Der Blick einer Frau - Amelie Wild - E-Book

Der Blick einer Frau E-Book

Amelie Wild

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein neuer Fall für Sabrina Lenz, der unkonventionellen Privatdetektivin mit einem scharfen Blick für das Verborgene und Verführerische. Elena Varga, gefeierte Galeristin, wird tot in ihrer Galerie gefunden. Ein tragischer Unfall? Oder steckt mehr dahinter? Sabrina Lenz erhält den Auftrag, den Tod der Galeristin zu untersuchen. Während der Ermittlungen verstrickt sie sich in ein gefährliches Geflecht aus Kunst, Gier und dunklen Geheimnissen. Sie findet sich gleichzeitig in den Armen von Frauen wieder, die ihr Herz schneller schlagen lassen und ihre Sinne in lodernde Aufruhr versetzen. Doch zwischen heißen Nächten, witzigen Wortgefechten und prickelnden Begegnungen entdeckt Sabrina etwas, das alles verändert: ein verschollenes Meisterwerk, Millionen wert. Plötzlich wird aus einem Routinejob ein Kampf ums Überleben, als ein skrupelloser Mann das Gemälde um jeden Preis in seine Hände bekommen will, und selbst vor einer Entführung nicht zurückschreckt. Wenn du Krimis mit einer starken Heldin, witzigen Dialogen, liebevollen Momenten und einem Hauch Erotik liebst, wirst du Sabrina Lenz vergöttern. Ein Buch, das durch gleichgeschlechtliche Intimitäten, Tiefgang und wahre Liebe hervorsticht, das schriftstellerische Qualität mit schärfster Erotik verbindet. Alle handelnden Personen sind bereits volljährig. Aber Vorsicht! Erotikszenen werden nicht verniedlicht, sondern authentisch dargestellt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Amelie Wild

Der Blick einer Frau

Ein Fall für Sabrina Lenz (Band 4)

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Es heißt, männliche Detektive greifen unter Druck gern zur Flasche oder zu Tabletten, um das Gewicht ihrer Fälle, das Blut auf der Straße oder die Dunkelheit in den Akten wenigstens für einen Moment zu betäuben.

Frauen, so behauptet man, wären stärker. Oder diskreter. Aber die Wahrheit ist oft komplexer, und viel intimer.

Denn manche weibliche Ermittlerinnen flüchten nicht in Alkohol, sondern in etwas weitaus Gefährlicheres: in Leidenschaft. In Lust. In eine Form der Hingabe, die ebenso berauschend wie zerstörerisch sein kann.

Ich weiß das, weil ich eine von ihnen bin.

Ich bin Sabrina Lenz. Zweiunddreißig. Privatdetektivin. Und ich formuliere es ehrlich: ich bin eine selbstdiagnostizierte lesbische Nymphomanin.

Sex ist meine Droge.

Nicht der flüchtige, flache Akt, sondern die hemmungslose, rauschhafte Verschmelzung von Körpern, Düften, Stimmen, Haut. Leidenschaft, roh und unzensiert.

Meine sexuelle Orientierung entdeckte ich früh, in den verschwommenen Sommernächten meiner Schulzeit, als ich mit meiner besten Freundin mehr als nur Hausaufgaben teilte.

Der Duft ihrer Haut, der Geschmack weiblicher Lust auf meiner Zunge, das war keine Phase. Das war Erwachen.

Seitdem weiß ich: Wenn ich den Atem einer Frau spüre, werde ich gefährlich weich. Und hellwach.

In dieser Romanreihe werde ich mehr erzählen, von den Anfängen, den Abgründen, den süßen Kontrollverlusten. Und davon, was es heißt, Begehren und Beruf zu balancieren, wenn beides heiß in den Adern lodert.

Aber vorerst: eine kurze Vorstellung.

Ich heiße also Sabrina. Lenz. Ich bin nicht überirdisch schön, auch wenn ich manchmal so tue. Schulterlanges, dunkelbraunes Haar. Grüne Augen. 168 Zentimeter Kampfgröße. Kleidergröße 36, meist Jeans, manchmal Lippenstift. Kein Schmuck, kein Tamtam.

Ich falle nicht auf. Und das ist gut so. Denn wer nicht auffällt, hört mehr, sieht mehr, lebt gefährlicher.

Ich arbeite in München, mein Büro liegt in Schwabing. Es ist klein, chaotisch, charmant, so wie das Leben.

