Verlieben ist Chefsache - Sabine Richling - E-Book

Verlieben ist Chefsache E-Book

Sabine Richling

4,8

Beschreibung

Claudia ist wieder Single. Jetzt muss ihr nur noch klar werden, dass dies ihr Glück ist. Sie will eine angemessene Zeit um ihre Beziehung trauern. Doch beim ersten Zusammenstoß mit dem smarten Oliver wird sie ihren Prinzipien untreu: Denn dieser sexy Typ ist ein Leckerbissen. Als sie glaubt, ihr neues Glück gefunden zu haben, melden sich erste Zweifel. Plötzlich kommt ihr Chef Christian ins Spiel - attraktiv und faszinierend. Er versteht es, sie zu umwerben und in Versuchung zu führen. Neuauflage des amüsanten und heiteren Liebesromans "Gefühlschaos inklusive". Dieser Roman ist eine abgeschlossene Geschichte, unterhaltsam und fesselnd erzählt. Leserstimmen: Klara Korn sagt: "Wieder hatte ich Spaß beim Lesen eines der Bücher von Sabine Richling und konnte mich über die Tollpatschigkeit von Claudia amüsieren. Es fehlte nicht an Humor und Wortwitz." Monika meint: "Danke! Weiter so! Die Geschichte ist sehr unterhaltsam und fließend zu lesen. Die witzige Schreibweise entspricht voll meinem Geschmack." Biest23 schreibt dazu: "Tolles Buch! Ich habe das Buch in wenigen Stunden verschlungen, weil ich unbedingt wissen wollte, für welchen Mann sich Claudia entscheidet. Also ab aufs Sofa und dieses wirklich lustige und unterhaltsame Buch lesen." Über die Autorin: Sabine Richling schreibt moderne, humorvolle Liebesgeschichten, romantisch und witzig: "Ein Iglu für zwei", "Liebe braucht keine Hexerei", "Kein Sex mit einem Millionär", "Im Jenseits schmeckt die Liebe süßer". Und sie machte Ausflüge ins Fantasy-Genre mit den Fantasy-Liebesromanen "Dach der Hölle" und "Die Macht der schwarzen Perlen".

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Inhaltsverzeichnis

Das Ende ist immer ein neuer Anfang

Der Beginn meines neuen Lebens

Ich glaub mich laust der Affe

Rache ist honigsüß

Ertappt

Der Wochenend-Trip

Der Zufall ist ein Eichhörnchen

Ich muss dann mal weg

Ein Geheimnis ist ein Geheimnis

Die Fahrt ins Krankenhaus

Die Reue kommt ein wenig spät

Diebstahl mit Folgen

Ein Versprechen sollte man nicht brechen

Die Einladung

Eine gelungene Überraschung

Ich krieg ihn nicht mehr raus!

Gott, bin ich durch den Wind!

Nur die Sterne und ich?

Die Ernüchterung

Das Gefühlschaos ist perfekt

Ich denke darüber nach

Muss ich jetzt was sagen?

Arbeit geht vor Leidenschaft, oder umgekehrt?

Kündigung vor dem Abendessen?

Das hatte ich mir gleich gedacht − jedenfalls beinahe

Das Ende ist immer ein neuer Anfang

„Wir sollten uns trennen“, sagt Ullrich und sieht mich danach an, als wären es meine Worte gewesen. Hab ich gerade was von Trennung gehört? Ich habe den ganzen Tag schon so ein Pfeifen in den Ohren, daher bin ich mir nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe. Als ich jedoch genauer in Ullrichs Gesicht sehe, fällt mir diese steife Mimik auf. Würde er sich einen Scherz erlauben, sähe er sicher nicht so angespannt und spröde aus. Beinahe bröselig. Warum muss ich jetzt an das vertrocknete Brötchen denken, das ich heute Morgen in der Küche vergessen habe? Ich wollte es wegschmeißen. Ist das nun ein Wink mit dem Zaunpfahl von oben?

„Warum?“, frage ich. „Willst du alles hinschmeißen, einfach so?“

Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit diesem Satz. Wir sollten diese Szene wiederholen, damit ich besser vorbereitet bin. Ich komme also zur Tür herein und beginne mit den Worten: Hallo Schatz, da bin ich wieder! Den Rest können wir uns dann gerne schenken. Der passt nicht in meine Zukunftspläne.

„Selbstverständlich werde ich dir bei der Wohnungssuche helfen.“

Er meint es wirklich ernst!

Wie kommt er darauf, dass ich ausziehe? Ich wohne hier schließlich ebenfalls. Und daran wird sich auch nichts ändern! Da kann er sich auf den Kopf stellen!

„Du willst mich vor die Tür setzen?“

„Es ist besser so, glaube mir.“

Seine Stirnfalten bilden tiefe Furchen. Soll das ein nachdenklicher Blick sein? Er erstarrt in dieser Haltung und ich überlege einen Augenblick, ob Ullrich sich zu einem antiken Ölgemälde verwandelt hat, dessen Farben allerdings mit der Zeit verblasst sind. Am liebsten würde ich sofort einen Pinsel zücken und mit den Ausbesserungsarbeiten an ihm beginnen. Doch als ich nichts weiter auf seinen letzten Satz erwidere, bewegt er sich plötzlich wieder. Er zieht sich seinen Mantel über und verlässt die Wohnung. Deprimiert schaue ich ihm nach, als hätte ich gerade erfahren, dass ich den Rest meines Lebens kein Nutella mehr essen darf. Dabei muss ich nur ohne Ullrich auskommen. Das lässt sich sicher bewerkstelligen. Oder nicht? Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und lasse meinen Tränen freien Lauf.

