E-Book Verlag: Heyne Hörbuch Verlag: Lagato Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Vampirschwur - J. R. Ward

Düster, erotisch, unwiderstehlichIm Dunkel der Nacht tobt ein unerbittlicher Krieg zwischen den Vampiren und ihren Verfolgern. Die besten Krieger der Vampire haben sich zur Bruderschaft der BLACK DAGGER zusammengeschlossen, um sich mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen. Ihr grausamster Kampf ist jedoch die Entscheidung zwischen Pflicht und glühender Leidenschaft. Das gilt besonders für die ebenso schöne wie unerschrockene Payne. Jahrhundertelang als Auserwählte auf der Anderen Seite gefangen, hat sie nun mit ihrer Bestimmung gebrochen und ist ins Diesseits gekommen. Sie ahnt nicht, welche Herausforderungen auf sie warten – sowohl in der Schlacht auf den nächtlichen Straßen als auch im Kampf gegen ihre eigenen Leidenschaften ...

Meinungen über das E-Book Vampirschwur - J. R. Ward

E-Book-Leseprobe Vampirschwur - J. R. Ward

Das Buch

Niemals hätte Vishous, der unerschrockene Krieger aus der Bruderschaft der BLACK DAGGER, gedacht, dass er eine Zwillingschwester hat: Jahrhundertelang wurde Payne von ihrer Mutter, der Jungfrau der Schrift, auf der Anderen Seite gefangen gehalten. Von Natur aus mutig und freiheitsliebend, ist Payne eine Kämpferin wie ihr Bruder und nicht geschaffen für das Leben auf der Anderen Seite. Sie bricht mit der Tradition und kommt ins Diesseits – allerdings wird sie dabei schwer verletzt und den Geschwistern bleibt keine Zeit, sich über ihr Kennenlernen zu freuen, denn Payne schwebt zwischen Leben und Tod. Es gibt nur einen, der ihr jetzt noch helfen kann: Dr. Manuel Manello, brillantester Arzt der Stadt und ehemaliger Kollege von Vishous’ Shellan Jane. Als Manuel seine Patientin zum ersten Mal sieht, verliebt er sich Hals über Kopf in die schöne Vampirin und setzt alles daran, sie zu retten. Auch Payne fühlt sich unwiderstehlich zu dem attraktiven Arzt hingezogen, doch Manuel ist ein Mensch und ihre Liebe darf nicht sein. Und so beginnt für Payne der schwierigste Kampf ihres Lebens: der Kampf gegen ihre eigene Leidenschaft …

Die Autorin

J. R. Ward begann bereits während des Studiums mit dem Schreiben. Nach dem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACK DAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die amerikanischen Bestsellerlisten eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg der Serie als Star der romantischen Mystery.

Ein ausführliches Werkverzeichnis aller von J. R.Ward im Wilhelm Heyne Verlag erschienen Bücher finden Sie am Ende des Bandes.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorDANKSAGUNGGLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMENPROLOGKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29NACHTSEELECopyright

Gewidmet: Dir.

Einem Bruder, und was für einem.Ich glaube, du bist genau da, wo du hingehörst – und ich bin vermutlich nicht die Einzige, die so empfindet.

DANKSAGUNG

Ein großes Dankeschön allen Lesern der Bruderschaft der Black Dagger und ein Hoch auf die Cellies!

Vielen Dank für all die Unterstützung und die Ratschläge an: Steven Axelrod, Kara Welsh, Claire Zion und Leslie Gelbman.

Danke auch an alle Mitarbeiter von NAL – diese Bücher sind echte Teamarbeit!

Danke an Lu und Opal sowie an unsere Cheforganisatoren und Ordnungshüter für alles, was ihr aus reiner Herzensgüte tut! Und ich danke Ken, der mich erträgt, und Cheryle, Königin der virtuellen Autogrammstunde.

Alles Liebe an D – ich bin dir unendlich dankbar für so vieles … aber ganz besonders für Kezzy. So sexy waren Skittles noch nie.

Und auch an Nath liebe Grüße, weil er mir immer beisteht und dabei stets geduldig und freundlich bleibt.

Danke, Tantchen LeE. Alle lieben dich – und die Liste wird immer länger, nicht wahr?

Danke auch an Doc Jess, dem klügsten Menschen, dem ich je begegnet bin – ich bin so ein Glückspilz, dass du es mit mir aushältst. Und an Sue Grafton und Betsey Vaughan, die meinen Exekutivausschuss vervollkommnen.

Nichts von alledem wäre möglich ohne: meinen liebevollen Ehemann, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht, sich um mich kümmert und mich an seinen Visionen teilhaben lässt; meine wunderbare Mutter, dir mir mehr Liebe geschenkt hat, als ich ihr je zurückgeben kann; meine Familie (die blutsverwandte wie auch die frei gewählte) und meine liebsten Freunde.

Ach ja, und an die bessere Hälfte von WriterDog, wie immer.

GLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMEN

Ahstrux nohtrum – Persönlicher Leibwächter mit Lizenz zum Töten, der vom König ernannt wird.

Die Auserwählten – Vampirinnen, deren Aufgabe es ist, der Jungfrau der Schrift zu dienen. Sie werden als Angehörige der Aristokratie betrachtet, obwohl sie eher spirituell als weltlich orientiert sind. Normalerweise pflegen sie wenig bis gar keinen Kontakt zu männlichen Vampiren; auf Weisung der Jungfrau der Schrift können sie sich aber mit einem Krieger vereinigen, um den Fortbestand ihres Standes zu sichern. Einige von ihnen besitzen die Fähigkeit zur Prophezeiung. In der Vergangenheit dienten sie alleinstehenden Brüdern zum Stillen ihres Blutbedürfnisses. Diese Praxis wurde von den Brüdern wiederaufgenommen.

Bannung – Status, der einer Vampirin der Aristokratie auf Gesuch ihrer Familie durch den König auferlegt werden kann. Unterstellt die Vampirin der alleinigen Aufsicht ihres Hüters, üblicherweise der älteste Mann des Haushalts. Ihr Hüter besitzt damit das gesetzlich verbriefte Recht, sämtliche Aspekte ihres Lebens zu bestimmen und nach eigenem Gutdünken jeglichen Umgang zwischen ihr und der Außenwelt zu regulieren.

Die Bruderschaft der Black Dagger – Die Brüder des Schwarzen Dolches. Speziell ausgebildete Vampirkrieger, die ihre Spezies vor der Gesellschaft der Lesser beschützen. Infolge selektiver Züchtung innerhalb der Rasse besitzen die Brüder ungeheure physische und mentale Stärke sowie die Fähigkeit zur extrem raschen Heilung. Die meisten von ihnen sind keine leiblichen Geschwister; neue Anwärter werden von den anderen Brüdern vorgeschlagen und daraufhin in die Bruderschaft aufgenommen. Die Mitglieder der Bruderschaft sind Einzelgänger, aggressiv und verschlossen. Sie pflegen wenig Kontakt zu Menschen und anderen Vampiren, außer um Blut zu trinken. Viele Legenden ranken sich um diese Krieger, und sie werden von ihresgleichen mit höchster Ehrfurcht behandelt. Sie können getötet werden, aber nur durch sehr schwere Wunden wie zum Beispiel eine Kugel oder einen Messerstich ins Herz.

Blutsklave – Männlicher oder weiblicher Vampir, der unterworfen wurde, um das Blutbedürfnis eines anderen zu stillen. Die Haltung von Blutsklaven wurde vor kurzem gesetzlich verboten.

Chrih – Symbol des ehrenhaften Todes in der alten Sprache.

Doggen – Angehörige(r) der Dienerklasse innerhalb der Vampirwelt. Doggen pflegen im Dienst an ihrer Herrschaft altertümliche, konservative Sitten und folgen einem formellen Bekleidungs- und Verhaltenskodex. Sie können tagsüber aus dem Haus gehen, altern aber relativ rasch. Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfhundert Jahren.

Dhunhd – Hölle.

Ehros – Eine Auserwählte, die speziell in der Liebeskunst ausgebildet wurde.

Exhile Dhoble – Der böse oder verfluchte Zwilling, derjenige, der als Zweiter geboren wird.

Gesellschaft derLesser– Orden von Vampirjägern, der von Omega zum Zwecke der Auslöschung der Vampirspezies gegründet wurde.

Glymera – Das soziale Herzstück der Aristokratie, sozusagen die »oberen Zehntausend« unter den Vampiren.

Gruft – Heiliges Gewölbe der Bruderschaft der Black Dagger. Sowohl Ort für zeremonielle Handlungen wie auch Aufbewahrungsort für die erbeuteten Kanopen der Lesser. Hier werden unter anderem Aufnahmerituale, Begräbnisse und Disziplinarmaßnahmen gegen Brüder durchgeführt. Niemand außer Angehörigen der Bruderschaft, der Jungfrau der Schrift und Aspiranten hat Zutritt zur Gruft.

