A Cactus for Christmas - Danara Devries - E-Book
SONDERANGEBOT

A Cactus for Christmas E-Book

Danara DeVries

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine verschneite Hütte. Ein Doppelbuchung. Eine Liebe, die alles verändert. Ivy Bennett braucht eine Auszeit – von Social Media und von ihren 200.000 Followern. Ein abgelegenes Chalet in Vermont soll ihr die ersehnte Ruhe bringen. Doch statt Einsamkeit findet sie einen mürrischen Fremden namens Leo, der sie am liebsten sofort wieder loswerden würde. Als ein Schneesturm sie einschließt, haben beide keine Wahl. Zwischen Kaminfeuer und Schneeballschlachten entsteht etwas Unerwartetes. Doch Leo verbirgt ein Geheimnis, das ihre frische Liebe auf eine harte Probe stellen wird. Manchmal muss das Herz erst brechen, bevor es richtig heilen kann. Eine Geschichte über die Erkenntnis, dass die stacheligsten Herzen am empfindlichsten sind.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Newsletteranmeldung
Kapitel 1
Ivy
Kapitel 2
Noah
Kapitel 3
Ivy
Kapitel 4
Noah
Kapitel 5
Ivy
Kapitel 6
Noah
Kapitel 7
Ivy
Kapitel 8
Noah
Kapitel 9
Ivy
Kapitel 10
Noah
Kapitel 11
Ivy
Kapitel 12
Noah
Kapitel 13
Ivy
Kapitel 14
Noah
Kapitel 15
Ivy
Kapitel 16
Noah
Kapitel 17
Ivy
Kapitel 18
Noah
Kapitel 19
Ivy
Kapitel 20
Ivy
Kapitel 21
Noah
Kapitel 22
Noah
Kapitel 23
Noah
Kapitel 24
Noah
Kapitel 25
Ivy
Kapitel 26
Noah
Kapitel 27
Ivy
Kapitel 28
Noah
Kapitel 29
Ivy
Kapitel 30
Noah
Epilog
Ivy
Dir hat »A Cactus for Christmas« gefallen?
Über die Autorin
Weitere Romane von Danara DeVries

Buchbeschreibung:

Eine verschneite Hütte. Eine Doppelbuchung. Eine Liebe, die alles verändert.

Ivy Bennett braucht eine Auszeit – von Social Media und von ihren 200.000 Followern. Ein abgelegenes Chalet in Vermont soll ihr endlich Ruhe bringen. Doch statt Einsamkeit wartet dort ein mürrischer Fremder namens Leo, der sie am liebsten direkt wieder loswerden würde.

Als ein Schneesturm sie einschließt, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich aufeinander einzulassen. Zwischen Kaminfeuer, Schneeballschlachten und leisen Momenten wächst etwas Unerwartetes.

Doch Leo trägt ein Geheimnis mit sich, das alles verändern könnte.

Manchmal muss das Herz erst brechen, bevor es richtig heilen kann.

Eine Geschichte über die Erkenntnis, dass die stacheligsten Herzen oft die empfindlichsten sind.

1. Auflage 2025

© Danara DeVries – alle Rechte vorbehalten.

Danara DeVries

c/o Impressumservice K.Mothes

Geschwister-Scholl-Str. 31

06869 Coswig (Anhalt)

Lektorat: Lektorat Franziska Schenker

Covergestaltung: Constanze Kramer, coverboutique.de

Bildnachweise: ©NatalyFox – shutterstock.com, freepik.com, rawpixel.com, elements.envato.com

[email protected]

https://www.danara-devries.de

Newsletteranmeldung

Dir gefallen meine Geschichten?

Du möchtest über Neuerscheinungen informiert werden und kein Buch mehr verpassen? Dann melde dich hier für meinen Newsletter an!

Als Dankeschön bekommst du die erotische Geschichte »Weihnachten im Hause Rosin« und noch vieles mehr: exklusive Releaseinformationen, Coverenthüllungen, Neuigkeiten zu aktuellen Projekten und jede Menge Bonusmaterial!

Sollte der Link nicht funktionieren, probier einfach diesen hier:

https://www.danara-devries.de/newsletter_2025/

Vielen Dank für deine Anmeldung!

Deine Danara

Für dich.

Du bist nicht zu wenig.

Du bist genug.

Deine Narben erzählen von deinen Kämpfen.

Und davon, dass du nicht aufgegeben hast.

Du bist immer noch genug.

Du warst es immer.

Und du wirst es immer sein.

Dieses Buch enthält sensible Inhalte.

Unter diesem Link findest du eine detaillierte Liste mit Contentwarnungen.

https://www.danara-devries.de/hinweise-zu-meinen-buechern/

Kapitel 1

»Offensichtlich bin ich mit einem mürrischen Fremden und einem traumatisierten Kaktus eingeschneit.«

Ivy

»Wenn ich hier erfriere, Marley Quinn, dann kannst du was erleben.« Mit eiskalten Fingern klammere ich mich ans Lenkrad, beuge mich vor und spähe durch die Windschutzscheibe.

Die Scheibenwischer meines uralten Mini Cooper arbeiten auf Hochtouren und die Heizung … nun ja, die hat sich mit einem verzweifelten Röcheln das letzte Mal vor fünfzehn Meilen zu Wort gemeldet. Seitdem bläst mir eiskalte Luft aus den Schlitzen am Armaturenbrett entgegen.

»Stell dich nicht so an, Bennett. Laut der Info von der Rezeption müsstest du das Chalet gleich sehen.« Vom Bildschirm meines Smartphones strahlt mich die weiß gestrichene Decke von Marleys Wohnung an. Dann erscheint die untere Ansicht ihrer Nase, gerahmt von krausen Locken. »Also hier steht, du musst der Hauptstraße der Anlage folgen, immer am Zaun entlang, bei der zweiten Einfahrt links, die du laut deinen Angaben genommen hast, und dann müsste irgendwann das Chalet in Sicht kommen. Nach circa 300 Fuß …«

Wagemutig schiele ich nach rechts aus dem Beifahrerfenster. »Wenn da ein Zaun ist, sehe ich ihn dank des Schneetreibens nicht!«

»Da ist kein Zaun, weil du den Zaun bereits passiert hast und durch das Tor bist.« Genervt stöhnt Marley auf. »Beruhige dich, Ivy. Du bist gleich da. Ich hab dir doch den Standort geschickt.«

Ein besonders heftiger Windstoß lässt den Mini erzittern und mein Herz setzt für einen Moment aus. Erinnerungen an den Sturm in Alaska flackern auf – wie ich damals stundenlang im Auto festsaß, während Äste gegen die Windschutzscheibe krachten. Ich schiebe den Gedanken weg und konzentriere mich aufs Fahren.

Mir entweicht ein entrüstetes Schnauben. »Der Standort hat mich mitten in den Wald geführt!« Danach bin ich umgedreht und den Anweisungen aus dem Smartphone, vorgelesen von Marley, erneut gefolgt.