Gerade noch bin ich freudestrahlend nach Hause gekommen und habe Ullrich von dem geplanten Wochenende mit dem Astronomie-Verein berichtet. Mitte April würden die Lyriden ihr Maximum erreichen. Rund zwanzig bis dreißig Meteore könnten dann pro Stunde aufleuchten. Auf keinen Fall darf ich mir das entgehen lassen. Das muss er doch verstehen.

Ullrich und ich wurden vor über zwei Jahren ein Paar. Also gut, wir galten nicht gerade als Traumpaar, aber das Gerede der anderen war mir schon immer egal. Ich war verliebt bis über beide Ohren und absolut sicher, dass Ullrich die Liebe meines Lebens sei. Und nun will er sich nach mehr als zwei Jahren von mir trennen. Einfach so. Bis vor Kurzem träumte ich noch von einer gemeinsamen Zukunft und einer Heirat ganz in Weiß.

Natürlich fochten wir den einen oder anderen Streit miteinander aus. Das kommt doch in den besten Familien vor. Ja gut, wir sind recht verschieden, stimmen in einigen Ansichten nicht ganz überein, möglicherweise auch gar nicht, aber unsere Interessen ... na ja, die sind wohl unvereinbar. Wir arbeiten daran.

Ullrich ist technischer Zeichner und in seiner Freizeit beschäftigt er sich gern mit Fußball und Billard. Nun bin ich die Sorte Frau, die Fußball eher als eine chronische Krankheit ansieht. Wenn er sich mit seinen Freunden bei uns trifft, um seine Mannschaft im Fernsehen anzufeuern, nehme ich Reißaus und beschäftige mich mit meinem eigenen Hobby: der Astronomie. Ich bin Mitglied in einem kleinen Verein, der sich zu regelmäßigen Exkursionen ins Umland verabredet und mit Vereinsteleskopen oder eigenen Fernrohren ein gemeinschaftliches Sternen-Seeing veranstaltet. Darin gehe ich voll auf. Ich liebe es, mir die Nacht mit dem Sternenhimmel um die Ohren zu schlagen und den Jupiter, den Mars oder den beringten Saturn mit dem Okular meines Teleskops einzufangen, genieße den Anblick des mit Kratern übersäten Mondes oder das Beobachten des Orionnebels. Ja, das ist meine Welt. Leider nicht Ullrichs. Mit dem Sternenhimmel kann er rein gar nichts anfangen. Zuerst versuchte ich noch inbrünstig, ihm das Himmelszelt nahezubringen, indem ich ihn während unserer abendlichen Spaziergänge verschiedene Sternenkonstellationen oder einzelne Sterne erklärte.

„Schau mal, da ist Sirius ... ganz im Süden, siehst du ... da hinten, sieh doch mal hin. Er ist der Hauptstern im Sternbild „Großer Hund“ und gleichzeitig der hellste Stern, der von der Erde aus beobachtet werden kann. Er ist nur 8,7 Lichtjahre von uns entfernt. Toll nicht? Und siehst du dieses Sternbild da? − Da ... das ist der Orion. So leicht rechts von Sirius, etwas höher, der mit den drei gleich hellen Gürtelsternen in der Mitte. Hast du’s entdeckt? Kannst du’s sehen?“

„Ja, ja, sehr interessant. Komm etwas schneller, mir ist kalt, ich möchte zurück.“

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich es endgültig aufgab. Es dauerte eine Weile, bis ich einsah, dass ihn die Himmelskunde nicht wirklich interessierte.

Trennt er sich etwa deshalb von mir?

Ich schlüpfe in meine Puschen, gehe ins Bad und beäuge argwöhnisch mein tränenverschmiertes Gesicht. Wie hässlich man mit einem verheulten Gesicht aussieht. Ich bin erst zweiunddreißig und fühle mich, als stünde ich kurz vor der Rente. Vielleicht bin ich ihm nicht mehr hübsch genug. Zwei Kilo habe ich zugelegt. Eines in jedem Jahr. Ich bin zu dick. Und meine Haare! Braune, strähnige Spaghetti bis zu den Hüften. Schon mein ganzes Leben trage ich meine Haare lang. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mir eine andere Frisur zuzulegen. Ich hätte mich auch von mir getrennt, wenn ich mit mir zusammen gewesen wäre. Ja, ich kann Ullrich sogar verstehen.

Erneut kullern ein paar Tränen hinab. Aber abgesehen von der kleinen Tatsache, dass ich um den Kopf herum immer gleich aussehe, bin ich doch recht ansehnlich. Na ja, die Männer liegen mir nicht unbedingt reihenweise zu Füßen, aber den einen oder anderen bewundernden Blick schnappe ich mitunter im Vorbeigehen auf.

Ullrich mochte es nicht, wenn andere Männer mit mir flirteten. Nicht, weil er eifersüchtig gewesen wäre. Er sah nur immerzu in mir eine drohende Konkurrenz. Er glaubte, neben mir seinen Glanz zu verlieren.

