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Ausgehend von einer Betrachtung einzelner Proteste der zwischen 2023 und Frühjahr 2024 versucht der Autor folgende Fragen zu beantworten: warum nehmen die Proteste auf unseren Straßen zu? Droht ein Generalstreik oder gar ein Sturm des Reichtags ? Welche Rolle spielt digitaler Protest? Ist eine Reform des Streikrechts oder eine Novellierung des Grundrecht auf Versammlungsfreiheit angeraten? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen haben Streiks und Demonstrationen. Wie erfolgreich sind die Protestvarianten? Welche Potenziale bieten sie? Und welche Gefahren bergen sie? Eine Schlussbetrachtung, in der die wesentlichen Erkenntnisse aus den vorangegangenen Kapiteln formuliert werden und zudem ein Ausblick in die Zukunft der Proteste angedeutet wird, rundet das Werk ab.
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2024
Peter Wolff
Auf die Straße !
über die ausufernde Streik- und Protestkultur in unserem Land
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Oktober
November
Dezember
2024
13
Impressum neobooks
Auf die Straße!
Über die ausufernde Streik- und Demonstrationskultur in Deutschland
Peter Wolff
Impressum
© 2024 Peter Wolff
Covergestaltung: Peter Wolff
ISBN ***-*-****-***-*
Printed in Germany
Auf Veränderung zu hoffen, ohne selbst etwas zu tun, ist wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten
(unbekannt)
Oft schon `heute`, sonst die `Tagesschau`, wenn ich beides versäumt habe, dass `heute-journal` oder die `Tagesthemen` - die tagtägliche Dosis meist schlechter Nachrichten aus aller Herren Länder ist für mich Pflicht-programm. Nicht immer voll konzentriert, aber zumindest als `Beiwerk`, neben dem Kochen, dem Aufräumen, und dem Spielen mit dem Hund lasse ich mich in der Regel zumindest einmal am Tag mit dem Neuesten aus aller Welt berieseln. Insbesondere intensiv in Zeiten, in denen es von Krisenherden auf diesem unseren Globus nur so wimmelt.
So bin ich auch zu Beginn des Jahres 2024 Stammgast vor dem Großbildfernseher, wenn Susanne Daubner, Constantin Schreiber, Julia-Niharika Sen für die ARD sowie Marietta Slomka, Christian Sievers und Gundula Gause für das ZDF die Neuigkeiten vom Tage präsentieren.
Neben den Ereignissen vom Tage sind es vor allem folgende Schau-plätze, die die Nachrichtenformate unserer TV-Sender Anfang 2024 beherrschen: der nicht enden wollende Krieg zwischen Russland und der Ukraine und der Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern.
Auch wird vor dem Hintergrund dieser beiden ebenso grausamen wie sinnlosen Kriegsschauplätze das Thema `Flüchtlingskrise` wie bereits 2015 infolge des Bürgerkriegs in Syrien wieder brandaktuell. Immer mehr Menschen suchen in europäischen Gefilden, und hier zuvörderst in Deutschland, ein neues, ein sicheres Zuhause.
Anfangs nehme ich kaum wahr, dass sich heimlich, still und leise drei weitere Themen zu den die Nachrichtenblöcke unserer TV-Sender beherrschenden täglichen Standardthemen geschlichen haben.
Da sind zunächst die Bauernproteste, im Rahmen derer ab Dezember deutsche Landwirte und Unterstützer bundesweit Protestaktionen gegen die Politik der Bundesregierung Kabinett Scholz und deren Ende 2023 beschlossene Steuererhöhungen für Landwirte durchführen.
Da ist das bundesweite Bündnis `Aufstehen gegen Rassismus`, dass im Lande mit großem Erfolg zu Demonstrationen gegen die AfD, die in Umfragen immer größere Wählerscharen hinter sich bringt und anno 2024 realistische Chancen hat, in Sachsen und in Thüringen erstmalig Landtagswahlen zu gewinnen, aufruft – die Menschen gehen auf die Straße.
Und da ist GDL-Chef Claus Weselsky, der mit seinen stetig rigider werdenden Streikattacken immer wieder den Bahnverkehr in Deutschland lahmlegt.
Den Berichten über diese drei `Hotspots` auf unseren Straßen wird in den Nachrichtenformaten zunehmend mehr Zeit gewidmet, die Kriegsschauplätze treten in den Hintergrund.
Wie bereits 2020, als die Corona-Pandemie quasi von jetzt auf gleich die beiden zuvor dominanten Nachrichtensujets, den Syrien-Krieg und die prekäre Situation für die Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze, in den Schatten stellte.
Bauern, Anti-AFD-Demonstrationen und der Lokführer-Streik. Die Republik scheint nicht zur Ruhe zu kommen. Der Straßenprotest, in seiner ganzen facettenreicher Bandbreite, von der klassischen Demonstration über Platzbesetzungen und Blockaden bis hin zur Menschenkette, ist allgegenwärtig, die Demonstrationen und Streikkundgebungen auf unseren Straßen nehmen weiter zu. Zudem gewinnen auch Online-Streiks und -Demonstrationen zunehmend an Bedeutung.
Warum ist das so? Und wird das so weitergehen? Droht uns womöglich sogar tatsächlich der von der Facebook-Gruppe avisierte Massenstreik? Und birgt diese Entwicklung vielleicht sogar ernste Gefahren für unsere Gesellschaft, für unser Miteinander?
Diesen und anderen Fragen möchte ich im Folgenden, beginnend mit einem `Jahreskalender` der Streiks und Demos, auf den Grund gehen. Dies natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit und unter bewusster Einbeziehung einiger kleinerer Aktionen, um die Vielfalt dessen zu verdeutlichen, wofür und wogegen im Deutschland unserer Zeit auf die Straße gegangen wird.
01
Protestiert und gestreikt wird auch Zuhause…
Eine schrecklich nette Familie, Originaltitel: `Married... with Children`, ist eine US-amerikanischeSitcom, die der Sender Fox von 1987 bis 1997 mit 259 Episoden in elf Staffeln produzierte. Die Protagonisten der Serie sind die Bundys, eine vierköpfige Familie, zugehörig zur unteren Mittelschicht, die in einem Vorort von Chicago im US-Bundesstaat Illinois lebt.
