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Von Tausenden Fans sehnlichst erwartet – der neue Band der großen SPIEGEL-Bestsellerserie
Als Tochter des einflussreichen Vampirkriegers Qhuinn führte Lyric stets ein Leben in Sicherheit und Geborgenheit. Bis zu der Nacht, in der sie beinahe getötet wird. Ihr Leben verdankt sie einem mysteriösen Fremden, der wie aus dem Nichts auftaucht und ihr zu Hilfe kommt. Lyric kann ihren Retter in der Not nicht vergessen und macht sich auf die Suche nach ihm. Sie ahnt nicht, dass er ein dunkles Geheimnis verbirgt ...
Spice-Level: 3 von 5
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Seitenzahl: 758
Veröffentlichungsjahr: 2026
Als Tochter des einflussreichen Vampirkriegers Qhuinn führte Lyric stets ein Leben in Sicherheit und Geborgenheit. Bis zu der Nacht, in der sie angegriffen und beinahe getötet wird. Ihr Leben verdankt sie einem mysteriösen Fremden, der wie aus dem Nichts auftaucht und ihr zu Hilfe kommt. Lyric kann ihren Retter in der Not nicht vergessen und macht sich auf die Suche nach ihm. Sie ahnt nicht, dass er das Schicksal der Bruderschaft der Black Dagger für immer verändern wird – zum Guten oder zum Schlechten …
J. R. Ward begann bereits während des Studiums mit dem Schreiben. Nach dem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACKDAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die amerikanischen Bestsellerlisten eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg der Serie als Star der romantischen Mystery.
Ein ausführliches Werkverzeichnis der von J. R. Ward im Wilhelm Heyne Verlag erschienenen Bücher finden Sie am Ende des Bandes.
J. R. Ward
Ein BLACK DAGGER-Roman
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
Titel der Originalausgabe:
LOVERFORBIDDEN
Aus dem Amerikanischen von Bettina Spangler
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Copyright © 2025 by Love Conquers All, Inc.
Published by Gallery Books, an Imprint of Simon & Schuster, LLC
Copyright © 2026 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)
Alle Rechte vorbehalten.
Redaktion: Anneliese Schmidt
Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld
Autorenfoto © by John Rott
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-33595-3V001
www.heyne.de
Gewidmet:
Euch beiden – welch magische Liebesgeschichte.
Vielen, vielen Dank an die Leser der BLACKDAGGER! Es ist eine lange, wunderbare, aufregende Reise mit euch und der Bruderschaft, und ich kann es kaum erwarten zu sehen, was in dieser Welt, die wir alle so lieben, als Nächstes passiert. Ich möchte Meg Ruley, Rebecca Scherer und dem Team bei JRA danken, außerdem Hannah Braaten, Jamie Selzer, Sarah Schlick, Jennifer Bergstrom, Carrie Feron, Jennifer Long und der gesamten Gallery- und Simon&Schuster-Familie.
Ans Team Waud: Ich liebe euch alle. Ehrlich. Alles, was ich tue, mache ich aus Liebe und Bewunderung für meine Familie, sowohl die blutsverwandte als auch die frei gewählte.
Ach ja, und danke an Naamah, meinen WriterAssistant Nummer zwei, und Obie, WriterAssistant in Ausbildung, sowie Bar-bar. Sie arbeiten beide genauso hart an meinen Büchern wie ich!
Ahstrux nohtrum – Persönlicher Leibwächter mit Lizenz zum Töten, der vom König ernannt wird.
Die Auserwählten – Vampirinnen, deren Aufgabe es ist, der Jungfrau der Schrift zu dienen. In der Vergangenheit waren sie eher spirituell als weltlich orientiert, doch das hat sich mit dem Aufstieg des letzten Primal geändert, der sie aus dem Heiligtum befreite. Nachdem sich die Jungfrau der Schrift aus ihrer Rolle zurückgezogen hat, sind sie völlig autonom und leben auf der Erde. Doch noch immer nähren sie alleinstehende Brüder und solche, die sich nicht von ihren Shellans nähren können, sowie verletzte Kämpfer mit ihrem Blut.
Bannung – Status, der einer Vampirin der Aristokratie auf Gesuch ihrer Familie durch den König auferlegt werden kann. Unterstellt die Vampirin der alleinigen Aufsicht ihres Hüters, üblicherweise der älteste Mann des Haushalts. Ihr Hüter besitzt damit das gesetzlich verbriefte Recht, sämtliche Aspekte ihres Lebens zu bestimmen und nach eigenem Gutdünken jeglichen Umgang zwischen ihr und der Außenwelt zu regulieren.
Die Bruderschaft der Black Dagger – Die Brüder des Schwarzen Dolches. Speziell ausgebildete Vampirkrieger, die ihre Spezies vor der Gesellschaft der Lesser beschützen. Infolge sorgfältiger Auswahl der Fortpflanzungspartner besitzen die Brüder ungeheure physische und mentale Stärke sowie die Fähigkeit zur extrem raschen Heilung. Die meisten von ihnen sind keine leiblichen Geschwister; neue Anwärter werden von den anderen Brüdern vorgeschlagen und daraufhin in die Bruderschaft aufgenommen. Die Mitglieder der Bruderschaft sind Einzelgänger, aggressiv und verschlossen. Sie pflegen wenig Kontakt zu Menschen und anderen Vampiren, außer um Blut zu trinken. Viele Legenden ranken sich um diese Krieger, und sie werden von ihresgleichen mit höchster Ehrfurcht behandelt. Sie können getötet werden, aber nur durch sehr schwere Wunden wie zum Beispiel eine Kugel oder einen Messerstich ins Herz.
Blutsklave – Männlicher oder weiblicher Vampir, der unterworfen wurde, um das Blutbedürfnis eines anderen zu stillen. Die Haltung von Blutsklaven wurde vor Kurzem gesetzlich verboten.
Chrih – Symbol des ehrenhaften Todes in der alten Sprache.
Dhunhd – Hölle.
Doggen – Angehörige(r) der Dienerklasse innerhalb der Vampirwelt. Doggen pflegen im Dienst an ihrer Herrschaft altertümliche, konservative Sitten und folgen einem formellen Bekleidungs- und Verhaltenskodex. Sie können tagsüber aus dem Haus gehen, altern aber relativ rasch. Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfhundert Jahren.
Ehros – Eine Auserwählte, die speziell in der Liebeskunst ausgebildet wurde.
Exhile Dhoble – Der böse oder verfluchte Zwilling, derjenige, der als Zweiter geboren wird.
Gesellschaft derLesser – Orden von Vampirjägern, der von Omega zum Zwecke der Auslöschung der Vampirspezies gegründet wurde.
Glymera – Das soziale Herzstück der Aristokratie, sozusagen die »oberen Zehntausend« unter den Vampiren.
Gruft – Heiliges Gewölbe der Bruderschaft der Black Dagger. Sowohl Ort für zeremonielle Handlungen als auch Aufbewahrungsort für die erbeuteten Kanopen der Lesser. Hier werden unter anderem Aufnahmerituale, Begräbnisse und Disziplinarmaßnahmen gegen Brüder durchgeführt. Niemand außer Angehörigen der Bruderschaft, der Jungfrau der Schrift und Aspiranten hat Zutritt zur Gruft.
Hellren – Männlicher Vampir, der eine Partnerschaft mit einer Vampirin eingegangen ist. Männliche Vampire können mehr als eine Vampirin als Partnerin nehmen.
Hohe Familie – König und Königin der Vampire sowie all ihre Kinder.
Hüter – Vormund eines Vampirs oder einer Vampirin. Hüter können unterschiedlich viel Autorität besitzen, die größte Macht übt der Hüter einer gebannten Vampirin aus.
Hyslop – Aussetzer im Urteilsvermögen, der klassischerweise zur Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit oder dem Abhandenkommen eines Fahrzeugs führt. Wenn zum Beispiel jemand den Zündschlüssel stecken lässt, während das Auto über Nacht vor dem Haus parkt, und besagtes Versehen in unerlaubten Spritztouren Dritter resultiert, so ist dies ein Hyslop.
Jungfrau der Schrift – Mystische Macht, die dem König bis in jüngste Zeit als Beraterin diente sowie die Vampirarchive hütete und Privilegien erteilte. Existierte in einer jenseitigen Sphäre und besaß umfangreiche Kräfte. Gab ihre Stellung zugunsten einer Nachfolge auf. Hatte die Befähigung zu einem einzigen Schöpfungsakt, den sie zur Erschaffung der Vampire nutzte.
Leahdyre – Eine mächtige und einflussreiche Person
Lesser – Ein seiner Seele beraubter Mensch, der als Mitglied der Gesellschaft der Lesser Jagd auf Vampire macht, um sie auszurotten. Die Lesser müssen durch einen Stich in die Brust getötet werden. Sie altern nicht, essen und trinken nicht und sind impotent. Im Laufe der Jahre verlieren ihre Haare, Haut und Iris ihre Pigmentierung, bis sie blond, bleich und weißäugig sind. Sie riechen nach Talkum. Aufgenommen in die Gesellschaft werden sie durch Omega. Daraufhin erhalten sie ihre Kanope, ein Keramikgefäß, in dem sie ihr aus der Brust entferntes Herz aufbewahren.
Lewlhen – Geschenk.
Lheage – Respektsbezeichnung einer sexuell devoten Person gegenüber einem dominanten Partner.
Lhenihan – Ein mystisches Biest, bekannt für seine sexuelle Leistungsfähigkeit. In modernem Slang bezieht es sich auf einen Vampir von immenser Größe und sexueller Ausdauer.
Lielan – Ein Kosewort, frei übersetzt in etwa »mein Liebstes«.