Nicht, dass er mir das so direkt gesagt hätte, aber als Frau spürt man solche Dinge. Wir Frauen haben dieses gewisse Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen, den sechsten Sinn. All diese guten Eigenschaften, die den meisten Männern fehlen.

Somit entging mir nicht, dass er immer diesen übersteigerten Drang hatte, in allem besser zu sein als ich. Anfänglich bemerkte ich es nicht. Wenn ich ihn mit einem üppigen 3-Gänge-Menü verwöhnte, einfach nur, um ihm eine Freude zu bereiten, kredenzte er mir am nächsten Tag ein 4-Gänge-Menü, das meines in Aufwand und Umfang bei Weitem übertraf.

Ich müsste lange überlegen, bis mir ein Kompliment einfallen würde, das mir Ullrich ohne vorherige Androhung der Todesstrafe freiwillig gemacht hätte. Daher liebe ich diese bewundernden Blicke anderer Männer. Sie sind eine Art Ersatz für den fehlenden Zuspruch.

Wenn wir irgendwo gemeinsam auftauchten, übertrug sich nach einiger Zeit die Aufmerksamkeit der Anwesenden unvermeidlich auf mich. Denn Ullrich saß wie eine Schlaftablette neben mir und übergab mir gleichgültig das Wort, was zur Folge hatte, dass ihn am Ende kein Mensch mehr bemerkte. Meist neigte er dann zu übertriebenen Gähnattacken und trommelte ununterbrochen mit den Fingern auf dem Tisch herum. Da seine bockigen Gesten zusehends meine Nerven strapazierten, gab ich, früher als mir lieb war, das Signal zum Aufbruch. Er konnte einem alles vermiesen. Wieso hab ich mich eigentlich nicht vom ihm getrennt? Das hätte ich wenigstens verstehen können.

Ich arbeite in einem Versicherungsunternehmen als Chef-Assistentin. Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, wurde mir in meiner Firma dieser Posten angeboten. Ullrich war mit einer Sachbearbeiterin als Freundin zufrieden. Er gehört zu dieser Gattung Mann, die mit der Emanzipation der Frau nicht viel anfangen kann. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich meinen Beruf an den Nagel gehängt und wäre seine ganz persönliche, billige Haushälterin geworden. Stattdessen wurde ich zur Chefsekretärin ernannt. Stolz erzählte ich Ullrich von meinem kaum zu fassenden Glück. Seine Antwort kam zögerlich und unwirsch.

„Schön. Aber du warst doch mit deinem Sachbearbeiterposten zufrieden. Muss das denn sein?“

„Stell dir vor, ich werde bald viel mehr Geld verdienen als bisher. Ich muss natürlich mehr arbeiten, das ist schon klar, allerdings ist es eine große Chance für mich. Ist das nicht großartig?“

„Ja, prima.“

Ich glaube, seine Freude war damals etwas verhalten. Bin mir nicht sicher, ob es ihm möglicherweise nicht so gefiel, dass mein Gehalt seines mit einem Mal überstieg. Wie gesagt, mit Erfolgsfrauen hat er wenig am Hut, obwohl ich mich beileibe nicht als solche ansehe. Schließlich gehörte für mich damals auch eine Menge Glück dazu, befördert zu werden.

Mein Weg mit Ullrich füllte mich im Grunde nie wirklich aus, aber ich ging ihn weiter, ohne etwas zu ändern. So bin ich nun mal. Ich kann nicht eben so aus meinem gewohnten Leben springen und nach einem neuen greifen. Ich liebe Altbewährtes. Somit hielt ich auch verbissen an dieser Beziehung fest. Und das hätte ich noch bis ans Ende aller Tage getan, wenn er mir nicht mit seiner Trennungsabsicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

Es ist Samstag und nicht mal siebzehn Uhr. Mit viel Glück erreiche ich Sandra zu Hause. Ich muss unbedingt mit jemandem sprechen.

Sandra ist meine beste Freundin und am Wochenende so gut wie nie in ihrer Wohnung anzutreffen. Entweder, weil sie zum Wochenenddienst eingeteilt ist (Sandra jobbt als Serviererin) oder weil ihr Terminkalender zu platzen droht. Ich entscheide mich, gleich die Nummer ihres Handys zu wählen. So erhöht sich meine Chance, sie zu erwischen. Die Mailbox schaltet sich ein. Wo steckt sie denn nur wieder?

„Hier ist Claudia. Bitte melde dich bei mir, so schnell du kannst!“

Ich hoffe, dass meine Nachricht dramatisch genug klingt. Schließlich geht es hier um Leben und Tod.

Zehn Minuten später klingelt mein Telefon. Sandra lässt die Floskeln der Begrüßung gleich weg und kommt sofort zum Wesentlichen.

„Mensch, Claudi, es ist doch hoffentlich nichts passiert!“

„Ullrich will sich von mir trennen“, schluchze ich in den Hörer hinein.

Sandra lacht und fängt sich nur mühsam ein. Wie kann sie in dieser Situation lachen? Das ist nicht nett.

„Oh, wie bedauerlich.“ Sie macht eine kurze Pause. „Nein, wohl eher nicht.“

Sagenhaft dieses Feingefühl. Hätte ich diesen Formfehler eher an ihr entdeckt, hätte ich sie nicht zu meiner besten Freundin erklärt.