An meiner Seite: Mila Novak, meine kluge, toughe Sekretärin. Außerdem zwei freiberufliche Mitarbeiter, die ich je nach Bedarf hinzuziehe. Wir arbeiten diskret, gründlich und erfolgreich. Seit über fünf Jahren.

Aber hinter jedem Fall verbirgt sich eine andere Wahrheit.

Und manchmal ist der gefährlichste Ort nicht ein Tatort.

Sondern das eigene Bett.

1

Der Donnerstagmorgen begann mit feinem Nieselregen, wie ihn nur München im frühen Herbst hervorbringen konnte.

Die Wolken hingen tief über der Stadt, der Himmel war ein gleichmäßiges Grau. Nasse Kastanien lagen auf den Gehwegen, das Pflaster glänzte.

Sabrina Lenz stand barfuß in ihrer Küche, ein schlichtes, helles Zimmer im Erdgeschoss Stock ihres Reihenhauses im Münchner Westen. Durch die großen Fenster fiel das milchige Morgenlicht. Die Wände waren in einem warmen Vanilleton gestrichen, der Küchentisch aus dunkler Eiche war mit kleinen Kritzeleien verziert, die Pedro heimlich eingeritzt hatte, winzige Sterne, ein Herz, ein Strichmännchen.

Auf der Arbeitsplatte dampfte eine Kaffeetasse, und Sabrina trug noch ihre Pyjamahose mit kleinen Papageienmustern und ein graues T‑Shirt, das an der Schulter leicht ausgewaschen war.

Pedro, ihr Sohn, der vor zwei Wochen fünf Jahre alt geworden war, saß auf einem Hocker und kritzelte mit einem Wachsmalstift auf ein Blatt Papier. Seine dunklen Locken fielen ihm in die Stirn, seine Augen strahlten, obwohl der Morgen trüb war.

„Mama, schau! Ein Haus mit Augen! Siehst du?“

Er hielt ihr das Bild hin: Ein schiefes Haus mit riesigen Augen im Dach.

Sabrina lächelte. „Das ist wunderschön, Schätzchen. Vielleicht hat das Haus Geheimnisse, die es durch die Augen sieht.“

Pedro nickte ernsthaft. „Genau! Häuser können alles sehen.“

Toby kam aus dem Flur, immer noch im Anzug, den er am Vorabend angezogen hatte. Seine Krawatte hing schief, als hätte er die Nacht durchgearbeitet, oder durchgetrunken. Seine Haare klebten ihm an der Stirn, sein Gesicht wirkte müde, aber nicht unzufrieden.

„Sabrina, ich muss gleich los. Und … äh … ich bleib heute Nacht nicht hier.“

Sie seufzte. „Schon klar, Toby. Grüß ihn von mir.“

Er zuckte zusammen, lächelte dann schief. „Du bist die Beste, weißt du das?“

„Spar dir das“, murmelte sie, nicht böse, eher routiniert.

Er beugte sich zu Pedro. „Pass gut auf Mama auf, Champ.“

„Immer, Papa!“ rief Pedro und winkte.

Als Toby die Haustür geschlossen hatte, breitete sich für einen Augenblick diese eigenartige Stille aus, die nur frühe Morgen kennen. Der Duft von frischem Kaffee hing noch in der Luft, ein Hauch von Toast, den Pedro vorhin verweigert hatte, und die melancholische Ruhe eines Hauses, das gerade aufgewacht ist und schon wieder zur Tagesordnung übergeht.

Sabrina stand einen Moment am Küchentisch, fuhr sich durch die schulterlangen dunkelbraunen Haare, schnappte sich ihre Lederjacke und Pedros kleinen Rucksack mit den Dino-Aufnähern.

„Los, mein kleiner Mann, wir bringen dich in die Räuberhöhle!“

Pedro hüpfte schon in den Flur, zog sich tapfer seine viel zu großen Gummistiefel an und verkündete mit der Ernsthaftigkeit eines Diplomaten: „Mama, ich will aber heute nicht malen, ich will bauen. Eine Rakete.“

„Dann bau eine Rakete, die bis in die Milchstraße fliegt“, sagte Sabrina und half ihm in die Jacke. „Aber ohne Sprengstoff, okay?“

Pedro nickte wichtig. „Nur Kleber!“

Draußen nieselte es leicht, die Straße glänzte wie frisch lackiert. Sabrina ging neben Pedro her, hielt seine kleine Hand und sah ihm zu, wie er mit jedem Schritt in eine Pfütze zielte.