Hellren – Männlicher Vampir, der eine Partnerschaft mit einer Vampirin eingegangen ist. Männliche Vampire können mehr als eine Vampirin als Partnerin nehmen.

Hohe Familie – König und Königin der Vampire sowie all ihre Kinder.

Hüter – Vormund eines Vampirs oder einer Vampirin. Hüter können unterschiedlich viel Autorität besitzen, die größte Macht übt der Hüter einer gebannten Vampirin aus.

Jungfrau der Schrift – Mystische Macht, die dem König als Beraterin dient sowie die Vampirarchive hütet und Privilegien erteilt. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und besitzt umfangreiche Kräfte. Hatte die Befähigung zu einem einzigen Schöpfungsakt, den sie zur Erschaffung der Vampire nutzte.

Leahdyre – Eine mächtige und einflussreiche Person.

Lesser – Ein seiner Seele beraubter Mensch, der als Mitglied der Gesellschaft der Lesser Jagd auf Vampire macht, um sie auszurotten. Die Lesser müssen durch einen Stich in die Brust getötet werden. Sie altern nicht, essen und trinken nicht und sind impotent. Im Laufe der Jahre verlieren ihre Haare, Haut und Iris ihre Pigmentierung, bis sie blond, bleich und weißäugig sind. Sie riechen nach Talkum. Aufgenommen in die Gesellschaft werden sie durch Omega. Daraufhin erhalten sie ihre Kanope, ein Keramikgefäß, in dem sie ihr aus der Brust entferntes Herz aufbewahren.

Lewlhen – Geschenk.

Lheage – Respektsbezeichnung einer sexuell devoten Person gegenüber einem dominanten Partner.

Lielan – Ein Kosewort, frei übersetzt in etwa »mein Liebstes«.

Lys – Folterwerkzeug zur Entnahme von Augen.

Mahmen – Mutter. Dient sowohl als Bezeichnung als auch als Anrede und Kosewort.

Mhis – Die Verhüllung eines Ortes oder einer Gegend; die Schaffung einer Illusion.

Nalla oder Nallum – Kosewort. In etwa »Geliebte (r) «.

Novizin – Eine Jungfrau.

Omega – Unheilvolle mystische Gestalt, die sich aus Groll gegen die Jungfrau der Schrift die Ausrottung der Vampire zum Ziel gesetzt hat. Existiert in einerjenseitigen Sphäre und hat weitreichende Kräfte, wenn auch nicht die Kraft zur Schöpfung.

Phearsom – Begriff, der sich auf die Funktionstüchtigkeit der männlichen Geschlechtsorgane bezieht. Die wörtliche Übersetzung lautet in etwa »würdig, in eine Frau einzudringen«.

Princeps – Höchste Stufe der Vampiraristokratie, untergeben nur den Mitgliedern der Hohen Familie und den Auserwählten der Jungfrau der Schrift. Dieser Titel wird vererbt; er kann nicht verliehen werden.

Pyrokant – Bezeichnet die entscheidende Schwachstelle eines Individuums, sozusagen seine Achillesferse. Diese Schwachstelle kann innerlich sein, wie zum Beispiel eine Sucht, oder äußerlich, wie ein geliebter Mensch.

Rahlman – Retter.

Rythos – Rituelle Prozedur, um verlorene Ehre wiederherzustellen. Der Rythos wird von dem Vampir gewährt, der einen anderen beleidigt hat. Wird er angenommen, wählt der Gekränkte eine Waffe und tritt damit dem unbewaffneten Beleidiger entgegen.

Schleier – Jenseitige Sphäre, in der die Toten wieder mit ihrer Familie und ihren Freunden zusammentreffen und die Ewigkeit verbringen.

Shellan – Vampirin, die eine Partnerschaft mit einem Vampir eingegangen ist. Vampirinnen nehmen sich in der Regel nicht mehr als einen Partner, da gebundene männliche Vampire ein ausgeprägtes Revierverhalten zeigen.

Symphath – Eigene Spezies innerhalb der Vampirrasse, deren Merkmale die Fähigkeit und das Verlangen sind, Gefühle in anderen zu manipulieren (zum Zwecke eines Energieaustauschs). Historisch wurden die Symphathen oft mit Misstrauen betrachtet und in bestimmten Epochen auch von den anderen Vampiren gejagt. Sind heute nahezu ausgestorben.

Trahyner – Respekts- und Zuneigungsbezeichnung unter männlichen Vampiren. Bedeutet ungefähr »geliebter Freund«.

Transition – Entscheidender Moment im Leben eines Vampirs, wenn er oder sie ins Erwachsenenleben eintritt. Ab diesem Punkt müssen sie das Blut des jeweils anderen Geschlechts trinken, um zu überleben, und vertragen kein Sonnenlicht mehr. Findet normalerweise mit etwa Mitte zwanzig statt. Manche Vampire überleben ihre Transition nicht, vor allem männliche Vampire. Vor ihrer Transition sind Vampire von schwächlicher Konstitution und sexuell unreif und desinteressiert. Außerdem können sie sich noch nicht dematerialisieren.

Triebigkeit – Fruchtbare Phase einer Vampirin. Üblicherweise dauert sie zwei Tage und wird von heftigem sexuellem Verlangen begleitet. Zum ersten Mal tritt sie etwa fünf Jahre nach der Transition eines weiblichen Vampirs auf, danach im Abstand von etwa zehn Jahren. Alle männlichen Vampire reagieren bis zu einem gewissen Grad auf eine triebige Vampirin, deshalb ist dies eine gefährliche Zeit. Zwischen konkurrierenden männlichen Vampiren können Konflikte und Kämpfe ausbrechen, besonders wenn die Vampirin keinen Partner hat.

Vampir – Angehöriger einer gesonderten Spezies neben dem Homo sapiens. Vampire sind darauf angewiesen, das Blut des jeweils anderen Geschlechts zu trinken. Menschliches Blut kann ihnen zwar auch das Überleben sichern, aber die daraus gewonnene Kraft hält nicht lange vor. Nach ihrer Transition, die üblicherweise etwa mit Mitte zwanzig stattfindet, dürfen sie sich nicht mehr dem Sonnenlicht aussetzen und müssen sich in regelmäßigen Abständen aus der Vene ernähren. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme können Vampire Menschen nicht durch einen Biss oder eine Blutübertragung »verwandeln«; in seltenen Fällen aber können sich die beiden Spezies zusammen fortpflanzen. Vampire können sich nach Belieben dematerialisieren, dazu müssen sie aber ganz ruhig werden und sich konzentrieren; außerdem dürfen sie nichts Schweres bei sich tragen. Sie können Menschen ihre Erinnerung nehmen, allerdings nur, solange diese Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert sind. Manche Vampire können auch Gedanken lesen. Die Lebenserwartung liegt bei über eintausend Jahren, in manchen Fällen auch höher.

Vergeltung – Akt tödlicher Rache, typischerweise ausgeführt von einem Mann im Dienste seiner Liebe.

Wanderer – Ein Verstorbener, der aus dem Schleier zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Wanderern wird großer Respekt entgegengebracht, und sie werden für das, was sie durchmachen mussten, verehrt.

Whard – Entspricht einem Patenonkel oder einer Patentante.

Zwiestreit – Konflikt zwischen zwei männlichen Vampiren, die Rivalen um die Gunst einer Vampirin sind.

PROLOG

ALTES LAND, 1761

Xcors Transition lag gerade einmal fünf Jahre zurück, als er Zeuge des Mordes an seinem Vater wurde. Und obwohl dies direkt vor seinen Augen geschah, konnte er es nicht begreifen.

Die Nacht begann wie jede andere. Dunkelheit senkte sich auf eine Landschaft aus Wald und Höhlen, Wolken am Himmel verbargen ihn und jene, die mit ihm ritten, vor dem Mondlicht. Sechs Mann stark war sein Trupp: Throe, Zypher, die drei Cousins und er. Und dann sein Vater.

Bloodletter.

Vormals Mitglied der Bruderschaft der Black Dagger.

Was sie an jenem Abend umtrieb, war genau das, was sie tagtäglich nach Sonnenuntergang auf den Plan rief: Sie hielten Ausschau nach Lessern, diesen seelenlosen Werkzeugen Omegas, deren Ziel es war, das Vampirvolk auszulöschen. Und sie bekämpften sie. Und zwar oft.

Aber diese Sieben gehörten nicht zur Bruderschaft.

Im Gegensatz zu der vielgepriesenen geheimen Gilde von Kriegern war der von Bloodletter angeführte Haufen eine einfache Gruppe von Kämpfern: Sie brauchten keine feierlichen Zeremonien. Keine Verehrung durch die zivile Bevölkerung. Keine Mythen oder Hymnen. Sie mochten von adeligem Geblüt sein, doch waren sie von ihren Familien verstoßen worden, weil sie unehrenhaft gezeugt oder mit einem Makel behaftet zur Welt gekommen waren.