„Mir ist nicht nach Scherzen zumute. Er will mich aus der Wohnung haben. Unsere gemeinsame Wohnung, die ich in mühevoller Kleinarbeit eingerichtet habe.“

„Hör zu, ich will nicht lange um den heißen Brei reden“, sagt sie und ich bekomme das Gefühl, dass mir ihre folgenden Worte nicht gefallen werden: „Ich finde, eine Trennung war längst überfällig. Ihr seid viel zu verschieden.“

„Nun übertreib mal nicht“, verteidige ich mich, lenke jedoch sogleich wieder ein: „Na ja, womöglich ein wenig.“ Ich kann förmlich Sandras zustimmendes Nicken durchs Telefon spüren. „Also schön, wir sind verschieden“, gestehe ich grimmig, „aber deswegen muss er sich doch nicht gleich von mir trennen!“

„Pack ein paar Sachen zusammen und komm zu mir. Wir werden später eine neue Bleibe für dich finden.“

„Aber ich will keine neue Wohnung, sondern diese hier, und zwar mit Ullrich – gemeinsam“, wimmere ich.

„Ja, sicher willst du das. Doch glaube mir, wenn du erst mal erkannt hast, dass Ullrich ein Fehler war, willst du genau das Gegenteil. So, und jetzt kommst du auf direktem Wege zu mir, klar?“

Sandra kann so überzeugend wirken. Nach unserem Telefonat suche ich mir eine Tasche und packe ein paar Utensilien ein, die für eine Frau unerlässlich sind. Obenauf stopfe ich ein paar Klamotten und gehe zur Tür. Als ich zum Schlüssel greife, blinkt mein Ring am Finger auf. Ullrich hat ihn mir vor zwei Monaten zum Geburtstag geschenkt. Ein wunderschöner Goldring mit einem kleinen Diamanten. Leider passt er nicht an meinen Ringfinger, daher stecke ich ihn mir immer an den Mittelfinger. Diese Tatsache hätte mich eigentlich bereits damals Verdacht schöpfen lassen müssen. Wenn der Ring nicht passt, kann der Mann auch nicht der Passende sein. Das ist doch logisch. Ich sehe mich noch einmal in der Wohnung um. Von jetzt an beginnt mein neues Leben. Ich werde mich wieder verlieben und diesen brandneuen Entschluss erkläre ich zur Chefsache! Optimistisch lege ich den Ring auf der Anrichte ab und gehe.

Der Beginn meines neuen Lebens

„Was machen wir zwei Hübschen denn heute Abend?“, fragt mich Sandra allen Ernstes, als wir zusammen auf ihrer Couch sitzen. „Ich würde vorschlagen, wir lassen heute so richtig die Puppen tanzen.“

Die wird sie wohl ohne mich tanzen lassen müssen.

„Ehrlich gesagt ist mir da überhaupt nicht nach.“

„Nix da! Heute wird kein Trübsal geblasen. Du kommst mit! Ich werde dafür sorgen, dass du Ullrich schnell vergisst.“

Ich hätte lieber bei meinen Eltern Unterschlupf suchen sollen. Sandra könnte sich als anstrengend erweisen. Ich rolle mich auf der Couch zusammen und ziehe mir die Decke über den Kopf, in die ich mich zuvor eingemummelt habe.

„Ich bin heute keine Stimmungskanone“, bemerke ich, in Selbstmitleid ertrinkend.

„Vermutlich erkennst du es jetzt noch nicht. Aber du bist ohne Ullrich besser dran.“

Sandra greift zum Telefon und verabredet sich mit ein paar Freunden. Sie wollen sich im „Conrad“ treffen, einer Szene-Kneipe in Berlin, die am Wochenende immer gut besucht ist. Als sie die Wohnung verlässt, überfällt mich eine bedrückende Einsamkeit. Ich hätte sie begleiten sollen. Ein wenig Ablenkung täte mir gut, denn ich kann an nichts anderes denken als an Ullrich. Das ist schlimmer als Folter. Die wäre mir unter den gegebenen Umständen fast lieber. Ich greife zur Fernbedienung und schalte ein paar Mal hintereinander alle Fernsehprogramme durch. So ist es mir natürlich kaum möglich zu erfassen, was da gerade ausgestrahlt wird. Trotzdem bin ich mir danach absolut sicher, dass es nichts im Fernsehen gibt. Ich erhebe mich vom Sofa und laufe im Zimmer auf und ab. Diese quälenden Gedanken an Ullrich lassen mich nicht los.

Ich erwäge, ihn anzurufen, verwerfe diesen Gedanken aber im selben Augenblick wieder. Schließlich soll er nicht denken, dass ich ihm hinterherlaufe. Obwohl ich zugeben muss, dass ich beinahe bereit wäre, meinen Stolz über Bord zu werfen. Aber nur beinahe. Also nehme ich mir von nun an fest vor, nicht mehr an ihn zu denken. In der Küche schenke ich mir ein Glas Wein ein und kehre mit einem Buch zurück zum Sofa. Die ersten Seiten lese ich immer nur den Namen „Ullrich“. Die nächsten Seiten lese ich schon das Wort „Trennung“. Bis ich auf Seite fünfzig (oder ist es Seite sechzig?) erneut bei Ullrich anfange. Ich muss raus hier, sonst werde ich noch verrückt. Entschlossen klappe ich das Buch zu, ziehe mir eine Jacke über und mache mich auf den Weg ins „Conrad“.