Im Mittelpunkt der Serie steht der frustrane Damenschuhverkäufer Al Bundy, der für seine stets arbeitsunwillige und ihre starke Abneigung gegen jedwede Haushaltstätigkeiten offen zur Schau stellende Frau Peggy, seine begriffsstutzige wie promiske Tochter Kelly und seinen durchaus intelligenten, aber stark unter seiner Erfolglosigkeit beim weiblichen Geschlecht leidendenden Sohn Bud den Haushaltsunterhalt verdienen muss.
Kammerspielartig konzentriert sich die Serie um das Sofa im Wohnzimmer der Familie Bundy, auf dem Al Bundy oft von einem besseren Leben, ohne die Strapazen des Alltags, die ihm Familie und Nachbarn bescheren, träumt (01).
In der Episode `Kellys Rache` tritt Peggy Bundy, obgleich sie ohnehin keinerlei Verrichtungen im Haushalt übernimmt, in den Streik, weil sie sich von Al nicht genug gewürdigt fühlt. Als Al, nachdem er wie jeden Tag frustriert aus seinem Schuhladen nach Hause kommt, seinen Frust über sein Dasein als solches zum wiederholten Mal in Form von allerlei Beschimpfungen und Vorwürfen an seiner Frau auslässt, reicht es dieser.
„Peggy Bundy ist ab jetzt im Streik“, lässt die gescholtene Ehefrau ihren Mann wissen.
„Du könntest tot sein, Peg. Ich würde es nicht merken“, macht sich der notorische Nörgler als Reaktion über seine Frau lustig. Doch das Lachen vergeht ihm schnell: Al findet die Fernbedienung für den Fernseher, der sein Lebenselixier darstellt, nicht. Und Peggy weiß, wo eben diese liegt. So dauert es nicht lange und der Hausherr schreit voller Panik nach seiner Peggy. Und bittet sie inbrünstig, ihren `Streik` zu beenden. Wozu diese nur unter der Bedingung bereit ist, dass Al ihr sagt: `Ich brauche Dich.“
Just an diese Episode der Serie, der ich in den 90er Jahren fast verfallen war habe, muss ich denken, als es auch in meinen trauten vier Wänden zu Streikhandlungen kommt.
Ich bin glücklich liiert, ja, sogar verheiratet. Eigentlich. Denn da ist diese eine Sache, die das harmonische Miteinander zwischen meiner Ehefrau Ewa und mit immer wieder stört.
Ich bin von einer `Helikopter-Mutter` erzogen worden, wenn man den Terminus `erzogen` zur Beschreibung der fatalen Mutter-Kind-Beziehung, die ich erlebt habe, denn überhaupt heranziehen kann. Einer Mutter, die aus lauter Fürsorge und falsch gelebter Liebe alles und jedes für mich getan und dabei meine Entwicklung in gewissen Dingen, vorsichtig ausgedrückt, nachhaltig beeinträchtigt hat. Und dies keinesfalls zu meinem Vorteil und noch weniger zu dem meiner Mitbewohnerin und Gattin. So habe ich es nie gelernt, mich in irgendeiner Form im Haushalt einzubringen. Alltägliche Verrichtungen wie den Tisch nach dem Essen abzuwischen, dieses und jenes, was wahllos herumliegt, wegzuräumen oder den Müll rauszutragen – dies und ähnliches habe ich im elterlichen Haushalt nie erledigen müssen. Und vergesse es dementsprechend bisweilen, also eher des Öfteren, jetzt, wo ich mit meiner Frau einen eigenen Haushalt führe. Sich adäquat in den Alltag einbringen – ich muss(te) es, was im gestandenen Mannesalter gar nicht so einfach ist, erst erlernen, Denn meine Ewa ist eine überaus ordentliche Frau und liebt ein sauberes und gepflegtes Zuhause. Nahrungsreste am Essensplatz, leere Gläser auf dem Couchtisch, ein Paar Socken, das achtlos in die Ecke des Badezimmers geworfen wurde – solche Sachen machen Ewa rasend und zwingen sie zu mantragleichen Endlosmonologen, in denen sie ihr Leid mit dem ach so nachlässigen Gatten kundtut. Während dieser sich immer öfter ins laute Singen flüchtet, weil er die verdrießlichen und schier erdrückenden Lamentier- und Meckersalven seiner Frau einfach nicht mehr erträgt. Und das, was seine Frau so stört, oft nicht einmal wahrnimmt. Kurzum: es sind die Kleinigkeiten des Alltags, die die Beziehung zwischen Ewa und meiner Wenigkeit zermürben, obgleich die Liebe zueinander ungebrochen ist.
Just an Aschermittwoch in diesem Jahr ist es Ewa zu viel. 5 Brotkrumen auf dem Esstisch und eine leere Bierflasche auf jenem vor der Couch bringen das berüchtigte Fass zum Überlaufen.
„Da unter der Bank in der Diele liegen auch noch viele Klamotten, die gewaschen werden müssten.“
Ich habe verstanden - Ewa ist im Streik! Wie anders soll ich es interpretieren, dass sie eine Verrichtung, die sie in den nunmehr zehn Jahren unseres Zusammenlebens stets kommentarlos übernommen hat, nunmehr mir aufbürdet?
Was folgt, ist ein `Haushaltsgeneralstreik`. War es zuvor noch so, dass Ewa aufräumt, putzt und wischt, während meine Aufgaben hauptsächlich das Kochen, die Bewirtschaftung des alten Kaminofens und die jahreszeitliche Dekoration der Wohnräume waren, gehen wir nunmehr in den eigenen vier Wänden getrennte Wege: wir beide legen die Arbeit für den anderen nieder und haushalten nur noch für uns selbst. Jeder kocht, wischt, wäscht und räumt das auf, was er für nötig hält, um über den Tag zu kommen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Die notwendigste Kommunikation erfolgt über auf kleine Zettel geschriebene Nachrichten.