»Gibs doch einfach zu. Das Chalet gibt es nicht, du bist auf einen Scam reingefallen oder ich verirre mich restlos in der Wildnis –«

»Das ist Vermont, Ivy, nicht Alaska.« Das Bild wackelt und kurz darauf blickt mich Marley an. Mittlerweile scheint sie auf dem Sofa Platz genommen zu haben. Vermutlich liegt bereits eine warme Kuscheldecke über ihren Knien, während ich mich durch verschneite Straßen kämpfen muss. »Der Code für das Tor hat gestimmt, oder?«

»Richtig, Vermont ist viel schlimmer.«

Am anderen Ende des Gesprächs seufzt Marley, lang gedehnt und leidgeprüft. Liebevoll lächelt sie mich an. »Verschneite Berge, eine Holzhütte mit Schornstein, Kamin und rustikaler Einrichtung. Zwei Wochen Ruhe nur für dich. Heiligabend verbringst du noch in der Hütte und Silvester machen wir wieder Party. Du wirst sehen, das tut dir gut. Und du kommst endlich über die geplatzte Kooperation hinweg. Du kannst deinen Kanal auch ohne die schmierigen Aasgeier betreiben.«

Genervt schnaube ich. »Wenn ich dabei draufgehe, kümmerst du dich dann um meinen Kaktus, ja?«

»Du meinst, das stachelige Hilfsprojekt, das du auf jedem deiner Insta-Fotos mitschleppst, damit alle denken, du wärst liebenswert?«

»Ich bin liebenswert. Manchmal. Aber nicht an Weihnachten. Er hat den Kaktus nach mir geworfen und ich hab ihn mitgenommen. Deshalb ist er auf jedem meiner Fotos.« Und damit irgendwie zum Symbol meiner Unabhängigkeit geworden. Scharf atme ich ein und verbiete mir, an meinen Ex zu denken. Stattdessen schärfe ich meinen Blick und konzentriere mich darauf, sanft Gas zu geben, damit sich der Cooper nicht in den Schneemassen festfährt. Kalter Schweiß durchnässt meine Wollmütze und klebt sie an meiner Stirn fest. »Du kümmerst dich um ihn, versprich es. Sonst drehe ich um.«

»Du willst dich ernsthaft den Berg bei diesen Wetterverhältnissen wieder runterkämpfen? Such lieber die Hütte.«

Diese … Frau treibt mich irgendwann noch in den Wahnsinn. Die Idee mit der Hütte war ja lieb gemeint, aber ich hasse sie schon jetzt.

Angesäuert verziehe ich das Gesicht. »Wenn ich das durchstehe, kostet dich das eine geniale Silvesterparty und danach will ich nie wieder etwas von Ausspannen und Abschalten in den Bergen hören. Hörst du? Nie wieder.«

Marley wirft den Kopf zurück und lacht. »Ich hab dich lieb, Ivy.«

»Ja, ich dich auch.« Innerlich kommen erste Zweifel auf, ob ich hier wirklich richtig bin. Die Beschreibung des Chalets klang so vielversprechend, nach echter Erholung und emotionaler Entlastung.

Genau das Richtige für meine aktuelle Situation.

»Was du brauchst, Liebes, ist Abstand. Kein Druck mehr. Einfach nur Ruhe und Alleinsein, damit du dir darüber klar werden kannst, was du im Leben willst.« Marley schnaubt. »Deine Touren und Fotos sind toll, aber sie sind mehr ein zielloses Umherirren. Du kommst nirgendwo an. Das muss aufhören. Und dieses Chalet ist der perfekte Ort dafür.«

Intuitiv weiß ich, dass Marley recht hat, aber hören will ich es trotzdem nicht.

»Jaja«, grummle ich und blinzle in die Dunkelheit. »Ich glaube, ich seh irgendetwas.«

Ein schemenhaftes Gebilde schält sich aus dem Schneetreiben. Erst ist es nur ein Schatten, eine konturlose Nuance auf dunklem Hintergrund, doch plötzlich wird zwischen den Bäumen ein unscheinbares Leuchten sichtbar. Je näher ich rolle, desto heller wird es. Ein Schornstein erhebt sich aus der Nacht. Rauchschwaden wabern sanft in den Himmel. Schneeflocken fallen gemächlich zu Boden.

Und mich durchflutet Erleichterung. Ich hätte nie gedacht, dass ein bisschen Licht und ein Hauch Rauch mich so glücklich machen könnten.

»Halleluja«, entfährt es mir. »Gefunden!« Innerlich wie äußerlich atme ich auf. »Und jemand hat das Licht angemacht und den Kamin eingeheizt.«

Aber wieso? Sind Ferienchalets jetzt schon vorgewärmt?

»Siehst du. Alles wi-ird gu-ut.« Plötzlich ruckelt das Bild, Marleys Stimme kommt nur noch verzerrt aus dem Lautsprecher. Kurz darauf wird der Bildschirm schwarz. Na toll, kein Empfang mehr. Ich wusste ja, dass der Empfang an Berg schlecht ist, aber so ganz alleingelassen durch die Dunkelheit zu tuckern, versetzt meiner Laune einen weiteren Dämpfer.

»Zum Glück bin ich fast da.« Fester umklammere ich das Lenkrad und rolle durch ein offen stehendes Tor auf einen verschneiten Hof. Von einer dicken Schneeschicht bedeckte Tannen säumen den Weg, unter den Reifen knirscht und knackt es. Zweige, Kies, schießt mir die Erklärung durch den Kopf, während ich wie paralysiert die erleuchteten Fenster absuche. Da muss jemand drin sein.

Andererseits finde ich keine Reifenspuren, nichts, was darauf hindeutet, dass das Chalet tatsächlich bewohnt ist.

Ich werfe einen Blick in die Kiste mit meinen überlebensnotwendigen Dingen, die ich auf dem Beifahrersitz gestellt habe. Mein kleiner Kaktus steht wie eine Eins in seiner Keramikschale, als ob er mir Mut zusprechen wollte.

Niemand wohnt in der Hütte. Da war nur jemand freundlich und hat das Licht für mich angemacht, damit die verpeilte Influencerin den Weg findet.

»Ja, das wird es sein.« Ich atme tief durch, schalte den Motor ab und reibe die zitternden Hände aneinander. Meine Nase läuft und ich bin halb erfroren.

Aber ich bin hier. Ich habs geschafft.

Um mir die Finger zu wärmen, puste ich in die gefalteten Hände. Drinnen lockt kuschelige Wärme, doch ein Rest Zweifel bleibt.

Marley ist sonst eigentlich gut im Organisieren, aber sie hat sich auch mal für zwei Wochen ein Airbnb in der Nähe von Atlantic City gebucht, das sich als leer stehende Autowerkstatt entpuppt hat. Mit einem streunenden Kater im Waschbecken.

Ich löse mein Telefon von der Halterung am Armaturenbrett, steige aus, ziehe den Rucksack auf und hole die Kiste mit meinem Kaktus und einigen Lebensmitteln – Prioritäten – vom Beifahrersitz. Der Schnee reicht mir fast bis zu den Waden, während ich mich mit der Klappkiste zur schneebedeckten Veranda durchkämpfe. Über der Tür hängt ein Holzschild mit der Aufschrift ›Winter Wish Chalet‹. Hört sich mehr nach Kitsch als nach verlassener Wildnis an.

Bevor ich am Griff rüttle, stelle ich die Kiste ab und klopfe ich sicherheitshalber an die Tür. Keine Antwort.

»Na klar, Bennett. Wer sollte dir auch antworten? Die Hütte gehört dir für ganze vierzehn Tage.«

Ich schüttle den Kopf, öffne die Nachricht von Marley mit dem Schlüsselcode und tippe ihn in das Schloss an der Tür ein.

Beep. Beep. Beep.

Klack.

Und die Tür springt auf.

»Das ist schon mal die richtige Hütte.« Ich stecke mein Handy weg, bücke mich nach der Kiste, hebe sie hoch und schiebe mit dem Rücken die Tür auf.

Als ich eintrete, spüre ich förmlich, wie die Anspannung von mir abfällt. Wärme schlägt mir entgegen, zusammen mit dem harzigen Duft von Kaminholz. Mit dem Rücken lehne ich mich gegen die Tür, drücke sie zu und kicke mir die Schuhe von den eiskalten Füßen. Noch ehe ich mir einen Platz für meine Kiste suchen kann, höre ich ein Geräusch.