Sandra umarmt mich hocherfreut und drückt mich mit einer Intensität an ihre Brust, als hätten wir uns seit Wochen nicht gesehen. Natürlich hat sie bereits zwei junge Männer an der Angel, dessen dümmliche Blicke mir jetzt schon gehörig auf die Nerven fallen.

„Oh Sandra, bitte verschone mich. Mir ist nicht danach, mich mit zwei Volltrotteln zu unterhalten.“

Leider reagiert Sandra nicht auf meinen Einwand und begibt sich zu ihnen an die Bar. Ihr Lachen dringt zu mir durch. Sie gibt mir aufgeregte Zeichen und wedelt fieberhaft mit ihren Händen herum. Entnervt mache ich mich auf den Weg zu ihnen. Dann fällt mir plötzlich ein, dass ich meine Handtasche im Auto liegen gelassen habe. Erschrocken drehe ich mich etwas zu stürmisch herum. Ein junger Mann, der sich gerade mit einem Getränk in der Hand von einem der Barhocker erhebt, stößt mit mir zusammen. Dabei ergießt sich der kostbare Inhalt seines Glases über sein Oberhemd. Der Fleck ergibt ein durchaus freundliches Muster auf seinem sonst so farblosen Hemd. Unglücklicherweise verliere ich auch noch die Balance. Um nicht nach hinten zu kippen, halte ich mich an seinem Arm fest und mache einen Schritt nach vorn. Mit meinem Absatz bohre ich mich tief in seinen Schuh und vernehme im gleichen Augenblick einen im Hals stecken gebliebenen Aufschrei. Auch er verliert nun seinen Halt und greift nach dem Barhocker, denn mein gesamtes Gewicht drückt gegen ihn. Doch der Barhocker kann uns nicht halten und wir fallen mit ihm gemeinsam zu Boden. Ich liege verstört auf einem Mann, dessen Hemd mit teurem Whiskey benetzt ist und der in seiner linken Hand immer noch das leere Glas hält. Erstaunlich. Einige Sekunden bin ich wie betäubt und bewege mich keinen Millimeter. Meine Ohren beginnen zu glühen und mein Gesicht nimmt die Farbe einer reifen Rispentomate an. Mal wieder hoffe ich, zu Stein zu erstarren. Unsere Nasen berühren sich und ich vernehme den angenehmen Duft seines Rasierwassers. Seine Augen leuchten so blau wie ein Martinshorn. Eventuell reißt er sie aber auch nur so weit auf, weil mein Gewicht ziemlich einseitig auf ihm lastet. Da bin ich mir jetzt nicht sicher. Auf einmal bewegen sich seine Lippen und er spricht zu mir: „Magst du dich nicht mal von mir erheben?“

„Es tut mir wirklich leid. Ehrlich“, ist meine Antwort.

Ich liege immer noch auf ihm.

„Also schön, dann haben wir das schon mal geklärt, aber findest du nicht auch, dass wir beide hier ’ne komische Figur abgeben?“

„Oh, natürlich, entschuldige.“

Wir erheben uns und mir fällt auf, dass das gesamte Lokal seine Aufmerksamkeit in unsere Richtung verlagert hat. Ich wäre gern auf der Stelle tot umgefallen, doch das muss ich wohl auf ein andermal verschieben. Auf Kommando klappt das mit dem Sterben schlecht. Wir stehen uns gegenüber und ich sehe wie gelähmt zu ihm hinauf. Er trägt sein dunkles Haar so kurz, dass ein Kamm wohl nicht mehr nötig ist und sein Zahnpastalächeln trifft mich mitten ins Herz.

„Du siehst etwas mitgenommen aus“, sagt er zu mir und wischt sich die Kleidung sauber. „Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, alles bestens.“

Glaube ich. Könnte aber sein, dass ich mich irre. Nur solch schwere Fragen lassen sich im Augenblick nicht zweifelsfrei beantworten. Vermutlich sollte er mir diese Frage später noch einmal stellen. Jetzt könnte ich erst mal einen Drink gebrauchen. Ich räuspere mich.

„Du hast dir hoffentlich auch nichts getan“, bemerke ich mit belegter Stimme.

„Ich bin zäh, keine Angst.“

„Na fein, dann könntest du mich jetzt doch zu einem Glas Wein einladen.“ Was habe ich da gerade gesagt? Um Gottes willen, wie bin ich denn drauf? Er schmunzelt und fragt mich, ob ich denn öfter im „Conrad“ anzutreffen sei.

„Eigentlich selten, und du?“

„Ich bin heute das erste Mal hier. Mit einer Freundin. Sie wartet dort drüben an dem Tisch hinter dem Pfeiler auf mich.“

Eine Freundin! Hinterm Pfeiler. Verstehe.

„Ach so, dann will ich dich natürlich nicht länger aufhalten. Also, ich bitte vielmals um Entschuldigung. Es war meine Schuld. Tut mir echt leid.“ Ja, ist ja gut, Claudia, nun hast du dich wirklich genug entschuldigt. Der Kerl hat eine Freundin und du keinen Freund. Er müsste sich bei dir entschuldigen. Halt also deine Klappe!

