Beschreibung

Weihnachtszeit in London: Funkelnde Lichter, tanzende Schneeflocken und köstliche Düfte – für viele ist es die schönste Zeit des Jahres. Für Nettie Watson aber ist es die schmerzliche Erinnerung an das glückliche Leben, das sie einmal hatte. Ablenkung verspricht ihr Job bei einer Charity-Veranstaltung. Doch der Abend endet peinlich: Mit einer Panne zieht Nettie alle Blicke auf sich und landet sogar im Internet. Und plötzlich steht ihr Leben kopf – selbst der Popstar Jamie Westlake wird auf sie aufmerksam. Nettie blockt jede Annäherung ab, zu groß ist ihre Angst vor Nähe – doch sie hat ihre Rechnung ohne die Liebe gemacht ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 691


Buch

Das Beste an Nettie Watsons Job in einer Agentur, die Charity-Aktionen für Unternehmen organisiert, ist ihre Kollegin und Freundin Jules. Ansonsten macht sich Nettie nicht allzu viel aus ihrer Arbeit – doch das trifft eigentlich auf ihr ganzes Leben zu. Typisch, dass sie bei einer Spendensammelaktion dazu verdonnert wird, sich als blaues Kaninchen zu verkleiden – als Blue Bunny soll sie bei den Zuschauern des spektakulären Eiskanalrennens Spenden eintreiben. Doch dazu kommt es nicht, denn Nettie rutscht an der Startrampe aus und schlittert mit flatternden Ohren und wedelnden Pfoten die steile Piste hinunter, wobei nur das gepolsterte Hasenkostüm sie vor Schlimmerem bewahrt.

Doch sie zieht nicht nur alle Zuschauerblicke auf sich – das Video von Netties unfreiwilligem Stunt landet sogar im Internet. Und plötzlich steht ihr Leben kopf – selbst Sänger und Superstar Jamie Westlake wird auf sie aufmerksam. Nettie blockt jede Annäherung ab, zu groß ist ihre Verletzung und ihre Angst vor Nähe – dumm nur, wenn das Schicksal dazwischenfunkt …

Weitere Informationen zu Karen Swan

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

KAREN SWAN

Winter-

glücksmomente

Roman

Übersetzt

von Gertrud Wittich

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

»Christmas on Primrose Hill« bei Pan Books, an imprint of

Pan Macmillan, a division of Macmillan Publishers Limited,

London, Basingstoke and Oxford.

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung November 2016

Copyright © 2015 by Karen Swan

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,

unter Verwendung der Originalgestaltung

Umschlagbild: © Ben Queenborough/Alamy;

girl © Steve Glass/Getty Images

LT · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN 978-3-641-19876-3V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Vic und Lynne,

die, genau wie ich,

eine schöne Tasse Tee zu schätzen wissen.

Prolog

November, drei Jahre zuvor

Der Zettel lag auf dem Tisch, die Sonne fiel darauf, Staubflocken tanzten in der Stille. Die Teetasse war halb ausgetrunken, es hatte sich eine Haut gebildet, knapp darüber zeichnete sich ein brauner Rand auf dem Porzellan ab. Der Stuhl stand schief, war halb herausgezogen, so als wäre er hastig geräumt worden. Die Zeitung war unberührt. Über einer Schale mit überreifem Obst schwirrten winzige Fruchtfliegen.

Sie stand wie angewurzelt im Türrahmen und betrachtete die Szene, als wäre es ein Stillleben von einem holländischen Meister – so behielt sie es später jedenfalls in Erinnerung.

Irgendwann, kurz darauf, kam Leben in sie, fand sie die Kraft, die Beobachterrolle abzuschütteln und zum Akteur zu werden, auf dieser Bühne, vor dieser Kulisse, deren stumme Botschaft sie instinktiv erfasste. Ihre Beine setzten sich in Bewegung, ihre Augen taten ihre Pflicht und lasen, was auf dem Zettel stand.

So hatte alles angefangen.

1. Kapitel

Dezember, heute

Ich bin ein Riesenkaninchen! Ein blaues Plüsch-Riesenkaninchen!«, stöhnte Nettie. Ihre Stimme kam gedämpft unter dem übergroßen Kaninchenschädel hervor. Als ob das nicht genug wäre, hing ihr ein Riesenohr hartnäckig ins Gesicht, sodass ihr ohnehin schon eingeschränktes Sehfeld noch mehr beeinträchtigt wurde.

»Dafür hast du aber einen richtig süßen Arsch«, feixte Jules und schnipste Netties buschigen weißen Bommelschwanz an.

»Echt?« Nettie verrenkte sich fast den Hals, um im Spiegel einen Blick auf ihre Kehrseite zu erhaschen, aber das verflixte Ohr war im Weg.

»Oh ja!«, grinste Jules. Ihre hellbraunen Augen funkelten diebisch. »Da hat Alex was zum Grabschen, wenn ihr euch wieder versöh…«

»Ausgeschlossen!« Nettie fuhr herum und stampfte wütend mit den Fuß auf – besser gesagt mit der blauen Hinterpfote. »Mit dem ist’s vorbei, ein für alle Mal! Was glaubst du denn … was ist?«

Jules war gegen die Wand gesackt, sie konnte sich kaum halten vor Lachen. »Mach das noch mal.«

»Was?«

»Na, mit dem Fuß aufstampfen.«

»Meinst du so?« Nettie stampfte noch mal mit der XXL-Hinterpfote auf den Boden.

Jules gackerte wie ein Huhn. »Das erinnert mich an meine Kindheit! Weißt du, wie du aussiehst, wenn du das machst? Genau wie Klopfer aus Bambi!«

»Na, Hauptsache du hast deinen Spaß …« Nettie wischte sich mit der Pfote unwirsch den langen Lauscher aus dem Gesicht. »Du siehst umwerfend aus, während ich mal wieder den Schwarzen Peter gezogen habe.«

»Das Blaue Kaninchen«, verbesserte Jules kichernd. »Aber mach dir nichts draus – sieht sowieso keiner, wer drinsteckt.« Jules versuchte nun ebenfalls das störrische blaue Hasenohr nach hinten zu streichen. »Außerdem ist es für eine gute Sache.«

»Aber warum muss ausgerechnet ich das Riesenkaninchen spielen! Das ist schließlich kein Kindergeburtstag. Wer wird mir hier was in die Sammelbüchse stecken? Du dagegen – schau dich an! Dein Kostüm ist cool und sexy. Die werden alle warten, bis du mit der Büchse rumkommst.« Tatsächlich waren es keine Sammelbüchsen, mit denen sie später die Runde machen wollten, sondern gelbe Plastikeimerchen. Neidisch musterte Nettie Jules’ Minidirndl. In dem engen Mieder wurden ihre Brüste hochgedrückt und lagen nun in dem Trachtenblüschen wie zwei reife Pfirsiche, die herauszuspringen drohten. Ihr würde so ein Dirndl auch gut stehen, das wusste sie. Na ja, vielleicht nicht ganz so gut wie ihren glamourösen Kolleginnen mit ihren endlos langen Beinen und den straffen Bäuchen. Aber ihre weichen Kurven und die mandelförmigen braunen Augen – gekrönt von einer glänzenden nussbraunen Mähne, die ihr lang über den Rücken fiel – waren auch nicht zu verachten. Sie hatte etwas Besseres verdient, als im Kostüm eines blauen Plüschkaninchens zu verschwinden.

»Mag sein, aber es war Räumungsverkauf, und die hatten nur noch drei Dirndl«, meinte Jules und zupfte ihre Bluse noch ein bisschen herunter. »Das einzige andere Kostüm, das sie noch dahatten, war eine Riesenbanane. Ich glaube, Mike denkt, dass er dir mit dem Bunny einen Gefallen getan hat.«

»Er täte mir wirklich einen Gefallen, wenn er mir zeigen würde, wo in meinem Arbeitsvertrag steht, dass ich irgendwelche blöden Kostüme anziehen muss. Menschenskind, wir sind Profis, keine Witzfiguren.«

Jules zuckte ratlos mit den Schultern. »Aber etwas Positives hat die Sache: Du bist wenigstens warm eingemummelt. Es ist eisig hier oben.«

»Ich tausche gern mit dir«, erbot sich Nettie hastig.

»Ach nö, nicht nötig. Lieb von dir.« Jules zwinkerte ihrer Freundin zu. In ihren hellbraunen Augen tanzte der Schalk. »Ich steh auf diesen kanadischen Skater – wie heißt er noch mal?«

»Cameron Stanley?«

»Ja, genau. Ich schätze, diese Aufmachung wird meiner eigenen guten Sache nützen.« Sie zupfte erneut an ihrem Dekolleté und schob ein paar Haarsträhnen hinters Ohr, die sich aus ihren kurzen dicken Zöpfchen gelöst hatten. Jules hatte lockiges dunkles Haar, das ihr allerdings nur bis zum Kinn reichte. Es war gar nicht leicht gewesen, damit zwei Zöpfe zu flechten. »Glaubst du, er hat eine Freundin?«

»Keine Ahnung«, brummte Nettie missmutig. Es stank ihr, dass sie in ihrem Kostüm keine Chance auf einen Fang hatte. Nicht, dass sie was mit einem von den Typen hier hätte anfangen wollen. Die waren alle wahnsinnig. Übergeschnappt. Nur ein Irrer würde in Schlittschuhen eine steile Eisrampe runterrasen, geschweige denn sich auf einem solchen Parcours ein Hindernisrennen liefern.