Ein Husten.

Ich erstarre und lausche.

»Was zum …?«

Tief und männlich räuspert sich jemand.

Und es klingt definitiv nicht erfreut.

Vorsichtig löse ich mich aus der Erstarrung, beuge mich vor und spähe um die Ecke des Eingangsbereichs, trete einen zögerlichen Schritt nach vorn, sodass ich ins Wohnzimmer blicken kann.

Ein Mann, der so aussieht, als hätte er die letzten drei Tage nicht geschlafen, erhebt sich von der Couch und fixiert mich, als sei ich dafür verantwortlich. Er trägt einen grauen Rollkragenpullover, dessen hochgeschobene Ärmel Unterarme voller Tattoos entblößen. Dazu eine schwarze Jogginghose, die er mit einem Ausdruck im Gesicht kombiniert, der irgendwo zwischen Mordlust und Bitte-nicht-schon-wieder-Menschen pendelt.

Ich blinzle ihn an.

Er blinzelt zurück.

Eine ganze Weile sagt keiner von uns beiden etwas.

Ich setze ein freundliches Lächeln auf und versuche, möglichst harmlos zu klingen. »Hi. Ich bin Ivy Bennett und ich glaube, Sie sind im falschen Chalet.«

Er mustert mich von oben bis unten, langsam.

Instinktiv halte ich den Atem an und drücke mir die allmählich schwer werdende Kiste an die Brust, um im Notfall davon sprinten zu können.

Nur in Socken.

Mist.

Der Mann seufzt. »Leo Bennett. Und ich bin nicht im falschen Chalet.«

Oh?

Oh.

Ich runzle die Stirn.

Marley hatte bei der Buchung meinen Namen angegeben.

Ivy Bennett.

Das war doch eindeutig, oder?

Ich verstehe nicht, was dieser Typ hier macht.

»Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor.« Panik keimt in mir auf.

Da ist ein Mann in meinem Chalet. Marley!

»Genau, Sie sind das Missverständnis.« Der Mann verschränkt die Arme vor der Brust und nickt in Richtung Tür. »Und hier falsch. Es wäre das Beste, wenn Sie einfach gehen würden.«

»Wie bitte? Haben Sie eine Ahnung, was da draußen los ist?«

Spinnt der Kerl? Ich habe mich gerade zwei Stunden einen verschneiten Berg hinaufgekämpft, bin unzählige Straßen abgefahren, habe es nur dank des emotionalen Beistands meiner besten Freundin – und meines Kaktus – überhaupt hier her geschafft und er verlangt von mir, dass ich gehe?

Was ist das denn für ein Typ?

Noch nie etwas von … Ritterlichkeit gehört?

Er wirft einen Blick nach draußen, verzieht leicht das Gesicht. »Interessiert mich nicht. Ich bin hier, weil ich meine Ruhe haben will. Sie stören mich dabei. Bitte.« Er deutet nach draußen.

»Vergessen Sie’s.« Ich trete ins Innere der Hütte und stelle meine Kiste auf den Esstisch vor dem Fenster. Die einzige gerade Fläche, denn das Chalet scheint aus nicht viel mehr als aus diesem einen Raum zu bestehen. Eine Treppe führt in ein Obergeschoss.

»Wollen Sie etwa bleiben?« Mit einem leichten Anflug von Panik starrt er meine Kiste an.

»Nein, doch.« Genervt zerre ich mir die Mütze vom Kopf und lege sie in die Kiste auf einen Stapel Konserven. »Im Augenblick will ich nur klären, wie es dazu kommen konnte, dass Sie in meiner Hütte sind.« Ich ziehe mein Telefon aus der Jackentasche und wähle Marleys Nummer.

Sie hat die Hütte gebucht, also ist sie verantwortlich.

»Das ist meine Hütte, ich bin bereits seit drei Wochen hier.« Er lehnt sich mit der Hüfte gegen die Lehne der Couch.

Im Kamin knistert ein herrliches Feuer.

Genau darauf habe ich mich gefreut.

Aufs Alleinsein, prasselndes Kaminfeuer und Ruhe.

Dass ich jetzt den Berg wieder runter soll, verhagelt mir die Freude, diesen Ort überhaupt gefunden zu haben.

Aus dem Telefonhörer erklingen nur Störgeräusche.

Na toll.

»Drei Wochen?« Ich lasse das Gerät sinken. »Und da denken Sie nicht, dass es an der Zeit wäre, die Hütte für den nächsten Gast zu räumen?«

Vielleicht hat er einfach vergessen, abzureisen?

»Ich zahle, also kann ich so lange bleiben, wie ich will.«

Der grimmige Ausdruck in seinem Gesicht soll mich wohl einschüchtern, aber ich bin durch dreiundvierzig Bundesstaaten mit einem Bulli gefahren, allein. Der Mann, der mich zurückweichen lässt, muss erst noch geboren werden.

Die Wahrheit sieht jedoch etwas anders aus.

Ich bin nur deshalb gefahren, weil es diesen einen Kerl bereits gab und ich mir geschworen habe, mich niemals wieder von einem Typen kleinkriegen zu lassen.

Niemals. Wieder.

»Aber nicht, wenn Sie in meinem Chalet hocken. Haben Sie vielleicht vergessen, abzureisen?«

Weil die verschneite Wildnis so schön ist?

Ich kann es ihm nicht verdenken.

»Das ist nicht Ihr Chalet, Ms. Bennett, das ist mein Chalet. Sie können nicht einfach auftauchen und etwas Derartiges behaupten.« Genervt fährt er sich durchs Haar. Leicht gewellte Locken, die sich verführerisch um seine Schläfen kräuseln und so schwarz sind, dass der Schein des Feuers sie glänzen lässt. Ein paar angegraute Strähnen lassen ihn noch attraktiver erscheinen. »Als ob gerade ich eine Person in meiner Nähe gebrauchen könnte, noch dazu … Nein.« Er schüttelt den Kopf, ich starre ihn ratlos an.

»Hey, ich bin genauso unschuldig. Ich habe nur die Adresse bekommen. Meine Freundin hat das Chalet gebucht.«

Allmählich werde ich wütend. Zwei Wochen Ruhe, hat Marley gesagt, und jetzt ist ein Kerl hier.

Gnade ihr, wenn sie das absichtlich gemacht hat.

»Na gut.« Der Typ seufzt. »Dann rufen Sie Ihre Freundin an und klären das.«

»Geht nicht.«

»Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?« Mit zwei Fingern massiert er sich die Nasenwurzel. In seiner Stimme schwingt eine Portion Gereiztheit mit.

»Weil ich keinen Empfang habe.« Ich drücke mir das Smartphone an die Brust. »Deshalb. Im Übrigen ist es egal. Ich habe eine Buchung.«

Der Kerl – Leo, glaube ich – legt den Kopf in den Nacken. Dann richtet er den Blick wieder auf mich und starrt mich finster an. »Rezeption?«

»Ob die noch besetzt ist.« Ich deute zur Tür hinaus. »Ich musste mich selbst durchs Tor einlassen.« Energisch beuge ich mich vor. »Sehen Sie, ich habe einen Code, was beweist, dass ich eine gültige Buchung habe.«

Er schüttelt den Kopf, lehnt sich über die Rückenpolster der Couch und taucht mit seinem Telefon wieder auf. »Gut, dann rufe ich jetzt die Rezeption an, denn Sie sind anscheinend nicht dazu in der Lage, eine Telefonnummer zu wählen.« Er wirft mir einen zornigen Blick zu. »Und Sie rühren sich nicht von der Stelle. So lange das nicht geklärt ist, ist das mein Chalet und Sie werden es nicht betreten. Haben wir uns verstanden?«

Ich schnaube entrüstet. »Was bilden Sie sich eigentlich ein?«

»Nichts in Bezug auf Sie.« Er starrt mich noch eine Sekunde eindringlich an, bis ich die Lippen spitze und nicke.