„Vielleicht sehen wir uns hier mal wieder, wäre schön“, sagt er mit einem Cowboylächeln und steuert auf seinen Pfeiler zu. Na schön, ich hab sowieso anderes zu tun, als mir um diesen Typen und seine Freundin Gedanken zu machen. Ich bin schließlich schwer damit beschäftigt, um Ullrich zu trauern. Plötzlich taucht Sandra wie aus dem Nichts auf und nimmt mich beiseite.

„Interessante Masche, einen Mann anzusprechen. Du hast Fantasie, das muss ich dir lassen.“

Was redet Sandra da? Ich muss mich erst mal sammeln. Amors Pfeil hat mich gerade getroffen. Aber dieser Mann hat eine Freundin. Amor muss einen Fehler gemacht haben.

„Hast du wenigstens seine Nummer oder war diese ganze Vorstellung jetzt umsonst?“

„Was? Nein, er hat eine Freundin. Keine Chance. Außerdem habe ich noch an der Trennung zu knabbern. Ich kann mich jetzt nicht in ein neues Abenteuer stürzen.“

„Aber sicher kannst du das. Schau mal, du darfst dir dein Abenteuer auch aussuchen.“ Sie zeigt schamlos auf die beiden Herren an der Bar, die ihr ins Netz gegangen sind und uns gut gelaunt zuprosten.

„Du und deine Kuppelversuche. Such lieber selbst nach dem Richtigen.“

Sie packt mich am Ärmel und schleift mich ans andere Ende der Bar. Doch ich wehre sie ab und mache ihr klar, dass ich zuvor meine Handtasche aus dem Wagen holen muss, die ich am liebsten als Ausrede benutzt hätte, mich gänzlich aus dem Staub zu machen.

Der Abend dauert lang, aber immerhin verfliegen meine düsteren Gedanken an Ullrich. Denn ich bin immerzu damit beschäftigt, einen Blick zu erhaschen zum Tisch hinterm Pfeiler. Seine Freundin ist klein und hager. Sie sieht aus wie eine Maus. Eine tiefgraue. Total unscheinbar! Was findet er nur an ihr? Sandra stößt mir mit ihrem Ellenbogen in die Seite.

„Hey, hier spielt die Musik.“

Ja, das weiß ich. Aber die Musik hier ist absolut öde. Hinterm Pfeiler spielen sich viel interessantere Dinge ab. Kann Sandra mich nicht in Ruhe meine Detektivarbeit machen lassen? Nun stehen der Typ und sein „Fehlgriff“ auf. Er hilft ihr in die Jacke. Ich möchte jetzt gern diese graue Maus sein. Verträumt schaue ich in ihre Richtung. Unerwartet dreht er sich noch einmal um und sieht lächelnd in meine Richtung. Fein, und nun komm wieder her gib mir deine Telefonnummer oder wenigstens deinen Namen, irgendetwas. Mein Gott, er kann doch nicht einfach so gehen! Er geht. Schlagartig vergeht mir die Lust und ich will auch aufbrechen. Ich rutsche vom Hocker herunter und greife nach meiner Jacke.

„Hör mal, Sandra, ich möchte gerne gehen.“

„Was, jetzt schon? Kommt nicht infrage, du bleibst!“

Sie zerrt mich am Arm zurück und hält mich fest.

„Du brauchst noch ein paar Gläser Wein, um etwas lockerer zu werden.“

Sie winkt den Barkeeper heran und gibt die Bestellung auf.

Am nächsten Morgen habe ich einen Kopf, der sich anfühlt, als wäre ich von einer Dampfwalze überrollt worden. Ich suche die ganze Wohnung nach Sandra ab, aber sie ist nicht da. Auf dem Küchentisch finde ich einen Zettel neben zwei Aspirintabletten liegen.

Guten Morgen, du Schnapsleiche. Du hast gestern Abend schmutzige Lieder gesungen. Stefan war begeistert von dir. Falls du mich vermissen solltest, ich bin bei Henry. Du weißt ja, wo alles steht. Gruß Sandra.

Bei Henry? Wer ist das? Und wer ist Stefan? Unglücklicherweise kann ich mich an nichts mehr erinnern. Hoffentlich bin ich nicht unangenehm aufgefallen. Ich fülle mir ein Glas mit etwas Wasser und löse die Aspirintabletten darin auf. Das war also der Beginn meines Singlelebens. Es kann nur besser werden.

Ich glaub mich laust der Affe

Am nächsten Morgen sitze ich im Büro, als wäre nichts gewesen. Im Grunde ist auch nichts gewesen, außer einer unruhigen Nacht, der Trennung von Ullrich und Dutzender Aspirintabletten, die meinen donnernden Kopfschmerz im Zaum halten sollten. Leider haben die Tabletten mir nur zu einer heftigen Übelkeit verholfen. Jetzt brüte ich über meiner Arbeit und bringe nichts Sinnvolles zustande. Herr Ruhland, mein Chef, ist an diesem Morgen auffallend lästig. Er schüttet mich mit Arbeit zu und stolziert alle Viertelstunde in mein Büro. Das macht es außerordentlich schwer, in Ruhe vor mich hinzusinnieren. Dieser Tag verspricht Überstunden, soviel ist klar.

