründen die Best-Dad-Tasse. Ich habe mich oft gefragt, warum ich sie damals mitgenommen habe. Wahrscheinlich, weil ich auf diese Weise sicherstellen konnte, dass niemand mehr auf die Lüge hereinfallen würde. Den Schriftzug habe ich mit verschiedenen Markern übermalt, doch jedes Mal kamen die Buchstaben nach ein paar Spülmaschinenwäschen wieder zum Vorschein. Inzwischen habe ich mich so daran gewöhnt, dass sie jede Bedeutung eingebüßt haben.
Nun drücke ich auf Play, und sofort dröhnt viel zu laut One Direction durch mein Auto. Ich drossele die Lautstärke, lasse die CD aber laufen, weil ich keine Lust habe, beim Fahren in dem Haufen Kram auf dem Beifahrersitz nach einer anderen zu suchen. Außerdem ist die Auswahl eher bescheiden. Boygroups aus den Zehnerjahren dieses Jahrtausends und Boygroups aus den frühen Neunzigern des letzten Jahrtausends, weil das offenbar etwas war, das meine Mum und ich (neben einer ausgeprägten Liebe für die Sitcom Friends) gemeinsam hatten: eine pubertäre Vorliebe für zusammengecastete Jungs. Wir sind beide mit den Jahren rausgewachsen, aber mein Auto – mit seiner eingeschränkten Technik – ist wie eine Zeitkapsel.
Lachlan hat mir den Wagen geschenkt, als ich mit siebzehn meine Führerscheinprüfung bestand. Ich dachte, es wären nur er und ich. Aber am Ende nahm er seinen Sohn Killian mit, der es nicht ertragen konnte, dass ich ein neues Auto bekam und er immer noch mit seinem zwei Jahre alten Bentley, den er zum Führerschein gekriegt hatte, herumfahren sollte.
Ein unerträglicher Angeber, dieser Killian, der mich von Anfang an nicht leiden konnte. Einen kurzen Moment lang dachte ich, er könne mich doch leiden, aber dann stellte sich heraus, dass er ein noch größeres Arschloch war, als ich angenommen hatte. Wahrscheinlich hatte er Angst, er müsste mir etwas von seinem Erbe abgeben. Ich wette, als seine kleine Schwester Farron geboren wurde, war das ebenfalls sein erster Gedanke.
Lachlan und Killian ließen sich an jenem Nachmittag jede Menge Luxusausstattungen und maßgeschneiderte Sondermodelle präsentieren, während ich auf meinen Fingernägeln rumkaute und mich unwohl fühlte, weil ich kein Geschenk annehmen wollte, das so viel kostete wie ein Einfamilienhaus.
Auf dem Rückweg fuhren wir an einem Gebrauchtwagenhändler vorbei, und ich bat den Chauffeur, kurz anzuhalten. Killian weigerte sich, auszusteigen, aber Lachlan verstand vermutlich, wie unangenehm mir die ganze Sache war, denn er ließ mich herumschauen und fragte nur ein einziges Mal, ob ich mir wirklich sicher sei, als ich ihm sagte, ich würde den Leichenwagen nehmen. Der kostete nur fünftausend Pfund, Lachlan bezahlte in bar, und Killian brach in ungläubiges Gelächter aus, als Lachlan ihm sagte, ich würde ihn in meinem neuen Auto nach Hause bringen, er solle mit dem Chauffeur fahren.
Je weiter ich in den Süden vordringe, desto lebendiger werden die Erinnerungen an die Jahre nach Dads Verhaftung. Sie kommen allesamt zurückgekrochen, als hätte die räumliche Distanz sie auch emotional auf Abstand gehalten. Ich denke an Hawthorne House, das riesige Anwesen in der Bishop’s Avenue im Norden von London, die gemeinhin als Billionaires’ Row bekannt ist. In der Nachbarschaft befand sich das Londoner Domizil des Sultans von Brunei. Hin und wieder sah man eine Angestellte mit seinen Hunden spazieren gehen. Killian zählte manchmal auf, wer alles zu unseren direkten Nachbarn gehörte und wie viel ihre Häuser wert waren. Manche über siebzig Millionen Pfund. Das meiste vergaß ich schnell wieder, so wie ich alles vergessen wollte, was aus Killians Mund kam. Besonders den … ich wünschte, ich hätte ihn vergessen … Kuss.