Arschloch.

»Meinetwegen. Ich bleibe stehen, betrete Ihr Reich nicht.« Abwehrend hebe ich die Hände.

»Gut«, knurrt er, geht zum Fenster und hält sich das Telefon ans Ohr. Das Tuten dringt bis zu mir.

Wieso hat der Typ Empfang und ich nicht? Gibt’s da einen Trick?

Während wir warten, mustern wir einander feindselig.

Vielleicht sollte ich wieder nach Burlington zu Marley fahren. Sind nur zwei Stunden Fahrt, auch wenn der Gedanke daran genügt, um mir den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben.

Ich will da nicht wieder raus, aber ich würde es tun.

Kurz darauf dringt eine fröhliche Stimme durchs Telefon. »Pinewood-Chalets, hier Chris.«

Wie kann man bei diesem Schneetreiben so gut gelaunt sein?

Der Kerl atmet gedehnt aus.

Fast habe ich das Gefühl, er hat den gleichen Gedanken. Aber dann hätten wir etwas gemeinsam. Was absolut nicht sein kann.

»Hier … Bennett aus Chalet Nr. 12.«

12? Ich öffne Marleys E-Mail und checke die Buchung.

Genau, 12 ist auch mein Chalet.

»Was kann ich für Sie tun, Sir?«

Er fixiert mich, kneift leicht die Augen zusammen und schaltet sein Telefon auf Lautsprecher. »In meinem Chalet steht eine Ms. Ivy Bennett und behauptet, sie hätte dieses Chalet ab heute für …?« Fragend schaut er mich an.

»14 Tage«, erwidere ich und schiebe mein Smartphone in die Jackentasche.

»Für zwei Wochen gebucht. Was absolut nicht sein kann, weil ich das Chalet auf unbestimmte Zeit gebucht habe. Hören Sie? Unbestimmt. Das bedeutet, dass hier niemand auftaucht und mich stört. Ich habe dafür gezahlt.«

Leicht weiche ich zurück und starre ihn mit großen Augen an. Was stimmt denn mit dem nicht? Ich meine, wenn ich mich schon überarbeitet fühle, dann vermittelt der Kerl den Eindruck, als hätte er einen Burn-out hoch zehn.

»Bitte beruhigen Sie sich, Sir«, sagt Chris.

Er stößt ein leises Knurren aus. »Ich möchte Sie mal sehen, wenn eine wildfremde Frau einfach in Ihre Hütte stürmt und behauptet, Sie wären falsch. Ich bin nicht falsch, sondern diese Person.«

Ohne dass ich etwas dagegen unternehmen kann, verdrehe ich die Augen. Ich will mich auch gar nicht zusammenreißen. Nach der Fahrt liegen meine Nerven blank. Seine Anwesenheit in meiner Hütte ist einfach zu viel. »Als ob ich hier auf Sie treffen wollte.«

Das Telefon schweigt. Dem Rezeptionisten hat es offensichtlich die Sprache verschlagen.

Mit einiger Verspätung antwortet er: »Ma’am, Sir, bitte geben Sie mir eine Minute.«

»Sie haben dreißig Sekunden.« Er schmunzelt.

Und mein Mundwinkel zuckt.

Nein!

Ich bin stinksauer, auf ihn, auf den Rezeptionisten, aber irgendwie scheinen wir eine gemeinsame Basis zu haben, die uns gegen den armen Kerl am anderen Ende des Geländes verbindet.

Und das gefällt mir, auch wenn es das nicht sollte.

Schlagartig werde ich ernst. »Zwanzig!« So.

Er beißt sich auf die Unterlippe. »Sie, Ms. Bennett, sind eine knallharte Verhandlungspartnerin.«

»Sie sind aber auch nicht schlecht, Mr. Bennett.«

Als ob ich ihn geschlagen hätte, zuckt er zusammen.

Sein Blick verfinstert sich, ich ahme ihn nach.

Also keine Verbündeten.

Während wir warten, lassen wir einander nicht aus den Augen.

»Also, Ma’am, Sir. Es tut mir wirklich leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber das Chalet wurde offensichtlich unter dem Namen Bennett gebucht.« Er räuspert sich. »Sie sind nicht zufällig verwandt, verheiratet oder verschwägert?«

»Nein!«, sagen wir beide gleichzeitig.

Der Rezeptionist seufzt. »O-okay. Dann handelt es sich wohl um einen Buchungsfehler. Wegen Ihres Nachnamens.«

Seine Gesichtszüge entgleisen und ich glaube, ich sehe gerade genauso aus.

Dann schüttelt er sich. »Wie kann das sein? Nur weil wir den gleichen Nachnamen angegeben haben?«

»Nun.« Der Rezeptionist räuspert sich. »Vielleicht nahm mein Kollege an, Sie, Sir, wollten nur Ihre Buchung verlängern, als Ms. Bennett Ihre Reservierung getätigt hat. Es handelt sich jedenfalls um ein schreckliches Missverständnis.«

Ich schnaube entrüstet. »Ich bin kein Missverständnis.« Ohne dass ich es will, starre ich Mr. Bennett an. »Dann geben Sie mir eben ein anderes Chalet. Das wird ja nicht so schwer sein.«

Meine Lust, raus in die Kälte zu gehen, hält sich in Grenzen, aber ich habe noch viel weniger Muse, mir die Hütte mit dem Kerl zu teilen.

Andererseits, schlecht aussehen tut er ja nicht.

Bennett nickt. »Genau, geben Sie ihr ein anderes Chalet. Das wird ja kein Problem sein.«

»Ähm, ich muss Ihnen leider mitteilen, Ma’am, Sir, dass wir bis nach den Feiertagen komplett ausgebucht sind. Wir bitten um Ihr Verständnis. Sie können sich das Chalet ja teilen. Schließlich gibt es zwei Schlafzimmer.« Mit diesen Worten legt er auf.

Ein Gefühl wie ausgesetzt im Wald überkommt mich. »Er hat einfach aufgelegt.« Eiskalt erwischt mich der Schock und begräbt mich unter der Last von unzähligen Tonnen Schnee.

Bennett schnaubt. »Das kann nicht wahr sein.« Mit zusammengekniffenen Augen fixiert er sein Smartphone, bis der Bildschirm in den Ruhemodus schaltet. »Aber Sie können nicht hierbleiben.«

Alles in mir zieht sich zusammen. Die Erkenntnis ist schlimm, aber die Ablehnung in seinen Augen ist noch viel schlimmer.

Fast wie damals, als ich noch mit Dylan zusammen war. Nie konnte ich ihm gerecht werden, niemals war ich gut genug.

Ich weiß gar nicht, warum es so wehtut.

Der Kerl ist ein Fremder, ein arroganter Mistkerl.

Will ich mit so einem die Hütte teilen?

Ganz sicher nicht.

»Dann werde ich eben gehen«, murmle ich, schnappe mir meine Kiste mit Kaktus und Vorräten, wirble auf den Socken herum. »Ich hatte sowieso nicht vor, die Hütte mit Ihnen zu teilen. Offensichtlich sind Sie eine Person, die keine anderen Menschen in Ihrem Umfeld erträgt.« Im Flur bücke ich mich nach meinen Schuhen. »Und ich will nicht diejenige sein, die Ihr absurdes Einsiedlerleben stört.« Die Boots klemme ich mir unter den Arm und öffne die Tür mit dem Ellenbogen.