Jenseits der Absperrung, hinter der sie standen, leuchtete die Eisbahn in unterschiedlichen Farben auf: rot, pink, blau und grün. Der DJ peitschte die Menge zu immer größerer Begeisterung auf. Das Ganze hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Rockkonzert als mit einem Sportwettbewerb. Aber ihr Starklient, White Tiger, mit dem ihre Agentur den größten Umsatz machte, hatte sich nun mal auf diesen Nischenmarkt spezialisiert: das Veranstalten von Extremsport-Wettbewerben, Hardcore-Events, die sich über normale Sportvereine gar nicht mehr realisieren ließen, weil sie viel zu gefährlich waren, ein unkalkulierbares Risiko, vor dem jede Versicherung zurückschreckte. Diese Veranstaltungen zogen von Jahr zu Jahr mehr Zuschauer an, eingefleischte Fans, Adrenalinjunkies.

Und da war sie nun, mitten im Getümmel, verkleidet als blaues Riesenkaninchen. Nettie nahm ihren Sammeleimer in die Pfote. Die ersten Einzelrennen waren vorbei, die zweite Runde würde in Kürze beginnen; danach würden sie rumgehen und Spenden für Tested sammeln, die Hodenkrebs-Stiftung, für die sich White Tiger im Rahmen ihrer CSR engagierte, der Corporate Social Responsibilty, so etwas wie das »soziale Gewissen« einer Firma.

»Was brauchen die so lange?«, beschwerte sich Jules und rieb sich die nackten Arme. Sie spähte über die mit dem White-Tiger-Logo beklebte Bande zum Start. »Wenn das nicht bald losgeht, erfriere ich noch.«

Nettie stellte sich hinter ihre Freundin und schlang ihre dicken blauen Plüscharme um sie. Normalerweise war sie mit ihren gut eins sechzig fast zehn Zentimeter kleiner als Jules, aber heute war sie dank ihres gigantischen Kaninchenkopfs fast einen halben Meter größer. »Sag nicht, ich würde nie was für dich tun.«

»Aah, schon besser«, stöhnte Jules und kuschelte sich genüsslich in die blauen Riesenarme. Sie beobachtete zwei Techniker, die mit ratlosen Mienen an der Startrampe standen und in ihre Headsets sprachen. Dabei rüttelten sie gelegentlich an der Startschranke. »Hm, sieht nicht gut aus.«

Aber Nettie war mit den Gedanken woanders. Sie litt unter Höhenangst, und der Blick von der Startrampe die Eisrutsche hinunter verursachte bei ihr leichte Übelkeit. Der Parcours war auf einer Art Achterbahngerüst errichtet worden, das stellenweise bis zu sechzig Meter hoch war und sich in steilen Windungen nach unten erstreckte. Flankiert wurde die Bahn von Zuschauertribünen, auf denen sich die Menschen drängten, vor allem langhaarige Männer, zumeist mit trendigem Kinnbart. Die Menge wurde allmählich ungeduldig und begann mit den behandschuhten Fäusten rhythmisch auf die Bande zu schlagen. Den Rennteilnehmern ging es ähnlich. In Helm und dicker Schutzkleidung drängten sie zur Schranke und hieben immer wieder mit der Faust in die Hand, um den Adrenalinspiegel hochzuhalten. »Ice Cross Downhill«-Rennen waren kein Sport für Weicheier – Eishockey, eine der härtesten Massensportarten, war ein Witz dagegen. Der Titel der Veranstaltung machte es deutlich: Ice Crush. Ein gebrochenes Handgelenk und eine ausgerenkte Schulter waren das bisherige Resultat, und dabei standen noch sechs Runden an.

Ein Techniker kam an ihnen vorbei. Nach seiner Miene zu schließen, wurde er gerade über Kopfhörer zur Schnecke gemacht.

Jules sprach ihn an. »He, was ist denn da los?«

Der Mann blieb bereitwillig stehen, da er auf diese Weise Jules’ Dekolleté noch ein wenig länger bewundern konnte. Das Mikro mit der Hand abgedeckt, sagte er: »Ein technisches Problem. Der Startmechanismus klemmt.«

Jules verzog das Gesicht. »Ach Mann! Ich friere mir hier einen ab. Je eher ich mit meinem Eimer die Runde mache, desto schneller komme ich aus diesen Klamotten raus und kann mir was Wärmeres anziehen.«

Den Techniker schien diese Vorstellung nicht gerade anzuspornen.

Nettie warf einen Blick auf die Rennteilnehmer, die unruhig mit den Hufen scharrten. »Wie lang wird es dauern, bis das repariert ist? Die sehen aus, als wollten sie jeden Moment übereinander herfallen.«

»Vielleicht noch Stunden. Wir müssten zuerst mal an die Schaltung rankommen, aber irgendein Idiot hat die Rampe über der Zugangsklappe verlegt. Wenn wir keine andere Möglichkeit finden, an die Elektronik ranzukommen, werden wir das Rennen wohl abblasen müssen.«

»Auch das noch«, stöhnte Nettie, »dann sind wir ganz umsonst nach Lausanne gekommen.«

»Nicht ganz umsonst. Wir können später trotzdem noch die Bars und Clubs unsicher machen«, grinste Jules und kuschelte sich tiefer in die Umarmung des Riesenkarnickels.

»Mike wird uns aufs Dach steigen, wenn wir nicht mehr vorzuweisen haben als das hier.« Nettie schüttelte die paar erbärmlichen Münzen in ihrem Sammeleimer.

»War eh eine blöde Idee«, fand Jules, »ich habe ihm schon zig Mal gesagt, dass heutzutage niemand mehr mit der Sammelbüchse rumgeht – außer vielleicht bei der Fremdenlegion und der Heilsarmee. Da hätten wir ebenso gut zu Hause bleiben und uns vor einem Lidl oder Tesco aufstellen können.«

Nettie wandte sich nochmals an den Techniker. »Könnt ihr wirklich nichts tun? Denn wenn das so ist, werfe ich diese alberne Verkleidung ab. Die wiegt ’ne Tonne, und außerdem stinkt’s hier drin.«

Der Mann zuckte die Achseln. »Wie soll ein Rennen stattfinden, wenn die Läufer nicht mal aus den Startblöcken rauskommen?«

»Könnten sie sich nicht einfach vor die Schranke stellen und von da starten?«, schlug Jules vor.

»Schon, aber dann müssten sie den Schwerpunkt auf den hinteren Fuß verlagern und kämen nicht so schnell weg, versteht ihr? Die ideale Startposition ist vorgebeugt, Schwerpunkt auf dem Vorderfuß, um sich mit maximaler Kraft abstoßen zu können.«

»Ach.«

Nettie war davon ausgegangen, dass ein Siebzig-Grad-Gefälle eigentlich reichen sollte, um in Fahrt zu kommen, sie persönlich müsste sich da nicht noch »mit Maximalkraft abstoßen«. »Warum stellt ihr nicht jeweils jemanden vor die Schranke, an dem sich der Läufer festhalten kann? Auf die Weise könnte er sein Gewicht nach vorn verlagern.«

»Das ist … hm.« Der Techniker runzelte nachdenklich die Stirn.

»So haben sie’s jedenfalls beim Snowboardrennen bei der Winterolympiade gemacht.«

»Also, hm … ja, das wäre vielleicht eine Möglichkeit.« Der Techniker hob den Finger und lauschte mit einem Ohr auf das, was sein Vorgesetzter zu sagen hatte, während er sich gleichzeitig Netties Vorschlag durch den Kopf gehen ließ. Dann begann er rasch ins Mundstück zu sprechen.

»Wir könnten das übernehmen«, zischte Jules aufgeregt.

»W-was?«

»Klar, das wäre der Hit! Alle würden uns sehen, bevor wir uns unter die Menge mischen. Auf die Weise bekämen wir hinterher wenigstens was in die Sammelbüchsen.«

»Alles würden sie sehen, meinst du wohl!«, lachte Nettie, »wenn du da oben stehst, kann dir ja jeder unters Dirndl kucken!«

Das hatte der Techniker gehört und schaute wieder zu ihnen hin. »Wie viele gibt’s denn noch von … eurer Sorte?« Sein Blick huschte mit sichtlichem Wohlgefallen über Jules’ erotische Variante einer jahrhundertealten Tracht.

»Außer mir noch zwei im Dirndl«, antwortete Jules, »und dann natürlich unser Riesenkaninchen hier.«

»Ja, es sind vier …«, sprach der Techniker in sein Headset. »Nein, was Besseres fällt mir auch nicht ein … ja, ich weiß.« Er schaute zu den Mädchen hin, während er zuhörte, was am anderen Ende gesprochen wurde. Kurz darauf hielt er den Daumen hoch. »Alles klar, Mädels, dann stellt euch mal auf eure Posten.«

»Yo! Daisy! Caro! Wir sind dran!«, brüllte Jules.

Daisy – eins achtzig groß, seidenweiches Blondhaar und Beine, die so lang waren, dass sie Nettie bis unter die Achseln reichten – kam lässig um die Ecke geschlendert wie Heidi (Klum) auf der Alm. Hinter ihr folgte Caro, eine schlaksige Rotblonde mit Sommersprossen und einem Kaugummi-Suchtproblem.

»Geht’s endlich los, ja?«, näselte Daisy träge. Sie schob ihr Handy in die Schürzentasche. »Wird auch Zeit. Ich hab ’ne Verabredung mit dem besten Freund von meinem Ex. Meinem zweiten Ex, um genau zu sein. Er lebt jetzt hier in Lausanne.«

»Tja, na ja, es gibt Probleme mit der Startautomatik, und da brauchen sie uns«, erklärte Jules den anderen. Der Techniker forderte sie mit einem Wink auf, ihm zu folgen.