„Sauber ist schöner“, wenn einmal wieder irgendwo ein durch mich initiierter Krümel liegenbleibt.
„Wenn Du die Klappe hältst, auch“, lautet die prompte, direkt darunter notierte Antwort.
Laufen wir uns in unserem 110 Quadratmeter-Bungalow ungewollt doch einmal über den Weg, strafen wir uns mit Missachtung und blicken stur aneinander vorbei.
Wer protestiert, wer streikt, fühlt sich ungerecht behandelt. Er will zeigen, wie wichtig das, wofür er sich zurücknimmt oder aber was er lautstark einfordert, für die Gemeinschaft ist. Das gilt im Kleinen wie im Großen…
Ich habe gerade einen neuen Roman angefangen, aber während des frühabendlichen Joggens, im Rahmen dessen mir immer die besten Ideen kommen, wird mir klar: der muss warten! Zu lange und zu sehr schon beschäftigen mich die Dauerberieselungen der Bauern, des unsäglichen Herrn Weselsky, der AfD-Protestler, Klima-Kleber und … meiner Frau. Es muss raus! Jetzt!
02
Demonstrationen und Streiks in Deutschland im Spiegel der Zeit
Demonstrationen und Streiks sind beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Bereits im fünften Jahrhundert probte zum Beispiel das römische Volk den Aufstand, als die Schere zwischen Adel und Volk das Volk zerriss.
Das römische Volk war seit seiner Entstehung fast kontinuierlich in Kriege mit seinen Nachbarn verwickelt. Die Hauptlast des Kampfes trug selbstredend die männliche Bevölkerung, die in jedem Konflikt Kriegsdienst zu leisten hatte. Zu Kriegszeiten standen die Männer also nicht als Arbeitskräfte auf den heimischen Äckern zur Verfügung. Was begüterte Familien durch Sklaven ausgleichen konnten. Doch für die ärmeren Schichten war die Abwesenheit der Männer ein arges Problem.
Als Anfang des fünften Jahrhunderts vor Christus Immer mehr Veteranen, die ihr Schicksal dem Einsatz für ihre Heimat opferten, nach ihren Kriegsjahren versklavt wurde, trat die Bevölkerung in den Generalstreik.
Im Jahr 494 beschlossen die nichtadeligen Römer, die Plebejer, die Stadt zu verlassen und zogen auf den heiligen Berg in der Nähe Roms. Von diesem Ereignis überrascht bangte die Oberschicht um ihre eigene Sicherheit. Ohne die Kampfkraft der breiten Bevölkerung waren die Stadt und alle Besitztümer jedem Feind schutzlos ausgeliefert.
Abgeordnete des Adels traten darauf mit der abgewanderten Bevölkerung in Verhandlung, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Doch die wollten nicht nach Rom zurückkehren, ohne eine Bedingung zu fordern: die Einrichtung eines zehnköpfigen Amtes. Diese neuen Volkstribunen sollten aus den eigenen Reihen besetzt werden und die Grundrechte der Plebejer durchsetzen. Der Adel willigte ein und das Volk kam zurück nach Rom. Auf diese Weise hatten die Plebejer ein Werkzeug zur Bekämpfung der Ungleichheit entdeckt, von dem sie auch in den Folgejahrhunderten Gebrauch machten (02).
Ebenso wie es die heutigen Gesellschaften tun. Allerdings: akzeptiert und geduldet wie friedliche Proteste und Demonstrationen heutzutage sind, waren sie nicht immer. Noch im neunzehnten Jahrhundert waren Demokraten und Liberale, ebenso wie Gewerkschaften und Arbeiterbewegungen, aus Sicht der etablierten Politik Radikale (03).
Seit der Weltwirtschaftskrise (1929-19333) gewinnen gesellschaftliche Mobilisierung und soziale Konflikte weltweit an Fahrt. Die großen defensiven politischen Massenstreiks, die zugleich Ausdruck gewerkschaftlicher Mobilisierungsmacht sind, konzentrieren sich dabei vornehmlich in Südeuropa. Allerdings ist auch in einigen Ländern außerhalb Südeuropas ein relativer Anstieg politischer Massenstreiks, vor allem im öffentlichen Sektor, festzustellen (04).
Bis die gesellschaftliche Mitte bestimmte Formen der Demonstration toleriert, dauert es bis nach 1945. Der Straßenprotest ist nicht mehr allein die Domäne der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, auch die Bevölkerung beginnt, auf die Straße zu gehen. Ein entscheidender Wendepunkt ist in den 1980er Jahren erreicht, als die neue Friedensbewegung gegen die atomare Nachrüstung des NATO-Doppelbeschlusses zur quantitativ gesehen größten Protestmobilisierung seit der Gründung der Bundesrepublik führt. Diese kann weit über die klassischen Alternativ- und Protestmilieus der 1970er Jahre hinaus eine breit gefächerte Palette an Menschen mobilisieren, darunter viele evangelische und katholische Christen, Bürgerliche, Junge und Alte, die man bis dahin selten bei Demonstrationen gesehen hat. (wie 03).
Ende der 1980er Jahre beherrschen Streiks und Proteste in Ostdeutschland unsere TV-Nachrichtenformate und Gazetten. Angesichts der politischen Krise und der wirtschaftlichen Misere der DDR wird die SED als dafür verantwortliche Kraft von der Bevölkerung immer entschiedener abgelehnt. Der wachsende Protest gegen die Partei und ihren Staatssicherheitsdienst äußert sich bis Februar 1990 in zahlreichen Demonstrationen und Streiks. Selbst Angehörige von Volkspolizei und Nationaler Volksarmee protestieren. Sie wollen nicht mehr Büttel des SED-Staats sein. Sogar einige Tausend Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit demonstrieren - sie fordern den Rücktritt ihrer Führung (05).
Ein Meilenstein der deutschen Demonstrationshistorie und ein bedeutender Bestandteil der sogenannten `Friedlichen Revolution` sind die `Montagsdemonstrationen` in der DDR ab Herbst 1989. Es handelt sich um Massendemonstrationen, im Rahmen derer in vielen Städten Woche für Woche Hunderttausende DDR-Bürger mit dem Ruf `Wir sind das Volk` gegen die politischen Verhältnisse, für Reisefreiheit und die Abschaffung des Staatsministeriums demonstrieren. Das Ende ist bekannt - die Mauer fällt (06).
