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Drei Eliteagenten, erschaffen für den Kampf, getrieben von körperlichen Begierden. Davos. Hinter verschlossenen Türen verhandeln die Mächtigsten der Welt, abgeschirmt von Öffentlichkeit und Moral, und ahnen nicht, dass ihre Leben längst Teil eines perfiden Spiels aus Lust, Verrat und Tod geworden sind. Lyra Virell, Kian Draven und Selene Myrren sollen im eisigen Davos drei Präsidenten schützen, doch was als routinierter Hochsicherheitseinsatz beginnt, kippt unaufhaltsam in eine der gefährlichsten Missionen ihrer gesamten Karriere. Zwischen luxuriösen Suiten, verborgenen Tunneln und nächtlichen Verhandlungen entfaltet sich ein Netz aus Manipulation, sexueller Kontrolle und politischem Verrat. Die drei Schattenkrieger treffen auf Gegner, die nicht nur mit Waffen kämpfen, sondern gezielt Verlangen, Abhängigkeit und geistige Unterwerfung als Instrumente der Macht einsetzen. Während Lyra um die Kontrolle über ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten ringt, Selene sich in eine gefährliche Nähe zu einer Präsidentin begibt und Kian zwischen Führung, Loyalität und Begehren zerrieben wird, eskaliert die Lage ohne Aussicht auf Umkehr. Verrat kommt aus den eigenen Reihen. Grenzen lösen sich auf. Körper werden zu Werkzeugen. Als die Präsidenten schließlich entführt werden, beginnt eine gnadenlose Jagd. Unter Kians Führung dringen die Schattenkrieger in eine unterirdische Festung vor, stellen sich alten Feinden, töten ohne Zögern, und zahlen einen Preis, der weit über Blut hinausgeht. Doch der Einsatz endet nicht mit der Rettung der Präsidenten. Er endet mit politischen Konsequenzen, Verhaftungen, schmerzhaften Trennungen und der bitteren Erkenntnis, dass selbst ein erfolgreicher Auftrag zur Anklage werden kann. "Begierde in Davos" ist der bislang dunkelste Teil der Reihe: ein erotischer Sci-Fi-Thriller über Macht, Lust, Kontrolle – und den Moment, in dem selbst Eliteagenten erkennen, dass sie nicht mehr nur handeln, sondern beurteilt werden. Und während die Welt glaubt, die Krise sei überwunden, formiert sich im Schatten von Cenvaris bereits die nächste Eskalation.
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2026
Amelie Wild
Begierde in Davos
Mission der Schattenkrieger (Band 3)
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
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9
10
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Impressum neobooks
Es gibt Orte, an denen die Welt sich selbst begegnet, nicht auf Schlachtfeldern oder in Ruinen, sondern hinter Glas und Stahl, zwischen Sicherheitsschleusen, Kameras und Worten, die Milliarden bewegen können.
Hier wird nicht geschossen, hier wird entschieden.
Ein Weltwirtschaftsforum ist kein Ort des Dialogs, sondern eine Bühne, auf der Diplomatie, Macht und kalkulierte Nähe zu einer Inszenierung verschmelzen. Präsidenten, Minister, Konzernlenker und Strategen reichen einander die Hände, während sie im Stillen Grenzen verschieben, Allianzen knüpfen und das Schicksal ganzer Nationen neu verhandeln.
Tagsüber sprechen sie von Stabilität, Fortschritt und Verantwortung, von Wachstum und Sicherheit, von einer Zukunft, die kontrollierbar erscheint. Nachts jedoch fallen die Masken. Türen schließen sich, Etagen werden gesperrt, Namen aus Gästelisten gestrichen, und Einfluss vermischt sich mit Begierde, Kontrolle mit Lust, Loyalität mit Verrat.
Was im Schutz dieser Nächte geschieht, ist mächtiger als jede öffentliche Rede.
In solchen Momenten genügt ein Fehler. Ein Blick zu viel, eine Lücke im System, ein Mensch, der verschwindet. Wo Macht verdichtet wird, zieht sie jene an, die sie zerstören wollen oder sie besitzen möchten.
Die Welt glaubt, sich hier selbst zu ordnen, und übersieht dabei, dass es Kräfte gibt, die nicht eingeladen werden müssen, um anwesend zu sein.
Wenn ein einzelnes Leben zum Zünglein an der Waage wird, wenn das Gleichgewicht ganzer Kontinente an einer Person hängt, reicht kein gewöhnlicher Schutz mehr aus. Dann werden die Schatten gerufen.
Lyra Virell.
Kian Draven.
Selene Myrren.
Drei Wesen, geschaffen für Einsätze, von denen niemand erfahren darf. Drei Klingen im Hintergrund einer Welt, die sich für unverwundbar hält.
Sie sind nicht hier, um Geschichte zu schreiben, sondern um sie zu verhindern. Noch.
Denn diesmal ist die Bühne größer, die Spieler skrupelloser und der Preis höher als alles, was sie bisher geschützt haben. Was als Personenschutz beginnt, wird zu einem Kampf um Kontrolle, und was im Verborgenen bleiben sollte, wird blutig sichtbar werden.
Während die Welt feiert, verhandelt und begehrt, nähert sich ein Moment, in dem selbst die Schatten nicht mehr ausreichen könnten.
Der Ruf ist bereits ergangen.
Die Mission hat begonnen.
Der Morgen hing wie ein dünnes, kaltes Tuch über dem Landwassertal im Kanton Graubünden, tief eingeschnitten in die Bündner Alpen der Schweiz.
Davos wirkte in diesem ersten Licht zugleich geschniegelt und unwirklich, als hätte jemand die Welt mit Eiswasser gewaschen und danach poliert, bis jeder Atemzug sichtbar wurde.
Die Straßen waren frei geräumt, und überall standen Absperrgitter, so ordentlich aufgereiht, dass selbst die Kälte diszipliniert wirkte. An den Kreuzungen warteten uniformierte Kräfte mit geröteten Wangen und Augen, die gelernt hatten, freundlich zu schauen und gleichzeitig nichts zu übersehen. Zwischen den Hotels und dem Kongresszentrum glitten schwarze Fahrzeuge in einer ruhigen, fast lautlosen Choreografie, als wäre Davos nicht eine Stadt, sondern eine Maschine, die nur für diese eine Woche gebaut worden war.
Lyra Virell liebte solche Orte nicht, aber sie verstand sie, und manchmal war Verstehen gefährlicher als Liebe. Sie stand einen Moment zu lange im offenen Türrahmen des Vans, ließ den Blick über die Szene wandern und spürte, wie der kalte Wind die letzten Reste von Wärme aus ihrem Nacken zog.
Sie trug unter dem dunklen Mantel einen schlichten, grauen Rollkragen Pullover und eine Hose, die so geschnitten war, dass sie mit jedem Schritt professionell wirkte, ohne sich anzubiedern. Ihre Handschuhe waren dünn genug, um alles zu spüren, aber warm genug, um das Zittern zu vermeiden, das Schwäche signalisierte. Das Haar hatte sie hochgesteckt, streng, aber nicht hart, und wenn sie sich in den Spiegeln der Hotellobby später sehen würde, wüsste sie, dass sie ausgesehen hatte wie eine Frau, die hierhergehörte.