Sie würden nie recht viel mehr sein als Kanonenfutter im großen Überlebenskampf.

Dennoch waren sie Elitekämpfer, die skrupellosesten und schlagkräftigsten, diejenigen, die sich vor dem strengsten Lehrmeister der Vampire bewiesen hatten: Xcors Vater. Diese handverlesenen Krieger traten ihren Feinden erbarmungslos gegenüber und kümmerten sich nicht um die Konventionen der Vampirgesellschaft. Und auch beim Töten kannten sie keine Regeln: Es spielte keine Rolle, ob ihre Beute Lesser oder Mensch, Tier oder Wolf war. Es floss Blut.

Einen Schwur, und nur diesen einen, hatten sie geleistet: Dass der Sire ihr Herr war und sonst niemand. Wohin er auch ging, sie folgten ihm, bedingungslos. So viel einfacher als der umständliche Humbug der Bruderschaft – selbst wenn Xcor durch seine Abstammung ein Anwärter für die Reihen der Bruderschaft gewesen wäre, er hätte kein Interesse gehabt. Ruhm war ihm gleichgültig, denn er war nichtig im Vergleich zur süßen Befriedigung, die das Morden ihm bescherte. Besser, man überließ die sinnlosen Traditionen und überflüssigen Rituale jenen, die niemals etwas anderes als einen schwarzen Dolch führen würden.

Ihm war jede verfügbare Waffe recht.

Genau wie seinem Vater.

Das Klappern der Hufe verlangsamte sich und verstummte schließlich ganz, als die Reiter aus dem Wald kamen und bei einer Gruppe von Eichen und Büschen Halt machten. Der Wind trug den Rauch von Herdfeuern zu ihnen, doch es gab noch andere Hinweise darauf, dass der gesuchte Ort nun endlich vor ihnen lag: Hoch oben auf einem markanten Felsen kauerte, einem Adlerhorst gleich, eine befestigte Burg, deren Fundament sich wie Klauen in den Fels krallte.

Menschen. Sich bekriegende Menschen.

Wie langweilig.

Und doch musste man den Bauherrn loben. Sollte Xcor sich jemals niederlassen, würde er die Dynastie dieser Burg massakrieren und das Gemäuer für sich vereinnahmen. Rauben war viel effizienter als Bauen.

»Zum Dorf«, befahl sein Vater. »Auf ins Vergnügen.«

Gerüchten zufolge gab es dort Lesser. Die blassen Biester hatten sich angeblich unter die Dorfbewohner gemengt, die der Bergflanke im Schatten der Burg Land abgerungen und dort ihre Steinhäuser errichtet hatten. Es war die übliche Vorgehensart der Gesellschaft der Lesser: sich in einem Dorf einnisten, nach und nach die Männer rekrutieren, Frauen und Kinder abschlachten oder verschachern, heimlich mit Waffen und Pferden verschwinden und dann auf zum nächsten Dorf in noch größerer Anzahl.

In dieser Hinsicht dachte Xcor ganz ähnlich wie sein Feind: Nach dem Kampf nahm er mit, was er tragen konnte, bevor er in die nächste Schlacht zog. Nacht für Nacht kämpften sich Bloodletter und seine Krieger durch das Land, das seine Bewohner England nannten, und wenn sie den äußersten Zipfel des Schottengebiets erreichten, machten sie kehrt und zogen wieder gen Süden, immer weiter, bis sie am Stiefelabsatz von Italien gezwungen waren, abermals umzukehren. Und dann durchpflügten sie all diese Länder von neuem, die ganze Strecke. Wieder und wieder.

»Hier lagern wir unser Gepäck«, erklärte Xcor und zeigte auf einen dickstämmigen Baum, der über einen Bach gestürzt war.

Nur das Knarren von Leder und das gelegentliche Schnauben der Hengste waren zu hören, während sie ihre bescheidene Habe verstauten. Als alles unter der großen Eiche lag, saßen sie wieder auf und versammelten sich mit ihren edlen Reittieren – den einzigen Wertstücken, die sie mit sich führten, abgesehen von den Waffen. Zierrat oder Utensilien für den Komfort empfand Xcor als unnütz – nichts als Ballast, der sie aufhielt. Ein kräftiges Pferd und ein gut ausbalancierter Dolch jedoch waren unbezahlbar.

Die Sieben ritten auf das Dorf zu, ohne sich Mühe zu machen, das Donnern der Hufe zu dämpfen. Doch sie veranstalteten auch kein Kriegsgeschrei. Sinnloser Aufwand, sie brauchten ihre Feinde nicht unbedingt dazu auffordern, rauszukommen und sie zu begrüßen.

Wie um die Krieger willkommen zu heißen, steckten ein, zwei Menschen den Kopf zur Tür heraus und sperrten sich dann schnell wieder in ihre Stuben. Xcor schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Stattdessen suchte er die niedrigen Steinhäuser und den Dorfplatz mit den geschlossenen Läden nach einer zweibeinigen Lebensform ab, die geisterhaft blass war und wie ein in Sirup getunkter Leichnam stank.

Sein Vater ritt an seine Seite und grinste boshaft. »Vielleicht werden wir uns nachher an den Früchten dieses Gartens gütlich tun.«

»Vielleicht«, murmelte Xcor, während sein Hengst den Kopf zurückwarf. Fürwahr, ihn reizte es nicht, Frauen zu nehmen oder Männer zu unterwerfen, doch seinem Vater widersprach man besser nicht, auch nicht, was die Befriedigung seiner launenhaften Gelüste anging.

Mit einem Handzeichen schickte Xcor drei der Reiter nach links, wo ein kleines Gebäude mit Spitzdach und einem Kreuz obendrauf stand. Er und die anderen würden sich rechts halten. Sein Vater tat, was ihm gefiel. Wie immer.

Die Hengste in Zaum zu halten, war ein hartes Stück Arbeit selbst für den kräftigsten Arm, aber er war das Tauziehen gewöhnt und saß fest im Sattel. Mit finsterer Entschlossenheit durchdrangen seine Augen die Schatten, die der Mond warf, suchten, forschten …

Der Jägertrupp, der aus dem Schutz der Schmiede trat, war bis an die Zähne bewaffnet.

»Fünf«, knurrte Zypher. »Eine herrliche Nacht.«

»Drei«, verbesserte Xcor. »Zwei sind noch Menschen … obwohl … auch sie zu töten, wird ein Vergnügen sein.«

»Welche nehmt Ihr, Herr?«, fragten seine Kameraden voller Ehrfurcht, die er sich verdient hatte und nicht durch Geburtsrecht erworben.

»Die Menschen«, sagte Xcor, schob sich nach vorne und machte sich bereit für den Moment, da er seinem Pferd freien Lauf lassen würde. »Sollten weitere Lesser in der Nähe sein, wird sie das anlocken.«

Dann trieb er seinen mächtigen Hengst an und verschmolz mit dem Sattel. Als sich die Lesser mit ihren Kettenhemden und Waffen ihm hoch erhobenen Hauptes stellten, lächelte er. Die zwei Menschen unter ihnen würden nicht so standhaft bleiben. Obwohl auch sie für den Kampf gerüstet waren, würden sie das Weite suchen, sobald die ersten Fänge aufblitzten, aufgescheucht wie Ackergäule von einem Kanonenschlag.

Weswegen er nach nur drei Sätzen im Galopp plötzlich nach rechts ausbrach. Hinter der Schmiede zog er sich in den Steigbügeln hoch und entledigte sich seines Pferdes. Sein Hengst war ungestüm, doch wenn es ums Absitzen ging, war er folgsam und wartete …

Eine Menschenfrau stürzte aus der Hintertür und suchte stolpernd festen Tritt im Morast, ihr weißes Nachtgewand ein heller Streifen in der Dunkelheit. Dann sah sie ihn und erstarrte vor Schreck.

Eine verständliche Reaktion: Er war doppelt so groß wie sie, wenn nicht gar drei Mal so groß, und stand nicht im Schlafhemd vor ihr, sondern in voller Kriegsmontur. Als ihre Hand an den Hals fuhr, schnupperte er und fing ihren Geruch ein. Hm, vielleicht hatte sein Vater Recht und sie sollten sich wirklich an den Früchten dieses Gartens gütlich tun …

Bei diesem Gedanken entfuhr ihm ein tiefes Knurren, das ihr augenblicklich Beine machte. Und als er sah, wie sie floh, brach das Raubtier in ihm hervor. Blutdurst zerrte an seinen Eingeweiden und erinnerte ihn daran, dass es Wochen her war, seit er sich von einer Angehörigen seines Volkes genährt hatte. Und obwohl dieses Mädchen nur ein Mensch war, würde es für heute Nacht genügen.