»Es tut mir leid. Ich wollte nicht –«

»Ach, reden Sie keinen Blödsinn. Sie sind ein sturer Mistkerl und ich werde jetzt gehen, damit Sie in aller Ruhe weiter stur sein können. Guten Abend!« Angetrieben von einem tief in mir verwurzelten Zorn, drehe ich mich ums Türblatt herum und stapfe nur in Socken auf die Veranda.

Zumindest versuche ich es. Denn weit komme ich nicht.

Eine Böe vom Ausmaß eines mittelschweren Orkans schlägt mir entgegen und drückt mich samt meiner Habseligkeiten zurück, sodass ich stolpere und von starken Armen aufgefangen werde. Die Wucht des Aufpralls lässt meinen Rettern straucheln und zu Boden gehen, während ich auf ihn plumpse. Die Kiste landet mit einem Klappern neben mir, Kaktus, Konserven und Lebensmittel arrangieren sich neu, bleiben aber intakt, da ich vorrausschauend gepackt habe.

»Huch!«, entweicht es mir.

Als ich meine Ellenbogen benutze, um wieder auf die Beine zu kommen, grunzt es hinter mir.

Der Wind ist so kräftig, dass ich kaum Luft bekomme, die Augen gegen die scharfe Kälte zusammenpresse, rapple ich mich auf.

»Damn it!«, flucht Bennett und kämpft sich seinerseits hoch. »Kommen Sie um Himmels willen rein.«

Ich krabble ins Innere und lasse mich erschöpft auf den Hintern sinken.

Bennett stapft an mir vorbei, stemmt sich mit seinem Gewicht gegen die Tür und schiebt sie mit aller Kraft zu. Als er sie endlich verriegeln kann, ist er vollkommen außer Atem.

Ich blinzle perplex. »Aber wie soll ich denn jetzt zu meinem Auto kommen.

»Offensichtlich gar nicht, Ms. Bennett.« Er wischt sich über die Stirn.

»Tja. Dann muss ich wohl hierbleiben und wir müssen uns das Chalet teilen. Vorerst.«

Bennett verzieht keine Miene.

»Ich bin auch total pflegeleicht.« Hoffnungsvoll schaue ich ihn an und versuche, nicht bedrohlich zu wirken.

»Ich nicht«, murmelt er und starrt mich eine Weile finster an, bevor er an mir vorbei ins Wohnzimmer stapft.

Fantastisch. Offensichtlich bin ich mit einem mürrischen Fremden und einem traumatisierten Kaktus eingeschneit.

Kapitel 2

»Manchmal braucht man eben Einsamkeit.«

Noah

Ich hasse Überraschungen.

Vor allem, wenn sie in pinken Daunenjacken in meinem Chalet stehen, mit einem stacheligen Gewächs im Arm und einer Selbstverständlichkeit, als gehöre ihr die Welt – oder zumindest mein Rückzugsort.

»Ich bin auch total pflegeleicht«, hat sie gesagt.

Natürlich ist sie das.

In etwa so kuschelig wie ein Kugelfisch.

Ich lehne im Türrahmen, halb außer Atem von diesem verdammten Windstoß und mustere … Ivy.

Was zum Teufel macht diese Frau hier?

Ich atme durch. Zähle innerlich bis fünf. Dann noch einmal.

Das alles ist nicht ihre Schuld.

Aber es ist auch nicht meine. Und ich hasse es, wenn die Dinge außerhalb meiner Kontrolle passieren.

Sie hockt im Flur auf dem Boden, halb eingesunken in ihre Jacke, die Nasenspitze gerötet, die braunen Haare voller Schneeflocken.

Sie sieht erschöpft aus.

Wütend.

Und vielleicht ein kleines bisschen … verloren.

Was solls. Ich kann sie ja schlecht in einem Blizzard zurück auf die Straße schicken.

»Ich nicht«, murmle ich und stapfe ins Wohnzimmer zum Kamin, wo ich ein weiteres Holzscheit in die Flammen werfe.

Der Deal besagte: acht Wochen Ruhe. Davon sind erst drei um.

Keine Kameras, kein Drehbuch, keine PR-Meetings.

Nur ich, das Feuer und der verzweifelte Versuch, wieder etwas Ordnung in mein Hirn zu bekommen. Etwas, was ich in meinem verdammten Penthouse monatelang nicht hingekriegt habe.

Und dann taucht diese Frau auf, die mich entweder nicht erkennt, oder eine verdammt gute Schauspielerin ist. Noch nicht mal von meinem abweisenden Verhalten lässt sie sich beeindrucken.

»Wenn Sie schon bleiben müssen – was ich keineswegs gutheiße –, dann stellen Sie wenigstens Ihre Schuhe in den Flur und den Kaktus irgendwohin, wo er mich nicht anstarrt.«

Ein Rascheln und Poltern erklingt. Dann tappst sie mit der Kiste in den Händen und dem Rucksack auf dem Rücken ins Wohnzimmer. »Er hat kein Gesicht.«

»Das behaupten Sie.«

Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Vielleicht weil ich müde bin und ihre Anwesenheit mich aus dem Gleichgewicht bringt. Oder weil sie gerade etwas in mir berührt, was ich monatelang unterdrückt habe, und diese Frau geradezu davor sprüht.

Ruckartig wende ich mich vom Kamin ab, sacke auf die Couch, ziehe mir die Decke über die Knie und schließe für einen Moment die Augen.

Oder es ist ein Albtraum, und wenn ich nur lange genug ausharre, verschwindet sie. Gleich wache ich auf und bin wieder allein.

Aber dann höre ich sie.

Ihre Stimme.

Dieses hartnäckige Geplapper, das sich bereits in mein Trommelfell eingebrannt hat und höchstwahrscheinlich auch für den bohrenden Kopfschmerz verantwortlich ist.

»Und wo ist eigentlich das Schlafzimmer?«

Ich sage nichts.

»Also meins. Ich will ja nicht in Ihres platzen.«

Noch immer gebe ich keine Antwort, presse die Lider fest aufeinander und schicke ein Stoßgebet zu jedem Gott, der es hören will. Bitte, lass sie verschwinden.

»Chris sagte, es gibt zwei.«

Goddammit!

»Die Treppe hoch, rechts«, knurre ich. »Das linke gehört mir.« Der Kopfschmerz nimmt an Intensität zu.

»Danke. Ich bin übrigens Ivy, Ivy Bennett.«

Ich öffne die Augen und sehe sie an.

Bennett. Die Ironie des Schicksals.

Ich bin Leo Bennett und sie ist Ivy Bennett.

Das Universum hat definitiv Humor.

Ich nicht.

Ivy ist schon halb die Treppe hinauf, als sie sich noch einmal umdreht. »Haben Sie eigentlich das WLAN-Passwort?« Hoffnung schimmert in ihren Augen.

Mir entweicht ein trockenes Lachen. »Was glauben Sie eigentlich, warum ich hier bin?«

Sie seufzt. »Natürlich Digital Detox. Was anderes habe ich auch nicht erwartet.«

Ich sage ihr nicht, dass ich einfach nur meine Ruhe will. Dass mein Gesicht gerade das gefragteste Meme im Internet ist und dass ich lieber im Schnee erfriere, als noch einmal auf irgendeinem verfickten roten Teppich zu stehen.

Ich verenge die Augen zu Schlitzen und drehe den Kopf weg, hin zum Kamin. Die knisternden Flammen beruhigen mich.

Ich bin nicht gut mit Krisen.

Dafür habe ich meine Managerin.

Und noch schlechter bin ich im Umgang mit Menschen.

Rae ist die einzige Person, mit der ich in den letzten Wochen überhaupt gesprochen habe. Fast hatte ich vergessen, wie meine Stimme klingt.

Aber vor allem bin ich schlecht darin, spontan meine Pläne anzupassen.