Kian Draven sprang hinter ihr aus dem Wagen, als wäre Schwerkraft nur eine Empfehlung, und selbst in der dicken Jacke, die sein breites Kreuz nicht verbergen konnte, trug er diese unverschämte Selbstverständlichkeit, die andere Männer entweder neidisch oder nervös machte. Er hatte die Kapuze tiefgezogen, doch sein Gesicht blieb offen, kantig, mit diesem schmalen, kontrollierten Lächeln. Seine Handschuhe waren dicker, seine Bewegungen sparsam, und als er die Tür schloss, tat er es leise, nicht weil er sanft war, sondern weil er gelernt hatte, dass Geräusche Spuren sind.
Neben ihm wirkte Selene Myrren fast zu zierlich für die Kälte, doch ihre schlanke Gestalt täuschte wie immer, denn in ihren Augen lag etwas, das nicht weich wurde, egal wie warm ein Raum war. Sie trug eine dunkle Mütze, die ihr Haar verschwinden ließ, und einen Mantel, der ihr bis zu den Knien reichte, und während sie sich den Schal zurechtrückte, scannte ihr Blick bereits die Fenster, die Kameras, die Schatten zwischen den Säulen, als wäre der ganze Ort eine Bühne, auf der sie nur darauf wartete, dass jemand den falschen Schritt machte.
„Davos!“, sagte Kian mit einem Tonfall, der klang, als hätte er das Wort gekostet und für mittelmäßig befunden. Seine Augen glitten über das Kongresszentrum, das sich hinter Sicherheitszäunen und Glasfassaden wie eine moderne Festung aus der Landschaft schob.
„Du klingst enttäuscht“, erwiderte Lyra, und in ihrer Stimme lag die leichte Wärme, die sie sich als Luxus erlaubte, weil sie wusste, wie schnell sie sie wieder abstellen konnte.
„Ich hatte auf Palmen gehofft“, sagte er, und als er das sagte, sah Selene kurz zu ihm, nur eine Sekunde, aber in dieser Sekunde lag ein winziges, spöttisches Zucken an ihrem Mundwinkel.
„Palmen sind nicht dein Problem“, meinte Selene, und ihre Stimme war leise, klar, als würde sie die Kälte nicht spüren. „Menschen sind es.“
Lyra zog den Mantels dichter um ihren Körper, spürte, wie der Wind in die Straße griff, als wollte er sie zurück in den Wagen drücken. Sie dachte an Cenvaris, an die Luft dort oben, die so dünn war, dass man manchmal glaubte, Gedanken würden leichter aus dem Kopf steigen. Davos war anders, schwerer, voller Parfüm, Geld und Angst, und diese Mischung machte sie wach, weil Angst in solchen Häusern nie offen gezeigt wurde, sondern nur in den Stellen, an denen sich jemand zu viel Mühe gab, entspannt zu wirken.
Nach außen traten sie harmlos auf, geschniegelt, angepasst, unauffällig. Genau richtig für einen Ort, an dem Unauffälligkeit Schutz bedeutete. Sie waren als Personenschützer für Dr. Markus Vellner, Erster Ratsherr von Norvayr, nach Davos geschickt worden, beordert vom Rat der Zwölf, nachdem anonyme Hinweise auf eine geplante Aktion eingegangen waren, zu konkret, um sie zu ignorieren, zu vage, um offen Alarm zu schlagen.
Sie gingen nicht direkt zum Eingang des Kongresszentrums, sondern machten den Umweg über die öffentliche Straße, in der es nach Kaffee und kaltem Metall roch. Lyra nahm die Geräusche auf, das Knirschen von Schnee unter Schuhen, das gedämpfte Murmeln von Sprachen, die sich wie Fäden mischten, und das ferne Rattern eines Helikopters, dessen Rotorblätter irgendwo hinter den Bergen mit der Luft kämpften.
Ein Mann in einem dunklen Anzug stand vor einer Absperrung, zu dünn gekleidet für diese Temperatur, und sprach in sein Headset, während eine Frau mit einem Pelzmantel, der zu perfekt saß, ihm zuhörte, als wäre er ein Kellner, der den Wein erklärte. Ihre Wangen waren makellos geschminkt, die Lippen in einem Ton, der gleichzeitig unberührbar und einladend wirkte. Lyra bemerkte, wie die Frau kurz zu Kian sah, als sie an ihnen vorbeigingen, nicht offen, sondern mit dieser seitlichen Neugier, die nichts riskierte und trotzdem alles signalisierte.
Kian bemerkte es natürlich, und sein Mundwinkel hob sich kaum sichtbar, als hätte er ihr einen Gedanken zurückgeschickt, ohne die Lippen zu bewegen.
„Nicht!“, sagte Lyra, ohne ihn anzusehen, und sie wusste, dass er das Wort verstand, weil sie es nicht erklärte.
„Ich habe gar nichts gemacht“, murmelte er, und Selene schnaubte so leise, dass es eher ein Atemstoß war als ein Geräusch.
„Das ist es ja“, sagte Selene, und für einen Moment klang sie fast amüsiert.
Lyra zwang sich, den Blick nicht zu lange auf Gesichter zu legen, weil sie wusste, wie leicht sie in ihre Gabe glitt, wie schnell sich eine Oberfläche öffnen konnte, und wie gefährlich das hier war, wo so viele Köpfe dicht beieinander waren, so viele Geheimnisse, so viele private Abgründe hinter gepflegten Augen. Sie musste wählen, musste sparsam sein, denn wenn man zu viel wusste, konnte man nicht mehr so tun, als wäre man überrascht, und Überraschung war manchmal die letzte Maske, die einen rettete.
Das Hotel, in dem sie untergebracht waren, lag etwas abseits, diskret genug, um wichtig zu wirken, aber nah genug, um in wenigen Minuten am Kongresszentrum zu sein. Als sie die Lobby betraten, schlug ihnen Wärme entgegen, die nach Holz, Leder und teurem Reinigungsmittel roch. Der Boden war aus Stein, so glatt, dass er Licht spiegelte, und an den Wänden hingen Fotografien von winterlichen Landschaften. Ein Kamin brannte hinter Glas, und davor standen Sessel, in denen Menschen saßen, die aussahen, als hätten sie sich nicht zufällig hierhergesetzt, sondern, als wäre selbst ihr Entspannen Teil einer Strategie.
An der Rezeption lächelte eine junge, blonde Frau, die Haare streng zurückgebunden, und ihre Uniform saß wie maßgeschneidert. Ihre Augen waren freundlich, aber müde, und als sie Lyra sah, wurde ihr Lächeln professioneller, glatter, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Die Rezeptionistin sah kurz auf, musterte sie unauffällig und nickte knapp.
„Guten Morgen. Die Namen bitte.“
Lyra nannte die Namen, ruhig, präzise, und ließ ihren Blick scheinbar beiläufig durch die Lobby wandern, über die Aufzüge, die glatten Steinflächen, die Spiegel, in denen sich mehr verbarg als nur das eigene Spiegelbild.
Kian stand einen Schritt hinter ihr, groß, reglos, so selbstverständlich präsent, dass er fast unsichtbar wirkte, ein Schutzfaktor, der nicht auffiel, gerade weil er perfekt passte.