Als sie die Tür des Kindergartens erreichten, ein altmodischer Bau mit gelben Fensterrahmen, einem kleinen Vorgarten voller bunter Gießkannen, strömte ihr dieser typische Kindergarten-Geruch entgegen: eine Mischung aus Bastelkleber, warmem Holz und irgendeinem Parfüm, das sicher schon seit den 80ern produziert wurde.

Und dann trat sie aus dem Büro hinter der kleinen Garderobe: Jenny, die Kindergärtnerin. Hübsch war gar kein Ausdruck. Blondes Haar, zu einem lockeren Zopf gebunden, ein schmales Gesicht mit Lachfältchen um die Augen, eine enggeschnittene Jeans und ein weißes Shirt, das ein wenig vom Schulterblatt rutschte. Dazu eine Stimme, die ein Lächeln gleich mitlieferte.

„Sabrina! Und da ist ja mein Lieblingsastronaut!“ Jenny beugte sich zu Pedro herunter. „Hast du deine Rakete dabei?“

Pedro strahlte. „Heute bau ich eine. Mit Kleber. Ohne Sprengstoff, hat meine Mama gesagt!“

Jenny lachte, ein helles, ansteckendes Lachen. „Sehr gut, ich möchte hier keine Explosionen sehen.“

Sabrina lehnte sich an die Garderobe, verschränkte die Arme und ließ ihren Blick unauffällig über Jennys Figur wandern, fand die schmale Taille, die runden Gesäßbacken sehr anziehend und erotisch. Unter dem weißen Shirt formten sich feste Brüste. Sabrina glaubte sogar zu erkennen, dass sich unter dem Stoff erigierte Nippel modellierten.

„Sie haben ihn gut erzogen, Frau Lenz“, sagte Jenny und blickte Sabrina tief in die Augen.

„Ich? Ich mach nur die Vorarbeit“, erwiderte Sabrina. „Den Rest übernimmt dann der Kindergarten, und der Charme der sehr hübschen Erzieherinnen.“

Jenny warf ihr einen Blick zu, der länger dauerte als nötig. Sabrina spürte sogar, wie die Blicke der Kindergärtnerin neugierig über die Rundungen ihrer Brüste glitten.

„Ach, wenn sie wüssten, was wir hier alles aus Kindern rausholen können … manchmal auch aus Müttern.“

Sabrina zwinkerte und grinste. „Ach wirklich? Und was holen sie so aus Müttern heraus?“

„Geheimnisse. Manchmal Telefonnummern.“ Jenny zog die Augenbraue hoch und deutete mit einem kleinen Augenzwinkern auf das Formularbrett, auf dem tatsächlich ein Zettel hing. „Notfallkontakte. Sie wissen schon.“

Sabrina lachte leise, zog ihren Kuli aus der Tasche, als wäre es das Natürlichste der Welt, und kritzelte ihre Handynummer auf den Zettel. „Nur für den Fall, dass die Rakete außer Kontrolle gerät.“

Jenny nahm den Zettel in die Hand, betrachtete ihn, lächelte.

„Oder wenn wir jemanden brauchen, der uns beim Basteln hilft. Ich hab gehört, sie sind ziemlich geschickt mit … komplizierten Dingen.“

„Kompliziert ist mein zweiter Vorname!“

Sabrina zwinkerte nochmals der süßen Erzieherin zu, dann nahm sie Pedro in den Arm und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Mach keinen Blödsinn, mein Schatz. Und bau mir eine schöne Rakete.“

Pedro winkte mit beiden Armen, während Jenny ihm half, die Stiefel auszuziehen.

Als Sabrina zur Tür hinausging, spürte sie Jennys Blick in ihrem Rücken, und auf ihren Gesäßbacken. Es fühlte sich gut an!

Manchmal, dachte sie, waren die kleinen Alltagswege die aufregendsten Abenteuer.

Zwei Stunden später stand Sabrina in ihrem kleinen Büro in Schwabing, das direkt über einem Blumengeschäft lag.

Das Büro lag im zweiten Stock, eine Tür mit mattiertem Glas, auf dem in geschwungener Schrift stand:

Sabrina Lenz – Privatdetektei.