Leider war im Moment keine Zeit für derlei Zerstreuung – obwohl sein Vater sie sicherlich nachher fangen würde. Sollte Xcor Blut benötigen, um über die Runden zu kommen, würde er es von dieser Frau bekommen oder von einer anderen.

Er kehrte ihrer fliehenden Gestalt den Rücken, verschaffte sich einen festen Stand und zog seine bevorzugte Waffe: Obwohl der Dolch seine Berechtigung hatte, wählte er die Sense mit ihrem langen Griff, die er in einem eigens dafür angefertigtem Halfter auf dem Rücken trug. Er war Meister darin, diese schwere Waffe zu schwingen. Lächelnd ließ er die heimtückische, geschwungene Klinge durch die Luft sausen und wartete darauf, dass ihm die zwei Menschen ins Netz gingen, die sicher bald hinter dem Haus hervor…

Ach ja, wie schön es doch war, Recht zu behalten.

Kurz nachdem ein Lichtblitz und ein Knall von der Dorfstraße zu ihm drangen, kamen die zwei Menschen schreiend um die Schmiede gerannt, als würden sie von Räubern verfolgt.

Doch sie hatten sich geirrt, nicht wahr? Der Räuber wartete hier.

Xcor veranstaltete kein Geschrei, er fluchte und er knurrte nicht. Er rannte einfach mit der Sense los. Die Waffe lag gut ausbalanciert in seinen Händen, während seine kräftigen Schenkel die Entfernung mühelos bewältigten. Bei seinem Anblick hielten die Menschen in ihren Stiefeln schlingernd an und versuchten mit rudernden Armen, das Gleichgewicht zu bewahren, wie Enten, die bei einer Wasserlandung mit den Flügeln schlagen.

Die Zeit dehnte sich in die Länge, als er über sie herfiel, mit seiner Lieblingswaffe ausholte und sie beide zugleich auf Höhe des Genicks traf.

Ihre Köpfe waren mit einem einzigen sauberen Streich abgetrennt, kurz blitzte noch Überraschung in ihren Gesichtern auf, ehe ihre Häupter, die nun keinen Halt mehr hatten, Nase über Stirn davonflogen und spritzendes Blut Xcors Brust besprenkelte. Derart ihrer Köpfe beraubt, gingen die unteren Körperhälften der beiden mit einer merkwürdigen, fließenden Anmut zu Boden, wo sie als ein regloser Haufen von Gliedern endeten.

Jetzt brüllte er.

Xcor wirbelte herum, stemmte die Lederstiefel in den Schlamm und holte tief Luft. Dann stieß er einen Schrei aus, während er die Sense vor sich durch die Luft sausen ließ, der gerötete Stahl lechzend nach mehr. Obgleich seine Opfer lediglich Menschen gewesen waren, war der Rausch des Tötens besser als jeder Orgasmus. Das Bewusstsein, dass er Leben ausgelöscht und Leichen hinterlassen hatte, durchströmte ihn wie warmer, süßer Met.

Mit einem Pfiff durch die Zähne rief er seinen Hengst, der folgsam auf ihn zugestürmt kam. Ein Satz, und Xcor saß wieder im Sattel, die Sense hoch erhoben in der rechten Hand, in der linken die Zügel. Er rammte seinem Pferd die Sporen in die Flanken und galoppierte durch eine enge, schmutzige Gasse, die ihn mitten ins Schlachtgetümmel führte.

Der Kampf war im vollen Gange, Schwerter trafen klirrend aufeinander, und Schreie durchdrangen die Nacht, als die Feinde aufeinanderprallten. Und genau wie Xcor vorausgesagt hatte, traf ein halbes Dutzend weitere Lesser auf guten Pferden ein wie aufgescheuchte Löwen, die ihr Revier verteidigten.

Xcor fiel über den Verstärkungstrupp her. Er befestigte die Zügel am Sattelknauf und schwang die Sense, während sein Hengst mit gebleckten Zähnen auf die Pferde der Feinde zustürmte. Schwarzes Blut und Körperteile wirbelten durch die Luft, als er seine Gegner zerstückelte, Pferd und Reiter verschmolzen bei ihrem Angriff zu einer Einheit.

Als Xcor einen weiteren Jäger mit der Klinge erfasste und auf Brusthöhe zweiteilte, wusste er, dass dies seine Bestimmung im Leben war, die höchste und edelste Verwendung seiner Zeit hier auf Erden. Er war zum Töten geboren, nicht zur Verteidigung.

Er kämpfte nicht für sein Volk … sondern für sich.

Viel zu schnell war alles vorüber, und der nächtliche Nebel kräuselte sich um die gefallenen Lesser, die sich in Lachen aus öligem, schwarzem Blut wanden. Die Verletzungen seiner Männer waren geringfügig. Throe hatte eine Schnittwunde in der Schulter, die ihm irgendeine Klinge zugefügt hatte. Und Zypher humpelte, ein roter Fleck zeichnete sich an der Außenseite seines Beins ab und tränkte seine Stiefel. Doch keiner der beiden ließ sich dadurch im Geringsten beeinträchtigen oder beirren.

Xcor saß ab und steckte die Sense zurück ins Halfter. Dann zog er den stählernen Dolch und erstach einen Jäger nach dem anderen, obwohl es ihn reute, die Feinde zurück zu ihrem Schöpfer zu schicken. Er wünschte sich noch mehr Gegner, mit denen er kämpfen konnte, nicht weniger …

Ein markerschütternder Schrei hallte durch die Nacht, und er riss den Kopf herum. Die Menschenfrau im Schlafgewand hastete die lehmige Dorfstraße hinunter, als hätte man sie aus einem Versteck aufgescheucht. Ihr dicht auf den Fersen folgte Xcors Vater, hoch auf seinem galoppierenden Ross. Es war kein faires Rennen. Der massige Bloodletter hing schräg im Sattel, als er an ihr vorbeiritt, packte sie mit einem Arm und warf sie sich mühelos über den Schoß.

Er hielt nicht an und wurde auch nicht langsamer, stattdessen tat er etwas anderes: Mitten im vollen Galopp und obwohl sein Opfer heftig durchgeschüttelt wurde, gelang es Xcors Vater, ihren zarten Hals mit den Fängen zu packen und sich in ihrer Kehle zu verbeißen, als wollte er sie mit den Zähnen festhalten.

Und sie wäre gestorben. Bestimmt wäre sie gestorben.

Wäre Bloodletter nicht vor ihr tot gewesen.

In den wabernden Nebelschwaden erschien eine geisterhafte Gestalt, als hätte sie sich aus den filigranen Tröpfchen in der Luft gebildet. Als Xcor diese Erscheinung sah, kniff er die Augen zusammen und konzentrierte sich ganz auf seinen exzellenten Geruchssinn.

Die Gestalt schien weiblich zu sein. Eine Vampirin. In einem weißen Gewand.

Und ihr Geruch erinnerte ihn an etwas, das er nicht gleich einordnen konnte.

Sie stellte sich seinem Vater in den Weg und schien völlig unbekümmert darüber, dass gleich ein Pferd und ein sadistischer Krieger über sie hinwegdonnern würden. Xcors Vater war vollkommen verzaubert von ihr. Er ließ die Menschenfrau fallen wie einen abgenagten Lammknochen.

Hier war etwas faul, dachte Xcor. Fürwahr, er war ein Mann der Tat und der Kraft und scheute wohl kaum vor einer Angehörigen des schwachen Geschlechts zurück … doch sein ganzer Körper warnte ihn, dass dieses ätherische Wesen gefährlich war. Tödlich.

»He da! Vater!«, rief er. »Kehr um!«

Xcor pfiff nach seinem Pferd, das folgsam angetrabt kam. Er sprang in den Sattel, gab ihm die Sporen und stürzte voran, um seinem Vater den Weg abzuschneiden, während ihn eine seltsame Panik ergriff.

Doch er kam zu spät. Sein Vater hatte die Gestalt erreicht, die langsam in die Hocke gegangen war.

Grundgütiger, sie setzte zum Sprung an …

In einem präzise ausgeführten Satz erhob sie sich in die Luft, hielt sich am Bein seines Vaters fest und schwang sich daran auf das Pferd. Dann packte sie Bloodletter an der mächtigen Brust und riss ihn mit einem Ruck, den man ihrem Geschlecht und ihrer geisterhaften Erscheinung niemals zugetraut hätte, auf die andere Seite, so dass sie gemeinsam zu Boden gingen.

Sie war also kein Geist, sondern bestand aus Fleisch und Blut.

Und das hieß, dass man sie töten konnte.