Schon kurz nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 erschüttert eine Serie rechter Anschläge auf Häuser und Einrichtungen, in denen Menschen mit migrantischen Wurzeln lebten, das Land: Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen – überall will man Einwanderern an den Kragen, es gibt vereinzelt Tote. Die Zivilgesellschaft reagiert mit Lichterketten und Demonstrationen: Am 16. Dezember 1992 nehmen 400.000 Menschen in München an der ersten Lichterketten-Demonstrationen gegen Fremdenhass, Rechtsradikalismus und Antisemitismus teil. Viele weitere sollen folgen.
Ein großes Motivationspotenzial, was Demonstrationen betrifft, bilden in den 90er-Jahren auch die drohenden Zechenschließungen, ebenso soziale Kürzungen. Am 28. Januar 1993 folgen 120.000 Bauleute dem Aufruf ihrer Gewerkschaft IG Bau-Steine-Erden nach Bonn, dem damaligen Regierungssitz, um gegen die geplante Streichung des `Schlechtwettergeldes` zu demonstrieren. Ein Bündnis aller Gewerkschaften ruft am 15. Juni 1996, ebenfalls in Bonn, zur Demonstration gegen Sozialabbau auf – etwa 350.000 Menschen nehmen teil.
Die terroristischen Anschläge des islamistischen Netzwerks Al-Kaida auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York und das Pentagon in Washington erschüttern am 11.September 2001 die Vereinigten Staaten. Als die USA im März 2003 eine Invasion im Irak starten, obwohl das Land mit den Anschlägen nichts zu tun hat, ist die globale Empörung groß. In Deutschland gehen Hunderttausende auf die Straßen. Allein in Berlin sind es am 15. Februar 2003 bis zu 500.000 Menschen. Es ist die bis dahin größte Demonstration der Bundesrepublik. Fast alle Parteien und gesellschaftlichen Gruppen unterstützen die auch von der damaligen rot-grünen Bundesregierung getragene Ablehnung des Krieges im Irak.
Der Unmut über Gerhard Schröders Sozialreform treibt die Menschen in den Jahren 2003 und 2004 auf die Straße. Der damalige Bundeskanzler und sein Arbeitsminister Franz Müntefering stehen zu Beginn der zweiten Legislaturperiode der ersten rot-grünen Bundesregierung unter Zugzwang: Deutschlands Wirtschaft schwächelt, auch im weltweiten Vergleich. Zu hohe Sozialausgaben, eine fehlende Flexibilität und keine finanziellen Spielräume für Investitionen haben Deutschland den Ruf des `kranken Mannes Europas` eingebracht. Mit einem Kraftakt, genannt `Agenda 2010`, wollen Schröder & Co. das Sozialsystem reformieren – und legen damit die Grundlagen von vielem, was heute noch gilt. Das provoziert enormen Widerstand, sowohl bei Gewerkschaften als auch bei breiten Arbeitnehmerschichten: Am 3. November 2003 gehen in Berlin etwa 100.000 Unzufriedene gegen die Agenda 2010 auf die Straßen, am 3. April 2004 sind es in der Hauptstadt sogar 250.000 Menschen, in Stuttgart 140.000, in Köln 100.000.
Nach einem Erdbeben kommt es am 11. März 2011 im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi zur Katastrophe – erhebliche Mengen radioaktiver Stoffe werden freigesetzt. In der Folge erlebt in Deutschland die traditionell starke Anti-AKW-Bewegung neuen Auftrieb. Am 26. März 2011 fordern 120.000 Menschen in Berlin den sofortigen Atomausstieg, 50.000 sind es in Hamburg, in Köln und München jeweils 40.000. Die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) tut wie ihr geheißen, Deutschlands Ausstieg aus der Kernenergie wird langfristig beschlossen.
Stark antikapitalistische Züge tragen die der Angst vor Freihandel und Globalisierung geschuldeten Demonstrationen gegen die von der EU geplanten Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) und Kanada (CETA): Gerüchte über angeblich auf US-Niveau gesenkte Standards bei den Lebensmittelkontrollen, der Begriff der `Chlorhähnchen` macht die Runde, und genmanipulierte Produkte führen zu einer großen Mobilisierung: In Berlin gehen am 10. Oktober 2015 laut den Veranstaltern eine Viertelmillion Menschen auf die Straßen, die Polizei zählt etwa 150.000 Teilnehmende. Der neue US-Präsident Donald Trump, ab Januar 2017 im Amt, ein erklärter Freihandelsgegner und `Wirtschaftsnationalist`, beendet später die TTIP-Verhandlungen mit der EU.
Eine ganz eigene Demonstrationskultur bildet sich 2015 in Teilen Ostdeutschlands heraus, maßgeblich verstärkt durch die erhöhten Migrationszahlen in der zweiten Jahreshälfte 2015 und der Entscheidung der Merkel-Regierung, die offenen EU-Grenzen nicht zu schließen. Der Verein `Pegida` (Langform: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) ruft im Aktionszentrum Dresden wöchentlich zu Protestmärschen gegen die Politik der Bundesregierung auf. Die höchste Teilnehmerzahl wird am 10. Januar 2015 mit 35.000 Teilnehmenden erreicht.
Zum ersten globalen Klimastreik rufen die Protagonisten von Fridays for Future am 15. März 2019 auf: Bundesweit streiken mehr als 300.000 Schülerinnen und Schüler in über 230 Städten; Höhepunkt der Bewegung bildet nach Angaben der Veranstalter der 24. September 2021, wo allein in Berlin mehr als 100.000 Menschen gezählt werden.