»Wie meinst du das?«, wollte Caro wissen.

»Jeder sucht sich einen aus, Mädels. Wir dürfen Händchenhalten«, erklärte Jules augenzwinkernd. »Aber Nummer 3 gehört mir, klar? Cam Stan is my man.« Lachend machte sie sich auf den Weg zum Startpunkt.

»Wovon redet sie?«, wollte Daisy wissen und spähte mit schmalen Augen durch die mit Netzstoff verhängten Augenlöcher des gigantischen Karnickelschädels. »Nettie? Bist du da drin?«

»Ja, ich bin’s«, seufzte Nettie. »Wir sollen uns vor der Startschranke aufstellen, damit sich die Skater an uns festhalten können. Die Startautomatik klemmt.«

»Auch das noch!« Caro schnalzte missbilligend mit der Zunge und kaute dann so hektisch auf ihrem Kaugummi, dass sie selbst an ein Kaninchen erinnerte.

Als die Mädchen in ihren Minidirndln und den langen gebräunten Beinen, neckischen Zöpfen und hervorquellendem Busen die Eisbahn betraten und Posten bezogen, brach die Menge prompt in Applaus und Begeisterungsrufe aus. Die Sammeleimer am Arm, winkten sie den Zuschauern fröhlich zu. Nettie brauchte aufgrund ihres Umfangs etwas länger, um in Stellung zu kommen. Vorsichtig schob sie sich an der Bande, die den Startbereich hinten abschloss, vorbei, um ihren Posten einzunehmen. Gelächter brandete auf. Offenbar hielt man sie für eine geplante Showeinlage. Die Rennläufer – denen man die Planänderung inzwischen mitgeteilt hatte – kletterten mit ihrer dicken Schutzkleidung ohne viel Federlesens über die Schranke, sie schienen es offenbar kaum erwarten zu können, dass es endlich losging.

»Hallo«, begrüßte Nettie »ihren« Läufer, einen Österreicher namens Juls Frinkenberg, der auf Bahn vier startete und einmal zu den Top Drei gehört hatte.

»Ach was? Und ich krieg den Hasen?«, meckerte er und wich irritiert aus, damit sie sich an ihm vorbeizwängen konnte.

»Komisch, ich hab genau dasselbe gesagt«, konterte Nettie, die nun auf dem schmalen Bereich vor der Schranke stand und sich mit der einen Pfote daran festklammerte. Die andere reichte sie ihm. Sie schluckte. Gut einen Meter vor ihr ging’s steil bergab. Wie konnte der Kerl bloß so versessen darauf sein, sich da runterzustürzen? Sie selbst konnte gar nicht schnell genug wieder hinter der Absperrung verschwinden.

»Einhaken!«, brüllte der Techniker. Nettie sah, wie Jules mit einem koketten Kichern Cameron Stanley den Arm bot, als habe er sie eingeladen, mit ihm in einem Séparée zu verschwinden. Cameron wiederum schien nur allzu erfreut, sich bei ihr einhaken zu dürfen. Überhaupt wirkte er nicht halb so versessen darauf, sich die Eisbahn runterzustürzen, wie »ihr« Österreicher, jetzt, wo er seine ganz persönliche Heidi als Betreuung hatte.

Frinkenberg hakte sich ebenfalls bei Nettie ein. Die merkte erst jetzt, dass sie noch den Sammeleimer am Arm baumeln hatte.

»Moment …!« Sie wollte ihn abnehmen, doch da dröhnte schon das erste Startsignal. Stille trat ein, die Läufer duckten sich wie Wölfe, die sich zu einer Verfolgungsjagd bereitmachen. Nettie biss die Zähne zusammen – zum Teufel mit dem Eimer – und klammerte sich so fest sie konnte an die Schranke. Was nicht so einfach war mit den dicken, rutschigen Plüschpfoten. Frinkenberg lehnte sich mit seinem Gewicht nach vorn, zog an ihr.

Das zweite Signal ertönte. Nettie begann vor Anstrengung zu zittern. Sie konnte sich kaum noch festhalten.

»Oh … oh nein …«, jammerte sie. Die Sekunden zogen sich endlos hin. Sie konnte sich nicht mehr halten, ihre Pfote rutschte … Himmel, gleich würde sie mitsamt ihrem Rennläufer die Rampe runtersausen …

Das dritte Signal ertönte. Wie von Gummi geschnellt, sauste er los. Nettie prallte zurück an die Schranke. Sie war frei. Das Publikum johlte. Nettie konnte kaum was sehen, denn das Hasenohr war bei dem Aufprall nach vorne gefallen und hing ihr schon wieder ins Gesicht. Nur am Geräuschpegel, der, sich entfernend, aufbrandete wie eine La-Ola-Welle, konnte sie den Fortgang des Rennens abschätzen.

Sie atmete auf. »Mann, das war knapp!«, murmelte sie und richtete sich zittrig auf. Ihre langen Plüschfüße wollten ihr auf der Kunsteisfläche wegrutschen. Gab’s in Bambi nicht eine ähnliche Szene, in der Klopfer übers Eis eines zugefrorenen Teichs schlitterte?, überlegte sie, während sie sich vorsichtig zur Seite wandte, um von dieser verflixten Bahn runterzukommen.

Mist, der Eimer … Sie hatte ganz vergessen, dass sie den Eimer ja noch am Arm hatte. Er rutschte herunter und traf mit einem Scheppern auf dem Eis auf, rollte ein Stück zur Seite.

»Shit!« Sie bückte sich, um den Eimer zu fassen zu bekommen, bevor er den Läufern hinterhersausen konnte. Wenn der in einer Kurve an die Bande prallte und vielleicht einem Zuschauer ins Gesicht flog, dann hatten sie eine Schmerzensgeldklage am Hals, bevor sie »Helft mir aus diesem blöden Kostüm raus« sagen konnte. Was sie jedoch einzukalkulieren vergaß, war das Gewicht des riesigen Kopfes. Sie beugte sich vor, bekam den Eimer gerade noch am Henkel zu fassen – und verlor das Gleichgewicht. Jäh klaffte der Abgrund der Eisbahn vor ihr auf. Ihr wurde schwindlig, sie fuhr zurück, wollte sich aufrichten, verkalkulierte sich erneut, geriet ins Schwanken und begann mit den Hasenpfoten wegzurutschen. Um einen besseren Stand zu bekommen, spreizte sie die Füße und geriet dabei mit einem Hinterlauf über den Rand der Plattform.

»Nets?«

Nettie hörte noch, wie Jules’ Stimme hinter ihr zurückblieb und wie der Lärm der Zuschauer anschwoll. Zu geschockt, um auch nur einen Laut herauszubringen, geschweige denn zu schreien, rutschte sie die steile Eisbahn herab. Das Schreien übernahm das Publikum für sie, während sie mit weit ausgebreiteten Pfoten und flatternden Ohren auf ihren breiten Hasenfüßen die Bahn runterschlitterte. Nein … Nein … Neiiiin … Ein solches Tempo hatte sie noch nie erlebt, hatte noch nie gefühlt, wie es ist, wenn die schiere Panik einsetzt und der Körper auf Überlebensinstinkt umschaltet. Sie war wie gelähmt, konnte weder schreien noch atmen. Wie ein dick eingemummelter Eiszapfen schlitterte sie die Bahn hinunter.

Das war das Ende.

Sie würde sterben.

Ganz sicher.

Bevor sie wusste, wie ihr geschah, kam schon die erste Kurve. Sie knallte gegen die Bande, konnte nichts tun, nichts sehen, nicht bremsen. Nach der ersten Kurve kam bald die zweite, aber sie fiel nicht, sondern prallte dank ihres weich gepolsterten Kostüms von der Bande ab wie ein Pinball. Links, rechts, links, rechts … selbst den Aufprall spürte sie kaum. Es war, als geriete man in einem Fatsuit in eine Pausenhofschlägerei.

Sie lebte noch. Immerhin etwas.

Doch nun ging’s auf einmal wieder schnurgeradeaus – was keineswegs eine Erleichterung war. Denn vor ihr tauchte die erste richtige Schikane auf (was für eine treffende Bezeichnung!), Nettie flatterte fast das Herz aus der Brust, als ihr klarwurde, was das bedeutete: Buckel, Buckel, Sprungschanze … Oh neiiin!

Nettie flog durch die Luft wie eine Kanonenkugel, mit wehenden Ohren und wild rudernden Armen wie eine Comicfigur. Sie ging instinktiv ein wenig in die Knie, warum, wusste sie selbst nicht so recht, vielleicht war’s eine neblige Erinnerung an einen weit zurückliegenden Skikurs – jedenfalls landete sie auf den Füßen – sehr zu ihrem eigenen Erstaunen (und der Begeisterung des Publikums). Auch die zweite nahm sie. Doch schon tauchte die dritte vor ihren entsetzten Augen auf – das Monster, wie sie von den Läufern genannt wurde. Diese Schanze, die Hauptattraktion des Wettbewerbs, war eigens für dieses Rennen entworfen worden. Und schon flog sie höher, als ein Riesenkaninchen je fliegen sollte. Schon während des Flugs war ihr klar, dass sie diesmal nicht auf den Hinterpfoten landen würde.