Während sich Xcor darauf vorbereitete, mit seinem Hengst direkt in die beiden hineinzupflügen, stieß die Gestalt einen Schrei aus, der alles andere als weiblich klang: Ähnlich Xcors eigenem Kriegsgebrüll durchdrang der Laut das Donnern der Hufe unter ihm und das Getöse seiner Kameraden, die ihm folgten, um sich diesem unerwarteten Angriff entgegenzustellen.

Doch im Moment gab es keinen Grund, sich einzumischen.

Sein Vater hatte sich von dem Schrecken erholt, dass er aus dem Sattel geworfen worden war. Er rollte sich auf den Rücken, zog seinen Dolch und grinste bestialisch. Fluchend zügelte Xcor sein Pferd und unterbrach sein Rettungsmanöver, denn jetzt war sein Vater wieder Herr der Lage: Einem wie Bloodletter eilte man nicht zu Hilfe – er hatte Xcor in der Vergangenheit dafür verprügelt, eine harte Lektion, die sich ihm tief eingeprägt hatte.

Dennoch stieg er aus dem Sattel und hielt sich am Rande bereit, nur für den Fall, dass sich noch mehr dieser Walküren im Wald herumtrieben.

Deshalb hörte er auch deutlich, wie sie nun einen Namen sagte.

»Vishous.«

Der Zorn seines Vaters verwandelte sich vorübergehend in Verwunderung. Und bevor er seine Verteidigungs haltung wieder einnehmen konnte, begann sie auf unheilvolle Weise zu leuchten.

»Vater!«, schrie Xcor und rannte auf ihn zu.

Aber er kam zu spät. Sie berührte ihn.

Flammen züngelten um das harte, bärtige Gesicht seines Vaters hoch und griffen auf seinen Körper über, als bestünde er aus trockenem Stroh. Und mit derselben Anmut, mit der sie ihn vom Pferd geholt hatte, sprang die Gestalt zurück und sah zu, als er verzweifelt versuchte, die Flammen zu ersticken, doch ohne Erfolg. Sein Schrei gellte durch die Nacht, als er bei lebendigem Leibe verbrannte und seine Lederkleidung keinerlei Schutz für Haut und Muskeln bot.

Es war unmöglich, nah genug an diese Feuersbrunst zu gelangen, und Xcor kam schlitternd zum Stehen. Zum Schutz riss er einen Arm vors Gesicht und wich gebückt vor der Hitze zurück, die viel heißer war, als sie hätte sein sollen.

Und die ganze Zeit stand die Gestalt vor dem sich windenden, zuckenden Leib … und das flackernde orange Glimmen beleuchtete ihr grausam schönes Gesicht.

Das Miststück lächelte.

Und dann sah sie Xcor an. Als er ihr Gesicht vollständig erkennen konnte, traute er seinen Augen nicht. Doch der Flammenschein trog nicht.

Er blickte auf eine weibliche Version von Bloodletter. Das gleiche schwarze Haar, die gleiche blasse Haut und die hellen Augen. Der gleiche Körperbau. Und vor allem das gleiche rachsüchtige Leuchten in den nahezu gewalttätigen Augen, diese Verzückung und Befriedigung, einen Tod herbeizuführen, eine Kombination, die Xcor nur allzu gut von sich selbst kannte.

Einen Moment später war sie verschwunden. Sie löste sich im Nebel auf, nicht auf die Art, wie sein Volk sich dematerialisierte, sondern mehr wie eine Rauchwolke, die sich erst zentimeter-, dann meterweise verzieht.

Sobald es ihm möglich war, eilte Xcor zu seinem Vater, doch er war nicht mehr zu retten … von ihm war kaum genug übrig, um es zu begraben. Als Xcor vor den rauchenden Knochen und dem Gestank auf die Knie sank, erlebte er einen schmählichen Moment der Schwäche: Tränen schossen ihm in die Augen. Bloodletter war ein Wüstling gewesen, aber als der einzig anerkannte männliche Erbe war Xcor ihm nahegestanden, ja, sie hatten zueinander gehört.

»Bei allem, was heilig ist«, krächzte Zypher. »Was war das?«

Xcor musste ein paarmal blinzeln, bevor er ihn über die Schulter hinweg anfunkeln konnte. »Sie hat ihn umgebracht.«

»O ja. Und wie.«

Als sich seine Kameraden um ihn versammelten, einer nach dem anderen, musste sich Xcor überlegen, was er sagen sollte, was zu tun war.

Steif richtete er sich auf. Er wollte nach seinem Pferd rufen, doch sein Mund war zu trocken, um zu pfeifen. Sein Vater … lange sein Erzfeind und doch auch sein Fundament, war tot. Tot. Und es war so schnell passiert, viel zu schnell.

Getötet von einer Frau.

Sein Vater. Dahin.

Als er sich wieder im Griff hatte, blickte er jedem der Männer in die Augen, den zweien zu Pferde, den zweien zu Fuß, dem einen zu seiner Rechten. Schwer lastete die Erkenntnis auf ihm, dass sein zukünftiges Schicksal davon bestimmt sein würde, was er in diesem Moment tat, hier und jetzt.

Er hatte sich nicht darauf vorbereitet, aber er würde sich nicht vor seiner Verantwortung drücken:

»Hört mir zu, denn ich sage es nur einmal: Niemand wird ein Wort darüber verlieren. Mein Vater ist in der Schlacht gegen den Feind gestorben. Ich habe ihn verbrannt, um ihn zu ehren und um ihn bei mir zu behalten. Schwört es mir. Jetzt.«

Die Schurken, mit denen er schon so lange lebte und kämpfte, legten ihren Eid ab, und nachdem ihre tiefen Stimmen in der Nacht verhallt waren, beugte sich Xcor herab und zog die Finger durch die Asche. Dann hob er die Hand ans Gesicht und schmierte sich den Ruß über die Wangen bis hinab zu den dicken Adern, die sich zu beiden Seiten an seinem Hals abzeichneten. Schließlich nahm er den harten, knöchernen Schädel, der als Einziges von seinem Vater übrig war. Er hielt den rauchenden, verkohlten Überrest in die Höhe und erhob Anspruch auf die Befehlsgewalt über die Krieger.

»Ich bin von nun an euer einziger Befehlsherr. Bindet euch jetzt an mich, oder ihr seid ab heute meine Feinde. Was sagt ihr?«

Kaum einer zögerte. Die Krieger gingen auf ein Knie nieder, zogen ihre Dolche und stießen einen Kriegsschrei aus, bevor sie die Klingen zu seinen Füßen in die Erde rammten.

Xcor starrte auf ihre gesenkten Häupter und fühlte, wie sich ihm ein Mantel um die Schultern legte.

Bloodletter war tot. Jetzt, da er nicht mehr lebte, wurde er zu einer Legende, die mit der heutigen Nacht begann.

Und wie es sich gehörte, würde der Sohn in die Fußstapfen seines Vaters treten und diese Soldaten befehligen, die nicht Wrath dienen würden, dem König, der nicht regieren wollte, und auch nicht der Bruderschaft, die sich niemals auf dieses Niveau herablassen würde … sondern einzig Xcor und niemandem sonst.

»Wir ziehen in die Richtung, aus der diese Gestalt gekommen ist«, erklärte er. »Wir werden es ihr heimzahlen, und wenn es Jahrhunderte dauert. Sie wird dafür bezahlen, was sie heute Nacht getan hat.« Jetzt pfiff Xcor laut und klar nach seinem Hengst. »Diesen Tod wird sie mit ihrem eigenen Leben bezahlen.«

Damit sprang er auf sein Pferd, ergriff die Zügel und trieb das mächtige Tier in die Nacht, während sich sein Trupp hinter ihm ordnete, bereit, für ihn in den Tod zu gehen.

Als sie aus dem Dorf ritten, steckte er sich den Schädel seines Vaters unter das lederne Kampfhemd, direkt über seinem Herzen.

Er würde seinen Tod vergelten. Und wenn es ihn das Leben kostete.

1

GEGENWART, AQUEDUCT RENNBAHN IN QUEENS, NEW YORK

»Ich würde Ihnen gern einen blasen.«

Dr. Manny Manello wandte den Kopf nach rechts zu der Frau, die gesprochen hatte. Es war natürlich nicht das erste Mal, dass er diese Worte in genau dieser Kombination hörte, und die Lippen, die sie geformt hatten, enthielten bestimmt genug Silikon, um ein angenehmes Polster zu bieten. Dennoch kam das Angebot reichlich überraschend.

Candace Hanson lächelte ihn an und rückte mit manikürter Hand ihren Jacky-O-Hut zurecht. Offensichtlich hielt sie die Kombination von ladylike und vulgär für verführerisch – und vielleicht wirkte sie auf manche Kerle ja tatsächlich so.

Verflucht, zu einem anderen Zeitpunkt wäre er womöglich auf dieses Angebot eingegangen, treu nach dem Motto Warum auch nicht. Aber heute verbuchte er es lieber unter Nein danke.