Gegen neunzehn Uhr haben meine Kollegen längst den Feierabend eingeläutet. Nur Herr Ruhland und ich verweilen noch im Büro. Ich bin auch selbst schuld. Schließlich bin ich krank, äußerst liebeskrank. Ich habe mal gelesen, dass mit Liebeskummer nicht zu spaßen ist und dass man sich unbedingt eine kurze Auszeit gönnen sollte, wenn man sich in diesem schwermütigen Zustand befindet. Eine halbe Stunde später entschließe ich mich endlich zu dieser kleinen Auszeit und packe meine Sachen zusammen. Doch Herr Ruhland tritt in meinen Raum, als hätte er geahnt, dass ich aufbrechen möchte.

„Wollen Sie schon gehen, Frau Sander?“

Schon? Der hat wohl die Zeit aus den Augen verloren.

„Es ist fast halb acht“, bemerke ich leicht angepiekt. „Ich denke, ich habe meinen Feierabend verdient.“

„Ist denn der Petersen-Fall erledigt?“

„Ja, Herr Ruhland, der liegt längst auf Ihrem Tisch.“

„Und die Kahrmann-Akte?“

„Ebenfalls.“

„Gute Arbeit, Frau Sander. Dann machen Sie mal Feierabend. Ich brauche Sie jedoch morgen wieder früh im Büro. Hoffentlich können Sie das einrichten.“

Was bildet der sich eigentlich ein, so über meine Zeit zu verfügen?

„Haben Sie schon gegessen?“, fragt er mich plötzlich. „Hätten Sie Lust, mit mir beim Italiener um die Ecke zu speisen?“

Er sieht mich erwartungsvoll an und mir bleibt die Spucke weg.

Ich hab mich wohl verhört? Also gut, Herr Ruhland sieht nicht schlecht aus, ist eine gute Partie so um die vierzig, Single und hat Augen, in denen man versinken kann. Aber er ist mein Chef. Und damit ist ja wohl alles geklärt. Auf keinen Fall werde ich mit ihm essen gehen.

„Ich sehe, Sie sind etwas irritiert. Wenn ich Sie mit meiner Frage aus der Fassung gebracht habe, bedauere ich das außerordentlich. Ich betrachte dies als Geschäftsessen. Wir hätten das Nützliche mit dem Praktischen verbinden und beim Essen nochmals ein paar Akten durchsprechen können.“

„Vielen Dank für Ihr freundliches Angebot, aber ich habe heute Abend noch etwas vor“, antworte ich kühl. „Der Astro-Verein, dessen Mitglied ich bin, plant ein verlängertes Wochenende in den Bergen. Wir treffen uns heute zur Besprechung wichtiger Details.“

„Ich sehe ein, dass dies nicht verschoben werden kann. Dann vielleicht ein andermal.“

„Ja, vielen Dank, sehr gerne.“

Schnell greife ich nach meiner Tasche und will mich verabschieden, doch mit dem Ärmel bleibe ich am Köcher hängen, der randvoll mit Büroklammern ist. Er fällt polternd zu Boden und sein gesamter Inhalt verteilt sich in alle Richtungen. Eine Büroklammer verirrt sich auf Herrn Ruhlands Schuh. Eine zweite platziert sich daneben. Meine Ohren brennen wie Feuer.

„Oh, wie ungeschickt“, sage ich und verstumme sogleich wieder. Dann betrachte ich das Durcheinander. Herr Ruhland lächelt nachsichtig und ich möchte nicht wissen, was er gerade von mir denkt. Wahrscheinlich das Gleiche wie ich. Ich bin ein Tollpatsch, wie er im Buche steht. Aber dieses Buch möchte ich lieber nicht lesen. Da könnten alle meine Charakterschwächen aufgelistet sein und davon habe ich leider viel zu viele. Ich stelle meine Tasche zurück auf den Tisch und will mich tatkräftig ans Werk machen. Unglücklicherweise hat Herr Ruhland dieselbe Idee. Wir bücken uns gleichzeitig und stoßen mit unseren Köpfen zusammen. Ich schreie leise auf und sacke in mich zusammen. Das hat gesessen!

„Um Himmels willen, ist Ihnen was geschehen?“, fragt er besorgt und greift sich ebenfalls an die Schläfe. Der Aufprall dürfte für ihn nicht minder schmerzhaft gewesen sein.

„Nein, nein, es geht schon wieder.“ Nur mein Kopfschmerz meldet sich gerade zurück. Ich glaube, eine neue Packung Aspirin könnte jetzt recht nützlich sein. Er kniet vor mir und untersucht meinen Kopf. Wie seltsam, so nah bin ich Herrn Ruhland noch nie gewesen. Dabei fühlt es sich ganz angenehm an.

„Sie haben Glück, ich kann keine Platzwunde entdecken“, stellt er fest und rührt dabei mit seinem Finger in meinem Haar herum. Warum kribbelt es nun in meinem Bauch? Stumm nehme ich seine Berührungen zur Kenntnis und überlege, weshalb ich meinen Chef nie wahrgenommen habe. Ich meine als Mann. Gemeinsam sammeln wir die Büroklammern vom Boden auf.

„Jetzt gehen Sie aber schnell, bevor wir noch größeren Schaden nehmen“, bemerkt er schmunzelnd und stellt den gefüllten Köcher wieder auf meinen Tisch.