An welchem Punkt genau aus »oben« »unten« wurde, hätte sie nicht sagen können – noch während des Flugs oder beim Aufprall auf dem Eis? –, aber die Welt drehte sich um sie, und anstatt einer weißen Eislandschaft sah sie auf einmal schwarz. Mit dem Riesenkopf links und rechts gegen die Bande knallend sauste sie weiter, bis …

Es dauerte einen Moment, ehe ihr klarwurde, dass es vorbei war. Es dauerte, ehe ihr der ohrenbetäubende Lärm der Zuschauer ans Ohr drang. Ehe sie merkte, dass helfende Hände ihr den Karnickelschädel abnahmen und die Welt in all ihrer grellbunten Lautstärke wieder über sie hereinbrach. Es dauerte, ehe sie spürte, dass sich zwei Läufer in gepolsterter Schutzkleidung und hochgeklapptem Helmvisier unter ihre Hasenachseln schoben und sie im Triumphzug über den weitläufigen Zielbereich führten, von einem Ende zum anderen. Und es dauerte, ehe ihr auffiel, dass ihr Sammeleimer herumgereicht und von den Zuschauern begeistert gefüllt wurde.

2. Kapitel

Nettie liebäugelte mit den gefüllten Doppelkeksen. Besser mit denen als mit Mike, ihrem Boss, der in freudiger Erregung vor dem Whiteboard auf und ab lief – einer Erregung, die umso alarmierender war, weil Nettie selbst der Grund dafür war.

»Nun, ich denke, wir können diesen Einsatz eindeutig als Erfolg verbuchen, nicht wahr?« Da es eine rhetorische Frage war, nickte Mike gleich selbst zur Bestätigung. »Die Kostüme waren jedenfalls definitiv ein Hit.«

Jules nickte grinsend. »Kannst du laut sagen.« Sie hatte die beiden Hälften ihres Doppelkekses voneinander getrennt, und Nettie wusste, dass ihre Freundin nur darauf wartete, dass Mike kurz wegsah, um an der Vanillefüllung zu lecken. »Die Leute waren total begeistert – vor allem von unserem Riesenkaninchen –, das war cool und niedlich.«

»Niedlich?! Du machst Witze.« Daisy, die sich gerade die Nägel feilte, hob den Kopf. »Ich finde es abartig. Ich meine, wer hat je ein blaues Kaninchen gesehen?«

»Ein zwei Meter großes blaues Kaninchen«, korrigierte Jules gackernd.

»Meine ich ja. Ein Monster. Ein Mutant.«

»Weißt du was? Zieh du es doch nächstes Mal an. Dann musst du es wenigstens nicht sehen, weil du ja drinsteckst«, schlug Jules gehässig vor, aber Daisy zog lediglich eine ordentlich gezupfte Augenbraue hoch.

»Es wird kein nächstes Mal geben«, warf Nettie brüsk ein. Das Ganze lag zwei Tage zurück, und ihre blauen Flecke kamen jetzt erst richtig zur Geltung. Arme, Oberkörper, sie fühlte sich wie ein gut durchgeklopftes Schnitzel. Und erst ihr Nacken! Als hätte sie auf einem Backstein geschlafen.

»Also diese Kombi hat eindeutig funktioniert, da lässt sich mehr draus machen!«, meinte Mike und begann mit rhythmischem Fingerschnippen auf und ab zu gehen. Er blieb vor der weißen Tafel stehen und begutachtete wichtigtuerisch die dort abgebildete Fieberkurve. Nettie begutachtete indessen den kreisrunden Glatzenansatz auf seinem Hinterkopf, der ihren Blick magisch anzog.

»Die Spendenkurve ist nach Netties kleinem Stunt um 76 Prozent raufgegangen.« Er fuhr schwungvoll herum und deutete mit dem Finger auf Jules. Wahrscheinlich übte er das vor dem Spiegel, vermutete Nettie. Stellte sich dabei vor, er wäre Clint Eastwood und würde mit der Knarre zielen anstatt mit dem Finger. »Cool und niedlich, sagst du?«

»Genau.« Jules schaute Nettie an, die neben ihr saß. »Du hast einfach zu süß ausgesehen, wie du da mit wedelnden Ärmchen und flatternden Ohren runtergesaust bist.«

»Ja, vor allem diese Ohren, die fand ich auch urkomisch.« Caro, die auf der gegenüberliegenden Tischseite saß, schnaubte vor Lachen. »Hätte nicht besser laufen können, selbst wenn wir’s geplant hätten.«

»Geplant? Ha, darauf hätte sie sich nie eingelassen, stimmt’s, Nettie? Du mit deiner Höhenangst.«

»Mit Geschwindigkeit komme ich auch nicht gut zurecht«, sagte Nettie schüchtern. Sie fühlte sich schwer traumatisiert. Sicher litt sie nun zu allem Überfluss unter einem posttraumatischen Stresssyndrom.

»Immerhin: Du hast es überlebt. Das ist schon mal die gute Nachricht.« Jules tätschelte Netties Handrücken. »Noch einen Keks?«

»Danke.« Nettie knabberte den Rand des Kekses ab. Sie konnte was Süßes gebrauchen, ihr Blutzuckerspiegel war im Keller, sie schlief zurzeit nicht besonders gut.

»Ladys, Ladys! Könnten wir uns jetzt vielleicht wieder aufs Thema konzentrieren?«, meinte Mike in, wie er fand, treffend sarkastischem Ton. Bei den Frauen kam er dagegen nur quengelig rüber. Daisy fuhr prompt fort, sich die Nägel zu feilen. »Ich bedaure, dass mir Netties kleine Eskapade entgangen ist, ich hätte sie gern mit eigenen Augen gesehen. Wir brauchen mehr solche Einfälle.«

»Ich kann’s dir zeigen«, meldete sich Caro zu Wort. Sie rief etwas auf ihrem iPad auf. Als IT-Spezialistin und Datenanalytikerin des kleinen Teams war sie die erste Anlaufstelle für alles Technische (und wenn’s um Ersatz für verlorene oder kaputt gegangene Akkuladekabel ging). »Ich habe von White Tiger eine Kopie der Videoaufnahmen angefordert und bereits erhalten … So, jetzt habt ihr’s auch in eurer Inbox«, erklärte Caro in ihrem üblichen gelangweilten Ton. Ihr scharfer Intellekt war der Grund dafür, dass sie sich ausknipste, sobald sie das Interesse am jeweiligen Gesprächsgegenstand verlor. Sie griff zur Apple-TV-Fernbedienung und schaltete den Wandbildschirm an.

»Ah, prima …« Mike wandte sich erfreut zum Schirm um. »Okey-dokey, dann wollen wir mal sehen, was wir da haben.«

Er straffte erwartungsvoll den Rücken. Auch Nettie drehte ihren Stuhl ein bisschen zur Seite, um besser sehen zu können. Musikuntermalung erklang, der Song »Titanium«. Mikes Kopf nickte im Takt. Die Kamera schwenkte zunächst in weitem Winkel über die von begeistert johlenden Zuschauern flankierte Eisbahn, die abwechselnd rot, pink, weiß und blau aufleuchtete. Nettie wurde beim Anblick der steilen Piste, die sich in bedrohlichen Windungen nach unten zog, regelrecht übel. Die Rennläufer waren bereits unterwegs. Dick gepolstert, mit Helmen geschützt, rasten, rutschten und sprangen sie die Eisbahn hinunter. Dass dabei der eine oder andere Ellbogen ausgefahren wurde, gehörte mit zum Spiel.

Und da war sie: ein verschwommener blauer Fleck oben am Startpunkt, der offenbar das Gleichgewicht verlor und, da die großen Füße in etwa so viel Reibungswiderstand boten wie ein aufs Eis geworfenes Daunenkissen, prompt über die Startrampe schlitterte. Nettie blieb fast das Herz stehen, als sie sah, wie rasch der Hase an Geschwindigkeit zulegte: in drei Sekunden von null auf sechzig. So kam es ihr jedenfalls vor. Mit rudernden Armen rutschte der Hase – samt Sammeleimer, der nutzlos in der Ellbogenbeuge baumelte – auf seinen übergroßen Hinterpfoten die Eisbahn hinab. Und wie die Ohren flatterten – die Mädels hatten recht. Doch nun kam die erste Schikane. Nettie schlug entsetzt die Hand vor den Mund, während sie mitverfolgte, wie das blaue Plüschkaninchen von der ersten Bande abprallte, dann von der nächsten, mal aufrecht, mal vorgebeugt, sich mühsam auf den Pfoten haltend. Kaum zu glauben, dass sie da drinsteckte, auch wenn sie die entsprechenden blauen Flecken dafür vorweisen konnte. Nettie wurden schon vom Zuschauen die Hände feucht, und ihr Herz schlug wie ein Presslufthammer.

Nur undeutlich nahm sie wahr, dass die anderen sich vor Lachen bogen. Caro hatte sich über den Tisch geworfen und lag mit dem Kopf auf der Platte. Nettie konnte den Blick nicht vom Bildschirm abwenden. Jetzt kamen die Schanzen. Mit offenem Mund verfolgte sie, wie der Hase durch die Luft flog, den dicken Bauch rausgestreckt – immerhin sorgten der Korpus und die elefantösen Gliedmaßen für ein wenig Luftwiderstand –, und dann mit seinem ganzen Gewicht zurück aufs Eis plumpste. Sich um die eigene Achse drehend wie ein Kreisel legte er die letzten Meter zum Ziel zurück.

Die Zuschauer waren jetzt kaum noch zu halten vor Begeisterung. Applaudierend streckten sie die Arme über die Brüstung. Die Wettläufer, die Netties Rutschpartie offenbar mit demselben Entsetzen verfolgt hatten wie sie selbst – niemand fuhr freiwillig diese Bahn hinunter –, kamen sogleich herbeigeeilt, halfen ihr auf die Füße und nahmen ihr den Hasenkopf ab.