Nicht im Geringsten irritiert durch seine fehlende Begeisterung beugte sie sich vor und gewährte ihm Einblick auf zwei Brüste, die dem Gesetz der Schwerkraft nicht nur widersprachen, sondern ihm regelrecht den Stinkefinger zeigten, seine Mutter beleidigten und ihm auf die Schuhe pissten. »Ich wüsste da einen geeigneten Ort.«

Das glaubte er ihr aufs Wort. »Das Rennen geht gleich los.«

Sie zog eine beleidigte Schnute. Oder vielleicht sahen ihre Lippen auch immer so aus, seit sie sie aufspritzen hatte lassen. Lieber Himmel, vor zehn Jahren hatte sie wahrscheinlich ein frisches Gesicht gehabt, doch jetzt verliehen ihr die Jahre eine Patina der Verzweiflung – zusammen mit den üblichen altersbedingten Fältchen, gegen die sie offensichtlich ankämpfte wie ein Preisboxer.

»Dann eben danach.«

Manny wandte sich wortlos ab und fragte sich, wie sie eigentlich in den Bereich für Pferdehalter gelangen hatte können. Wahrscheinlich hatte sie sich ins Getümmel gemischt, als nach dem Satteln auf der Koppel alle hier hochgedrängt waren – und zweifelsohne war sie es gewohnt, sich an Orte zu begeben, an denen sie streng genommen nichts zu suchen hatte: Candace war eine von diesen gesellschaftlichen Erscheinungen in Manhattan, die sich nur durch den fehlenden Zuhälter von einer Prostituierten unterschieden, und in vielerlei Hinsicht war sie wie eine Wespe – wenn man sie lange genug ignorierte, landete sie am Ende woanders.

Oder auf jemand anderem, in ihrem Fall.

Manny hob den Arm, damit sie nicht noch näher an ihn heranrücken konnte, lehnte sich an das Geländer seiner Loge und wartete darauf, dass man sein Mädchen auf die Rennbahn brachte. Sie hatte einen Randplatz zugewiesen bekommen, doch das war nicht weiter schlimm: Sie bevorzugte es, nicht im Feld zu laufen, und eine etwas längere Strecke war noch nie ein Problem für sie gewesen.

Die Pferderennbahn Aqueduct in Queens, New York, war nicht ganz so schick wie Belmont oder Pimlico oder die ehrwürdige Mutter aller Rennbahnen, Churchill Downs. Aber sie war auch keine schlechte Adresse. Das Areal verfügte über eine Sandbahn von etwas über einer Meile, außerdem noch eine Rasenbahn und eine kurze Strecke. Insgesamt fasste sie an die neunzigtausend Zuschauer. Das Essen war mies, aber niemand kam wirklich zum Essen hierher. Es gab auch ein paar größere Rennen, so wie das heutige: Beim Wood Memorial Stakes Rennen ging es um ein Preisgeld von 750 000 Dollar, und da es im April abgehalten wurde, bot es einen guten Richtwert für Teilnehmer am Triple Crown …

O ja, da war sie. Da war sein Mädchen.

Als sich Mannys Augen auf GloryGloryHallelujah hefteten, wurden der Lärm der Leute, das grelle Tageslicht und die tänzelnde Silhouette der anderen Pferde in den Hintergrund gedrängt. Er hatte nur noch Augen für seine wundervolle schwarze Stute. Die Sonne blitzte auf ihrem Fell, ihre superschlanken Beine bogen sich, die zarten Hufe hoben sich elegant aus dem Staub der Rennbahn empor und senkten sich wieder. Bei ihrer Risthöhe von fast eins achtzig wirkte der Jockey auf ihrem Rücken wie eine kleine zusammengekauerte Mücke, und der Größenunterschied spiegelte auch das Machtverhältnis wider. Sie hatte vom ersten Tag ihres Trainings an keinen Zweifel daran gelassen: Die nervigen kleinen Menschlein musste sie vielleicht tolerieren, aber sie durften lediglich mitreiten. Glory bestimmte. Ihr dominantes Temperament hatte ihn bereits zwei Trainer gekostet. Und der dritte machte auch schon einen etwas frustrierten Eindruck, aber auch nur, weil seine Herrschsucht gerade mit Hufen getreten wurde: Glorys Zeiten waren hervorragend – sie hatten bloß leider nichts mit ihm zu tun. Manny kümmerte es nicht, ob das Ego von diesen Männern einen Knacks abbekam, die ihr Geld mit dem Herumkommandieren von Pferden verdienten. Sein Mädchen war eine Kämpfernatur, sie wusste, was sie tat. Er hatte kein Problem damit, ihr freien Lauf zu lassen und genussvoll zuzusehen, wie sie ihre Widersacher zermalmte.

Während seine Augen auf ihr ruhten, erinnerte er sich an den miesen Kerl, dem er sie vor etwas mehr als einem Jahr abgekauft hatte. Die zwanzig Riesen waren geschenkt gewesen angesichts ihrer Abstammung, allerdings auch wiederum ein Vermögen, betrachtete man ihr Temperament und die Tatsache, dass damals unklar war, ob man sie zum Rennen zulassen würde. Sie war ein widerspenstiger Jährling, kurz davor, auf die Strafbank verwiesen zu werden oder, schlimmer noch, als Hundefutter zu enden.

Aber er hatte Recht behalten. Solange man Glory ihren Willen ließ und ihr nicht die Show stahl, war sie sensationell.

Als die Pferde auf die Startboxen zukamen, verfielen ein paar von ihnen in den Trab, aber sein Mädchen blieb ruhig, als wüsste sie, dass es sinnlos war, ihre Energie schon vor dem Rennen auf diesen Quatsch zu verschwenden. Und ihre Gewinnchancen gefielen ihm, trotz der Startposition, denn dieser Jockey da auf ihrem Rücken war ein Star: Er wusste ganz genau, wie er mit ihr umgehen musste, und in dieser Hinsicht trug er mehr zu ihren Erfolgen bei als die Trainer. Seine Taktik war es, dafür zu sorgen, dass sie den besten Weg aus dem Feld erkannte, und sie dann frei wählen und loslegen zu lassen.

Manny stand auf und umklammerte das Eisengeländer vor ihm, genau wie der Rest der Zuschauer, die sich von ihren Sitzen erhoben und unzählige Ferngläser gezückt hatten. Als er sein Herz klopfen spürte, war er froh, denn wenn er nicht gerade im Fitnesscenter war, fühlte er seinen Herzschlag in letzter Zeit so gut wie gar nicht. Im vergangenen Jahr hatte sich sein Leben schrecklich taub angefühlt, und das war vielleicht ein Grund dafür, warum ihm diese Stute so wichtig war.

Vielleicht war sie alles, was er noch hatte.

Aber darüber würde er sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen.

An den Startboxen entstand nun großes Geschiebe: Wenn man versuchte, fünfzehn aufgedrehte Pferde mit Beinen wie Schläger und Adrenalindrüsen, die wie Haubitzen feuerten, in klitzekleine Metallkäfige zu zwängen, verschwendete man am besten keine Zeit. Binnen einer Minute waren die Pferde in den Boxen, und die Rennbahnhelfer rannten zu den Geländern.

Herzschlag.

Gong.

Peng!

Die Tore öffneten sich, die Menge grölte, und die Pferde schossen hervor wie aus Kanonenrohren. Die Bedingungen waren perfekt. Trocken. Kühl. Schnelle Bahn.

Nicht dass das sein Mädchen gekümmert hätte. Sie würde durch Treibsand rennen, wenn es sein müsste.

Die Vollblüter donnerten vorbei, das vereinte Hämmern ihrer Hufe und die treibende Stimme des Sprechers peitschten die Stimmung in den Tribünen bis zur Ekstase auf. Doch Manny blieb ganz ruhig, seine Hände hielten das Geländer vor ihm umfasst, und seine Augen blieben auf dem Feld, während die Pferde in einem dichten Gedränge aus Rücken und Schweifen die erste Kurve nahmen.

Auf der Leinwand sah er alles, was er sehen musste. Seine Stute war Vorletzte, sie lief fast schon im leichten Galopp, während der Rest nach vorne preschte – verdammt, ihr Nacken war noch nicht einmal voll ausgestreckt. Der Jockey jedoch machte seine Sache gut, drückte sie weg vom Geländer, ließ ihr die Wahl, hinter dem Feld die Seite zu wechseln oder mitten hindurchzubrechen, wenn sie so weit war.

Manny wusste genau, was sie vorhatte. Wie eine Abrissbirne würde sie zwischen den anderen Pferden durchpflügen.

Das war so ihre Art.

Und tatsächlich, als sie an der gegenüberliegenden Geraden ankamen, legte sie los. Sie senkte den Kopf, der Hals streckte sich, und ihre Sätze wurden allmählich länger.