Selene hingegen schenkte den Räumen nur einen flüchtigen Moment, denn ihre Aufmerksamkeit hatte sich bereits an der Rezeptionistin festgehakt. Sie beobachtete, wie sich deren Schultern beim Tippen sanft bewegten, wie das blonde Haar streng zurückgebunden war und dabei den Nacken freilegte, schmal und überraschend weich in dieser kontrollierten Umgebung. Der Stoff der Uniform hielt die weiblichen Rundungen nicht verborgen, sondern zähmte sie, spannte sich dezent über Hüften und Brust, als würde er Ordnung erzwingen, wo eigentlich Bewegung war.
In Selene regte sich etwas Vertrautes, ein leises, dunkles Ziehen, der Wunsch nach Nähe und Berührungen. Sie nahm das feine Zusammenziehen der Lippen wahr, die konzentrierte Ruhe im Gesicht, die Art, wie die Rezeptionistin unbewusst das Gewicht verlagerte, und für einen Moment stellte Selene sich vor, wie diese Spannung aussehen würde, wenn sie zwischen ihren Schenkeln knien würde, über die Schamlippen leckte und an der Klitoris knabberte.
„Ihre Zimmer sind bereit“, sagte die Rezeptionistin, und während sie sprach, hob sich ihr Blick noch einmal, suchend, fast unbewusst, bis er Selene traf.
Einen Moment zu lange blieb er dort hängen, glitt nicht sofort weiter, sondern verharrte, prüfend, neugierig, als hätte sie gespürt, dass sie beobachtet worden war und nun wissen wollte, von wem. Ihre Lippen formten ein höfliches Lächeln, doch in ihren Augen lag etwas anderes, ein leises Aufblitzen, das nicht zum Protokoll gehörte.
„Sie haben außerdem Zugang zu den Delegationsbereichen und den separaten Aufzügen, wie vermerkt. Ihr Ansprechpartner wird Sie um neun Uhr im Besprechungsraum Edelweiß erwarten.“
Selene erwiderte den Blick ruhig, ließ ihn nicht hastig abbrechen, sondern hielt ihn für einen Atemzug länger, als es nötig gewesen wäre, und neigte den Kopf minimal, kaum wahrnehmbar, eine Geste, die nichts versprach und doch alles andeutete.
Die Rezeptionistin reagierte darauf mit einem feinen, kaum sichtbaren Einziehen der Schultern, als hätte sie einen elektrischen Impuls gespürt, und ihre Finger verharrten einen Sekundenbruchteil über der Tastatur, bevor sie sich wieder fing.
„Danke“, sagte Lyra, nahm die Magnetkarte für die Suite entgegen und bemerkte, wie die Frau hinter dem Tresen leise ausatmete, als hätte sie sich gerade gesammelt.
Als sie sich abwandten, folgte ihnen der Blick der Rezeptionistin noch ein Stück, unauffällig, aber deutlich genug, dass Selene es wahrnahm. Für einen Moment trafen sich ihre Augen ein letztes Mal, und diesmal lag darin kein Zögern mehr, sondern eine offene, neugierige Wärme, die Selene ruhig annahm, ohne sie zu erwidern oder zurückzuweisen, sondern einfach speichernd, wie man eine Möglichkeit speichert.
„Edelweiß“, murmelte Kian, während sie sich vom Tresen lösten und auf den Aufzug zugingen, sein Blick glitt über die dezenten Schilder und die diskrete Präsenz der Sicherheitskräfte. „Wie kann man einen Raum nur so nennen. Klingt harmlos.“
„Harmlos ist das, was sie dir verkaufen“, erwiderte Selene ruhig, ohne ihn anzusehen, und ihre Aufmerksamkeit lag bereits auf dem Aufzugsvorraum, auf den Spiegeln, den Kameras in den Ecken, den Menschen, die dort warteten und so taten, als wären sie nur Gäste.
Der Aufzug kam lautlos, die Türen glitten auf, und für einen Moment teilten sie den Raum mit zwei Männern in dunklen Anzügen, beide geschniegelt, beide mit diesem konzentrierten Ausdruck, der verriet, dass sie mehr waren als Begleiter. Einer nickte knapp, professionell, ohne Neugierde, der andere musterte sie offen, ließ den Blick kurz über Kian gleiten und blieb dann an Selene hängen, als hätte er instinktiv erkannt, dass sie nicht hier war, um gesehen zu werden. Niemand sagte etwas, und doch füllte sich der kleine Raum mit unausgesprochenen Einschätzungen, während der Aufzug nach oben glitt und die Zahlen leise aufleuchteten.
Als sich die Türen wieder öffneten, gingen sie ohne Eile hinaus, folgten dem Flur, der weich gedämpft war, mit dickem Teppich und warmem Licht, das jeden Schritt verschluckte.
Vor der Suite 721 hielten sie an, und Lyra zog die Magnetkarte aus der Tasche, hielt sie ruhig an das Schloss, das mit einem leisen, unauffälligen Ton reagierte, bevor die Tür sich öffnete.
Der Hauptraum lag offen vor ihnen, ruhig, klar strukturiert, mit einem großen Tisch aus dunklem Holz im Zentrum. Lyra blieb einen Moment stehen, ließ den Raum auf sich wirken, nahm die Linien wahr, die Ordnung, die Art, wie alles platziert war.
Kian ging ein paar Schritte weiter, prüfte instinktiv die Fenster, den Zugang zum Balkon, ließ den Blick über die Ecken gleiten, über die Sitzgruppe, die schweren Vorhänge, und nickte kaum merklich, als würde er dem Raum eine erste Bewertung geben.
„Übersichtlich!“, sagte er leise. „Man sieht, wer hier rein- und rausgeht.“
Selene hatte sich bereits seitlich bewegt, öffnete eine der Türen, hinter der sich einer der Schlafräume befand, schlicht, ruhig, mit gedämpftem Licht und einem Bett. Sie schloss die Tür wieder, ging zur nächsten, dann zur dritten, stellte fest, dass jeder Raum klar getrennt war, ohne Nähe zu erzwingen, und in dieser Trennung lag etwas Beruhigendes.
Das Badezimmer öffnete sich weit, Stein und Glas, warmes Licht, eine Dusche, die mehr war als ein Ort zum Waschen, sondern ein Raum, um Spannung abzustreifen, Gedanken zu ordnen, wieder Kontrolle zu gewinnen. Selene ließ den Blick kurz über die Fläche gleiten, registrierte die Spiegel, die Ecken, dann trat sie zurück in den Hauptraum.
Durch die bodentiefen Fenster fiel der Blick hinaus auf den Balkon, der ungewöhnlich groß war, offen, mit freier Sicht auf die Berge, deren schroffe Linien selbst hier oben präsent waren.
Kian trat hinaus, atmete die kalte Luft ein, sah hinunter ins Tal, wo sich Davos wie ein kontrolliertes Muster ausbreitete, und für einen Moment wirkte es, als würde er die Stadt wie ein Spielfeld betrachten.
„Wo ist unser Gepäck?“, fragte Lyra, und kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, öffnete sich leise eine Seitentür, hinter der ihre Koffer bereits ordentlich bereitstanden, sauber aufgereiht, als hätte jemand genau gewusst, wie viele sie waren und wo sie hingehörten.