„Ich hoffe, ich habe Ihnen keine Umstände gemacht. Mir passieren ständig solche dummen Sachen. Das ist mir wirklich unangenehm“, gebe ich zu und reibe mir über meine anwachsende Beule am Schädel.

„Machen Sie sich mal keine Gedanken“, antwortet er bloß und geht aus dem Zimmer.

Ich fahre auf direktem Wege zu den Vereinsräumen. Im Auto denke ich ununterbrochen an dieses verrückte Geschehen mit Herrn Ruhland. Bilde ich mir das ein oder war da was? Es fühlte sich so an, als wäre zwischen uns Strom geflossen. Ich muss diesen Vorfall unbedingt vergessen. Er wühlt mich viel zu sehr auf. Das kann ich in meinem desolaten Zustand nicht gebrauchen. Die Fahrt führt mich durch eine belebte Einkaufsstraße. Es ist dunkel, aber die Straße wird durch die vielen Straßenlaternen und Neonlichter hell erleuchtet. Gedankenverloren schaue ich auf die Menschenmassen und überraschend entdecke ich unter all den Gesichtern Ullrichs Visage. Erschrocken drossle ich die Geschwindigkeit. An seiner Seite erspähe ich eine junge dunkelhaarige Frau, mit der er eng umschlungen an den Geschäften vorbeibummelt. Mein Fuß geht vom Gas und wechselt brutal auf die Bremse. Die Reifen opfern Profil und zeichnen zwei dunkle Streifen auf den Straßenbelag. Der Fahrer des Wagens hinter mir kommt gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Wütend gestikuliert er mir zu, während er mich überholt. Hinter mir reihen sich die Fahrzeuge zu einer Wagenkolonne auf. Meine Hände krallen sich so fest um das Lenkrad, dass meine Sehnen fast herausspringen. Ohnmächtig vor Schmerz schaue ich in Ullrichs Richtung. Dieser verdammte Mistkerl! Er betrügt mich! Darum wollte er die Trennung. Um sich mit dieser Schlampe in Ruhe vergnügen zu können. Ich dreh der Tussi den Hals um!

Sie biegen um die Ecke und verschwinden aus meinem Gesichtsfeld. Hinter mir höre ich ein lautes Hupkonzert. Ach, haltet doch eure Klappe! Ich muss schnell irgendwohin. Bloß weg von hier! Ich lege den ersten Gang ein und fahre weiter.

Sandra schlägt die Hände über ihrem Kopf zusammen und lacht, als ich ihr von meinem Kummer berichte.

„Das ist überhaupt nicht komisch. Weißt du eigentlich, wie sehr mich das kränkt, Ullrich mit einer anderen Frau zu sehen?“, greife ich Sandra schluchzend an.

Sandra rutscht auf dem Sofa zu mir heran und nimmt mich in den Arm.

„Ich hätte nur niemals gedacht, dass dieser Langweiler noch mal eine abkriegt. Man sollte diese Frau vor ihm warnen.“

Ich schnaube laut trompetend in ein Taschentuch. Um mich herum türmen sich die weißen Papierknäuel.

„Ich fühle mich hintergangen und betrogen. Das ist alles so gemein“, quake ich verheult. „Ich hasse ihn und wünsche ihm die Pest an den Hals.“

„So ist es fein, lass deinen ganzen Frust mal raus. Jetzt wird dir hoffentlich klar, was für ein Kuckucksei da in deinem Nest lag.“

„Ja, zum Kuckuck mit ihm!“

Mit einem unguten Gefühl sitze ich am nächsten Morgen brav um acht Uhr im Büro. Herr Ruhland ist noch nicht da, aber ich erwarte ihn jeden Augenblick. Meine Konzentration lässt mal wieder zu wünschen übrig, denn meine Gedanken schweifen ständig ab. Schwungvoll wird meine Bürotür aufgestoßen und Herr Ruhland kommt gut gelaunt zu mir an den Schreibtisch.

„Guten Morgen, Frau Sander. Was macht Ihr Kopf?“

Der dröhnt ununterbrochen vor sich hin.

„Danke, alles okay“, antworte ich knapp.

„Und wie verlief Ihre kleine Reisebesprechung? Haben Sie alles organisiert?“

Das habe ich ja vollkommen vergessen! Nachdem ich Ullrich in der Einkaufsstraße mit dieser anderen Frau zusammen gesehen habe, bin auf der Stelle nach Hause gefahren, um mich bei Sandra auszuweinen.

„Frau Sander? Sind Sie noch auf der Erde?“

Ich zucke zusammen.

„Was haben Sie gerade gefragt?“

Verwundert kneift er seine Augen zusammen.

„Sie hatten diese Nacht wohl zu wenig Schlaf“, stellt er richtig fest.

„Ja, etwas. Aber das geht schon.“

Natürlich geht es nicht, doch das muss ich ihm ja nicht auf die Nase binden. Offenbar durchschaut er mich auch so viel zu gut.

„Schön. Ich wollte Sie nämlich darum bitten, mir heute Abend beim Essen Gesellschaft zu leisten. Lässt es Ihr Terminkalender zu?“

Die Spitze meines Bleistifts, die ich so krampfhaft auf den Notizblock drücke, bricht plötzlich ab. Wie in Trance greife ich nach dem Anspitzer und drehe den Bleistift langsam herum, während ich Herrn Ruhland in die Augen blicke.