»Ja, verdammt«, flüsterte Manny. »Du schaffst es, mein Mädchen.«

Als Glory in das dicht gedrängte Feld vorstieß, zog sie wie der Blitz an den anderen Pferden vorbei, und sie legte nun derart an Geschwindigkeit zu, dass man sie kennen musste, um zu wissen, dass sie es absichtlich tat: Es reichte ihr nicht, sie alle zu schlagen, sie musste es auf der letzten halben Meile tun und es den Bastarden zum spätestmöglichen Zeitpunkt zeigen.

Manny stieß ein kehliges Lachen aus. Sie war wirklich eine Lady ganz nach seinem Geschmack.

»Himmelherrgott, Manello, schauen Sie sich das an.«

Manny nickte, ohne den Kerl anzusehen, der ihm ins Ohr gebrüllt hatte, denn an der Spitze der Herde wendete sich soeben das Blatt: Der führende Hengst verlor an Schwung und fiel zurück, weil seinen Beinen der Sprit ausging. Daraufhin trieb ihn der Jockey an und peitschte sein Hinterteil – womit er den gleichen Effekt erzielte wie jemand, der ein Auto mit leerem Tank beschimpft. Der Hengst in zweiter Position, ein großer Fuchs mit schlechten Manieren und einem Schritt so lang wie ein Fußballfeld, nutzte die Verlangsamung sofort aus, während der Jockey ihm seinen Willen ließ.

Eine Sekunde lang rannten die beiden Kopf an Kopf, bevor der Fuchs die Führung übernahm. Aber dabei sollte es nicht lange bleiben. Mannys Mädchen wählte diesen Moment, um sich zwischen einer Gruppe von drei Pferden durchzufädeln und sich von hinten an ihn dranzuhängen, so dicht wie ein Aufkleber an der Stoßstange.

Ganz genau, Glory war in ihrem Element, die Ohren flach am Kopf, die Zähne gebleckt.

Sie würde sie alle abhängen. Und es war unmöglich, nicht an den ersten Samstag im Mai zu denken, an dem das Kentucky Derby stattf…

Es ging furchtbar schnell.

Alles war aus und vorbei … und zwar im Bruchteil einer Sekunde.

Der Hengst rammte Glory absichtlich in die Flanke und schleuderte sie durch seine brutale Attacke ins Geländer. Glory war groß und stark, aber einem Angriff wie diesem war sie nicht gewachsen, nicht bei einer Geschwindigkeit von vierzig Meilen die Stunde.

Einen Herzschlag lang war sich Manny sicher, sie würde sich fangen. Obwohl sie strauchelte, war er überzeugt, dass sie ihren Tritt wiederfinden und diesem schamlosen Biest Manieren beibringen würde.

Doch sie stürzte. Direkt vor den drei Pferden, die sie soeben noch überholt hatte.

Sofort kam es zum Gemetzel, Pferde scherten wild aus, um dem Hindernis auszuweichen, Jockeys gaben ihre gebeugte Rennhaltung auf, in der Hoffnung, nicht vom Pferd zu fallen.

Alle schafften es. Bis auf Glory.

Als ein Raunen durch die Menge ging, sprang Manny nach vorne, raus aus der beengten Tribüne, über Zuschauer und Sitze und Absperrungen hinweg, bis er unten an der Rennstrecke war.

Über das Geländer. Über die Bahn.

Er rannte zu ihr, jahrelange sportliche Betätigung trug ihn in halsbrecherischer Geschwindigkeit zu der Szenerie, die ihm das Herz brach.

Sie versuchte sich aufzurappeln. Gesegnet sei ihr großes, wildes Herz, sie kämpfte, um wieder hochzukommen, die Augen auf das Feld geheftet, als wäre es ihr vollkommen schnuppe, dass sie verletzt war, und als wollte sie nichts anderes als die einholen, die sie im Staub zurückgelassen hatten.

Leider hielt ihr Körper andere Pläne für sie bereit: Als sie sich so abmühte, schlackerte das rechte Vorderbein unter dem Knie derart, dass Manny gar nicht unbedingt seit Jahren Orthopäde hätte sein müssen, um zu erkennen, dass sie in Schwierigkeiten steckte.

In großen Schwierigkeiten.

Als er bei ihr eintraf, war der Jockey bereits in Tränen aufgelöst. »Dr. Manello, ich habe versucht – o Gott …«

Manny kam im Sand schlitternd zum Stehen und stürzte sich auf die Zügel, während die Veterinäre angefahren kamen und ein Sichtschutz um den Unglücksort errichtet wurde.

Als die drei uniformierten Männer auf sie zukamen, wurden Glorys Augen wild vor Schmerz und Verwirrung. Manny tat sein Bestes, um sie zu beruhigen, und erlaubte ihr, den Kopf zu schütteln, so viel sie wollte, während er ihren Hals streichelte. Tatsächlich wurde sie ruhiger, als man ihr eine Spritze gab.

Zumindest hörte das verzweifelte Strampeln auf.

Der Chefveterinär musterte das Bein mit einem fachmännischen Blick und schüttelte den Kopf. Was in der Universalsprache der Welt der Pferderennen bedeutete: Das Tier muss eingeschläfert werden.

Manny fuhr den Mann an. »Denken Sie nicht einmal im Traum daran. Schienen Sie den Bruch, und schaffen Sie sie rüber nach Tricounty, und zwar sofort. Ist das klar?«

»Sie wird kein Rennen mehr laufen – das sieht mir ganz nach einem Mehrfach…«

»Schaffen Sie mein verdammtes Pferd von dieser Bahn, und bringen Sie sie nach Tricounty …«

»Sie ist es nicht wert …«

Manny packte den Tierarzt am Kragen und zerrte diesen Mann der einfachen Lösung an seine Brust, bis sich ihre Nasen berührten. »Tun Sie es! Sofort!«

Einen Moment lang herrschte Fassungslosigkeit, als wäre es für den kleinen Scheißer etwas ganz Neues, so unsanft angepackt zu werden.

Und nur damit es zwischen ihnen keine Missverständnisse gab, knurrte Manny: »Ich werde mein Pferd nicht aufgeben – aber ich habe gute Lust, Sie fallen zu lassen. Und zwar auf der Stelle.«

Der Tierarzt wich zurück, als wüsste er, dass er drauf und dran war, sich eine ordentliche Tracht Prügel einzuhandeln. »Okay … okay, schon gut.«

Manny würde nicht zulassen, dass er Glory verlor. In den letzten zwölf Monaten hatte er um die einzige Frau getrauert, die ihm je etwas bedeutet hatte, an seinem Verstand gezweifelt und angefangen, Scotch zu trinken, obwohl er das Zeug immer gehasst hatte.

Wenn Glory jetzt ins Gras biss … dann blieb ihm nicht mehr viel im Leben, so viel stand fest.

2

CALDWELL, NEW YORK TRAININGSZENTRUM DER BRUDERSCHAFT

Verdammtes … Feuerzeug … So ein Scheißding …

Vishous stand im Flur vor dem medizinischen Versorgungsbereich der Bruderschaft mit einer selbst gedrehten Zigarette zwischen den Lippen, während sein Daumen ein verdammtes Hochleistungstraining absolvierte. Doch egal, wie lange er an dem kleinen Rädchen des Feuerzeugs herumfummelte, es entstand nichts, was man eine Flamme hätte nennen können.

Tschick. Tschick. Tschick …

Voller Abscheu schleuderte er das Schrottteil in den Papierkorb und machte sich an seinem bleigefütterten Handschuh zu schaffen. Er riss das Leder von seiner Hand und starrte auf die leuchtende Handfläche, beugte die Finger und drehte das Handgelenk.

Das Ding war halb Flammenwerfer, halb Atombombe, fähig, jedes Metall zu schmelzen, Stein in Glas zu verwandeln oder Flugzeug, Zug und Auto zu Kebab zu verarbeiten, sollte ihm der Sinn danach stehen. Außerdem ermöglichte es seine Hand ihm, mit seiner Shellan zu schlafen, und sie war eine von zwei Dingen, die ihm seine göttliche Mutter vermacht hatte.

Meine Fresse, und der Scheiß mit dem zweiten Gesicht war fast so spaßig wie die Nummer mit dem Todeshändchen.

Er führte die tödliche Waffe an sein Gesicht und beugte sich mit dem Ende seiner selbst gedrehten Zigarette darüber, aber nicht zu nah, sonst hätte er seine wertvolle Nikotinquelle geopfert und mit lästiger Fummelei eine neue zusammenbasteln müssen. Wofür ihm schon an guten Tagen die Geduld fehlte, aber in einem Moment wie diesem …

Ah, was für ein herrlicher Zug.