Kian warf einen kurzen Blick auf die Uhr, dann zu Lyra.
„Neun Uhr“, sagte er ruhig. „Erstes Briefing. Wir haben Zeit für Kaffee und schlechte Nachrichten.“
„Nur eins von beidem“, meinte Lyra, und ihr Ton war trocken genug, dass er lächelte.
„Dann Kaffee“, entschied er, und ging zur kleinen Küchenzeile, in der eine Maschine stand. Er stellte Tassen hin, bewegte sich dabei so leise, dass es eher an eine Katze erinnerte als an einen Mann seiner Statur.
Kurz darauf nahm Lyra eine gefüllte Tasse entgegen. Sie trank einen Schluck, und der Kaffee war stark, bitter, und genau richtig für einen Morgen, der sich zu gut anfühlte, um ehrlich zu sein.
Kurz vor neun gingen sie hinunter. Der Flur roch nach Teppich und frischen Blumen, geschniegelt bis zur Unwirklichkeit, als hätte hier noch nie jemand laut gesprochen, geschweige denn gestritten. Am Ende des Ganges lag der Besprechungsraum Edelweiß, unauffällig beschildert, mit einer Tür, die mehr versprach, als ihr Name vermuten ließ.
Im Raum wartete ein Mann, dessen Präsenz den sorgfältig inszenierten Charme des Hotels störte.
Er war Mitte fünfzig, groß, aber schlank, mit kurz geschnittenem grauem Haar und einem Gesicht, das zu viele Nächte gesehen hatte, um noch jugendlich wirken zu wollen. Sein Anzug war dunkel und teuer, doch er trug ihn nicht wie Mode, sondern wie eine Uniform. Seine Hände lagen ruhig vor ihm, kontrolliert, als hätten sie gelernt, nicht zu zittern, egal, was geschah.
Als Lyra den Raum betrat, hob er den Blick. Darin lag keine Freundlichkeit, aber auch keine offene Ablehnung, eher eine kühle Erleichterung, als wäre endlich das Werkzeug angekommen, auf das er gewartet hatte.
„Sie sind pünktlich“, sagte er. Seine Stimme war rau, ein wenig zu trocken, geformt von Kaffee und Schlafmangel. „Ein gutes Zeichen. Setzen Sie sich.“
Lyra tat es nicht. Sie blieb stehen, ließ die Stille arbeiten, bis klar wurde, dass sie nicht hier war, um sich führen zu lassen.
„Sie sind unser Ansprechpartner“, sagte sie ruhig. Es war keine Frage.
„Ralf Brenner, leitender Sicherheitskoordinator des Forums“, antwortete er und nickte knapp. „Schnittstelle zu den lokalen Kräften und zu … Ihren Leuten.“
Er sagte „Ihren Leuten“ so, als wäre AUREON ein Wort, das er in seinem Mund nicht haben wollte. Lyra bemerkte es, ohne es zu kommentieren, weil sie wusste, dass Menschen wie Brenner ihre Angst in Professionalität verpackten.
Kian und Selene positionierten sich, ohne es abzusprechen; Kian leicht seitlich, Selene so, dass sie die Tür sehen konnte. Brenners Blick huschte kurz zu ihnen, dann zurück zu Lyra, als hätte er verstanden, dass sie die Spitze war, die sprach.
„Worum geht es?“, fragte Lyra, und diesmal setzte sie sich, weil die Bühne nun klar war.
Brenner schob eine Mappe über den Tisch, nicht zu schnell, nicht zu langsam, und in dieser Bewegung lag die Gewohnheit, Dinge zu übergeben, die Menschen gefährlich machen.
„Ihr Schutzobjekt“, sagte er, und er benutzte das Wort so nüchtern, dass es fast respektlos klang, aber Lyra wusste, dass Nüchternheit in solchen Fällen oft die einzige Form von Respekt war, die blieb.
Lyra öffnete die Mappe.
Das Foto zeigte einen Mann Anfang sechzig mit hellem, aschgrauem Haar, sauber zurückgekämmt, und einem Gesicht, das von Zurückhaltung lebte. Die Haut wirkte blass, fast durchscheinend, die Augen hell, eisblau, ruhig, als hätten sie gelernt, Dinge auszuhalten, ohne sie zu zeigen. Sein Lächeln war schmal, kontrolliert, eines, das in Kameras funktionierte, ohne Nähe zu versprechen, und der dunkle Anzug saß perfekt, nordisch nüchtern, ohne jede demonstrative Geste von Reichtum.
Unter dem Bild stand der Name: Dr. Markus Vellner, Erster Ratsherr von Norvayr, dem nordeuropäischen Staat, der sich nach außen als rational, transparent und modern gab und nach innen von einem eng geführten Rat regiert wurde.
„Norvayr“, sagte Brenner, und in seiner Stimme lag ein kurzer, sachlicher Respekt. „Kühl, effizient, sauber. Energie, Technologie, Finanzbeteiligungen. Sie reden wenig und bewegen viel.“
Er beugte sich leicht vor. „Vellner ist nicht nur das Gesicht des Rates. Er ist der Knotenpunkt. Wenn er zustimmt, fließen Milliarden. Wenn er blockiert, stehen Projekte still, ganze Märkte warten. Und genau deshalb ist er hier.“
Lyra ließ den Blick noch einmal über das Foto gleiten. Der Mann darauf wirkte ruhig, beherrscht, jemand, der es gewohnt war, gesehen zu werden, ohne sich zu zeigen.
„In Davos sind keine Stellvertreter“, sagte sie leise.
Brenner nickte. „Genau. Nur die Höchsten. Deshalb ist dieses Treffen so interessant, und aus diesem Grund bestehen diese hohen Sicherheitsvorkehrungen! Die Abläufe sind eng getaktet, die Protokolle sauber. Trotzdem gibt es Lücken. Es gibt sie immer.“
Lyra ließ das Foto sinken. Die Informationen ordneten sich in ihrem Kopf fast von selbst. Gleichzeitig war da dieses leise Ziehen, dieses Wissen, dass es hier um mehr ging als um klassischen Personenschutz. AUREON schickte niemanden wegen einer einzigen Bedrohung.
„Wie ist die offizielle Lage“, fragte sie.
„Erhöhte Bedrohung, aber nichts Konkretes“, antwortete Brenner. Dann senkte er die Stimme minimal, obwohl der Raum leer war. „Inoffiziell gibt es zwei Punkte. Erstens: Bewegungen in privaten Hotelbereichen, die nicht zu den Listen passen. Zweitens: Hinweise auf Veranstaltungen, bei denen Delegierte kompromittierbar wären.“
Selene hob eine Augenbraue. „Partys?“
Brenner zögerte kurz, dann nickte er. „Partys. Nicht der offizielle Empfang mit Reden und Kameras, sondern die andere Ebene. Abgeschottet. Diskret. Dort werden Kontakte geknüpft, die später als Druckmittel dienen können. Sex verkauft sich gut. Erpressung verkauft sich besser.“
In Lyra schaltete sich ein kalter Fokus ein. Sie kannte diese Mechanik. Sie wusste, wie schnell Lust zur Kette wurde, wie leicht Menschen glaubten, sie hätten die Kontrolle, nur weil sie eine Tür hinter sich schlossen.