Anfang 2020 beschert uns die Corona-Pandemie die nächste große Protestwelle. Am 22. März 2020 tritt der erste Corona-Lockdown in Kraft. Die strengen Einschränkungen sorgen für Unmut, je länger die Pandemie die Welt im Griff hat. Es kommt trotz des infolge der Ansteckungsgefahr ausgesprochenen Versammlungsverbotes zu bundesweiten Demonstrationen, vor allem im Verlauf des Jahres 2021. Zu den größten Demonstrationskundgebungen kommt es am 1. August 2020 in Berlin, die Polizei zählt etwa 20.000 Demonstranten sowie am 11. Dezember 2021 in Hamburg., wo rund 11.500 Menschen auf die Straße gehen (07).
Unter dem Motto `Black lives matter` versammeln sich im Sommer 2020 in Hamburg rund 14.000 Demonstrierende, um gegen vermehrte Tötungsdelikte an Afroamerikanern in den USA zu protestieren. Auch in Berlin kommen Schätzungen zufolge etwa 15.000 Menschen in schwarzer Kleidung zu einem stillen Protest auf dem Alexanderplatz zusammen. Mit knapp 25.000 Teilnehmern findet die größte Demonstration in München statt. Insgesamt kommt es in mehr als 19 Städten zu Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt (08)
Am 24. September 2021 und damit zwei Tage vor der Bundestagswahl mobilisiert Fridays for Future nach eigenen Angaben deutschlandweit mehr als 620.000 Menschen für mehr Klimaschutz. Alleine in Berlin sollen es 100.000 sein.
Nach Veranstalterangaben sind es 500.000 Menschen, die am 27. Februar 2022 in Berlin auf der Straße des 17. Juni gegen den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine demonstrieren. Einen Tag später tun dies in Köln 250.000 Menschen, größtenteils kostümiert. Ein Ereignis, auf das ich in einem späteren Kapitel noch eingehen werde.
Nach dem Tod der 22 Jahre alten Mahsa Amini demonstrieren am 22. Oktober 2022 zwischen 80.000 und 100.000 Menschen in Berlin gegen das iranische Mullah-Regime (09).
Ziemlich viel los auf Deutschlands Straßen in den letzten Jahrzehnten.
Und überhaupt: Die Zahl der Streiks hat im Zeitraum 2006–2020 in allen Regionen der Welt zugenommen. Ebenso wie die Zahl der Protestierenden (10).
Das zeigen Zahlen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.
Professor Thorsten Schulten vom WSI kommt zu einem ähnlichen Ergebnis für das Jahr 2023: der Streikforscher und seine Kollegen haben ermittelt, wo die streikfreudigsten Beschäftigten zu Hause sind. Als Weltmeister können sich mittlerweile die Belgier fühlen – vor Frankreich und Kanada. In Belgien sind im langjährigen Schnitt 96 Streiktage pro 1000 Beschäftigte zu verzeichnen, in Deutschland dagegen 18 - das entspricht einem Platz im hinteren Mittelfeld (11). Im internationalen Vergleich ist die Bundesrepublik also ein `arbeitskampfarmes` Land. Dies mag an den unterschiedlichen nationalen Streikkulturen liegen, ist aber sicherlich auch der hohen Regelungsdichte geschuldet. Denn in Deutschland sind Streiks grundsätzlich verboten, worauf ich in einem späteren Kapitel noch näher eingehen werde. Im europäischen Vergleich ist dies darüber hinaus nur in Dänemark und Großbritannien der Fall.
Trotzdem: schon die vergangenen zwei Jahre waren für deutsche Verhältnisse recht streikintensiv. Doch in der zweiten Jahreshälfte 2023 hat man den Eindruck, dass die Demonstrationen und Streiks auf unseren Straßen geradezu explodieren. Viele Menschen haben vielleicht noch den gemeinsamen Streiktag von ver.rdi und der Bahngewerkschaft EVG im Mai 2023 in Erinnerung. Auch dadurch, dass sich die Streiks im Verkehrsbereich in der zweiten Jahreshälfte 2023 so konzentrierten, wovon viele von uns in ihrem Alltag betroffen sind, entsteht der Eindruck, dass es mehr Streiks gibt als früher. Und dass dieser Trend Anfang 2024 nahtlos weiterzugehen scheint. Bereits die ersten beiden Monate sind sehr streikintensiv, es gibt zahlreiche Bauernproteste und Streiks der Bahnen. Und auch protestiert wird auf den allgegenwärtigen Anti-AfD-Demos zum Jahresbeginn bereits heftig. Die anstehenden Tarifrunden in der Chemie- und Baubranche und in der Metall- und Elektroindustrie lassen vermuten, dass in diesen Branchen auch gestreikt werden wird.
Auf die jüngsten Massenbewegungen werde ich im Folgenden näher eingehen, wobei ich selbstverständlich die `großen` Kundgebungen und Streiks unserer Tage näher beleuchte, aber die thematisierten Ereignisse nicht allein nach der Anzahl der Teilnehmer und der Häufigkeit des Protests auswähle, sondern auch mir besonders erwähnenswert erscheinende, kleinere Demonstrationen und Streiks diskutiere.
Ich versuche, vor dem Hintergrund der zunehmenden Protestkultur in unserem Land, Antworten auf die Fragen zu finden, die viele Menschen in den `Streik- und Demonstrationsjahren`, in denen wir uns aktuell befinden, bewegen. Warum wird so viel auf die Straße gegangen? Ist das Demonstrieren und Streiken zum Wohle unserer Gesellschaft? Oder birgt es vornehmlich Gefahren? Und wird das in Zukunft so weitergehen mit der grassierenden Demonstrations- und Streikkultur?
Noch wird in Deutschland, der Zunahme von Demonstrationen und Streiks zum Trotz, viel weniger protestiert als in anderen europäischen Ländern. Was der Hauptgrund hierfür ist, erfahren wir im nächsten Kapitel.
03
Demonstration, Protest und Streik – begriffliche Abgrenzung und gesetzliche Grundlage
In der Welt des sozialen und politischen Engagements sind Demonstrationen und Streiks zwei prominente Formen des Protestes. Beide sind im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert, haben aber unterschiedliche Zwecke und Methoden.