Lys – Folterwerkzeug zur Entnahme von Augen.
Mahmen – Mutter. Dient sowohl als Bezeichnung als auch als Anrede und Kosewort.
Mhis – Die Verhüllung eines Ortes oder einer Gegend; die Schaffung einer Illusion.
Nalla oder Nallum – Kosewort. In etwa »Geliebte(r)«.
Novizin – Eine Jungfrau.
Omega – Unheilvolle mystische Gestalt, die sich aus Groll gegen die Jungfrau der Schrift die Ausrottung der Vampire zum Ziel gesetzt hat. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und hat weitreichende Kräfte, wenn auch nicht die Kraft zur Schöpfung.
Phearsom – Begriff, der sich auf die Funktionstüchtigkeit der männlichen Geschlechtsorgane bezieht. Die wörtliche Übersetzung lautet in etwa »würdig, in eine Frau einzudringen«.
Princeps – Höchste Stufe der Vampiraristokratie, untergeben nur den Mitgliedern der Hohen Familie und den Auserwählten der Jungfrau der Schrift. Dieser Titel wird vererbt; er kann nicht verliehen werden.
Pyrokant – Bezeichnet die entscheidende Schwachstelle eines Individuums, sozusagen seine Achillesferse. Diese Schwachstelle kann innerlich sein, wie zum Beispiel eine Sucht, oder äußerlich, wie ein geliebter Mensch.
Rahlman – Retter.
Rythos – Rituelle Prozedur, um verlorene Ehre wiederherzustellen. Der Rythos wird von dem Vampir gewährt, der einen anderen beleidigt hat. Wird er angenommen, wählt der Gekränkte eine Waffe und tritt damit dem unbewaffneten Schuldigen entgegen.
Schleier – Jenseitige Sphäre, in der die Toten wieder mit ihrer Familie und ihren Freunden zusammentreffen und die Ewigkeit verbringen.
Shellan – Vampirin, die eine Partnerschaft mit einem Vampir eingegangen ist. Vampirinnen nehmen sich in der Regel nicht mehr als einen Partner, da gebundene männliche Vampire ein ausgeprägtes Revierverhalten zeigen.
Symphath – Eigene Spezies der Vampire, deren Merkmale die Fähigkeit und das Verlangen sind, Gefühle in anderen zu manipulieren (zum Zwecke eines Energieaustauschs). Historisch wurden die Symphathen oft mit Misstrauen betrachtet und in bestimmten Epochen auch von den anderen Vampiren gejagt. Sie sind heute nahezu ausgestorben.
Talhman – Die böse Seite eines Vampirs. Ein dunkler Fleck auf der Seele, der ans Licht drängt, wenn er nicht ganz ausgelöscht wird.
Trahyner – Respekts- und Zuneigungsbezeichnung unter männlichen Vampiren. Bedeutet ungefähr »geliebter Freund«.
Transition – Entscheidender Moment im Leben eines Vampirs, wenn er oder sie ins Erwachsenenleben eintritt. Ab diesem Punkt müssen sie das Blut des jeweils anderen Geschlechts trinken, um zu überleben, und vertragen kein Sonnenlicht mehr. Findet normalerweise mit etwa Mitte zwanzig statt. Manche Vampire überleben ihre Transition nicht, vor allem männliche Vampire. Vor ihrer Transition sind Vampire von schwächlicher Konstitution und sexuell unreif und desinteressiert. Außerdem können sie sich noch nicht dematerialisieren.
Triebigkeit – Fruchtbare Phase einer Vampirin. Üblicherweise dauert sie zwei Tage und wird von heftigem sexuellem Verlangen begleitet. Zum ersten Mal tritt sie etwa fünf Jahre nach der Transition eines weiblichen Vampirs auf, danach im Abstand von etwa zehn Jahren. Alle männlichen Vampire reagieren bis zu einem gewissen Grad auf eine triebige Vampirin, deshalb ist dies eine gefährliche Zeit. Zwischen konkurrierenden männlichen Vampiren können Konflikte und Kämpfe ausbrechen, besonders wenn die Vampirin keinen Partner hat.
Vampir – Angehöriger einer gesonderten Spezies neben dem Homo sapiens. Vampire sind darauf angewiesen, das Blut des jeweils anderen Geschlechts zu trinken. Menschliches Blut kann ihnen zwar auch das Überleben sichern, aber die daraus gewonnene Kraft hält nicht lange vor. Nach ihrer Transition, die üblicherweise etwa mit Mitte zwanzig stattfindet, dürfen sie sich nicht mehr dem Sonnenlicht aussetzen und müssen sich in regelmäßigen Abständen aus der Vene ernähren. Entgegen einer weitverbreiteten Annahme können Vampire Menschen nicht durch einen Biss oder eine Blutübertragung »verwandeln«; in seltenen Fällen aber können sich die beiden Spezies zusammen fortpflanzen. Vampire können sich nach Belieben dematerialisieren, dazu müssen sie aber vollkommen ruhig werden und sich konzentrieren; außerdem dürfen sie nichts Schweres bei sich tragen. Sie können Menschen ihre Erinnerung nehmen, allerdings nur, solange diese Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert sind. Manche Vampire können auch Gedanken lesen. Die Lebenserwartung liegt bei über eintausend Jahren, in manchen Fällen auch höher.
Vergeltung – Akt tödlicher Rache, typischerweise ausgeführt von einem Mann im Dienste seiner Liebe.
Wanderer – Ein Verstorbener, der aus dem Schleier zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Wanderern wird großer Respekt entgegengebracht, und sie werden für das, was sie durchmachen mussten, verehrt.
Whard – Entspricht einem Patenonkel oder einer Patentante.
Zwiestreit – Konflikt zwischen zwei männlichen Vampiren, die Rivalen um die Gunst einer Vampirin sind.
31 Jahre, 11 Monate und 29 Tage zuvor …
»Erklär mir doch bitte mal, warum du ausgerechnet an deinem eigenen Geburtstag in der Küche stehst und für alle kochst?«
Qhuinn, Mitglied der Bruderschaft der Black Dagger und Gefährte von Blaylock, warf diese rhetorische Frage über den Esstisch seiner Schwiegereltern hinweg in den Raum und streckte die Hände, ohne hinzusehen, nach seiner Tochter aus. Als ein schweres, zappelndes Bündel darin landete, wusste er, dass man ihm stattdessen sein Mini-Me überreicht hatte, seinen dunkelhaarigen Sohn. Beides okay für ihn, aber Mann, den Unterschied merkte wirklich ein Blinder.
Wie wenn man eine Dose Limo erwartet und stattdessen eine Bowlingkugel in die Hand gedrückt bekommt.
»Ich habe meiner Shellan angeboten, ihr zu helfen.« Sein Schwiegervater Rocke sah ihn mit einem warmherzigen Lächeln von der Seite an. »Aber sie hat ihre Ansprüche.«
Der ältere Vampir begab sich zur zentralen Kücheninsel, seine Aufmerksamkeit auf die Vampirin gerichtet. Die war gerade dabei, eine Auflaufform mit selbst gemachter Lasagne aus dem Backofen zu holen, der in die Küchenzeile an der Wand integriert war. Der übliche Ernst des pensionierten Buchhalters war wie weggefegt; stattdessen waren die Züge seines ebenmäßigen Gesichts weich geworden, wie die des gütigen Alten im Märchen. Sicher, Rocke mit seinen Stofftaschentüchern, der gutmütigen Art und seiner Ernsthaftigkeit war kein Don Juan – erst recht nicht in der aktuellen Lebensphase, und vermutlich war er es auch nie gewesen. Jedenfalls hatte er seine besten Jahre hinter sich. Trotzdem errötete seine Gefährtin, als sie mitbekam, dass er sie zärtlich ansah. Sie mochte es, seinen Blick auf sich zu spüren.
»Ich habe meine Ansprüche, sehr richtig«, sagte Lyric, die Ältere, während sie die Auflaufform auf die Arbeitsplatte stellte und ihre Schürze glatt strich. »Deshalb habe ich mich ja auch mit dir vereinigt.«
Rockes Button-down-Hemd straffte sich über seiner Brust, als er vor lauter männlichem Stolz tief einatmete. »Du hast mir einen großen Gefallen getan, als du dich bereit erklärt hast, die Meine zu werden.«
»Wohl kaum.« Sie fing an, die Lasagne mit einem Messer in einzelne Portionen zu zerteilen. »Ich bin diejenige, die von Glück reden kann.«
Rocke schüttelte grinsend den Kopf. »Nein, ich war der Glückspilz. Und bin es immer noch.«
Dieses spielerische Geplänkel war der beste Beweis, dass ein märchenhaftes Happy End im echten Leben keine immerwährenden Sonnenuntergänge und glückseliges Händchenhalten erforderte. Worauf es tatsächlich ankam, war, dass man auch nach langer gemeinsamer Zeit noch daran interessiert war, was der andere sagte – und nicht nur gemessen in Tagen und Nächten. Nicht in Monaten. Auch nicht in Jahren.
Sondern in Dekaden.
Oder, im Falle der Vampire, in Jahrhunderten.
Qhuinn wandte den Kopf zum Ende des Tischs. Dort saß sein Blay, flankiert von zwei Kinderhochstühlen, als wäre er der unangefochtene König aller Babys. In seine Armbeuge gekuschelt lag Lyric – diejenige, die nicht gerade ihr eigenes Geburtstagsessen zubereitete –, gehüllt in eine flauschige rosa Babydecke, glücklich und zufrieden, nachdem sie ihr Fläschchen geleert hatte.