„Wer organisiert diese diskreten Partys?“, fragte Lyra.
Brenner schüttelte den Kopf. „Noch unklar. Mehrere Ebenen. Sehr reiche Gastgeber. Diskrete Vermittler. Sicherheitsleute, die käuflich sind. Und Menschen, die glauben, sie handeln freiwillig.“
Lyra hob die Hand. Nicht scharf, aber eindeutig. Die Spannung sank, blieb jedoch präsent.
„Zeitplan?“, fragte sie.
Brenner schob ein Blatt über den Tisch. „Heute Vormittag Ankunft der Delegationen. Sicherheitschecks, dann ein internes Briefing mit allen beteiligten Schutzteams. Dann beginnen die ersten Konferenzen, abends die Zusammenkunft in einem kleineren Rahmen.“ Er sah Lyra direkt an. „Inoffiziell werden mehrere Gruppen versuchen, die höchsten Entscheidungsträger in private Runden zu ziehen. Nicht nur Vellner, sondern auch andere Staatsvertreter, Ratsvorsitzende, Regierungschefs.“
Er ließ einen Moment verstreichen. „Dort sagt man schneller Dinge, die man später bereut. Dort entstehen Abhängigkeiten. Und dort verschwinden Menschen, ohne, dass es sofort auffällt.“
Lyra nickte langsam. Sie erkannte das Muster. Diese Woche war kein Terminplan, sie war ein Netz, das sich enger zog, je mehr Interessen daran zerrten. Sie schloss die Mappe. Das Papier fühlte sich harmlos an. Der Inhalt war es nicht.
„Wir beginnen mit einem vollständigen Ablauf“, sagte Lyra ruhig. „Unterbringung, Wege, Übergänge. Ich will wissen, wo er schläft, wer neben ihm wohnt und wie viele Türen zwischen ihm und der Öffentlichkeit liegen.“
Brenner zog ein weiteres Blatt hervor. „Vellner ist im Grand Hotel Belmonte untergebracht. Oberes Haus, abgeschirmter Trakt, zwei Etagen für Delegationen aus Norvayr. Er reist mit einem kleinen eigenen Stab an. Zwei persönliche Berater, ein Pressesprecher, ein medizinischer Begleiter. Sein eigenes Sicherheitsteam umfasst vier Mann, erfahren, aber defensiv. Sie kennen die Aufgaben eines Personenschützers nur aus der Theorie, haben keine praktischen Erfahrungswerte!“
„Zu wenig Leute, und auch noch unerfahren!“, meinte Kian und verdrehte die Augen.
Brenner nickte. „Deshalb sind Sie hier! Die offizielle Sicherung beginnt am Hotel. Öffentliche Wege, Ein- und Ausgänge, Fahrzeugbewegungen. Inoffiziell“, er sah Lyra an, „beginnt die Überwachung dort, wo Protokolle enden.“
Selene verschränkte die Arme. „Restaurants. Bars. Suiten. Private Partys.“
Brenner nickte knapp. „Genau dort.“
Lyra nahm das Blatt, überflog es, prägte sich Namen, Uhrzeiten und Wege ein.
„Wir setzen früh an“, sagte sie ruhig. „Sichtkontakt ab Ankunft. Muster lesen. Wer sucht Nähe. Wer bleibt auf Distanz. Wer wechselt Positionen ohne erkennbaren Grund.“
„Vellner ist informiert worden“, fügte Brenner hinzu. „Er weiß, dass ihm drei zusätzliche Agenten zugeteilt wurden.“ Sein Blick ruhte einen Moment auf Lyra. „Und er weiß, dass Sie die operative Leitung seines Schutzes übernehmen.“
Kian zog eine Augenbraue hoch. „Weiß er auch, was das bedeutet.“
„Er wurde darüber unterrichtet, dass er und sein gesamtes Umfeld den Sicherheitsanweisungen zu folgen haben“, sagte Brenner. Seine Stimme blieb sachlich, aber darunter lag Erfahrung. „Seine Berater, der Sprecher, das medizinische Personal, auch sein eigenes Team.“
Selene verzog leicht den Mund. „Und wir hoffen, dass sie zuhören.“
Brenner ließ einen Atemzug verstreichen. „Politiker hören ungern zu, wenn man ihnen sagt, was sie nicht dürfen. Und ihr Gefolge hält sich oft für unantastbar. Arroganz gehört zur Grundausstattung.“
Lyra sah nicht auf. „Dann werden sie lernen, dass es hier keine Ausnahmen gibt.“
„Die anderen Schutzteams werden reagieren“, gab Brenner zu bedenken. „Nicht nur bei Vellner. Für dieses Forum wurden den anwesenden Spitzenpolitikern durchweg spezialisierte Überwachungsteams zugeteilt. Die besten Personenschützer der Welt sind hier versammelt.“
Er ließ den Blick kurz durch den Raum gleiten, als würde er all die anderen Teams bereits vor sich sehen.
„Das hier ist ein Treffen von Kompetenz“, sagte er leise. „Und von Egos. Jeder dieser Männer und Frauen ist es gewohnt, Entscheidungen zu treffen, nicht sie entgegenzunehmen. Führung ist ihr Alltag, Gehorsam nicht.“
Lyra blieb ruhig. „Sie müssen es nicht mögen“, sagte sie. „Aber wir arbeiten auf dasselbe Ziel hin. Dieses Forum endet ohne ein einziges negatives Ereignis.“
Brenner nickte langsam. „Gut. Dann wissen wir, woran wir sind.“
Der Weg zum Grand Hotel Belmonte führte sie hinauf in einen ruhigeren Teil von Davos, wo die Straßen schmaler wurden und die Gebäude weiter auseinanderstanden, als hätte man hier bewusst Platz gelassen für Menschen, die nicht gern beobachtet wurden.
Der Himmel war hell, aber kalt, ein blasses Blau spannte sich über die Berge, deren Flanken scharf und unbeweglich wirkten, während unten im Tal bereits Bewegung herrschte, Motoren, Stimmen, das leise Summen einer Stadt, die sich auf einen Ausnahmezustand eingestellt hatte.
Das Belmonte lag leicht erhöht, ein Ensemble aus hellem Stein, Glas und dunklem Holz, zurückhaltend luxuriös. Hier war alles auf Diskretion ausgelegt, auf Abschirmung, auf das unauffällige Versprechen, dass Dinge, die hinter diesen Mauern geschahen, dort auch blieben. Das obere Haus erhob sich etwas abgesetzt, mit eigenen Zufahrten, separaten Eingängen und einer Architektur, die mehr an eine befestigte Residenz als an ein Hotel erinnerte.
Lyra blieb kurz stehen, ließ den Blick über das Gelände gleiten, über die Zufahrtsstraße, die parkenden Fahrzeuge, die Kameras, die man sehen sollte, und jene, die man nur erkannte, wenn man wusste, wonach man suchte. Die Luft war klar und kalt, jeder Atemzug brannte leicht in der Lunge, und genau das mochte sie an diesem Ort, weil Kälte Dinge schärfte.