Und jetzt sahen die Leute, dass ein echter Mensch darin steckte, dass es keine Comicfigur war. Ihr Kopf wirkte lächerlich klein in dem riesigen Kostüm, das lange Haar klebte ihr in verschwitzten Strähnen am Kopf, sie war kreidebleich, selbst ihre vollen, gewöhnlich roten Lippen wirkten blutleer. Kreischendes Gelächter erschütterte das Konferenzzimmer beim Anblick von Netties Miene: Sie schielte, und ihr Kopf schien einen Moment lang auf dem Hals hin und her zu wackeln. Mit einknickenden Beinen und Hasenfüßen, die in alle Richtungen übers Eis wegrutschten, wurde sie von zwei Sportlern – einer davon Cameron Stanley, Jules’ neueste Eroberung – unter den Armen gepackt und im Triumphzug dem begeisterten Publikum präsentiert.

Der Lärmpegel legte noch einmal zu.

»Hört ihr das? Die haben geglaubt, dass da ein Kerl drinsteckt«, warf Jules ein. »Was für eine Überraschung, als stattdessen ein hübsches kleines Ding wie du zum Vorschein kam.«

»Wahrscheinlich dachten sie, dass es einer von den Rennläufern ist, der sich einen Spaß erlaubt und in diesem Kostüm antritt«, vermutete Daisy. »Wer sonst könnte auf so spektakuläre Weise da runtersausen?«

»Kaum zu fassen, dass ich nicht dabei draufgegangen bin«, staunte Nettie und verfolgte, wie ihr kreidebleiches Ebenbild zu lächeln, sich auf den Beinen zu halten versuchte. »Das reinste Wunder, ehrlich. Mein Dad darf das nie zu Gesicht kriegen.«

Mike drückte auf »Pause«, und der Film hielt bei einem Bild von Nettie an, wie sie, von den Läufern auf die Schultern genommen, verdattert in die Runde schaute, der große Hasenkopf baumelte auf einer Seite runter. Mike setzte sich auf die Kante des Konferenztischs, die Arme lose über dem Oberschenkel gekreuzt, und beugte sich zu Nettie hin.

»Nun, Nettie, jetzt haben wir alle mit eigenen Augen gesehen, welch unglaubliche Resonanz deine … Rutschpartie ausgelöst hat.« Er lächelte. »Was hältst du von einer Wiederholung?«

»Gar nichts.« Nettie schüttelte entschieden den Kopf und nahm sich noch einen Keks.

»Na, na, nicht so schnell. Überleg’s dir! Du solltest vor allem bedenken, dass es längst nicht mehr so schlimm wäre wie beim ersten Mal. Du hast es ja schon mal gemacht – du hast die Bahn gemeistert. Alles Weitere ist ein Kinderspiel.«

Wie bitte?! Die Bahn gemeistert? Sie war ausgerutscht und unter Todesgefahr irgendwie da runtergeschlittert, gestolpert und geflogen! Wie das ein denkender Mensch als die Bahn gemeistert bezeichnen konnte, überstieg ihren Verstand. Da war weder Technik noch Geschick – oder auch nur freier Wille im Spiel gewesen. »Ich hätte sterben können, Mike.«

Er schüttelte ernst den Kopf. »Das Hasenkostüm hat dich gerettet, Nettie.« Er stach mit dem Zeigefinger auf seinen Oberschenkel. »Du warst in dem Kostüm so sicher wie ein Kätzchen in einer Trommel.«

Stille. »Das ist aber nicht besonders sicher«, bemerkte sie verblüfft.

Er musterte sie mehrere Sekunden lang, dann zog er scharf die Luft ein und richtete sich auf. »Nun, es liegt mir fern, dich zu irgendwas zu zwingen, Nettie. Ich wollte dir nur helfen.«

Sie runzelte die Stirn. »Mir helfen?«

»Ja, natürlich. Du bist fürs Spendenkonto verantwortlich. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Jules vor zwei Jahren auf demselben Posten das angepeilte Ziel um 46 Prozent übertroffen hat, wohingegen du 51 Prozent drunter liegst. Unsere Kundschaft wundert sich schon.« Er warf die Arme hoch. »Und was soll ich denen sagen, was glaubst du? Dass die Verantwortliche private Probleme hat? Was kümmert das die Kundschaft? Hm?«

»Ja, aber …«

Mike nickte bekümmert, und Netties Aber, hing jetzt im Raum wie eine dicke, fette Ausrede. »Verstehst du, was ich meine?«

»Äh …«, Nettie hielt ihren Keks an den Mund, nicht um ihn zu essen, sondern sozusagen als Schutzschild.

»Wer sein Soll nicht erfüllt, den kann ich nicht auf Dauer durchfüttern, das wäre unfair dem Team gegenüber. Jeder hier muss sich seinen Platz verdienen.« Er deutete zum Fenster. »Was glaubst du, wie viele da draußen nur darauf warten, deinen Platz einzunehmen? Ehrgeizig, ambitioniert, frisch von der Uni! Die wären froh, hier die ersten Schritte machen, sich die Zehen nass machen zu dürfen …«

Nettie bezweifelte, dass das stimmte. Sie war unter anderem auch für die Tagespost verantwortlich. Soviel sie wusste, bekam Mike höchstens fünf Bewerbungen pro Woche.

»Ich weiß, dass du’s in den letzten Jahren nicht leicht gehabt hast, Nettie, aber du solltest dir vielleicht mal überlegen, ernsthaft überlegen, ob dies der richtige Beruf für dich ist.« Er schlug mit der Faust in die Handfläche. »Menschenskind, in dieser Branche braucht man Ehrgeiz, Begeisterung, Hingabe, Leidenschaft! Du warst doch früher auch nicht so, so … gleichgültig. Da hattest du doch auch mehr Drive, mehr … Hunger, nicht wahr?«

Zu ihrer Überraschung sagte niemand, dass das noch immer so war. Netties Blick huschte von einem Mädchen zum anderen. Kein Anzeichen von Drive oder Leidenschaft, und was den Hunger betraf, so schien der mit einem Teller Keksen gestillt worden zu sein. Daisy untersuchte ihre Haarspitzen nach Anzeichen von Spliss. Caro hielt ihr iPad verstohlen ein wenig schräg, was bedeutete, dass sie Solitär spielte. Nur Jules verfolgte die Auseinandersetzung mit zornig funkelnden Augen.

»Was ist mit dir geschehen? Wo ist die alte Nettie geblieben?«

Nettie hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Er wusste genau, was geschehen war.

»Soweit ich von meinem Vorgänger erfahren habe, warst du früher morgens die Erste und abends die Letzte. Du wusstest immer, wann die Teebeutel knapp wurden oder Druckerpatronen nachbestellt werden mussten. Du bist beim ersten Klingeln ans Telefon gegangen. Und jetzt?« Er runzelte die Stirn. »Jetzt …? Ich weiß, du hattest ein paar Probleme. Aber du solltest dir wirklich mal anschauen, wo du beruflich hinwillst, ob dieser Job tatsächlich das ist, was du dir für deine Zukunft vorstellst. Falls ja, musst du in die Gänge kommen, Nettie, wir brauchen bessere Resultate. Das mit dem Hasen hat funktioniert, das solltest du nicht so leichtfertig abtun. Du solltest überlegen, wie du das nutzen kannst. Das ist deinUSP, dein Unique Selling Point.«

»Was? Das fliegende Riesenkaninchen?«, grinste Jules. Sie beugte sich vor und drückte Nettie tröstend die Schulter.

Mike zuckte die Achseln. »Warum nicht? Think big. Du könntest das neue Maskottchen von White Tiger werden.«

Caro runzelte die Stirn und hörte kurz mit dem Kaugummikauen auf. »Aber wenn White Tiger ein Maskottchen hätte, Mike, wäre das dann nicht … ein weißer Tiger?«

Mike richtete sich ärgerlich auf. »Ihr wisst, was ich meine.« Er klatschte aufmunternd in die Hände und warf einen Blick auf das Team, das er nun gründlich demotiviert hatte. »Nun, positiv zu vermerken wäre, dass wir beim Ice Crush mehr als zweitausend Pfund gesammelt haben. Die genaue Zahl habe ich momentan nicht im Kopf, aber das ist doch schon mal ermutigend, nicht?« Er reckte halbherzig die Faust, löste damit aber nur ein müdes Seufzen aus. Gerade hatte er Nettie zur Schnecke gemacht, und nun tat er, als sei es als Ansporn gemeint gewesen, nicht als versteckte Rausschmiss-Drohung.

»Nur noch zwei Wochen bis Weihnachten – der Countdown läuft. Ich brauche euch ja nicht zu sagen, dass der Dezember unser wichtigster Monat ist. Also, ruht euch aus und am Montag dann wieder frisch und früh ins Büro, ja? Ein schönes Wochenende allerseits.«

Mike hatte noch nicht ausgesprochen, da begann schon das Stühlescharren. Mit einer Energie, die sie den ganzen Tag über hatten vermissen lassen, setzten sich die Frauen in Bewegung. Caro hatte bereits das Handy am Ohr, um die Pläne für den heutigen Abend festzumachen. Nettie sah, wie Jules sich die letzten beiden Kekse einsteckte. »Für später.« Bei Jules war immer alles »für später« – die Krümel auf dem Pulli, der Kuchen in der Handtasche, der freche Typ an der Bar.

»Idiot. Lass dich von dem nicht aus der Ruhe bringen«, flüsterte Jules Nettie zu, während sie gemeinsam das Konferenzzimmer verließen und zu ihrem Büro zurückgingen.