Irgendwo im Hinterkopf lacht eine gehässige Stimme auf.

Meine Pläne bestanden darin, spät aufzustehen, Feuerholz zu machen, eine Dose zu öffnen und mir ein paar Kalorien in Form von Fertigfutter reinzuziehen.

Eine pinke … Person stand nicht auf meinem Tagesplan.

Als ich höre, wie sie die Treppe hinaufgeht, atme ich erleichtert auf.

Und dann ist es still. Fast.

Nur noch mein Herz hämmert viel zu schnell und zu laut.

Was zur Hölle macht diese Frau hier?

Mein Blick wandert zur Tür.

Mit einem Seufzer schiebe ich mir die Decke von den Beinen, stemme mich hoch und stapfe zum Eingang. Mit der Handfläche wische ich übers Glas und spähe hinaus.

Draußen tobt ein Blizzard epischen Ausmaßes.

Und da raus wollte sie?

Ich hätte sie gehen lassen, wenn der Wind sie nicht daran gehindert hätte.

Was stimmt nicht mit mir?

Gar nichts, aber das weiß ich bereits seit Längerem.

Mir fällt wieder ein, dass sie nur mit der Kiste und einem Rucksack hereingekommen ist.

Ich nehme an, sie ist mit mehr als den wenigen Habseligkeiten angereist. Also müssen sich ihre restlichen Sachen noch im Auto befinden.

Wieder schaue ich hinaus.

Ihr Kleinwagen steht halb eingeschneit auf dem Parkplatz. Mir entweicht ein leiser Fluch. Zügig streife ich mir die Jacke über und hole mir meine Stiefel, die von meinem letzten Holzholen neben dem Kamin vor sich hin dampfen.

»Das ist nicht mein Problem«, murmle ich.

Aber mein Körper folgt längst einem anderen Skript.

Tief atme ich durch, bevor ich die Tür öffne. Eisige Kälte schlägt mir entgegen, wie eine brachiale Wand zorniger Naturgewalten. »Super, Lancaster. Das ist also dein Abstieg. Vom Promi zum Packesel.«

Angetrieben vom Zorn, stapfe ich zum Wagen.

Ich taste mich zum Kofferraum vor, der klemmt.

Zweimal schlage ich gegen das Schloss, bis er endlich aufspringt – und einen chaotischen Haufen aus Taschen, Schuhen, Kameraequipment und einem neonpinken Koffer mit Patches offenbart.

›Feminist AF‹ und ›Cactus Queen‹ prangt auf dem Case.

Genervt schüttle ich den Kopf.

Fünf Minuten später habe ich alles reingetragen. Meine Hände sind halb erfroren und meine Füße pitschnass, aber allmählich fühle ich mich nicht mehr wie ein Arschloch.

Drinnen reihe ich die Taschen neben dem Kamin auf, sortiere sie, auch das Stativ und die Kamera. Kurz überkommt mich Panik. Kameras lösen dieses Gefühl bei mir aus. Perplex blinzle ich das Utensil an und lege es zu den anderen Sachen.

Am liebsten würde ich sie sofort wieder rauswerfen.

Eine Kamera!

Da hätte sie auch gleich eine Bombe ins Haus tragen können.

Ich ziehe die Jacke aus, fahre mir durchs nasse Haar. Mein Nacken kribbelt.

Oben auf der Treppe steht sie, barfuß, nur in Leggins und mit einem übergroßen T-Shirt bekleidet. ›Resting Grinch Face‹ steht in großen Lettern auf der Vorderseite.

»Wozu haben Sie eine Kamera?«, blaffe ich sie an.

Sie zieht die Stirn kraus. »Influencerin.«

»Haben Sie vor … hier Videos zu drehen?« Meine Stimme enthält einen scharfen Unterton, der ihr hoffentlich sofort klarmacht, was ich davon halte.

»Nein, ich –«

»Gut, dann tun Sie das auch nicht. Ich will hier meine Ruhe haben und nicht in irgendwelchen dämlichen Videos auftauchen.« In meinen Worten schwingt ein deutliches Zittern mit, welches ich hinter noch mehr Aggressivität verberge. Scheint sie jedoch nicht zu interessieren.

»Sie haben … meine Sachen reingeholt?«

Ich blinzle, zucke mit den Schultern. »War eh draußen. Der Schneesturm ist schlimmer als gedacht.«

»Danke«, sagt sie leise und tappst die Treppe hinunter. »Ich werde nichts drehen. Wenn Sie wollen, können Sie die Kamera auch wegschließen.«

Und da ist er wieder, dieser sanfte, leicht verlorene Blick.

Schnell wende ich mich ab, will ihn nicht sehen, will nicht, dass er mich trifft. Aber er tut es trotzdem und ich möchte mich am liebsten davor verstecken.

»Ist okay«, murmle ich, dränge mich an ihr vorbei und flüchte die Treppe hinauf. »Es ist schon spät. Ich geh schlafen.«

»Gute Nacht, Mr. Bennett.«

Mein Name aus ihrem Mund lässt mich innehalten, die Finger krampfen sich fest um das Geländer, bis ich schmerzhaft aufkeuche.

Der Klang dieser zwei Worte erschüttert mein Innerstes.

Das ist nicht mein Name, will ich schreien, aber es ist besser, wenn sie nicht weiß, wie ich heiße, wer ich wirklich bin, denn immerhin scheint sie mich noch nicht erkannt zu haben.

»Ihnen auch«, sage ich, hetze in mein Schlafzimmer und zerre den gottverdammten Vorhang hinter mir zu.

Scheiß Chalet-Feeling.

Wenig später liege ich auf meinem Bett und wähle die Nummer meiner Managerin, reibe mir die Nasenwurzel, während ich darauf warte, dass Rae endlich abhebt. Gott sei Dank habe ich hier oben wenigstens etwas Empfang.

Nach einer gefühlten Ewigkeit meldet sie sich. »Morgan?«, Sie klingt wie immer geschäftstüchtig, als hätte sie viel zu tun.

Also vergeude ich keine Zeit mit Begrüßungsfloskeln. »Da ist eine Frau in meiner Hütte.«

Schweigen schlägt mir von der anderen Seite des Landes entgegen.

»Hast du mich verstanden? Da ist eine Frau in meiner Hütte.« Ein gereizter Unterton schwingt in meinen Worten mit.

Draußen rüttelt der Schneesturm am Dach des Gebäudes, aber er könnte genauso gut in meinem Inneren wüten.

»Hab ich. Sag mir bitte, dass das kein Code für ›Ich habe wieder Mist gebaut‹ ist. Das Allerletzte, was ich gebrauchen kann, ist ein Skandal, weil du dir weiblichen Besuch geholt hast.«

»Den Sarkasmus kannst du dir sparen. Ich bin nicht der Typ für … solche Frauen. Dass du das überhaupt denkst.« Der Gedanke schnürt mir die Kehle zu. »Ich meine das wortwörtlich. Sie stand plötzlich in meinem Wohnzimmer und hat behauptet, das Chalet gebucht zu haben. Für zwei Wochen!«

»Verdammt! Hat sie eine Kamera? Ein Mikro? Sieht sie so aus, als würde sie für irgendein Magazin oder einen Sender arbeiten?«

Der skeptische Unterton in ihrer Stimme lässt mich genervt prusten. »Nein, sie wirkt, als hätte sie sich verlaufen. Hat ’nen Stativ und ’ne Kamera dabei. Sagt, sie sei Influencerin. Ist ja heute wirklich jeder.« Vermutlich hat der Kaktus irgendetwas damit zu tun. »Dennoch, sie scheint keine Ahnung zu haben, wer ich bin. Sie könnte aber auch eine verdammt gute Schauspielerin sein.« Mir entweicht ein belustigtes Schnauben. »Besser als ich, wenn man den Kritikern Glauben schenkt.«