„Oberes Haus“, sagte Selene ruhig, während sie den Trakt musterte, der sich über zwei Etagen zog und deutlich besser gesichert war als der Rest des Hotels. „Eigene Schleusen. Eigene Aufzüge. Keine direkte Verbindung zu den öffentlichen Bereichen.“
„Und trotzdem nicht unangreifbar“, entgegnete Kian, dessen Blick bereits Wege berechnete, Abstände, tote Winkel, mögliche Annäherungen. Er wirkte entspannt, fast lässig, doch Lyra wusste, dass er in diesem Zustand jedes Detail registrierte, jede Bewegung, jedes Geräusch.
Sie betraten das Gebäude über einen seitlichen Eingang, der offiziell als Servicezugang geführt wurde, in Wahrheit aber für die Delegationen reserviert war, die ungern durch Lobbys liefen. Drinnen empfing sie gedämpftes Licht, warme Materialien, ein Geruch nach Holz, Leder und dezenter Reinigung, der nichts verriet und genau deshalb Vertrauen schaffen sollte.
Die Drei bewegten sich ruhig durch die Gänge, prüften Schleusen, sprachen leise mit dem lokalen Sicherheitspersonal, warfen Blicke auf Monitore, auf Lagepläne, auf Zeitfenster. Lyra stellte Fragen, präzise, ohne den Tonfall zu ändern, und merkte schnell, wo die Antworten sauber waren und wo man ihr auswich. Es war kein schlechtes Setup, im Gegenteil, doch Perfektion war nie ihr Maßstab, weil sie wusste, dass gerade dort Fehler entstanden.
„Die Aufzüge“, sagte sie schließlich, blieb vor einem der diskreten Fahrstühle stehen, die ausschließlich für den abgeschirmten Trakt vorgesehen waren. „Wer hat alles einen Zugriff?“
Der Mann vom Hotel, ein hagerer Mittvierziger mit zurückhaltender Stimme, erklärte die Codes, die Protokolle, die zeitlichen Sperren, und während er sprach, hörte Lyra weniger auf seine Worte als auf das, was er nicht sagte.
Selene registrierte es ebenfalls, ein kurzer Blick, ein kaum merkliches Nicken.
Als sie wieder ins Freie traten, war die Ankunft der Delegation bereits angekündigt. Fahrzeuge sammelten sich, Sicherheitspersonal positionierte sich neu, Funkverkehr nahm zu, und irgendwo über ihnen zog ein Helikopter seine Bahn, langsam, kontrolliert, sichtbar genug, um Präsenz zu zeigen.
Die Wagen rollten langsam vor, schwarz, unauffällig, mit getönten Scheiben, die nichts preisgaben und genau deshalb Aufmerksamkeit erzeugten. Der Kies knirschte leise unter den Reifen, Motoren liefen noch einen Moment nach, bevor sie verstummten, und für einen Augenblick lag diese gespannte Stille in der Luft, die immer dann entstand, wenn Macht ankam.
Lyra trat einen Schritt vor, nicht hastig, nicht demonstrativ, sondern genau so weit, dass sie gesehen wurde, als sich die Tür des ersten Fahrzeugs öffnete.
Dr. Markus Vellner stieg aus, ohne jede Eile, als gehöre der Moment ihm allein und als hätte die Umgebung gefälligst zu warten, bis er sich entschieden hatte, Teil von ihr zu werden. Der dunkle Mantel lag schwer und perfekt über einem makellos geschnittenen Anzug, der nichts beweisen musste. Sein helles, aschgraues Haar saß tadellos, kein Hauch von Zufälligkeit darin, und sein Gesicht wirkte ruhig, fast glatt, als hätte er sich angewöhnt, Emotionen nur dann zu zeigen, wenn sie einen Zweck erfüllten. Sein Blick glitt über den Vorplatz, über die Architektur des Hotels, über das Sicherheitspersonal, über die Kameras, die sichtbar waren.
Hinter ihm folgte die Delegation in einer stillen Choreografie. Zwei persönliche Berater, ein Mann und eine Frau, beide elegant gekleidet, beide mit jener Mischung aus Selbstbewusstsein und latenter Nervosität, die Menschen eigen war, die sich ständig in der Nähe von Macht bewegten, ohne sie selbst auszuüben. Der Mann hatte etwas Glattes an sich, ein Lächeln, das schnell zur Hand war, die Frau bewegte sich kontrollierter, ihre dunklen Haare streng zurückgenommen, ihre Haltung aufrecht, wach, als würde sie alles registrieren und nichts vergessen.
Der Pressesprecher war kaum aus dem Wagen, da hatte er bereits das Telefon in der Hand. Schlank, drahtig, mit scharf geschnittenem Gesicht und einem Blick, der ständig zwischen Menschen, Displays und möglichen Schlagzeilen wechselte. Er sprach leise, während er ging, und wirkte, als sei er nie wirklich anwesend, sondern immer schon einen Schritt voraus.
Die medizinische Begleiterin folgte zuletzt. Eine Frau, Anfang vierzig, ruhige Präsenz, klare Augen, bequeme, unauffällige Kleidung, die nichts signalisierte und gerade deshalb Kompetenz ausstrahlte. Sie sah sich nicht hektisch um, sondern gezielt, als hätte sie gelernt, Situationen einzuschätzen, bevor andere merkten, dass überhaupt etwas zu bewerten war.
Dr. Markus Vellner blieb stehen, als hätte er in dieser Sekunde bemerkt, dass drei zusätzliche Personalschützer anwesend waren. Er musterte die Drei, ließ den Blick langsam über sie gleiten, von Kian zu Selene, schließlich zu Lyra, und ein schmales Lächeln legte sich auf seine Lippen, kühl, kontrolliert, ohne jede Wärme.
„Sie sind also die Verstärkung“, sagte er und ließ den Blick über die Drei gleiten, als würde er eine Lieferung begutachten, die später gekommen war, als erwartet. Seine Stimme war ruhig, präzise geführt, von jener Art, die es gewohnt war, Räume zu dominieren, ohne lauter zu werden.
„Ich hatte mit … mehr gerechnet“, meinte Vellner, während seine Blicke zulange auf den Brüsten von Lyra hängenblieben.
Lyra hielt seinem Blick stand, lächelte nicht, senkte auch nicht den Kopf. Sie kannte das Interesse der Männerwelt an ihrer Oberweite.
„Mehr ist selten besser“, sagte sie ruhig. „Meistens ist es nur auffälliger.“
Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging durch Vellners Gesicht. Er hob den Kopf, löste sich vom Anblick ihrer Brüste, sah ihr jetzt direkt in die Augen, musterte sie nun genauer, nicht mehr beiläufig, sondern prüfend.
„Ich schätze Effizienz“, sagte er. „Und Erfahrung.“
„Dann haben Sie beides bekommen!“, entgegnete Lyra. „Auch wenn sie weniger Inhalt in der Verpackung erhalten, als Sie erwartet haben.“
Es erklang ein Raunen, ein Hüsteln, ein leises Lachen aus der Gruppe der Delegation. Der männliche Berater zog minimal die Augenbrauen hoch, fast unwillkürlich, als hätte er diesen Tonfall nicht erwartet. Die Beraterin neigte den Kopf leicht, ihr Blick glitt erneut zu Lyra, diesmal nicht neugierig, sondern aufmerksam.
Vellner verschränkte langsam die Hände hinter dem Rücken.