Mila Novak saß wie immer hinter der Empfangstheke, als wäre sie gerade einer romantischen Komödie entstiegen. Ihr knallrotes Haar fiel in weichen Locken über ihre Schultern, sie trug ein enges, tief ausgeschnittenes schwarzes Kleid und eine große Brille, die ihre haselnussbraunen Augen noch größer wirken ließ. Ihre schmalen Hüften wiegten sich leicht im Takt eines Liedes aus ihren Kopfhörern.

Sie grinste breit, als Sabrina hereinkam.

„Na, Chefin! Du siehst aus, als hättest du zu wenig geschlafen oder zu viel Spaß gehabt. Welche Version wollen wir heute hören?“

Sabrina zog die nasse Lederjacke aus, hängte sie über einen Garderobenhaken und grinste zurück.

„Wahrscheinlich beides, Mila. Was gibt’s?“

„Zwei neue Briefe, ein Anruf von einem Typen, der seine Katze vermisst … ach ja, und eine Frau. Eleganz pur, hochhackige Schuhe, Mantel wie aus einem Film. Sie wartet in deinem Büro.“

Mila zwinkerte. „Wenn ich lesbisch wäre, hätte ich mich schon reingeschlichen.“

„Mila!“, sagte Sabrina, aber ein Lächeln stahl sich in ihre Mundwinkel. Sie strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und öffnete die Tür zu ihrem privaten Büro.

Sabrina war stolz auf die Umgestaltung ihres Arbeitszimmers, die sie vor wenigen Wochen vorgenommen hatte. Es war vorher eher nüchtern, kalt und geschäftlich gewesen. Sie hatte das Zimmer jetzt persönlicher eingerichtet, und mit Dingen gefüllt, die ihr gefielen. Jetzt fühlte sie sich wohler und freier während der vielen Stunden, die sie hier verbrachte.

Der Raum war jetzt auf eine moderne Art gemütlich, fast intim. Die Wände waren glatt verputzt und in einem warmen, hellen Grauton gestrichen, was den modernen Bildern darauf noch mehr Strahlkraft verlieh. Hinter dem Schreibtisch hing ein großformatiger, abstrakt angehauchter Druck einer Frau in Bewegung, ihre Silhouette nur schemenhaft angedeutet, als wäre sie gerade dabei, sich aus einem Kleid zu schälen.

In den Regalen standen kleine, sorgfältig ausgewählte Bronzen: geschwungene, sinnliche Frauenkörper, mal in eleganten Drehungen, mal sitzend mit angewinkelten Beinen, mal tanzend, den Kopf nach hinten geworfen. Jede Figur strahlte eine leise Erotik aus, ohne aufdringlich zu wirken, wie ein Geheimnis, das nur Menschen mit einem Blick für das Schöne erkennen konnten.

Der alte Ledersessel neben dem Fenster war geblieben, ein dunkles, weiches Leder, in dem man versank, sobald man sich hineinfallen ließ.

In einer Ecke stand eine schlanke, moderne Stehlampe mit mattgoldenem Fuß, die ein warmes, indirektes Licht warf. Auf dem Schreibtisch selbst herrschte eine geordnete Unordnung: ein eleganter Laptop, ein Notizbuch mit Ledereinband, daneben eine kleine Kristallvase mit einer einzelnen weißen Lilie, frisch, schlicht und voller Anmut.

Alles in diesem Raum war ein leiser Hinweis darauf, wer hier arbeitete: eine Frau mit einem Auge für Ästhetik, für Sinnlichkeit, für Schönheit.

Auf dem Besucherstuhl, der direkt vor Sabrinas Schreibtisch stand, saß eine Frau, die so gar nicht in den grauen Donnerstag passte. Ihr beigefarbener Trenchcoat schimmerte wie Seide, ihr schwarzes Haar war zu einem lockeren Knoten gesteckt, aus dem einzelne Strähnen herausfielen. Ihre grünen Augen leuchteten wie Smaragde, als sie Sabrina musterte.

Sie stand auf, reichte die Hand. „Sabrina Lenz?“

Ihre Stimme war tief, warm, mit einem Hauch von Rauheit.

Sabrina spürte sofort, dass sie etwas Besonderes war.

„Ja. Und sie sind…?“

„Leona Varga.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, ein Lächeln mit einer Spur Traurigkeit. „Ich glaube, ich brauche ihre Hilfe.“

Sabrina deutete wieder auf den Besucherstuhl, schritt selbst um den Schreibtisch und ließ sich auf ihrem Bürostuhl nieder.