Erinnerungen, die ich noch konsequenter verdränge, sind die an meinen Dad vor seiner Verhaftung. An meine Mum erinnere ich mich nur verschwommen. Ich war zwei, als sie den Unfall hatte, und bin mir nicht einmal sicher, ob die Schemen, die ich vor mir sehe, tatsächliche Erinnerungen sind oder aus Erzählungen entstanden sind. An das Zusammenleben mit meinem Dad habe ich natürlich Erinnerungen, aber sie sind zu schmerzhaft, um sie zuzulassen. Denn er war ein guter Dad. Deswegen habe ich ihm die Tasse ja auch geschenkt. Weil er mit mir gespielt und gebastelt hat. Weil er mir vorgelesen hat. Weil er mir alle Sammelbegriffe für Tiere beigebracht hat. A Business of Ferrets. A Caravan of Camels. A Tower of Giraffes. Weil wir zusammen gekocht und gebacken haben – die ersten Male noch ziemlich erfolglos, aber mit den Jahren immer besser. Er schaffte es, Mum und Dad in einem zu sein, sodass ich keinen Grund hatte, meine Mum zu vermissen. Und dann, als er nicht mehr da war, verbot ich mir, ihn zu vermissen. Übrig war nur noch ich. Ich in einer fremden Welt, in der andere Regeln galten. In der man nicht mehr selber packte. In der man in ein Internat ging, wo andere aus dieser Welt auf einen herabschauten.
Es dauerte nicht einmal ein Jahr, dann beschloss ich, ihnen genau das zu geben, was sie wollten. Mich als Außenseiterin zu inszenieren. Ich färbte meine rotblonden Haare, die meinen Dad immer so an Mum erinnert haben, schwarz. Kleidete mich schwarz. Schminkte mir dunkle Ringe um die Augen. Fing an, Punkrock und Metal zu hören, und sortierte die Boybands aus. Killian machte Würgegeräusche, als er mich das erste Mal nach meiner Verwandlung sah. Aber es ist eine Sache, dafür verachtet zu werden, dass man ist, wer man ist. Und eine andere Sache, sich dafür zu entscheiden, von anderen verachtet zu werden, weil man aufhört, dazugehören zu wollen. Deswegen machten mir Killians Spötteleien nichts mehr aus. Kurz fand ich es schade, dass Farron, die damals so um die fünf gewesen sein muss, im ersten Moment Angst vor mir hatte. Aber Alina, ihre Mum, erklärte ihr, dass es nur eine neue Haarfarbe war. Daraufhin wollte Farron auch eine neue Haarfarbe.
Lachlan sah ich an diesem Wochenende nicht, weil er zu irgendwelchen wichtigen Meetings nach New York geflogen war, aber er ließ Adam eine Mail schreiben, in der er mir anbot, einen Friseurtermin für mich vereinbaren zu lassen. Ich habe es als höfliche Kritik meiner Haarfärbefähigkeiten aufgefasst, aber es ging mir nicht um Schönheit. Oder Perfektion. Oder Stil. Es ging mir ums Überdecken. Ich antwortete nicht auf Adams Creep-Mail, wir sprachen nie wieder darüber, und ich färbte bis zu dem Moment, da ich nach Manchester zog, meine Haare selbst.
Ein paar Meilen vor der Ausfahrt nach Wolverhampton ist aufgrund eines Unfalls ein Stau, und ich tausche die Jungs von One Direction gegen Take That.
Glücklicherweise habe ich keine Eile, nach London zu kommen. Die Beerdigung ist erst morgen.
Die Beerdigung.
In den letzten Tagen habe ich nicht viele Gedanken daran verschwendet, wie es sein wird, dort zu stehen. An seinem Grab. Oliver hat ein paarmal versucht, das Gespräch darauf zu lenken, aber ich habe abgeblockt. Ein Schutzmechanismus, den ich in den Jahren nach Dads Verhaftung perfektioniert habe. Abblocken, wegschieben, verdrängen. Allerdings funktioniert das nicht, wenn man in nicht einmal mehr vierundzwanzig Stunden auf dem Friedhof sein wird.
Weil ich gerade ohnehin mehr stehe als fahre, öffne ich den Chat mit Olly und tippe auf das Mikrofonsymbol.