Zu Beginn dieses Kapitels über die rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen Demonstrationen und Streiks stattfinden dürfen, empfiehlt sich zunächst eine Begriffsabgrenzung
Eine Demonstration (lateinisch demonstrare, zeigen, hinweisen, nachweisen) ist eine in der Öffentlichkeit stattfindende Versammlung mehrerer Personen zum Zwecke der gemeinsamen Meinungsäußerung (12).
Im Gegensatz dazu ist der Protest (lateinisch protestari‚ öffentlich bezeugen) ein Ausdruck der Zurückweisung oder des Widerspruchs gegenüber bestimmten Geschehnissen, Situationen oder gegenüber einer bestimmten Art der Politik. Proteste können sehr verschiedene Formen annehmen, von individuellen Meinungsäußerungen bis hin zu Massendemonstrationen (13).
Beiden gemeinsam ist, dass Demonstrierende wie Protestierende versuchen, mit ihren Aktionen, öffentlich und machtvoll, Einfluss ihrer Ansichten auf die öffentliche Meinung oder die herrschende Politik zu bewirken, oder in direkter Aktion Veränderungen selbst zu erzielen. Im ersten Fall handelt es sich also um einen friedlichen Wider- oder Fürspruch, meist mit Lösungsansätzen für das jeweilige Problem, im zweiten hingegen ist oft nur die Ablehnung Inhalt der Meinungsäußerung und die Friedfertigkeit kann bisweilen auf der Strecke bleiben. Im Folgenden werde ich die beiden Begriffe `Demonstration` und `Protest` mitunter synonym verwenden.
Das Recht, zu demonstrieren, ist in Artikel 8 des Grundgesetzes verankert, der das Recht auf Versammlungsfreiheit gewährleistet.
Dort heißt es:
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Art.8
1)Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.
2)Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.
Dieses Recht ist zentral für die Demokratie, da es Bürgern ermöglicht, ihre Meinung öffentlich und gemeinschaftlich zu äußern.
Das Recht, sich unter freiem Himmel zu versammeln, findet immer dann seine Grenzen, wenn die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet ist. Das bedeutet, dass die staatliche Gewalt immer dann einschreitet oder zumindest einschreiten sollte, wenn Versammelte gewalttätig werden, wenn sie aggressiv und körperlich gegen Personen oder Sachen vorgehen. In diesen Fällen ist der Schutzbereich des Grundrechts überschritten.
Ebenso verhält es sich, wenn beispielsweise antisemitische Parolen skandiert werden. Eine Versammlung kann vor ihrem Beginn verboten oder auch nach Veranstaltungsbeginn aufgelöst werden. Allerdings ist dies immer das letzte Mittel. Grundsätzlich muss eine Abwägung getroffen werden, ob die Versammlung insgesamt oder lediglich einzelne Teilnehmer der Versammlung eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen (14).
Als Streik bezeichnet man eine von einer Gewerkschaft organisierte, vorübergehende Niederlegung der Arbeit durch eine verhältnismäßig große Anzahl von Arbeitnehmern, die im Arbeitskämpf ein gemeinsames Ziel im Rahmen ihrer Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse erreichen wollen, indem sie den Arbeitgeber bewusst unter wirtschaftlichen Druck setzen (15). Folglich bezieht sich diese Art des Protests stets auf Forderungen oder Beschwerden, die sich auf die Arbeit beziehen. Ein Streik ist eine Arbeitskampfmaßnahme, mittels derer die Arbeitnehmer Stärke gegenüber dem Arbeitgeber demonstrieren wollen.
Das Recht zum Streiken wird indirekt aus dem Grundgesetz abgeleitet. Das Grundgesetz schützt in Art.9Abs.3 GG explizit die Koalitionsfreiheit. Sie eröffnet Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ein weitgehend freies, will heißen, von staatlicher Einflussnahme geschütztes Betätigungsfeld bei der Regelung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen. Und ermöglicht damit Arbeitskämpfe, die `zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen` geführt werden, und mit denen durch Druck auf den `Kampfgegner` ein möglichst guter Abschluss von Tarifverträgen erreicht werden soll.
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art.9
(3) Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, ist für jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einschränken oder zu behindern suchen, sind nichtig, hierauf gerichtete Maßnahmen sind rechtswidrig. Maßnahmen nach den Artikeln 12a, 35 Abs. 2 und 3, Artikel 87a Abs. 4 und Artikel 91 dürfen sich nicht gegen Arbeitskämpfe richten, die zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen von Vereinigungen im Sinne des Satzes 1 geführt werden.
Ein Grundrecht auf Streik, losgelöst von seiner funktionalen Bezugnahme auf die Tarifautonomie, gewährleistet Art. 9 Abs. 3 GG allerdings nicht. Im Grundsatz steht damit allen Arbeitnehmern ein Streikrecht zu. Streikberechtigt sind im öffentlichen Dienst beschäftigte Arbeitnehmer und alle Arbeitnehmer aus der Privatwirtschaft. Ausgenommen vom Streikrecht sind lediglich Beamte, Richter und Soldaten. Begründet wird dies unter anderem mit der Treuepflicht, die beidseitig, für den Staat und seine Beamten, gilt (16).
Diese beidseitige Treuepflicht hat dazu geführt, dass es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland deutlich weniger Streiks gegeben hat als in allen anderen europäischen Staaten.
Deutschland reklamiert für sich in Europa ein Sonderbeamtenrecht. Hierzulande darf nur für Tarifverträge gestreikt werden. Streiks, die ein übergeordnetes politisches Ziel verfolgen, sind in Deutschland nicht erlaubt. Hinzu kommt, dass nur Gewerkschaften das Streikrecht wahrnehmen dürfen.
In vielen europäischen Ländern ist das anders. So darf in Frankreich grundsätzlich jede und jeder streiken. Mit wenigen Ausnahmen - wie etwa Polizisten und Militärs - können selbst Beamte streiken.
Das Recht, Kollektivmaßnahmen zu ergreifen, ist in den meisten Ländern in der Verfassung verankert. Ausnahmen bilden Österreich, Belgien, Luxemburg, Malta, die Niederlande, Irland und Großbritannien.