Nettie drückte ihren Papierstapel an die Brust. »Aber er hat recht. Ich bin eine Niete.«

»Ach was, bist du nicht. Er ist als Chef eine Niete, hat überhaupt kein Talent in Mitarbeiterführung. Der könnte nicht mal einen Pisswettbewerb in einer Brauerei organisieren, und von dir erwartet er, dass du die Spenden eimerweise reinholst?«

»Du hast es doch auch geschafft.«

»Aber nur, weil ich auf seinen Job aus war und die Bosse beeindrucken wollte«, stöhnte Jules.

»Und du hättest ihn auch bekommen sollen. Eine Schande, dass er ihn gekriegt hat. Bloß weil der Vater seiner Frau mit den Middletons bekannt ist und sie auf eine Einführung bei Hofe spekulieren.«

Aber Jules war nicht die Einzige, die von dieser Entscheidung enttäuscht war. Nettie rechnete seitdem täglich damit, dass Jules, die nun ohne nennenswerte Aufstiegschancen in diesem Job festsaß, kündigen und sich was Besseres suchen würde. Sie wusste, dass ihre Freundin regelmäßig von Headhuntern kontaktiert wurde, ohne jedoch auf ein Angebot einzugehen. Nettie ahnte, dass Jules nur ihretwegen hierblieb (und natürlich um den unfähigen Mike zu quälen, der aufgrund seiner mangelnden Führungsqualitäten eindeutig der Falsche auf dem Posten war).

Äußern konnte Nettie diesen Verdacht nicht. Sie wusste, dass Jules es nie zugeben würde. Außerdem wollte sie sich nicht mit ihrem schlechten Gewissen befassen, denn ihr lag nicht halb so viel an ihrem Job wie Jules. Sie kam gut mit den anderen aus, das stimmte, der Arbeitsweg war erträglich, die Arbeitszeiten meist auch, aber es war nicht das, was sie sich vom Leben erträumt hatte: hauptberufliche Spendensammlerin. Im Auftrag von Großkonzernen um milde Gaben zu bitten. Auf quietschbunten Sportveranstaltungen in unmöglichen Kostümen rumzulaufen.

Nein, in einem früheren Leben hatte sie einmal davon geträumt, in die Werbebranche zu gehen, den Leuten amüsante kleine Geschichten zu erzählen, die das Leben erleichterten und die den Abschluss der Haftpflichtversicherung oder den Kauf des Waschmittels versüßten. Sie hatte sich vorgestellt, angeschlagenen Branchenriesen wie Tesco oder der Bank of Scotland zu Hilfe zu eilen und ihrem öffentlichen Image im Alleingang zu neuem Glanz zu verhelfen. Dann würde sie sich selbstständig machen, ein paar Jahre lang ordentlich schuften und ihr Unternehmen schließlich für ein Schweinegeld an Ogilvy & Mather verkaufen und sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückziehen. Das war ihr Plan gewesen. Es war ihr Plan, seit sie sich in den knackigen Typen aus der Coca-Cola-Werbung verschossen und dadurch über ihren ersten ernsthaften Liebeskummer hinweggekommen war. Leider hatte sich ihr Traum nicht rechtzeitig erfüllt: Es gab einfach zu viele Studienabgänger und zu wenige Stellen. Übergangsweise hatte sie dann ihren jetzigen Job angenommen – es war immerhin im Marketing, das war so ähnlich wie die Werbebranche. Eigentlich fast das Gleiche.

Aber da hatte sie noch nicht ahnen können, dass etwas passieren würde, das ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte, ein Riss, der sich nicht kitten ließ, eine Wunde, die sich nicht schloss. Seitdem galten andere Regeln: Es ging nur noch darum durchzukommen. Aus sechs Monaten wurden fast sechs Jahre. Ein Dödeljob. Aber was anderes hätte sie ohnehin nicht geschafft. Jules war vor fünf Jahren zum Team gestoßen, sie verstanden sich auf Anhieb. Jules kaufte sich sogar ihre erste Wohnung in Netties Gegend, nur einen Katzensprung von ihrem Elternhaus entfernt. Sie arbeiteten zusammen, verbrachten den Großteil ihrer Freizeit gemeinsam. Mit Jules war dieser Job erträglich für Nettie. Hatte Mike vielleicht doch recht? Wurde es Zeit, sich was Richtiges zu suchen? Behinderten sie sich vielleicht gegenseitig, sie und Jules? Wie Schlingpflanzen, die einander nicht loslassen wollten und sich kaum genug Platz zum Atmen ließen?

Jules schwieg einen Moment. »Ist ja egal, was vorbei ist, ist vorbei. Was viel wichtiger ist: Hast du heute Abend schon was vor?«

»Hatte ich eigentlich. Ich wollte mich mit Em treffen, aber die muss mal wieder eine Doppelschicht einlegen«, stöhnte Nettie. Emma war Netties beste Freundin aus der Studienzeit, eine anmutige Rothaarige mit porzellanweißer Haut, biegsam und schlank wie ein Weidenzweig, hatte sie nicht nur das Glück auf ihrer Seite, sondern auch jede Menge Männer, die ihr zu Füßen lagen. Emma war Ärztin auf der Geburtsstation eines Krankenhauses mit guten Aussichten auf den Chefarztposten, weshalb sie auch ständig Extraschichten schob. Es war nicht leicht, sich mit ihr zu treffen, meist klappte es erst beim zweiten oder dritten Anlauf.

»Ich wollte mal diese neue Wodkabar in der Prince Albert Road austesten. Komm doch mit.« Jules legte iPad, Kuli und Notizblock auf dem Schreibtisch ab, den sie sich mit Nettie teilte. Auf Jules’ Seite sah es aus, als habe der Blitz eingeschlagen, überall Papiere, ein fürchterliches Durcheinander. Auf den wenigen freien Stellen zeichneten sich Kaffeeringe auf dem grauen Furnier ab, und die Büroklammern waren zu endlos langen Blümchenketten zusammengehängt – ein verräterischer Hinweis darauf, wie oft Jules sich langweilte. In einer Ecke saß noch immer das Kuscheltier, das sie von ihrem Ex geschenkt bekommen hatte: ein Lemur mit großen, traurigen schwarzen Augen, den wegzuwerfen Jules einfach nicht übers Herz brachte.

Netties Seite war dagegen immer sauber und ordentlich, alles hatte seinen Platz. Und anstelle eines Kuscheltiers hatte sie ein Motivationsschild aufgestellt, auf dem stand: Jedem großen Durchbruch geht ein Zusammenbruch voraus. Jules fand den Spruch zum Schießen. Sie meinte, sicher wäre es bald so weit, jetzt, wo Mike am Ruder war.

»Lieber nicht, Jules, ich sollte heute wirklich mal früh ins Bett gehen«, antwortete Nettie, die sich damit beschäftigte, ihre Papiere zu ordnen. Sie brauchte gar nicht zu Jules hinsehen, um zu wissen, was die für ein Gesicht machte. »Und bevor du was sagst: Nein, Em und ich hatten auch einen ruhigen Abend geplant – sie ist völlig überarbeitet, und ich fühle mich wie zerschlagen von neulich. Sie meint, ein richtig schönes, langes heißes Bad sei genau das Richtige für mich, das hilft. Mit Badesalz. Ärztlicher Rat!«

»Papperlapapp – Badesalz! Raus musst du, um die Häuser ziehen! Das bringt dich auf andere Gedanken! Glaub mir, da vergisst du die blauen Flecken. Das ist viel besser, als in der heißen Wanne zu sitzen und zu grübeln.«

Nettie zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Seit es zwischen Jules und ihrer letzten großen Liebe aus war, lautete ihre Antwort auf alle Lebenslagen: Lass uns einen draufmachen. Ob Beförderung, Verlobung, zehn Mäuse in der Lotterie: Darauf müssen wir anstoßen.

»Bloß auf ein Glas? Das bringt dich schon nicht um, Nets. Außerdem liegt es sowieso auf dem Heimweg.«

»Wenn’s nur bei einem bliebe – das ist ja das Problem mit dir.«

Jules presste die Rechte auf den üppigen Busen. »Hand aufs Herz, nur ein Glas! Ich schwör’s, auf mein Leben!«

Ihr tat alles weh, mehr wusste sie nicht. Mehr brauchte sie nicht zu wissen.

Sie hatte angenommen, mit achtzig Sachen eine Eisbahn runterzuschlittern und dabei hin und her geworfen zu werden wie ein Gummiball sei schlimm – aber das hier war noch schlimmer. Viel, viel schlimmer.

Ihr fiel der Kopf ab, das war schon mal das Erste. Es war jedenfalls die einzige Erklärung, die ihr einfiel, für das, was sich da schmerzpegelmäßig über ihrem Hals abspielte.

Und ihr Bauch! Hatte ihr gestern jemand einen Magenschwinger verpasst?

Und wer hätte gedacht, dass selbst die Zunge einen Puls hat?

Unten in der Küche lief das Radio. Was bedeutete, dass ihr Vater schon auf war; außerdem bedeutete es, dass sämtliche Schweine in der Umgebung das Weite suchten, weil es ans Speckbrutzeln ging. Sollte sie einfach liegen bleiben? Versuchen zu schlafen? Eine Woche Schlaf, schätzte sie, und sie wäre wieder tipptopp in Schuss.

Aber John Humphrys ließ sich nicht so leicht ignorieren. Die Stimme des Nachrichtensprechers drang durch die Bodendielen wie das Gurgeln in einem Wasserrohr. Sie starrte eine gefühlte Ewigkeit lang einfach nur die Wand an. Bei einem Blick auf den Wecker stellte sich jedoch heraus, dass es nur elf Minuten gewesen waren. Erst dann wagte sie den Versuch, in die Vertikale zu kommen.