Die strahlend blauen Augen des Vampirs hoben sich, so sicher, als hätte er seinen Namen geflüstert. Sofort hielt alles an Qhuinn inne in seinem Tun – darunter auch diese Sache mit dem Atmen.
Zumindest gelang es ihm, ihren gemeinsamen Sohn nicht fallen zu lassen.
Auch nach all den Jahren noch besaß sein Hellren die Fähigkeit, seine Welt mit einem Schlag zum Stillstand zu bringen. Wenn er ihn ansah, legte er selbst eine komplette Vollbremsung hin. Mit seinen roten Haaren, den breiten Schultern und einer Stimme, die so geschmeidig war wie eine perfekt gelungene Ganache, war Blay derjenige, der in einem Raum voller Leute seinen Fels in der Brandung bildete. Niemals prahlerisch, stets nachdenklich, immer ein Lächeln auf den Lippen und mit einem Kompliment zur Stelle. Der Kerl war nicht nur ein Vampir von Wert, sondern die Sonne, um die sich alles drehte, die sie alle wärmte und nährte.
Zumindest in Qhuinns Universum. Was alle anderen am Tisch anging: Blays Eltern hatten ihren Sohn stets vergöttert, etwas, das Qhuinn von seiner Familie leider verwehrt geblieben war. Umso mehr freute es ihn, dass sein Gefährte dieses Glück hatte.
Heiliger Strohsack, sie liebten Blay sogar so sehr, dass sie sogar Qhuinn Einlass gewährt hatten, ohne Fragen zu stellen, als sie damals zusammen vor der Haustür gestanden hatten. Er selbst war damals ein abgemagerter Prätrans gewesen, zwar von tadelloser Abstammung, aber mit einer eigentlich untragbaren genetischen Abweichung: Qhuinn hatte zwei verschiedenfarbige Augen.
»Bitte schön, da hätten wir es.« Lyric trat an den Tisch. »Dein Lieblingsessen, mein Lieber.«
Das Festmahl für die Sinne und den Magen, das nun vor ihm abgestellt wurde, war tatsächlich ein Anblick von seltener Schönheit: Fünf Lagen Lasagneblätter, dazwischen saftige Schichten von Fleischsoße, Mozzarella und Hüttenkäse. Letzterer als Ersatz für die Béchamelsoße, die er nicht ausstehen konnte.
Er war ein knallharter Vampir, einer, der für die Spezies kämpfte, ein Killer, der niemals nachgab. Doch er hatte die Geschmacksknospen eines Vierjährigen.
»Das duftet einfach … himmlisch.« Dann ließ er stirnrunzelnd den Blick über die vielen anderen Servierplatten und Schalen auf dem Tisch schweifen. »Wobei wir natürlich noch ein paar andere Sachen hätten … den Braten und die Stampfkartoffeln, die sind sicher auch nicht zu verachten …«
»Keine Sorge, die Lasagne habe ich eigens für dich gemacht.« Sie legte ihm ihre Hand auf die Schulter. »Du hast letztes Wochenende das gemeinsame Familienmahl verpasst, weil du im Einsatz warst. Hab schon gehört, wie traurig du warst.«
Qhuinn legte sich die Hand an die Brust, auf Höhe seines Herzens. »Weißt du, Lyric, wenn ich nicht bereits glücklich mit deinem Sohn vereinigt wäre, dann würde ich glatt …«
»Moment, Moment, immer schön langsam«, mischte Rocke sich ein. »Sie gehört mir!«
»… deine Lasagne heiraten.«
Sie brachen allesamt in Gelächter aus. Zugegeben, es war ein echt lahmer Dad-Joke, aber schließlich war er auch ein Dad. Genau wie Blay. Und Rocke. Schon witzig, wie sich die Dinge änderten.
Allerdings trug er immer noch alle seine Piercings.
Und seinen Hummer hatte er auch noch nicht durch einen Minivan ersetzt.
»Ich glaube, da möchte jemand zu dir«, sagte Blay lächelnd.
Und tatsächlich streckte Lyric ihre kleinen Ärmchen nach ihm aus, weshalb sie die Deckenbündel, in denen die Zwillinge steckten, austauschten. Perfektes Timing. Lyric ließ sich sehr viel leichter mit einem Arm halten, sodass man mit der anderen Hand essen konnte, und Rhamp hatte kein Problem damit, in seinem Hochstuhl zu sitzen und auf seinem Beißring herumzukauen. Als das erledigt war, wurden Servierplatten und Schüsseln herumgereicht und Teller gefüllt. Dann wurde gegessen und getrunken, und das begleitende Tischgespräch verlief erfrischend normal: Es wurden keine tragischen Todesfälle erwähnt, keine schlechten Neuigkeiten im Zusammenhang mit Lash und seiner Gesellschaft der Lesser weitergegeben. Es mussten auch keine seismischen Verschiebungen auf der Anderen Seite diskutiert werden.
Stattdessen plauderten sie angeregt über die Weihnachtszeit der Menschen und den Schneesturm neulich. Darüber, wie eisig es oben im Gästeschlafzimmer war, weil irgendetwas undicht war, und dann redeten alle auf Rocke ein, von wegen, er solle nicht mal dran denken, gleich die Leiter rauszuholen und das zu überprüfen. Außerdem tauschten sie sich darüber aus, wie wunderschön der Vollmond in der vorangegangenen Nacht geleuchtet hatte, und nachdem die geheiligte Lasagne verspeist worden war, stellte Blay die Frage aller Fragen: »Was gibt’s denn zum Dessert?«
»Karottenkuchen«, sagte Lyric, die Ältere.
Ein Jubeln ertönte, und Qhuinn prostete ihr mit seinem Bier zu. »Wenn es nach mir geht, hat es dein Frischkäse-Frosting verdient, zu einer eigenen Lebensmittelgruppe erklärt zu werden.«
Weiteres Gelächter. Gefolgt von weiteren harmlosen Gesprächen.
Es war alles nett und normal. In gewisser Weise sogar etwas zu nett und normal.
Qhuinn hielt mit der Gabel in der Hand inne. Er war bereits unzählige Male hier draußen auf dem Land gewesen, in diesem Haus unweit des Speckgürtels rund um Caldwell. Er hatte auf diesem Stuhl gesessen, und zwar immer auf demselben Stuhl, seit diesem Ersten Mahl, das er hier serviert bekommen hatte, kurz nachdem sie Blays Eltern beim Umzug geholfen hatten.
Das Problem war: Alle schienen sich darin einig, dass diese Familienessen, auch bekannt als »das sonntägliche Letzte Mahl«, für immer so weitergehen würden.
Aber so lief das nicht.
Wraths Tod vor zwei Jahren hatte ihm das schmerzhaft vor Augen geführt. Es war ihnen allen eine Lehre gewesen.
Als er spürte, wie sich der vertraute Schmerz zurückmeldete, starrte er hinunter in das kleine Gesicht seiner Tochter. Sie sah ihrer Mahmen, Layla, so verdammt ähnlich, mit ihren zarten, nahezu perfekten Gesichtszügen, den riesigen blassblauen Augen und dem feinen Flaum blonder Haare. Er wusste, dass Menschenkinder bereits nach zwölf Monaten aus dem Babystadium herauswuchsen, doch er war froh, dass es bei Vampiren deutlich länger dauerte. Er liebte diese kleinen Wonneproppen über die Maßen. Und weil er sich unmöglich vorstellen konnte, wie es sein würde, wenn ihre Lyric einmal älter wurde, wenn sie niemanden mehr brauchen würde, weder ihn noch einen anderen Elternteil, war er froh, dass er sie nach wie vor an seinem massigen Bizeps wiegen konnte. Es gab ihm das Gefühl, als wäre die Zeit stehen geblieben.
Sicher, das war natürlich nur eine Illusion. Aber immer noch besser, als sich darüber Sorgen zu machen, dass einer von ihnen innerhalb eines Wimpernschlags für immer fort sein könnte.
Beispielsweise durch eine Bombe, die der Feind gelegt hatte … an der Tür zu einem Haus, in dem man fast täglich ein und aus ging.
Er wollte nicht daran denken, wie Wrath ums Leben gekommen war, deshalb zwang er sich, sich ganz auf Lyric zu konzentrieren. Um sich im nächsten Moment zu ermahnen, weil er schon wieder prüfend ihre Iriden musterte. Eigentlich sollte er sich aus so vielen Gründen keine Sorgen darüber machen, dass sie irgendwann ungleich gefärbt sein könnten wie die seinen. Aber genauso zwanghaft beobachtete er die gelegentlichen Stimmungstiefs seines Sohnes, er kam nicht dagegen an. Als er vor der Tür zum Schleier gestanden hatte, hatte er diese Vision gehabt … von einer Tochter mit einem blauen und einem grünen Auge.
Aktuell zeigte sie allerdings keinerlei Anzeichen eines Heterochromatismus, und es wäre gelogen, würde er behaupten, nicht zu hoffen, dass es so blieb.
Aber da sprach nur seine eigene PTBS aus ihm, hundertpro.
»Na, wie geht’s meinem Mädchen?«, säuselte er.
Die Kleine reagierte, indem sie sich streckte und ihm ein breites, zahnloses Lächeln schenkte, und während das Glück über ihn hinwegstrich wie eine warme Sommerbrise, schnürte es ihm plötzlich die Kehle zu. Er wollte ihr niemals das Gefühl geben, sich schämen zu müssen, ganz gleich welche Farbe ihre Augen letztlich haben würden, ganz zu schweigen davon, sie vor anderen zu verstecken oder sie aus der Familie zu verbannen. Er war einmal genau wie sie gewesen, hineingeboren in eine Welt, mit einem unschuldigen Bedürfnis nach Zuneigung und Liebe. Und dem Wunsch, sicher und wohlbehütet zu sein.