Rae holt tief Luft. »Lass die alte Leier. Glaubst du oder hoffst du nur, dass sie nicht weiß, wer du bist?«

»Sie nennt mich Mr. Bennett. Ich komm mir vor wie achtzig.«

»Gut.« Ich kann förmlich vor mir sehen, wie Rae sich durch die kurzen Haare fährt. »Vielleicht ist das wirklich nur ein Zufall. Vielleicht bist du nach all den Monaten tatsächlich vergessen worden.«

Ich seufze. »Das wäre schön. Oder traurig. Oder beides.«

Raes Stimme wird sanfter. »Hör mir zu, Noah. Du wolltest Ruhe, ein wenig Abgeschiedenheit. Das war dein Wunsch, um wieder zu dir zu finden. Aber bitte mach keine Dummheiten. Fang nichts mit ihr an, keine Fotos, keine … Geschichten, die in der Presse landen könnten.«

Ich gluckse. »Hab den Router beim Einzug abgebaut. Den findet sie nicht.«

»Gut.« Rae schnaubt. »Gib ihr WLAN und du bist innerhalb von drei Minuten wieder in den Trending Topics.«

»Ich weiß.« Mit den Fingerspitzen massiere ich mir die Nasenwurzel. »Ich mag sie nicht mal besonders. Sie redet zu viel.« Dass mich ihr Lächeln bis ins Schlafzimmer verfolgt, verrate ich Rae nicht.

»Klingt, als würdet ihr wunderbar zusammenpassen.«

Ich verziehe das Gesicht. »Bitte nicht. Ich will diesen Zirkus nicht mehr.«

»Dann benimm dich auch nicht wie der Clown, der mittendrin steht, klar? Lass sie da sein, wenn es sein muss, aber halt Abstand. Und werde sie los.«

»Draußen tobt ein Schneesturm. Wenn der sich morgen früh beruhigt hat, wird sie gehen. Ich kann sie jetzt nicht vor die Tür setzen.«

»Ich sag ja nicht, dass du die Kleine erfrieren lassen sollst. Aber wenn sich das Wetter beruhigt, muss sie gehen. Oder du zurückkommen.«

Raes Worte treffen mich mit der Wucht eines Vorschlaghammers. »Nein, das geht nicht. Ich kann nicht, ich –«

Sanfter fährt sie fort: »Ich weiß. Mach keine Dummheiten. Und wenn sie dich erkennt …«

Ich kralle die Finger der freien Hand ins Laken, versuche, mich dadurch zu erden. Aber es klappt nicht. Allein der Gedanke, zurückzugehen, lässt mein Herz rasen. Schweiß bricht mir aus und ein unkontrollierbares Zittern erfasst meinen Körper.

Shit. Ich bin nicht okay. Ganz und gar nicht.

»Dann finde ich einen anderen Ort für dich, ja?« Raes Stimme holt mich zurück.

»Ich will aber keinen anderen. Der hier gefällt mir.« So lange er nicht von Ivy Bennett heimgesucht wird.

»Dann schütze ihn. Ich kann keine weitere Affäre erfinden, geschweige denn dich auf eine Pressekonferenz schleifen. Das schaffst du nicht. Und die Wahrheit … Die Presse würde dich in der Luft zerfetzen, wenn sie erfahren, was wirklich mit dir los ist.« Rae atmet geräuschvoll aus. »Du musst die Frau loswerden, sobald es geht.«

»Ich weiß«, flüstere ich mehr zu mir selbst.

»Okay, meld dich, wenn du mich brauchst. Ich bin hier.«

»Danke«, murmle ich und lege auf.

Draußen tobt der Sturm, rüttelt am Dach, doch es fühlt sich eher so an, als würde er an meiner Selbstbeherrschung zerren und das bisschen Gleichgewicht, was ich mir in den letzten Wochen erarbeitet habe, wegpusten.

Irgendwo klappert eine Tür und lässt mich zusammenzucken.

Vielleicht der Wind?

Oder diese nervtötende Frau.

Ich lege mein Telefon zur Seite, drehe mich um und fixiere den karierten Vorhang, der mir ein wenig trügerische Privatsphäre verschafft. Wieder klappert es, Ivy trällert ein Liedchen und dann erkenne ich, woher das Geräusch kommt. Keine Tür, mit der der Sturm spielt, nein, sie werkelt fröhlich singend in der Küche.

In meiner!

Panisch kralle ich mich in der Decke fest.

Ein köstlicher Duft steigt mir in die Nase.

Sie kocht.

Dammit!

Das ist mehr, als ich ertragen kann. Ich halte es keine Sekunde länger aus. Sie muss damit aufhören.

Mit einem Ruck springe ich vom Bett und stapfe barfuß über den Holzboden, der unter meinen Füßen knarzt.

Ich sollte sie in Ruhe lassen, sie einfach ignorieren und mich zurückziehen, aber ich kann nicht. Ich kann nicht hier oben liegen, während eine Fremde durch meine Küche wuselt. Dieses Chalet ist mein Rückzugsort und sie hat keinen Respekt davor.

Ich poltere die Treppe hinunter – bereit, ihr endgültig klarzumachen, dass sie zwar die eine Nacht hierbleiben darf, aber dass sie leise sein muss.

Sie muss aufhören mit dem, was sie tut.

Doch dann bleibe ich auf dem Treppenabsatz stehen und starre sie an.

Sie erwidert meinen Blick, mit einem Lächeln im Gesicht, das mich bis ins Mark erschüttert. »Ich hoffe, du magst Pasta.« Sie grinst mich breit an.

Auf dem rustikalen Holztisch stehen zwei Teller mit Besteck auf ordentlich gefalteten Stoffservietten. Dampfende Spaghetti in einer roten Sauce auf der Tischmitte verströmen ein köstliches Aroma, daneben stehen geriebener Parmesan und eine Kerze in einem leeren Marmeladenglas.

Mir klappt der Mund auf.

»Ich dachte, wenn wir ohnehin den Abend gemeinsam verbringen müssen, könnte ich auch etwas kochen und wir essen zusammen?« Sie lächelt, als sei es das Normalste der Welt. »Oder wir tun zumindest so, als wären wir zivilisierte Menschen.«

Ich will sie anschreien vielleicht. Oder wenigstens anknurren.

Aber sie steht da in Socken, mit rötlichen Spritzern auf dem Shirt, welche der Sauce verdächtig ähneln, die Haare zu einem wirren Knoten zusammengefasst und einem Ausdruck in den Augen, der mich vergessen lässt, warum ich wütend auf sie sein sollte.

Erst jetzt fällt mir auf, wie angespannt sie wirkt, wie sie bei jedem Windgeräusch zusammenzuckt.

»Setz dich«, sagt sie sanft. »Ich denke, wir können das Sie lassen, oder? Immerhin … wohnen wir zusammen.« Für eine gefühlte Ewigkeit schaut sie mich an, bevor sie sich auf den Stuhl setzt, von wo aus sie mich beobachten kann. Dann faltet sie die Hände über ihrem Teller und wartet.

Auf mich?

Und weil ich nichts finde, worüber ich mich beschweren kann, setze ich mich in Bewegung und nehme ihr gegenüber Platz, schiebe die Hände zwischen die Knie.

»Leo, richtig?«

Ich starre auf meinen Teller und nicke.

Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal eine selbst gekochte Mahlzeit gegessen habe. Ich weiß nicht mal, ob je jemand für mich gekocht hat.

Das ist mehr, als ich ertragen kann, aber irgendwie halte ich es aus, weil … weil sie den Tisch gedeckt und sogar eine Kerze angezündet hat. Nur deshalb sitze ich hier.