„Worum geht es?“

„Meine Schwester. Elena. Man sagt, sie ist vor drei Tagen gestürzt. In ihrer Galerie. Aber…“ Sie schluckte. „Ich glaube nicht an einen Unfall.“

Sabrina verschränkte die Hände, spürte, wie die Luft zwischen ihnen dicker wurde. „Was lässt sie das glauben?“

Leona sah ihr tief in die Augen. „Der Blick einer Frau … erkennt mehr als andere.“

Sabrina lehnte sich zurück, ihr Herz schlug einen Takt schneller. Draußen peitschte der Regen gegen die Scheibe.

„Dann erzählen Sie mir alles, Frau Varga. Und lassen sie uns herausfinden, was ihre Schwester gesehen hat … bevor sie gefallen ist.“

Leona Varga saß nun aufrecht im Stuhl, die Hände verschränkt, als müsse sie sich selbst daran hindern, aufzustehen und zu gehen. Draußen rauschte der Regen leise gegen die Fensterscheibe, und in dem kleinen Büro hing der dezente Duft eines süßlichen Parfüms.

„Es war Montagabend“, begann sie mit leiser Stimme. „Die Ausstellung war gerade zu Ende, viele Gäste, Champagner, dieses übliche Getue. Elena war… sie war so lebendig wie immer. Und dann!“

Leona stockte, senkte den Blick. „Dann hat man sie Stunden später gefunden. Unten, in der Galerie, tot auf dem Boden liegend. Man sagt, sie sei gestürzt. Aber …“

Ihre Finger krallten sich ineinander. „Meine Schwester ist nicht ungeschickt. Und ich habe … gehört, dass jemand in letzter Zeit versucht hat, sie unter Druck zu setzen.“

Sabrina nickte langsam. „Drohungen?“

„Am Wochenende war ich mit Elena im Englischen Garten spazieren. Sie war nervös, sprach von einem Gemälde, das sie entdeckt hatte. Ich … ich verstehe es nicht.“

„Gab es polizeiliche Ermittlungen?“

Leona nickte. „Ich sprach mit einem Kommissar Möller, der mir sagte, dass die Staatsanwaltschaft den Fall als Unfall einstuft, und es keine weiteren Ermittlung gibt! Daher bin ich zu ihnen gekommen, Frau Lenz. Es war kein Unfall! Ich kann es spüren!“

Leona griff in ihre Tasche und zog ein kleines Foto heraus. Sie legte es vor Sabrina auf den Schreibtisch.

„Das ist Elena. Sehen sie diese Augen? Sie hat immer gelächelt, aber ich kannte sie gut genug …“ Ihre Stimme wurde weich. „Wenn sie so schaute, wusste ich: Sie hütet ein Geheimnis.“

Sabrina nahm das Foto in die Hand. Es zeigte eine Frau mit dunklem, lockigem Haar, einer schlanken Figur in einem hellen Sommerkleid. Ihre Augen lachten in die Kamera, und doch lag etwas Waches, leicht Melancholisches darin.

„Schöne Frau“, murmelte Sabrina, fast zu sich selbst.

Leona hob die Augenbraue und ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen. „Ja. Und nicht nur von außen.“

„Darf ich das Foto behalten?“

„Sehr gerne.“

Sabrina legte das Foto behutsam zurück auf den Schreibtisch, und zog eine Schublade auf. Sie holte eine stabile Mappe hervor, ein Standardvertrag, den sie für alle Mandate nutzte.

Sie legte ihn vor Leona.

„Frau Varga, ich arbeite grundsätzlich nur mit klaren Absprachen. Tageshonorar, Spesenregelung, Schweigepflicht – alles hier.“

Sie griff nach einem Stift, reichte ihn über den Tisch.

„Wenn sie den Vertrag unterschreiben, werde ich sofort mit meinen Nachforschungen beginnen.“

Leona sah den Vertrag an, las ihn sorgfältig durch. Sabrina lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und beobachtete sie. Leona setzte die elegante Unterschrift mit einer Schwungbewegung, die verriet, dass sie solche Dokumente gewohnt war. Sie schob das Papier zurück.