„Ich bin es gewohnt, dass die Dinge reibungslos laufen“, sagte er. „Ich mag keine Überraschungen.“
Lyra trat einen halben Schritt näher, gerade so viel, dass es spürbar wurde.
„Dann halten Sie sich an unsere Anweisungen“, sagte sie ruhig. „Und es wird reibungslos laufen.“
Ein kurzer Moment verging. Die Luft schien dichter zu werden, als hätten alle Beteiligten instinktiv aufgehört zu atmen. Vellners Blick verharrte auf ihr, betrachtete erneut ihre runden Brüste, die sich unter der Kleidung modellierten.
„Und wenn ich es nicht tue?“, fragte er schließlich, leise, fast interessiert.
„Dann werden wir Sie trotzdem schützen“, antwortete Lyra ohne Zögern. „Aber es wird unbequemer. Für alle.“
Jetzt war es still hinter ihm. Der Pressesprecher hatte aufgehört, auf sein Telefon zu sehen. Die medizinische Begleiterin musterte Lyra offen, mit diesem nüchternen Blick von Menschen, die Autorität erkennen, wenn sie ihnen begegnen.
Vellner atmete langsam aus. Ein schmales Lächeln erschien auf seinen Lippen, kühler als zuvor, aber ehrlicher.
„Sorgen Sie dafür, dass wir nicht gestört werden“, sagte er schließlich, diesmal nicht beiläufig, sondern bewusst, und es klang weniger nach Anweisung als nach Akzeptanz.
Lyra nickte knapp. „Dafür sind wir hier.“
Als er sich abwandte und weiterging, setzte sich auch die Delegation in Bewegung. Doch die Blicke, die sie Lyra nun zuwarfen, waren nicht mehr dieselben. Die selbstgewisse Arroganz war verflogen, leise, beinahe unbemerkt, und hatte etwas anderem Platz gemacht. Neugier. Abwägen. Und ein Respekt, der sich nicht entschuldigte, sondern widerwillig eingestand, dass man sie unterschätzt hatte.
Die Beraterin ließ ihren Blick an Selene hängen, nicht flüchtig, nicht zufällig, sondern so, als hätte sie sich bewusst dafür entschieden, diesen Moment auszukosten. Ihre Augen glitten langsam über sie, nahmen ihre Körperformen, die Taille, die Brüste auf, verweilten einen Herzschlag zu lange, um noch harmlos zu sein.
Selene spürte es. Sofort verhärtete sich ihre Brustwarzen, richtete sich auf, drückten sich durch den Stoff. Die Beraterin machte keinen Versuch, ihre Neugier zu verbergen, im Gegenteil, sie zwinkerte und leckte sich mit der Zungenspitze über die Lippen.
Selene erwiderte den Blick ruhig, interessiert und fühlte sich plötzlich in Davos angekommen. Zuerst du süße Rezeptionistin und jetzt die Beraterin! Sie freute sich auf die nächsten Tage.
Der männliche Berater hingegen sah zu Lyra, ein kurzes Lächeln, fast respektvoll, fast herausfordernd, als würde er prüfen wollen, wie nah man ihr kommen konnte, ohne sich zu verbrennen. Seine Augen blieben einen Herzschlag zu lang an ihren Brüsten hängen, bevor er weiterging.
Die vier Männer des eigenen Sicherheitsteams lösten sich fast unmerklich aus dem Hintergrund und nahmen ihre Positionen ein, ruhig, eingespielt, ohne hastige Gesten. Ihre Bewegungen waren präzise und ökonomisch.
Einer der Männer löste sich aus der Formation. Er war groß, breitschultrig, trug den dunklen Mantel wie eine zweite Haut, und sein Gesicht war ruhig, von jener Art, die nichts beweisen musste. Seine Augen blieben wach, während er auf Kian zuging, musterte ihn offen, ohne Aggression, ohne Unterwerfung, nur prüfend.
„Jonas Haldor“, sagte er schließlich und deutete knapp mit dem Kopf zurück auf die drei anderen. „Das ist mein Team.“
Kian erwiderte den Blick, ließ ihm den Raum, den man jemandem ließ, der wusste, was er tat. „Kian Draven.“
Haldor nickte. „Wir wurden informiert, dass AUREON den operativen Schutz übernimmt“, sagte er ruhig. „Dass Sie, Lyra Virell und Selene Myrren die Führung innehaben.“ Seine Stimme blieb sachlich, aber darin lag Anerkennung, keine Pflichtübung. „Wir haben die Dossiers gelesen. Gründlich.“
Er ließ den Blick einen Moment über Kian gleiten, dann weiter zu Lyra und Selene, ohne Hast. „Ihre Einsätze. Ihre Methoden. Ihre Ergebnisse.“
Ein kurzer Atemzug. „Wir respektieren das.“
Kian sagte nichts, ließ ihn sprechen.
„Unser Auftrag ist Schutz“, fuhr Haldor fort. „Kein Alleingang, kein Heldentum. Wenn Sie Anweisungen geben, folgen wir ihnen. Ohne Diskussion. Ohne Verzögerung.“ Seine Augen blieben fest. „Was hier passiert, passiert zum Schutz von Dr. Markus Vellner!“
Kian nickte langsam. „Dann arbeiten wir sauber“, sagte er ruhig. „Und bleiben am Leben.“
Ein schmales, fast unmerkliches Lächeln huschte über Haldors Gesicht. „Genau deshalb sind wir hier.“
Er trat einen Schritt zurück, gliederte sich wieder ein, und ohne, dass ein weiteres Wort fiel, war klar, dass diese Entscheidung Bestand hatte. Nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung.
So begann Zusammenarbeit.
Der Saal im oberen Trakt des Kongresszentrums war kein Ort für klassische Debatten, sondern für Entscheidungen, die man später nicht mehr öffentlich erklärte.
Die Tagesordnung trug einen nüchternen Titel:
Globale Energiesicherheitslinien und digitale Souveränität.
Der Raum füllte sich langsam, kontrolliert, ohne Eile. Zur heutigen Konferenz waren dreizehn Staats- und Regierungschefs, eingeladen worden; begleitet von Beratern und Schutzteams, jede Bewegung Teil eines stillen Protokolls, das niemand erklären musste.
Delegationen aus Norvayr, der Föderalen Union Virestan, der Republik Lysandria und der Südallianz Nemeris nahmen ihre Positionen ein, Gespräche entstanden, lösten sich wieder auf, und über allem lag jene gespannte Ruhe, die nur dort existierte, wo Macht unter sich blieb.
Dr. Markus Vellner, Erster Ratsherr von Norvayr, betrat den Raum mit jener selbstverständlichen Ruhe, die Menschen eigen war, die es gewohnt waren, dass sich Aufmerksamkeit an ihnen ausrichtete. Sein Blick glitt über die Anwesenden, nahm Gesichter, Haltungen und Konstellationen auf, ohne irgendwo zu verharren, als würde er ein bereits bekanntes Schachbrett nur kurz überprüfen.
An seiner Seite bewegte sich Präsident Alaric Kovař von der Föderalen Union Virestan, hochgewachsen, kantig, der dunkle Anzug so schnörkellos wie sein Auftreten. Er trug Macht nicht wie ein Zeichen, sondern wie eine Last, die man gelernt hatte zu balancieren, und sein Blick blieb wachsam, als rechne er jederzeit mit einer Verschiebung der Gewichte.