»Hey Olly. Ich stehe gerade im Stau. Kurz vor Birmingham, die nächste Ausfahrt ist Wolverhampton. Das sagt dir wahrscheinlich nichts. Du solltest dir echt mal eine Karte von Großbritannien zulegen. Oder eine Weltkarte. Ich hab gehört, ihr Amerikaner habt es nicht so mit anderen Ländern.«
Ich lache leise. Ich ziehe Olly gern damit auf, dass Amerikaner alle ungebildet sind, und er revanchiert sich damit, dass alle Engländer Snobs sind und einen Stock im Allerwertesten haben.
»Mir ist gerade klar geworden, dass morgen die Beerdigung von meinem Dad ist. Von meinem Dad, Olly. Mein fucking Dad wird beerdigt, und das wird so fucking komisch sein. Wahrscheinlich auch traurig. Keine Ahnung. Ich hab das Gefühl, ich sollte was fühlen. Zählt das schon als Fühlen? Wenn ich ein Gefühl habe? Ich hab in den letzten Jahren so viel gefühlt, weißt du? Ich war so wütend auf ihn. Ich war traurig, weil ich allein war. Nicht ganz allein, ich hatte ja immer dich. Aber du weißt, was ich meine. Und ich war auch einfach jahrelang vollkommen durcheinander, weil ich nicht begreifen konnte, wie er unser Leben einfach so kaputt machen konnte. Ich meine, hallo? Er hat ein verdammtes Kind und denkt sich: Ja, das ist doch eine feine Sache mit den paar Millionen, die ich hier und da unterschlage, wird schon keiner merken. Ups, jetzt haben sie es doch gemerkt, dann soll sich eben mein Boss um Kit kümmern, und ich schreibe ihr halt ein paar Briefe aus dem Gefängnis, wird schon alles gut sein. Scheiße!« Die Worte sprudeln aus mir heraus, weil ich schon lange nicht mehr so emotional geworden bin. Nicht, seit ich London verlassen habe. Und kaum bin ich auf dem Weg dorthin, kommt alles zurück. Die Erinnerungen an die fremde Familie, die mich aufgenommen hat, die Wut auf meinen Dad. Kurz bin ich versucht, auf den Standstreifen zu lenken, um die verfluchte Best-Dad-Tasse aus dem Laderaum zu holen und einfach ins Gestrüpp neben der Autobahn zu pfeffern. Aber dann rolle ich ein paar Meter weiter und verwerfe die Idee.
»O Gott, mir kommt gerade ein Gedanke. Glaubst du, sie werden dort sein? Die Melvilles? Nee, oder? Wir haben seit Jahren keinen Kontakt mehr. Die wissen wahrscheinlich nichts von seinem Tod. Hoffe ich. Das Letzte, was ich brauche, ist Killian, der hinter seiner Designersonnenbrille Betroffenheit heuchelt.« Ich schlucke. »Sie kommen nicht, oder? Bitte sag, dass sie nicht kommen.« Dann schicke ich die Sprachnachricht ab.
Es ist schon nach sechs, als ich Birmingham hinter mir lasse und auf die M 40 abfahre, die mich nach London bringen wird. Bislang habe ich mir noch nicht überlegt, wo ich mich für die Nacht hinstelle. Wahrscheinlich einfach in die Nähe des Friedhofs. Zumindest fällt mein Auto da nicht weiter auf.
Auf der Höhe von Leamington Spa antwortet Olly mit einer seiner seltenen Sprachnachrichten. Das ist nicht so sein Ding, ebenso wie Selfies – die Fotos, die ich von ihm habe, kann ich an einer Hand abzählen –, deswegen freue ich mich umso mehr.
»Sie werden nicht kommen. Ich glaube wirklich, dass du dir keine Sorgen machen musst.« Sein breites amerikanisches R bringt mich zum Grinsen. »Vielleicht werden Leute von früher da sein. Freunde? Hatte dein Dad Freunde? Ich glaube, das hast du nie erzählt. Aber ich glaube trotzdem, dass es hart für dich wird. Ich weiß, dass du das schaffst, aber melde dich jederzeit gern, wenn du reden willst.« Im Hintergrund hört man eine Kuh muhen. »Ich muss weitermachen, Kit. Fahr vorsichtig. Und genieß die Nacht im Hotel.«
Ich verziehe meinen Mund zu einer schuldbewussten Grimasse. Ich habe behauptet, ich hätte mir ein Hotelzimmer genommen. Aber weil ich so gut wie keine Kohle habe, schlafe ich in meinem Auto. Wofür habe ich denn so viel Platz und eine Matratze hinten drin?