Er lehnte sich an die Wand, stemmte die Springerstiefel aufs Linoleum und rauchte. Der Sargnagel half zwar nicht sonderlich gegen den Frust, aber wenigstens schien ihm das Rauchen ein angenehmerer Zeitvertreib als die andere Möglichkeit, die seit zwei Stunden in seinem Kopf herumspukte. Während er seinen Handschuh wieder zurechtzupfte, hatte er gute Lust, irgendetwas mit Hilfe seiner »Gabe« in Brand zu stecken.

Befand seine Zwillingsschwester sich wirklich auf der anderen Seite dieser Wand? In einem Krankenbett … gelähmt?

Verflucht nochmal … mit dreihundert Jahren zu erfahren, dass man eine Schwester hatte …

Echt klasse, Mom. Herzlichen Dank auch.

Und er hatte geglaubt, er hätte die Probleme mit seinen Eltern abgearbeitet. Andererseits war auch nur einer von ihnen tot. Wenn sich die Jungfrau der Schrift ein Beispiel an Bloodletter nehmen und abtreten würde, könnte er vielleicht wieder ins Lot kommen.

Doch so, wie die Dinge standen, weckte diese neueste Enthüllung aus der Klatschpresse, gekoppelt mit Janes sinnlosem Ausflug in die Menschenwelt in ihm die Lust auf …

Tja, lieber nicht davon reden.

Er zog sein Handy raus. Prüfte es. Steckte es zurück in die Lederhose.

Verdammt, das war so typisch. Jane setzte sich etwas in den Kopf und vergaß darüber alles andere.

Selbstverständlich war er selbst keinen Deut besser, aber in einem derartigen Moment hätte er eine kurze Mitteilung durchaus zu schätzen gewusst.

Verdammte Sonne. Hielt ihn gefangen. Könnte er bei seiner Shellan sein, dann hätte dieser »geniale« Manuel Manello nicht den Hauch einer Chance, die Sache abzublocken. V würde ihm einfach eins überbraten, ihn in den Escalade verfrachten und samt seiner talentierten Hände hierherkarren, damit er Payne operierte.

Seiner Meinung nach war der freie Wille ein Privileg und kein Grundrecht.

Als er die Zigarette zu Ende geraucht hatte, drückte er sie an der Schuhsohle aus und schnippte den Stummel in den Müll. Er hatte Durst, einen Riesendurst – allerdings nicht auf Limonade oder Wasser. Eine halbe Kiste Grey Goose hätte ihm etwas Linderung verschafft, aber mit ein bisschen Glück würde er in Kürze im OP assistieren, und dafür musste er nüchtern bleiben.

Sobald er zurück in den Untersuchungsraum kam, verspannten sich seine Schultern, seine Kiefer klebten aufeinander, und für einen Sekundenbruchteil wusste er nicht, wie viel mehr er noch verkraftete. Wenn ihn eines mit Garantie umhauen würde, dann wäre es ein weiterer Haken von seiner Mutter, doch diese letzte Lüge war schwer zu übertreffen.

Leider gab es im Leben keine Tilt-Funktion, die das Spiel unterbrach, wenn der Flipper zu sehr schwankte.

»Vishous?«

Beim Klang der leisen, tiefen Stimme schloss er kurz die Augen. »Ja, Payne.« Er wechselte in die Alte Sprache und beendete den Satz: »Ich bin’s.«

Er trat an die Transportliege in der Mitte des Zimmers und nahm die übliche Kauerstellung auf dem Rollhocker daneben ein. Ausgestreckt unter mehreren Decken lag Payne, mit fixiertem Kopf und einer Halskrause vom Kinn bis zum Schlüsselbein. Eine Infusionsnadel verband ihren Arm mit einem Beutel, der an einem Stahlständer hing, unten führten Schläuche zu einem Katheter, den Ehlena gelegt hatte.

Obwohl der geflieste Raum hell und sauber glänzte und die medizinische Ausstattung ungefähr so furchteinflößend war wie Teller und Tassen in einer Küche, hatte er das Gefühl, als steckten sie beide in einer schmuddeligen Höhle umzingelt von Grizzlys.

Viel besser wäre es gewesen, er hätte losziehen und den Wichser töten können, der seine Schwester in diese Lage gebracht hatte. Das Dumme war nur … dann hätte er Wrath umlegen müssen, und das wiederum wäre extrem ungut gewesen. Dieser riesige Kerl war nicht nur sein König, sondern auch ein Bruder … und dann war da noch der klitzekleine Unterschied, dass der Kampf, der Payne in diese Lage gebracht hatte, in gegenseitigem Einvernehmen stattgefunden hatte. Diese Übungskämpfe, die sich die beiden in den vergangenen zwei Monaten geliefert hatten, hatten sie beide in Form gehalten – und natürlich hatte Wrath keine Ahnung gehabt, gegen wen er da kämpfte, weil er blind war. Dass sie eine Frau war? Was soll’s. Die Sache hatte auf der Anderen Seite stattgefunden, und da drüben gab es keine Männer. Aber weil der König nicht sehen konnte, war ihm entgangen, was V und allen anderen jedes Mal ins Auge sprang, wenn sie diesen Raum betraten: Paynes langer schwarzer Zopf hatte exakt die gleiche Farbe wie Vishous’ Haar, sie hatte genau den gleichen Teint, und sie war gebaut wie er: groß, schlank und muskulös. Aber die Augen … Scheiße, die Augen.

V rieb sich das Gesicht. Ihr Vater, Bloodletter, hatte zahllose Bastarde gezeugt, bevor er in einem Scharmützel mit Lessern getötet wurde, damals noch im Alten Land. Diese unbedeutenden Gespielinnen betrachtete V allerdings nicht als Verwandte.

Mit Payne war das anders. Sie beide hatten dieselbe Mutter, und die war nicht irgendein liebes Mütterchen. Es handelte sich um keine Geringere als die Jungfrau der Schrift. Die ultimative Mutter ihres Volkes.

Dieses Miststück.

Paynes Blick streifte V, und es schnürte ihm die Kehle zu. Ihre Augen waren weiß wie Eis, genau wie die seinen, und auch den dunkelblauen Rand um die Iris sah er jede Nacht im Spiegel. Auch die Intelligenz … der wache Geist in diesen arktischen Tiefen war das Pendant zu dem, was unter seiner Schädeldecke brodelte.

»Ich kann nichts fühlen«, sagte Payne.

»Ich weiß.« Kopfschüttelnd wiederholte er: »Ich weiß.«

Ihr Mund verzog sich, als hätte sie unter anderen Umständen vielleicht gelächelt. »Sprich die Sprache, die dir am liebsten ist«, sagte sie mit leichtem Akzent. »Ich beherrsche … viele.«

Genau wie er. Was hieß, dass er in sechzehn verschiedenen Sprachen unfähig war, eine angemessene Antwort zu formulieren. Mann.

»Hast du von … deiner Shellan gehört?«, fragte sie schleppend.

»Nein. Möchtest du noch eine Schmerztablette?« Sie klang schwächer als vor seiner Raucherpause.

»Nein, danke. Davon wird mir … schummrig.«

Es folgte längeres Schweigen.

Das sich noch mehr in die Länge zog.

Und noch mehr.

Himmel, vielleicht sollte er ihre Hand halten … schließlich fühlte sie oberhalb der Hüfte alles. Ja, aber was konnte er ihr aus der Abteilung tröstende Hand schon anbieten? Die linke zitterte, und die rechte wäre tödlich gewesen.

»Vishous, die Zeit arbeitet …«

Als seine Zwillingsschwester den Satz in der Luft hängen ließ, beendete er ihn für sie im Kopf: … gegen uns.

Wie sehr er sich wünschte, dass sie sich irrte. Aber wie bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt verschenkte man bei einer Verletzung der Wirbelsäule mit jeder Minute, die der Patient nicht behandelt wurde, Chancen auf eine Rettung.

Dieser Mensch war hoffentlich so genial, wie Jane behauptete.

»Vishous?«

»Ja?«

»Wäre es dir lieber gewesen, ich wäre nicht hierhergekommen? «

Vishous runzelte die Stirn. »Was redest du da für einen Unsinn? Natürlich will ich dich bei mir haben.«

Während er nervös mit dem Fuß zu wippen begann, fragte er sich, wie lange er noch bleiben musste, bevor er die nächste Raucherpause würde einlegen können. Er konnte kaum atmen, derart gezwungen, tatenlos herumzusitzen, während seine Schwester litt und ihm von den vielen Fragen fast der Schädel platzte. Tausende Wies und Warums schwirrten in seinem Kopf umher, aber er konnte die Fragen nicht aussprechen. Payne machte den Eindruck, als könnte sie jeden Moment vor Schmerz ins Koma fallen, also war jetzt wohl kaum der richtige Zeitpunkt für einen Kaffeeklatsch.

Scheiße, Vampire mochten ja blitzschnell heilen, aber sie waren alles andere als unsterblich.

Am Ende verlor er seine Zwillingsschwester noch, bevor er sie richtig kennengelernt hatte.