Ein paar Schritte hinter ihnen folgte Präsident Luca Serravalle von der Südallianz Nemeris, und mit ihm veränderte sich die Temperatur des Raumes auf eine Weise, die nichts mit Physik zu tun hatte. Er bewegte sich mit jener lässigen Selbstsicherheit, die nur Männer besaßen, die wussten, dass Charme ebenso wirkungsvoll sein konnte wie Druck. Die sonnengebräunte Haut, das dunkle Haar mit den grauen Strähnen an den Schläfen, der maßgeschneiderte Anzug in warmem Anthrazit, all das wirkte nicht demonstrativ, sondern bewusst gesetzt. Sein Lächeln war offen genug, um Vertrauen zu erzeugen, und kontrolliert genug, um keine Schwäche preiszugeben.
Dann folgte Präsidentin Amara Solène Ilyas. Mitte vierzig, olivfarbene Haut, markante Linien im Gesicht, die von Entschlossenheit erzählten, nicht von Härte. Ihr dunkelroter Hosenanzug war kein modisches Statement, sondern eine bewusste Setzung. Sie ließ den Blick durch den Raum wandern, routiniert und souverän, mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, bis ihr Blick langsamer wurde, innehielt, sich festsetzte.
Bei Selene.
Nicht abrupt. Nicht überrascht. Sondern mit diesem einen Moment der stillen Fokussierung, in dem sich etwas löste und zugleich verdichtete.
Selene stand ruhig, beinahe unbeweglich, doch ihre Präsenz wirkte, als hätte sie den Raum leicht verschoben. Ihr Gesicht war von einer außergewöhnlichen, fast unwirklichen Schönheit, mit feinen, klaren Linien, hohen Wangenknochen und sanft geschwungenen Brauen, die ihrem Ausdruck etwas Elfenhaftes gaben, ohne ihn zerbrechlich wirken zu lassen.
Ihre Augen, ein tiefes, leuchtendes Smaragdgrün, fingen das Licht auf eine Weise ein, die sie lebendig erscheinen ließ, als würde darin mehr liegen als bloße Aufmerksamkeit. Darunter lag eine Kühle, eine Distanz, die nicht abwies, sondern herausforderte. Ihr silbern-weißes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern, schimmerte dezent wie Mondlicht und bildete einen beinahe provozierenden Kontrast zu der kontrollierten Ruhe ihres Körpers.
Die Präsidentin ließ den Blick weitergleiten, langsam, offen, ohne sich die Mühe zu machen, Diskretion zu simulieren. Sie nahm Selenes Haltung wahr, die selbstverständliche Aufrichtung, die entspannte Spannung in Schultern und Rücken, die Art, wie der Stoff ihres Anzugs die Rundungen der Brüste nicht verbarg, sondern sie ruhig, selbstverständlich andeutete. Ihr Blick senkte sich weiter, folgte der schmalen Linie der Hüfte, blieb einen Herzschlag zu lange dort, wo der Körper weicher wurde, voller, wo sich Kraft und Sinnlichkeit trafen.
Selene spürte diesen Blick sofort. Nicht als unangenehme Prüfung, sondern als klare, körperliche Aufmerksamkeit, die nichts erklärte und nichts entschuldigte. Ihr eigener Blick hob sich, traf den der Präsidentin, hielt ihn fest, ruhig, gelassen, wissend, und für einen Moment existierte der Raum nur noch zwischen ihnen.
Es folgte ein kaum merkliches Lächeln der Präsidentin, doch in ihm lag alles, was gesagt werden musste: Anerkennung. Interesse. Einladung.
Amara löste den Blick zuerst, aber nicht, ohne Selene einen letzten, langsamen Blick zu schenken, der versprach, dass dies kein einmaliger Irrtum gewesen war, sondern ein Anfang.
Selene atmete ruhig aus, spürte ein leises Ziehen in ihrem Unterleib, ein Kribbeln auf ihren Schamlippen, ein Versteifen ihrer Brustwarzen. Sie lächelte, da sie innerhalb weniger Stunden drei interessante Frauen getroffen hatte.
Währenddessen ließ Lyra den Raum auf sich wirken. Sie hörte keine Gedanken, keine Worte. Es waren Stimmungen, Spannungen, Bewegungen unter der Oberfläche.
Bei Kovař lag gespannte Wachsamkeit. Wie bei einem Hund, der noch nicht wusste, ob er gleich angreifen musste.
Bei Vellner herrschte kühle Berechnung. Kontrolliert, präzise, selbstsicher bis zur Selbstzufriedenheit.
Und bei Amara … da war Entschlossenheit, eindeutig. Doch darunter schwang etwas anderes mit. Etwas Wärmeres, Lebendigeres. Ein Nachhall jenes Blicks, der eben einen Moment zu lange auf Selene geruht hatte.
Lyra griff nur minimal ein. Kein Zwang, kein Druck. Ein kaum spürbarer Impuls genügte, um die schärfsten Kanten zu glätten, noch bevor sie sichtbar werden konnten.
„Davos ist wirklich ein besonderer Ort“, sagte Amara, als die Präsidenten Platz nahmen, und ihr Lächeln war ruhig, aber nicht leer. „Alle tun so, als hätten sie unendlich Zeit. Und dann treffen sie Entscheidungen, die sie ihr Leben lang verfolgen.“
Vellner hob kaum merklich die Augenbrauen.
„Zeit“, sagte er ruhig, „ist relativ. Macht nicht.“
Kovař schnaubte leise, ein kurzes, ungeduldiges Geräusch.
„Macht funktioniert nur“, sagte er, „solange niemand anfängt, sie wirklich zu brauchen.“
Für einen Moment drohte das Gespräch zu kippen, kaum spürbar, aber Lyra war schneller. Ein gedanklicher Druck, kaum mehr als ein inneres Bremsen, und Kovařs Aggression sackte um Nuancen ab, gerade genug, um ihn wieder zuhören zu lassen, statt zu dominieren.
Niemand bemerkte es.
Niemand musste es bemerken.
Alle profitierten davon.
Und Amara, die sich leicht zurücklehnte, ließ den Blick für einen Sekundenbruchteil durch den Raum gleiten, suchte Selene noch einmal, diese Frau mit einer Ausstrahlung, die sie so bei keinem Menschen zuvor erlebt hatte, klar und fremd zugleich, wie ein Licht, das nicht blendete, sondern lockte. Dann zwang sie sich zur Konzentration, zur Tagesordnung, zu den Worten, die Gewicht hatten, auch wenn ihre Gedanken für einen Moment ganz woanders gewesen waren.
Der Vorraum vor dem Konferenzsaal wirkte wie ein stiller Puffer zwischen der kontrollierten Wärme des Forums und dem Winter, der draußen über Davos lag.
Man hörte das leise Summen der Lüftung, das kaum merkliche Klacken von Schuhsohlen, und irgendwo, weit genug entfernt, das stumpfe Schaben eines Räumfahrzeugs, das sich durch den Schnee arbeitete, als wolle es daran erinnern, dass hier oben jeder Weg nur offenblieb, wenn jemand ihn freihielt.