All das, was er nicht bekommen hatte, aber so waren sie nun mal, diese Aristokraten.
Zum Glück brauchte keines seiner Kinder sich Sorgen zu machen, von ihm verstoßen zu werden. Zur Hölle, falls je auch nur irgendjemand versuchte, einem von beiden etwas anzutun, würde er ein Blutbad anrichten …
»Alles in Ordnung, mein Sohn?«, erkundigte sich Rocke sanft.
Qhuinn riss den Kopf hoch. Die anderen hatten in verschiedenen Posen mitten im Essen innegehalten. Die ältere Lyric war gerade dabei, ihr Wasserglas zu heben, Rocke riss soeben sein Brot in der Mitte entzwei, Blay hatte seine Gabel im Kartoffelbrei versenkt. Sie alle starrten ihn an, die Augenbrauen bis unter den Haaransatz hochgezogen.
Auweia. Er hatte wohl ein Knurren ausgestoßen und seine Fänge ausgefahren.
»Entschuldigung«, nuschelte er und setzte ein angespanntes Lächeln auf. Dann überkam ihn das Gefühl, noch eine Erklärung hinzufügen zu müssen, und er sagte: »Fragt ihr euch auch manchmal, wie weit ihr gehen würdet, um eure Kinder zu beschützen?«
Einen Herzschlag lang herrschte Stille im Raum.
Und im nächsten Moment antworteten alle drei Erwachsenen am Tisch grummelnd: »Nein, tun wir nicht.«
Er sah sie nacheinander an, den Hellren, an den er sich gebunden hatte, den Vater, den er selbst nie gehabt, und die Mahmen, die er sich immer gewünscht hatte. Und schließlich diese Kleinen, ohne die er nicht mehr sein konnte. Er dachte auch an die anderen beiden Elternteile, die zu diesem Familienarrangement gehörten, Layla, die Mahmen der Zwillinge, und ihr Gefährte, Xcor.
Sein Leben war so erfüllt, so vollkommen und perfekt, wunderschön und einzigartig wie eine Schneeflocke, die vom Himmel fiel.
Und genauso beschissen zerbrechlich.
Qhuinn sah wieder auf seine Tochter hinab. Er zog sie fester an seine Brust und streichelte ihre samtig weiche Wange.
Schließlich schüttelte er den Kopf und sagte mit tiefer, düsterer Stimme: »Ich auch nicht.«
Gegenwart, Bathe Nachtclub, Market Street, zwischen Sechzehnter und Siebzehnter, Caldwell, New York
Die statistische Wahrscheinlichkeit, auf einer innerstädtischen Straße von einer herunterfallenden Plakatwand getötet zu werden, ist im Grunde unkalkulierbar. Sie liegt irgendwo bei knapp unter 0,00000071 Prozent. Vorausgesetzt, man berücksichtigt bei dieser Rechnung, dass alle möglichen Objekte auf einen herunterfallen können, nicht nur Scheiß-Werbetafeln.
Aber das war etwas, worüber Lyric, Blutstochter von Qhuinn, Mitglied der Bruderschaft der Black Dagger, und der Auserwählten Layla, Adoptivtochter von Blaylock, Sohn des Rocke, und Xcor, Anführer der Bande von Bastarden, erst sehr viel später in dieser Nacht nachdachte. Wobei diese Millionstel Wahrscheinlichkeit selbst dann nur ein Wassertropfen in einem Meer von unendlich viel wichtigeren Dingen wäre.
Wie in den meisten Schicksalsfragen hatte sie zum Glück nicht die geringste Ahnung, was auf sie zukam.
Im Moment jedenfalls stand sie in ihren Louboutin-Stilettos im schmuddeligen Schneematsch der Innenstadt und machte sich noch nicht mal Sorgen, dass sie ihre sündteuren Schuhe ruinieren könnte. Was ihr tatsächlich Kopfzerbrechen bereitete, war diese Grütze, die aus ihrem Handy quoll. Sie hatte die Schnauze so was von voll davon.
»Marcia.« Sie betonte den Namen Silbe für Silbe, »MAR-si-ah«, anders als die gewohnte Brady-Bunch-Variante. Damit wollte sie ihrem Widerwillen Ausdruck verleihen. »Kannst du bitte einen Augenblick still sein, damit ich auch mal zu Wort komme …«
»Das ist eine gigantische Chance für dich. Sie wollen, dass du gleich am ersten Tag der Konferenz auftrittst, dir entstehen keinerlei Kosten. Du bekommst einen Backstage-Fototermin und ein Interview mit ihr – das wird deine Marke so was von pushen, das verspreche ich dir.«
Dass ihre Assistentin einzelne Wörter so übertrieben betonte, beschwor in ihrer Vorstellung ein Bild herauf, von einem Typen in der Muckibude, der beim Bankdrücken wieder und wieder die Gewichte hochstemmte. Und ganz unwillkürlich überlegte sie sich, ob es wohl ein Minimum an Wiederholungen und Durchläufen gab. Mal ehrlich, wenn diese Frau ihr tägliches Trainingsziel verfehlte, musste sie sich dann daheim vor den Badezimmerspiegel stellen und mit ihrem Einkaufszettel weitermachen?
Lyric drehte sich um und stellte sich mit dem Rücken zu dem starken, ständig wechselnden Wind. Ach, und sieh einer an: Am Ende der Gasse, auf der gegenüberliegenden Seite der Market Street, warb eine riesige Anzeigentafel in Violett für die fragliche Resolve2Evolve-Konferenz.
Als würde Valentina Disserte sie stalken.
»Hallo?«, tönte es aus ihrem Smartphone.
Ja, ja, schon gut, die Sache mit dieser Einladung war wirklich krass, ganz ehrlich. R2E hatte echtes Potenzial, das Programm war der Hit unter den überwiegend weiblichen Fans der Selbstverwirklichung, eine regelrechte Bewegung, und es ließ sich nicht bestreiten, dass deren Anführerin das Beste aus ihren fünfzehn Minuten im Rampenlicht machte. Wenn die großartige Valentina weiter sämtliche Bühnen stürmte und vom Priorisieren der eigenen Persönlichkeit predigte, würde sie bald zum Selbstliebe-Messias der aktuellen Generation avancieren.
Das Problem dabei? Es wirkte alles einen Tick zu hübsch-mit-lila-Schleifchen-mäßig, um echt zu sein. Das Leben, betrachtet durch einen Filter aus knackig kurzen, eingängigen Clips, aber nicht die Realität.
Lyric kniff die Augen zu und dachte an das, was sich währenddessen im Haus ihrer Großeltern abspielte. Noch vor etwa einem Monat wäre sie vielleicht sogar selbst für die Botschaft dieser Scharlatanin empfänglich gewesen. Aber jetzt?
Andererseits, vielleicht täte ihr die Ablenkung ganz gut.
»Na schön.« Während der nächste heftige Windstoß durch die Gasse fegte, überlief sie ein Frösteln, und sie wandte sich dem Notausgang des Clubs zu. »Aber können wir erst mal den heutigen Abend durchsprechen, bevor du mir mit noch mehr Fragen kommst?«
»Sag mal, wo steckst du eigentlich?«
»Draußen in der Gasse …«
Die eingedellte Metalltür schwang weit auf, und MAR-si-ah Rotterdam, Social-Media-Managerin der Stars und Sternchen, erschien, wie immer gestresst und gehetzt. Bei einer Körpergröße von knapp eins fünfzig und fünfzig Pfund Gewicht, sah die Frau, die sich ein Handy an jedes Ohr presste, aus, als wollte sie vor einer Explosion in Deckung gehen.
»Nein, Ron, vergiss es.« Sie fuchtelte wütend mit dem Telefon in ihrer linken Hand und beendete das Telefonat. »Fahr du morgen mal schön brav nach L. A. wegen dieser Collab. Hör zu, ich bin gerade bei einem exklusiven Event und muss auflegen. Ich ruf dich morgen früh noch mal an – und du sitzt dann bitte gefälligst in diesem Flieger!«
Marcia legte auch Handy Nummer zwei auf. »Echt hübsch anzusehen, der Kerl, aber leider dumm wie Brot. Ein Glück, dass er nur da stehen und für Selfies posen muss. Ach herrje, sieh dich nur an.«
Lyric sah an sich herab und dachte wieder einmal, wie toll sie dieses Kleid fand. Tief ausgeschnitten, trägerlos und schwarz, und es war mit zehn Zentimeter langen Fäden besetzt, auf die schillernde Perlen aufgezogen waren, sodass sie, wenn sie sich in der Taille hin und her drehte, eine Art Heiligenschein um ihren Körper bildeten, mit wechselnden Reflexen aus hell und dunkel. Außerdem war das dabei entstehende Geräusch einfach fantastisch, wie eine Runde tosender Applaus.
Rhamp meinte immer, sie erinnere ihn darin an die puscheligen Walzen in einer Autowaschanlage, typisch …
»Ach, übrigens, weißt du was?«, verkündete Marcia.
Du lieber Himmel. Bitte nicht noch so ein grandioser Einfall.
»Ich rufe bei der Vogue an. Für den US-Markt bist du noch nicht groß genug, aber ich denke, einer von den europäischen Kanälen lässt sich arrangieren. Weißt du noch, als das Ganze nicht mehr war als ein Magazin? Zu schade, dass wir keine Stills machen können, um deine Augen in Szene zu setzen. Blau und grün, und das ganz ohne Kontaktlinsen. Und dann auch noch mit blonden Haaren, der helle Wahnsinn. Was ist, willst du noch länger hier herumstehen? Und sieh dir nur deine Schuhe an, die sind ja komplett ruiniert.«
Während Lyric durch die Hintertür ins Bathe trat, spürte sie, wie sie sich in ihr Schneckenhaus zurückzog. Sie schrumpfte in sich zusammen, bis sie nicht viel mehr als stecknadelgroß war, ein winziger Bruchteil dessen, wer sie wirklich war, verborgen hinter der schmückenden Staffage ihrer Aufmachung. Zu Beginn dieser ganzen Influencer-Geschichte war sie Feuer und Flamme gewesen.