Gerade hatte sie es geschafft – indem sie ihren Kopf vorsichtig mit beiden Händen festhielt wie ein rohes Ei –, als eine zweite Stimme durch die Ritzen des zugigen alten Hauses an ihr Ohr drang. Sie seufzte. Jetzt wusste sie sicher, dass Samstag war.

Kurz darauf hatte sie es bis zur Küche geschafft. An den Türstock geklammert, spähte sie mit blutunterlaufenen Augen hinein. Die Szene war vertraut: Das Fahrrad ihres Vaters stand umgedreht in der Küche. Paps und das Sams (in diesem Fall: ihr alter Freund Dan) bastelten schwatzend daran herum, zogen die Bremsen nach, ölten, was geölt werden musste.

»Ah! Das Erwachen der Macht!«, donnerte ihr Vater, als er sie bemerkte – für sie hörte es sich jedenfalls so laut an.

Nettie hob abwehrend die Hände, als wolle sie die Schallwellen nicht an ihren wunden Schädel herankommen lassen. »Dad, bitte!«

Oha. Ihren Stimmbändern waren über Nacht offensichtlich Haare gewachsen.

Er gluckste. »Entschuldige, Liebes.« Mit amüsiert funkelnden Augen musterte er seine verkaterte Tochter. Ihn selbst suchte ein ähnliches Leiden nie heim, nicht einmal an Samstagen. Ihr Vater betrank sich nie, hing nie in Kneipen rum. Er war ständig in Bewegung, ständig mit etwas beschäftigt, saß nie still. Alles an seiner Erscheinung verriet Jovialität: der buschige Bart, die freundlichen nussbraunen Augen, der gemütliche Bauchansatz – er kochte leidenschaftlich gern, vor allem französisch. Seine zweite Leidenschaft galt dem Radfahren, was sich prima ergänzte.

Dan – um keinen Deut besser als ihr Vater – hob den Kopf und witzelte grinsend: »He, ich hab gar nicht gewusst, dass Barry White von den Toten auferstanden ist.« Er lachte gackernd.

Nettie wünschte, er hätte weniger Ähnlichkeit mit Damon Albarn, dann wäre es ihr leichter gefallen, böse auf ihn zu sein. Er war ganz derselbe Typ: groß und schlaksig, runde blaue Kulleraugen, mausbraunes Haar und stets einen frechen Spruch auf den Lippen. Immer in lässigen Klamotten (Jeans, Turnschuhe und Kapuzenpulli), lief er meist mit eingezogenem Kopf herum, weil gewöhnlich irgendeine Ex oder ein aufgebrachter Kunde ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte. Dan hatte zwar momentan keine Freundin, aber Nettie rechnete damit, dass sich das bis zum nächsten Wochenende geändert haben würde.

»Ha, ha«, sagte sie bissig. Sie massierte sich die Schläfen und tapste schwankend in die Küche. Ihren Bademantel hatte sie fest zugeschnürt, die langen braunen Haare hingen zerzaust runter. Sie blieb mit dem Fuß in den Schlaufen der Handtasche ihrer Mutter hängen, die auf ihrem üblichen Platz an der Wand neben dem Tisch lehnte, strauchelte und fiel über einen Stuhl.

»Ach, verdammt noch mal!«, schimpfte sie, gereizt vor Schreck. »Muss das Ding denn da stehen? Das ist ja die reinste Stolperfalle!«

»Liebes«, sagte ihr Vater beschwichtigend, »du weißt, dass deine Mutter sie gerne dort hinstellt.« Er schob die Tasche an die Wand und versteckte die Griffe in der Öffnung. »Komm, setz dich.« Er zog einen der buntgestrichenen Stühle heraus – den orangeroten – und drückte sie behutsam darauf. Der Küchentisch bestand aus ungebleichtem Holz, und die Stühle hatten jeder eine andere leuchtende Farbe. »Ich mache dir einen Tee, ja? Du weißt ja, was deine Mutter immer sagt: Eine schöne Tasse Tee hilft immer.« Nettie bedachte ihn mit einem gereizten Blick, den er entweder ignorierte oder, was wahrscheinlicher war, überhaupt nicht bemerkte. »Warst wohl wieder mit Jules aus, was?«

»Ich hasse sie«, brummelte Nettie. Jetzt trottete Scout zu ihr hin, um sie zu begrüßen und sich seine Streicheleinheit abzuholen. Scout war Dans heißgeliebter Norfolk Jack Russell Terrier. Nettie schaute traurig auf ihn hinab. In ihrem Zustand war es ihr unmöglich, sich so weit runterzubeugen. Zumindest nicht, wenn sie ihren Mageninhalt bei sich behalten wollte.

»Und trotzdem lässt du dich immer wieder breitschlagen …«, bemerkte Dan, übers Fahrrad gebeugt. Er versetzte das Hinterrad in Drehung, zog an den Handbremsen, überprüfte die Bremsscheiben. Nachdem ihr Vater den Kessel aufgesetzt hatte, vertiefte er sich ebenfalls gleich wieder in die Radpflege. Das Teekochen war für den Moment vergessen. Nettie beobachtete die beiden mit schlaffem Unterkiefer und verschwommenem Blick.

Zu Anfang war Dan immer gekommen, um sie, Nettie, zu besuchen. Sie war elf und er dreizehn gewesen, als sie sich kennenlernten. Er hatte Zeitungen ausgetragen und war gerade an ihrem Haus vorbeigekommen, um den Guardian zuzustellen, als sie aus der Haustür trat. Sie gingen auf dieselbe Schule, aber er war zwei Klassen über ihr, und sie hatten bis dahin noch kein Wort miteinander gewechselt. Am darauffolgenden Samstag beobachtete sie von ihrem Zimmer im ersten Stock aus, wie er am Rand des Platzes, an dem ihr Haus stand, auf der Lauer lag. Als die Haustür aufging, sprintete er los. Er war kaum in Sichtweite ihres Hauses, da verfiel er in eine lässige Gangart. Leider hatte er das Pech, dass es diesmal Netties Mutter war, die herauskam, nicht Nettie.

Danach achtete Nettie darauf, an Samstagen immer um dieselbe Zeit die Haustür zu öffnen. Es dauerte nicht lange, und er wurde auf einen Kakao in die Küche gebeten, weil es einfach zu kalt war, um sich draußen vor der Tür zu unterhalten. Netties Mutter schnalzte missbilligend, als sie bemerkte, dass er ohne Handschuhe herumlief. Also strickte sie ihm welche zu Weihnachten, was Nettie schrecklich peinlich fand. Ab da – Dan war seinen Job als Zeitungsjunge inzwischen los, weil sich seine Lieferungen ab Chalcot Square 19 chronisch verspäteten – kam er auch so regelmäßig samstags zu ihnen. Netties Mutter war davon überzeugt, dass er sich bei ihnen wohler fühlte als in seinem eigenen Zuhause. Und während Nettie größer wurde und in die Schlafgewohnheiten einer Pubertierenden verfiel – sie kam an den Wochenenden manchmal erst gegen Mittag aus dem Bett –, verbrachte Dan mehr und mehr Zeit mit Netties Vater, der ihn inzwischen als eine Art Ziehsohn angenommen hatte – obwohl Dan zu dem Zeitpunkt bereits vier Stiefväter hatte kommen und gehen sehen.

Netties Kopf sank auf die Tischplatte. Die beiden Männer werkelten ungerührt weiter. Aber sie war es gewohnt, an Samstagen ignoriert zu werden. Der Wasserkessel kochte wild vor sich hin, was von den Männern keiner bemerkte. Da musste sie wohl oder übel selbst ran … Stöhnend erhob sie sich.

»Ach, tut mir leid, Liebes!«, rief ihr Vater, der sein Versehen erst bemerkte, als sie mit ihrer vollen Teetasse zum Tisch zurückschlurfte. »Ihr Mädels habt euch gestern also prächtig amüsiert, ja?«

»Jep«, antwortete Nettie und ließ sich wie ein Sandsack auf ihren Stuhl plumpsen. Sie wünschte, er würde aufhören so zu tun, als interessierte er sich für ihre Unternehmungen. In Wirklichkeit nahmen seine eigenen kleinen Projekte seine Zeit und sein Interesse vollkommen in Anspruch – seine tägliche Radtour durch den Regent’s Park, der Anwohnergarten in der St George’s Terrace, wo die Bewohner des Viertels Obst und Gemüse ziehen konnten; seine Bemühungen, genug Unterschriften für die Einrichtung eines Bauernmarkts zusammenzubekommen, seine Modellbauprojekte etc.

Um die Wahrheit zu sagen, sie hatte den vergangenen Abend eigentlich selbst nur noch verschwommen in Erinnerung. Was nutzte es einem, sich wer weiß wie »prächtig« zu amüsieren – wenn einem danach jede Erinnerung daran fehlte, weil man sie buchstäblich weggesoffen hatte? Und das einzige Souvenir, das man zurückbehielt, war ein Mega-Brummschädel?

Sie holte den Laptop unter den Zeichnungen hervor, die überall auf dem Tisch verstreut lagen. Ihr Vater war Kinderbuchautor und Illustrator und zehrte noch von seinem frühen Erfolg in den Achtzigerjahren. Derzeit arbeitete er an einer modernen Interpretation der Erzählung vom Rattenfänger von Hameln – eine Auftragsarbeit, die er angenommen hatte, weil sein bisheriger Verlag den Vertrag mit ihm nicht verlängert hatte. Mindestens vierzig Entwürfe des Rattenfängers lagen über den Tisch verstreut, einige davon zerknüllt in der Ecke. Weil es eine Auftragsarbeit war, musste »alles perfekt sein«, wie ihr Vater behauptete. Nettie vermutete insgeheim, dass er vor allem deshalb nicht weiterkam, weil er während seiner Arbeitszeiten zu oft in Gedanken versunken an die Wand starrte. Das Haus war zwar längst abbezahlt, aber Nettie wusste, dass er sich wegen seiner schwindenden Tantiemen Sorgen machte. Und das bisschen Miete, das sie dazuschusterte, reichte nicht, um die Ausgaben zu decken. Aber ihr Vater weigerte sich kategorisch, mehr von ihr anzunehmen.