„Sie sind gründlich.“

„Man nennt es Professionalität. Gibt es jemanden im privaten, oder im geschäftlichen Umfeld ihrer Schwester, mit dem ich reden kann, der ihre Schwester kannte? Einen Ehemann, oder Partner?“, erkundige sich Sabrina.

„Elene bevorzugte Frauen … aber, soviel ich wusste, hatte sie aktuell keine feste Partnerin“, antwortete Leona.

„Und Geschäftspartner?“

„Ich kenne die Geschäfte meiner Schwester nicht. Aber sie hatte eine Assistentin, die ihr in der Galerie half.“

„Haben sie einen Namen?“

„Valerie Senn!“ Leona nahm ihr Handy und scrollte durch die Kontaktliste. „Ich kann ihnen die Telefonnummer von Valerie geben. Sprechen sie mit ihr; sie hat eng mit meiner Schwester zusammengearbeitet!“

„Ich brauche so viele Informationen über das Leben ihrer Schwester, wie es möglich ist. Ich muss ihre Schwester versehen, dann kann ich herausfinden, was geschehen ist!“, sagte Sabrina.

„Ich habe noch Dinge in meiner Wohnung, die ihnen bei den Ermittlungen helfen könnten. Skizzen, Briefe, Fotos. Wenn sie wollen, können sie die Dinge bei mir abholen.“

„Sehr gerne. Wann passt es ihnen?“

„Ich habe heute noch Termin. Morgen Abend. Ich habe eine kleine Wohnung in der Georgenstraße 118, dritter Stock. Sagen wir acht Uhr?“

„Ich werde pünktlich sein!“, bestätigte Sabrina.

Leona nickte langsam, und für einen Augenblick blieb die Welt draußen stehen. Nur das Ticken der Wanduhr und das Rauschen des Regens füllten den Raum, während zwischen den beiden Frauen ein stilles Einverständnis wuchs.

2

Sabrina saß in ihrem Büro, tippte nervös mit dem Fingernagel auf ihr Handy. Die Nummer von Valerie Senn, der Assistentin, blinkte ihr entgegen, die ihr Leona gegeben hatte.

Na gut, Lenz, dachte sie, du bist Detektivin, also starte mit den Ermittlungen!

Sie drückte auf „Anrufen“ – und hörte das Freizeichen.

Ein melodisches „Ja?“ meldete sich nach dem zweiten Ton. Die Stimme war dunkel, weich und hatte diese leise, rauchige Tiefe, die Sabrina sofort in den Bauch fuhr.

„Ähm … hallo? Spreche ich mit Valerie Senn?“

„Kommt drauf an, wer fragt“, kam es zurück, leicht amüsiert.

Sabrina grinste. „Sabrina Lenz. Privatdetektivin. Ich hoffe, ich störe nicht? Ich verspreche, ich verkaufe ihnen weder Staubsauger noch Versicherungen.“

Ein leises Lachen am anderen Ende. „Das ist schade. Ich hätte tatsächlich gern einen Staubsauger, der selbständig mein Atelier putzt.“

„Den hätte ich auch gern“, erwiderte Sabrina. „Aber ich kann ihnen höchstens mit Fragen auf die Nerven gehen. Ich arbeite im Auftrag von Leona Varga. Es geht um ihre Schwester … um Elena.“

Kurzes Schweigen, dann ein tiefes Einatmen. „Ah … ja. Natürlich. Elena.“ Die Stimme wurde etwas weicher. „Was kann ich für sie tun?“

„Vielleicht könnten wir uns mal unterhalten. Ich möchte verstehen, wer Elena war, und ich habe gehört, sie waren ihre Assistentin?“

„Assistentin? Ich bin Künstlerin! Ich habe meine Werke in Elenas Galerie ausgestellt. Dafür musste ich gelegentlich in der Galerie arbeiten, wenn Elena nicht in München war“, antwortete Valerie. „Aber ja. Wir können sehr gerne sollten reden. Ich habe Elena sehr gemocht, und kann ihren Tod noch nicht begreifen. Nur … ich bin gerade nicht in meinem Atelier.“

„Das ist kein Problem. Wann würden sie Zeit haben?“

„Hm …“ Valerie überlegte hörbar. „Wie spontan sind Sie?“

„Ich bin die Königin der Spontaneität. Wenn sie mich jetzt rufen, steh ich in fünf Minuten mit einem Coffee-to-go vor ihnen.“

Wieder dieses Lachen, weich wie dunkle Schokolade.