Doch mittlerweile war nicht mal mehr ein winziger Funke übrig.
Die Definition eines Burn-out war nicht sonderlich kompliziert. Das eigentlich Knifflige an der Sache war die Frage, was man dagegen tun konnte. Erfolgreiche Karrieren wie die ihre nahmen wie alle genialen Ideen, die zu unerwarteten Selbstläufern wurden, häufig eine gewisse Eigendynamik an, nur dass es anders als bei Dingen wie Autos, Flugzeugen oder Raumschiffen keine Sicherheitsvorrichtung gab, nichts, das die Folgen einer plötzlichen Vollbremsung im Notfall abfederte.
Hier stand sie also. Umringt von Leuten, die sie zu kennen glaubten. Ein Idol für viele und die Einzige, die zu begreifen schien, dass sie in Wirklichkeit gar nicht höllisch heiß war. Sie fing nur leicht Feuer.
Und zwischen beidem lag ein himmelweiter Unterschied …
Marcia war es, die alles regelte, ohne Rücksicht auf Verluste. »Du stehst da drüben, und die Leute stehen hier Schlange … los, los, stell dich dahin, bevor ich deine Anhänger reinhole.«
Ihre Anhänger? Als stünde ihr Name auf den Etiketten in deren Klamotten, und jetzt brächte sie sie in eine Art existenzielles Sommercamp.
Während Lyric sich an der richtigen Position platzieren ließ wie eine Vase auf einem Regal, warf sie einen verstohlenen Blick auf die Sponsorenwand. Vor einem rosa-hellgrünen Hintergrund war ihr Lyrically-Dressed-Logo zu sehen, mit den winzigen Notenschlüsseln, die die Form eines Kleides bildeten, im Wechsel mit dem Logo von Trash Panda Make-up – das einen Panda in einem Mülleimer zeigte, man stelle sich vor.
Sie spähte durch den bogenförmigen Durchgang, der den VIP-Bereich vom Rest des Clubs abtrennte, und betrachtete die wartende Menge. Sie konnte nicht fassen, wie viele tatsächlich gekommen waren. Derartige Überraschungen hatte sie schon des Öfteren erlebt, und zumindest dieser erfreuliche Aspekt ihres Jobs nutzte sich nie ab. Es war ganz wie zu Beginn ihrer Karriere. Erst waren es zehntausend Abonnentinnen und Abonnenten gewesen, die ihrem Zideo-Account gefolgt waren, dann war die Zahl auf hunderttausend angewachsen. Als sie schließlich die Millionen-Marke geknackt hatte, hatte sie für sich selbst eine Party geschmissen und sich gefühlt, als würde sie etwas Sinnvolles machen.
Inzwischen befand sie sich knapp unter der Fünf-Millionen-Marke und hatte Sponsorendeals, einen Terminplan für öffentliche Auftritte und eine Managerin.
»Dieses Licht muss neu ausgerichtet werden.« Marcia blaffte den Befehl und schoss wie eine Lenkrakete geradewegs auf einen armen Kerl im Arbeitsoverall los. »Ja, genau! Du da! Ich rede mit dir! Das ist Mist! Das Licht auf ihrem Gesicht ist viel zu grell!«
Während Lyric einfach stehen gelassen wurde, sah sie sich um. Der VIP-Bereich des Bathe war exklusiv für das Event gebucht, weshalb mehrere Seile gespannt waren, um die Warteschlange zu kontrollieren. Die eigentlich besonderen Gästen vorbehaltene Lounge leer zu sehen, ohne die übliche Meute an Überfliegern, die nur das gute Zeug aus den oberen Barregalen soffen, ließ das Ganze aussehen wie einen Eierkarton für geschniegelte Arschlöcher: Insgesamt zwölf abgesenkte Sitzbereiche gab es zu beiden Seiten eines Mittelganges, über den man stolzieren konnte wie auf einem Laufsteg. In verschiedene Blautöne getaucht, von dem helleren Türkisblau der Marke Tiffany über Saphirblau bis hin zu Meeresgrün, waren die abgerundeten Sitzmöbel nicht nur bequem, sondern auch wasserabweisend, und bildeten den Schauplatz so mancher mieser Entscheidung.
Vor allem aber wurde hier für leere Brieftaschen gesorgt.
Sie kannte diesen Laden gut. Sie und ihre Clique waren Stammgäste, und seit etwa anderthalb Jahren hatten sie ihren festen Platz im hintersten Bereich gleich beim Notausgang. Das blau-schwarze Licht war die perfekte Tarnung, wenn man unter dem Radar bleiben wollte. Und wenn man sich gegen Ende der Nacht dematerialisieren wollte, statt ein Uber zu rufen, kam es mehr als gelegen, dass man von hier aus gleich durch diese Tür auf die Gasse gelangte.
Wie Marcia wohl reagieren würde, wenn sie wüsste, dass sie eine Vampirin managte?
Gerade hielt sie dem Overall-Typen ihren Zeigefinger ins Gesicht, als hätte der nicht nur ihre eigene Mutter, sondern gleich noch jede einzelne Frau ihrer gesamten Blutlinie beleidigt.
Himmel, wenn Marcia die Wahrheit herausfände, würde sie die Rechte vermutlich an eine Realityshow verkaufen und einen eigenen Podcast starten.
Nosferatu – der Realitytalk.
Wie aufs Stichwort ließ Marcia von dem bedauernswerten Beleuchter ab und kam in Begleitung einer sehr großen, sehr schlanken Frau mit sehr langen schwarzen Extensions auf sie zu. Es war fast, als hätte Chas Addams eine seiner Zeichnungen in das nächste Jahrhundert versetzt. Lyric kleisterte sich ein Lächeln ins Gesicht.
»Du erinnerst dich sicher an Svetlana, nicht wahr?« Marcia vollführte eine schwungvolle Geste in Richtung der Frau. »Sie ist das Gesicht hinter der Marke Trash Panda. Svet, du siehst umwerfend aus – lasst mich die beiden Girls der Stunde endlich miteinander bekannt machen.«
Marcia klatschte aufgeregt in die Hände, als hörte die Welt allein auf ihr Kommando, einmal Klatschen – Licht an, zweimal Klatschen – Licht aus, und dann war Small Talk gefragt, als der Fotograf beflissen herbeigeeilt kam, in dem offensichtlichen Bestreben, keine Standpauke zu hören zu bekommen wie der Beleuchter: Svet machte Lyric Komplimente zu ihrem Kleid, und Lyric parierte, schmetterte den Ball zurück übers Netz und konterte mit aufrichtiger Bewunderung für die Schuhe der Frau – weil, hey, auch wenn die Latschen so groß waren wie zwei Toaster und bestimmt an die fünf Kilo wogen, waren sie im Gegensatz zu den ihren wenigstens nicht nass. Dann kam der unvermeidliche Frisurenvergleich und das dazugehörige Schütteln derselben – zumindest auf Svetlanas Seite –, gefolgt von der obligatorischen Frage nach der Mascara-Marke der anderen.
»Alles von Trash Panda«, nuschelte Lyric verhalten. Dabei war ihre in Wahrheit von Maybelline.
»Uuuund lächeln!«
Lyric drängte sich in den Vordergrund und warf sich vor der Linse in Pose, doch ihr Blick schweifte noch einmal zurück zum Durchgang in den VIP-Bereich, gerade als der Blitz aufleuchtete. Die beiden Security-Typen in ihren Anzügen sahen aus, als stünden sie über den Dingen, und die anonyme Masse jenseits der Absperrung war die Flut, die sie erfolgreich eindämmten. Sie gingen ihrem Job mit einer Überheblichkeit nach, für die Lyric ihnen am liebsten ihr Glas Wein über ihre Hohlbirnen gekippt hätte.
Als die nächste Person zu ihr gebracht wurde, spähte Lyric nur desinteressiert aus ihrem privaten Abgrund hervor, redete über Belanglosigkeiten und lächelte, wenn es von ihr erwartet wurde.
Als der Blitz diesmal aufleuchtete, kniff sie ihre Augen fest zusammen.
Dabei überlegte sie, was ihr Bruder Rhamp wohl gerade trieb. Er, Shuli und die ganzen anderen Kämpfer standen gewiss nicht dumm herum und posten für Fotos. Wenn in ihrem näheren Umkreis ein grelles Licht aufleuchtete, dann meist deshalb, weil sie einen der Lesser, jene Mistkerle, die Vampire jagten und töteten, erdolcht und zu ihrem Schöpfer zurückgeschickt hatten.
Für sie bedeuteten grelle Blitze, dass sie eine Schlacht gewonnen, einen Zivilisten gerettet, die Welt ein klein wenig besser gemacht hatten.
Auf jeden Fall hätten sie etwas Sinnvolles getan, etwas, das jede Menge Mut erforderte.
»Ach ja, Lyric, bevor es richtig losgeht, musst du unbedingt jemanden kennenlernen!«
Damit schob Marcia die nächste Gestalt zu ihr vor die Kamera, jemand mit einem Podcast, und dann noch eine weitere Influencerin mit einer »irrsinnigen Followerzahl«.
Im selben Moment entdeckte Lyric ein altbekanntes Gesicht. Gleich drüben am Notausgang.