Es dauert zwei weitere Stunden, bis ich London erreiche, und sofort beschleicht mich ein Gefühl von Unbehagen. So viele Jahre war diese Stadt mein Zuhause. Ich war glücklich hier. Glücklich in Dads und meiner Wohnung in Belsize Park in einem sanierten viktorianischen Mehrfamilienhaus, zu dem sogar ein Gemeinschaftsgarten gehörte. Dann unglücklich in Nord-Hampstead in der Billionaires’ Row. Und dann irgendwann abgestumpft und nahezu gefühllos. Zumindest rede ich mir das gerne ein, weil abgestumpft meinem Selbstbild weniger zusetzt als traurig.
Als ich an Heathrow vorbeifahre, sehe ich die rot blinkenden Flugzeuge im Start- und Landeanflug, und das Unbehagen weicht Frustration. Der Plan war ein anderer. Der Plan war, zu Olly zu fliegen. Abstand zu gewinnen und mir zu überlegen, wie mein Leben nun, mit dem Abschluss in der Tasche, aussehen soll. Stattdessen bin ich jetzt hier.
Irgendwann kommt zu meiner Rechten die Themse in Sicht. Die Uferpromenade ist beleuchtet, in den schnell hochgezogenen modernen Wohnkomplexen brennt in einigen Wohnungen Licht. Die Hammersmith Bridge lasse ich hinter mir und biege an der Tube-Station West Kensington rechts ab.
Die kleinen rot und gelb geziegelten Reihenhäuser West Bromptons und Fulhams strahlen eine deutlich gemütlichere Atmosphäre aus. Vor den Pubs stehen trinkende Menschentrauben und genießen den lauen Sommerabend. Ein wenig neidisch und mit einem Anflug von Nostalgie denke ich an meine letzten Abende in Manchester. Der ein oder andere Off-Licence hat noch geöffnet, und ich parke an einer Ecke, um mir ein matschiges Thunfischsandwich, Chips und eine Flasche Wasser zu kaufen.
Kurz darauf überquere ich auf der Wandsworth Bridge die Themse. Der Wandsworth Common liegt in rabenschwarzer Dunkelheit zu meiner Linken. Dann biege ich erneut rechts ab. Die Gegend ist mir gänzlich unbekannt. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, jemals hier gewesen zu sein. In diesem Viertel hat mein Dad also die letzten Jahre gelebt. Noch nie habe ich mich so fremd gefühlt. Nicht einmal in der ersten Nacht bei den Melvilles.
Die Magdalen Road bringt mich schließlich zum Wandsworth Cemetery. Ich parke gegenüber von einer zweistöckigen Reihenhauszeile, stelle den Motor ab, atme aus. Für einen Moment schließe ich die Augen und genieße die Stille um mich herum. Stille, nachdem man stundenlang anhaltenden Geräuschen ausgesetzt war, ist stiller als einfach nur Abwesenheit von Lärm. Doch nach und nach dringen Laute in meine Wahrnehmung vor. Obwohl es bereits dunkel ist, singt irgendwo ein Vogel. Wahrscheinlich ein Rotkehlchen. A Flock of Robins. Ein Auto fährt in Schrittgeschwindigkeit an mir vorbei. Blätter rauschen im lauen Wind.
Ich steige aus, strecke mich. Kurz denke ich an die Menschen vor den Pubs und überlege, ob ich mir zur Entspannung irgendwo noch ein Pint genehmigen soll. Stattdessen schnappe ich mir mein Handy.
Ich bin gut im Hotel angekommen. Ist komisch, hier zu sein, aber du hast recht. Ich schaffe das. Gute Nacht, Olly.
Es dauert keine Minute, da antwortet er.
Gute Nacht, Kit. Ich denke an dich.
Ich öffne den Laderaum meines Leichenwagens und klettere hinein. Ich schalte die kleine aufladbare Lampe an der Decke ein und ziehe eine dünne Wolldecke aus meinem Rucksack, mit der ich mich zudecken kann. Dann öffne ich das Sandwich aus dem Off-Licence. Es hat die Konsistenz von aufgeweichter Pappe und schmeckt auch so.
Wie gut, dass ich nicht anspruchsvoll bin, denke ich. Zum Einschlafen versuche ich, mir auszumalen, wie Killian Melville in einem Auto schläft und ein abgepacktes Sandwich isst. Doch für diese Vorstellung reicht meine Fantasie nicht aus.