Sie erhebt sich, nimmt meinen Teller und tut mir auf. »Große oder kleine Portion?« Sie neigt den Kopf zur Seite. »Ich meine, du bist ordentlich gebaut, also brauchst du sicherlich –«

»Nicht so viel.« Meine Stimme klingt rau und ungewohnt. Schnell räuspere ich mich und hebe das Kinn. »Ich habe schon gegessen.«

Das ist eine Lüge, aber es geht sie nichts an.

Und eigentlich wollte ich ja schlafen gehen.

Trotzdem bin ich hier.

»Eine von diesen grässlichen Dosen, die ich im Müll gesehen habe?« Sie tut mir eine weitere Kelle auf und stellt den Teller dann vor mir ab.

»Was ist an Dosenravioli auszusetzen?«

»Nichts, aber du kannst nicht die ganze Zeit dieses Zeug in dich reinstopfen. Du brauchst was Vernünftiges.« Sie schöpft sich selbst auf und setzt sich dann.

Fast erwarte ich, dass sie mich kritisiert, aber sie greift lediglich nach dem Parmesan. »Käse?«

Mein Magen meldet sich mit einem zustimmenden Grummeln zu Wort.

Ich liebe Pasta, früher zumindest, und Käse kann es nie genug sein.

»Ja, bitte«, murmle ich und komme mir vor wie ein Fünfjähriger, dem man auftun muss, damit er überhaupt etwas isst.

»Wein?« Sie hält mir eine Flasche Rotwein unter die Nase.

Alkohol ist keine gute Idee, trotzdem nicke ich, schlucke beklommen.

Und dann hat sie alles getan, was nötig ist.

Wir können essen.

»Guten Appetit.« Sie lächelt, dreht sich Spaghetti auf die Gabel, während ich das dampfende Essen auf meinem Teller mustere, als würde es mich auffressen wollen und nicht umgekehrt.

»Du bist wirklich nicht der gesprächigste Mensch, oder?«

Wie auf Autopilot greife ich nach meinem Besteck. Es fühlt sich ungewohnt in meinen Händen an, die ganze Situation ist ein Affront gegen meinen Rückzug, und trotzdem grabe ich die Zinken in die Nudeln, nehme etwas und drehe sie auf dem Löffel. »Ich bin hier, um allein zu sein. Nicht zum Plaudern.«

Sie schiebt sich die Gabel in den Mund, kaut und schluckt, bevor sie sich zurück lehnt. »Klingt langweilig.«

Ich starre die Pasta wie einen Fremdkörper an. »Manchmal braucht man eben Einsamkeit.« Und dann hebe ich das Essen in Richtung meines Mundes, öffne ihn ganz langsam und nehme die Nudeln auf die Zunge.

Sie verengt die Augen, hält inne und mustert mich, während ich den Kiefer bewege.

Köstliche Tomatensauce, vermischt mit dem kräftigen Geschmack des Parmesans, umhüllt auf den Punkt gegarte Spaghetti. Eine regelrechte Genussexplosion legt sich auf meiner Zunge, als ich kaue.

Ein winziges Gefühl von Wärme breitet sich in meinem Inneren aus und kämpft gegen die Leere in meiner Brust. Noch verliert es, aber irgendwie fühlt es sich an, als wäre das Loch etwas kleiner geworden.

Am liebsten würde ich schreiend davonrennen, aber mein Körper hat andere Pläne, Bedürfnisse, die Ivys Essen stillt. Und als ich schlucke, ertappe ich mich dabei, wie ich mir wieder etwas auf dem Löffel zurechtdrehe.

Ivy lächelt. »Versteckst du dich vor irgendetwas?«

Von meinen Nudeln blicke ich auf, suche Erkennen in ihren Augen, doch da ist nichts außer dieser irritierenden Sanftheit. »Das geht dich nichts an. Und du? Was ist deine Ausrede für zwei Wochen im Nirgendwo?«

Ivy – ich beginne tatsächlich, mich an ihren Namen zu gewöhnen – zieht die Schultern hoch. »Pause vom Leben, oder so ähnlich. Zu viele Niederlagen, zu viele Likes, immer auf der Flucht. Keine Ahnung.« Sie gräbt die Gabel in die Nudeln und dreht sie vor sich hin. »Ich will herausfinden, wie ich weitermachen soll. Ob das alles noch einen Sinn hat.« Mit einem Seufzer legt sie das Besteck beiseite und sieht auf. »Was machst du so, wenn du nicht gerade in einsamen Hütten vor dich hin brütest? Arbeit? Familie? Midlife-Crisis mit dreißig?«

Das Lächeln, von dem ich gar nicht gemerkt habe, dass es sich auf meine Lippen stehlen wollte, zieht sich zurück. »Geht dich –«

»Nichts an, ich weiß.« Ivy lacht.

»Du hast gesagt, du seist Influencerin.« Ich nicke in Richtung Kamin, wo die Kamera liegt. »Von was? Mode? Lifestyle?«

»Reisen. Hab einen kleinen Bulli, mit dem ich durch die Staaten fahre, Menschen treffe, Geschichten erzähle. Aber irgendwie … laufe ich trotzdem davon.« Sie wird leiser, als weiche sie mir aus.

»Und wo ist dein Bulli jetzt? Wozu der Mini? Bist du so reich, dass du dir zwei Autos leisten kannst? «

Sie verengt die Augen. »Ich habe nicht gekocht, damit du mich attackieren kannst. Genauso wenig wie ich versuchen werde, dich zu analysieren. Ich wollte dir lediglich ein Essen spendieren, dafür, dass du mich hier übernachten lässt.«

Ups. Scheint, als ob Ms. Sunshine einen wunden Punkt hat.

»Okay.« Das winzige Lächeln von vorhin startet einen neuen Versuch, sich in meinem Mundwinkel festzusetzen, und diesmal lasse ich es zu.

Ich mag ihre kämpferische Ansage, sie fordert irgendetwas in mir heraus, etwas, was sich viel zu sehr nach früher anfühlt – und plötzlich überkommt mich ein irres Gefühl der Angst. Alles in mir sträubt sich gegen diese Frau und ihr Ansinnen, mir etwas Sozialleben abzuringen.

»Der Mini gehört mir, den Bulli hab ich mit meinem Dad zum Camper umgebaut. Der steht jetzt bei meinen Eltern in der Garage. Okay?«

»Ja.« Mein Mundwinkel zuckt. »Vielleicht solltest du morgen runterfahren. Wenn der Sturm vorbei ist.«

»Natürlich. Ich bin dir sehr dankbar, dass ich die Nacht über hierbleiben darf …« Deutlich leiser setzt sie hinzu: »Auch wenn ich die Hütte ordnungsgemäß gebucht habe.

Meine Lippen kräuselt sich.

Könnte sie bleiben?

Ich denke an Raes Worte und vergesse den Gedanken.

»Du kannst hier nicht bleiben. Ist besser so.«

Für uns beide.

Sie braucht keinen grummeligen Ex-Star mit einer ausgewachsenen Angst vor Menschen und ich keine Influencerin.

»Danke für das Essen«, sage ich schließlich, weil sich das Schweigen ungewohnt anfühlt.

Ivy verzieht das Gesicht. »Danke fürs Nichtrauswerfen.«

Kapitel 3

»Du willst allein sein? Dann herzlichen Glückwunsch. Jetzt bist du es wieder.«

Ivy

Wie ein wütendes Tier heult der Wind um die Hütte. Der Sturm prallt gegen die geschlossenen Fensterläden, lässt sie klappern und rüttelt am Dach, als ob er jede Schindel herausreißen will.

---ENDE DER LESEPROBE---