„Fünf Minuten wird schwer. Aber in einer Stunde bin ich in der Galerie von Elena. Ein Kommissar hat sich angekündigt, er will sich die Räume noch einmal ansehen. Wenn sie wollen, kommen sie einfach dazu. Sie dürfen mich dann sogar vor seinen Augen ausfragen, ich bin gespannt, ob er eifersüchtig wird.“

Sabrina lachte laut auf. „Valerie, Sie machen es einem schwer, seriös zu bleiben.“

„Na, das klingt doch gut. Also, eine Stunde? Galerie Varga? Ich verspreche, ich bringe sogar meine charmanteste Seite mit.“

„Ich bringe meine beste Detektivseite mit,“ erwiderte Sabrina. „Und vielleicht einen Kaffee. Ich bin in einer Stunde da.“

„Ich freu mich drauf, Sabrina Lenz.“

„Ich mich auch, Valerie Senn.“

Als sie auflegte, bemerkte Sabrina, dass sie grinsend auf ihr Handy starrte. Lenz, du bist nicht hier, um in eine weitere Affäre zu stolpern, davon gab es in der Vergangenheit mehr als genug!

Der Nachmittag hatte sich in einen graublauen Schleier gehüllt, als Sabrina aus ihrem Büro trat.

Es war einer dieser Münchner Tage, an denen der Regen nicht wie Tropfen fiel, sondern wie ein feiner Film über allem lag, der die Konturen verwischte. Die Straßen glänzten, Autos schoben Wellen über das Kopfsteinpflaster, und in den Schaufenstern spiegelten sich die triefenden Bäume der Leopoldstraße.

Sabrina zog den Kragen ihrer schwarzen Lederjacke höher und ging schnellen Schrittes zu ihrem Wagen, einem weinroten Mini Cooper, der aussah, als hätte er schon viele Verfolgungsjagden hinter sich. Die Scheibenwischer quietschten im Takt, als sie sich auf den Weg machte in Richtung Maxvorstadt.

Die Galerie lag in einer ruhigen Seitenstraße, ein unscheinbares Gebäude mit grauem Putz und hohen Fenstern, deren Rahmen in glänzendem Schwarz gestrichen waren. Ein Messingschild neben der Tür: Galerie Varga.

Schon beim Näherkommen roch Sabrina diesen typischen Duft nach altem Holz, Lack und einem Hauch von kostbarem Parfüm, das sich in den Räumen festgesetzt hatte.

Das schwere Glastüre der Galerie Elena Varga schwang leise auf, und Sabrina trat hinein. Der Boden war aus hellem Ahorn, poliert und spiegelglatt, so dass sich die Deckenlichter darin brachen.

Die Wände trugen großformatige Gemälde: Frauenkörper in satten Farben, mal nur angedeutet, mal so detailliert, dass man fast das Zittern der Haut spüren konnte. Zwischen den Bildern standen Sockel mit Skulpturen, Bronze und Marmor, filigrane Kurven, die Hände, Rücken und Nacken darstellten, als hätte jemand die Sinnlichkeit der Welt in Stein gegossen.

Sabrina atmete tief ein, ließ den Blick schweifen. Dann bemerkte sie, dass sie nicht allein war!

An der Theke, lässig wie eine Figur in einem Gemälde, lehnte Valerie Senn.

Sie trug ein schwarzes, schlichtes Kleid, das an der Taille locker saß, aber ihre schmale Hüfte umspielte. Die Ärmel waren hochgekrempelt, ihre Unterarme zart, mit einer leichten Spur Farbe an der linken Hand. Ihre Haare, tiefdunkel, fast schwarz, fielen ihr in weichen Wellen über die Schultern. Ihr Gesicht war wie gezeichnet: hohe Wangenknochen, ein sinnlicher Mund, der auch ohne Worte Geschichten erzählte, und Augen, so tief und braun, dass man sich darin verlieren konnte.

Sie sah auf, als Sabrina näherkam, und ein kleines, wissendes Lächeln spielte um ihre Lippen.

„Sabrina Lenz, nehme ich an?“

„Treffer.“ Sabrina zog die Augenbraue hoch und ließ ihren Blick ganz bewusst etwas länger an Valerie hängen. „Und sie müssen Valerie sein. Die Frau, die Galerien gefährlich macht.“

Valerie lachte leise, ein dunkler Ton, der Sabrina sofort prickeln ließ.