Ein scheues, reserviertes, vertrautes Gesicht, das zu einem schlaksigen Körper gehörte, der trotz der Kälte nur mit einer Levi’s und einem T-Shirt bekleidet war.
»Oh, hey, Allhan!« Lyric löste sich aus der Viererreihe. »Hi!«
»Warte, was machst du?«, herrschte Marcia sie an. »Wo willst du hin?«
Als Lyric jetzt auf den Vampir zueilte, verwandelte sich ihr aufgesetztes Lächeln in ein echtes. Und sie hoffte inständig, es möge nicht ganz so verzweifelt wirken, wie sie befürchtete. »Was tust du denn hier?«
Allhan sah verschämt zu Boden, und selbst in dem dunklen, bläulichen Licht erkannte sie, wie ihm die Röte über seinen schlanken Hals emporkroch und auf seinen hohlen Wangen aufblühte.
»Keine Sorge, ich freue mich, dich zu sehen.« Sie berührte seinen Arm. »Ich bin nur überrascht, mehr nicht. Das Bathe ist immerhin kein Laden, in den du normalerweise gehst.«
Allhan war ein Prätrans und etwa fünfundzwanzig Jahre alt, zumindest in menschlichen Kalenderjahren gemessen. Niemand wusste genau, wann sein Geburtstag war, nicht einmal er selbst, aber er war so mager wie ein zwölfjähriges Menschenkind. Und dann noch das krause schwarze Haar. Ganz gleich, welche Jahreszeit gerade herrschte, es sah immer aus, als hätte er mit einem Luftballon über seinen Scheitel gerieben, immer war es statisch aufgeladen.
Andererseits war der Kerl aber auch blitzgescheit. Vielleicht hatte er ja glattes Haar, und die von seinem scharfen Verstand generierte Hitze lockte es wie eine Dauerwelle?
»Was hast du vor?« Marcia trat zwischen sie beide. »Du sollst doch dort drüben stehen!«
»Entspann dich, ich sag nur kurz Hallo. Das ist ein Freund von mir.«
Marcias Augen verengten sich und musterten den Vampir einmal komplett von Kopf bis Fuß, und irgendwie schaffte sie es mit ihrem Gesichtsausdruck, ihn übler zu beleidigen, als wenn sie die Worte ausgesprochen hätte, die ihr offenbar durch den Kopf gingen: Uninteressant. Nicht der Mühe wert.
»Das ist ja großartig.« Sie hakte sich bei Lyric unter und marschierte unbeirrt los. »Echt wundervoll. Freunde sind was Tolles. Aber nicht jetzt.«
Während Lyric den Anker auswarf und sich dagegen wehrte, so einfach abgeführt zu werden, überlegte sie, ob das hier anders laufen würde, würde es sich um ihren Bruder oder jemanden wie Shuli handeln. Scheiße, klar würde es das.
»Du musst mir bitte eine Minute geben …«
»Nein, komm jetzt. Das ist mein Job.«
»Darf ich mich dann wenigstens von ihm verabschieden?« Sie drehte sich noch einmal um. »Hör zu, Allhan …«
Doch er war fort, gerade fiel die Tür des Notausgangs hinter ihm zu.
Lyric schlug beide Hände an die Wangen und hätte am liebsten laut geschrien vor Frust. »Warte kurz, Marcia. Ich muss da rausgehen und ihm sagen …«
»Mach dir doch wegen soeinem keine Gedanken.«
Später, sehr viel später, sollte Lyric begreifen, dass sich in dem Moment bei ihr ein Schalter umlegte, ausgelöst durch diesen abfälligen Kommentar, gesprochen in diesem verächtlichen Ton. Es veränderte alles.
»Du wartest jetzt gefälligst«, feuerte Lyric zurück. »Ich gehe nachsehen, ob mein Freund auch nicht beleidigt ist, weil du ihn so abserviert hast.«
Marcia warf sich ihr in den Weg und breitete die Arme aus, als wollte sie einen fahrenden Zug aufhalten. In drängendem Flüsterton zischte sie: »Du hast zweihundert von deinen Followern da draußen stehen, die jeweils neunundvierzig Dollar dafür geblecht haben, um sich mit dir fotografieren zu lassen. Das Event startet um sieben. Also nein, auf keinen Fall, gehst du …«
»Es gibt Dinge, die wichtiger sind als Arbeit.«
»Nicht heute Abend!«
Als die winzige Marcia unbeirrt zu ihr aufsah, mit ihrem vom Botox starren Gesicht, das den verschiedenen Varianten von innerem Grauen unmöglich Ausdruck verleihen konnte, dämmerte Lyric, dass diese Geschichte mit Lyrically Dressed, die vor zwei Jahren mit der Beiläufigkeit eines Niesanfalls begonnen hatte, eine ganz eigene Dynamik entwickelt hatte.
Es war, als würde sie ein Monster an ihrer Brust nähren.
»Da täuschst du dich gewaltig«, fauchte Lyric und stieß die Frau achtlos aus dem Weg. »Das Leben währt nicht ewig, weißt du?«
Damit rammte sie die Tür des Notausgangs auf.
Als sie ins Freie trat, klatschte ihr die Kälte ungefähr genauso hart ins Gesicht.
»Allhan!«, schrie sie. »Warte!«
Windsor Lane 15, Caldwell, New York
Wenn man an Wrath, Sohn des Wrath, Vater des Wrath, Verrat übte, waren zwei Dinge garantiert. Erstens wurden sämtliche irdischen Besitztümer konfisziert, egal ob Aktien, Anleihen, Cash oder das eigene Dach über dem Kopf. Ja, man nahm Verrätern sogar buchstäblich ihr letztes Hemd weg.
Und zweitens …
Qhuinn nahm in einer tiefen Schneewehe wieder Gestalt an und blickte an der Fassade einer stattlichen Villa empor, die wie eine moderne Variante des Hauses wirkte, in dem er aufgewachsen war.
»… werden wir dich jagen, bis wir dich finden«, beendete er seinen Satz.
Diese Scheißaristokraten. Heckten andauernd irgendwelchen Bullshit aus.
Er brachte einen Kupferschlüssel zum Vorschein, erklomm die freigeschaufelten Eingangsstufen und schloss die schwere Tür auf. Als er sie aufschob, begann die Alarmanlage, die erst vor einer Woche installiert worden war, herunterzuzählen, und noch während er den Schlüssel wieder wegsteckte und ihn gegen eine monströse Wumme der Marke Beretta eintauschte, wurde im Hauptquartier das Ganze bereits deaktiviert.
Er zog die Tür nicht hinter sich zu, als er die Schwelle übertrat.
Während er seine Knarre entsicherte und sich umsah, verspürte er den dringenden Wunsch, Whestmorel die Hände um den dürren Hals zu legen und ihm den Kopf von der Wirbelsäule zu reißen. Der Aristokrat hatte sich allerdings als ausgefuchsteres Schlitzohr erwiesen als erwartet. Er hatte seine Drohung ausgesprochen – und dann etwas getan, womit diese Schwachmaten von der Glymera eigentlich nicht klarkamen.
Er war abgetaucht und hielt sich seither versteckt, mucksmäuschenstill.
Nicht gerade der Schachzug eines Amateurs. Und dieser versnobte Arsch drehte garantiert nicht nur Däumchen.
»Irgendwann musst du wieder auftauchen und Luft schnappen«, murmelte Qhuinn vor sich hin.
Früher oder später würde er sich verraten. Eine finanzielle Transaktion im Netz, der Vishous auf die Spur kam. Ein Verbündeter, der sich verplapperte, eine Sichtung bei einem Event, irgendein Fehler, durch den das Komplott ins Wanken geriet.
Oder ein tatsächlicher Anschlagsversuch auf das Leben des Königs.
Letzteres war etwas, woran keiner von ihnen auch nur denken wollte. Und zugleich der Grund, warum er am liebsten aus der Haut gefahren wäre.
Er ging weiter in den Salon und blickte zu der leeren Stelle über dem Kamin. Was für einen Ölschinken sich Whestmorel auf seiner Flucht da wohl gekrallt hatte? Der Typ hatte sämtliche Computerkomponenten, alle Handys und die komplette Sicherheits- und Überwachungsanlage mitgenommen. Der Safe war ebenfalls geleert – das wussten sie, weil Zsadist die Tür aufgesprengt hatte. Und es waren allerhand kahle Stellen an den Wänden und auf den Regalen zu sehen, die nahelegten, dass bei der Evakuierung auch einige wertvolle Kunstobjekte eingesackt worden waren.
Was zur Hölle würden sie mit Whestmorels restlichem Krempel anstellen? Die Tochter des Vampirs hatte ihrer eigenen Blutlinie abgeschworen – und zwar mit einer derartigen Inbrunst, dass sie sogar alle ihre persönlichen Habseligkeiten im Haus zurückgelassen hatte, obwohl sie komplett unschuldig war und man ihr gestattet hatte, mitzunehmen, was sie wollte.
Der ganze Rest war nichts als kostspieliger Firlefanz, unbrauchbares Zeug, das entweder verkauft oder gespendet werden musste, damit sie das Anwesen auf den freien Markt der Menschen werfen und die große Kohle abkassieren konnten.
»Oder wir fackeln die Hütte einfach ab.« Vor einem Spiegel mit protzigem Goldrahmen hielt er inne und hängte ihn mit Absicht schief. »Und dann schnappen wir uns eine Tüte Marshmallows und …«
»Hat hier jemand was vom allseits beliebten Marshmallow-Mann gesagt?«
Er schwang herum, seine Waffe auf Brusthöhe im Anschlag – senkte sie aber bereits wieder, als Rhage sich einen Lolli mit Traubengeschmack in den Mund steckte und abwehrend die Hände hob.