Sie klappte den Laptop auf und rief lethargisch ihre Mails auf. An ihrem Tee nippend, verfluchte sie Jules für die Idee, sich nach einem miesen Tag im Büro die Birne mit Toffee-Wodka vollzuknallen.

»Und wo seid ihr gewesen?«, wollte ihr Vater wissen.

Ein Zucken lief über Netties Gesicht. Sie wollte gar nicht dran denken. »Ach, in so einer neuen Wodkabar in der Prince Albert Road«, nuschelte sie in einem Ton, der weitere Fragen verbot.

Als sie sah, dass das Ladesymbol noch immer rödelte, runzelte sie die Stirn. Sie trank einen Schluck Tee und starrte aus dem Fenster. Der Himmel war bräunlich-grau wie ein alter, zu oft benutzter Büstenhalter, dessen Fleischfarbe einen Grauschleier bekommen hat.

Ihr Blick fiel wieder auf den Monitor. Komm schon. Was brauchte der so lange?

Sie schob den Arm über den Tisch und ließ den Kopf darauf sinken. »Dad, ist was mit dem WLAN?«

»Nicht dass ich wüsste. Ich war vor einer Stunde im Internet, und es lief einwandfrei. Wieso?«

»Ich komme nicht an meine Mails. Es rödelt und rödelt.«

»Da scheint was Größeres unterwegs zu sein«, lautete die hilfsbereite Antwort ihres Vaters. »Warte einfach noch eine Sekunde.«

»Ich hab schon drei gewartet!«

Dan lachte. »Bist ja das reinste Geduldslamm.«

Sie warf ihm einen bösen Blick zu.

»Erwartest du vielleicht Fotos? Die können schon mal den Eingangsordner verstopfen«, warf ihr Vater schlichtend ein.

»Oh nein! Sag bloß, du hast dir wieder eine ganze Ladung Selfies geschickt?«, neckte Dan. Nettie vergrub stöhnend den Kopf im Bademantel. Musste er ihr das denn ewig aufs Butterbrot schmieren?

Dan, der erkannte, dass sie heute früh nicht allzu viele Reserven hatte und in Kürze ganz offiziell die Beleidigte spielen würde, riss sich vom Fahrrad los und erhob sich. »Na gut, ich schau’s mir mal an.«

»Ah, Moment! Es geht wieder!«, zirpte sie erfreut.

Dan, der auf halbem Weg zu ihr war, blieb abrupt stehen. Sie grinste dreckig und schlürfte geräuschvoll an ihrem Tee. Dan wandte sich seufzend ab und ging wieder an seinen Platz zurück. Er war’s gewöhnt, dass sie ihre schlechte Laune an ihm ausließ, wenn sie verkatert war.

Nach der ungewöhnlich langen Wartezeit erwachte der Monitor zum Leben, und die E-Mails purzelten nur so in den Eingangsordner. Sie konnte kaum mithalten, so schnell wie sie geladen wurden, doch ihr fiel immerhin ein Wort ins Auge, das jede der Mails zu enthalten schien: Twitter.

»Was zum Teufel …?«, flüsterte sie. Und noch immer flackerte der Bildschirm, eine wahre Nachrichtenflut. Und alle mit derselben Botschaft: »Du hast einen neuen Follower …«

Nettie verfolgte das Schauspiel mit runterhängender Kinnlade. Das musste ein Irrtum sein. Ein Virus! O nein. Oder vielleicht hatte sich eine Taste verklemmt? Sie untersuchte die Tastatur. Nein, alles in Ordnung, jedenfalls soweit sie es beurteilen konnte. Die Flut hielt noch eine Weile an, dann war es abrupt zu Ende.

Zögernd – sie war nicht sicher, ob sie in ihrem Zustand nicht vielleicht halluzinierte – begann sie mit den Pfeiltasten durch die einzelnen Nachrichten zu scrollen, wurde es nach ein paar Dutzend jedoch müde und benutzte die Bild-Tasten. Ein neuer Follower nach dem anderen – und sie kannte keinen einzigen davon. Wer waren diese Leute?

»Was ist?«, fragte Dan, durch ihre ungewöhnliche Stille aufmerksam geworden.

Nettie antwortete nicht, sie hatte ihn gar nicht gehört. Fassungslos blätterte sie weiter. Wahrscheinlich war sie noch immer betrunken. Das war die einzige Erklärung, die ihr einfiel.

Sie beugte sich näher zum Bildschirm.

»Nets?«

Keine Antwort.

»Ich … ich kann’s nicht glauben. Unmöglich«, murmelte Nettie. Einige Mails – die meisten, um genau zu sein – enthielten einen bestimmten Link, dessen Mischung aus Buchstaben und Zahlen Nettie jedoch überhaupt nichts sagte.

In diesem Moment klingelte es an der Haustür. Netties Vater hievte sich auf die Beine. »Ah! Das muss das Ersatzrad sein!«, verkündete er erfreut und verschwand.

Von Netties ungewöhnlichem Verhalten neugierig geworden, erhob sich nun auch Dan, das Problem mit der Bremse vorübergehend vergessen. Schimpfend ging er zu Nettie. »Dann muss der Berg eben zu Mohammed – ach, du heilige Scheiße!«

»Kannst du laut sagen!«

Eine Hand auf Netties Schulter gelegt, verfolgte jetzt auch Dan die ungewöhnlich hohe Aktivität in Netties Postfach. Eine Weile schwiegen beide. »Wie viele sind das eigentlich?«

»Weiß nicht, hab sie noch nicht gezählt. Es sind einfach zu viele«, klagte Nettie.

»Zählen? Hast du sie noch? Ruf einfach deinen Twitter-Account auf.« Nettie versuchte es, aber ihre zittrigen Finger wollten nicht die richtigen Tasten finden. Sie barg stöhnend den Kopf in den Händen.

Dan schnalzte missbilligend und zog den Laptop in seine Richtung. Mühelos flogen seine Finger über die Tasten. Schon hatte er Netties Twitter-Seite aufgerufen. »Wie viele Follower hattest du denn bisher?«

Sie überlegte. »Siebenunddreißig? Kann das sein?«

Dans Finger verharrten über der Tastatur. »Im Ernst?! Dass dein Bekanntenkreis eher überschaubar ist, wusste ich ja, aber …«

»Ach, halt die Klappe. Twitter ist einfach nicht mein Ding.«

Dan lachte leise, sagte aber nichts weiter. Die Augen auf den Bildschirm geheftet, flatterten seine Finger klappernd über die Tasten. Nettie streckte den Arm auf der Tischplatte aus und ließ den Kopf darauf sinken. Ihre Lider fielen zu.

»Ist sicher bloß ein Irrtum, irgend so eine verrückte Verwechslung«, sagte sie schläfrig. »Wie wenn man plötzlich eine Million auf dem Konto hat, weil die von der Bank bei einer Überweisung einen Zahlendreher reinbekommen haben.«

»Klar, weil so was ja jeden Tag vorkommt«, bemerkte Dan sarkastisch. Dann lachte er verblüfft auf. »Mein Gott, Nets! Rate mal, wie viele Follower du jetzt hast?«

»Weiß ich doch nicht!«, jammerte sie.

»Zweizwei.«

Netties verklebte Lider öffneten sich widerwillig. »Zweiundzwanzig? Soll das heißen, ich hab sogar welche verloren?«

»Tausend, du Dummerchen. Zweitausendzweihundert!«

Nettie richtete sich abrupt auf. Hatte sie sich verhört? »Was hast du gesagt? Zweitausend…!?«

Dan nickte mit leuchtenden Augen.

»Aber wieso?«

»Das fragst du mich? Woher soll ich das wissen?« Dan setzte sich lachend auf die Tischkante. Er verschränkte die Arme. »Jetzt komm schon, Nets, raus mit der Sprache. Man hat nicht plötzlich 2.200 Follower, ohne zu wissen warum.«

»Aber ich weiß es nicht!«, rief sie in heller Aufregung. Sie schlug die Hände vor den Mund. »Was wollen diese Leute von mir? Warum verfolgen sie mich? Dan, um Himmels willen, was hab ich getan?«

Dans Grinsen erlosch. Er konnte sehen, dass Nettie es ernst meinte. »Du weißt es wirklich nicht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Könnte Jules es wissen?«

»Jules?«, wiederholte Nettie. Panik kroch wie auf leisen Katzenpfoten in ihre Augen.

»Es muss ja wohl irgendwas sein, was gestern passiert ist. Und dein kolossaler Brummschädel lässt darauf schließen, dass dieses Ereignis sich auf den Kneipenabend einengen lässt. Du warst mit Jules aus. Und dass solche Abende mehr oder weniger katastrophal enden, wäre ja nichts Neues.«

Verschwommene Erinnerungen tauchten in Netties hämmerndem Brummschädel auf, Erinnerungen an Toffee-Wodka, an Gegröle und Gelächter.

O nein.

»Es gibt nur eine Möglichkeit, es rauszufinden.«

Dan hielt ihr das Telefon hin.

3. Kapitel

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