„Oh, gefährlich? So nennt man mich also schon?“

„Man sagt so einiges. Aber niemand hat erwähnt, dass sie … so aussehen.“

„So?“ Valerie legte den Kopf schief, die dunklen Haare glitten über ihre Schulter. „Meinen sie … so langweilig, dass man sich fragt, ob ich überhaupt wach bin?“

„Eher so, dass man vergisst, warum man eigentlich gekommen ist.“

Valeries Augen blitzten auf, sie stützte sich mit der Hüfte an der Theke ab, beugte sich leicht vor. „Und warum sind sie gekommen, Frau Detektivin?“

„Um Fragen zu stellen.“ Sabrina beugte sich ein Stück näher, ein schelmisches Grinsen auf den Lippen. „Aber ich bin bereit, mich ablenken zu lassen.“

Ein Räuspern unterbrach den Moment!

Die Tür war geöffnet worden, und eine große Gestalt trat herein: Thomas Möller, Kriminalhauptkommissar, breite Schultern, kräftiger Rücken und eine definierte Brust. Er trug eine schwarze Jeans, ein weißes Hemd und eine hellbraune Lederjacke.

„Sabrina!“ Er grinste, und sein breites Gesicht hellte sich auf. „Na, du bist ja auch überall.“

Sabrina drehte sich zu ihm. „Thomas! Immer noch im Dienst der Ordnung?“

„Immer noch. Und du? Schnüffelst du wieder da, wo es spannend wird?“

„Du kennst mich doch.“ Sie zwinkerte.

Thomas Möller kam mit seinem typischen, sicheren Schritten in die Galerie. Er blieb einen Moment in der Tür stehen, saugte die Atmosphäre ein und ließ seinen Blick über die hohen Wände gleiten. Dann blieb er an Valerie hängen.

Sie lehnte immer noch lässig an der Theke, eine Hand auf der kühlen Marmorplatte, das dunkle Haar wie ein seidiger Vorhang über der Schulter. Das schwarze Kleid schmiegte sich an ihre Figur, betonte ihre schmale Taille und die weiche Rundung ihrer Hüften. Ihre langen Beine, nur teilweise vom Tresen verdeckt, standen in eleganten Stiefeletten, und als sie sich leicht bewegte, zeichnete sich die Linie ihres Körpers ab wie ein Pinselstrich auf einer feinen Leinwand.

Thomas’ Augen wanderten, unwillkürlich, aber unverkennbar, von ihrem Gesicht über die zarten Schlüsselbeine bis hinunter zu ihrer Silhouette. Er räusperte sich, als würde er sich selbst daran erinnern, dass er hier war, um zu arbeiten, nicht um zu träumen.

Valerie bemerkte seinen Blick und hob eine Augenbraue, ihr Mund verzog sich zu einem spitzbübischen Lächeln.

„Und was wollen sie hier noch ermitteln, Herr Kommissar?“ Ihre Stimme war warm, aber scharf genug, um ihn sanft auf die Schippe zu nehmen.

Thomas blinzelte, als hätte sie ihn ertappt. „Ähm … ich … natürlich den Unfallhergang.“

„Natürlich!“, wiederholte Valerie und legte den Kopf leicht schief, sodass eine Strähne über ihr Gesicht glitt. „Es wirkt nur so … als ob sie gerade ganz andere Spuren verfolgen.“

„Ich will mir nochmals die Unfallstelle ansehen!“ Er deutete auf eine breite Treppe, die von der Galerie in einen tiefer liegenden Teil des Gebäudes führte. „Dort unten hat man Elena gefunden.“

Sabrina folgte ihm, Valerie blieb einen Moment zurück, verschränkte die Arme und sah ihnen nach. Die Treppe war schlicht, mit einem Metallgeländer, die Stufen aus glattem Stein.

Sabrina kniete sich hin, strich mit den Fingern über eine Stufe, die einen feinen Riss hatte.

„Die Polizei vermutet einen Sturz?“, fragte Sabrina, ohne aufzusehen.

„Ja.“ Thomas lehnte sich an das Geländer, verschränkte die Arme. „Aber offiziell wird nicht mehr ermittelt. Die Staatsanwaltschaft meint, es gäbe keine Hinweise auf Fremdverschulden.“

„Und du?“ Sabrina hob den Kopf, sah ihn an.