»Deine S’mores kannst du dir sonst wo hinschieben«, knurrte Hollywood. »Puste mich bloß nicht um, ich hab hier noch ’nen Lolli, wäre jammerschade drum.«
Qhuinn stieß einen Fluch aus. »Hättest du nicht wenigstens einen Mucks machen können?«
»Hab ich doch. Ich hab dich wegen dem Marshmallow-Mann gefragt.«
Der Sonnyboy der Bruderschaft ließ die Hände sinken und biss auf den Schoko-Kern seines Lutschers. Dass er schon wieder am Mampfen war, war echt keine Überraschung. Und zur Hölle, er sah immer noch blendend aus, war groß wie ein Haus und blond wie ein strahlend sonniger Tag.
Andererseits war das schon so gewesen, lange bevor Qhuinn überhaupt das Licht dieser Welt erblickt hatte.
»Ich komme jetzt rein«, tönte eine tiefe männliche Stimme.
»Siehst du?« Qhuinn deutete auf Bruder Zsadist, der jetzt eintrat. »So macht man das.«
Rhage zog den Lolli aus dem Mund und deutete damit auf den Neuankömmling. »Weißt du, was ich an dir so mag, Junge?«
Der als Junge Angesprochene sparte sich die Mühe, den Vampir darauf hinzuweisen, dass er vereinigt war und selbst zwei erwachsene Kinder hatte. »Sag es mir.«
»Du hältst dich immer an die Regeln.« Rhage klopfte Qhuinn anerkennend auf die Schulter. »Und damit bist du spitzenmäßig als Back-up.«
Qhuinn blinzelte. Man hatte ihn in seinem Leben schon einiges genannt. Aber einer, der sich an die Regeln hält?
Während noch weitere Brüder in den Raum traten, vergewisserte er sich, dass alle seine Piercings noch da waren, wo sie hingehörten.
Sogar nach seinem Prinz Albert tastete er, natürlich ganz diskret.
»Ich checke das Obergeschoss«, verkündete er und zückte seine zweite Knarre.
Mit zügigen Schritten marschierte er los, beide Waffen erhoben, durch die formellen Räume, bei denen durchweg die Gardinen geschlossen waren. Obwohl das komplette Gebäude mit Kameras ausgestattet und abgehört worden war, seit es in der vergangenen Woche in ihren Besitz übergegangen war, durften sie heute Abend keinerlei Risiko eingehen.
Sie wussten bereits, dass die Luft rein war. Aber das war unerheblich.
Bei dem, was jetzt käme, würde er sich garantiert nicht auf ein paar Kameras verlassen. Keiner von ihnen war so dumm, blind auf die Technik zu vertrauen.
Er öffnete seine Sinne und sandte eine gesunde Dosis Paranoia hinaus in den Raum. So überprüfte er den Salon. Das Studierzimmer. Die Bibliothek. Während er weiterging und sein Gedächtnis auffrischte, an die seidenbezogenen Sitzmöbel und die museumsreifen Antiquitäten dachte, die Perserteppiche auf den Böden und die Porträts an den Wänden, hörte er die anderen oben durch die Schlafzimmer gehen. In die Abstellkammern, die Wäschekammer spähen. Ein weiteres Team begab sich bis hinauf auf den Dachboden, und ein letztes tauchte hinab in den Keller und inspizierte die Garage.
Als er die Küche betrat, suchte er jeden Winkel ab, jeden Schatten, den das grelle Deckenlicht warf. Im Gegensatz zum Rest des Hauses, das so was wie ein Vorzeigeobjekt für Glymera-Besucher war, war hier hinten in den Wirtschaftsräumen alles eher schlicht und praktisch gehalten, die Gerätschaften aus rostfreiem Edelstahl, die Pfannen und Töpfe nach absteigender Größe sortiert an Wandschienen hängend, die Pfannenwender und Messer und Utensilien allesamt perfekt organisiert und in Reichweite der Schneidbretter, der Herdplatten und Öfen, der Anschlüsse.
Die luxuriöse Ausstattung im Haus eines luxusverwöhnten Aristokraten.
Nachdem er erst einen Blick in den Kühlraum geworfen hatte – weil, hey, diese Glymera-Wichser waren, wie Schlangen auch, Kaltblüter –, durchkämmte er die Vorratskammer und kam dann im Speisesaal wieder heraus.
Dort blieb er wie angewurzelt stehen.
Der Tisch war es, der ihn stutzen ließ, diese lange, glänzende Fläche in der Mitte des repräsentativen Raumes mit all den Stühlen, die sich stramm daran entlangreihten wie Soldaten beim Appell: zweiundzwanzig an der Zahl, die beiden an den Schmalseiten jeweils mit Armlehnen ausgestattet.
»Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt«, sagte er im Flüsterton.
Nichtsdestotrotz würgte sein Gedächtnisspeicher ein Gewölle aus einstigen Erinnerungen hervor, und das Arrangement vor ihm wurde überlagert von etwas aus der Vergangenheit. Statt der prächtigen Einrichtung sah er jetzt Räumlichkeiten, die eines kaiserlichen Herrschers würdig gewesen wären, und statt leerer Stühle hatte er vertraute Gesichter im Kerzenschein vor sich … die Bruderschaft, deren Gefährtinnen und Gefährten und die Kämpfer, alle vereint an der Seite der Ersten Familie. Und auch die ganzen Kleinen waren da, alle aßen und tranken und waren fröhlich und vergnügt.
Das Bild war klar umrissen, so schmerzhaft klar. Obwohl es dreißig Jahre her war und vieles sich verändert hatte, seit sie sich in diesem stattlichen Haus mit den Wasserspeiern oben auf dem Great Bear Mountain um diesen Tisch versammelt hatten, konnte er sich das Amalgam aus unzähligen ineinanderfließenden Letzten Mahlen lebhaft vorstellen, als befände er sich in einem Traum und nicht in einer Erinnerung, die ihn heimgesucht hatte.
Eine anhaltende Nostalgie machte sich als glühender Schmerz in seiner Brust bemerkbar. Sie alle hatten damals ihre Probleme gehabt, Schwierigkeiten im Leben, die von kleineren Unannehmlichkeiten über größere Sorgen bis hin zu purem Grauen reichten. Und dann war da auch schon der Krieg gewesen, immer dieser verfluchte Krieg.
Trotzdem schien damals manches einfacher gewesen zu sein …
Er hob die Hand, um sich den hämmernden Schädel zu reiben, bis ihm wieder einfiel, dass er ja in jeder Hand eine geladene Knarre hielt, noch dazu entsichert. Verdammt schlechter Zeitpunkt, um sich selbst aus lauter Dummheit die Rübe wegzupusten.
Und nicht nur, weil es diese schrecklich pompöse Tapete mit dem Blattgold ruiniert hätte.
In diesem Zusammenhang musste er an einen anderen Tisch denken – und diesmal entsprang er wirklich seiner Erinnerung, nicht einem posttraumatischen Gehirnkrampf, den er anscheinend nicht überwinden konnte: Dieser hier stand im gemütlichen Heim einer Familie, in einer offenen, recht durchschnittlichen Küche, mit Fenstern zu drei Seiten, durch die man auf den Garten und einen Teich blickte. Kein Butler und keine Bediensteten. Kein Sterlingsilber und kein Kristall. Keine bauschigen Rüschenvorhänge und keine schwer mit Kristall behangenen Kronleuchter.
Auch keine Brüder.
Nur seine engste Familie: Blay und die Eltern des Vampirs, Lyric und Rocke, mit den Zwillingen Lyric und Rhamp in ihren Hochstühlen. Das Letzte Mahl wurde serviert in nicht zueinander passenden Schüsseln, warmer Dampf stieg davon auf. Die Teller waren allerdings noch leer, weil man auf ein allerletztes Gericht wartete, das gerade aus dem Ofen geholt wurde. Derweil fiel draußen sachte der Schnee, und alles war in Rot und Grün weihnachtlich dekoriert, obwohl keine Menschen zum Haushalt gehörten.
Rocke sagte etwas über seine Shellan und sah in ihre Richtung. Und Qhuinn spähte ebenfalls sehnsüchtig hinüber zum Herd.
Die ältere Lyric stand davor, mit umgebundener Schürze, die Haare zu einem praktischen Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie schnitt gerade eine Lasagne in Stücke, ein Gericht, das sie eigens für Qhuinn zubereitet hatte. Die Leuchten über der Kücheninsel tauchten die Konturen ihres hübschen Gesichts in ein warmes, schmeichelhaftes Licht.
Sie wirkte gesund. Unversehrt. Ihr ganzes Leben lag noch vor ihr …
»Noch eine Minute bis zum Rückzug.«
Qhuinn wurde aus seinen Gedanken gerissen und wirbelte zum Türbogen herum. Rhage stand dort und füllte den breiten Durchlass komplett aus. Von dem Lutscher fehlte jede Spur. Jetzt war Showtime, deshalb hatte er auch in jeder Hand ein Schießeisen.
»Alles okay?«, fragte der Kerl trotzdem höflich.
Nein, war es nicht. Aber genau wie jeder andere auch wusste Hollywood das längst, und er kannte auch den Grund dafür. Nur manche Dinge wollte man nicht laut aussprechen.
Meine geliebte Schwiegermahmenstirbt, war nach wie vor nicht die Art von Statement, das man bereitwillig abgab. Und dasselbe galt für den unvermeidlichen Nachsatz: Und diese Tatsache bringt uns alle fast um.