In einigen Ländern ist dies ein Bereich des Rechts, der aufgrund mangelnder detaillierter gesetzlicher Bestimmungen vornehmlich durch die Gerichte entwickelt wurde. Dies gilt für Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg und die Niederlande. In den zwölf neueren EU-Mitgliedsländern findet sich noch keine ausführliche Rechtsprechung zu Kollektivmaßnahmen. Diese werden in diesen Ländern ausschließlich gesetzlich geregelt. Das trifft auch auf Finnland, Island, Portugal, Spanien und Großbritannien zu. In Griechenland und Irland werden Kollektivmaßnahmen sowohl durch das Gesetz als auch durch die Rechtsprechung geregelt. Zumindest im öffentlichen Sektor gilt dies auch für Frankreich (17).
Die folgende Abbildung zeigt einen detaillierten Überblick über das Streikreicht innerhalb der Europäischen Gemeinschaft.
Quelle: https://www.etui.org/sites/default/files/08%20Strike%20rules%20in%20the%20EU27%20DE%20R103%20WEB.pdf
Noch einmal kurz zusammengefasst: Eine Demonstration ist eine gesellschaftliche Angelegenheit, eine gemeinsame Meinungsbekundung, bei der Menschen öffentlich Forderungen an die Gesellschaft oder an die Politik stellen oder eine bestimmte Haltung zeigen.
Ein Streik hingegen ist eine arbeitsrechtliche Maßnahme, im Rahmen derer Arbeitnehmer die Arbeit verweigern, um eine Forderung durchzusetzen.
Die Verankerung von Demonstrationen und Streiks im Grundgesetz durch die Versammlungsfreiheit beziehungsweise das Koalitionsrecht unterstreicht ihre Bedeutung für die deutsche Demokratie. Sie ermöglichen es Bürgern, aktiv an der Gestaltung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen teilzunehmen.
04
Demonstrationen und Streiks 2023 bis Frühjahr 2024 – viel los auf unseren Straßen!
Das Jahr 2023 war also für deutsche Verhältnisse sehr streikintensiv. Und auch sehr facettenreich. Und so lohnt es sich, ausgewählte Streiks quasi in einem `Jahreskalender` noch einmal Revue passieren zu lassen.
Ein Jahresbeginn ist meist geprägt von `guten Vorsätzen`. Einer davon könnte lauten, sich mehr in der Natur aufzuhalten. Den nehmen die Menschen wörtlich, die sich am 14. Januar 2023 mit Shuttle-Bussen, unter anderem aus Hamburg und Köln, in das Dorf Lützerath, gehörig zur 43.000-Einwohner-Stadt Erkelenz im Westen von Nordrhein-Westfalen, kutschieren lassen (18).
Hintergrund: Im Januar will der Energiekonzern RWE Lützerath zerstören, um die Kohle darunter zu verfeuern. Dem stellen sich die Demonstranten mit der Demonstration am 14. Januar entgegen. Und fordern von den Verantwortlichen:
Die Räumung von Lützerath zu stoppen.
Die Kohle unter Lützerath im Boden zu belassen
Einen bundesweiten Kohleausstieg, der kompatibel ist mit der 1,5°-Grenze – sowohl im Rheinland als auch in Ostdeutschland.
Es gibt Musik von Sorah & Mal Élevé, Osy & Boktan Showcase, KLAN, Haller, Charly Klauser, Shelly, CONNY, Poetry Slam von Sebastian23 sowie Redebeiträge von Peter Donatus, Greta Thunberg, BUND, Campact, Greenpeace, der Klima-Allianz und NAJU.
Aber bei der Demonstration gibt es auch Krawalle: Die Polizei setzt Schlagstöcke und Wasserwerfer ein, als eine Gruppe von Demonstrierenden versucht, nach Lützerath zu kommen. Die Ordnungshüter behaupten, die Demonstranten hätten Steine geworfen und Feuerwerk gezündet. Bereits wenige Tage später ist das Dorf vollständig geräumt. Als letzte Demonstranten verstecken sich zwei Männer tagelang in einem Tunnel unter dem Dorf. Am Ende klettern sie freiwillig heraus (19).
Noch hat RWE nicht mit dem Abbau der Braunkohle unter Lützerath begonnen – doch das ist nur eine Frage der Zeit. Schließlich ist das `Rheinische Revier` das größte Braunkohleabbaurevier Europas. Allein im Tagebau Garzweiler plant RWE noch weitere 280 Millionen Tonnen des Klimakillers Braunkohle zu fördern: Damit rückt die Einhaltung der 1,5 Grad-Grenze aus dem Pariser Klimaabkommen in weite Ferne… (20).
Auch Anfang 2024 halten Aktivisten noch regelmäßig Mahnwachen in dem verlassenen Eifel-Dorf ab. Wer dabei sein will: https://mahnwache-luetzerath.org/termine
Ein weiterer jener `guten Vorsätze`, die man stets zum Jahreswechsel propagiert und dann oft nach wenigen Tagen oder Wochen wieder auf den nächsten Jahreswechsel verschiebt ist jener, sich gesünder zu ernähren.
Das denken sich wohl auch die 10.000 Menschen, die sich auf der `Wir haben es satt! `-Demonstration am 21. Januar 2023 vor dem Willy-Brandt-Haus in Berlin versammeln und für eine `gute Ernährung für alle` ins Feld ziehen. Auch Landwirt*innen mit ihren Traktoren und einige andere Organisationen wie `Vier Pfoten`, `Pro Vieh` oder die `Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft`, kurz ABL, sind vor Ort.
Gefordert wird nicht weniger als ein Paradigmenwechsel in der Agrar- und Verbraucherpolitik. Eine Ökologisierung der Landwirtschaft, das Forcieren einer umweltverträglicheren und nachhaltigeren Agrarproduktion – dafür gehen die Menschen zum Jahresanfang auf die Straße. Man insistiert darauf, durch eine Mehrwertsteuersenkung mehr Pflanzliches auf die deutschen Teller zu bringen und dadurch eine bäuerliche Tierhaltung mit weniger Tieren, die dafür deutlich besser gehalten werden, zu ermöglichen. Auch im Großen werden Ziele formuliert: Klima-, Tier- und Umweltschutz, Pestizideinsatz reduzieren, Biodiversität erhalten und das Artensterben bekämpfen – durch gesundes Essen für alle! (21).