Also wich er der Antwort aus. Wobei jetzt genauso wenig der richtige Zeitpunkt war, um sich über einen Kerl zu ärgern, der sich von Fluffernutter-Sandwiches, Chips und Eis ernährte und meinte, ihm reinwürgen zu müssen, dass er halbwegs die Regeln befolgte.
»Nur damit eins klar ist.« Er berührte den silbernen Ring in seiner Unterlippe, wobei er sich mit seiner Beretta fast ein Auge ausstach. »Ich bin immer noch ganz der Alte.«
Rhage gluckste amüsiert. »Du meinst ein knallharter Kerl?«
»Du sagst es.« Er räusperte sich. »Aber genug über mich gelabert. Wie konnte es nur so weit kommen?«
»War nicht meine Idee«, murmelte Hollywood. Dann rief er: »Keller und Garage – gesichert.«
Qhuinn legte nun ebenfalls Lautstärke in seine Stimme: »Erdgeschoss – gesichert.«
Vom Foyer her antwortete Z mit »Erster Stock – gesichert.«
Und auch Phury vermeldete: »Dachboden – gesichert.«
Es vibrierte in der Innentasche von Qhuinns Lederjacke, und als er die Textnachricht beantwortet hatte, setzte der Countdown ein. Exakt dreißig Sekunden später glitten Scheinwerfer über die Frontseite des Gebäudes hinweg, und die harten Strahlen durchdrangen einen Spalt in den schweren, zugezogenen Vorhängen wie ein Gegner, der eine Schwachstelle ausgemacht hatte.
»Bringen wir es hinter uns«, presste er verbissen hervor und eilte Richtung Foyer.
Er gesellte sich zu den anderen Brüdern, die sich unter einem kristallbehangenen Kronleuchter herumdrückten, rollte seine Schultern und ließ den Nacken krachen, indem er den Kopf langsam von einer Seite zur anderen neigte. Jeder von ihnen tauchte mit beiden Händen an die Holster, allerdings wurden keine Dolche gezückt. Die tödlichen schwarzen Klingen blieben, wo sie waren.
In dieser Situation war eine Pistole die bessere Wahl.
Und zwei Vierziger waren noch besser.
Tohr war derjenige, der die Tür öffnete, und die kalte Luft strömte ins Haus. Die dunkle Nacht lag hinter ihm wie eine tiefe Schlucht, aus der er sich mit Müh und Not herausgekämpft hatte. Vishous folgte dicht hinter ihm. Der Bruder mit dem Ziegenbärtchen wirkte entschlossen und kampfbereit, die Hände auf Brusthöhe vorgereckt, die beiden Glocks, die er darin festhielt, die perfekten Accessoires zu seiner schwarzen Ledermontur und seiner Miene, die deutlich sagte, dass mit ihm nicht zu spaßen war.
Und hinter ihm kam der Vampir der Stunde.
Wrath, der große Blinde König, der mit seiner stattlichen Statur alle überragte – oder zumindest erweckte es diesen Eindruck. Mit seiner Panoramasonnenbrille, die seine Augen verbarg, seinen grausamen, aristokratischen Gesichtszügen und den langen schwarzen Haaren, die von einem spitzen Haaransatz herabfielen, bestätigte er im Alleingang die teils schwachsinnige Vorstellung der Menschen von Vampiren. Er war das einzig Wahre, der letzte reinrassige Vertreter seiner Spezies, den es auf diesem Planeten noch gab, eine Naturgewalt, ein eiskalter Killer und ein unerschrockener und scharfsinniger Anführer.
Der in einer Nebenrolle die personifizierte Ungeduld mimte.
Kaum war er über die Schwelle getreten, folgten John Matthew und Xcor in seinem Windschatten und schlossen die Haustür mit einem donnernden Laut. Die beiden hatten ebenfalls jeweils zwei Knarren gezückt, und beide drängten sich mit den Rücken jetzt gegen das Holz. Es folgte ein Moment der Stille, als würden alle im Foyer sich eine kurze Verschnaufpause gönnen.
»Erleichterung« war das falsche Wort für das, was sie empfanden.
Nein, die Erleichterung würde sie erst ereilen, sobald sie wieder zurück im Audienzhaus wären. In Sicherheit, der König noch mit allen zehn Fingern und zehn Zehen am Leib.
Jedenfalls war diese Ruhe etwas, das nur einkehren konnte, wenn alle Vampire entschlossen waren, ihre Klappen zu halten – und dabei vor Anstrengung fast an den zurückgehaltenen Kommentaren erstickten.
Wraths Nasenflügel blähten sich, als er die Luft prüfte, und Qhuinn beugte sich zur Seite und suchte die blinden Ecken des Salons ab, durch den er eben gegangen war. Und dann sah er wieder zum Hauseingang, obwohl es keinen Grund gab, sich wegen dem, was da draußen vielleicht lauerte, Sorgen zu machen. Die Bande von Bastarden überwachte die Außengrenzen des Grundstücks, und sie brauchten nicht erst eine Einweisung, wie man einen möglichen Eindringling ausschaltete.
Trotzdem war ihm, als hätten sich seine Eier tief in seinen Eingeweiden verkrochen – und sich in Granaten verwandelt.
Andererseits, das letzte Mal, dass Wrath das Haus verlassen hatte, um irgendwo anders hinzugehen als zu Audienzen mit Zivilisten, waren drei Jahrzehnte pure Hölle gefolgt. Ganz ehrlich, es überraschte ihn, dass Beth dem Plan zugestimmt hatte. Aber das ging ihn nichts an – wobei er sich gut vorstellen konnte, wie das Gespräch verlaufen war.
Ihnen standen wunderbare Zeiten bevor. Joke.
Als Wrath schließlich vor sie alle hintrat und Tohr sich an seine Seite gesellte, schob Letzterer eine seiner Waffen ins Holster und legte dem König die linke Hand hinten an den Ellbogen, um ihn behutsam zu lenken. Die Brüder verteilten sich, und Qhuinn reihte sich unter ihnen ein. Sie waren wie ein lebendiger Organismus mit einem einzigen gemeinsamen Bewusstsein, einem einzigen Körper.
Keine Komponenten, nur ein Ganzes.
Es war eine uralte Tradition, denn als die Bruderschaft der Black Dagger hatten sie sich nicht nur dem Schutz ihrer Spezies verschrieben, sondern bildeten auch die private Leibgarde des Königs … bereit, ihr Leben zu geben im Dienst an dem Vampir, der über ihnen allen stand.
Heilige Scheiße, ging es Qhuinn durch den Kopf, während er mit den anderen voraneilte. Bitte mach, dass heute Nacht nichts schiefgeht.
Das Otto-Gebäude, Ecke Market Street und 16th Avenue
»Der Typ hat sie doch nicht alle. Schau ihn dir an. Sagt nichts, redet mit keinem. Er ist ein gottverdammter …«
»Halt’s Maul!« Bob Knolls, stolzes Mitglied der Arbeitergewerkschaft und Aufseher dieser Baustelle der Wabash Construction Company, funkelte den anderen über einen Thermosbecher voll heißer Schokolade hinweg finster an. »Achte ein wenig auf deine Ausdrucksweise, kapiert? Das ist total herablassend und beleidigend.«
»Oh, sorry, Herr Sprachpolizist.« Petey McCord, amtierender Arsch vom Dienst, giftete ihn von der anderen Seite des Picknicktischs an und brüllte beinahe, um den Lärm des Presslufthammers zu übertönen. »Wusste gar nicht, dass du ein solches Sensibelchen bist.«
Der eisige Winterwind, der vom Fluss herangejagt kam, drehte direkt am Pausenareal nach links ab, sodass der Maschendrahtzaun rasselte und die einzelnen Drahtelemente an ihren Verankerungen rüttelten. Das einzig Gute war, dass diese Störung Petey das Wort abschnitt. Eins aber war im vergangenen Monat allen klar geworden. Nämlich, dass der Wichser seinen Job bald los wäre.
Als das mit den dummen Kommentaren wieder losging, hob Bob abwehrend die Hand – und fragte sich, warum er nicht die Art von Polier war, der mit eisernem Hammer regierte. Oder mit eiserner Faust. Wie auch immer.
»Was kümmert er dich überhaupt, er scheint dich ja brennend zu interessieren, was, Petey? Stemple dich zur Schicht ein, arbeite deine Zeit ab, kassiere deinen Scheck und kümmere dich ansonsten um deinen eigenen Scheiß …«
»… Trottel da drüben, arbeitet die komplette Pause durch und lässt uns schlecht dastehen …«
Bob ballte die Faust und hieb sie auf den Tisch. »Lass Big D endlich in Ruhe!«
Die anderen rissen die Köpfe hoch, selbst die an den Nebentischen, und reihenweise hoben sich Was-geht-da-ab-Mienen von Lunchboxen und Thermobechern zu ihnen. Schwer zu sagen, ob sie wegen Peteys besonders boshaftem Gelästere glotzten oder weil ihr sonst so entspannter Vorarbeiter tatsächlich mal dagegenhielt.
Und währenddessen war im Hintergrund das anhaltende Klopfen des Presslufthammers zu hören.
Bob widmete sich wieder seiner heißen Schokolade, weil es das Einzige war, was ihn jetzt noch warmhalten konnte. Gottverdammt, er hasste es, draußen in der Kälte zu essen, und es war echt der blanke Hohn, dass das Arbeitsschutzgesetz vorsah, dass sie sich im Freien aufhielten, zum Wohl ihrer Lungen. Ja, klar, weil eine Lungenentzündung ja so viel besser war als der Kontakt mit ein paar lächerlichen Chemikalien hier und da. Zumindest aber war die arktische Luft besser als die Hitze im Sommer, wenn man gar nicht genug trinken konnte, um den Wasserverlust auszugleichen …