Mit vielen Traktoren, einem bunten Meer aus selbstgemachten Schildern, kreativen Kostümen und begleitet von Trommelwirbel sorgen die Protestler für einen Hauch von Karneval bereits vor den `Tollen Tagen`. Sie unterstützen ihre Forderungen mit Choreografien, wie zum Beispiel einem Tauziehen zwischen Großkonzernen und Discountern.
Kurz vor 12 Uhr beginnt eine Gruppe von Greenpeace-Aktivist*innen mit einer Trommeleinlage und ruft dabei Motto und Namen der Demo: „Wir haben es satt!“. Nach einigen Reden, in denen die jahrzehntelang verfehlte Agrarpolitik thematisiert und sich mit den Bäuerinnen und Bauern solidarisiert wird, geht der Demozug los. Gemeinsam zieht die Menschenmasse vorbei am Finanz- und Landwirtschaftsministerium bis zur Abschlusskundgebung beim Kanzleramt.
Mit einem abschließenden Linseneintopf, der noch bei der der Abschlusskundgebung serviert wird, und am Abend stattfindenden Workshops lässt man den Demotag ausklingen (22).
Hätten die Demonstranten geahnt, wie mit ihren Forderungen in der Folge umgegangen wird, wäre ihnen wahrscheinlich der Appetit vergangen.
Statt einer Mehrwertsteuersenkung beschließt die Bundesregierung, dem zum 31.12.2023 auslaufenden reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Speisen von 7% wieder auf 19% zu erhöhen (23).
Die Umweltauflagen, an die EU-Zahlungen an die Landwirte aus dem Topf der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) geknüpft waren, und die enorm wichtig für den Erhalt der Biodiversität sind, sollen künftig vollends entfallen. Als Begründung führt man an, die Landwirte sähen sich bereits mit `außergewöhnlichen Schwierigkeiten` wie Preis-Dumping oder steigenden Betriebskosten konfrontiert. Umweltschützer werfen der EU-Kommission nun vor, kurzfristigem Profitdenken anstatt langfristiger Vorsorge für die Lebensgrundlagen den Vorzug zu geben (24).
Auch Ihren Vorschlag für eine Pestizidverordnung zieht die EU-Kommission zurück. In dem Entwurf war vorgesehen, dass Landwirte den Einsatz von Pestiziden in den kommenden Jahren deutlich einschränken müssen: Es sollten insgesamt 50 Prozent weniger Pestizide bis 2030 eingesetzt werden, wie es unter anderem auch in der EU‑Biodiversitätsstrategie der EU festgelegt ist.
„Mit dem Rückzug des Vorschlags zur Pestizidreduktion schadet die EU-Kommission nicht nur unserer Gesundheit und Artenvielfalt, sondern lässt auch Landwirt*innen im Stich“, kommentiert die Umweltrechtsorganisation ClientEarth die Entscheidung. Denn viele von diesen zeigten bereits, dass eine ehrgeizige Reduzierung von Pestiziden möglich ist. „Dazu benötigen sie jedoch angemessene Unterstützung und Rahmenbedingungen – welche nun weiter hinausgezögert werden.“
Der Umweltschutz-Verband BUND spricht von einem „fatalen Signal“ für die Zukunft der europäischen Landwirtschaftspolitik. Denn die bisherige nationale und EU-Agrarpolitik drängt die Landwirtschaft geradezu zur Pestizidnutzung (25).
In einer Welt, die zunehmend mit Klimakrisen, Nahrungsmittelunsicherheit und ökologischen Herausforderungen konfrontiert ist, ist die Förderung von agrarökologischen Praktiken von entscheidender Bedeutung. Schließlich ist die Agrarwende kein politisches Projekt, sondern eine wissenschaftlich belegbare Notwendigkeit.
So hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihre Amtszeit auch zunächst ins Zeichen eines Green Deal gestellt – jetzt reicht sie stattdessen der Agrarlobby beide Hände und wischt damit Umwelt- und Artenschutz vom Tisch. Und eine Agrarwende ist nach wie vor nicht in Sicht.
Um Nahrung, zumindest im weitesten, nun gut, im allerweitesten Sinne geht es auch in einen Streik, der gleichfalls im Januar 2023 vonstattengeht.
Im Jahr 1886 erfindet der Apotheker John Stith Pemberton in Atlanta ein Getränk gegen Müdigkeit und Kopfschmerzen und schenkt es zunächst glasweise in seiner Apotheke aus. Er erfindet so die Formel für Coca-Cola und legt damit den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Nach zwei Jahren verkauft der Apotheker seine Patentrechte an den Unternehmer Asa G. Chandler, die Coca-Cola Company entsteht. Bald ist Coca-Cola in jedem Bundesstaat der USA erhältlich. In den 1910er Jahren wird Coca-Cola wird von einer Investorengruppe übernommen, erste Abfüllanlagen in Europa werden errichtet. In Deutschland wird 1929 von der `Essener Vertriebsgesellschaft für Naturgetränke` erstmals Coca-Cola abgefüllt (26).
Heute ist Coca-Cola die mit Abstand wertvollste Softdrink-Marke der Welt mit einem geschätzten Markenwert von, Stand 2023, über 98 Milliarden US-Dollar (27). Ende 2022 verfügt die Gruppe über 133 Produktionsstandorte weltweit. 64,2% des Nettoumsatzes werden im Ausland erzielt (28).
Das Getränk, bestehend aus Wasser, Zucker, Kohlensäure, dem Farbstoff E 150d, dem Säuerungsmittel Phosphorsäure, Aroma und Koffein erfrischt die Menschen in mehr als 200 Ländern – und wird überall auf der Welt nach gleicher Rezeptur hergestellt (29).
Von der anhaltenden Erfolgsstory wollen natürlich auch die Mitarbeiter profitieren – und zwar mit einer satten Gehaltserhöhung.
